Ein Bekenntnis. Ich koche nicht. Oder sagen wir, kaum. Mein Lebensgefährte kriegt  regelmäßig Lachkrämpfe, wenn ich ins Telefon säusle: „Muss Schluss machen, denn ich koche gerade“, und eigentlich einen Salat richte. Gut, das soll jetzt kein Blogbeitrag werden über die Frage: Wann ist es Kochen und wann richtet man einen simplen Salat. Ich koche also selten, aber WENN, dann brauche ich ein Rezept. Und das Befolgen und vor allem das Nachdenken über die Vorschriften in den Rezepten, das hilft uns auch in der Reitkunst. 

Die Zutaten für Versammlung 

Versammlung bedeutet, die Hinterhand des Pferdes vermehrt zu belasten, das Pferd soll sich in Hüft-, Knie- und Sprunggelenken beugen, ohne den korrekten Vorgriff aus der Hinterhand zu verlieren. Paraden helfen uns bei der Geschmeidigkeit. Sie können sanft in die Wirbelsäule des Pferdes spüren, sie können sich von minimalen Paraden (auch Achtel-Paraden genannt) bis hin zu ganzen Paraden steigern und ihre Krönung in einer gesetzten Schulparade finden. 

Gerne wird auf den Kursen von Bent Branderup Xenophon zitiert, der uns aus Griechenland bereits vor sehr, sehr langer Zeit das Rezept für Versammlung liefert: 

„Reite die Hinterbeine des Pferdes nach vorne und gib ihm eine Parade, so dass es die Gelenke der Hinterhand beugt und man das Geschlecht des Pferdes sieht“. 

Bent Branderup fügt dann gerne hinzu: 

„Wer diesen Satz verstanden hat, hat im Grunde die gesamte Reitkunst „in a nutshell“ verstanden. Ja wenn es so einfach wäre. So einfach, wie ein einfaches Reisgericht. Oder ein Salat. 

Die Elemente-Küche und ihre Werkzeuge

An allererster Stelle steht Kommunikation. Ja eh, werden die meisten nun sagen. Kommunikation liegt in aller Munde, aber tatsächlich müssen Reiter und Pferd das gleiche Verständnis aufbringen. Beide müssen gleichermaßen wissen, was gemeint ist. Weiters benötigen wir die Elemente Balance, Durchlässigkeit, Formgebung, Tempo, Takt und Schwung. 

Besprechen wir nun im Detail welche Werkzeuge wir für unsere Elemente-Küche auf dem Weg zur Versammlung benötigen: 

  1. KommunikationEs reicht nicht, wenn beide versuchen miteinander zu sprechen, Pferd und Reiter müssen einander verstehen.  
  2. Balance ist die Voraussetzung für das Spiel mit dem Schwerpunkt. Wer einer Eiskunstläuferin ständig ein Bein stellt, macht atemberaubende Pirouetten für sie zur Unmöglichkeit 
  3. Durchlässigkeit:Das gilt für Reiter und Pferd. Wenn Hilfengebung den Reiter versteifen lässt, dann ist er auch nicht mehr durchlässig genug, die Informationen vom Pferd aufzunehmen.  
  4. Erst wenn das Pferd durchlässig ist, ist Formgebungmöglich. Manchmal „überformen“ wir das Pferd jedoch, es wird überbogen und steif – verliert dadurch die Balance.  
  5. Sind die ersten vier Bausteine aber gegeben, dann können wir Tempo, Taktund Schwungbeeinflussen. In einer Piaffe trachten wir eindeutig nach einem Zweitakt, jetzt fügen wir jedoch unterschiedliche Rhythmen hinzu. Ein ruhigerer Rhythmus bedeutet ruhigeren Rückenschwung. Dieser Schwung lässt sich auch vergrößern, dann wird der Rhythmus gesteigert.  
  6. Alle Elemente an sich brauchen Zeit in der Ausbildung! 

Über die Zutaten nachdenken 

Leider verhalten sich die wenigsten Pferde genau nach der Rezeptanleitung nach Xenophon – oder besser gesagt die Reiter. Hinterbeine vorwärts reiten. Damit beginnt ja die erste Hürde. Aber Hürden sind gut. Verbrennt der Reis, dann lernt man daraus, dass es nicht sehr sinnvoll ist, die Dinge in der Küche einfach sich selbst zu überlassen. Zuerst ist zu wenig Salz drin, dann viel zu viel. Durch Versuch und Irrtum lernt man. 

Was sind also die gängigsten Irrtümer und was lernen wir daraus? 

  • Versammlung ist keine Sache, die die Reiterhand erzeugt 
  • Versammlung darf den Vorgriff der Hinterbeine nicht „abwürgen“ 
  • Der Sitz darf den korrekten Rückenschwung nicht blockieren 
  • Der Reiter darf den Sitz aber auch nicht übertrieben benutzen, um das Pferd in Gang zu halten 
  • Versammlung bedeutet nicht, das Pferd auf die Vorhand zu stellen und die Kruppe hüpfen zu lassen 
  • Versammlung bedeutet nicht, dass es ausreicht mit der Gerte die Kruppe des Pferdes zu touchieren 
  • Die Hüfte des in Aktion befindlichen Spielbeins senkt sich, sie hebt sich nicht. Dadurch schwingt der Brustkorb auf der Seite des Spielbeins abwärts und wird nicht gehoben.  
  • Versammlung bedeutet aber auch nicht, einfach drauf los zu probieren 
  • Jede einzelne Zutat an sich muss genau ausgebildet werden  

Und Versammlung lässt sich in einem Satz definieren, das Timing der Hilfen, das Gefühl, das Verständnis für das korrekte Vorwärts – es ist nicht mit einem Erlebnis im Schnellimbiss zu vergleichen 

Kommen wir zurück zu Xenophon. Ja, in Wahrheit ist mit seinem Satz über die Reitkunst tatsächlich alles gesagt, aber wie in der guten Küche gilt: Die Menge und Qualität der anZutaten, abgestimmt aufeinander, die macht es aus. 

Welche Begabungen und Eigenschaften bringt unser Pferd mit? 

Welche Begabungen und Eigenschaften bringen wir mit? 

Welche Zutaten für Versammlung haben wir bereits auf der Haben-Seite und welche nicht? 

Die Möglichkeiten der Football Strategie nutzen

Was hat nun American Football mit Koch- und Reitkunst zu tun? Auf den ersten Blick hätte ich spontan gesagt: „Nicht viel“. Bis ich auf einen Artikel über Nick Saban stieß. Dieser Trainer hat sein Team durch außerordentliche Strategien zum Erfolg geführt. In „The Process“ schlägt er vor, das „Große Ganze“ zu ignorieren und sich auf alle kleinen Dinge wirklich gut zu konzentrieren. Im Grunde zerlegt Saban den gesamten Spielprozess und lässt seine Spieler jedes einzelne Detail fokussiert trainieren. Wenn wir also die richtigen Zutaten in die richtige Reihenfolge bringen und diese eine nach der anderen ausüben, dann werden wir auch erfolgreich kochen – oder eben Einfach Reiten. 

Gehen wir unsere Fehlerquellen also nochmal durch: 

Versammlung ist keine Sache, die die Reiterhand erzeugt. Das ist richtig. Trotzdem braucht die Hand aber eine akribische Ausbildung und das Pferd muss die Reiterhand verstehen. Ein Beispiel: Wir longieren unser Pferd und versammeln es. Wir nutzen Körpersprache und Sekundarhilfe Gerte. Wir merken, dass wir mit unseren Paraden nicht mehr so richtig kommunizieren können. Die Hand – zuvor noch vor dem eigenen Oberkörper positioniert, wandert sukzessive in Richtung Schlüsselbein. Wir versuchen mit der Longe unsere Paraden zu kommunizieren, kommen aber nicht mehr so richtig durch. Gleichzeitig verpufft die Energie, die wir an die Hinterhand senden. Der Motor des Pferdes stirbt ab oder das Pferd beschleunigt entgegen unserer Intention. 

Die Hand ist also akribisch auszubilden. Ehe wir an der Longe versammeln, müssen wir ohne Probleme jeden Übergang, vom Trab in den Schritt, vom Trab in den Halt und bestenfalls vom Galopp in den Halt übertragen können. Natürlich nutzen wir hier auch unseren Körper – aber auch die Hand muss ihre Paraden locker und verständlich aus dem Ärmel schütteln können – und das Pferd muss ihre Bedeutung auch tatsächlich verstehen. 

Nehmen wir das Pferd zu versammelnden Übungen auf, dann darf der Motor nicht absterben. Bedeutet Aufnehmen für unser Pferd jedoch sofort den Anker raus zu werfen und langsamer zu werden? Dann müssen wir Übergänge innerhalb einer Gangart üben. Wenn wir einen bestimmten Takt und Rhythmus eingeleitet haben, dann sollten wir diesen permanent erhalten. Egal ob wir vorwärts-abwärts dehnen lassen oder vorwärts-aufwärts aufnehmen. Bis wir diesen Rhythmus verändern wollen, müssen die Hinterbeine unentwegt in Richtung Schwerpunkt arbeiten. 

Der Sitz muss wissen , wie er Schwerpunktverlagerungen vorschlägt und umsetzt. Der Sitz muss mit verschiedenen Rhythmen umgehen können, ohne zu verkrampfen. Und der Sitz wird (gerade zu Beginn, bei steigender Ausbildung nicht mehr so intensiv) von der Sekundarhilfe des versammelnden Schenkels unterstützt. Der versammelnde Schenkel ist dafür zuständig, die Hinterbeine beständig und fleißig zu behalten und den Rhythmus zu verändern. Der versammelnde Schenkel schlägt dem Pferd vor, vorzeitiger mit dem Bein den Boden zu verlassen, ohne Rhythmus und Takt zu verlieren. 

Mein besonderer Tipp: Helfen wir uns durch Musik. Ich reite mal zu einer sehr ruhigen Musik, mal zu kraftvoller Musik, die mir den Takt sehr deutlich vorgibt. Diese Methode zeigt auch auf, wie schwer es ist, einen bestimmten Rhythmus einzuhalten. Es wird dabei klar, wie oft wir selbst aus dem Rhythmus kommen und den Takt verlieren. Ja, auch wir Reiter brauchen dann eine gewisse Kondition.

Nutzung der Gerte auf der Kruppe, Hüpfende Kruppe, aus der Hüfte breit tretende Hinterbeine. Viele dieser Symptome lassen sich verhindern, wenn wir den versammelnden Schenkel ordentlich und akribisch ausbilden. Manche Pferde reagieren sofort auf die Bitte, das angesprochene Hinterbein früher vom Boden zu nehmen – andere Pferde jedoch haben den um sich herum biegenden Schenkel, den von sich weg biegenden Schenkel, den direkten Schenkel, den rahmenden und den verwahrenden Schenkel hervorragend verstanden, können diese Hilfen auch separieren, aber mit dem versammelnden Schenkel tun sie sich schwer.  

Die Zutaten vermischen. Jede Zutat an sich ist oft gut geübt. Aber die Kombination macht die Sache so schwer. Beugen im Stand sowie ordentlicher Vorgriff der Hinterhand. Das sind und waren zwei Komponenten die meiner Fuchsstute Tabby an sich und separat leicht fallen. Frage ich nach der Kombination, schleichen sich Fehler ein – auch mental ist das Zusammenrechnen der einzelnen Ingredienzen schwer. Bedarf aber, einfach gesagt, der Übung, der Wiederholung und der Zuversicht. Jede Zutat muss also an sich einzeln ausgebildet und verstanden werden – dann geht es um die gelungene Kombination. Gehen wir auch in Gedanken die Übung vorher durch. Gute Musiker üben viel ohne Instrumente – einfach im Kopf!

In der Kochkunst werde ich vermutlich nie so akribisch über einzelne Zutaten nachdenken. Hier genieße ich einfach. In der Reitkunst macht es jedoch Spaß über alle Einzelheiten zu grübeln und die kleinsten Details zu perfektionieren. 

Wenn es mal nicht so klappt wie gewünscht, dann hilft es immens, sich über jede kleinste Zutat Gedanken zu machen. Und sei sie noch so klein. Dies hilft in der Analyse, was Pferd und Reiter bereits gut können und wo eben noch Trainings – und vor allem Verständnisbedarf besteht. 

Formulieren wir Rezepte – dann Reiten wir Einfach. 

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