Gustav Steinbrecht sagte einst: „Vorwärts ist die Losung in der Reitkunst wie im ganzen Weltall“. Seiner Meinung nach müssten dem Reiter daher mehr Mittel zum Vorwärtstreiben als zum Verhalten zu Gebote stehen. 

Will ich überhaupt Treiben? 

Mein Alltag besteht aus dem Heute und dem Gestern. Im Heute erfahre ich viel über die Wünsche, Sorgen und Probleme, aber natürlich auch über viele Highlights jener Menschen, die ich mit ihren Pferden begleiten darf. In der Vergangenheit suche ich in Punkto Literatur und Reitkunst das Vermächtnis weiser Reiter von Damals, die uns ihre Interpretationen und Gedanken hinterlassen haben. 

Was mir heute auffällt: Jeder Reiter wünscht sich eigentlich ein Pferd, das er nicht treiben möchte. Sehr häufig kommen Menschen zu mir in den Unterricht, die sich ein Pferd voller Energie wünschen, ein Pferd, das man eigentlich nicht mehr treiben muss. 

Umgekehrt habe ich auch Schüler, die angeben, jeglichen Schenkelkontakt zum Pferd meiden zu wollen, ansonsten „gehe der ab, wie Schmidts Katze“. 

Schauen wir in die Vergangenheit dann hinterlassen uns die Alten Meister unisono, aber jeder in seiner Interpretation und mit seinen eigenen Worten ausformuliert den Ratschlag, zum Treiben zu kommen, das Pferd auf jeden Fall ins Vorwärts zu arbeiten. 

Sechsmal Schenkel

Insgesamt haben wir es mit sechs wichtigen Schenkelhilfen zu tun: 

  • Der innere Schenkel liegt am Gurt an und biegt das Pferd um sich herum
  • der äußere Schenkel liegt etwas weiter hinter dem Gurt – das liegt vor allem auch daran, dass der Reiter seine eigene innere Hüfte etwas nach vorne verlagert, die äußere Hüfte etwas nach hinten setzt. Wenn also der innere Schenkel so um sich herum biegt, dann biegt der äußere Schenkel von sich weg
  • Wenn wir vorwärts reiten wollen und den linken oder rechten Hinterfuß zum vorwärts treten auffordern wollen, dann brauchen wir dazu den direkten Schenkel, der das jeweilige Hinterbein anspricht. Der linke Schenkel würde also direkt das linke Hinterbein ansprechen, der rechte Schenkel das rechte Hinterbein. Der um sich herum biegende innere Schenkel und der von sich weg biegende äußere Schenkel bekommen mit dem direkten Schenkel also eine weitere Funktion dazu. 
  • Der verwahrende Schenkel soll verhindern, dass ein Hinterbein breit von der Masse weg tritt. Fußt unser inneres Hinterbein links gut, dann wäre der rechte Schenkel der von sich weg biegende und verwahrende Schenkel unisono. 
  • Der umrahmende Schenkel ist schon etwas komplizierter: Nehmen wir an das innere Hinterbein links fällt diagonal aus, tritt also zu wenig vorwärts, aber sehr deutlich seitwärts am Schwerpunkt vorbei – dann hilft uns der umrahmende äußere Schenkel (in diesem Fall der rechte Schenkel), der das linke Hinterbein von der gegenüberliegenden Seite korrigiert. 
  • Der direkte Schenkel wird zum versammelnden Schenkel, wenn der linke Schenkel das linke Hinterbein dazu auffordert, doch etwas früher vom Boden abzufußen, der rechte Schenkel animiert das rechte Hinterbein auf gleiche Weise. 

Im Fall des triebigen Pferdes denkt man in erster Linie daran, den direkten Schenkel als Hilfe für das Pferd verständlich zu machen. Da aber oft Steifheit das Problem für die Trägheit ist, brauchen wir ebenso eine Auseinandersetzung mit den weiteren fünf Schenkelhilfen. Schließlich verhelfen uns die Arbeit an der Biegung sowie erste vorsichtig ausgeführte Seitengänge an der Geschmeidigkeit, Balance und Durchlässigkeit des Pferdes. 

Wenn wir an unser „heißes“ Pferd denken, wobei der Reiter in diesem Fall am besten gar nicht zum Treiben kommen will, würde dies ja bedeuten an gar keine Schenkelhilfe denken zu dürfen – vor allem wenn die Antwort des Pferdes immer in einer Explosion mündet. Wer an Versammlung, Biegsamkeit und Geraderichtung arbeiten möchte, wird aber ebenso die Auseinandersetzung mit allen sechs Schenkelhilfen brauchen. 

Die Tunnelkette und die Energie 

Bevor ich mich dem Thema „zum Treiben kommen“ widme, ist mir in der Ausbildung der Pferde die Auseinandersetzung mit „Energie“ sehr wichtig. 

Das beginnt – wie immer beim Reiter. 

Wir sind uns oftmals unserer eigenen Energie überhaupt nicht bewusst. Wie kommen wir überhaupt im Stall an? Geladen von einer Autofahrt und üblen Schleichern auf der Straße? Völlig aus der Puste lassen wir uns vom Drahtesel fallen und hetzen in den Stall? Kommen wir erholt und entspannt im Stall an oder sitzt uns der eigene Termindruck ständig im Nacken? 

Dass wir uns am besten mit einer guten Energie den Pferden nähern ist nicht DIE Neuigkeit. Auch dass es uns sehr schwer fällt Herr seiner eigenen Gefühle insbesondere der Gelassenheit zu sein. 

Achtsamkeitstraining, Meditation oder fixe Abläufe, die uns zu einer ruhigen Routine führen können uns helfen den Alltag abzustreifen und wirklich „da“ zu sein. Mir ist auch wichtig, dass uns die Pferde ihre Meinung über unsere Energie mitteilen können. Durch die Freiarbeit bzw. durch das „Abholen“ meiner Pferde auf dem großen Paddock Trail kann ich genau analysieren, wie meine Pferde auf mich reagieren. Hier kann es wirklich spannend sein, Tagebuch zu führen, über die Reaktionen der Pferde auf uns. Habe ich es eilig oder einen ganz fixen Plan für den Tag im Kopf sind meine Pferde eher misstrauisch. Wenn ich aber  in meiner „Wir haben alle Zeit der Welt“ – Stimmung bin, sind meine Pferde kaum zu bremsen. 

Die eigene Energie bezieht sich aber nicht nur auf die Stimmung, sondern auch auf das Tun mit dem Pferd. Sind wir hektisch beim Putzen? Auch hektisch in der Arbeit? Viele Reiter sind einen recht rüden Ton im Umgang mit Pferden aus der früheren Kinderreitschule gewohnt (zum Glück ändert sich das heutzutage und es gibt so viele Initiativen, die Kinder in aller Ruhe und mit viel Liebe ans Pferd führen – ein Beispiel ist Yvonne Heynckes). 

Wenn ich Schülern im Unterricht einen Vorschlag mache, dann erlebe ich oft super schnelle Reaktionen, fast schon ein vorauseilender Gehorsam meiner zweibeinigen Schüler. Energie sollte aber mit Bedacht gewählt werden. Nimmt man sich für den aktuellen Tag in der Trainingseinheit ein spezielles Ziel vor, dann sollte jede Hilfe immer fließend, mit Bedacht und in Ruhe ausgeführt werden. Auch Pferde brauchen Zeit, um auf unsere Hilfen zu reagieren. 

Gustav Steinbrecht beschriebt in seinem Gymnasium des Pferdes sehr genau, warum er so viel Wert auf eine korrekte Biegung legt. Ich beschreibe die Wirbelsäule des Pferdes gerne in Bauklötzen. Passen die Klötze zueinander, dann kann Energie von hinten nach vorne, aber auch eine Parade von vorne nach hinten durch den Pferdekörper fließen. Passen die Klötze nicht zueinander bleiben Energie oder Parade stecken. 

Das wäre kurz gesagt die Biomechanik. Aber was wäre das Reiten ohne das Gefühl. Technik ist das eine, die mentale Verbundenheit zwischen zwei Lebewesen die andere Sache. 

Es gibt viele passende Vergleiche zwischen Tanz- und Reitkunst. Ich liebe es, wenn ich gute Tanzpartner beobachten kann. Die Harmonie in der fließenden Bewegung ohne Absprachen, wann welcher Schritt gesetzt wird – das ist vergleichbar mit dem Moment, wo man die reiterlichen Hilfen nicht mehr wahrnehmen kann. 

Abseits aller technischen Hilfengebung versuche ich daher immer wieder – egal ob vom Boden oder vom Sattel aus lediglich durch Energieübertragung mein Pferd in verschiedene Richtungen oder Bewegungen zu schicken. Das Ergebnis – gemeinsame Freude an der Bewegung. 

In den Basisführübungen habe ich meinem jungen Lipizzaner alle Hilfen erklärt – was bedeutet es, wenn ich den Körper vorneige? Was bedeutet es, wenn ich quasi mit gebeugten Hanken eine Aufforderung zum Halten einleite. Ich habe viel vorgemacht – er hat viel gespiegelt. Heute muss ich eigentlich nicht mehr viel in meinem eigenen Körper „vormachen“ – der Gedanke alleine reicht aus.

Ein Vergleich noch aus der Musik. Wenn der Dirigent ein Orchester anleitet, dann hat er zwar einen Taktstock (vergleichbar mit unserer Gerte), natürlich kann er beispielsweise den Cellisten nicht an der Hand nehmen und den Bogenstrich energischer machen – er schickt durch seinen Körper Energie an seine Musiker. Ich stelle mir die Pferdebeine gerne wie einzelne Musiker vor, die ich erreichen möchte. Hinter dem Pferd sitzt die faule Pauke, die ich auch manchmal aufwecken muss, auch wenn mein übriges Orchester brav gearbeitet hat. Schon früher hat man Begriffe wie das „Konzert der Hilfen“ verwendet. Und ja, wenn man im Orchester spielt, kann die Energie des Dirigenten tatsächlich die wichtigste Hilfe sein, wenn die Buchstaben (die gesamte Technik: Noten, Fingertechnik usw) gelernt ist. 

Wenn Konrad und ich heute ein wenig mit Energie spielen, dann sieht das so aus: 

Wir bleiben in den nächsten Artikeln dran, am Thema „Zum Treiben kommen“

Wer eine gemeinsame Energie findet, der Reitet übrigens Einfach 😉 

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