“Guérinière beschreibt, das Schwierigste ist das Nachgeben und zwar aus einem Grund. Wenn man nachgibt und das Pferd weiß nicht, was es mit dieser Hilfe machen soll, dann kann man die Hilfe nicht verstärken. Man kann einen Schenkel verstärken, man kann auch eine Parade verstärken. Aber das Nachgeben, das kann man nicht verstärken”.

Mit diesen Worten eröffnet Bent Branderup unser Theorieseminar rund um das erste und zweite Descente, ursprünglich beschrieben vom berühmten französischen Reitmeister Guérinière und wichtige Grundlage, wenn wir uns heute über Paraden unterhalten wollen. Das Descente solle beim Pferd, so Bent Branderup die richtige Reaktion auslösen. Als la descente de main et de jambes, wird das Nachgeben der Hand, (descente de jambes = das Aussetzen der Schenkelhilfen) beschrieben, als Überprüfung, ob das Pferd weiterhin ohne permanente Hilfengebung in der erarbeiteten Form und Haltung bleibt. (Im Französischen braucht „la descente“ einen weiblichen Artikel , ich bitte um Nachsicht, dass ich hier nicht „die Descente“ beschreibe sondern das Descente im Sinne von „das“ Nachgeben im Artikel verwende).

“Man kann es aber auch umdrehen und sagen, dass das Descente eher eine Überprüfung ist, ob das Pferd an den Hilfen steht, denn eine HIlfe selbst”.

Von Pferden, Fischen und Schwungübertragung

Bent Branderup betont, dass wir als Reiter zuallererst eine Reise in die Hinterhand des Pferdes machen müssen. Wir müssen verstehen, was die Hinterhand erzeugt und auf die Oberlinie des Pferdes überträgt:

“Ein Pferd hat Hinterfußantrieb, ebenso wie ein Fisch – von hinten komm die Bewegung und überträgt sich durch den Körper nach vorne.”

Bent Branderup zeichnet auf das Flipchart und wir machen eine Reise durch Becken, Hüftgelenk, Knie, Sprunggelenk bis hin zum Fesselkopf und Huf. Nun kommt das berühmte Steinbrecht Zitat: “Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade” – aber Bent erinnert zugleich an Steinbrechts eigene Warnung: “Aber ich warne davor, reite das Pferd nicht zu schnell”.

Geht das Pferd nur schnell, dann schiebt der Hinterfuß nach hinten raus. In diesem Fall öffnet das Pferd die Gelenke der Hinerhand, dabei werden Muskeln tätig, die das Öffnen, also das Auseinanderziehen der Gelenke vermehrt unterstützen. Guérinière und Steinbrecht meinten aber mit einem Vorwärts oder Vorgriff unisono ein vermehrtes Affußen der Hinterbeine unter den Bauch des Pferdes.

“Dann sind Muskeln tätig, die beim Schließen der Gelenke, auch zum vermehrten Beugen der Gelenke beteiligt sind”. Richten wir unser Augenmerk auf die Biomechanik des Vorwärts, so erklärt Bent, dann hat nicht nur die korrekte Tätigkeit aus der Hüfte ihren Anteil am Vorwärts, sondern auch die Tätigkeit des Beckens selbst. Das Becken bewegt sich vor und runter, dann setzt das Hüftgelenk das Bein vorwärts. Bent demonstriert uns wie sich das menschliche Becken bewegt, wenn er sein Knie beugt. Das Becken geht dann tatsächlich auch in einer Bewegung nach vor und runter. Die Hüfte wird aktiv und setzt in der Bewegung das Bein vorwärts.

Wenn wir als Reiter jedoch das Pferd durch unseren Sitz und unsere Hand steif machen, wirkt sich das natürlich auch auf die korrekte Tätigkeit des Beckens aus. Steifheiten machen sich bemerkbar, das Pferd hebt das Becken, dadurch wird auch der Vorgriff aus der Hinterhand dramatisch reduziert. Nur bei korrekter Tätigkeit aus dem Becken und der Hüfte sehen wir im Brustkorb eine dreidimensionale Tätigkeit der Wirbelsäule (Schwingungen nach oben und unten, seitlich und in Rotation).“

Was ist Schwung?

“ Viele Reiter verstehen heute unter Schwung als eine Schwebephase oder beschreiben damit das Niveau an Energie. Schwung meint aber die dreidimensionale Tätigkeit der Wirbelsäule”.

Der Schwung wird aus dem Becken heraus in die Wirbelsäule übertragen und landet schließlich an der Vorhand. Das Spannende dabei ist: Pferde haben keine Schlüsselbeine wie wir Menschen. Die Verbindung der Vorhand mit der Wirbelsäule ist also nicht durch Knochen sondern durch Gewebe gegeben. Unregelmässigkeiten der Schwungübertragung sehen wir oft in der Tätigkeit der Vorhand.

“Takt kommt aus dem Schwung und wenn wir den Schwung erwürgen, dann werden wir auch bei den allermeisten Pferden den Takt erwürgen. Viele Reiter sind eben eher taktlos.”

Im Schritt ist der Schwung am Größten, daher ist es laut Bent Branderup ein Irrtum den Schritt als eine schwunglose Gangart zu bezeichnen. An den Nickbewegungen des Kopfes können wir ablesen, ob das Pferd tatsächlich über den Rücken geht oder falsch federt.

“Jetzt nähern wir uns dem Thema, mit der Hand spüren zu können, was in der Hinterhand los ist”.

Gustav Steinbrecht habe hier, so konstatiert Branderup in präziser Reitersprache die Biomechanik beschrieben wie kein anderer: “Über den Rücken gehen und an die Hand herantreten” – das bezeichnet die korrekte Schwungübertragung, die wir in der Reiterhand erfühlen können aufs Wesentliche herunter gebrochen.

Da die Muskeln des Pferdes miteinander verkettet sind und mit dem Zentralnervensystem verbunden sind ist es wichtig, genau zu verstehen welche Konsequenzen unsere Handlungen für den Pferdekörper haben. Wenn wir den Kopf in eine bestimmte Position zwingen, dann ist das nicht richtig. Wir hätten die korrekte Formgebung gerne aus einer aktiven Arbeit der Unterlinie, die in einer Dehnung der Oberlinie mündet.

“In dem Moment wo die Hinterfüße aktiv nach vorne greifen, da haben wir die Dehnung der Oberlinie und unser erstes Descente, wenn wir nachgeben und spüren, dass die Nase den Weg zur Reiterhand sucht. Egon von Neindorff hätte früher dazu gesagt: Hand vor, Bauch vor. Geht aber der Bauch des Reiters vor und die Hinterhand folgt dieser Verlagerung des Schwerpunkts nicht, dann werfen wir das Pferd auf die Schulter. Der Hinterfuß des Pferdes muss dieses Vorgeben schon mitmachen. Er muss unter die Gewichtsmasse des Pferdes treten wollen. Will der Hinterfuß der Masse ausweichen, dann brauchen wir eine entsprechende Ausbildung”.

Wie wir die Hinterhand ausbilden

Bent Branderup ermahnt das Auditorium dazu, bei jedem einzelnen Pferd zu analysieren, warum die Hinterhand nicht nach vorne unter die Masse treten könne.

“Haben wir einen Traber, der breit fußt? Ein Kutschpferd, das die Gelenke zu stark, entsprechend der Schubkraft öffnet? Haben wir ein Pferd das in einem bestimmten Gelenkbereich Probleme hat”?

Woran liegt es also, dass ein Pferd nicht korrekt unter die Masse treten kann? Das ist die erste Frage, die wir uns als Ausbilder unserer Pferde stellen müssen. Wir müssen also als erstes unser Auge schulen, um zu sehen, was das Pferd von alleine kann und wo der Reiter möglicherweise den Fluß der Bewegung behindert oder im Weg sitzt. Orten wir ein Problem an der Muskulatur, dann könne wir in mühevoller Kleinarbeit nach ein paar Monaten die ersten Veränderungen feststellen. Die Arbeit mit Sehnen und Bändern dauert jedoch jahrelange Arbeit. Ist eine Problematik an den Gelenken festzustellen, stoßen wir bei der Ausbildung des Pferdes an fixe Grenzen; hier ist die Konsultation von Spezialisten gefragt.

“Erst wenn der Hinterfuß unter den Punkt unter dem Bauch greift, wo wir später weiter oben drauf sitzen, dann haben wir das Pferd auf das Gerittenwerden vorbereitet. Sehe ich also beim Pferd, das jung ist in der Ausbildung, dass der Auffußpunkt und der Schwerpunkt des Reiters (auch in der Vorstellung) nicht übereinstimmen, dann ist das Pferd noch nicht bereit dazu geritten zu werden.”

Kein Hinterbein ohne Pferdehuf

Von der korrekten Tätigkeit der Hinterhand entführte uns Bent in den Hallensand. Dort konnten wir Hufabdrücke beobachten. Wie das Pferd seine Hufe verschleißt, verrät uns schließlich auch eine ganze Menge über die Abnützung der Gelenke darüber. Belastungen werden beim Auffußen sichtbar – und das eben im Hallensand. So konnten wir anhand der Hufabdrücke im Sand ein Pferd aufspüren, dass mit seinen Zehen offenbar geschaufelt hatte und ein Pferd, das seine Hufe korrekt in den Sand setzte.

Weiter ging es mit praxisnaher Theorie. Von der Ausbildung im Stand, vom korrekten abwärts-strecken:

“In der Bewegung habe wir die Faustregel, das Pferd nicht tiefer dehnen zu lassen, als das die Beweglichkeit des Buggelenks eingeschrenkt würde. Wenn die Buggelenke in der Beweglichkeit blockiert sind, kann die Vorhand nicht frei raus schwingen, das Pferd würde sich dann über diese schieben und den Platz für den korrekten Vorgriff aus der Hinterhand limitieren”.

Stellung und Biegung

Ist beispielsweise die linke Hüfte etas nach vorne gestellt, kommt die Rotation des Brustkorbes korrekt aus dem Becken und setzt sich in die Halswirbelsäule fort, dann sind wir beim Thema der korrekten Stellung.

“Das erste Gelenk am Übergang Schädel Halswirbelsäule ist das “Ja-Sager Gelenk”, das zweite Gelenk bezeichne ich als das “Nein-Sager-Gelenk”. Beide sind geringfügig an der korrekten Stellung beteiligt. Das “Nein-Sager-Gelenk” ist oft beteiligt, wenn sich das Pferd im Genick verwirft. Wird der Brustkorb durch das Reitergesäß nach außen runter gesetzt, dann kann man zwar durchHeben der Reiterhand das Genick in scheinbar korrekte Position bringen, die Ursache für die falsche Rotation des Brustkorbes ist jedoch noch immer vorhanden.“

Im Theorievortrag geht es nun um die Bedeutung von Ganaschefreiheit und die Unterschiede zwischen menschlichem und equinem Kiefer. Nur wenn die Ganschefreiheit gegeben ist, kann der Unterkiefer des Pferdes beispielsweise bei einer Linksstellung nach rechts außen unter den Atlas rotieren. An dieser Stelle ist der Vorteil der Trense zu erwähnen, die auf einer Seite des Pferdes stellen, auf der anderen durch die Gelenkverbindung des Gebisses quasi unabhängig von der anderen Seite lösen könnte. Könnte, wie Branderup betont, denn der sachgemäße Einsatz der Trense sei mittlerweile äußerst selten.

Vom Leckerli und Zupferle, um das Pferd das Abwärts dehnen schmackhaft zu machen,  geht es wieder zu einem Exkurs in Punkto Muskulatur.
Der Weg zum ersten Descente ist geebnet wenn sich das Pferd vorwärts abwärts strecken kann und wir im Stand bzw. später in der Bewegung die äußere Schulter des Pferdes, das äußere Vorderbein des Pferdes “leichter” machen können. Dies unterstreicht auch die lösende Wirkung des Schulterherein, gerne auch Aspirin der Reitkunst geannnt. Wird der Muskelbereich außen im Brustkorb entlastet, dann kann der Brustkorb außen leicht nach oben rotieren, die äußere Oberlinie dehnt sich, der innere Hinterfuß nimmt mehr Last auf und tritt unter den Schwerpunkt, die Bauchmuskulatur zieht sich zusammen und arbeitet.

Von der Theorie zur Praxis

Im Anschluss an die Theorie unterrichte ich meine liebe Schülerin Heike mit ihrer jungen Lipizzaner Stute “Austria”. Austria bewegt sich nach dem typischen Seiltänzer-Muster, das heißt die Hinterbeine kreuzen stark, sie vollführen ein  so genanntes Balancè. Mit Austria arbeiten wir an der Losgelassenheit, am entspannten Annehmen der Gertenhilfen. Austria hat garantiert keine schlechten Erfahrungen mit der Gerte gemacht, sie ist aber sehr skeptisch, goutiert keine schnellen Bewegungen mit der Gerte, somit machen ihr mental Wechsel zwischen den Zügel- und Schenkelhilfen, die wir ihr mit der Gerte zeigen noch zu schaffen. Permanent überprüfen wir ihre Dehnungsbereitschaft. Am Ende können wir dann noch im Stehen am ersten Descente arbeiten, am Strecken nach vorwärts-abwärts zur nachgiebigen Hand hin. Diese Übung hat Austria schnell verstanden und dann sehr rasch vorweg genommen. In dieser Einheit arbeiten wir am Zuhören. Ich bin sehr zufrieden mit der kleinen Austria, die gemeinsam mit ihrer Heike starke Nerven vor großem Publikum bewahrt hat.
Von Bent bekomme ich später ein sehr schönes Feedback über unsere ruhige Unterrichtseinheit, die sich sauber mit den ersten Schritten der Basis befasste.

Danke Heike und Austria für euer Vertrauen.

Als Kursorganisatorin hat man grundsätzlich immer viel zu tun. Und an diesem Kurs waren ausnahmslos Schüler von mir “am Start”. Natürlich bin ich auch hier nervös – vor allem wenn eine von ihnen die Wappenträgerprüfung reitet. Die Rede ist von Viktoria Portugal, die mit ihre Amira heuer ganz wunderbar reüssieren konnte. Jetzt heißt es daher nach der bestandenen Prüfung: Packen für die Sommerakademie. Gemeinsam mit Sonja Grätz und Marion Ernst, die ihre Prüfung im letzten Oktober noch ablegen konnten und Viktoria freue ich mich auf “Zuwachs” in der Österreichischen Ritterschaft und auf eine schöne Zeit bei der Sommerakademie in Dänemark.

Ein riesiges Dankeschön geht natürlich auch an Katharina Gerletz, der wir wie immer das Festhalten unserer magischen Kursmomente verdanken. Zu ihrer Fotoseite gehts hier…

Lernen wir Nachgeben, dann Reiten wir Einfach 🙂

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PS: In der nächsten Woche folgt Teil zwei des Kursberichts.

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