Führübungen, erste Bodenarbeit und das Kennenlernen der Zügel- und Schenkelhilfen. Ein Lipizzaner lernt das Reitpferde ABC.

Mehrmals im Monat muss ich mich losreißen und die schöne gemeinsame Zeit mit meinem Connversano Aquileja I – oder Konrad – wie er nun von allen gerufen wird unterbrechen.

Konrad ist nun seit Ende Mai bei uns auf dem Sonnenhof in Hart bei Graz und hat sich seit seinem Umzug aus Piber rasch eingelebt. Wie man Türen aufdrückt oder das Gitter an den Heuraufen hebt, um gemeinsam mit dem spanischen Kumpanen „Idolo“ möglichst viel Heu aus der Raufe zu werfen – all das hat der kleine graue Herr bereits intus. Und natürlich wie man mich um den Finger wickelt.

Im September gab es für uns richtig gute Nachrichten: Nach der Kastration im Mai kam es zu einer Entzündung. Diagnostiziert wurde die mögliche Bildung einer Samenstrangfistel. Nach der Gabe von Antibiotika machte uns die Tierärztin wenig Hoffnung, ein zweiter Operationstermin wurde bereits für Oktober geplant. Konrad ließ sich die Wunde jedoch sehr artig versorgen. Ob Bestrahlung mit Rotlicht, Wundsäuberung, Spritzen und Kühlung – er ließ alles über sich ergehen, obwohl die Begeisterung enden wollend war. Die Entzündung führte auch dazu, dass er mit einem Hinterbein kürzer getreten war.

Meine liebe Kollegin Andrea Harrer aus Salzburg versorgte uns in dieser Zeit mit homöopathischen Tipps – und scheinbar hat es geholfen: Im September konnte dann Entwarnung gegeben werden. Keine Entzündung. Keine Fistel. Nun wurde noch ein „Wellness-Termin“ für Konrad vereinbart, um etwaige Blockaden und Muskelverspannungen zu lösen.

Die Einschulung beginnt

Im Sommer waren wir viel spazieren aber wir haben auch schon ein wenig Bodenarbeit gestartet. Bei den ersten Führübungen zeigte sich bereits, wie gut der kleine Lipizzaner auf mich und meinen Körper achtet. Gemeinsames Losgehen, Anhalten, Rückwärts und wieder Vorwärtslaufen – all das war sehr rasch kein Problem. Diese Übungen haben wir dann auch aus der Halle mit ins Gelände genommen. Auf der stalleigenen Hausrunde haben wir bergauf und bergab getestet, wie gut die Kommunikation gelingt. Ich muss gestehen, Konrad überraschte mich durch seine Konzentrations- und Aufnahmefähigkeit jedesmal aufs Neue.

Schulterkontrolle

Konrad lernte zunächst also die seitliche Führposition kennen. Dass er es nicht gewohnt war, von rechts geführt zu werden, zeigte er durch einen skeptischen Blick – danach war die Sache aber schon weniger unheimlich und wir konnten unser Programm in gleicher Qualität auch von rechts geführt ausprobieren. Auch Handwechsel waren kein Problem. Bei den Handwechseln aus seitlicher Führposition gehe ich folgendermaßen vor: Wenn ich neben dem Pferd vorwärts laufe, gehe ich nun die gleiche Strecke rückwärts in Richtung Schweif zurück und lade das Pferd zu einer Wendung auf mich zu ein. Während ich rückwärts laufe wechsle ich bereits Gerte und Strick in der Hand, bleibe dann einen Moment stehen und zeige auf die neue innere Schulter des Pferdes. Konrad verstand sofort auf das Zeigen der Gerte hin, die innere Schulter etwas nach außen zu nehmen. Sobald wir uns wieder auf gleicher Höhe befanden konnte es wieder nebeneinander weitergehen.

Bei allen neuen Anfragen an das Pferd, sei es ein Handwechsel, ein gemeinsames Halten oder vorwärtsgehen, achte ich sehr darauf, das Pferd nicht zu überrumpeln. Es gibt Trainer, die sich wünschen, dass das Pferd auf Knopfdruck funktioniert. Ich möchte auch durch leise Signale eine relativ prompte Reaktion des Pferdes erreichen, allerdings möchte ich auch für das Pferd gut vorhersehbar sein – soll heißen – ich bin gerade zu Beginn der Ausbildung einer der „schlechtesten Schauspieler“ auf der Welt. Ich mache mir große Gedanken darüber, wie beispielsweise ein Anhalten in meinem Körper aussehen muss. Dafür zerlege ich alle Schritte in Einzelteile: Wie die Energie in meinem Körper abnimmt, wie ich mich vielleicht sogar ein wenig sinken lasse, meine „Hanken“ beuge, ausatme und sehr bewusst anhalte. Je besser ich mir der Bewegungsabläufe bewusst bin, umso eher kann ich meinem Pferd zeigen, was ich von ihm möchte. Manchmal gehe ich auch ein gemeinsames Angehen in Zeitlupe durch. Ich stehe neben dem Pferd und verlagere meinen Schwerpunkt langsam nach vorne – das Pferd hat dann auch Zeit darauf zu reagieren. Wir stellen dem jungen und unausgebildeten Pferd eine Frage und erwarten eine sofortige Antwort. Von einem Kind in der Grundschule würden wir bei den ersten Rechenversuchen ja auch keine Antwort, wie aus der Pistole geschossen erwarten. Wir geben unserem Schüler Zeit, unsere Frage aufzunehmen, darüber nachzudenken und die Antwort gut zu formulieren.

Von der seitlichen Führposition ging es dann in die Bodenarbeitsposition, wobei ich noch keinen Kontakt direkt zum Kappzaum aufgenommen habe. Das Bodenarbeitsseil hielt ich locker in meiner rechten Hand, in der linken Hand die Gerte. Nun lief ich erstmals rückwärts auf der rechten Hand. Ich rechnete damit, dass Konrad auf der einen Seite möglicherweise in den Zirkel hinein, auf der anderen Seite aus dem Zirkel heraus vergrößern würde. Seine Balance zwischen den Schultern war jedoch so gut, hier musste ich fast keine Korrekturen vornehmen. Konrads Kopf blieb parallel zu meinem Oberkörper, ich fühlte mich nie geschoben oder bedrängt – wenn er mir für meine Begriffe zu nahe kam, konnte ich rechtzeitig durch ein „Größermachen“ oder ein sanftes Schütteln des Bodenarbeitsseils zu erkennen geben, dass ich mir mehr Abstand wünschte.

Nach und nach konnte ich den inneren Schenkel hinzufügen. Zunächst aus der Schulterkontrolle in Bewegung, dann auch im Stand. Konrand lernte auf eine Berührung des inneren Schenkels – in dem Fall durch die Gerte den Kopf zu senken und sich zu entspannen. Diese Übung gelang auch bald ohne Gerte. ich konnte mich vor seinem Kopf oder neben seiner Schulter positionieren. Wenn ich ausatme und mich entspanne, dann senkt Konrad ebenso den Kopf und manchmal schnaubt er sogar dabei ab.

In der Bewegung ließ sich Konrad ebenso sehr rasch vom inneren Schenkel lösen und bald konnten wir auch ein paar Schritte leichtes Schultervor erarbeiten.

Eines Tages stellte ich mich mitten in der Halle auf und zeigte mit der Gerte in Richtung äußerer Hüfte meines braven Schimmels. Hier kommt mir sein aufgeschlossenes Wesen und seine extreme Ausgeglichenheit auch sehr entgegen – egal wo ich die Gerte zeigend einsetzte – Konrad war nie misstrauisch oder nervös. Ich zeigte also diesmal über den Rücken in Richtung äußerer Hüfte und berührte ihn leicht mit der Gerte. Ich selbst war auf der Höhe der Schulter positioniert. Zu Beginn Ratlosigkeit, als ich mich jedoch selbst auf der Stelle bewegte, bewegte Konrad seine Kruppe ein wenig auf mich zu.

Tolles Ergebnis – vor Freude ausflippen – viel Lob und zurück auf die Koppel.

Wir haben oft nur zehn Minuten in der Halle miteinander gespielt – Konrad versteht so schnell und ich habe es wirklich nicht eilig. Mit dem Herbst kam dann endlich auch die kühlere Jahreszeit und so konnten wir unsere Spaziergänge ein wenig ausdehnen.

Ende Oktober war dann mein lieber Kollege Jossy Reynvoet bei uns. Wir haben uns dann mit verschiedenen Longenpositionen gespielt. Für Konrad, der inzwischen den inneren und äußeren Schenkel durch Zeigen mit der Gerte verstanden hat ist es keine große Sache, ob ich vor oder neben ihm für diese Hilfen stehe. Aus der Longenposition haben wir uns dann beim Kurs mit den Wechseln zwischen Schulterherein in Dehnungshaltung und etwas Kruppeherein gespielt.

Im Oktober hatten wir im Stall auch Besuch vom Sattler. Diese Gelegenheit haben wir gleich am Schopf gepackt und Konrad einen Sattel gezeigt. Er kennt ja bereits Regendecken oder Dualgassen auf seinem Rücken – fand er alles nicht sonderlich beeindruckend. Ich bin von der Ruhe und Gelassenheit des kleinen Lipizzaner nach wie vor extrem begeistert. Daher liegt mir auch seine Begeisterungsfähigkeit sehr am Herzen. Eigentlich hören wir für Konrads Geschmack immer viel zu früh mit der „Arbeit“ auf.

Obwohl Freund Idolo schon längst am Zaun steht und auf Konrad wartet, bleibt mein kleiner Lipizzanerbub lange am Zaun stehen und brummelt mir nach.

Ich möchte mir in der Ausbildung und den nächsten Schritten weiterhin viel Ruhe und Zeit lassen. Daher haben wir auch die sonnigen Novembertage für viele Spaziergänge genutzt – oder ich habe mir die letzten Sonnenstrahlen auf der Koppel auf den Buckel scheinen lassen – und Konrad auch. Wir haben also schon mal ein gemeinsames Hobby – das heißt: Zeit gemeinsam in der Sonne schön verbringen.

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PS: Konrad ist übrigens nicht der einzige Lipizzaner, der mich begeistert. Mittlerweile darf ich einige tolle Menschen mit ihren Lipizzanern  begleiten – auch in Slowenien wo ich am Hof der Lipizzaner von Angelika Pristov und auch bei Nina Peternel vom Hause Barbana einige Rohdiamanten kennen lernen durfte 🙂

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