Sei realistisch und der beste Trainer für dein Pferd!

Vergangenes Wochenende (16. und 17. April 2016) war „Play-Smile and Practice“ – Christofer Dahlgren aus Schweden bei uns zu Gast am Horse Ressort am Sonnenhof in Graz. Der Kurs war nach einer einjährigen Pause heiß ersehnt und natürlich wurden die Erwartungen sogar übertroffen.

Aller Anfang ist Analyse

Christofer legt seine Pferde quasi prinzipiell auf die Couch. Vor seiner Laufbahn als Reittrainer hat er mit autistischen Kindern gearbeitet, mit diesem Hintergrund begründet sich sein Anliegen nach einem maßgeschneiderten und sehr individuellen Pädagogik-Konzept.

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Christofer, Andrea und Unico by Katharina Gerletz Fotografie

In der ersten Theorieeinheit ging es daher um den Beginn der Ausbildung eines Pferdes – egal ob jung oder Wiedereinsteiger. Der Mensch muss zunächst am Boden bleiben und analysieren. Welchen Charakter hat das Pferd – kann man mit ihm im Stehen arbeiten, oder sollte man dieses Pferd rasch in Bewegung trainieren? Beim so genannten „Following“ wird zunächst die Schulterkontrolle des Pferdes erarbeitet. Noch hat der Mensch keinen Kontakt zum Kappzaum, die Longe oder Leine wird ganz locker in einer Hand geführt, die andere Hand hält die Gerte, mit der die Schulter des Pferdes geführt wird. Ziel ist eine Parallelität zwischen Mensch und Pferd, wobei die Stirn des Pferdes in Richtung menschlichem Bauchnabel tendiert und nahe kommen darf – der Mensch darf sich vom Pferd aber nicht bedrängt oder vorwärts geschoben fühlen. Umgekehrt sollte das Pferd seinen Menschen nicht „verlieren“ – egal ob dieser mal einen Haken schlägt- Christofer warnte zuviel am Cavecon zu arbeite, denn….

„Do not mess with the head of a young horse“

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Isungur und Nathalie by Katharina Gerletz Fotografie

Viel besser wäre es eine natürliche Biegung in einem leichten Weg über die Schulterkontrolle zu beginnen und schließlich durch das Zeigen mit der Gerte in Richtung späterer Schenkellage des Reiters zu verfeinern. Die Challenge dabei: Das Pferd darf nicht über die äußere Schulter nach außen driften. Hier kam gleich der nächste schwedische Tipp in Punkto Blickschulung. Handelt es sich wirklich um ein Schulterherein, dann bleibt die Biegung um den inneren Schenkel erhalten, die äußere Schulter wird leicht und frei. Das Pferd verlässt beispielsweise auf dem Zirkel, die gerittene und vorgegebene Linie nicht. Fehlerhaftes Schulterherein lässt sich durch ein nach außen treiben der Kruppe festmachen. Schulterherein ist zwar eine der wichtigsten Lektionen wenn es um Geraderichtung, Erarbeitung von Balance, Tragkraft, Geschmeidigkeit und Durchlässigkeit geht – allerdings eben auch eine der schwierigsten Lektionen.

Verkrampft sich der Reiter in der Lektion driftet das feine Gefühl ebenso wie das Pferd weg. Daher gab uns Christofer mit auf den Weg stets das Gefühl zu entwickeln, das Training des Pferdes wäre auch ohne ein Hilfsmittel wie Cavesson oder Longe möglich.

Responding or Reacting?

Martina und Mio by Katharina Gerletz Fotografie

Martina und Mio by Katharina Gerletz Fotografie

Ein wichtiger Punkt in Christofers Arbeit: Gib es eine Antwort vom Pferd, oder eine Reaktion? Wenn das Pferd eine Übung ausführt, ohne eine Hilfe zu kennen oder die Hilfe tatsächlich anzunehmen, dann ist es eine Reaktion. Christofer lässt die Pferde lieber in aller Ruhe nachdenken und wartet auf eine klare Antwort.

Geduld gilt also einerseits für das Abwarten der Antworten der Pferde, wie auch für das Erarbeiten von Inhalten. So verursachen wir häufig selbst Probleme, wenn wir in der Ausbildung übereilig sind, oder eben auf das Führen der Schulter in der Arbeit vom Boden aus wenig Wert legen. So wird keine Lektion zum Hindernis, wenn das Pferd die Hilfen Schritt für Schritt am Boden lernen darf, um später auch positive Antworten zu geben.

Der nächste Schritt in der Jungpferdeausbildung ist für Christofer dann „basic lunging“. Dabei achtet er sehr auf ein vorwärts-abwärts in Entspannung, die Aktivität des inneren Hinterbeins, sowie ruhige und klare Grundgangarten. Nun folgt auch Schulterkontrolle auf Distanz. Die Arbeit mit innnerer Schulter und innerem Hinterbein führt zur Entspannung, die Arbeit mit äußerer Schulter und äußerem Hinterbein gibt dem Pferd schließlich einen Rahmen, wobei im „advanced lunging“ mit den Seitengängen und Versammlung gespielt werden kann.

Beim Spiel und Wechsel mit den verschiedenen Führpositionen erklärte der lizensierte Bent Branderup

Anna und Pina by Katharina Gerletz Fotografie

Anna und Pina by Katharina Gerletz Fotografie

Trainer welche Position beim Longieren „Vorwärts“ bedeutet – hier befindet sich der Longeur zwischen Hals und Widerrist des Pferdes. Geht der Longeur nach hinten und erhält die Energie, soll das Pferd nach und nach lernen, sich mehr auf die Hanken zu setzen und diese Energie auch in einer Haltparade behalten. Eine gute Übung ist hierbei eine Haltparade aus dem Kruppeherein an der Longe.

Und immer wieder betonte Christofer, dass wir von unseren Pferden nicht das Maximum abfragen sollten, sondern nach dem „less is more“ Prinzip arbeiten sollten. Egal ob es jetzt um ein Kruppeherein im Stand geht, oder das Spiel mit der Versammlung.

Deine eigenen Qualitäten?

Hand aufs Herz? Wie realistisch bist du in der Formulierung deiner Ziele? Wie realistisch bist du deinem Pferd gegenüber? Kennst du seine Qualitäten? Und wie möchtest du dich als der Trainer deines Pferdes entwickeln?

Christofer mahnte uns nicht immer nur die Bewegung in Körper und Beinen des Pferdes zu suchen, wir müssten den Geist des Pferdes bewegen. Denn nur wer mitmachen möchte, dessen Beine kann man auch zielführend bewegen.

In der zweiten Theorieeinheit wurde die Psychoanalyse a la Dahlgren also noch intensiver. Christofer unterschiedet zwischen selbstsicheren und unsichern Pferden, sowie extrovertierten und introvertierten Pferdetypen. Extrovertierte Pferde bewegen sich gerne, introvertierte Pferde sind das komplette Gegenteil. Natürlich ist es mehr Schaden als Nutzen dem Pferd einen Stempel aufzudrücken. Wenn eine Persönlichkeit „abgestempelt“ wird, fällt es nämlich schwer keine Vorurteile und Bewertungen aufzubauen. Aber ein bisschen Kenntnnis und Analyse der Pferdepsyche kann helfen die einzelnen Lerntypen kennen zu lernen, um seinem Pferd für den gerade aktuellen Moment eine individuelle Ausbildung zu geben.

Für jedes Pferd hat Christofer drei Aufgaben. Schulterherein, Kruppeherein und Versammlung. Wie lösen die einzelnen Charaktere die Aufgaben?

  • Ein Selbstsicheres, extrovertiertes Pferd wird sich nach zwei Wiederholungen langweilen. Variatonen sind dringend notwendig, sechs weitere Übungen sollte man in Petto haben. Die Arbeit endet sobald das Pferd nicht mehr motiviert ist. Die Neugier des Pferdes sollte also immer entfacht bleiben. „Do not push the horse too much for the goal, be playful and always open minded“. Und woran erkennt man diesen Pferdetyp? „He looks happy“!
  • Selbstsichere introvertierte Pferde werden sich nicht unbedingt bewegen, wenn sie nicht müssen. Drei Übungen sind für diesen Pferdetyp zuviel. Das Erfolgsgeheimnis für diesen Pferdetyp steckt im „Weniger ist mehr“-Prinzip. So lässt sich dieses Pferd motivieren. Übrigens sind diese Pferdetypen auch sehr geeignet für Trail oder Kutschenfahren, aber auch in Reitschulen sind sie beliebt, da sie sehr ruhig sind und die erste Übung für den Reiter – nämlich „oben bleiben“ ganz liebevoll begleiten.
Sato und Antonia by Katharina Gerletz Fotografie

Sato und Antonia by Katharina Gerletz Fotografie

Christofer empfiehlt unbedingt hier auch auf die Rasse zu achten – wofür war dieses Pferd ursprünglich gezüchtet. Ein Pferd das auf Schubkraft gezüchtet wurde – vielleicht ein Kutschenpferd? Ein auf Schnelligkeit gezüchteter Vollblüter? Natürlich ist das Schöne an der Akademischen Reitkunst der Gedanke, dass jedes Pferd alles lernen kann – die Dressur ist für das Pferd da und hilft durch ihre durchdachte Gymnastik den Körper gesund und fit zu halten. Allerdings: Wenn ein Pferd nicht unbedingt auf Versammlung gezüchtet ist, dann sollte man ihm auch Aufgaben geben, die seinem Körperbau und seiner Veranlagung entsprechen. Wer ständig das tun muss, was ihm schwer fällt, wird nicht viel Motivation für die nächste Aufgabe mitbringen. Ich denke, dies kennen wir aus unserem eigenen Leben 😉

„Some Horses take out the best in you. You will find out what kind of personality fits to you“

  • Extrovertierte und unsichere Pferde sind leicht gestresst. Arbeit im Stand fällt ihnen sehr schwer – die Entspannung kommt also über die Bewegung. Aber:

„It is one thing to allow the horse to move his feet but do not chase the horse around!“

Drei Übungen sind vielleicht zuviel – daher lieber die Übungen und Ansprüche reduzieren.
Aber in allen Gangarten arbeiten.

  • Introvertierte und unsichere Pferde sind sehr schüchtern. Sie stehen ruhig und still und sind vermeintlich ruhig. Innerlich sind sie aber sehr verspannt. Sie können sehr schlecht mit Druck umgehen, sind aber quasi hervorragende „Exerzierer“. Das heißt: Kennen sie ihre Übungen und ihr Arbeitsprogramm, fällt es ihnen leichter, sich beispielsweise in fremder Umgebung zu konzentrieren. Man sollte ihnen nicht zu viele Aufgaben geben.

„It is like lunging a turtle. After a while the turtle streches his head out of the shell and says: oh yes, I know this road. We are on the left hand. But if you change the direction, the turtle will hide in it`s house and will just look outside after some circles and feel almost comfortable again“.

  • Diese Pferde bringen ihren Menschen oft bei Druck schnell wegzunehmen. Druck kann beispielsweise die nach außen, über den Rücken des Pferdes zeigende Gerte sein, die das Pferd nicht mal berührt. Der Mensch reagiert sofort mit dem Wegnehmen der Gerte, das Pferd hat den Menschen bereits zum ständigen Weglassen von Druck erzogen. Wer hier konsequent bleibt und dem Pferd auch geregelte Abläufe ermöglicht, vergrößert die Comfort Zone des Pferdes.

 

Das Kursfazit: Es war großartig. Christofer hat uns ermutigt, uns viel Input gegeben. Sein Schwerpunkt: Roundness – Relaxation und vor allem FUN!

Bis zum Abendessen wurde diskutiert, Wissen ausgetauscht, Fragen gestellt. Christofer hat dabei die unglaubliche Gabe sehr offen für viele Reitweisen, Trainerkollegen usw. zu sein. Sein Credo: Beobachten und nicht bewerten. Wir sind so schnell in der Bewertung und Aburteilung von Bildern, Reitern, Videos etc. und bringen uns dabei vielleicht sogar um die eine oder andere Idee. Außerdem hat er den Scheinwerfer auf viele andere Trainerkollegen gerichtet und weitere Kurse empfohlen. Wir jedenfalls können einen Kurs mit Christofer nur wärmstens weiter empfehlen und freuen uns somit sehr auf die Fortsetzung Ende März 2017.

 

Eine wunderbare Foto-Zusammenfassung von Katharina Gerletz Fotografie gibt es hier. An dieser Stelle auch ein riesiges Dankeschön an unsere professionelle Kurs-Fotografin, die uns so schöne Momente mit Nachhaltigkeit schenkt.

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