Schubkraft und Tragkraft – was brauchen wir in der Reitkunst tatsächlich für ein gesundes, über den Rücken gehendes Reitpferd? Diese Fragen bespreche ich an einem nebligen Jännernachmittag mit Bent Branderup, nachzulesen im heutigen Blogbeitrag:

Bent, du hast mal gesagt: ein Pferd bleibt immer ein Pferd, ein Mensch muss halt erst zum Reiter werden. Ein Pferd an sich wäre ja nicht unbedingt zum Reiten gemacht. Wir müssen, wie es so schön heißt, seine Tragkraft stärken. Die Tragkraft ist in den letzten Jahren quasi zum „Nonplusultra“ geworden. Ist die Schubkraft gänzlich zu vernachlässigen? 

Bent Branderup: Zunächst müssen wir uns überhaupt einig werden, woher die Begrifflichkeiten „Schubkraft“ und „Tragkraft“ kommen und was sie bedeuten. Die Schubkraft entsteht durch die Tätigkeit der großen Muskeln in der Hinterhand, die für das Öffnen der Gelenkwinkel zuständig sind. Die richtige Tätigkeit des vorgreifenden Hinterfußes hängt zusammen mit der aktiven Rumpfmuskulatur.Der Hinterfuß, der die Schubkraft erzeugt, bewirkt eben ein Öffnen der Gelenke, sowie eine Abkürzung der Rückenmuskulatur. Schubkraft wirkt also auf das Standbein ein, der Fuß am Boden ist aber auch die Basis des Spielbeins und für dessen Aktivität zuständig – dies aber nur in Zusammenarbeit mit einer tätigen Bauchmuskulatur. Somit wäre es auch ein Irrtum, dass Schubkraft alleine einer Trageerschöpfung entgegen wirken könnte.

Brauchen wir denn die Schubkraft? 

Bent Branderup: Jein, aber ergänzen wir die Frage durch ein „wann“. Eine Passage, die braucht einen vermehrten Druck in den Boden vom stehenden Hinterfuß. Dies kann man aber meines Erachtens nicht wirklich als Schubkraft bezeichnen. Die Kräfte müssen schon immer ihre richtige Benennung haben.

Der heutige Turnierreiter benennt jeden Druck vom Hinterfuß in den Boden hinein als Schubkraft. An sich muss man aber Kräfte ihrer Wirkung entsprechend benennen. Daher ist eine Kraft, die in den Boden reingeht um das Pferd zu heben auch eine Tragkraft. Am deutlichsten ist das bei einem Übergang von einer Levade zu einer Croupade sichtbar. Wie könnten wir es besser benennen? An sich findet auch hier ein Öffnen der Gelenke statt, allerdings ist die Kraft, die im Brustkorb des Pferdes ankommt eine ganz andere, als die Kraft, die wir messen, wenn der Brustkorb des Pferdes sich beim Kutschenfahren ins Geschirr stemmt.

Eine Levade ist aber nicht zwingend ein positives Beispiel für Tragkraft. So sehen wir auch Levaden, bei denen die Kraft unphysiologisch über den Rücken übertragen wird. Oder wir sehen Levaden, die sogar einen langen Hängerücken, wie bei meinem Tyson, wirklich anheben können. Nur weil ein Hinterfuß in den Boden hineindrückt, heißt das noch lange nicht, dass die Bauchmuskulatur auch wirklich aktiviert wird. Es geht immer um das Zusammenspiel und die Verkettung von Muskelgruppen. So kann die selbe Übung einmal einen Katzenbuckel beim Pferd auslösen, den Rücken dabei runden, aber gleichzeitig das Pferd im Brustkorb nach unten drücken. Dann entsteht eine Trageerschöpfung im Schulterbereich. Auch durch den Einsatz von Sporen, die die Bauchmuskulatur vermeintlich aktivieren sollen, finden wir trotz angehobenem Rücken – oder deutlicher gesagt – angehobener Lende und angespannter Bauchmuskulatur (durch den Katzenbuckel) eine Trageerschöpfung beim Pferd.

Wir hätten also gerne Kräfte, die das Pferd dazu befähigen ein Reitergewicht zu tragen. Daher sind diese Kräfte richtigerweise mit „Tragkraft“ bezeichnet. Würden wir gerne ein Kutschpferd ausbilden, dann muss das Pferd ja lernen mit seinem Brustkorb in das Geschirr hinein zu drücken. Das ist dann die richtige Definition von Schubkraft. Um zu unserem Beispiel mit der Levade zurück zu kommen: den Unterschied zwischen einer richtigen Levade und einer falschen sieht man am besten in der Pesade. Hier kürzt sich die Rückenmuskulatur deutlich ab. Deswegen führt eine richtige Levade auch immer zu einer Verbesserung der Grundgangarten, während bei einer Pesade das Gegenteil der Fall ist.

Anders und aus Sicht der Akademischen Reitkunst gesagt: wenn der Hinterfuß in den Boden drückt, so dass das Pferd vorne in die Hand des Reiters drückt oder hinter der Hand geht, dann sind es falsche Muskelverkettungen, die von hinten nach vorne aktiviert wurden.

Manche Reiter wollen aber das Gewicht in der Hand spüren. Das was diese Reiter als Schwung bezeichnen, nennen wir in der Akademischen Reitkunst Spannung. Und wie schon die Alten Meister sagten: Spannung und Schwung schließen sich gegenseitig aus.

Bleiben wir beim Thema Begriffe und Definitionen: was sagst du zur Bezeichnung der „positiven Körperspannung“? 

Bent Branderup: Leider gibt es sehr viele verschiedene Auffassungen davon, was eine positive Körperspannung ist. Der Begriff wird ja auch benutzt um eine extrem spannungsgeprägte Reiterei zu rechtfertigen. Was wir brauchen, um eine wirklich effektive Kraftübertragung von einer aktiven Hinterhand durch das ganze Pferd nach vorne zu erzielen ist eine aktive Rumpfmuskulatur, denn mit einer völlig entspannten Muskulatur kann man nicht arbeiten. Was wir dagegen brauchen ist Losgelassenheit, d.h. jede Muskelgruppe muss sich in ihrem Rhythmus anspannen, aber sie muss eben zwischenzeitlich aus loslassen können.

Begriffe und Definitionen sind für mich Arbeitstitel. Aber man muss immer hinterfragen, wer welche Definitionen zu welchem Zweck benutzt. Ehe man eine Diskussion beginnt, ist es sinnvoll, die Begrifflichkeiten zu klären.

Schadet oder nutzt die Schubkraft den Pferden? 

Bent Branderup: Das was wir heute als Schubkraft beim Pferd sehen, das musste eigentlich erst gezüchtet werden. Die ursprünglichen Pferde, die Wildpferde, hatten und haben diese Schubkraft nicht. Der Mensch hat dem Pferd einen Zweck vor der Kutsche gegeben und somit nach und nach das Pferd hinsichtlich seiner Schubkraft selektiert. Ochsen hatten damals zwar weit mehr Schubkraft, das Pferd war aber schneller. Für größere Kutschen hat man dann später landwirtschaftliche Stuten und Vollbluthengste miteinander gekreuzt. Das heutige Warmblut hat auch deswegen so viel Schubkraft. Wenn wir ein Pferd aber reiten wollen, dann braucht es Tragkraft – und zwar umso mehr, je eher wir es durch unser Gewicht noch zusätzlich belasten wollen. Haben wir ein Pferd, das auf viel Rückschub gezüchtet ist, dann fällt es diesem Pferd viel schwerer zu tragen, das Pferd möchte viel lieber seine Gelenkwinkel öffnen, anstatt die Gelenke zu beugen. Natürlich muss ein Vollblut beides haben: Schubkraft und Tragkraft – hätte es keinen Vorgriff, wäre es nicht schnell, den Rückschub braucht es aber dennoch.

Heute finden wir auch Pferde, die zum Tragen sehr ungünstig gebaut sind – und somit auch zum Gerittenwerden. Wir finden lange Hängerücken oder eine überbaute Hinterhand. Wenn wir aber reiten wollen, dann macht es Sinn, sich nach einem Pferd mit einer guten Tätigkeit der Hinterhand, einem guten Vorgriff, also wiederum Tragkraft, umzusehen. Schubkraft ist für den Kutscher interessant, eine gewisse Schubkraft braucht man aber auch wenn man größere Strecken bei hohem Tempo reiten will.

Wenn man wissen möchte, wie das einzelne Pferd geritten werden sollte, der muss sich seine natürlichen Bewegungen anschauen. Zwar werden die wenigsten Pferde in Freiheit Bewegungsabläufe zeigen, mit denen sie einen Reiter gut tragen könnten, aber hier finden wir die Ausgangslage. Wenn das Pferd in der freien Bewegung durch die Ausbildung zum Reitpferd Geschick und Ausdruck gewinnt, dann ist ein guter Kompromiss zwischen Natur und Kultur gelungen. Wenn es dagegen anfängt, sich im Freilauf zu verletzen, vermehrt auf zurückgestellten Vorderbeinen steht und Ausdruck verliert, läuft etwas verkehrt.

Wie bei einem flotten Ausritt? Lässt sich das überhaupt mit der Akademischen Reitkunst vereinbaren? 

Bent Branderup: Ja, natürlich. Wenn aber der Hinterfuß nur mehr nach hinten rausschiebt und der entsprechende Vorgriff gar nicht mehr vorhanden ist, dann werden Pferde auf der Vorhand zu stark belastet. Wir sehen dann schwache Karpalgelenke, Pferde, die buglahm sind oder Probleme mit der Hufrolle haben. Das sind dann Pferde, die nur auf der Vorhand über Tempo geritten werden. Manche Pferde haben eine gigantische Vorhand und schaffen diese Arbeit 30 Jahre, andere wiederum nicht.

Warum kommt es deiner Meinung nach immer wieder zu den Vorwürfen, in der Akademischen Reitkunst fehlte das Vorwärts? 

Bent Branderup: Präzisiere: in wessen Augen fehlt das Vorwärts? Wenn ich Rennreiter wäre, dann würde ich ja noch deutlicher sagen, da fehlt noch mehr Vorwärts. Für das Gewinnen eines Rennens macht unser Schritt auf der Volte natürlich wenig Sinn. Wir müssen also ein bisschen schauen, was die Akademische Reitkunst überhaupt ist und was ihre Aufgabe ist. Akademische Reitkunst kommt von den damaligen Reitakademien und nicht von der Campagnereiterei. In der Campagnereiterei mussten plötzlich mehr Reiter auf die Pferde gebracht werden. Das war der Unterschied der modernen Armee im Vergleich zu den Berufssoldaten, die auf den Akademien ausgebildet wurden. Die Akademien hatten die Ausbildung des Menschen im Zentrum, die Campagnereiterei die Nutzbarkeit des damals in Deutschland vorhandenen Pferdes. Diese war zu Zeiten der Kavallerie eine ganz andere. Deswegen funktioniert die Campagneschule bei den Pferden mit den entsprechenden Qualitäten auch so einwandfrei. Heute treffen wir aber auf eine Vielzahl von Pferden, wo die deutsche Campagnereiterei gar nicht mehr so gut passt. Wir finden auch wenige Warmblüter aus dem großen Dressurviereck, die heute eine große Strecke zurücklegen könnten, weil der Reiter das Pferd unter Spannung setzt. Wenn er da wirklich eine große Strecke reiten wollte, würden ihm quasi die Nieren aus den Ohren kommen. Man kann nicht Kilometer über Kilometer mit Gewicht in der Hand reiten, fragen Sie mal einen Gebrauchsreiter!

Kraft, Stabilität und Mobilität sind drei wichtige Säulen für Pferde, wenn es um die Gesunderhaltung als Reitpferd geht. Wie siehst du das mit dem Ausdauertraining? Brauchen Pferde das auch? 

Bent Branderup: Die Frage ist wofür? Wie viel Ausdauer braucht ein Pferd, gemessen an unseren Zielen. Worin wollen wir überhaupt eine Ausdauer haben? Wir wollen keine Ausdauer in ungünstigen Muskelaktivitäten aufbauen. Das Pferd muss erst in eine gute, losgelassene Form kommen, um in dieser Form Ausdauer zu finden. Auch wenn man eine Piaffe macht, kann man nicht am Anfang 10 Minuten durchpiaffieren. Man begnügt sich mit einem Tritt oder zweien. Wer aber einem Pferd mit Spannungen und Verspannungen Ausdauer in ungünstigen Muskelaktivitäten gibt, der hat dem Pferd nichts Gutes getan.

Was ist mit übergewichtigen Pferden? 

Bent Branderup: Nun ja, was nicht das Maul passiert, macht nicht dick. Dick macht also das, was man schluckt. Unsere Pferde werden heute auf Weiden gehalten, die besät sind mit Mastgras. Pferde nehmen von diesem Gras sehr leicht an Gewichtsmasse zu. Wir füttern also in erster Linie zu viel.

Der Alltag des Pferdes muss abgestimmt werden auf das Futter und umgekehrt. Hier geht es um Gewohnheiten; Diäten und begrenzte Zeiten intensiven „Fitnesstrainings“ sind nicht nachhaltig. Wenn man häufig und ausgiebig ins Gelände geht, muss man dementsprechend füttern. Natürlich kann man auch nur zur Abwechslung mal ausreiten gehen, aber alles was ungewohnt ist, macht auch beim Pferd einen Muskelkater. Ausreiten zu gehen schadet nicht, wenn es für das Pferd regelmäßig vernünftig gemacht wird. In der Gymnastizierung bringen wir dem Pferd gute Gewohnheiten bei, die wir auch im Gelände nicht vergessen sollten.

Was hältst du von Trainingsplänen mit Warm up und Cool down? 

Bent Branderup: Daran finde ich grundsätzlich nichts verkehrt. Man muss aber berücksichtigen wofür man aufwärmt und daraus schließen, wie ein sinnvolles Aufwärmen aussehen kann. Ein Baletttänzer und ein Marathonläufer werden dies auch unterschiedlich angehen. Was ist „Aufwärmen“ überhaupt?

„Warm“ bezieht sich einerseits auf die Rolle von zwei Sorten von Flüssigkeit. Zum einen geht es um die Blutzirkulation, zum anderen um die Gelenkflüssigkeit. Das Dümmste also, was man machen kann, sind schnelle Dehnungen von kalten Muskeln. Muskeln, die aufgewärmt werden sollen, müssen gezielte, langsame Dehnungen erfahren. Diese Dehnungen müssen vorsichtig sein und erst mit mehr und mehr Durchblutung kommt dann auch mehr Gleitfähigkeit der einzelnen Fasern und somit Dehnung. Durch die schnelle Dehnung von kalten Muskeln riskiert man Zerrungen. Bei den Gelenken bildet sich erst durch Stimulus, also durch die Bewegung, Flüssigkeit. Daher ist eine anfangs starke Belastung der noch unaufgewärmten Gelenke nicht zielführend und deswegen ist uns die Arbeit in der Ruhe auch so wichtig. Da haben wir wieder das Problem mit der Schubkraft. Viele glauben, die meiste Belastung auf den Gelenken wäre in der Levade. Haben wir also 600 Kilo Pferd, lasten dann 300 Kilo auf jedem Hinterbein, wenn das Gewicht gleichmäßig und in Ruhe verteilt wird. Bei der Schubkraft haben wir es aber mit Masse X Beschleunigung zu tun. Dann wirkt eine Kraft von mehreren Tonnen auf die Gelenke.

Aufwärmen bezieht sich aber auch auf die Verbesserung der Koordinationsfähigkeit im Laufe des Trainings. Dieser Aspekt ist für den Aufbau des Training aus meiner persönlichen Sicht viel interessanter. Ein Klavierspieler z.B. muss sich auch „warmspielen“, bevor seine Finger so schnell und geschickt sind, wie sie es eben sein können. Das hat aber nichts mit „heißen Händen“ und Stoffwechselvorgängen zu tun, sondern mit der Steigerung der Geschwindigkeit der Reizleitung.

Darum kann ich erst nach einer gewissen Aufwärmzeit eine 100%ige Koordination vom Pferd erwarten, dasselbe gilt allerdings genauso für den Reiter.

Die Notwendigkeit eines korrekten Aufwärmens kann man nicht diskutieren, das ist biologisch vorgegeben. Wer dieser Anforderung nicht gerecht wird, wird kurz und mittelfristig nicht die Trainingserfolge erzielen, die er erzielen könnte, und langfristig Schäden riskieren. Die Vorstellung, dass ein Voraneilen in zügigem Tempo zum „Warmwerden“ schon genügen würde, ist falsch.

Das Abwärmen, wenn ein Pferd zu viel gearbeitet hat, bezieht sich ja auf den Abtransport von „Abfällen“ durch den Stoffwechsel. Ich empfehle nie mehr als das zu arbeiten, was das Pferd in 23 Stunden nochmal leisten kann. Wenn sich das Pferd nach 23 Stunden nicht erholt hat, dann war dies die falsche Arbeit.

In der Akademischen Reitkunst kann eigentlich die ganze Arbeit als Aufwärmen gesehen werden. Die Dauer des Trainings ist optimal, wenn das Pferd am Ende mit sehr guter Koordination, Balance und Konzentration die Bahn verlassen kann, ohne erschöpft zu sein.

Warum gibt es in der Akademischen Reitkunst keine Verstärkungen? 

Bent Branderup: Ich habe die Verstärkungen aufgegeben, das habe ich auch in der letzten Ausgabe meines Buches „Akademische Reitkunst“ im Cadmos Verlag erklärt. Weil ich mit Hugin Verstärkungen reiten konnte, die bis heute als als vorbildlich bezeichnet werden, nehme ich mir das Recht heraus die Sinnhaftigkeit dieser Lektionen in Frage zu stellen. Bei Hugin konnte ich beobachten, wie der Verzicht auf diese Lektionen zu einer eklatanten Verbesserung der Gesundheit seiner Hinterhandgelenke beitrug.

Wenn ich heute in einer praktischen Situation den Trab beschleunigen möchte, nutze ich eine Rahmenerweiterung, d.h. ich lasse den Rückschub proportional zum Vorgriff zu.

Der sehr fortgeschrittene Reiter könnte auch eine „fliegende Passage“ ausbilden, dabei geht es aber eher um die Nutzung der Federkräfte als um die Schubkraft. Federkräfte…ein schwieriges Thema und auch verwandt mit dem Thema Schwung.

Federkraft – ein spannendes Thema, wozu wir das Gespräch sicher fortsetzen werden. 🙂
Vielen Dank Bent Branderup für das Gespräch. 

 

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