„Wie geht es Ihnen“?                  „Gut, Danke“!
Wie oft erleben wir einen solchen Dialog Tag für Tag. Wie oft fragen wir uns, was tatsächlich hinter dem neutral gemurmelten „Gut, Danke“ steckt.
Wie oft fragen wir höflich bei unserem Pferd nach und wie oft übersehen wir, dass unser Pferd die Wahrheit über uns bereits kennt, auch wenn wir unsere Stimmung zu verbergen suchen.

Unsere Pferde erkennen unser wahres Gesicht – unsere True Colors“ bereits meist vor uns.

Daher gibt es zum Blogbeitrag heute auch ein wenig Musik zum „Mithören“.
Das wurde auch an den vier Tagen mit meinen Kollegen Jossy Reynvoet in der Steiermark und Niederösterreich klar.

Mein sehr persönliches „Farbenbekenntnis“

Seit rund zwei Jahren begleite ich Lipizzanerhengst Conversano vom Barockpferdehof Schoderlee auf dem Weg in die Akademische Reitkunst.
Dieses Pferd ist mir in dieser Zeit wirklich sehr nahe gekommen. Ich schätze natürlich alle Pferde, die ich begleiten darf, mit Conversano ist es allerdings etwas ganz Besonders.

Ich vermisse „Conversano“ wenn der Abstand zwischen unseren Unterrichtseinheiten länger als gewohnt ausfällt. Ich denke immer wieder über ihn nach, immer wieder überrascht er mich mit seiner Intellgenz, seiner Wissbegierde, seiner Weisheit.

Mehr braucht ihr als „Vorgeschichte“ mal nicht zu wissen. Conversano ist jedenfalls bei unserem Besuch mit Jossy am Freitag

als Letzter dran und zeigt schon am Paddock was er davon hält. In der Halle absolvieren wir ein paar vorbereitende Führübungen zur Einstimmung auf die Freiarbeit. Freiarbeit bedeutet bei Jossy im Grunde von einem Pferd nichts zu verlangen. Die Geschichte zwischen Mensch und Pferd kann sich jedes Mal neu entwickeln, es geht nicht darum, Lektionen in Freiheit ohne Kappzaum und Longe oder Sattel und Zaum zu absolvieren. Es geht um Bewegung miteinander, um das Zusammensein und möglicherweise um einen gemeinsamen Tanz.
Da ich weiß, wie schön Conversano und ich miteinander tanzen können, wenn wir uns beispielsweise an der Longe miteinander spielen, bin ich gespannt.

Die Einheit wird dann etwas anders ablaufen, als geplant. Conversano will von mir nichts wissen. Wir ziehen unsere eigenen Kreise im Roundpen und beachten einander nur hin und wieder. Der Abstand fühlt sich für mich dennoch erstaunlich gut an, ich finde es in Ordnung mich zu bewegen und nach draußen zu schauen.
Conversano zeigt mir die Kalte Schulter. Es dauert eine Weile, bis ich zu ihm kommen kann. Er hat den Kopf gesenkt. Jossy fragt mich, ob ich eine Botschaft für dieses Pferd habe. Ich bin so erstaunt über diese Frage. Jossy bittet mich meinen Arm auf Conversanos Rücken zu legen und meine Botschaft einfacher weiter zu geben. Ich bin überrascht, als ich spüre, wie groß der Brocken ist, der sich in mir löst als ich in Gedanken murmle: „Es tut mir so leid, Conversano“…..

Seit genau einem Jahr habe ich nun „meinen“ Konrad, einen kleinen Verwandten von Conversano bei mir zu Hause.

In diesem Jahr ist die Beziehung zu Konrad natürlich wunderbar geworden. Konrad war von Anfang an „mein“ Pferd. Während Konrad und ich zusammengewachsen sind, habe ich mich innerlich irgendwie von Conversano distanziert. Zu groß war das Vermissen, zu vernünftig die Einsicht, dass ich mich da irgendwie lösen müsse.

Conversano hat diese Veränderung natürlich wahrgenommen und mir gespiegelt. Dass Jossy mein Bedürfnis, mich bei Conversano dafür zu entschuldigen so klar spüren konnte war wohl ein Gänsehautmoment für alle Beteiligten.

Ich bin immer wieder überrascht wie tief Pferde in unsere Seelen blicken können. Unsere „true colors“ bleiben ihnen nicht verborgen und dessen müssen wir uns bewusst werden.

Conversano hat sich, nachdem ich meine Botschaft „an den Lipizzaner“ brachte mir sehr offen zugewandt. Ich bin am Boden gesessen und er hat mir sanft die Stirn mit seiner Oberlippe gekrault. Conversano halt. So wie ich ihn kenne. So wie wir das sonst auch immer machen.

Natürlich ist es nicht immer möglich, auf die Frage „Wie geht es Ihnen“, mit der ungefärbten Wahrheit zu antworten. Konventionen und Regeln machen es unmöglich immer unser wahres Ich zu zeigen – und nicht immer wäre das auch von Vorteil. Wir können es aber auch mal genießen, dass wir unseren Pferden unsere „true colors“ ungeschminkt zeigen dürfen.

Ich habe insgesamt drei Tage mit Jossy verbracht, habe unterschiedliche Unterrichtseinheiten beobachtet, viel diskutiert über die Pferdewirbelsäule und Schwungrichtungen. Wieder einmal wurde mir klar, wie dankbar ich bin, ein so vielfältiges Trainernetzwerk um mich zu wissen.

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PS:  Am 2. und 3. Juni kommt Bent Branderup zu uns nach Graz auf den Sonnenhof, dann widmen wir uns dem Thema der „Parade“:

Ich nehme an, viele Reiter haben im Laufe ihrer Ausbildung ähnliches erlebt. Der Reitlehrer überwacht den Unterricht, gibt ein paar Anweisungen, darunter: „Gib ihm doch eine halbe Parade“. Irgendwann war klar, dass mit einer ganzen Parade „Anhalten“ gemeint war. Aber die feine Nuance von Paraden. Das Gefühl, irgendwie am Zügel zu ziehen und der Reitlehrer bestätigt diese Vorgehensweise, obwohl man nicht deutlich fühlen konnte, was man denn jetzt richtig gemacht hat?
Das andere Extrem:

In den letzten Jahren ist die Schulparade regelrecht „en vogue“ geworden. Ist eine Parade ein Kunststück? Ein Zirkustrick? Kurz gesagt: Nein.

Eine Parade bedeutet vor allem Kommunikation. Eine perfekt durchgeführte Parade ist, wenn der Reiter keinen Widerstand mehr in der Hand spürt und das Pferd die Parade durch den gesamten Körper gelassen hat – es ist in Balance, durchlässig und losgelassen. Eine Parade ist – das perfekte Gefühl von Nichts.

Bent Branderup wird uns die biomechanischen Zusammenhänge erklären, warum es 1/16, 1/8, 1/4 Paraden neben den bekannten halben und ganzen Paraden gibt und wie wir uns den Weg zur Schulparade erschließen.

Ich würde mich sehr freuen, wenn wir gemeinsam das Mysterium der Parade am Kurs erschließen – alle Infos rund um die Kursanmeldung gibt es hier