„Nach genauen Vorschriften und toten Buchstaben kann der Reiter ein Pferd wohl zur Maschine machen, aber nicht dressieren. Dies vermag er nur, wenn er sich von seinem Gefühl und seinem eigenen Urteil leiten lässt“.

Dieses Zitat entnommen aus Gustav Steinbrechts „Gymnasium des Pferdes“ verdeutlicht was der Reiter in erster Linie braucht: Gefühl.

Ich bin kürzlich umgezogen und habe dabei meine Reitliteratur gründlich ausgemistet. Darunter waren vor allem sehr viele Bücher, die ich ganz zu Beginn meiner Reise in die Pferdewelt verschlungen hatte. Woran es lag, sei dahingestellt: Aber in vielen Büchern, vor allem für Reitanfänger, Bücher rund um die ersten Reitabzeichen usw. fand ich erschreckend wenig, besser gesagt gar keinen Inhalte über das richtige Reitergefühl zu lesen, das Steinbrecht mit „Reitertakt“ oder „feinem Gefühl“ beschreibt.

Gerade in der heutigen Zeit muss alles immer schneller und möglichst auf Knopfdruck funktionieren. Viele Diskussionen rund ums Reiten arten dann in Gesprächen rund um die richtige Technik aus. Dabei gibt es doch gar keinen Knopfdruck am Pferd, der prompt eine Piaffe liefert.

 Kopf oder Bauchmensch?

Grundsätzlich würde ich mich eher als Bauchmenschen bezeichnen. Als ich die Akademische Reitkunst kennen lernte, war ich dennoch überrascht, wie lange es dauert, seinen Hintern zur „emphatischen Info-Aufnahmezentrale“ umzuschulen. Dazu kommt: wir sind als Mensch auch sehr daran gewöhnt, alles mit unseren Händen zu erledigen bzw. anzupacken. Das „Raubtier“ Mensch davon zu überzeugen, einmal geduldig zu sein, nicht immer gleich alles zu packen und zu fassen und genau zu fühlen, was da passiert ist kein leichtes Unterfangen.

Wie wichtig eine „Gefühlsschulung“ ist, wurde mir auch im heurigen Jahr beim Kurs mit Jossy Reynvoet klar, als mir die Augen verbunden wurden und ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Pferd blind longierte. „Schau nicht hin“ – war Jossys klare Anweisung. Ich sollte spüren, wie groß die Distanz zu meinem Pferd ist, ob ich unfreiwillig eine verwahrende oder treibende Position eingenommen hatte. Und trotzdem: Selbst blind gelang es mir erst nach ein paar Runden meinen Kopf „loszulassen“ vom dringenden Wunsch hinzusehen und hinzufassen. Mit dem Spüren kam die Erkenntnis, dass ich gar keine Augen benötige, um zu „sehen“ wo sich mein Pferd befindet, ob der Takt noch stimmt, ob ich lösen muss, ob die Schulter herein fällt und und und. Zusätzliches AHA Erlebnis: Für Körpersprache brauche ich keine Augen und „Kopf-Kontrolle“. Im Gegenteil, blind agiert man sogar besser.

Das bestätigt auch Steinbrecht:

„Wie der Blinde den zu prüfenden Gegenstand ganz sanft und leise mit den Fingerspitzen berührt, um nicht durch zu starken Druck die Tätigkeit der feinen Nerven zu beeinträchtigen, so ist es auch für den Reiter erste Bedingung, diejenigen Teile seines Körpers, durch die er sein Pferd zunächst fühlt, weich und natürlich zu lassen. Erfüllt sein Sitz diese Bedingung, so wird er bald die Bewegung der Pferdebeine fühlen, einzeln unterscheiden lernen und dadurch die Mittel gewinnen, so unbedingt über sie zu gebieten, als wären es seine eigenen. Wie sehr steife und gezwungene Körperhaltung das feine Reitergefühl beeinträchtigt sehen wir an manchem alten praktischen Reiter, der trotz vieljähriger Arbeit und Übung über die Fußsetzung seines Pferdes dennoch im Zweifel bleibt und sich in lächerlichen Gebärden mit den Augen davon zu überzeugen sucht“.

Der große deutsche Reitmeister kritisierte bereits zu seiner Zeit (1808-1885), dass es kaum Reitakademien mit ausgebildeten Schulpferden gab, auf denen der ungeübte Reiter seinen Sitz „erspüren“ konnte:

„Bei solcher Ausbildung, bei der sich durch gelegentliche leichte Erinnerung des Lehrers auch die schönen Formen des Sitzes ganz von selbst finden, gewann der Schüler von vornherein Freude und Genuss am Reiten und begründete fürs ganze Leben das, was das wichtigste fürs Reiten und besonders fürs Zureiten ist, das feine Reitergefühl. Es bedarf keiner Worte, dass in der Armee eine derartige Ausbildung der Rekruten kaum möglich ist. Der junge Mann aber, der sich der Reitkunst fachgemäß widmen will, dürfte nicht anders erzogen werden. Wenn daher heutzutage die Klage allgemein laut wird, dass wir keine Bereiter mehr haben, denen man ohne größte Sorge ein junges Pferd anvertrauen kann, so ist dies nur die natürliche Folge davon, dass es keine akademischen Reitschulen mehr gibt, auf denen Schulpferde ausgebildet werden, die dann die wahren Lehrer des Reiteleven abgeben“.

Fühlen lernen

Achtsamkeit und Aufmerksamkeit kann man lernen, mehr auf sein Bauchgefühl zu hören ebenso. Dies lässt sich auch gut im Alltag üben – vor allem, wenn man bei der Arbeit sehr kopflastig gefordert ist, tut es immer wieder mal gut hineinzuhorchen in sich selbst. Aller Anfang ist schwer, mein Trainingstagebuch hat mir hier auch schon wertvolle Unterstützung geleistet – auch weil ich die Stimmung meiner Pferde analysiere und nicht nur die Lektionen, die nicht geklappt haben. Schließlich steht ja alles in einem großen Zusammenhang. Und immer wieder mal die Augen zu schließen und sich bewusst auf sein Gefühl zu verlassen, kann ebenso sehr hilfreich sein. Immer wieder lasse ich mich auch mal auf meinen Pferden in den Seitengängen im Schritt von einem Helfer vom Boden aus führen, um mein Gefühl für den Sitz zu schulen.

 

Reiten wir also einfach – mit Gefühl! 😉

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