Schon mal dem Pferd auf den Zahn gefühlt? Manuel Flätgen, Tierarzt aus Niederösterreich macht das quasi täglich. Gesunder Zahn = gesundes Pferd. Gerade aber über die Zahnkunde bei Pferden gibt es noch einige Theorien, die sich hartnäckig halten.
Was sollten Pferdebesitzer über die Zähne ihrer Pferde eigentlich wissen?

zahn1Manuel, was ist nun richtig oder falsch? Wachsen Pferdezähne tatsächlich ein Leben lang?

Manuel: Pferdezähne sind hypsodont. Das bedeutet nichts anderes, als das es sich um sehr lange Zähne handelt. Schaut man einem Pferd ins Maul, sieht man nur den obersten Teil des Zahns, die sog. klinische Krone, der größte Teil des Zahns verbirgt sich jedoch in den Zahnfächern im Kieferknochen. Pferde sind daran angepasst sich von faserreichem Futter wie Gras oder Heu zu ernähren. Das Zermahlen dieses Futters bedeutet für die Backenzähne des Pferdes eine massive Abnutzung. Der Abrieb eines Zahns beträgt ca. 2-3mm pro Jahr. Um diesen Abrieb zu kompensieren, wird der Zahn ebenfalls um 2-3 mm aus dem Zahnfach hervorgeschoben. Das heißt also Pferdezähne wachsen nicht, sondern das Gegenteil ist der Fall, sie werden im Laufe eines Pferdelebens immer kürzer, nur die klinische Krone, also der Teil des Zahnes den man im Pferdemaul sehen kann, bleibt immer gleich lang, zumindest bis die Pferde ein gewisses Alter erreicht haben. Bei alten Pferden ist die Zahnsubstanz dann irgendwann wirklich am Ende angelangt, das Pferd befindet sich in der Stummelzahnperiode.

Welchen Einfluss haben die Zähne auf den allgemeinen Gesundheitszustand des Pferdes?

Manuel: Die Verdauung beginnt bereits im Maul, für den gesamten Verdauungstrakt ist es ausgesprochen wichtig, dass hier alles richtig läuft. Die Zähne gehören gemeinsam mit Lippen, Zunge und Speicheldrüsen zum sog. Kopfdarm. Gesunde Zähne zerkleinern das Futter stark. Dies ist wichtig, damit der Futterbrei ungehindert durch den Verdauungstrakt transportiert werden kann. Schlecht zerkleinertes Futter birgt das Risiko von Verstopfungskoliken. Auch für die Futterverwertung in Magen und Darmtrakt ist eine ausreichende Futterzerkleinerung in der Maulhöhle erforderlich.
Während des Kauvorgangs wird das Futter mit Speichel durchtränkt. Je länger das Pferd kaut, desto mehr Speichel wird produziert und mit dem Futter abgeschluckt. Es ist wichtig, dass genügend Speichel in den Magen gelangt, denn dort puffert dieser die Magensäure ab. Kommt nicht genügend alkalischer Speichel in den Magen, besteht die Gefahr von Magengeschwüren.
Was sollte in Punkto Zahn nun tatsächlich beim Pferd behandelt werden? Reicht ein jährlicher Check?

zahn2Manuel: Bei einer routinemäßigen Zahnbehandlung werden scharfe Kanten und Spitzen abgerundet, eventuelle Fehlstellungen korrigiert und das Maul insgesamt ausbalanciert. Die Zähne des Pferdes werden permanent abgerieben und dann wieder aus dem Zahnfach nachgeschoben. Bei den meisten Pferden kommt es aber nicht zu einer absolut gleichmäßigen Abnutzung der Zähne, dann entstehen Spitzen und scharfe Kanten. Dies liegt oft auch an der Art und Weise der Fütterung, heutiges Heu und Gras sind zu weich, werden oft nicht in ausreichender Menge angeboten und zusätzlich wird zu viel Kraftfutter gefüttert, dies alles führt zu einer geringeren Anzahl an Kauschlägen.
Haken und Kanten führen zu Bewegungseinschränkungen des Kiefers, das Pferd kann den Unterkiefer nicht mehr korrekt gegen den Oberkiefer verschieben, um das Futter mit effektiven Mahlbewegungen zu zerkleinern. Auch beim Heben und Senken des Kopfes muss sich der Unterkiefer gegen den Oberkiefer verschieben können. Verhindern Haken dies, führt das zu Druck in den Kiefergelenken. Dass sich der Unterkiefer problemlos gegen den Oberkiefer verschieben kann ist auch beim Reiten bzw. der Bodenarbeit wichtig, da das Pferd je nach Versammlungsgrad seinen Kopf höher oder tiefer trägt und Stellung und Biegung ebenfalls eine Verschiebung des Unterkiefers erfordern. Das Pferdemaul auszubalancieren heißt nun aber nicht alle Zähne schön glatt zu raspeln. Dies würde die Effektivität bei der Futterzerkleinerung deutlich verringern, denn dazu braucht es sehr wohl raue, leicht unebene Kauflächen. Außerdem ist, auch wenn das Pferd sehr lange Zähne hat, die Zahnsubstanz begrenzt, besonders bei älteren Pferden. Demnach sollte man eher punktuell raspeln. Es geht nicht darum ein optisch perfektes, gleichmäßiges Gebiss zu „erraspeln“, sondern vielmehr ein für dieses Pferd funktionierendes Gebiss zu erhalten.

Neben dieser routinemäßigen Zahnbehandlung gibt es natürlich auch echte Zahn- und Zahnfleischerkrankungen, die z.B. das Ziehen eines oder mehrere Zähne notwendig machen können. Ein Teil dieser Erkrankungen kann eine Folge eines nicht ausbalancierten Mauls sein. Vermehrter Druck auf einen Zahn prädestiniert diesen einfach für Erkrankungen.
Grundsätzlich ist ein jährlicher Check für die meisten Pferde genügend. Bei jungen Pferden im Zahnwechsel oder bei alten Pferden, bei denen Zahnsubstanz immer weniger wird, können auch engmaschigere Kontrollen (z.B. halbjährlich) sinnvoll sein.

Wie kommt der Pferdebesitzer dahinter, wenn im Maul des Pferdes etwas schief läuft?

Manuel: Es ist gar nicht so einfach ein Zahnproblem frühzeitig zu erkennen, da Pferde auch bei schmerzhaften Prozessen im Maul oft lange Zeit ganz normal weiterfressen und die Futteraufnahme erst einstellen, wenn es gar nicht mehr anders geht.
Umso wichtiger ist eine einmal jährliche gründliche Zahnkontrolle.
Dennoch kann der Besitzer auf einige Dinge achten.
Es ist durchaus sinnvoll sein Pferd ab und zu mal bewusst bei der Futteraufnahme zu beobachten:

  • Frisst das Pferd mit großem Appetit oder eher lustlos?
  • Kaut es langsamer oder vorsichtiger als sonst?
  • Kaut es vielleicht seit neuestem nur noch auf einer Seite?
  • Kann das Pferd gut von einer Karotte abbeißen oder scheint ihm das Schmerzen zu bereiten?
  • Spuckt es mitunter vielleicht sogar einen Teil des Futters wieder aus z.B. kleine Karottenstücken?
  • Auch das sog. Wickel- oder Zigarrendrehen lässt sich manchmal beobachten. Hierbei schiebt das Pferd das Raufutter lange im Maul hin und her und spuckt es schlussendlich in Form eingespeichelter Röllchen wieder aus.
  • Hat das Pferd in letzter Zeit abgenommen?
  • Zeigt das Pferd „Unwilligkeit“ (es will vielleicht schon, kann aber nicht) beim Reiten oder beim Aufzäumen?
  • Wie sieht der Kot aus? Sind langfaserige Futterpartikel enthalten oder unverdaute Kraftfutterkörner?
  • Lässt sich Nasenausfluss beobachten? Stinkt das Pferd aus Maul oder Nüster?
  • Fällt am Pferdekopf von außen eine Schwellung auf?
  • Auch Headshaking kann mintunter im Zusammenhang mit einem Zahnproblem stehen.

Die Sache mit dem Gebiss – wie kann der Pferdebesitzer das optimale Gebiss für sein Pferd wählen – worauf ist da aus tierärztlicher Sicht zu achten?

Manuel: Als Zahnarzt sieht man hin und wieder Verletzungen der Maulschleimhaut oder der Zunge,zahn3die durch das Gebiss verursacht wurden, oft ist der Übeltäter aber nicht das Gebiss an sich, sondern derjenige der das Gebiss verwendet. Es kann auch zu Verletzungen kommen, wenn das Pferd auf den Zügel tritt. Das Gebiss hat normalerweise keinen Kontakt zu den vordersten Backenzähnen, Zügelzug kann aber die Maulschleimhaut gegen diese Zähne drücken und, falls diese Zähne scharfkantig sind, zu Verletzungen führen. Hier ist dann der Zahnarzt gefordert.
Die Wahl des richtigen Gebisses beruht zum Großteil darauf verschiedene Gebisse auszuprobieren und genau zu beobachten, was das Pferd als am angenehmsten empfindet.
Einige grundlegende Dinge können aber die Wahl des richtigen Gebisses zumindest erleichtern. Die Länge des Gebisses sollte natürlich zur Breite des Pferdemauls passen. Das Gebiss liegt auf den Laden, das ist der zahnfreie Bereich der Unterkieferknochen. Man sollte die Laden auf ihre Beschaffenheit abtasten. Pferde können sehr feine scharfkantige Laden haben oder breitere, abgerundete Laden. Für ersteres sollte man ein eher dickeres Gebiss und für zweiteres ein eher dünneres Gebiss wählen. Möchte man ein einfach oder doppelt gebrochenes Gebiss verwenden, sollte man sich vergewissern, dass die Gelenke des Gebisses nicht direkt auf den Laden zu liegen kommen, dort können sie Verletzungen verursachen. Der Abstand der Laden von einander ist meist deutlich geringer als man es erwarten würde. Auch die Länge des Mauls sollte man sich anschauen. Bei Pferden mit einer kurzen Maulspalte liegt das Gebiss weiter vorne, hier ist aufgrund der Lage der Zunge und der abnehmenden Wölbung des Maulhöhlendachs weniger Platz für ein Gebiss. Pferde mit einer längeren Maulspalte haben meist mehr Platz für ein Gebiss.
Der Gaumen bzw. das Maulhöhlendach weisen eine individuell unterschiedliche Wölbung auf. Dies ist wichtig zu wissen, falls man Gebisse mit einer Zungenfreiheit verwenden möchte. Manche Pferde haben einen flachen Gaumen und haben demnach nur für eine kleinere Zungenfreiheit Platz. Wichtig zu wissen ist auch, dass sich die Maulhöhle im Laufe eines Pferdelebens verändert, da sich die Winkelung der Schneidezähne über die Jahre verändert und somit auch das Platzangebot im Pferdemaul. Also sollte man den Sitz des ursprünglich gut passenden Gebisses immer wieder mal überprüfen. Verwendet man eine Kandare ist auch die Passform der Oberbäume zum Pferdeschädel zu beachten, diese sollten nicht von außen gegen die Backen drücken. Auch nicht unerwähnt sollte bleiben, dass manche Pferde auf bestimmte Gebissmaterialien allergische Reaktionen zeigen können.

Meiner Ansicht nach sollte man sich aber nicht im Dschungel der unzähligen Gebissvarianten und -materialien verlieren, sondern sich beim Ausprobieren auf ein paar Standardvarianten beschränken und die größere Aufmerksamkeit auf die Erlangung eines zügelunabhängigen Sitzes richten.

Man kann als Pferdebesitzer nicht alles wissen, aber man kann die richtigen Fragen stellen – welche Fragen sollten Pferdebesitzer an ihren Pferdezahnarzt parat haben?

Manuel: Der Pferdebesitzer sollte sich darüber informieren, wann die Zähne wieder kontrolliert werden sollten.
Ansonsten finde ich es auch wichtig, dass der Pferdebesitzer versteht, warum regelmäßige Zahnbehandlungen notwendig sind und in diesem Zusammenhang Fragen stellt.
Bei speziellen Behandlungen wie Zahnextraktionen sind dann natürlich Fragen bezüglich der Nachsorge zu besprechen.

Was sind die basics in Punkto Zahngesundheit, die Pferdebesitzer unbedingt wissen sollten?

Manuel: Am wichtigsten für die Zahngesundheit des Pferdes ist eine artgemäße Fütterung durch die Verwendung von Futtermitteln die eine große Anzahl an Kauschlägen erfordern. Das bedeutet ausreichende Mengen Heu, Gras oder Heulage. Kraftfutter muss deutlich weniger gekaut werden und trägt deshalb nicht zu einem möglichst gleichmäßigen Zahnabrieb bei.
Es ist wichtig dem Pferd zumindest einmal jährlich von einem Fachmann ins Maul schauen zu lassen, denn Pferde zeigen Zahnprobleme oft relativ spät. Vielen Zahnproblemen lässt sich jedoch bei regelmäßiger „Wartung“ vorbeugen.

Was ist beim Anpassen eines Kappzaums wichtig?

Manuel: Der Kappzaum sollte weder zu hoch noch zu tief verschnallt werden. Liegt er zu tief, also unterhalb des knöchernen Nasenbeinforsatzes, drückt er auf die empfindlichen Nasenknorpel des Pferdes und kann Einschränkungen der Atmung bedingen. Wird er zu hoch verschnallt, drückt er die Backen gegen die Mahlzähne, was dem Pferd unangenehm ist. Der Kappzaum darf außerdem nicht zu eng verschnallt werden, da er sonst das Verschieben von Unter- gegen Oberkiefer negativ beeinflusst. Generell sollte die Form des Kappzaums zur Form der Pferdenase passen (dies ist besonders bei fixem Naseneisen zu berücksichtigen).
Vielen Dank für das Gespräch 🙂 

 

 

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