Bist du schon perfekt? 

„Ich möchte den Stall wechseln“, teilt mir eine Schülerin mit. Ich frage interessiert nach dem Warum. Für die Pferde scheint es dort ja zu passen. Aber nicht für die Menschen, so meine Schülerin. Denn der lernende Reiter ist ständig den kritischen Blicken ausgesetzt. Im Internet werden ebenso tagtäglich Bilder von Reitern zerrissen – und auch im täglichen Leben fühlt sich der eine oder andere dem Druck der Perfektion ausgesetzt.

Wann ist man fertig?

Vor ungefähr einem Jahr hatte ich ein Gespräch mit Bent Branderup über die Ausbildung von schwierigen Pferden im Rahmen eines Interview für das Bookazin „Feine Hilfen“. Im Laufe dieses Gesprächs erzählte mir Bent von einem Pferd, das er für eine Kundin ausgebildet hatte. Das Pferd beherrschte einige Dinge schon sehr schön, daher war er natürlich neugierig, als er die Kundin zehn Jahre später erneut traf. Er fragte nach der Entwicklung und wurde jedoch überrascht. Die Reiterin hatte dem Pferd nichts weiter Neues mehr beigebracht. In seinen „Wort zum Sonntag“ zum Abschluss seiner Seminare ermuntert uns Bent auch immer zu einer philosophischen Reise zur Reitkunst – ganz nach dem Motto:

Der Weg ist das Ziel. Wir Reiter sollen doch auch Freude am Weg finden – wenn wir morgen schon da sind, was bleibt uns schließlich bei unserer persönlichen Entwicklung über?

Perfektion und Vorbildwirkung

Die Sache mit der Perfektion. Die Sache mit dem ganz persönlichen Druck.
Immer, wenn bei uns ein Kurs ins Haus steht, dann freuen sich natürlich alle aktiven Reiter vom Wissen meiner Kollegen zu profitieren. Auf der anderen Seite werden Hausübungen überprüft, schließlich haben wir ja auch oft gut ein Jahr an den Vorgaben vom letzten Kurs gefeilt und getüftelt. Somit steigt auch die Aufregung, wir möchten es ja schließlich „gut“ machen. Und im Publikum sitzen dann auch noch Leute, die ja auch schon viel Fachwissen mitbringen und damit durchaus kritisch hinsehen.

Immer wieder stelle ich dann fest, dass die Vorfreude auf den Kurs auch dem Druck der Perfektion  zum Opfer fällt. Dieses Phänomen kenne ich selbst auch. Vielleicht bin ich früher auch oft unbefangener geritten, als ich noch nicht selbst Trainer war. Ich weiß, ich stehe jetzt noch viel stärker „im Fokus“ der Beobachtung, schließlich bin ich diejenige, die den Kurs organisiert, schließlich reiten auch meine Schüler bei dem Kurs mit und sind somit auch „meine Visitenkarten“. Je weiter man in dieser Hinsicht denkt, umso stärker schließt sich die Perfektions-Schlinge und nimmt die Luft zum atmen.

Man kann sein Leben damit verbringen, die perfekte Rosenblüte zu suchen. Und obwohl man sie nicht finden wird, wäre es ein gutes Leben. Japanisches Sprichwort.

In solch einem Momenten rufe ich mir wieder in Erinnerung, warum ich mich für ein Leben mit Pferden und ein Leben als Trainer entschlossen habe. Ich hatte selbst genug von Sackgassen, von Unterricht, der weder auf die psychischen noch physischen Voraussetzungen meines Pferdes und mir Rücksicht genommen hat. Ich möchte verstehen und Verständnis weiter geben. Ich möchte sehen lehren und nicht zu verurteilen. Ich möchte vor allem eines: Wertschätzung für Mensch und Pferd weitergeben und dadurch dem Pferd eine Aufgabe geben, die es verstehen und mit großer Freude (über sich selbst und seine Fähigkeiten) ausüben möchte. Kurz und kitschig, aber unendlich gut: Ich möchte, dass Mensch und Pferd Flügel wachsen. Einfach. Reiten. 

Wenn ich meine Pferde so betrachte, dann wäre es im Sinne der „Lektionenreiterei“ ein Leichtes mit meiner Stute Pina perfekt zu tanzen. Und doch habe ich mich für heuer anders entschieden. Pina hat so viel Spaß daran, meinem Vater zu zeigen, wie korrekter Rückenschwung zu gemeinsamen Wohlbefinden führt – und ich kann mich nun ganz auf meine Fuchsstute „Tabby“ konzentrieren.

Was das mit dem Thema „Vorbildwirkung“ zu tun hat? Nun, mir war es persönlich weniger wichtig, mit Pina nun weiter an Lektionen zu basteln, die wir irgendwo im Rahmen einer öffentlichen Arbeit oder eines Kurses zeigen können – mir war es wichtiger, dass Pina eine gute Zeit hat. Und wer weiß, was noch kommt. Aber wir haben es wahrlich nicht eilig.
Ich möchte also immer im Sinne des Pferdes Entscheidungen treffen – und niemals meinen persönlichen Ehrgeiz vor das Wohlbefinden meiner Pferde zu stellen.

Perfektion und der rote Drache

2009 verliebte ich mich neu. In meine rote Trakehnerstute Tabby, die mich so unendlich an die Pferde erinnert, auf denen ich als Kind reiten lernte. Tabbys breitbeiniges Marschieren, die schwankende Hüfte und die wackelnden Knie- Sprung- und Fesselgelenke negierte ich, schließlich ist Liebe immer stärker als Vernunft. Und schließlich arbeiten wir ja „akademisch“ – da kriegen wir das schon hin.

Als ich Tabby kennen lernte war ich also zutiefst optimistisch. Wir schafften nach drei Jahren gemeinsamer Arbeit den Squire Test und Tabby zeigte mir, wie man eine auch schwierige Hinterhand zur Geschmeidigkeit ausbilden kann. Dabei zeigt(e) sie auch deutlich wann etwas zu viel für sie ist.

Je mehr ich über die Ausbildung von Pferden verstehe, umso öfter ertappe ich mich dabei, überkritisch mit Tabby zu sein. Die Hankenbeugung könnte noch besser sein, die Geschmeidigkeit, die Balance, die Durchlässigkeit. Ich werde manchmal vielleicht sogar ungerecht, übersehe, wenn sich Tabby sehr bemüht, aber halt einfach nicht mehr kann. Und weil Tabby einfach für verschiedene Dinge mehr Zeit braucht, ich aber manchmal das Damoklesschwert der Perfektion über mir spüre, werde ich frustriert. Ich scheitere an der Erwartungshaltung, die ich mir von außen auferlegt habe. 

Ich bespreche die Probleme in Tabbys Ausbildung mit Kollegen, dabei vergesse ich eins bei meiner Schilderung zu erwähnen:

Niemand ist so zuverlässig wie Tabby. Was mein kluger Fuchs einmal weiß, das sitzt. Trakehner halt.

Wenn es drauf ankommt, dann ist Tabby für mich da. Das zeigt sie auch beim Kurs mit Bent Branderup im letzten Juni, wo mein „heißer Ofen“ auswärts sogar für ein anderes Pferd zur Beruhigung in der Halle bleibt.

Tabby passt auf ihre Herde auf, sie ist auch hier sehr zuverlässig.

Perfektion liegt im Auge des Betrachters

Vor zwei Wochen dann der Kurs mit Hanna Engström. Wieder zähle ich Hanna unsere Baustellen auf.  Ich war bereits mehrmals bei Hanna zu Besuch auf Gotland und bin dort ihre Pferde geritten. Jetzt bin ich gespannt, was sie für Tabby und mich bereit hält. Und der erste Satz: Wir kümmern uns nicht um die breitbeinigen Hinterbeine. Interessiert uns nicht. Hanna geht nicht auf die Schwächen meiner Stute ein, wir basteln – natürlich und so habe ich es mir gewünscht an meinem Sitz. Mein Sitz, der Tabby mittlerweile sehr eindeutig sagen kann, wo ich gerne ihre Hinterbeine hätte. Und was passiert, wenn sich der Betrachter ändert, der Fokus ändert und ich mir schlichtweg denke: Sei es drum, wir probieren mal? Das Bewegungskonzept von Tabby ließ sich wunderbar ändern, obwohl wir nicht ständig an den Hinterbeinen meiner Stute „kritisiert“ haben, ließen sich diese zu mehr Stabilität anleiten und dies führte eindeutig zu mehr mentaler Losgelassenheit. Tabby wurde streichelweich und sehr zufrieden.

Die andere Seite von Perfektion

Seit einem Jahr habe ich Conversano Aquileja – oder halt einfacher gesagt – den „Konrad“ in meinem Team. Konrad ist mein Zauberpony. In erster Linie weil er einfach unheimlich lieb ist. Er hat einen ganz zauberhaften Charakter, möchte mir immer gefallen und ist einfach irrsinnig gerne mit seinem Menschen zusammen. Ein „Muss“ hat er noch nie erfahren. Und deswegen geht alles einfach – Spielerisch leicht. Wenn wir mit Energie spielen, dann probiert er sich aus, eine Idee von Levade hier, eine Idee von Schulhalt da, alles überhaupt kein Problem. Ich nehme, was er anbietet und teile seine Freude an der Bewegung. Daher ist Konrad natürlich auch immer motiviert. Und da er sich sonst auch sehr gut benimmt und gut zuhören kann, kennt er nur Lob und keine Kritik.

Seine Einstellung hat mir sehr die Augen geöffnet. Wie reagiert meine Tabby auf mich und wie reagiert Konrad? So ist Konrad in Wahrheit mein bester Lehrmeister, der mich zu einem besseren Pädagogen für Tabby werden lässt. Und umgekehrt könnte ich Konrad niemals die Geschichte mit der Akademischen Reitkunst erzählen, wenn Tabby mir nicht jedes einzelne Wort über die Reitkunst ganz genau erklärt hätte.

Wie man mit sich selbst umgeht

Perfektionismus abzulegen und einfach zu sein. Das ist nicht einfach. Irgendwann spüren wir alle mal etwas Druck „von oben“ oder „von der Seite“. Ich selbst habe mich beim Schreiben dieser Zeilen gefragt: „Kann ich das wirklich schreiben? Das ureigene Thema mit sich selbst so ins Internet packen? Die Tatsache, dass mir mein eigener Perfektionismus auch öfter mal Kummerfalten beschert?“

Ja, ich kann. Und dazu noch ein weiser Rat des Stoikers Epiktet:

„Gott legte dieses Gesetz fest, das besagt: Wenn du etwas Gutes haben möchtest, dann hole es aus dir heraus“.

In diesem Sinne ist dies die beste Zutat wenn wir eines wollen: Einfach. Reiten. 

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