Wer sich mit der Reitkunst auseinandersetzt, setzt sich mit den Lehren Alter Meister, der Geschichte der Pferde und der Geschichte alter Rassen auseinander. So stellt sich vor allem für die österreichischen Leser die Frage: Was ist dran am Phänomen der Lipizzaner.

Martin Haller hat nicht nur ein fabelhaftes Buch über die korrekte Pferdebeurteilung geschrieben, sondern auch ein Werk über die Lipizzaner verfasst:

Martin, wie alt ist die Rasse wirklich?

Martin Haller: Die offizielle Gründung des Gestüts Lipica/Lippiza/Lipizza geht auf das Jahr 1580 zurück, als Erzherzog Karl, der Regent Innerösterreichs, für seinen Hof in Graz (nicht Wien) ein Gestüt für iberische Edelpferde schuf. Die ersten Pferde wurden von Baron Khevenhüller aus Spanien geholt, und mit ihnen diese Gestütszucht begonnen; es waren also Spanier (auch: Andalusier), somit eigentlich ein viel älterer Typus.

Was kannst du uns über die Geschichte der Lipizzaner erzählen?

Martin Haller: Die iberischen Pferde sind mit den Berbern stammverwandt. Berber, nordiberische Kleinpferde (Asturcons, Galicenos, Garranos), indigene Ramskopf-Pferde (Sorraias) und eventuell fränkische Kriegspferde haben sich vermischt. Der Spanier war in seinen Varianten das berühmteste Kampf- und Paradeross bis zum Aufkommen der englischen Vollblüter. Es war klar, dass alle europäischen Hofhaltungen – und Armeen – solche Pferde haben wollten. Also gründete man viele Gestüte, von denen aber nur wenige bestehen sollten: Halbthurn, Mönchhof, Lipizza, Kladrub, Frederiksborg, Knabstrup, Lippe/Senne, Rief – ungeordnet und nicht nach ihrer Bedeutung aufgezählt. Spanische Pferde waren bei allen Armeen, an allen Fürstenhöfen und in jeder Reitakademie zu finden –besonders auch in Italien, wo sie im Murgese noch existieren. Die Rasse aus Lipica – später Lipizza geschrieben – erlangte durch ihre Verbindung zum Wiener Kaiserhof und die Spanische Hofreitschule weltweite Berühmtheit. Es ist aber wenig bekannt, dass diese Pferde auch in der Landeszucht der österreich-ungarischen Monarchie weit verbreitet waren. Es sind hervorragende Wagenpferde, harte Arbeitspferde und gute Truppenpferde. Ihre Verbreitung ging und geht weit über die bekannten Gestüte Piber (Österreich) und Lipizza (Slowenien) hinaus.

Wie würdest du das Exterieur der Lipizzaner beurteilen?

Martin Haller: Der Lipizzaner ist uneinheitlich, denn es gibt ihn je nach Zuchtgebiet in einigen Varianten. Ungarn besitzt einen großen, kalibrigen Typ, der ideal zum Fahren oder als Gewichtsträger geeignet ist. Die Slowakei züchtet einen eher sportlichen, modernen Typ mit schönen Gängen; Rumänien hat einen sehr harten, praktischen Typ; Kroatien züchtet ebenfalls einen Wirtschafts-Typ. Österreich und Slowenien scheinen noch am Ehesten am klassisch-barocken Typ festzuhalten. Allgemein ist der Lipizzaner dem modernen Sportpferd in vielem überlegen, in manchem aber unterlegen. Die versammelten Lektionen fallen ihm leicht, in den „Postkutschen-Lektionen“ plagt er sich eher. Starker Trab war nie ein Kriterium, ehe man den Sport erfand. Es sind allgemein harte, trockene Pferde von praktischer Größe. Ihr nostalgischer Charme und ihre antiquierte Schönheit sind von großer Noblesse. Der barocke Typ ist für die heutige Reiterjugend gewöhnungsbedürftig – wiewohl diese Mädchen /und die wenigen Burschen) oft technisch ganz gut reiten könnten. Ein Barockpferd hat aber aufgrund seines Gebäudes andere Gänge, bietet ein anderes Reitgefühl und hat andere „Schwachstellen“, z. B. den Rücken oder das Genick.

Wie würdest du das Interieur der Lipizzaner beurteilen?

Martin Haller: Es gibt, wie in jeder Rasse, keine allgemeine Regel, denn Aufzucht und Ausbildung machen viel aus. Darum nur ein Pferd aus einer erstklassigen Zucht, ohne Aufzuchtmängel! Gescheite Pferde lernen sehr schnell – Gutes und Schlechtes!

Meine Erfahrung sagt mir: Nicht immer einfache Pferde, die einen tiefen Bezug zu ihrem Ausbilder entwickeln. Sie nehmen jede Misshandlung sehr persönlich (wie alle Iberer) und erdulden keine Deppen im Sattel oder am Kutschbock. Wer sagt, er hätte einen Lipizzaner ausgebildet und der hätte nun diese oder jene Untugenden, der sollte zuerst über sich selber nachdenken. Mit einem Aristokraten muss man umzugehen lernen, wenn man selber keiner ist. Aber nochmal – bei korrekter Behandlung ist der Lipizzaner ein leistungsfrohes und intelligentes Pferd mit vielseitigen Talenten. Am besten zeigt er sich bei geduldiger, fairer Behandlung und großer Konsequenz.

Gerade bei den Lipizzanern sind die Stammväter präsent – vor allem durch die Namensgebung. Kannst du diese erklären und uns etwas über die Stammesväter erzählen?

Martin Haller: Diese Stammhengste – Conversano, Favory, Neapolitano, Maestoso, Pluto und Siglavi – hatten früher in der so genannten Stammzucht eine gewisse Bedeutung. Da konnte man ihre Merkmale innerhalb der Stämme erkennen; heute ist das weitgehend verwischt. Bis auf den Siglavi waren es barocke, iberisch geprägte Hengste der großen europäischen Gestütstradition. Der Araber Siglavi begründete einen orientalisch geprägten Stamm, aber siehe oben… Es gibt noch zwei unbekannte Stämme, Tulipan und Incitato, die hervorragende Pferde ergeben, aber bei uns nicht anerkannt, weil nicht klassisch sind.

Die Namensgebung folgt bis heute der alten Methode und ist bei Hengsten eine Kombination aus Vaterstamm und Muttername, also z. B. Maestoso Austria. Da war der Vater ein Hengst des Maestoso-Stammes und die Mutter hieß Austria. Fachleute rufen auch die Hengste nach dem Mutternamen; man sagt also „Ich reite heute den Austria“. Jeder Stamm hat einen eigenen Brand; mit Gestüts- und Fohlenbrand ergibt sich ein recht präzises Identifikations-System. Die 15 originalen (klassischen) Stutenfamilien und ein paar nicht klassische haben iberische und orientalische Gene.

Warum eignet sich der Lipizzaner so gut für die klassische Dressur?

Martin Haller: Die Frage ist für mich ungenau gestellt; sie sollte heißen „Eignet sich der Lipizzaner ideal für die klassische Dressur?“. Meine Antwort darauf wäre „Weil man ihn dazu verwendet und manche Populationen noch nicht weg-selektiert hat“. Hier muss ich wieder auf die obigen Aussagen der unterschiedlichen Typen verweisen. Die ungarischen Pferde werden als Wagen-Typ empfunden; die slowakischen als wenig „barock“ – aber alle versammeln sich eher leicht und sind feinfühlig. Für mich ist „klassische Dressur“ eine innere Haltung und ein Reitgefühl, kein Stil oder eine Technik, schon gar keine Reitweise. Sie ist ein Charaktermerkmal, nicht-klassisches Reiten ist hingegen ein Charaktermangel. Der Tanz zweier aristokratischer Lebewesen (Reiter und Pferd, beide nicht gegendert) ist es, worauf es ankommt. Kann man sich bei einer WM der Standard-Tänze in seinen Tanzpartner verlieben und einen romantischen Abend verbringen? Ich sage nein! Kann man das auf einem Ball in der Wiener Hofburg erleben? Ich sage ja, weil es mir schon passiert ist. So verhält es sich mit klassischem Reiten und dem Turnier-Dressursport. Er heißt ja auch „Dressur“ – was soll man von Menschen halten, die ihre Partner dressieren wollen? Dafür ist der Lipizzaner vermutlich nicht geschaffen…

Wer sich wirklich für einen Lipizzaner interessiert – worauf sollte beim Kauf geachtet werden, wenn man sich ein Reitpferd und kein Kutschpferd aussuchen möchte?

Martin Haller: Es kommt nicht auf die Hose an, sondern auf das Herz, das in ihr schlägt! Mein größter Wunsch diesbezüglich ist, dass jemand einen korrekt gebauten, ungarischen „Fahr-Lipizzaner“ aus Szilvásvárad kauft und in der Hohen Schule perfekt ausbildet. Um endlich zu beweisen, dass es weniger um den Typ geht, sondern um die Herangehensweise. Die Anlage zur Versammlung, der hohe Kniebug, die guten Hanken, der hoch aufgesetzte Hals und das noble Gesicht sind ja vorhanden! Es probiert halt keiner, weil man glaubt, mit dem gesicherten Talent der Pferde aus Piber oder Lipica einfacher zum Ziel zu kommen. Da kauft man ein bisserl Spanische Hofreitschule mit… die genetische Piaffe. Wer`s glaubt, wird selig.

Gibt es Geheimtipps, wo man einen guten Lipizzaner findet?

Martin Haller: In allen Staatsgestüten der ehemaligen Monarchie Österreich-Ungarn und der Kronländer – und das ist zum Glück nicht geheim. Die Preise schwanken, die Zuchtziele sind etwas unterschiedlich, aber gute Pferde sind dort überall zu bekommen. Leider sind Lipizzaner aus Piber etwas teurer als die aus dem „Osten“. Über die Zuchtorganisationen der einzelnen Länder oder die Lipizzan International Federation (LIF) kommt man auch zu Privatzüchtern, für die alles gilt, was man über Pferdekauf erzählt; es gibt gute und weniger gute.

Ich würde in einem Gestüt des Ostens Urlaub machen und mir ein paar Tage lang die Pferde, die Elterntiere und die Haltung anschauen. Es sind herrliche Anlagen mit tollem Flair, wo man auch billig urlauben kann – und mitunter auch reiten oder fahren. Die Auswahl in solchen Betrieben ist vergleichsweise groß und die Aufzucht meist relativ gut. Unsere k.u.k. Gestütstradition ist für mich einfach herrlich!

 

Wieder einmal hat mich Martin Haller mit seinem Fachwissen begeistert. Wer mehr von Martin Haller lesen möchte, findet eine Auswahl seiner literarischen Werke bei Amazon.

 

 

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