Was hat die Hand beim Reiten eigentlich zu tun? Ein Mysterium der Reitkunst, wobei ein großer Meister der Vergangenheit hier etwas Licht ins Dunkle bringen kann. Die Rede ist von François Robichon de la Guérinière (1688-1751).

In seinem Werk beschreibt er ausführlich alles über Hand- und Zügelwirkung. Wie würde eine Reitstunde oder ein Interview mit ihm wohl heute aussehen?

Wie muss denn eine Reiterhand überhaupt beschaffen sein? 

Guérinière: Der Herr von Brouè und der Herzog von Newcastle beschreiben eine gute Hand als leicht, weich und stetig.

Das sagt sich so einfach – wo schlummern denn die  meisten Tücken, auf dem Weg zu einer leichten, weichen und stetigen Hand? 

Guérinière: Ja, Sie haben recht. Die Vollkommenheit der Hand hängt ja freilich nicht alleine von der Hand alleine ab, sondern auch vom Sitz des Reiters. Wenn der Reiter nicht im Gleichgewicht sitzt und auf dem Pferd zu Schwanken droht, dann kommt natürlich auch die Hand aus der Position, wo sie sich befinden sollte. Sie verliert also Funktionalität und der Reiter, der die Kontrolle über den Sitz wieder erlangen zu trachtet, ist mit seiner Körperhaltung beschäftigt, aber nicht mehr mit der korrekten Wirkung der Hand.

Die modernen Reitvorschriften besagen, dass Zügelhilfen immer eine Anwendung in Verbindung mit entsprechenden Gewichts- und Schenkelhilfen finden muss? 

Guérinière: Das hat heute auch noch Gültigkeit. Die Schenkelhilfen müssen auch mit der Hand übereinstimmen, weil sonst die Wirkung der Hand nie genau sein kann.

In der Fachsprache nennt man dies, mit Hand und Schenkeln übereinstimmen, was die Vollkommenheit aller Hilfen bedeutet. Die Hand muss immer zuerst wirken, und die Schenkel müssen diese Bewegung begleiten, denn es ist ein Hauptgrundsatz sowohl der natürlichen wie auch der künstlichen Gänge, dass der Kopf und die Schultern des Pferdes zuerst gehen müssen. Da das Pferd vier Bewegungsrichtungen hat, nämlich vorwärts, rückwärts, nach rechts und nach links, muss auch die Zügelhand viererlei Wirkungen hervorbringen, nämlich Nachgeben, Anhalten, Wenden nach rechts und Wenden nach links.

Bleiben wir bei den Parallelen der heutigen, modernen Reiterei. Hier werden die Zügelhilfen als nachgebend, annehmend, aushaltend, verwahrend und seitwärtsweisend beschrieben. Eine Definition, der Sie auch zustimmen würden? 

Guérinière: Ja, die erste Wirkung ist eindeutig mit der Hand nachzugeben, um das Pferd überhaupt vorwärts gehen zu lassen. Das Anhalten des Pferdes mit der Hand, erfolgt, indem man die Hand dem Körper nähert und die Zügel mit etwas aufgedrehten Fingernägeln annimmt. Diese Hilfe verwende ich nicht nur um ein Pferd anzuhalten, sondern auch um es zu parieren, mittels einer halben Parade aufmerksam zu machen oder auch rückwärts gehen zu lassen. Wichtig ist jedoch bei dieser Hilfe nicht zu stark in die Steigbügel zu treten, sondern man muss mit der Bewegung des Pferdes mitgehen und dabei die Schultern etwas nach hinten nehmen.

Die dritte Wirkung der Hand ist die Wendung nach rechts. Man führt die Hand auf die rechte Seite und hält die Nägel etwas aufwärts, damit der äußere, also der linke Zügel, der hierbei wirken muss, etwas früher wirken kann.

Die vierte Wirkung oder die Wendung nach links erfolgt, indem man die Hand auf die linke Seite führt und hierbei die Nägel etwas nach unten dreht, damit der äußere Zügel in diesem Fall der rechte, der den Druck gegen den Hals ausübt, einwirken kann.

Wie sieht es mit der Erarbeitung von Stellung und Biegung aus? 

Guérinière: Wir gehen davon aus, dass wir ein Pferd in der Reitbahn arbeiten, um es weiter auszubilden. Der innere Zügel muss nun etwas verkürzt werden, somit kann der Reiter den Kopf etwas leichter nach innen zu stellen. Ich muss betonen, dass nur ein Pferd, das gebogen ist in die Reitbahn gehört. Der innere Zügel darf allerdings nicht zu stark verkürzt werden.

Der innere Zügel soll also etwas kürzer, aber doch nicht zu stark verkürzt werden? 

Guérinière: Das ist korrekt, denn wie bereits beschrieben gehört zu unseren Zielen in der Ausbildung die Erarbeitung einer korrekten Biegung. Ist das Pferd in der Reitbahn gebogen, dann verlangt es bereits die mathematische Betrachtung des Pferdes auf einem gebogenen Zirkel, dass der innere Zügel etwas kürzer ist als der äußere. Schließlich beschreitet das innere Beinpaar des Pferdes auch einen kleineren Zirkel als das äußere Beinpaar. Wird der innere Zügel jedoch zu kurz gefasst, kommt es zu einer falschen Anlehnung, möglicherweise zu einem Verkürze des äußeren Zirkels. Grundsätzlich muss man in der Zügelhand immer die Wirkung beider Zügel fühlen müssen.

Die Wirkung beider Zügel in einer Zügelhand bedeutet jedoch, dass die Zügel nicht beidhändig, sondern einhändig geführt werden.

Mehr dazu im zweiten Teil des Interviews…..

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