Barockpferde findet man nur in Spanien, Portugal oder Österreich? Nein – auch in bella Italia ist eine ganz spezielle Rasse beheimatet, die wir im heutigen Rasseportrait vorstellen. Gina Rowley aus Deutschland hat sich in die rassigen Italiener verliebt und stellt „ihre“ Murgesen im heutigen Interview vor:

Italia – Pizza, Pasta e Murgese….

 

Gina, wie bist du auf die Rasse gekommen und warum ziehen dich Murgesen bis heute in den Bann?

Gina: Als Pferdemenschen kann man im Urlaub ja auch nicht ohne Pferde. Daher haben wir im Italienurlaub einen alten Freund meiner Mutter besucht, der dort mehrere Pferde besitzt und einen Reitstall betreibt. Für mich – damals 5 Jahre alt – war das natürlich eine wundervolle Sache. Erkundungstour auf dem Bauernhof. Als mich meine Mutter in der Stallgasse suchte, fand sie Milo.  Milo, ein achtjähriger, schwarzer Murgesenhengst, stand alleine in einer dunklen Box, ohne Koppelgang und ohne Sozialkontakt, weil sein Besitzer seit zwei Jahren nicht mehr gekommen war. Für meine Mutter war es Liebe auf den ersten Blick und für mich war es der Anfang eines wunderbaren Reiterlebens mit einem unglaublichen Pferd – der beste Lehrer übrigens, den ich mir nur wünschen konnte.

Was sind die Besonderheiten der Rasse „Murgesen“? 

Gina: Das Außergewöhnliche am Murgesen ist sein Kopf. In jeder Beziehung. Er ist meistens sehr groß und ein wenig ramsig, mit ruhigen, tiefgründigen Augen. Aber das, was in diesem Kopf vorgeht, macht den Murgesen  in der Tat einzigartig. Er ist ausdauernd, und kann sich ewig konzentrieren. Er ist absolut nicht nachtragend und unglaublich geduldig. Außerdem habe ich bei Pferden selten so eine charakterliche Tiefe erlebt, was sie außerhalb der Arbeit zu sehr interessanten ‚Gesprächspartnern‘ macht. Murgesen sind außerdem unglaublich anpassungsfähig und robust. Sie sind nie zickig oder launisch und wenn sie eine Beziehung aufgebaut haben, werden sie diese nie wieder in Frage stellen. Man ist mit einem Murgesen auch immer dazu gezwungen genau hinzuspüren, denn wenn es ihm nicht gut geht, beißt er die Zähne zusammen und stellt sich seiner Aufgaben, ohne zu meckern. Man muss ein gutes Fingerspitzengefühl entwickeln, um das zu erkennen.

Warum eignet sich der „Murgese“ für die Akademische Reitkunst? 

Gina: Der Murgese bringt auch körperlich gute Voraussetzungen für die akademische Arbeit mit. Insbesondere aber macht er es dem Menschen durch seine Lernbereitschaft und Intelligenz leicht. Nun ist ja die Dressur für das Pferd da und nicht umgekehrt. Für den Murgesen aber  ganz besonders, da ihm die gymnastizierenden Übungen zu einem neuen Körpergefühl verhelfen, das ihm vielleicht nicht immer natürlich gegeben ist. Durch seine unglaubliche Ruhe ist es ihm möglich, seinen ganzen Fokus auf den Moment zu legen. 30 Minuten in der Halle stehen und konzentriert auf die nächste Aufgabe warten, ist für den Murgesen ein Kinderspiel. Da kann zeitgleich die Welt untergehen. Er behält den Fokus.

Wir beschäftigen uns ja auch mit der Geschichte der Reitkunst, kannst du uns etwas über die Geschichte des Murgesen erzählen? 

Gina: Das Murgesenpferd, wie wir es heute kennen, ist erst Anfang dieses Jahrhunderts wieder neu entstanden. Die einzigartige und karge Landschaft im Süden Italiens brachte eine extrem robuste Pferderasse hervor, die einst eine Variante des Neapolitaners war. Diese war in ganz Europa berühmt für ihre Schönheit, Robustheit und Vielseitigkeit. 1872 schrieb der Tierarzt Giuseppe Carelli, dass es in Apulien noch Pferde gab, die dem Idealbild des Neapolitaners entsprachen und der Familienzucht des Herzogs von Conversano entstammen würden. 1923 gab es dann nur noch drei Blutslinien. Nerone, Granduca da Martina und Araldo delle Murge. Die Nachkommen dieser Pferde waren so vielseitig einsetzbar im Zusammensein mit dem Menschen, dass sie neben den Maremmapferden zu den beliebtesten Pferderassen zählten. Jedoch führte ihre besondere Belastbarkeit und ihre hervorragende Eignung in alpinem Gelände beinahe zu ihrer vollständigen Ausrottung während des zweiten Weltkrieges. Die Pferde, die den Krieg überlebt hatten, fanden ein trauriges Ende in der Fleischproduktion. Erst in den 70-er Jahren hat man es geschafft, die Zucht wieder zu regulieren und zu kontrollieren.

Du sagst, die Vielseitigkeit der Murgesen machte sie besonders beliebt. Ist dann der Murgese ein Allrounder, der quasi für Jeden geeignet ist? 

Gina: Der Murgese ist ein Pferd, das schnell plump und schwer aussieht, wenn es falsch geritten wird. Der Murgese ist für mich ein Rohdiamant-  und nur wer bereit ist, viel Zeit in das Studium seines Wesens zu investieren, wird ihn zum Glänzen bringen. Anfangs könnte ein ambitionierter, ehrgeiziger Reiter schnell verzweifeln, weil man den Murgesen oft zweimal bitten muss, vor allem, wenn die Beziehung zwischen Reiter und Pferd noch nicht gefestigt ist. Denn der Murgese ist ein Pferd, dass sich nicht auf jeden einlassen kann und einen Langzeitpartner braucht. Viele scheitern auch an der Energie, die der Murgese oft sehr sparsam einsetzt. Wird diese dann  vehement eingefordert, hat man schnell ein Pferd, das sich komplett verweigert und jeglichen Zugang blockiert. Da der Murgese dies aber nie durch Aggression zeigt, ist er natürlich auch dafür prädestiniert, in die falschen Hände zu geraten. Hier resigniert er einfach und macht dicht. Wenn man es aber geschafft hat, den Murgesen von sich zu überzeugen, ist ihm der Spaß an der Arbeit deutlich anzusehen, und man kann mit einem täglich motivierten Pferd rechnen.

Gibt es ein Erlebnis, oder eine Geschichte, wo du sagen würdest: das war Typisch Murgese? 

Gina: Ja, da gibt es viele. Spontan muss ich da sofort an ein Erlebnis aus meiner Kindheit denken. Es ist mitten im Winter und frischer Schnee bedeckt die Wege. Milo war zu dem Zeitpunkt schon gelegt, hatte in seiner Zeit in Italien allerdings wenig an Ausbildung genossen. Dennoch war er durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Für uns Kinder damals super. Kurzerhand wurden zwei Kinderschlitten angespannt, mit jeweils zwei Kindern darauf, und nochmal zwei Kinder, die auf seinem Rücken saßen. Und meine Mama hat geführt. Da kam uns ein Traktor entgegen, der Baumstämme geladen hatte. Diese Baumstämme fielen uns praktisch vor die Füße und der Lärm war enorm. Milo zuckte nicht einmal. So war es immer mit ihm. Insbesondere wenn wir Kinder auf ihm saßen.

Mehr Infos über Gina und die Murgesen in Deutschland gibt es auf dieser Facebookseite.

 

Vielen Dank an  Gina für das besondere Rasseportrait der Murgesen. 🙂 

 

 

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