Wer sind wir den Augen unserer Pferde?
Diesen Satz haben die meisten von uns schon mal gehört. Wer sind wir in den Augen anderer Menschen? Auch dieser Satz ist für die Ausbildung von Pferden immens wichtig. 

Im Mai 2019 war ich als Referentin zur Veranstaltung „Pfernetzt“ eingeladen. Ich habe dort ein paar Auszüge aus meinem Themenseminar „Schauspiel für Reiter“ zum Kennenlernen und Ausprobieren präsentiert. 

Kurz gefragt: Warum Schauspiel für Reiter?

Kurz gesagt: Weil wir gerade zu Beginn der Ausbildung, wenn Beziehungspflege an erster Stelle steht, aber auch später unseren eigenen Körper zur Kommunikation nutzen (wollen).
Wir sind. Pferde sind aber noch viel mehr.
Während wir noch in Gedanken bei der Besprechung mit dem Chef sind, bei der Vorbereitung einer wichtigen Prüfung oder privaten Beziehungsgeschichten, sind unsere Pferde einfach. Sie sind authentisch und im  Moment. Unsere heutige schnelllebige Kommunikationsgesellschaft macht uns vor allem dieses „im Moment sein“ extrem schwer. 

Daher helfen uns Schauspielübungen unseren Körper besser wahrzunehmen, uns bewusst zu werden, was wir eigentlich mit unserem Körper sagen – und wir können auch üben, wie es sich anfühlt etwas sagen zu  müssen, was wir ganz tief in unserem Inneren eigentlich gar nicht sagen wollen. 

Das war jetzt zu kompliziert? 

„Die Brücke“ ist eine Übung für zwei Spieler. Zwei Personen treffen sich an einer Brücke. Die Brücke ist schmal, nur eine Person hat auf der Brücke Platz. Jeder hat es ganz dringend eilig, nach Hause zu kommen. Aber nur einer darf die Brücke passieren. 

Diese Übung wurde auch von den Teilnehmern bei Pfernetzt ausprobiert: Das Spannende dabei – vielen Teilnehmer war es äußerst unangenehm keine Kompromisslösung finden zu dürfen. 

Manchmal haben dann doch beide versucht, gemeinsam über die Brücke zu kommen. Oder einer der Teilnehmer hat zurück gesteckt und dem Anderen Platz gemacht. 

Diese Übung zeigt, wie sehr es uns schwer fällt, unseren Standpunkt zu verteidigen. „Aber ich will doch auch im echten Leben nicht so hart sein und einfach über mein Gegenüber drüber fahren“, erwiderte eine Teilnehmerin. 

Ja, das ist auch gut und natürlich sollen wir achtsam und wertschätzend miteinander umgehen. Achtsam und wertschätzend miteinander umzugehen – das ist natürlich auch das Ziel in unserer Zeit mit den Pferden 

Zeit schön verbringen

Es gibt nur einen Grund, warum wir mit den Pferden zusammen sein wollen. Wir wollen unsere Zeit schön und gut verbringen. Viele Menschen sind mit Pferden zusammen, weil sie abschalten wollen von ihrem Alltag. Weil sie eine gute Zeit haben wollen. Weil sie durchatmen und die Natur genießen wollen. Weil man sich mit Pferden so wunderbar erden kann. 

Und was haben die Pferde davon? 

Wir können einfach mit Pferden zusammen sein. Das reicht vielen auch schon. Dann kommen aber meist menschliche Ambitionen dazu, wir möchten ja gerne die Zeit mit dem Pferd auch aktiv gestalten, gemeinsam etwas lernen. 

Als erstes steht die Grunderziehung auf dem Stundenplan. Das bedeutet für das Pferd, das Halfter kennen zu lernen, sprich das Fohlen-ABC mit Putzen, Hufbearbeitung, stressfreier Besuch beim Tierarzt, sich führen lassen usw. Erst wenn wir die Beziehung stimmt, sind wir gerüstet für weitere Aufgaben. 

Wir lieben unsere Pferde, daher fällt es uns auch so schwer mal streng zu sein. 

Wenn ich die „Trends“ der letzten Jahre mal verfolge, dann habe ich das Gefühl, in den 90ern gab es einen Boom, zahlreiche Publikationen zum Thema Pferdeerziehung, Flüstern – gepaart mit einer gewissen Konsequenz und Durchsetzungsstärke zu veröffentlichen. Der Wunsch nach feiner Kommunikation war ja da, ein Gros der präsentierten Ausbildungssysteme beschäftigte sich vorwiegend mit negativer Verstärkung. Dann kam die Welle der positiven Verstärkung dazu. 

Betrachten wir es weniger mechanisch. Die wichtigste Zutat zur Ausbildung ist sicher Sympathie. Wenn wir das Pferd nicht mögen und das Pferd uns nicht mag, dann haben wir uns nichts zu sagen. 

„Ja, aber ich liebe mein Pferd- und ich will, dass mein Pferd mich auch immer liebt, daher fällt es mir ja so schwer streng zu sein“. Auch ein oft gehörter Satz. 

Verstehe ich auch. Denn wir streben ja absolut nach Harmonie. 

Suchen wir Rat bei den Alten Meistern

Ein Meister der feinen Pädagogik war Antoine de Pluvinel

„Strafe mit Maß und Ziel; ich würde behaupten, dass man Pferde überhaupt nicht schlagen darf, weder zu Beginn noch während der Ausbildung, ja sogar bis zum Schluss, wenn es sich vermeiden lässt. Es ist vielmehr nötig, Pferde mit Güte auszubilden und nicht mit Gewalt, wenn es dazu einen Weg gibt. Denn ein Pferd, das seine Lektionen gern ausführt, strahlt viel größere Anmut aus, als eines, das mit Gewalt dazu gezwungen wird. Außerdem kommt es durch Anwendung von Gewalt sehr häufig zu Unfällen bei Mensch und Pferd.“

Antoine de Pluvinel

Pluvinel war bei der Ausbildung der Pferde aber auch stets Analytiker: 

„Der Reiter muss zuerst einmal wissen, wer da vor ihm steht. Manche Reiter nehmen keine Rücksicht darauf, wie die Pferde veranlagt sind, ob ihnen Stärke, Geschicklichkeit oder guter Charakter fehlen. Sie werden trotzdem zum Reiten ausgebildet. 

Wenn sich ein Pferd weigert zu gehorchen, wird der kluge Ausbilder überlegen, was es davon abhält. Und das kann eben auch eine mangelnde Fähigkeit sein, die vielleicht niemals erkannt werden wird.“

Antoine de Pluvinel

François Robichon de la Guérinière  sieht die Ursache für Widersetzlichkeit bei Pferden – beim Menschen. Pferde werden widersetzlich, wenn der Mensch zu viel von ihnen verlangt, wenn wir Dinge abfragen, die die Pferde noch nicht leisten können. 

Bei den französischen Reitmeistern gab es viel positive Bestätigung wenn das Pferd etwas richtig gemacht hat: 

„Man muss das Pferd jedes Mal loben, wenn es gehorcht, oder wenn der Ausbilder sieht, dass es ansatzweise eine Lektion oder Übung auszuführen versucht. Die Pferde können uns nur dadurch verstehen und gehorchen lernen, dass wir sie sofort belohnen, wenn sie tun oder zu tun versuchen, was wir verlangen – durch Loben mit der Hand, der Stimme, oder indem wir ihnen Leckereien wie Gras, Brot, Zucker und dergleichen geben. Aber auch wenn sie etwas falsch machen, muss die Zurechtweisung sofort erfolgen, entweder mit der Stimme, der Gerte, den Sporen oder der Peitsche, mit einem oder höchstens zwei Schlägen – wenn möglich soll man geizig mit Strafen und verschwenderisch mit Lob sein, um zu erreichen, wie ich schon erwähnt habe und immer wieder betone, dass Pferde mehr aus Freude statt unter Zwang mitzuarbeiten lernen. „

Antoine de Pluvinel

Konsequenz und Strenge gab es also auch bei Pluvinel. Liest man die Werke der Alten Meister fällt sofort auf: Sie kannten ihren Lehrplan durch und durch. Hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Die Alten Meister hatten eine klare Struktur in der Ausbildung. 

Je klarer der Plan, umso leichter ist es auch konsequent nach den gewünschten Inhalten zu fragen. Wer unsicher ist, was eigentlich grad dran ist, der verzettelt sich eher und wird zum „Wischi-Waschi“ Ausbilder. 

Als Lernende und Pädagogen unserer Pferde haben wir natürlich eine Art Doppelbelastung. Zu schwer kann die Last aber nur werden, wenn wir uns zeitlich stressen. 

Wenn wir: 

  • Unsere Ziele gut visualisieren und den Lehrplan anpassen
  • Unsere Pferde als unsere Schüler gut analysieren (was kann mein Pferd, was kann es nicht)
  • unsere Trainingseinheiten gut vor- und nachbereiten
  • uns keinen Zeitdruck machen 

dann Reiten wir Einfach – oder anders gesagt – dann fällt es uns auch leichter konsequenter zu sein. Bleibt das Pferd am Putzplatz nicht unangebunden stehen, dann muss ich nicht emotional schimpfen. Ich kann das Pferd konsequent immer wieder zurück schicken. Eine Korrektur muss ja auch nicht mit einer Emotion verbunden sein – dann ist die Korrektur auch nur halb so schlimm und mit der Zeit wächst auch unsere Kompetenz in Sachen Konsequenz. 


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