Am vergangenen Wochenende war ich zu Gast bei meiner Kollegin Kristina Winholz in Radebeul bei Dresden für einen Tageskurs sowie gegenseitigen Austausch. 

 Am Samstag war ich gespannt auf viele neue Gesichter beim Tageskurs. Und wie immer lasse ich gerne ein spezielles Thema wählen und richte mich nach den Wünschen der Zuschauer.
Thema unseres Wochenendes waren Übergänge. Übergänge sind ein ganz tolles Projekt, wenn wir uns mit dem Fühlen und Verstehen auseinander setzen wollen. 

Warum reiten wir eigentlich Übergänge? 

Es gibt viele gute Gründe um Übergänge zu reiten!

  1.  Der Werkzeugkoffer der Hilfengebung ist diffizil . JedesWerkzeug an sich hat schon seine Tücken, in den Übergängen schulen wir vor allem die Koordinierung der Hilfengebung.
  2. Die Durchlässigkeit des Pferdes wird durch Übergänge verbessert
  3. Die Losgelassenheit des Pferdes wird verbessert
  4. Der Reiter bekommt eine bessere Bewegungsvorstellung des Pferdes
  5. Schulung von Paraden bei Mensch und Pferd
  6. Das Pferd muss seinen Bewegungsablauf ebenso koordinieren
  7. Fitness und Gymnastizierung durch unterschiedliche Rückentätigkeit und unterschiedliche Schwinungsrichtungen in den Grundgangarten 
  8. Übergänge als Überprüfung der Qualität der Ausbildung und Kommunikation
  9. Variationen in der Formgebung vom vorwärts-abwärts zum vorwärts-aufwärts zur relativen Aufrichtung in Relation zur Tätigkeit der Hinterhand
  10. Prüfstein für Gleichgewicht und Geschmeidigkeit
  11. Übergänge fördern die Geschicklichkeit und bereiten für höhere Aufgaben vor
  12. Übergänge fördern die Versammlung
  13. Verbesserung der Tragkraft
  14. Beherrschung der Schubkraft
  15. Entwicklung der Federkraft

Am Anfang ist immer die Theorie

Es gibt verschiedene Arten von Übergängen. Grob eingeteilt unterscheide ich zwischen Übergängen von einer Gangart in eine andere Gangart und Übergänge innerhalb einer Gagnart. Darüber hinaus gibt es auch mehrstufige Übergänge, Übergänge in den Schwungrichtungen und Übergänge zwischen den Schulgangarten. 

Wer sich mit den Übergängen auseinandersetzt, muss sich mit den Bewegungsphasen in allen Grundgangarten befassen:

Schritt

Der Schritt besteht als Viertakt aus einer Folge an aneinander gereihten Schritten. 8 Phasen der Vorwärtsbewegung sind für den Schritt maßgeblich, wobei zwischen Dreibeinstütze und Zweibeinstütze abgewechselt wird. Die Fußfolge ist dabei diagonal und gleichseitig. 

Trab

Der Trab ist eine Bewegung im Zweitakt mit vier Phasen und einem Moment der freien Schwebe. Ein Diagonales Beinpaar wird jeweils gleichzeitig vorwärts bewegt und aufgesetzt. 

Galopp

Der Galopp ist eine Bewegung im Dreitakt mit sechs Phasen. Die Fußfolge ist zB im Linksgalopp: Das Pferd landet nach der Schwebphase am rechten Hinterbein, das ist der erste hörbare Takt, kurz darauf fußen links hinten und rechts vorne diagonal und gleichzeitig (ansonsten wäre der Galopp in seinem Takt nicht korrekt) auf. Das ist der zweite hörbare Takt. Bevor das linke Vorderbein auffusst löst sich das rechte Hinterbein vom Boden, gefolgt vom diagonalen Beinpaar links hinten, rechts vorne. Dies hören wir als den dritten Takt, gefolgt von einer erneuten Schwebephase.

Übergänge zwischen den Gangarten

Hier unterschieden wir zwischen 

  1. Übergänge von einer niedrigen in eine höhere Gangart und von einer höheren Gangart in eine niedrigere Gangart. 
  2. Einstufige oder mehrstufige Übergänge (diese werden gerne auch als leichte oder schwere Übergänge bezeichnet) – wenn vom Halt in den Trab oder Schritt in den Galopp oder vom Schulhalt in die Piaffe ein Übergang erfolgt. 
  3. Übergänge zwischen den verschiedenen Schwungrichtungen (versal, traversal) kombiniert mit verschiedenen Gagnarten
  4. Übergänge zwischen den Schulgangarten

Übergänge beobachten

Wer kennt das nicht? Man lernt einen simplen Tanz in einer Gruppe und stolpert förmlich immer wieder über die eigenen Füße, wenn sich der Rhythmus und Takt ändern. Pferde sind im Gegensatz zu uns keine Bewegungslegastheniker. Pferde können fließend vom Zweitakt in den Dreitakt wechseln, sie schaffen vielseitige Übergänge in allen möglichen Variationen – und behalten dabei immer eine gute Figur. Vor allem wenn wir uns Übergänge in der Natur ansehen. 

Das Pferd bewegt sich in der Natur möglichst ökonomisch und folgt dem Verhalten der Herde, Übergänge werden genutzt, wenn Pferde Freude an der Bewegung haben und miteinander spielen. Wenn wir die Übergänge in der Natur beobachten, dann wird uns auch das korrekte Timing für unsere Hilfengebung bewusst. Auf meinem Kurs habe ich an dieser Stelle Aufnahmen von Konrad gezeigt in Slow-Motion, wobei wir uns hier genau angesehen haben, wann das Pferd wie, welches Bein für den Übergang setzt. Besonders spannend ist dabei die Frage: Wenn Konrad aus dem Galopp in den Trab oder Schritt wechselt – in welcher der oben genannten Phasen wird die neue Gangart eingeleitet?

Übergänge spüren

Die Auseinandersetzung mit einem Thema kann nie alleine in der Theorie erfolgen. Daher haben wir auf diesem Kurs auch eine Menge an praktischen Übungen ausprobiert. Dabei konnten wir untersuchen, wie groß unser eigenes Energielevel sein muss, um vom einen Übergang in den nächsten zu kommen? 

Wie fühlt es außerdem an, wenn der eigene Abschubmoment verstärkt wird oder die Verstärkung in der Spielbeinphase zum Tragen kommt? Einfach gesagt – wir haben ausprobiert. wie sich treibende Hilfen in bestimmten Momenten anfühlen. 

Bei der nächsten Übung haben wir unsere eigene Energieübertragung besser wahrgenommen. Geben wir besser Energie weiter, oder sind wir besser im Aufnehmen von Energie? 

Selbst mal im Schritt, Trab und Galopp zu laufen machte die Wahrnehmung von Entschleunigung und Beschleunigung noch deutlicher – mit welchem Bein legen wir zu, mit welchem Bein bremsen wir? 

Wenn wir uns reiterlich mit Übergängen auseinander setzen wollen, dann brauchen wir Wissen und Gefühl für den Bewegungsablauf sowie die Beinfolgen. Wenn wir wissen, wann welches Hinterbein wo unterwegs ist, dann können wir auch die Übergänge leichter und flüssiger einleiten und tatsächlich beginnen, die neue Gangart zu reiten und nicht mit der alten Gangart einfach aufhören. 

Nun haben wir einfache und mehrstufige Übergänge in der Theorie genau untersucht. Was macht das Pferd bei einem Übergang vom Stehen in den Schritt, vom Schritt in den Trab und vom Trab in den Galopp. 

Wenn wir genau wissen, wie Bewegung eingeleitet wird, dann können wir auch die beste Phase für das Einleiten von Bewegung aus der niederen Gangart in die höhere Gangart bestimmen. Übergänge „von unten nach oben“, fühlen sich meist leichter an. Beschleunigung oder Taktveränderung von einer niedrigen in eine höhere Gangart ist für viele Reiter kein Problem. Kniffleiger ist es bei den Übergängen von einer höheren Gangart in eine niedrigere Gangart. 

Hier  hilft uns die Beobachtung, um das Timing für den Übergang zu optimieren. 

Auch bei mehrstufigen Übergängen müssen wir das Hinterbein beispielsweise im Schritt das äußere Hinterbein ansprechen. das die gewünschte Gangart einleiten soll – und beim Übergang von der höheren in die niedrigere Gangart orientieren wir uns wieder an der natürlichen Bewegungsfolge. Wie arrangiert sich das Pferd selbst, wenn es vom Galopp in den Schritt durchpariert? 

Bleib bei mir!

Eine für Reiter spannende Angelegenheit sind auch Übergänge innerhalb einer Gangrt, die uns helfen können die Balance, Durchlässigkeit, Losgelassenheit, Tempo, Takt und Schwung sowie die Formgebung zu verbessern und in ihrer Qualität zu überprüfen. Das heißt, Übergänge innerhalb einer Gangart sind auch immer Thema für den Reitersit. Bleibt das Pferd „am Sitz“, oder läuft es eher davon, wenn der Reiter etwas zulegt? 

Die Tücken der Übergänge

Herausforderungen und Prüfsteine in Punkto Übergänge gibt es für Reiter und Pferd unzählige. In Theorie und Praxis haben wir die verschiedenen „Wenn…..dann“ Momente durchgedacht und dann auch in der Praxis versucht umzusetzen. 

Mal haben wir vor allem am Fluss gearbeitet, wenn wir einen Übergang in eine Seitwärtsbewegung abgefragt haben. Mal war generell Entspannung und Losgelassenheit bei Übergängen zwischen Schritt und Trab Thema. Wir haben daran gearbeitet, den perfekten Moment zum Antraben oder durchparieren zu entdecken und die Hilfen aufgedröselt – mal mit mehr Fokus auf lösende Paraden oder mehr Fokus auf die Bewegung aus dem Becken des Reiters. Es war auf jeden Fall spannend.

Das Werkzeug zeigen, nicht den Weg

Der Austausch am Sonntag mit Kristina war wie immer spannend. Kristina hört immer aufmerksam zu, überlegt und trifft mit ihren Gedanken oft genau den Punkt!!! Ich freue mich sehr, dass wir uns hier gegenseitig so unterstützen konnten. Völlig wertfrei. Denn selbst als Ausbilder – wir bleiben auch immer Lernende.

Ich freue mich, dass ich in der Akademischen Reitkunst so viele Menschen treffe, die mir aufgeschlossen und neugierig begegnen.


PS: Unterstützen wir uns und lernen wir voneinander – dann Reiten wir Einfach – auch Übergänge 🙂

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