..oder warum wir ständig aneinander vorbei reden. „Erst mal besser machen“ ist das Totschlagargument bei Diskussionen rund ums Pferd. Diskussionen unter Reitern bewegen und machen manchmal sogar sprachlos…

Es gibt da eine Geschichte, die sich immer und immer wiederholt. Den Anfang macht ein gepostetes Video und zwei Möglichkeiten der Betrachtung. Da gibt es die einen, die von der gezeigten Arbeit bereits angetan sind und die Begeisterung gerne „teilen“ möchten. Und auf der anderen Seite jene, denen die „Grausbirne“ aufsteigt und nun auf der Suche nach Bestätigung sind, dass das Gezeigte nicht den klassischen Lehren entspricht, keinesfalls biomechanisch korrekt, also unterm Strich – komplett falsch ist.

Wer hat nun recht?

Es gibt unterschiedliche Lager und unterschiedliche Strömungen und damit verbundene Befindlichkeiten in der klassischen Reitkunst (Lustigerweise gibt es aber ein gemeinsames Ziel. Leichtigkeit und Harmonie). Gerade wenn man sich für eine Lehre entschieden hat, neigen viele dazu, den „Rest“ zu verunglimpfen. Gleichzeitig gibt man über sich selbst aber an, ständigen den Blick über den Tellerrand zu wagen.

Ist das jetzt gut oder schlecht? Man könnte nun sagen, mit der Entscheidung für eine Reitweise, sei man natürlich nicht mehr neutral. Die anderen sagen man bekäme einen Tunnelblick.

Und jetzt ganz ehrlich gefragt? Wie offen sind wir Reiter wirklich?

Und warum sind wir so schnell beleidigt?

Inspektor Columbo-Syndrom

Jeder kennt und viele lieben den Inspektor Columbo. Noch bevor alle Beweismittel eingesammelt sind und der Täter überführt werden kann, kennt er den Schuldigen. Nervt durch ständiges Nachfragen schon fast bis zum freiwilligen Geständnis. So ähnlich sind wir Reiter auch. Wir wollen unbedingt recht haben. Und deswegen suchen wir uns – praktisch, dass es das Netz gibt Gleichgesinnte. Jeder hat seine eigene Weltanschauung, jeder seine eigene Interpretation über die Reiterei. Kehren wir zu oben genanntem Video-Post zurück. User A findet das Video toll. User B ist komplett anderer Meinung. Anstelle des gegenseitigen Austauschs gibt es nun zwei Möglichkeiten. Entweder sucht sich unser User A möglichst viele Verbündete, also Zeugen, die bei der Beweisführung ganz ähnlicher Meinung sind und Bestärkung bieten. Eine zweite Möglichkeit wäre, Profilbild und weiteres Fotomaterial von User B zu analysieren, um dem Kontrahenten jegliche Fachkompetenz abzusprechen. Mögen die Spiele beginnen…. Applaus von Gleichgesinnten wird meist mit der Aussage quittiert: „Endlich diskutieren wir sachlich…“. Und das, obwohl es in einer Diskussion ja wohl um das Abwägen der verschiedenen Meinungen ginge, nicht um die Bestätigung.

Erst mal besser machen….

Eine weitere Möglichkeit für User A besteht aber auch im Totschlagargument und der weisen Empfehlung an User B „es doch erst mal besser zu machen und dann wieder in die Diskussion einzusteigen“. Nun ja, zweifelsohne kann der, der praktisches und theoretisches Wissen vereint, im sprachlichen Duell den gekonnten Stich setzen. Umgekehrt betrachtet könnte man aber auch gleich eine „Ausweispflicht“ oder gleich „Befähigungsnachweise“ verlangen, um überhaupt an einer Diskussion partizipieren zu dürfen.

Es gibt so viele Gesichtspunkte, die man bei der Analyse einer korrekten Piaffe beispielsweise beachten kann. Darf Reiter B nicht mitdiskutieren, wenn er selbst noch keine Piaffe geritten ist, trotzdem aber über eine deutliche Wahrnehmung bezüglich Hankenbiegung, relativer Aufrichtung etc. verfügt? Darf man seine Meinung äußern – auch wenn man über kein praktisches Hintergrundwissen verfügt? „Erst mal besser machen“ oder schnell im Thema in eine völlig neue Richtung schwanken, sind auch Möglichkeiten, um der Diskussion den Garaus zu verleihen. Eine tolle Sache, wenn man dann später sagen möchte: Mein Kontrahent hatte nichts mehr zu sagen, weil er keine Argumente mehr hatte. Im stillen Kämmerlein könnte man sich fragen, ob man hier nicht der Philosophie gefolgt ist: „Wie ich den Wald rufe, so kommt es zurück?“

Die Skala der Ausbildung…

Fast schon gebetsmühlenartig wird die „Skala der Ausbildung“ bemüht, wenn es keine neuen Argumente gibt. Die gute, alte Skala, oder die Frage, was war zuerst da, die Henne oder das Ei?

Das Problem an der Sache ist, dass wir uns gerne überall das „Beste“ rausholen. Da wird einerseits gerne mal ein Xenophon zitiert, dann wieder der gute Steinbrecht, um am Ende festzustellen, dass die Skala das Nonplusultra ist. Reiten ist keine statische Sache. Heute reiten wir, weil wir Freude daran haben. Wir müssen grundsätzlich nicht aufs Pferd steigen.

W I R dürfen.

Als Xenophon, Pluvinel oder Newcastle  ihre Lehren niederschrieben, mussten sie sich aber auf den blanken Pferderücken oder in den Sattel schwingen. Jede Lektion, jeder Schritt in der Ausbildung hatte ein Ziel und das war im Grunde: Überleben.

Wir lieben, was wir sehen – darum sehen wir Dressur und Klassik heute mit den Augen unserer Gegenwart. Das Fremde ist uns fremd. Ungewohnt. Bei uns sagt man: Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht. Und nun ganz ehrlich gefragt: Wollen wir das Reiten, was wir nicht kennen? Sagen wir pauschal „Nein“, oder begeben wir uns auf eine Entdeckungsreise? Um noch einmal auf die Skala zurück zu kommen. Die Skala hat sich durchgesetzt. Aber warum? Und wie waren die Interpretationen früher? Es kann durchaus spannend sein, herauszufinden, wann welche Lektionen geritten wurden und warum? Wann fanden Erweiterungen statt und warum sind einige Lektionen von der Bildfläche verschwunden, andere jedoch hinzugekommen?

Gab es in der Schulreiterei eine andere Ausbildungsskala als in der Campagne-Reiterei?

Gibt es den Blick über den Tellerrand nun wirklich?

Oft bemüht und viel zitiert – der Blick über den Tellerrand. Oder: Der Wimpernschlag. Wir sind oft so überzeugt von unserem Weg, dass die wenigsten einen Blick, länger als 10 Sekunden riskieren. Und schon hat man eine Meinung gefällt.

Reiten heißt Leidenschaft. Wir leben für eine gemeinsame Sache – reden so oft aber so deutlich aneinander vorbei.

Vielleicht sollten wir öfter gemeinsam den Blick über den Tellerrand tatsächlich wagen. Nach über 20 Jahren Reiterfahrung war es auch für mich nicht immer einfach den Stolz hinunterzuschlucken und meine Augen wirklich erneut zu öffnen.
Aber – es zahlt sich aus! In Österreich sagt man: Beim Reden kommen die Leute zam.

Bleiben wir doch reiterlich verbunden und lernen wir voneinander, dann Reiten wir Einfach 🙂

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