Wie viel Vorwärts für das junge Pferd? Das ist für viele Reiter die Gretchenfrage. Den ersten Teil rund um dieses spannende Thema kannst du HIER nochmal nachlesen. 

Der Veterinärmediziner Udo Bürger  sagt zu diesem Thema: 

„Ein Pferd, von dem man aber sagt, es sei ein gerittenes Pferd, das muss gehen gelernt haben. Das geformte anerzogene und ausgelernte Gehen muss ihm zur Gewohnheit werden. Man darf sogar von der Kunst zu gehen können sprechen, ohne damit zu übertreiben. Im Grunde ist die ganze Ausbildung des Reitpferdes eine Schule im Gehen. Die Beherrschung der Gliedmaßen im richtigen Gehen ist die Grundlage des Gangs in allen Gangarten.“

Udo Bürger, Vollendete Reitkunst

Können unsere Pferde nicht gehen?

Konkret geht es um die angestrebte Einheit von Mensch und Pferd. Und für uns Menschen hießt das: 

Die Beschäftigung mit den Hinterbeinen

Hier schreiben beispielsweise Guérinière und Seunig viel darüber, den natürlichen Gang des Pferdes zu erhalten. Bürger schlägt in dieselbe Kerbe und beschreibt den natürlichen Gang als taktmässig und mahnt daher den Reiter unbedingt auf den Rhythmus des Ganges zu achten. 

Rhythm is a dancer…

Rhythmus ist so eine Sache. Mit dem Metronom zu reiten ist vielleicht manchmal zu eintönig. Eine spannende Sache ist die Arbeit und Inspiration durch Musik.
Wie klar ist der Rhythmus? Hat das Pferd einen klaren Takt oder lässt es sich aus dem Rhythmus bringen. Bei einem jungen Pferd habe ich den Rhythmus schon in der Boden- und Longenarbeit beobachtet. Folgt dieser der Musik oder hat das Pferd Schwierigkeiten einen bestimmten Rhythmus einzuhalten? Wie geht es mir eigentlich selbst, wenn ich mich zum Rhythmus einer Musik bewege? Kann ich den Rhythmus halten? Auch eine spannende Frage, wenn es um die eigene Ausdauer geht. Ändert sich der Rhythmus, wenn wir unsere Position in den Sattel verlegen? Einige junge Pferde werden vielleicht den Rhythmus steigern, andere werden sich verhalten – und andere wieder perfekt vom Boden ausgebildet und auf das Reiten vorbereitet werden sich nicht anders, als wie beim gemeinsamen Tanz am Boden verhalten. Wenn wir mit verschiedenen Rhythmen spielen – und hier eignet sich die Bodenarbeit eben auch ganz hervorragend, beispielsweise beim Longieren, denn beobachten wir unser Pferd und finden heraus, welcher Rhythmus dem natürlichen Gang des Pferdes entspricht.  

Große schleppende Tritte sind ein Übel, das von schlaffer Kondition und Energielosigkeit zeugt. Aus kurzen energischen Tritten aber kann der Reiter viel herausholen, sofern die Kraft der Muskeln sichtbar wird. In der Umformung zum Schwung werden sie für jede Leistung lang genug; Sie erleichtern dem weniger Geübten die Arbeit und geben ihm die Chance bei den trittverlängernden Übungen viel zu lernen. Aber die Kraft muss da sein. Kurze gebundene Tritte dagegen, gepaart mit mangelnder Bewegungsfreudigkeit sprechen dafür, dass Hemmungen vorhanden sind, deren Gründe entweder im Körperbau oder in schmerzhaften Zuständen an den Beinen oder im Rücken zu suchen sind. 

Udo Bürger, Vollendete Reitkunst

In unserer neuen Position vom Sattel aus, zeigen wir unserem Jungpferd nochmal alle Hilfen, die wir vom Boden aus erarbeitet haben nochmal. 

Da die Schenkelhilfe in der Bodenarbeit durch die Gerte ersetzt wurde, ist mir eine Übung mit physischem Kontakt sehr wichtig. Dafür gehe ich direkt neben meinem Pferd und lege meine Handfläche in die Sattellage. Ich kann meine Handfläche auch in etwa dort ablegen, wo später mein Oberschenkel aufliegt. Nun denke ich ans Tanzen. Wenn ein Tanzpaar auch ohne Begleitung durch Musik von einem Walzer in einen Cha-cha-cha wechseln kann, dann bedeutet das Einheit, Verbindung, Spüren, Geben und Nehmen von Energie. Kann ich also, über meine Intention, über meinen Körper, wenn ich neben meinem Pferd gemächlich laufe die Energie steigern zu einem flotteren Schritttempo, oder gar zu einem Trab, oder vielleicht zu ein paar Galoppsprüngen? In der Frontosition in der Bodenarbeit vor dem Pferd aber auch in der Longenposition ersetzt die Gerte immer den inneren Schenkel (oder natürlich auch den äußeren Schenkel). Daher spiele ich gerne mit der Energie über den physischen Kontakt – so als kleine „Zwischenstufe“ bevor ich mich das erste Mal auf den Rücken meines Jungpferdes wage. 

Wenn Pferde also verhalten auf den direkten, vortreibenden Schenkel reagieren und damit nichts anzufangen wissen, dann können diese Übungen zur Energieübertragung eine wichtige Lücke in der Ausbildung schließen. 

Wenn das Pferd im Schritt unterwegs ist, denke ich an den idealen Rhythmus, den wir in der Bodenarbeit schon entdeckt hatten und versuche diesen zu fördern – falls nicht ohnehin schon vorhanden. 

Was, wenn der Gang unnatürlich wird? 

Bad news, der Fehler sitzt immer im Sattel. Sobald wir zu sehr eingreifen, sobald wir mit unseren Händen etwas herstellen wollen, was noch nicht ist, wird sich die natürliche Gangfolge verändern. 

Hier kommt erneut das viel zitierte Reitergefühl ins Spiel. Wenn es um Hinterbeine geht, dann müssen wir fühlen und interpretieren können, wann das Hinterbein in der Spielbeinphase ist, wann es als Standbein arbeitet und ob es hier eben gerade aufgefußt ist, oder schon wieder am Abschieben. 

Möglicherweise bietet das Pferd kürzere Tritte an, wenn es die Streckstellung, also wenn es sich vom Boden abschiebt verlängert, der Vorgriff wird aber dabei geringer. Möglicherweise macht das Pferd auch kleine Schritte nach vorne, es kommt mit dem Hinterfuß also nicht in Richtung Schwerpunkt. Das Pferd kann auch aus dem Takt kommen, ungleich fußen, eilig werden, sich zäh anfühlen. Die Möglichkeiten sind vielseitig. 

Der direkte Schenkel, also der vortreibende Schenkel steht somit auf dem Stundenplan. Dabei ist es eben wichtig, dass der Reiter den individuellen, natürlichen Gang des Pferdes im Gefühl hat. Verhält sich das Pferd im Vergleich zur Bodenarbeit? Oder wird es eilig? 

„Das erste Stadium der Ausbildung ist mehr Erziehung als Ausbildung. Aus dem freien natürlichen Gang wird das Pferd durch die treibende Hilfe zum fleißigen Gang angeregt. Geht es fleißig und entschieden vorwärts, dann streckt es sich von selbst und sucht die Zügelanlehnung, die ihm auch gegeben werden soll“.

Udo Bürger, der Reiter formt das Pferd

Zu Beginn halte ich die gerittenen Einheiten sehr kurz. Ich beobachte: Bleibt die Balance erhalten, bleibt das Pferd losgelassen, bleiben Tempo und Takt gleichmässig? Beginnt das Pferd sich ein wenig zu strecken? Dann bin ich mit einer meiner ersten Einheiten voll und ganz zufrieden und steige ab, um mein Pferd auf Augenhöhe ordentlich zu feiern. 

Mit der Zeit steigern wir die Zeit im Sattel, ganz allmählich kommt alles Weitere hinzu, immer die Qualität von Rhythmus, Takt und Tempo prüfend. Es ist nicht immer leicht, das individuelle Tempo des Pferdes zu bestimmen. Manchmal fühlt sich ein Ergebnis ganz gut an, eine Videoaufnahme zur Analyse zeigt jedoch beispielsweise – plötzlich wurden die Vorderbeine rückständig. Zuviel Schub, das Pferd ist nun stark auf die Schultern gefallen. 

Die Gehfreude ist auch „draußen“ sicherlich einfacher zu erhalten. 1995 habe ich meinen Trakehner Wiesenkobold vorwiegend im Gelände und mit Unterstützung im Team Teaching (mit dabei war ein erfahrenes Pferd und dessen Reiter) angeritten. 

Und das mit dem Gelände möchte ich auch weiter so halten. 

„Wie wir wissen sind es die gleichen Muskelgruppen, denen die Hankenbiegung und die Schubkraft obliegt. Daraus erklärt sich die Erfahrung, dass der Wechsel zwischen Reitbahn und Geländereiten mit Klettern für die Entwicklung der Hinterhand am förderlichsten ist. Beides ergänzt sich, das eine ist eine Geschichlichkeitsgymnastik und das andere Kraftsport für die Pferde. Beides ist notwendig“.

Udo Bürger, Der Reiter formt das Pferd. 

Wenn du mehr zum Thema Vorwärts wissen möchtest, dann lege ich dir den Podcast mit Ursula Ursprung ans Herz. 

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