Wie muss eine Reiterhand beschaffen sein? Was wollen wir mit der Hand überhaupt erreichen? Für uns Menschen, die im Alltag sehr „handlastig“ unterwegs sind, ist die Frage der Losgelassenheit und Durchlässigkeit nicht nur beim Pferd von großer Bedeutung.

Wir haben es in der Hand, wie wir mit der Reiterhand verfahren wollen – allerdings haben viele Reiter gar keine Vorstellung davon, was sie in der Hand haben, oder anders gesagt fühlen sollen.

„Was man in der Hand hat, das hat die Hinterhand nicht getan. Oder anders gesagt: Man muss ja auch vorwärts leben und rückwärts verstehen. So gesehen müssen wir vorwärts reiten und verstehen, was in der Vergangenheit passiert oder eben nicht passiert ist.“ Bent Branderup.

Vorwärts leben und rückwärts verstehen – ein wunderbares Zitat des Philosophen Søren Kierkegaard von Bent Branderup für die Reitkunst zitiert. Welche Zitate und Bilder können uns noch helfen, mehr über die Reiterhand zu verstehen?

Was macht die Hand?

Ja was macht die Hand eigentlich? Den Zügel halten? Aber wie fest? Wie tief, wie hoch? Wie fest sind die Finger geschlossen, oder sind sie offen. Spürt man ein Gewicht und wenn ja wie viel? Und wie bewegt man nun die Hände beim Reiten eigentlich mit? Nur die Hand? Bewegt sich das Handgelenk? Oder ist es gar der ganze Arm?

Wenn wir über die Reitkunst sprechen und weit in die Vergangenheit reisen, dann brauchen wir bei der Lektüre der entsprechenden Originalliteratur einen kleinen Schummelzettel – schließlich wird nicht immer explizit betont, dass die Zügel in einer Hand gehalten werden. Das war damals selbstverständlich.

„Wir Heutigen haben dadurch, dass wir unserem Kandarenzaum ein für allemal die Unterlegtrense mit ihren beiden Zügeln hinzufügten, von vornherein eingestanden, dass wir unsere Pferde nicht in solcher Vorstellung ausbilden wollen oder können, um sie mit den Kandarenzügeln in der linken Hand unter allen Umständen beherrschen zu können“. Gustav Steinbrecht

Für meine „Einführung“ zum Thema Hand habe ich in diesem Beitrag ein paar Zitate von Gustav Steinbrecht und Waldemar Seunig herausgesucht.

Steinbrecht sagt über die Zügelhand:

„Die Zügelhand ist das Hauptorgan, durch das der Reiter zu seinem Pferde spricht und ihm seinen Willen kundgibt. Die Geschicklichkeit der Hand kann damit Recht als Gradmesser der gesamten Geschicklichkeit des Reiters gelten, denn es ist eine irrige Auffassung, dass eine gute Hand eine vereinzelte gute Eigenschaft des Reiters sein könne. Sie ist vielmehr das Ergebnis vollkommenen Sitzes und feinen Reitergefühls.“

Seunig und Steinbrecht sind sich beide einig, dass es ein guter Reiter außerordentlich viel Fingerfertigkeit mitbringen muss:

„Die zur guten Führung notwendigen Zügelhilfen können nachgebende, durchhaltende und annehmende sein und umfassen eine ganze Skala von Handeinwirkungen, die vom bloßen Öffnen der Finger, in dieser Hinsicht kann man wirklich von einer feinfühligen Fingertätigkeit wie beim Klavier-Virtuosen sprechen.“ Waldemar Seunig

Kann man ein schlechter Reiter sein, gleichzeitig aber eine schlechte Hand haben? Nein, meint Gustav Steinbrecht: 

„Wir hören im Leben oft behaupten, dass jemand nicht besonders reite, aber eine sehr gute Hand habe, oder umgekehrt, dass er ein sehr guter Reiter sei, aber einen Fehler besitze, nämlich eine zu harte Hand. Dies ist ein offenbarer Widerspruch, denn wer als Reiter eine wirklich gute Hand besitzt, ist ein Meister der Reitkunst, wenn er auch durch seine Haltung und sein Benehmen zu Pferde dem Laien noch so sehr als mangelhafter Reiter erscheinen mag, wohingegen ein Reiter mit einer wirklich schlechten Hand niemals im wahren Sinne des Wortes ein Reiter sein kann, mag er auch durch Festigkeit des Sitzes, Schneid und Eleganz der Erscheinung noch so sehr bestechen, weil sein Fehler nur aus Mangel an Gefühl und Verständnis für das Pferd hervorgehen kann.“

Vorne fest gegenhalten, hinten treiben!

Plötzlich war ich als Kind mit sechs Jahren vom Reitervirus infiziert. Und ich hatte riesiges Glück: In unmittelbarer Nachbarschaft gab es ein Trakehnergestüt. Die Pferde waren wahnsinnig fein und großartige Lehrmeister. Als ich nach unendlich vielen Stunden an der Longe, freilich mal ohne Zügel dann diese in die Hand bekam, war der erste Ratschlag jener, stets das Gefühl zu haben, man würde ein Küken in der Hand halten. So sanft muss die Hand sein, aber auch so „geschlossen“, so dass das Küken nicht verloren gehen kann. Diesen Rat habe ich mir sehr zu Herzen genommen. Rückwärtswirkende Hände waren tabu.

Das Gestüt wurde aufgelassen. Jahre später änderte sich der Unterricht für mich komplett. Nun mit Anfang 20 hatte ich mein zweites Pferd und plötzlich war es wichtiger, den Außenzügel sehr straff zu halten. Nie dort nachzugeben, das Pferd nach innen ordentlich durchzustellen und ordentlich nachzutreiben.

Muss ich an dieser Stelle betonen, dass weder mein Pferd noch ich daran viel Freude hatten? Ich hatte immer mehr Gewicht in der Hand. Ich dachte ich reite vorwärts, dabei war es rückwärts. Ich wollte dem Ideal nachreiten, das Pferd müsse sich an der Hand abstoßen und fand den ganzen Prozess so abstoßend, dass ich mich im Gelände wieder fand und mich und mein Pferd für die Dressur als „unbegabt und ungenügend“ einstufte.

Ich verstand auch nicht, warum sich der Unterricht innerhalb von 10 Jahren so gewandelt hatte. Vorher war die Rede von Küken, oder kleinen Schwämmchen, die man vorsichtig mit der Hand ausdrückt, während man die Zügel hält. Und plötzlich hatte ich das Gefühl 100 Kilo in der Hand halten zu müssen.

Ich habe zwar hundertmal gehört, dass der Motor in der Hinterhand sitzt und alles über die Arbeit der Hinterbeine passiert oder nicht passiert. Verstanden hatte ich es damals noch nicht. 

„So wie die Schenkelhilfe eine treibende ist, so ist die in der Einwirkung der Hand bestehende Zügelhilfe an sich eine verhaltende. Daraus folgt, dass sie alleine angewendet, das Pferd wohl irgendwie zum Stehen bringen, nie aber ihren eigentlichen Zweck zu führen, d.h. Gangart, Tempo, Haltung und Bewegungsrichtung zu bestimmen, erfüllen kann.“ Waldemar Seunig

Das „Verhalten“ hat schon jeder Reiter einmal gehört.  Ich mag Wortspielereien und die Macht der Worte. In der Reitkunst insbesondere reisen wir nicht nur in die Vergangenheit der Reiterei, sondern auch in die Vergangenheit der Sprache. Einige Sprichworte, die wir heute auch benutzen (Jemand zaubert etwas aus dem Stehgreif……) stammen aus der Reiterei, allerdings sind sie in Zeiten moderner und sehr abgekürzter Kommunikation nicht mehr wirklich „en vogue“.

Es gibt sie, die Gedanken der stillen Post in der Reiterei, aber es ist nicht nur eine stille Post, sondern auch der moderne Sprachgebrauch, der uns Stolperfallen beim Lesen und Verstehen älterer Reitliteratur bereitet.

„ Es ist noch gar nicht so lange her, dass man in der Reitliteratur seitenweise Beschreibungen über äußerst komplizierte Faustverdrehungen zwecks Erteilung der Zügelhilfen lesen konnten. Diese Verdrehungen kamen oft über einen reinen Formalismus nicht hinaus, beschwerten aber das Sensorium gewissenhafter Rekruten derart, dass sie die viel wichtigeren Schenkel und Gewichtshilfen vergaßen und sich steif machten. Auch die zopfige Anforderung, die Hand eingedreht und ohne Rücksicht auf den Rahmen des Pferdes in einer bestimmten Höhe über dem Widerrist zu halten, stellte Äußerlichkeiten weit über das Wesen der Sache.“ Waldemar Seunig

Seunigs Zitat aus 1943 ist aktueller, den je. In unserem modernen Umfeld werden wir gerne im Alltag, in der Schulausbildung, in der Arbeit etc. in Schablonen oder in ein „Best of“ unser selbst gepresst – aber was fühlt die Hand, welche Kommunikation liegt in ihr, abseits eines guten Bildes.

Es lohnt sich, um die Hand zu verstehen, erstmal am Boden bleiben. Wir Reiter wollen immer alles sofort vestehen, ändern, korrigieren, verbessern. Vor Teil zwei meiner „Handgemachten“ Serie, ein kleiner Gedankenanreiz: Ob Boden- oder Handarbeit, Longieren oder Reiten – ich freue mich über euer Feedback und über eure Beobachtungen über das Gefühl in der Hand.  Schreibt mir doch via Facebook oder eine Mail – aller Anfang liegt im Gefühl! Nur so kommen wir auf die Schliche, was zwischen dem Küken und der „Tonne“ in der Hand passiert ist.

Lernen wir durch unsere Hände zu fühlen, dann Reiten wir Einfach 🙂

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