Welche Pferde sind in der Akademichen Reitkunst vertreten. Nachdem Stefanie Niggemeier über ihre Morgans in der ersten Ausgabe dieser Blogserie berichtet hat, habe ich den Rasseexperten Martin Haller gebeten, mir über „mein“ Przedswit etwas zu verfassen.

Warum ich „mein“ – sage – nun meine Pina ist eine Vertreterin dieser Rasse.

 Der Przedswit-Stamm

Der Hengst Przedswit erlangte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts große Bedeutung in der österreichischen Zucht des englischen Halbbluts. Der Vollblüter aus der gräflich Tarnowskischen Zucht des Grafen Johann Tarnowski in Chorzelow, Galizien, hatte ein tolles Pedigree (von Knight of the Garter aus der The Jewel, von Stockwell). Dazu besaß er eine bedeutende Eigenleistung als Rennpferd, hatte er doch 1875 das österreichische Derby und 1876 den Großen Preis von Baden-Baden gewonnen, somit viel Härte bewiesen.

Als er noch in diesem Jahr als Vierjähriger in Piber aufgestellt wurde, erweckte er große Hoffnungen in der Fachwelt, kam allerdings zu spät, weil das Gestüt schon 1878 ein Remontendepot ohne Zuchtaufgabe wurde. Lesen wir, was Wrangel schrieb:

„Zum Glück gibt es in Piber einen Beschäler, der – richtig benützt – das Zeug in sich hat, dem scheinbar arg vernachlässigten Gestüt eine bessere Zukunft zu eröffnen. Wie sein Name ausgesprochen wird, vermag ich nicht zu sagen, geschrieben wird er Przedswit; mit einem herzhaften Niesen wird man seiner Aussprache wohl am nächsten kommen… Wenn vorzügliches Blut und ein jeder Kritik strotzendes Exterieur zu großen Hoffnungen berechtigen, darf man von ihm Großes für die Zucht erwarten. Man weiß nicht, was man an ihm am meisten bewundern soll… ja, Przedswit ist ein Prachtexemplar, und würde man in Piber nur ihn allein zu sehen bekommen, würde doch kein Pferdefreund die Fahrt in das entlegene Gestüt bereuen.“

Nach nur zwei erfolgreichen Zuchtjahren versetzte man den Prachthengst nicht etwa in eines der anderen Gestüte, sondern „versenkte“ ihn in der Landeszucht. Von Stadl-Paura aus ging er jährlich auf Station, wurde schließlich nach Prag verlegt und bekam dort 1889 eine schwere Lungenentzündung, der er schließlich durch Herzlähmung erlag. Sein Sohn Przedswit I aus einer normannischen Stute wurde zum Platzhalter des Stammes, welcher sich vor allem in Radautz gut entwickelte und zahlreiche sehr edle, leistungsfrohe Armeepferde lieferte.

Nach dem Ersten Weltkrieg gelangten diese Pferde nach Polen und in die Tschechoslowakei, während Österreich nur wenige Exemplare behalten konnte. Mit diesen wurde die Stammzucht noch einige Jahrzehnte fortgeführt, teils unter Anpaarung an die anderen altösterreichischen Restbestände. 1919 wurde das Furioso-Przedswit Gestüt Perwarth (NÖ) mit Radautzer und Piberer Pferden errichtet. In der Zwischenkriegszeit wurde die mährische und polnische Zucht des altösterreichischen Warmblut-Pferdes maßgeblich durch Söhne von Przedswit VIII und Furioso XIII beeinflusst. 1932 wurde das Gestüt nach Piber verlegt; 1942 wurde Piber als Zuchtbetrieb aufgelöst, wobei ein Teil des Pferdebestandes in das preußische Hauptgestüt Graditz und ein Teil in die burgenländische Landeszucht gelangte.

Mit dem 1963 in Piber geborenen Przedswit XIII endet die Geschichte des Przedswit-Stammes in unserem Lande, denn er wurde an die damalige CSSR abgegeben. Dort besteht die Rasse in geringen Beständen in der Landeszucht fort, wobei auch das junge Mährische Warmblut über Blutanteile des Stammes verfügt. Ein wenig genützter, aber typischer und leistungsstarker Hengst steht „vergessen“ im Hengstdepot Pisek, einige weitere in den wenigen böhmischen Privatgestüten, die sich diesem leistungsstarken und schönen Schlag widmen. Nach der Auflösung des Warmblutgestütes von Piber 1981 gelangte ein kleiner Teil der Gestütsstuten in die Landeszucht, die Hengste wurden im staatlichen Hengstdepot Stadl-Paura untergebracht, wo sie als Lehrpferde eingesetzt wurden.

Ein Piberer Furioso-Hengst, der 1967 geborene 978 Furioso XXIV-82, wurde von Familie Budik 1986 in Stadl-Paura als Schulpferd wieder aufgefunden und mit großen Schwierigkeiten züchterisch verwendet, dann 1988 vor der Schlachtung durch Kauf bewahrt und konnte noch fünf Mal decken. Die Familie des Brigadiers Karl Budik begann 1985 mit der Erhaltungszucht altösterreichischer Halbblut-Pferde im niederösterreichischen Gramatneusiedl. Sven Budik wurde als Tierarzt und Genetiker zu einem Experten auf züchterischem Gebiet und führt das Werk der Eltern mit großer Begeisterung fort. Die Familie bewahrt einige hoch interessante Pferde und Dr. Sven Budik konnte wertvolle Kryokonserven einiger inzwischen toter Hengste anlegen. Diese werden an der Hochschule in Wien verwahrt und leider recht wenig genützt; ein Fohlen aus einer KB und aus einer „normalen Warmblut-Stute“ erhält natürlich ein Abstammungspapier als Österreichisches Warmblut und bleibt somit „unerkannt“.

Die bedeutendste Zuchtstätte des Przedswit-Stammes dürfte das Gestüt des Herrn Dipl. Ing. Jaroslav Richter, in Janovice bei Jívka (Janovice 333, CZ-541 01 Jívka bei Trutnov) in Nordost-Böhmen sein. Dort, inmitten des alten schlesischen Siedlungsraumes, wird auf rund 340 ha herrlichem Weideland eine Herde von rund 160 Pferden gehalten. Diese leben, solange die Witterung es zulässt, in freier Natur auf den Bergweiden und erhalten nur bei Schlechtwetter oder mangelnder Weide eine grobe Silage (Heulage), dann jedoch ad libitum. Dazu bekommen sie Minerallecken in relativ großer Menge und saufen das frische Wasser der Berge. Ihre Haltung kann man als extrem robust bezeichnen; Herr Richter nimmt sich das alte Gestüt Radautz zum Vorbild und führt seinen entlegenen Betrieb nicht nur nach dessen Muster, sondern erhält auch einen identischen Pferdetyp. Seine Stuten sind ein ausgeglichenes Lot von Füchsen, Braunen und einigen Schimmeln, die neben den alten Linien meist auch etwas Shagya-Blut führen. Ihre Fohlen sind frohwüchsig und robust, dabei trittsicher und gelassen. Rund fünf Beschäler werden im Turnus eingesetzt, davon meist auch ein guter, reiner Vollblüter. Der Vollblutanteil in der Population wird mit rund 40 % bewusst hoch gehalten – dem Beispiel von Radautz folgend; auch ein arabischer Anteil von rund 5-10 % ist vorhanden und gibt den Pferden noch mehr Ausdauer und schöne Köpfe. Man darf sagen, dass hier der letzte Rest des besten altösterreichischen Halbblutes bewahrt wird – von einem idealistischen Mann, der sein Lebenswerk darin sieht, diese wunderbaren Pferde zu retten. Wir sollten uns vor ihm in Dankbarkeit verneigen – denn Österreich hat diese Rasse 1983 wissentlich und willentlich entsorgt.

Pferde des Stammes Furioso-North Star-Przedswit sind ausgezeichnete, ausdauernde Reittiere mit flachen, raumgreifenden Gängen und oft gutem Springvermögen. Sie sind vorwiegend dunkel gefärbt, meist Braune, mit nur wenigen und kleinen Abzeichen; zwischen 160 und 167 cm Stockmaß stehend. Es sind typische Halbblüter mit deutlich „englischem“ Überguss, die einem Mittelgewichts-Hunter entsprechen. Mittelgroßer, nobler Kopf mit wachem Ausdruck und oft großen Ohren. Kräftiger Hals von ausreichender Länge, der in einen deutlich markierten, langen Widerrist übergeht. Kräftiger Rücken, gute Gurttiefe, ausreichende Breite. Leicht schräge Kruppe mit bedeutender Muskulatur; tief getragener Schweif. Stabiles Fundament von guter Knochenstärke und Korrektheit; harte, eher große Hufe; kaum Behang. Englische Halbblutpferde waren deutlich blutgeprägt, sie besaßen also den Adel und das Feuer des englischen Vollblutes, gepaart mit dessen athletischen Fähigkeiten, und vor allem einen guten Galopp, der für ein Truppenpferd unerlässlich ist. Über die meist orientalisch geprägte Mutterseite kamen Ausdauer, Zähigkeit und Intelligenz hinzu – eine ideale Kombination für sportliches Fahren, Vielseitigkeit, Distanzritte und Jagdreiten. Im Springsport und in der Dressur zeigen die Przedswit-Pferde elastische, praktische Gänge und viel Vermögen am Sprung.

Martin Haller

Martin Haller züchtet selbst Pferde und ist Autor vieler Fachartikel und Bücher.

Als engagierter FN-Zuchtrichter ist er ein anerkannter Pferdekenner und gefragter Gastreferent.
In Österreich hat er den Ausbildungslehrgang „Ponymaster“ ins Leben gerufen – eine umfassende Ausbildung für Reitlehrer.

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