Ich gebe es zu. Ich bin kein großer Fan von frostigen Temperaturen. Aufgetaut bin ich zuerst beim jährlichen Treffen der lizenzierten Bent Branderup® Trainer in Dänemark, wenig später hatte ich eine feine Zeit auf La Palma in Spanien.

Aber alles der Reihe nach. Seit 2015 darf ich mich zu den lizenzierten Bent Branderup® Trainern zählen; Insgesamt sind wir schon mehr als 30 Trainer, von Österreich bis Norwegen, von Portugal bis nach Südafrika, die sich völlig der Akademischen Reitkunst verschrieben haben.

Traditionell zu Jahresbeginn kommen wir in Dänemark zusammen, um voneinander zu lernen, Organisatorisches zu besprechen und uns im Sinne der Reitkunst auszutauschen. Diesmal starteten wir bereits am Montag, Mitte Januar mit einem spannenden Workshop. Am Stundenplan standen Fragen rund um die Pädagogik.

Jeder von uns hat seinen eigenen Zugang, findet andere Worte für die Reitkunst oder hat auch noch einen ganz anderen Schwerpunkt rund um Ostheopathie oder gebisslose Reitkunst. Mein Schwerpunkt liegt da ganz klar in der klaren Formulierung. Nicht umsonst macht es mir auch große Freude unser Buchprojekt rund um die Akademische Reitkunst zu betreuen. Und nicht umsonst helfen klare Worte bei der Umsetzung von Inhalten und dienen dem bessern Verständnis. Übrigens: Die Erstauflage des Buches „Beziehungspflege in der Akademischen Reitkunst“ war binnen der ersten drei Wochen doch tatsächlich ausverkauft. Der Nachdruck läuft bereits auf Hochtouren.

Ein großer Themenblock war jedenfalls die Herangehensweise an unterschiedliche Schüler (vier- und zweibeiniger Art). Ylvie Fros hatte hier einen sehr spannenden Vortrag für uns vorbereitet. Auch wenn uns viele tausende Kilometer trennen: Die Fragen, Zweifel, Hürden und natürlich auch das Positive: das gemeinsame Vorankommen, Hürden überwinden, Tüfteln und Umsetzen – all das eint uns Trainer. So war es auch später in der Praxis wunderbar zu sehen, dass wir alle gerade an ähnlichen Themen feilen. Jossy Reynvoet und ich müssen hier immer wieder schmunzeln – schließlich packen wir unsere Erkenntnisse in ganz andere Worte, jeder mit seinem eigenen Fokus – aber letztlich hatten wir quasi das gleiche Thema oder Ergebnis.

Deswegen finde ich diese Gruppe auch so irrsinnig bereichernd. Weiter ging es mit spannenden Fragen rund um Vor- und Hinterhand, die nicht nur aus biomechanischer, sondern auch pädagogischer Hinsicht aufbereitet wurden von Dörte Bialluch und Kathrin Branderup-Tannous. Anschaulich auf Papier oder mit vollem Körpereinsatz dargestellt diskutierten wir die korrekte Brustkorbrotation, Rückenschwung, Auswirkungen auf die Vorhand und die korrekte Platzierung der inneren Hüfte in Vorwärts und Versammlung.

Maja Caspersen aus Dänemark kam heuer nach einer kurzen Babypause zurück in die Gruppe und stellte uns ihre Forschungsarbeit zum Thema Bewegungs(lehre) vor. Gemeinsam setzten wir auch gleich eine Menge an Bewegung in die Praxis um, nicht ohne dabei auch die eigene Losgelassenheit (ja, wir sind nicht immer bierernst, vor allem nicht Yvonne Heynckes und ich beim gemeinsamen Turnen) in den Vordergrund zu stellen.
Die Trainertage waren wieder voller Input – in unserem Alltag haben wir viele Stunden im Auto, auf Reisen (ich schreibe den heutigen Blogbeitrag übrigens im Flieger), manchmal fühlt man sich da auch schon sehr alleine gelassen, obwohl wir ja durchwegs auf tolle Menschen treffen, die sich auf und über unsere Begleitung und Anregung freuen.
Wie bezeichnete Bent uns hier so schön: Manchmal hat man das Gefühl, ein einsamer Wolf zu sein. Rund um die Trainertage wächst in mir immer das Gefühl ein riesiges Backup zu haben. Ich bin mit meinen Ideen, Gedanken, manchmal auch mit einer gewissen Erschöpfung, die wohl jeder kennt, der selbst und ständig ist, nicht alleine. Das gibt schon Kraft – Kraft, die man bei der Kaffeepause zwischendurch mit den Kollegen halt nicht so oft sammeln kann. Daher freue ich mich auch auf den Austausch unter dem Jahr. Man könnte sagen, ich lade nicht ganz uneigennützig einige Trainer zu uns nach Graz. Die große Überraschung nun vorweg: Hanna Engström aus Schweden wird am 21. und 22. April zu uns nach Graz kommen. Mit im Koffer hat sie ihr Sitzprogramm, das ich bereits zwei Wochen lang auf Gotland genießen konnte. Wenn ich nach einer Italienreise von den leckeren Speisen berichte, läuft meinen Freunden immer das Wasser im Munde zusammen – bei Hanna sind es vielleicht die Sitzknochen, die sich bereits auf „Salsa“ oder der Rücken, der sich auf schmerzfreie Bewegungen einstellt.

Im Mai freue ich mich auf einen Trainingstag, sowie erstmals einen Kurs in Niederösterreich mit Jossy Reynvoet. Im Juni (Achtung für die Stammkursbesucher – diesmal sind wir einen Monat früher dran!) kommt dann Bent Branderup, der das Thema Paraden und 1. und 2. Descente für uns in Theorie und Praxis aufbereitet. Und im Oktober heißt es dann „Fun and run“ – äh Galopp mit Spaß und Christofer Dahlgren.

Einsame Wölfe?

Kommen wir aber wieder zurück zum „Einsamen Wolf“. Es gibt sie auch – die einsamen Wölfe, die da draußen etwas lernen wollen. 2017 bin ich im September in den Süden Italiens gereist, um die Akademische Reitkunst in den Abruzzen zu lehren.
Letzte Woche war ich noch auf der Insel La Palma und ich muss sagen – meine zwei- und vierbeinigen Schüler, die uns Trainer nicht mal „gleich ums Eck“ haben, sind mir jedes Mal eine riesige Inspiration. Diesmal ging es um den Start in der Akademischen Reitkunst. Ich bin immer wieder begeistert, wie die „einsamen Wölfe“ jeglichen Input aufsaugen, sich hochkonzentriert vor allem dem Spüren widmen. Meine Schüler, die über weite Distanzen lernen müssen, betonten dabei auch immer wieder, wie wichtig die Entwicklung des korrekten Gefühls sei. Technische Komponenten ließen sich schließlich leichter überprüfen.
Man merkt, diese Pferde-Reiterpaare sind meist schon seit einiger Zeit auf sich gestellt und selbstständige Arbeit gewohnt. Wir kamen daher auch auf meinem Besuch in La Palma in der kurzen Zeit von einer Woche jedoch sehr rasch vorwärts und haben uns mit Themen rund um Fokus und die korrekte Schulterkontrolle vom Boden aus, erste Führübungen, gemeinsames Halten und Angehen bis hin zum Ansprechen der einzelnen Hinterbeine, den Beginn der Seitengänge vom Boden wie vom Sattel aus herangetastet.

Ich glaube, es gibt viele Schüler, die sehr auf sich gestellt ausprobieren müssen, tüfteln und vor allem an Versuch und Irrtum wachsen. Umgekehrt erlebe ich, dass die Angst vor Fehlern das größte Hemmnis überhaupt darstellt. Ich finde es immer wieder bemerkenswert, den Spagat zu schaffen, zwischen Unsicherheit, Ausprobieren und Entwicklung. Lernen ohne permanente Begleitung eines Trainers – das geht. Manchmal muss es gehen – schon aus der Not heraus, eben keinen Trainer täglich, oder wöchentlich, oder gar monatlich zur Verfügung zu haben. Mit meinen weit entfernten Schülern (nun ja, mit den nahe gelegenen ebenso ;-)) halte ich es daher lieber so: bevor große Unklarheiten entstehen, lieber mal rasch zum Hörer greifen, zur Tastatur, Videounterricht oder, oder – Kommunikationskanäle gibt es ja auch heutzutage genügende) und die allerwichtigsten Fragen klären. Manchmal gibt es von mir eine Gegenfrage und des Rätsels Lösung wird geknackt, manchmal besprechen wir ein Gefühl und kommen so einer Unklarheit auf die Schliche – und sehr sehr oft – was mich besonders freut – nutzen meine Schüler einfach mal die Möglichkeit für ein schönes Feedback – einfach weil die Hausübung total selbstständig klappt.

Ja, wir alle sind wohl in manchen Situationen „einsame Wölfe“ – Schüler wie Trainer, jeder auf seine Art und Weise. Ich freue mich jedenfalls, dass das Interesse an der Akademischen Reitkunst so wächst – an so vielen Orten auf der Welt – und zu meinem persönlichen Glück an so vielen Orten, die auch ein paar Sonnenstrahlen im Überfluss für mich bereit halten. Da macht es sehr Spaß, im Winter der Kälte und dem Grau zu entkommen.

Ich würde mich interessieren, wo die weit entfernten „Akademischen Auswanderer“ noch zu finden sind – für eine Nachricht in den Kommentaren freue ich mich euch kennen zu lernen!

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