Annika Keller hat im heurigen Jahr gemeinsam mit Bent Branderup „Die Logik hinter den Biegungen“ – Gustav Steinbrechts Gymnasium des Pferdes – neu übersetzt. Nachdem uns Annika mit ihrer sympathischen und kompetenten Art bereits letztes Jahr zum Thema „Geraderichten“ begeisterte, wollten wir nun auch etwas tiefer in das Thema „Biegungen“ eintauchen.

Biegen oder Schieben?

Viel Schub hatte es wohl auch auf Annikas Anreise gegeben, aber trotz turbulenter Flugreise führte uns Annika sogleich geschickt in das Thema Biegungen ein. Wichtig ist der Ostheopathin und Physiotherapeutin für Pferde immer die Gesunderhaltung des Tieres im Fokus zu behalten. So müsse der Reiter nicht nur die Möglichkeiten des Bewegungsspektrums analysieren, sondern auch hinsichtlich der Gesunderhaltung überprüfen. Bewegungen können zwar durchführbar, aber nicht zwingend gesund sein. Daher ist es für Reiter wichtig überhaupt zu wissen, wie eine gesunde Biegung aussieht.

Dabei unterschied Annika deutlich zwischen dem „Privatleben“ des Pferdes und der Biegung des gerittenen Pferdes.

Wenn ein Pferd ohne Reiter durch eine Kurve läuft, dann wird es seine innere Schulter vermehrt belasten und den Kopf nach außen nehmen. Also das komplette Gegenteil von dem tun, was wir Reiter überhaupt wollen. Ohne Reiter und ohne zusätzliches Gewicht, das den Brustkorb des Pferdes belastet – kein Problem – mit Reiter sieht das ganze aber dann schon anders aus. Wenn Pferde sich stundenlang grasend vorwärts bewegen, trägt die Vorhand die Hauptlast, die Hinterhand ist quasi „Anhängsel“- dabei schiebt oder rollt das Pferd seine Gesamtlast über die beiden Vorderbeine. Auch hier – für das Pferdeleben ohne Reiter kein Problem – mit Reiter wäre die Kopf-Halsposition viel zu tief, das Pferd kann so keinen Reiter tragen.

Annika erläuterte ausführlich eine gesunde Dehnungshaltung mit einem positiven Spannungsbogen und zeichnete wichtige Eckpfeiler, die bei der Blickschulung ebenso eine große Rolle spielen. Dabei ließ sie auch die Zusammenarbeit zwischen Brustbein, Zungenbein und Genick nicht außer Acht. Bei Stellung und Biegung ist zunächst für eine gute Dehnungsbereitschaft, sowie eine gute Ganaschenfreiheit zu sorgen. Weiter ging es in eine Reise durch die Wirbelsäule des Pferdes. Dabei erklärte Annika wo viel Biegung (Halswirbelsäule) und weniger Biegung (Brustwirbelsäule) im Pferdekörper stattfindet.

Gerade der sehr bewegliche Hals lade zum Verbiegen ein. Die lizensierte Bent Branderup Trainerin empfahl bei übermäßiger Biegung im Hals mit gleichzeitig fehlender Biegung im restlichen Pferdekörper den Hals wieder soweit gerade zu stellen, bis die Biegung des Halses zur Körperbiegung passe. Da wir sehr auf die Arbeit mit unseren Händen fixiert sind – gerade auch in unserem Alltag müssten wir auch aufpassen, da der Reiter gerne ein stärkeres Einwirken am Pferdekopf als ultimative Lösung empfindet.

Die Sache mit der Schubkraft

Gustav Steinbrecht riet in seinem Gymnasium des Pferdes: „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade“, warnte zugleich aber vor einem zu schnellen Tempo.

Zunächst wanderten wir wieder zum „Privaten Pferd“ auf der Koppel im Vergleich zur gewünschten Bewegung des Reitpferdes. Ein Pferd, dass sich beispielsweise schreckt und auf der Flucht ist, wird den Kopf heben, den Unterhals herausdrücken und seine Wirbelsäule in Extension bringen. Der Rücken wird also nicht aufgewölbt, die Hinterhand drückt sich kräftig ab und schiebt nach hinten hinaus. Natürlich kein Verhalten, das wir von einem Pferd, das über den Rücken geht haben wollen.

Annika erzählte nun aus ihrer eigenen Erfahrung, was gutes Vorwärts sein kann. Hier zeigte sich einmal mehr die Bedeutung der Akademischen Reitkunst. Akademische Reitkunst bedeutet für mich ganz persönlich, wo ich diese Zeilen verfasse: Teil einer Gemeinschaft sein, die laufend über Prozesse nachdenkt. Hypothesen aufstellt und diese in der Praxis auch überprüft. So hat sich Annika vermehrt auch mit dem Thema „Schub“ befasst.

Natürlich braucht ein Pferd eine gute Tragkraft, um seinen Reiter ohne Schaden zu tragen. Wie schaut es aber mit der Schubkraft aus, wo prinzipiell die gleichen Muskelpartien angesprochen werden können?

Annika zeichnete uns verschiedene Möglichkeiten auf – mal genügend Vorgriff und überwiegend Rückschub, mal wenig Vorgriff bei zuviel Rückschub – und mal genügend Vorgriff ohne viel Rückschub.

Und aus Steinbrechts Empfehlung erarbeiteten wir im Dialog eine spannende Conclusio. Wir müssen dem Pferd ein gutes Vorwärts beibringen, das aber das „Schnellwerden“ unterbindet. Wir müssen zum Treiben der Hinterhand kommen, damit wir dem Pferd auch Mitteilung geben können, wo wir diese Hinterhand im Idealfall platzieren wollen. Erst wenn wir den Vorgriff aus der Hinterhand nicht verlieren und dem Pferd eine Formgebung durch die Wirbelsäule beigebracht haben, wird auch eine Beugung der Hanken möglich – in Zusammenarbeit mit Durchlässigkeit und Losgelassenheit.

Das Fazit: Biegen ist gesund, aber der Reiter muss in erster Linie Bescheid wissen, wie gesunde Biegung auszusehen hat damit er dem Pferd nicht schadet. Und: an einem Wochenende hat man noch lange nicht über das Thema ausgelernt. Eine Wiederholung beispielsweise zum Thema Schubkraft ist bereits in Planung.

Auch bei den Praxiseinheiten konnten wir uns viel Inspiration aus Annikas Wissen mitnehmen.

Diesmal habe ich mit Tarabaya teilgenommen. Dabei arbeiteten wir an der Qualität der Versammlung im Schritt, sowie Übergänge zwischen Schulparade, Schulschritt und gelöstem Vorwärts-Abwärts, wobei Annika stets großen Wert auf das „Suchen zur gebenden Hand hin“ legte. Auch im Trab haben wir an den Übergänge zwischen Versammlung und Dehnungshaltung, ohne dabei schneller zu werden, gearbeitet. Und auch der Galopp kam in der Arbeit nicht zu kurz – hier war ich besonders über den (uns beide) geraderichtenden Input am ersten Tag dankbar, der uns in der fortsetzenden Arbeit bestimmt weiterhelfen wird. Am zweiten Tag konnte ich noch einige Möglichkeiten in Richtung Piaffe für Tabby mitnehmen.

Für Pina hatte Annika am zweiten Tag noch ein wenig Wellness parat. Wie bereits im Vorjahr konnte uns Annika ein paar Griffe zeigen, die die Halsmuskulatur lösen und entspannen.

Für die Winter-Kurspause hat uns Annika einen ordentlichen (Motivations-)Schub dagelassen. Wir freuen uns bereits auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr!

 

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