Über die Reitkunst, Reiterhand und Reitersitz referierte Bent Branderup vergangenes Wochenende in Wendlmuth bei Sabine Oettel. Der Schwerpunkt des Kurses lag auf Reiterhand und Reitersitz, besonderes Highlight war Sabines Ballotade-Prüfung, die sie mit ihrem Frederiksborger Jarl zeigte!

Sturmböen, Regen und ein eher herbstlicher Temperatursturz konnten den über 80 Teilnehmern beim Bent Branderup-Seminar letztes Wochenende nichts anhaben.

Den ersten Teil des Theorievortrags widmete Bent Branderup der Reiterhand, bzw. der Gymnastizierung des Pferdes vom Boden aus. Der dänische Reitmeister führte das Publikum dabei in eine spannende Zeitreise. Zu Gurenieres oder Pluvinels Zeiten war es noch üblich die Reiter auf guten Schulpferden auszubilden. Da dies heute so nicht mehr möglich ist, müssten wir – so Bent – andere Wege finden, um den eigentlichen Weg zur Reitkunst zu erreichen. Die Auseinandersetzung mit der Biomechanik des Pferdes ist hier quasi die „Hauptstraße“.

Historisch gesehen lernten die Reiter also zuerst von geschulten Pferden – heute müsse jeder Reiter selbstständig und mit einer ordentlichen Portion Selbstreflexion auch zum Ausbilder seines Pferdes werden. Den ersten Schritt bezeichnete Bent hier als „Selbstverständnis“ – nämlich die Grunderziehung vor dem Reiten.
Sein Ratschlag: Als Ausbilder unserer Pferde sollten mit Dingen beginnen, die man selbst visualisieren kann, die der Reiter bereits selbst versteht. Das können Kleinigkeiten sein, wie Hufe geben, still stehen, die Aufmerksamkeit seines Pferdes auf sich ziehen. Seine Kritik:

„Viele Reiter wissen eigentlich nicht recht WAS sie von ihrem Pferd wollen, aber sie wollen es JETZT“!

Sich beim Reiten ein harmonisches und angenehmes Gefühl zu wünschen ist also die eine Sache – es vom Pferd zu verlangen, ohne den Weg dahin zu kennen, die andere.

Bodenarbeit

Im Theorievortrag erklärt Bent die Grundzüge der Bodenarbeit. Der Motor des Pferdes sitze freilich in der Hinterhand. Bent erklärte ausführlich und anschaulich mit vielen Zeichnungen am Flipchart wie man das Pferd zuerst vom Boden aus mit dem Kappzaum biegt und stellt und wie man dem Pferd mit Hilfe der Gerte die Zügelhilfe und Schenkelhilfen erklären kann. So bereitet eine nach oben zeigende Gerte am inneren Pferdehals die innere Zügelhilfe vor, die nach unten zeigende Gerte am Außenhals erklärt dem Pferd den Außenzügel. So kann man das Gewicht zwischen den Pferdeschultern verlagern. Zeigt die Gerte in Schenkellage nach unten, wird der innere, biegende Schenkel durch die Gerte erklärt, über die Kruppe geführt wird dem Pferd der äußere Schenkel näher gebracht.

Die Hand des Reiters am Kappzaum müsse genau spüren, wo im Pferdekörper Spannungen liegen. Wenn das Pferd vom Boden aus gestellt werden soll, muss es zuerst Rücken und Hals dehnen. Bent erklärte, dass die Dehnung der Oberlinie in der Wirbelsäule zu einer Formveränderung der typischen S-Form zu einer C Form führt. Dabei entfernt sich aber auch der Unterkiefer von der Halswirbelsäule. Das Ergebnis: Bessere Ganaschenfreiheit. Wer das Pferd aber ohne Dehnung biegt und stellt riskiert beispielsweise eine Quetschung der Ohrspeicheldrüse. Wer richtig biegt und stellt, könne dies dann durch eine Rotation der Wirbelsäule erkennen, der innere Brustkorb rotiert nach unten, der äußere hebt sich. Die innere Hüfte senkt sich bei korrekter Biegung und Stellung, der innere Mähnenkamm „springt“ nach innen.

Das magische innere Hinterbein

Nach Biegung und Stellung im Stehen erklärte Bent weiter den Effekt des richtigen Untertretens. Zuerst muss das Pferd im Schritt lernen, unter den Schwerpunkt zu treten, je besser die Hinterhand gebeugt wird, je geschmeidiger die Hanken werden, desto leichter lässt sich das Pferd später versammeln, die Kraftentwicklung der Hinterhand trägt auch zu einer Verbesserung des Schwunges bei. Hier tragen vor allem Schulterherein und Kruppeherein zur beidseitigen Gymnastizierung bei.

Der Reitersitz – in der akademischen Reitkunst Primärhilfe, müsse später dann ganz genau erfühlen, wann welches Pferdebein wo in Bewegung ist.  Der innere Sitz müsse spüren, ob sich der innere Brustkorb senkt. Auch hier sparte Bent nicht mit Anekdoten aus der Reitergeschichte. Vom Zeitungslesenden Rittmeister bis hin zu den ersten Dressur Prüfungen bei der Olympiade, wo noch gesprungen wurde, um zu prüfen, ob der Reiter dem Schwerpunkt des Pferdes auch durch einen zügelunabhängigen Sitz folgen konnte, gab es viel Interessantes zu hören.

Der Reiter muss – so  Bent die Fähigkeit haben, durch seinen Sitz die Hinterbeine sanft nach vorne schwingen zu lassen!

Im Anschluss an Bents Vortrag wurde die Theorie in die Praxis umgesetzt. Vorwiegend wurde am Samstag am Boden gearbeitet. Einige junge Pferde wurden vorgestellt, wobei besonders schön zu sehen war, dass Hilfen für Schulter Herein oder Kruppe Herein – korrekt erklärt – in unterschiedlichsten Führpositionen (von vorne geführt, oder longiert) umgesetzt werden konnten. An der Hand wurde außerdem am Schulschritt, Schulparade, halben Tritten und Piaffe gearbeitet. Dabei war Bent wie immer äußerst aufmerksam kleinste Fehler zu korrigieren!

Mein persönliches Highlight als Zuseher war aber sicher die Ballotade Prüfung von Sabine mit ihrem Jarl, die Schulen über der Erde und Handarbeit vom Feinsten zeigten.

Zum Schluss noch einen Merksatz von Bent:

Reiten kann einfach sein, aber nur so lange man nichts darüber weiß.

Ich freue mich jeden Tag von meinen Pferden zu lernen und gemeinsam zu wachsen!

 

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