Fair zum Pferd Kursbericht

Fair zum Pferd Kursbericht

Fairness für Pferde – Der Weg ist das Ziel!
Kursbericht

Fair zum Pferd 2017

Lüdinghausen, 26. bis 28. Mai 2017
Der Geist der alten Meister wie Grisone, Pluvinel , Gueriniere und Co war an diesem Wochenende ganz bestimmt anwesend, als Marius Schneider, Meister der Akademischen Reitkunst zum Seminar „Fairness für Pferde“ auf sein Gestüt Moorhof, Deutsches Zentrum für akademische Reitkunst nach Lüdinghausen im Münsterland einlud. Stefanie Niggemeier fasst für uns zusammen:

Wer war mit dabei?

Über 400 Zuschauer folgten seiner Einladung um nicht nur seine Arbeit mit dem Pferd, sondern erstmalig in dieser Kombination auch die Arbeit der extra mit ihren Pferden angereisten Meister der Akademischen Reitkunst, Sabine Oettel und Christopher Dahlgren erleben und genießen zu können. Großmeister und Gründer der Akademischen Reitkunst, Bent Branderup, unterstützte das Seminar durch informative und erhebende Vorträge rund um das Thema Reitkunst.

Rund wurde das Seminar nicht nur durch die Teilnahme von Rebecca Dahlgren, die einen Einblick in ihre Arbeit mit ihrem Pferd zum Thema Liberty, Trick Training und Riding gab, sondern auch durch die Teilnahme der Familie Krischke von der Hofreitschule Bückeburg, die mit dreien ihrer Pferde angereist waren, um das Seminar zu bereichern.

Kursfotos von Marius Schneider

Öffentliche Abendarbeit

Am Freitag begann das perfekt organisierte Event mit einer öffentlichen Abendarbeit, bei der die Trainer ihre Pferde ein wenig an die Halle gewöhnten. Bent Branderup ließ es sich währenddessen nicht nehmen, dem Publikum Hintergrundwissen zu vermitteln, so dass nicht nur erste wunderschöne Schaubilder von Pferd und Mensch entstanden, sondern auch Wissenswertes erfahren werden konnte.

Christofer und Rebecca Dahlgren

Bei sommerlichem Wetter konnte dann am Samstag das Event so richtig losgehen: angefangen mit einem Vortrag zur Lernpsychologie des Pferdes durch Bent Branderup stand der Samstag hauptsächlich unter dem Thema „Kommunikation mit dem Partner Pferd“. So zeigten alle Teilnehmer mit ihren Pferden, wie sie in einen Dialog kommen. Ganz unterschiedlich waren hier die Techniken, wie zB. Reitkunst, Libertyarbeit, Langzügel oder Longenarbeit, Ausrüstungsgegenstände und Zäumungen. Die Fragestellung an das Pferd :

„Was brauchst Du, um mich verstehen zu können? Wie kommen wir zusammen?“, war der rote Faden, der sich durch die Arbeit aller Ausbilder zog.

Besonderen Fokus legten alle darauf, das Wohl des Pferdes im Auge zu haben und immer wieder zu reflektieren. „Auch dann, wenn das Pferd mit abgesenktem Hals still steht, muss es nicht zwangsläufig entspannt sein“, erklärt die extra aus Schweden angereiste Rebecca Dahlgren, die die ersten Schritte der Freiarbeit mit ihrem Connemara Eamonn für das interessierte Publikum erklärt.

„Mimik und Ohrenspiel geben uns Auskunft über die Gemütsverfassung des Pferdes und wir müssen das Pferd genau anschauen und beobachten, damit wir mit ihm und nicht gegen das Pferd arbeiten“, betont sie.

Das Hinsehen ist auch ihrem Mann Christopher Dahlgren besonders wichtig: „Nur dann, wenn ich weiß, mit wem ich es zu tun habe, weiß ich auch, wie ich das Individuum ansprechen und lehren kann. Pferde können ganz verschiedene Temperamente haben und sich in der Arbeit ganz unterschiedliche Komfortzonen haben. Ein introvertiertes Pferd entspannt sich vielleicht lieber beim Stillstehen und fühlt sich so sicher. Ein extrovertiertes Pferd braucht die Bewegung, um in seinem Element zu sein. Man muss auf die individuelle Natur des Pferdes Rücksicht nehmen und auf sie eingehen, ansonsten bildet man das Pferd gegen seine Natur aus, was niemals geschehen darf“, erklärt er mit Engagement.

Dass das keineswegs eine todernste Sache sein muss, sieht man in beider Arbeit mit ihren Pferden. Ihre Begeisterung und Liebe für das, was sie tun, reisst das Publikum schnell mit.

 

Sabine Oettel

Sabine Oettel, mit ihrem Knabstrupper Theodor und ihrem Fredericksborger Jarl aus Wendelmuth in Bayern, hat den Fokus auf der Überprüfung ihrer Arbeit in der Anwendbarkeit.

„Ein Pferd, das in der hohen Schule ausgebildet ist, sollte auch immer ein gutes Gebrauchspferd sein“, so Sabine Oettel.

Die Erarbeitung von Hilfen, das Geben und Empfangen von Informationen zwischen Pferd und Mensch ist elementar in ihrer Arbeit mit dem Pferd und bildet die Basis für ein gutes Vertrauensverhältnis. Dazu kann es gehören, auch mal zu experimentieren:

„Jarl hat sich mit dem Thema Zäumung immer sehr schwer getan. Es hat Jahre gebraucht, bis wir das Richtige gefunden hatten und er sich nun wohlfühlen kann mit der Zäumung auf Cavesal. Ich musste immer wieder meine Ideen loslassen, weil er sich nicht komfortabel gefühlt hat. Seine Antworten zu diesem, wie auch jedem anderen Thema sind für mich extrem wichtig, nur so können wir als Team funktionieren.“

 

So kann dann ein Pferd-Mensch Team Großes erreichen:

Sabine und Jarl zeigen in verschiedenen Techniken wie Langzügel und Damensattel nicht nur Lektionen der hohen Schule wie einen kraftvollen Mezair und sogar einen Schulsprung, die Croupade, eine der Schulen über der Erde.

Xenophon

 „ Das Pferd soll sich stolz und schön fühlen, wie es sich in den Augen anderer Pferde stolz und schön fühlen würde.“ 

Präsentation Marius Schneider

Gastgeber Marius Schneider führt mit Rassemix Aramis ein Crossover an verschiedenen Techniken von Longen-, Boden-und Handarbeit vor.

Deutlich wird hier:

Bodenarbeit hat keinen Selbstzweck, sondern soll das tun, was schon Xenophon vor 2400 Jahren in Worte fasst:

„Das Pferd soll sich stolz und schön fühlen, wie es sich in den Augen anderer Pferde stolz und schön fühlen würde.“

Marius Schneider erklärt während seiner Arbeit, warum er seine Führposition verändert, wie er Sekundarhilfen wie Zügel-, Hand und Gerte nutzt, um sich dem Pferd verständlich zu machen und wie er dem Pferd so helfen kann, zu mehr Balance und Fähigkeit zu gelangen.

„Seht man wie wunderschön das Pferd während der Schulparade an der Longe aussieht. Genau dafür ist unserer Arbeit da“, begeistert sich Bent Branderup.

Auch die Arbeit mit dem jungen Pferd an der Longe und unter dem Sattel ist ein Thema, welchem Marius Schneider an diesem Wochenende mit dem erst fünfjährigen Knabstrupper Tizian Zeit widmet. Das Publikum kann sehen, wie ein vom Boden geschultes Pferd ganz selbstverständlich Hilfenveständnis und Balancegefühl in die Arbeit unter dem Sattel transportieren und für sich nutzen kann.

„Alles muss immer für das Pferd logisch sein, ein Baustein auf den anderen aufbauen. Dann wird das Pferd vor Aufgaben gestellt, die es mit Leichtigkeit lösen kann und man hat mehr und mehr Momente der Harmonie“, kommentiert Bent Branderup die Reitvorführung von Marius und Tizian, die vom Boden von Carina Dörfler unterstützt werden. 

 

Hofreitschule Bückeburg

Christin, Diana und Wolfgang Krischke von der Hofreitschule Bückeburg haben den Fokus ihrer Arbeit vor allem auf der Motivation des Pferdes.  

„Wir suchen nicht nach Perfektion, sondern Motivation“, erklärt Christin Krischke.

„Das Pferd darf nicht das Gefühl haben, ein Leben lang die Schulbank drücken zu müssen“, ergänzt Wolfgang Krischke.

Es ist ganz wichtig für die Motivation des Pferdes, das Können und die Möglichkeiten des eigenen Körpers auch mal in Aktion umzusetzen.

Neben Theorievorträgen zu verschiedenen Themen rund um die Reitkunst hatte das Team aus Bückeburg als Abschluss des Seminars am Sonntag Requisiten des Waffengartens aufgebaut. Ziel dabei:  die Reiter sollten mit Hilfe der angewandten Reitkunst eine konkrete, gemeinsame Zielsetzung für Pferd und Reiter suchen und natürlcih durften Spaß und Zufriedenheit nicht zu kurz kommen.

Unter begleitender theoretischer Hilfe von Wolfgang Krischke über Tradition und Bedeutung des Waffengartens zeigten Diana Krischke mit dem spanischen Wallach Bonmot im Damensattel, Christin Krischke mit dem ebenfalls 25jährigen Berberhengst Raisulih und Wolfgang Krischke mit dem erstmalig in dieser Disziplin gearbeiteten Lusitano Clarim kraftvoll und mit Feuer wie so etwas dann in der Praxis aussehen kann. Auch Sabine Oettel mit Jarl, ebenfalls im Damensattel und Christopher Dahlgren mit seinem Ikaros nahmen an diesem traditionell höfischen Reiterspiel mit Begeisterung teil.

… Resümee

„Fairness für Pferde- der Weg ist das Ziel! Doch welche Wege kann man gehen?“

Das war der Titel des Seminars am letzten Wochenende. Gerade das Plädoyer für Individualität und Toleranz war wohl der Spirit des gesamten Wochenendes.

„Ein jeder soll nach seiner Fasson seelig werden“, dieses berühmte Zitat des „Alten Fritz“ , Friederich II von Preussen war offenbar der Leitspruch dieses absolut gelungenen Events.

Dieser Gedanke wurde gelehrt und gelebt! Neben dem tollen Wetter sorgte natürlich auch die Stöbermeile mit vielen tollen Artikeln für Pferd und Mensch und die gute Versorgung mit Speis` und Trank für eine tolle Urlaubsatmosphäre auf dem Gestüt Moorhof.

Wenn man das Wohl des Pferdes im Fokus hat und nie verliert, dann ist es ganz egal, welchen Weg man in seiner Arbeit geht – das war ganz deutlich und sehr wertvoll zu erfahren. Denn dann kann man ganz individuell nach der eigenen Fasson selig werden- und das Pferd selig machen! So war dieses Wochenende ein beeindruckender Apell an jeden Pferdebesitzer, sich zu bilden, sich zu schulen, sich zu reflektieren und dem pferdischen wie auch menschlichen Gegenüber mit Respekt und Anerkennung gegenüberzutreten und das Hinhören genauso zu schätzen wie das Mitteilen.

Stefanie Niggemeier

Barocke Pferdeausbildung

www.barocke-pferdeausbildung.de

 

Kursfotos von Marius Schneider

Total #Pfernetzt

Total #Pfernetzt

Pfernetzt – das heißt Pferde, Vernetzen, Austausch, Vorträge, Tüfteln, gemeinsame Leidenschaft….und das alles auf der „Fohlenweide“ in Fulda. 

Organisiert wurde dieser einzigartige Event von einem hinreißenden Team, das, genau wie ich über ein bestimmtes Pferdethema bloggt. Darunter Christina von Herzenspferd, Sarah von Verwandert, Petra von der Pferdeflüsterei, Miri von „Mein Faible“, Akki von Führpferd.de, Tanja von Tash Horse Experience und noch viele andere…

Übrigens: Ich glaube ich habe noch nie so viele Verlinkungen in einen Artikel gepackt – jedenfalls findet ihr alle Informationen zu den vorgestellten Personen direkt beim Namen verlinkt 😉 Schaut doch mal rein, es lohnt sich, denn in den Blogs steckt auch irrsinnig viel Herzblut und Leidenschaft.

Aber der Reihe nach….

Freitag ging es zunächst mit dem Zug nach Salzburg, wo ich bei Tanja Pöschl von „Tash Horse Experience“ zusteigen konnte. Gemeinsam ging es dann weiter nach Fulda. Schon die Reise brachte einen sehr wertschätzenden und offenen Austausch.

Und trotz mindestens sechs Stunden Fahrt gingen uns die Themen nicht aus (irgendwie logisch unter Pferdeleuten, oder)?

In Fulda angekommen wurden wir gleich herzlich von den restlichen Teammitgliedern begrüßt. 

Beim Abendessen habe ich mich auch gleich mit Ruth Katzenberger pfernetzt – oder ponynetzt…Ruth berichtete viel Spannendes aus dem Leben mit Shettys. Ihre Erfahrungen haben einmal mehr unterstrichen wie individuell man an das Training und Zusammensein mit den Vierbeinern gehen muss. Mehr über Ruth und ihre tolle Arbeit gibt es auf ihrer Blogseite

Samstag Morgen trudelten schön langsam an die 200 Zuseher ein, die sich ganz interessiert auf die einzelnen Vorträge aufteilten.

Nach einer Präsentation von Babette Teschens Longenkurs habe ich mir die Arbeit von Angelika Hutmacher angesehen. Angelika konzentriert sich auf Familienaufstellungen mit Pferden. Eine total spannende Sache – und ein Thema – das gänzlich neu- aber sehr spannend für mich war.  Vielleicht gelingt es mir ja auch durch Angelikas Tipps Erinnerungslücken an mein erstes Pferd „Kobold“ zu schließen, dessen für mich sehr tragischer Verlust einige Erinnerungen an ihn gänzlich ausgelöscht hat.

Im Anschluss hielt Kati Westendorf ihren Vortrag über gesunderhaltende Zusammenarbeit mit den Pferden. Ihr Saal war super gefüllt – ich habe auch über ihren Input ausschließlich positive Resonanz gehört. Kati war gleich nach ihrem Vortrag bei meiner Einheit mit dabei.

Ich war einigermaßen überrascht, als so ziemlich alle Hände in die Höhe schnellten, als ich in die Zuschauermenge fragte, wer denn schon mal Kontakt mit der Akademischen Reitkunst hatte. WOW!! Noch dazu gab es auch bei den anderen Referenten überall akademischen Einfluss. Angelika Hutmacher berichtete auch in ihrem Vortrag von Unterricht bei Marius Schneider, Kati Westendorf ist bekannte Wiederholungstäterin in Sachen „Dänemark Bildungsreisen“ und schreibt darüber ja auch auf ihrer Seite, Marc Lubetzki filmt zwar aktuell Wildpferde, früher jedoch zeichnete er sich für die Videokurse von Bent Branderup verantwortlich. Es gab also eine Menge bekannter Gesichter.

Kati jedenfalls war bei meinem Vortrag mit dabei – ich freue mich, da ich ein sehr schönes Feedback von ihr erhalten habe:

Da Anna und ich bereits im Vorfeld ein wenig über ihren Vortag gesprochen hatten, wusste ich bereits, dass es ein ganz besonderes Erlebnis werden würde.
Mit dem Virus der akademischen Reitkunst musste Anna mich persönlich nicht erst infizieren, jedoch fühlte sich die Energie im Raum für mich so an, als wäre jeder einzelne Mensch darin nun ein wenig angesteckt, ganz gleich welche Vorkenntnisse er mitgebracht hatte.
Anna hatte mit ihrer Einleitung über die akademische Reitkunst voll ins Schwarze getroffen und sicherlich einige skeptische Gedanken aus dem Raum gefegt.

Anschließend spielte ich Versuchskaninchen für Anna und durfte so am eigenen Körper erfahren wie detailliert sie die primäre Hilfe der Bodenarbeit unter die Lupe nimmt.
Unserer Körpersprache sind wir Menschen uns oft nicht mehr sehr bewusst, da wir selten achtsam in unseren Körper hineinspüren und die Auswirkungen auf unseren Gegenüber analysieren.
Genau dazu forderte Anna alle Teilnehmer auf, als sie uns auf zwei Zirkel schickte.
Welches Bein schiebt vermehrt?
Wo zeigen unsere Schultern dabei hin?
Wie verändert sich die Zirkelgröße, wenn das tragende Bein nicht mehr das Innere ist?
Welcher Seitengang könnte helfen, um die Schiefe auszugleichen?

Für mich war dieser Prozess außerordentlich aufschlussreich und ich denke, dass auch die anderen Teilnehmer das ein oder andere AHA-Erlebnis hatten.
Die Stimmung war so wunderbar locker und leicht, dass es mir besonders Spaß gemacht hat Pferd zu spielen und gemeinsam mit Anna zu demonstrieren, wie wichtig das Timing einer jeden treibenden Hilfe ist und welche Auswirkungen das widerrum auf das Pferd hat.
Gerne lasse ich mich wieder von dir durch den Raum schubsen, Anna. Danke für diese Erfahrung 🙂

Mein Highligh war das Hineinspüren in die Parade, da Anna mir hierbei ein fehlendes Puzzleteil mit auf meinen Weg gab. Mir kribbelte es direkt in den Fingern, meinen Pferden von dem neuen Input zu erzählen.
Die gute Stimmung im Raum schaffte eine unheimlich angenehme Lernatmosphäre – Spiele sind im Klassenzimmer manchmal eben doch erwünscht 🙂

Danke Anna, du hast uns mit deinen Ideen inspiriert, bereichert und natürlich auch #pfernetzt.

Einem so schönen Feedback kann ich mich nur anschließen: Sehr spannend war auch der Vortrag von Michaela Hempen. Die Tierärztin widmet sich nicht nur der Forschung, sondern auch der Kombination klassischer Dressur in Verbindung mit positiver Verstärkung mittels Clicker Training. Michaela hat einen äußerst spannenden Vortrag rund um diese Methode dargeboten – besonders spannend finde ich nun ihre Forschung zum Thema Koppen und die Auseinandersetzung mit besonderen Verhaltensweisen. Vielleicht kommt Michaela mit der Unterstützung von Mozarts „Alla Turca“ ja sogar auf eine Lösung oder Linderung für koppende Pferde. Ich halte ihr alle Daumen und bin super gespannt auf den Verlauf ihrer Forschung. 

Bei einem gemeinsamen Kinoabend mit Marc Lubetzki ließen wir den Abend ausklingen, bis sich Zusehr und Speaker übermüdet in die Betten fallen ließen.

Ich muss dem gesamten Organisationsteam ein riesiges Lob und Dankeschön aussprechen. Ich war sehr selten auf einer Veranstaltung, wo ein dermaßen positiver Austausch herrschte. Ich hatte auch das Gefühl, dass wir Speaker untereinander zu einem Thema völlig offen vor Publikum diskutieren hätten können. Und gerade das ist doch selten, schließlich will jeder in der Pferdewelt sehr gerne seine eigenen Überzeugungen an den Mann bringen. Der wertschätzende und offene Umgang unter Speakern, Organisationsteam und den vielen Zuschauern war einzigartig und ist auch in den zahlreichen Feedbacks auf der Facebook Seite spürbar. Dort findet ihr auch eine Foto Rückschau. 

Ich hoffe sehr, dass ein solches Event wieder zu Stande kommt. Ich bin stolz Teil dieser grandiosen Premiere gewesen zu sein!

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Kursbericht Christofer Dahlgren 2017

Kursbericht Christofer Dahlgren 2017

Esel, Maximus oder Timon?

Kursbericht

Christofer Dahlgren

Graz, 25./26. März 2017

Schule ist der Ernst des Lebens. Studieren bedeutet Disziplin, Ordnung und Konsequenz. Ja aber…da gibt es noch Christofer Dahlgren, der gar nicht still sitzen kann. Und auch nicht will. Wie es der sympathische Trainer zum Meister der Akademischen Reitkunst brachte und gleichzeitig vierbeinige und zweibeinige Schüler mit Fun-Faktor unterrichtet. Das gab es kürzlich in Graz zu sehen.

Worin bist du gut?

Wenn man Christofer Dahlgren nach seinen Stärken befragt, dann gibt er ohne mit der Wimper zu zucken an: „Ich bin gut darin, meine vierbeinigen Schüler einzuschätzen und das Training an die Persönlichkeit des Pferdes anzupassen“. Wie er das gelernt hat? Durch jahrelanges Reiten von Berittpferden. Allerdings wurden diese ihm nicht geschniegelt und gestriegelt vor die Nase gestellt – nein Christofer holte sich die Pferde – und das waren schon mal 15 pro Tag selbst von der Weide und beobachtete sie im Verhalten beim Wegführen von der Herde, im Stall, beim Satteln und beim Reiten.
Der schwedische Meister der Akademischen Reitkunst hat sich auf die Entwicklung eines maßgeschneiderten Trainingsplans spezialisiert. Wie er Pferde und Menschen hier analyisert hat er in der Theorie grob umrissen – mit Hilfe der Disney Figuren stellte er uns den „Esel“ aus Shrek, den schnellen „Timon“ aus König der Löwen, den „sicheren“ „Maximus“ aus Rapunzel und das nette Pferd aus „Die Schöne und das Biest vor“.

Kursfotos von Katharina Gerletz

Der Esel

Der Esel ist sehr verspielt und „happy“. Er kann auch für andere Pferde recht anstregend sein, denn er beißt gerne in andere Decken und erkundet auch mal gerne Halfter der anderen Pferde mit seinem Maul. Er ist einfach wahnsinnig neugierig. Wenn er sich erschreckt, dann nur ein bisschen – er sagt sofort: „Oh das war gefährlich, nun werde ich es beißen und mit meinem Maul erkunden“. Er wird also beißen, ungewohnte Gegenstände mit dem Huf erkunden, er will sich alles sehr genau anschauen. Wenn man ihn in den Stall bringt, dann wird er die Box ebenso neugierig erkunden. Keine anderen Pferde im Stall? Macht nichts, auch ohne Gesellschaft kann sich der Esel gut beschäftigen. Bis der Mensch kommt. Der wird dann laut begrüßt, schließlich ist er schon in den Startlöchern, etwas mit seinem Menschen gemeinsam zu unternehmen. Putzen, satteln, alles kein Problem. Der Esel ist sehr kommunikativ, Lob wird mit einem selbstsicheren Wiehern kommentiert, nach dem Motto: Ich weiß, ich bin sehr großartig. Beim Ausritt ist das Pferd voller Energie und möglicherweise macht er auch ein paar Bocksprünge. Egal ob eine halbe Stunde Arbeit oder ein drei Stunden langer Ausritt. Wenn du den Esel zurück in die Koppel bringst, wird er sich umdrehen und fragen: Was sind wir schon fertig? Wir haben doch gerade erst angefangen, Zeit miteinander zu verbringen. Die Arbeit mit ihm ist leicht, denn durch seine Verspieltheit möchte der Esel gerne mit dem Reiter zusammen arbeiten.  Der Esel ist sehr selbstsicher und extrovertiert.

Maximus

Maximus ist auf der Koppel mit Fressen beschäftigt. Andere Pferde werden akzeptiert, aber wehe sie geraten an sein Futter. Wenn man seinen Maximus von der Koppel abholt, dann kommt er nicht sofort. Halftern lässt er sich ohne Probleme, aber am Wegrand zurück zum Stall bleibt er gerne stehen und….frisst. Er fühlt sich recht sicher, er ist selbstsicher, aber introvertiert. Im Stall frisst er wieder, oder schläft. Maximus ist nicht super gestresst, zu viel Bewegung muss in seinen Augen nicht sein. Beim Satteln und putzen steht er still. Beim Ausreiten ist er recht sicher, ruhig und langsam. Er lässt sich von unbekannten Objekten nicht sehr beeindrucken. Zweige von Büschen im Weg – die werden einfach niedergewalzt. Viel Bewegung kommt auch nicht auf, wenn man ihn zurück auf die Koppel bringt. Auf zu den ersten Grashalmen, dort bleibt er in Ruhe stehen. Im Grunde ist Maximus sehr selbstsicher aber eben etwas introvertierter als der Esel.

Timon

Timon als Pferd? Das wäre wohl ein sehr aktives Pferd, das sich liebend gerne bewegt. Oft sind sie nicht sehr interessiert am Fressen, sie nehmen viel lieber ihre Umgebung und ihre Kumpel wahr. Wenn der Mensch Timon von der Koppel abholt, dann geht er lieber nicht mit. Nicht, weil er seinen Menschen nicht mag, sondern weil er die Veränderung nicht so schätzt. Es kann also sein, dass Timon sogar vor seinem Menschen davon läuft. Seine Strategie zur Lösung von Problemen lautet also: Ich gehe mal lieber woanders hin. Schreiend und plärrend führt man ihn also von der Herde weg. In der Box wiederholt sich das Spiel. Er wird nach den anderen rufen. Ein rohes Pferd kann dann schon den Menschen umrennen, um wieder zurück zu seiner Herde zu kommen, zu der es eine sehr starke Bindung hat. Beim Putzen und Satteln steht er nicht so gerne still. Equipement könnte ja auch spooky sein. Bewegung hilft Timon aber in einen aufnahmebereiten Zustand zu kommen, um zu lernen. Beim Ausreiten sind sie flott unterwegs. Sie schauen sich alles gerne an und springen bei Gefahr auch mal gerne rasch zur Seite. Als Reiter muss man immer auf alles gefasst sein. Zurück zur Koppel: Timon rast zurück zur Herde. Er ist unsicher und bleibt dabei aber eher extrovertiert.

Welche Ambitionen hast du und welcher Charakter passt am besten zu dir?

Die Herzblattshow

So liebe Barbara, jetzt musst du dich entscheiden. Welche Ambitionen hast du und welcher Charakter passt am besten zu dir? Du liebst lange Ausritte und die Geschwindigkeit, dann wähle Timon, denn er ist wie du ein Adrenalin-Junkie. Du liegst lieber gemütlich auf der Couch und hältst wenig von Bewegung, suchst aber einen Partner mit hoher Toleranzgrenze? Dann entscheide dich für Maximus. Er passt auch gerne auf deine Kinder auf (Reitschule!!!), aber übertreibe es nicht mit seiner Gutmütigkeit. Du stehst auf Wiederholungen und feilst gerne am Detail? Dann nimm den „Liebevollen“, gemeinsam meistert ihr viele Aufgaben in der Dressur. Und wenn du ständig etwas Neues, etwas zum Spielen und Schokolade brauchst – dann nimm Esel. Er spielt anderen auch gerne Streiche, also stell sicher, dass du ein großes Herz für Humor hast. Nun liebe Barbara, jetzt musst du dich entscheiden…..

 

Das maßgeschneiderte Training

Welche und wie viele Übungen für welches Pferd? In seinem Vortrag geht Christofer von drei Übungen bzw. Aufgaben aus, die wir den Pferden stellen möchten.

… für den Esel

Esel möchte gerne viele Variationen. Schulterherein und das mit fünf Wiederholungen? ZU langweilig – nach zwei Wiederholungen sagt der Esel: Ich habe doch schon zweimal alles gut gemacht, jetzt will ich nicht mehr. Bei drei Übungen langweilt sich unser Eselchen rasch, also nehmen wir noch drei weitere Aufgaben in unsere Übungsfolgen mit. Und: Viele Variationen und viel Abwechslung – so bleibt das Pony, äh der Esel motiviert. Sobald das Pferd verstanden hat und alles richtig macht – Übung wechseln. Mit diesem Pferd darf man nicht zu kritisch sein, es muss außerdem gut bezahlt werden. Die Arbeit muss sich nach dem Leistungsprinzip auch unbedingt lohnen – sonst geht der Esel zur Gewerkschaft und tritt in Streik.

… für Maximus

Seine Belohnung? Still stehen, natürlich. Er liebt es, den anderen Pferden zuzuschauen, die sich bewegen müssen. Seine Aufgabe und die Herausforderung für seinen Trainer: Mach ihn für die Bewegung verantwortlich. Statt drei Übungen reichen zwei, dafür aber reichlich konstruktive Kritik. Wenn du Schritt reiten willst, dann willst du es als Reiter JETZT und nicht morgen. Ständig jeden Schritt rauszutreiben, macht die Sache nicht besser. Hier arbeitete Christofer auch in der Praxis mit den Teilnehmern. Lieber einmal konsequent nach Vorwärts fragen, dafür aber häufiger zum Loben kommen mit einer Pause. So konnte man unsere „Maximusse“ motivieren. Und wir hatten erstaunlich viele „Maximusse“ beim Kurs dabei.

… für Timon

Wenn er sich bewegen kann, dann ist alles in Butter. Für diese Pferde ist die sofortige Arbeit im Stand erstmal ein Desaster und großer Stress. Sein Schlüssel zur Motivation ist und bleibt Bewegung. Mit zunehmender Ausbildung und Verständnis der Hilfengebung kann man freilich die Arbeit im Stand dann auch erweitern. Hier unterschiedet Christofer aber zwischen Bewegung erlauben und das Pferd zu jagen. Oft würde man im Horsemanship auch Bilder sehen, wo die Pferde Runde um Runde laufen müssten. Das wäre dann die falsch verstandene Motivation. Drei Übungen reichen für Timon – aber diese bitte in Bewegung.

… für Kind, oder Liebevoll

Wiederholung ist der Schlüssel zum Erfolg und zur Motivation. Hier beschreibt Christofer seinen Weg mit Saxo. Dieser habe sich gerne wie eine Schildkröte verhalten. Ein paar Schritte vorwärts – und sofort den Kopf wieder in seinen Panzer gesteckt. Die Aufgabe: Ein Zirkel auf der linken Hand. Bald schon kommt der Kopf dauerhaft aus dem Panzer, das Pferd wird stolz. Handwechsel: Der Kopf schnellt zurück in den Panzer, obwohl die Aufgabe gleich geblieben ist. Diesen Pferden müsse man durch viel Ruhe und Wiederholung beibringen, dass es sich lohnt, sich nicht ständig in seine Blase zurück zu ziehen. Vorsicht, wenn man gar nichts verlangt, dann wird die „Blase“ oder der Panzer durch nicht vorhandene Reize immer größer und der kleinste Funke reicht, um das Faß zum Explodieren zu bringen. Selbst wenn die Pferde ruhig scheinen, sie sind es nicht immer. Ruhe und Konsequenz – und statt drei Übungen reicht für den Anfang eine Übung, dafür aber viele Wiederholungen. So wird das Pony glücklich.

Kursfotos von Katharina Gerletz

Fails and Errors

Unsicher, ob du mit den Pferdetypen einen Fehler begangen hast? Unsicher, ob du die Bedürfnisse deines Pferdes nicht verstanden hast?  Nun, folgende Reaktionen können darüber Aufschluss geben

Esel: Der Esel wird statt „happy“ zu „naughty“. Er wird nichts mehr zärtlich mit dem Maul erkunden, sondern bissig und buckelig.

Maximus: Er bleibt nun ganz stehen und verweigert sich. Im worst case kann es auch sein, dass er sich losreist und auf Nimmerwiedersehen verschwindet (meist geht er dann essen).

Timon: Er überrennt dich und haut ab. Das passiert vor allem dann, wenn du unzählige Zeichen ignoriert hast, dass er sich so gerne bewegen möchte.

Unser liebevolles Pferd wird explodieren. Du hast übersehen, dass das Pferd eben NICHT ruhig war, sondern super angespannt. Du musst den Unterschied zwischen Entspannung und Hochexplosiv erkennen.

Gibt es nur vier Persönlichkeiten?

Nein, Christofer möchte auch keine Pferde in Schubladen stecken. Er hat uns nur vier Extreme gezeigt, wie ein Pferd sein „kann“ – aber dies ist ja auch unsere Arbeit – das Pferd immer mehr durch physische und mentale Herangehensweise in seine „Mitte“ zu bringen.

Kursfotos von Katharina Gerletz

Und der Mensch?

Auch wir haben diese vier Extremen in uns – und wir sind auch Lernende, das sollten wir beim Pferdetraining nicht vergessen.

Es gibt selbstsicherere und unsichere Leute.

Der Mensch als Esel: Liebt Herausforderungen und Challenges. Oft sind diese Menschen in ihrem Beruf selbstständig, sie kommen gut aus sich heraus. In einer Menschenmenge sind sie glücklich und hören sich selbst gerne sprechen. Sie stehen gerne im Mittelpunkt und übernehmen in Verhandlungen gerne die Führung. Der Esel als Reitschüler lernt am besten im „Tun“ und mit vielen Aufgaben und Übungsfolgen.

So ähnlich geht es „Timon“ als zweibeiniger Reitschüler. Mit viel Theorie und Vorträgen kann er nicht viel anfangen. Er muss es „tun“ und sich bewegen können.

Maximus ist gerne im Berufsleben sowas wie Polizist. Bei der Interaktion in Gruppen können sie gut zuhören und warten mal ab, was andere zu sagen haben. Dann treffen sie eine Entscheidung – nach dem Motto: gesagt, getan! Konstruktive Kritik vertragen sie sehr gut und kommen mit wenigen Übungen sehr gut zurecht, die sie unbedingt verbessern wollen.

Introvertiere und unsichere Typen brauchen viel Ruhe. Achtung mit den Wiederholungen. Wenn man ihnen eine Hausübung gibt, dann wiederholen sie diese, bis es „sitzt“. Vergessen aber gerne, dass es beispielsweise neben Schulterherein ja auch das Kruppeherein gegeben hätte, was man noch verbessern könnte.

Zum Abschluss seines Vortrages erinnerte uns Christofer aber an die wichtigste Sache, im Zusammensein mit dem Pferd:

Have fun with your Pony!!!!

Und das hatten wir dann in der Praxis in der Tat.

Unsere Maximusse wurden zur Bewegung animiert und fanden plötzlich für wenige Aufgaben viel Lob. Waren unsere Pferde entspannt, dann gingen wir weiter zur Versammlung. War das Pferd dabei in einer „runden“ Formgebung? Wenn nein, dann haben wir wieder an Dehnungshaltung und Entspannung gearbeitet, bei gleichbleibendem Schwung und Takt. Keine Leichtigkeit vorhanden, dann haben wir wieder an Balance gearbeitet.

Christofer hielt die Dinge für uns so leicht wie möglich, somit blieben wir im Fokus von Versammlung, Balance, Leichtigkeit und Formgebung und bekamen durch diesen konstruktiven Input extrem viel „Output“ von unseren Pferden – mit viel Spaß auf beiden Seiten.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen mit Christofer im Oktober 2018 🙂

Der nächste Kurs steht allerdings schon vor der Türe – nachdem wir uns mit dem maßgeschneiderten, mentalen Programm beschäftigt haben, wird uns Bent Branderup das maßgeschneiderte physiologische Programm für jeden Pferdekörper im Juli präsentieren.

Mehr Infos zum Kurs mit Bent Branderup und weiteren Kursen im heurigen Jahr bekommt ihr unter folgendem Links:

Magic Movements

Magic Movements

Das Pferd ist nicht für die Dressur da – die Dressur ist für das Pferd da….oder auch für den Menschen. Nach einer Woche Ekeskogs und Verbesserung meiner eigenen Bewegungsqualität kann ich deutlich wahrnehmen, wie das mit der Gymnastizierung FÜR den Körper gemeint war. Heute gibt es Teil 2 meines Reiseberichts aus Schweden:

„M“ wie Mittwoch oder „M“ wie Move

Obwohl wir an diesem Tag kein Pferd reiten werden, habe ich das Gefühl am Meisten für meinen Sitz aus den „pferdelosen“ Einheiten abgeholt zu haben. Ich bin als zweite dran und darf zunächst mal observieren. Ich kann diese Reise in den eigenen Körper nur jedem Reiter zutiefst empfehlen. Es ist eine sehr intime Geschichte.

Wie fühlt sich Glück an? Das würden wir wohl alle ganz anders beschreiben.

Meine Schilderungen sind ein Versuch, wiederzugeben, was auf Gotland passiert ist.

Hanna lässt mich wählen, welche Hand ich auf dem Zirkel bevorzuge. Ich starte rechts herum. Fühlt sich irgendwie besser an. In meiner Brustwirbelsäule sitzt noch immer dieser Schmerzpunkt. Wie ein Finger, der sich seit meinem Unfall von 1997 immer wieder mal in meine Wirbelsäule bohrt und auf Höhe des Sternums zu lokalisieren ist.
Ich laufe los. Wir sortieren zunächst mal mein Tempo. In welchem Tempo fühle ich mich wohl? Es ist ein erstaunlich schnelles, ich habe viel Energie an diesem Tag. Hanna moderiert quasi durch meinen Körper. Schwingt die Wirbelsäule, wie fühlt sich die Bewegung an? Welchen Fuß belaste ich mehr, wo zeigen meine Zehenspitzen hin? Wie schwingen meine Arme nach vorne.

Es wird spannend. Zunächst kann ich meine Arme eigentlich am Wenigsten spüren. Ein eigenartiges Gefühl. Ich gehe weiter. Spüre die Bewegung meiner Hüfte. Rund. Hanna lässt mich mit den Kreisen aus meiner Hüfte spielen. Mal mache ich sie größer, mal kleiner. So wie ich es am Tag zuvor auf Indio spüren konnte. Hier habe ich das Pferd beeinflusst, was passiert aber nun mit mir selbst – in mir? Ich nehme den Boden unter meinen Füßen ganz anders wahr. Meine Bewegungen werden weicher, gleitender. Plötzlich ist da ein Kribbeln in meinem Arm. Zuerst im linken. Wir machen einen Handwechsel. Nach einigen Runden kann ich nun auch die Hüfte besser nach vorne schwingen, die Rotation und Schwingungen meiner Wirbelsäule übertragen sich nun auch auf meinen rechten Arm.

Wie war das nochmal mit den „natürlichen Gängen“ des Pferdes?

Je geschmeidiger die Bewegung des Pferdes, umso eher kommt der Reiter zum Sitzen. Meine Hüften bewegen sich geschmeidiger über den Hallensand und dann kommt der Moment, wo ich endlich schmerzfrei bin. Der Atem fließt und je weiter ich laufe, umso eher komme ich auf beiden Händen in eine sehr angenehme Balance. Wo sich Bewegungen zuvor angespannt und anstrengend angefühlten könnte ich nun ewig so weiterlaufen.

Nach der Mittagspause arbeiten wir im Warmen weiter an meiner Bewegungsqualität. Vom Schritt auf der Stelle arbeiten wir uns in einen Mambo-Rhythmus, Schritt im Schulterherein oder im Kruppeherein. Und plötzlich bin ich geradegerichtet.
Meine Schultern schwingen frei in der Bewegung, ich spüre keine Steifheit mehr. Ich habe keine besonderen gymnastischen Übungen dafür gebraucht. Kein Strechen, dehnen oder Arbeit an der Kraft. Ich bin eigentlich nur auf der Stelle gelaufen, aber dies korrekt und natürlich.Trotzdem merke ich am nächsten Tag einen leichten Zug in meiner rechten Hüfte. Nicht unangenehm – also kein Muskelkater. Interessiert nehme ich die Veränderungen in meinem Körper wahr und bin gespannt, welche Änderungen ich auf dem Pferderücken wahrnehmen werde.

Mittwoch Abend sind einige Schüler bei Hanna für eine Theorieeinheit eingeladen. Hanna erklärt die Struktur der Ausbildung in der Akademischen Reitkunst. Dabei werden vor allem die einzelnen Positionen in der Boden-, Hand-, Longenarbeit, dem langen Zügel und dem Crossover diskutiert. Der Vorteil einer durchdachten und detaillierten Ausbildung am Boden liegt für Hanna vor allem im Körperbewusstsein. Nicht nur der Mensch entwickelt ein anderes Körperbewusstsein – auch das Pferd. Hanna verwendet nicht nur für die Schulung des Sitzes Elemente aus dem Tanz – auch in der Theorie bespricht sie mit den Teilnehmern die Frage der Führung. Wer ein guter Tänzer sein möchte, der muss auch führen können – und ebenso geht es uns mit dem Pferd. Möglicherweise haben hier viele Zuhörer – oder jetzt eben auch der Leser sofort an „Erziehung“ gedacht. Das ist die eine Sache – wie schwer es sein kann sich führen zu lassen fühlen wir am nächsten Tag auch ohne Pferd.

Donnerstag: Von Herzen…

Schon mal den eigenen Puls ganz bewusst gefühlt? Ich ertaste meinen Herzschlag an meinem Handgelenk und begreife, warum ich ein schnelleres Tempo am Vortag bevorzugt habe. Wenn ich mich mit meinem Herzschlag im Rhyhtmus bewege, dann spüre ich gleichzeitig auch viel Energie. Lege ich den Fokus deutlich auf meine Atmung kommt es zu einer Entschleunigung. Ich muss mich zwangsläufig langsamer bewegen.
Fügen wir nun ein Pferd hinzu. Gleicher Herzschlag? Gleicher Rhythmus der Atmung? Mitnichten. Sich führen zu lassen ist also nicht nur eine Frage von Gehorsam, hier kommt so deutlich zum Ausdruck was Gustav Steinbrecht mit Reitertakt, oder Gefühl für das Pferd gemeint hat.

Ich reite Indio an diesem Tag zweimal. Unsere Hüften kommunizieren ganz wunderbar miteinander. Ich kann mich mittlerweile besser auf einzelne Körperteile fokussieren – egal ob Pferd oder Mensch. Im Trab habe ich endlich das Gefühl von Stabilität in mir, ohne undurchlässig zu werden. Ich spüre Indios Atmung, meine Hände begleiten meine Atmung, wenn ich Indio löse bzw. mit sanften Paraden arbeite. Wir atmen beide zufrieden aus. Was für ein Tag.

Freitag – oder die Sache mit der „Dame“

Der letzte Tag. Ein lachendes und ein (sehr) weinendes Auge. Ich freue mich riesig auf meine Pferde und ihr Feedback zum neu erworbenen „gotländischen Sitz“.

In der Halle laufen wir uns warm. Diesmal nicht nur auf dem Zirkel, sondern auch auf der Geraden. Mein Körper reagiert praktisch auf alle Schwierigkeiten, die man auch vom Reiten kennt. Zirkel. Das ist jetzt bekannt. Aber wie sieht es mit der Geraden aus? Und wenn wir ein wenig Stellung in den Körper hinzufügen, ein wenig Biegung, ein wenig Schulterherein und Kruppeherein? Ich nehme an diesem Tag sehr deutlich wahr, dass sich in meiner rechten Hüfte nach wie vor „was tut“. Aber ich bin mit meinem rechten Bein unzufrieden. Das möchte sich gerne fest in den Boden rammen.

Großhirn an Kleinhirn und so weiter an rechten Fuß: Könntest du den Fuß etwas sanfter absetzen?

WAMM. Es klappt nicht. Ich sage es meinem Bein, aber ich erhalte keine gewünschte Reaktion. Sagen reicht nicht, man muss sich gesund bewegen. Ich spiele mit meiner Hüfte, erlaube mal ein wenig mehr Vorgriff, mal nehme ich mich etwas zurück. Spüre die Verlagerungen meines Schwerpunkts. Und immer wieder komme ich zu einem angenehmen Auffußen des rechten Beins. Erstaunlich.

Wir arbeiten weiter mit der Energie zu zweit. Werden wir unseren Schwerpunkt übereinstimmend nebeneinander behalten? Ist das Tempo des jeweils anderen angenehm für uns? Spannend, wie man plötzlich in Einklang kommt – so ganz ohne sich gegenseitig zu berühren – lediglich durch ein Gefühl sind wir miteinander verbunden.

Ich bin nach wie vor erstaunt, wie viele AHA-Effekte die „Trockenübungen“ für uns bereit halten. Ein gewaltiger AHA-Effekt war dann auch das abschließende Reiten im Damensattel auf „Matcho“. Hannas treue Seele ließ uns ein ganz anderes Sitzgefühl spüren. Sogar in Piaffe und ein wenig Schulgalopp – da mussten wir dann beide – Simone und ich einen ordentlichen „Juchaza“ loswerden.

Ich habe mir sagen lassen, dass man Gotland nur sehr schwer verlässt – oder ist es eher Hannas ganz spezielles Ekeskogs das man so gar nicht verlassen mag?

Während ich diese Zeilen schreibe sitze ich im Flieger. Diesmal nicht verspannt, sondern relaxed. Sollte die Reise inklusive schweißtreibender Sicherheitskontrolle (Milchschäumer sind ja auch wirklich sehr gefährliche Gerätschaften) dann doch am Tag danach Verspannungen zu Tage bringen werde ich sie einfach weglaufen. Mit schwingendem Rücken. Ganz natürlich.

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I really want to thank Hanna and her family for their hospitality. We had a really great time on Ekeskogs. Thanks for Hannas trust, patience and effort she has put into our education during the week. I can truly recommend Hanna`s seat programm for riders. It is really inspiring for everyone who wants to learn more about body awareness and healthy movements. I will of course come back in December 2017!!!

PS: Die Rückreise konnte meinem Rücken nichts anhaben. 🙂

Hanna Engström zum Nachhören gibt es auch in meinem Podcast

 

 

 

 

 

Eat-pray-ride

Eat-pray-ride

Eine Woche Ekeskogs. Da gibt es viel zu sagen. Und es wird persönlich. Eine Sitzschulung bei Hanna Engström ist wesentlich mehr als zu lernen, besser auf dem Pferd zu sitzen. Nicht nur auf dem Pferd, sondern auf den eigenen zwei Beinen kann sich Bewegung deutlich verbessern.

Samstag früh. Ich sitze in Flugzeug Nummer eins. Sechs Uhr morgens, es ist kalt, ich habe einen Polster mitgebracht und schaffe es doch irgendwie im Flieger zu schlafen. Zum Glück habe ich einen Fensterplatz zum Anlehnen. Aber trotzdem habe ich danach ein steifes Genick. Zwei weitere Flüge später spüre ich Schmerzen in der Brustwirbelsäule und mein Genick fühlt sich nun komplett versteift an. Nichtsdestotrotz landen wir spät am Abend auf Gotland. Ich bin gespannt auf den ersten Tag bei Hanna Engström und bin doch irgendwie quasi dankbar für die vielen Versteifungen in meinem Rücken, da werden wir doch einiges zu tun haben.

Erde, Wind und Feuer

Gemeinsam starten wir in den ersten Tag mit Hanna Engström.

Wir treffen uns bei der Reithalle und besprechen zunächst mal alle Wünsche und Erwartungen für die kommende Woche. Ich möchte gerne etwas mehr Stabilität in meinen Sitz bekommen, denn ichhabe aufgrund einer gewissen Überbeweglichkeit oftmals das Gefühl zu viel im eigenen Körper zu schwingen.

Bevor es ans Reiten geht, haben wir alle das Bedürfnis nach Erdung. Hanna selbst war das ganze Wochenende im Flieger unterwegs. Wir schnappen uns warme Overalls und turnen zwischen den großen Bäumen zwischen den Wohnhäusern von Ekeskogs. Zunächst geht es gleich mal abwärts. Am Boden liegend schnuppern wir an der Erde. Ich rieche Moos, Flechten, Erde. Ein unglaublich intensives Aroma.
So geht es den Pferden, wenn sie ihre Nase zum Boden strecken. Wir atmen uns in Entspannung, spüren ganz tief in unseren Körper. Ich spüre noch immer mitten in der Brustwirbelsäule Schmerzen. Ein Schmerz, der seit meinem Unfall mit Kobold eigentlich immer latent da ist. (Der Unfall ist nun rund 20 Jahre her, Kobold war bergab ausgerutscht und ist rücklings mit mir drauf in einen Bach gestürzt).
Ich atme tief ein. Hanna begleitet unseren Atem und führt uns durch die nächsten Übungen mit einer großen Sensibilität.

Zu Hause hatte ich in den letzten Wochen einen sehr straffen Zeitplan. Ich spüre, wie ich meine innere Uhr langsam abschalten kann und alles einfach mal passieren lasse. Wir sollen uns am Boden bewegen wir ein Wurm. Ohne Muskelkraft. Vielleicht schaffen wir es am Boden liegend ein wenig vorwärts, ein wenig rückwärts. Jeder „kriecht“ ganz für sich und ganz im Stillen lassen wir eine Transformation in eine „Schlange“ passieren. Nun rollen wir uns am Boden hin und her, vorwärts und rückwärts. Die Bewegungen fühlen sich gut an. Ich rolle mich über meinen Körper, versuche wirklich nur über die Bewegung meiner Wirbelsäule irgendwie weiter zu kommen. Es macht Spaß. Wir kommen langsam zur Ruhe und sollen in den Himmel schauen. Ich habe das Gefühl endlos den weiterziehenden Wolken nachschauen zu können.
Der Wind lässt die Zweige der großen Bäume über mir sanft schaukeln. Zeit spielt keine Rolle mehr. Wir wollten doch noch reiten? Ganz egal. An Aufstehen ist irgendwie nicht zu denken. Nur weil die Anweisung von Hanna kam, schaffe ich es doch irgendwie mich aufzurichten. Der Schmerz ist schon bessser. Ich atme ganz bewusst in Richtung meiner Brustwirbelsäule. Der Boden unter meinen Füßen fühlt sich nun anders an. Intensiver. Ich spüre meinen Fußballen und merke, wo in meinem Körper mehr Belastung stattfindet. Wir wandern auf der Wiese umher und sammeln uns langsam auch wieder mental ein. Ich atme ruhig.

In dieser angenehmen Ruhe spazieren wir zu den großen Koppeln von Hanna und holen die ersten Pferde ab. Ich werde eine der braunen Lusitano Stuten reiten.
Es fühlt sich ungewohnt an, ein Pferd zu putzen und zu satteln, das ich nicht kenne. Irgendwie fühle ich mich wie ein Eindringling, obwohl wir die Zeit haben quasi stillstehen lassen, obwohl wir so viel für Erdung getan haben am Vormittag. Mein gefühltes „Überfallskommando“ steigt in den Sattel und soll sofort mal kräftig hinführen. Hanna will alles wissen: Ob ich die Wirbelsäule von Genick zum Schweif spüre. Ich spüre alles sehr gut unter mir, den Hals vor mir würde ich noch gerne etwas deutlicher wahrnehmen, gebe ich zur Antwort. Wo verlagert das Pferdchen mehr Gewicht hin? Welches Vorderbein ist mehr belastet? Wo fußt das innere Hinterbein auf und wie? Wo fußt das äußere Hinterbein auf? Belastet das Pferd mehr am Ballen oder an der Zehe den Fuß? Wo zeigt die Zehe hin? Fragen über Fragen. Im Endeffekt habe ich alles richtig gespürt. Hanna betont außerdem:

Gefühle haben immer recht. Denn wem soll man vertrauen, wenn an sich selbst nicht vertrauen könnte?

Nun beginnt die Arbeit mit dem eigenen Körper. Hanna ist mein „Reiseleiter“ durch meinen verspannten Körper. Stute Viviane und ich sind an der Longe auf dem Zirkel unterwegs. Ich soll nun die Bewegungen meiner Hüfte erfühlen und beschreiben. Ein eigenartiges Gefühl, mal nur hin zu spüren und nicht sofort Einfluss zu nehmen. Ist es rund oder gerade, weich oder steif? Hanna stellt sämtliche Optionen zur Verfügung. Meine Hüften fühlen sich miteinander verbunden an, ich spüre einen Kreis, aber irgendwo steckt es auch. Runde um Runde fokussiere ich auf einen anderen Körperteil – und es zeigt sich – Bewegungsqualität lässt nicht erhalten, wenn man sich leicht ablenken lässt.
Nicht nur Hanna gibt Feedback, auch unter mir gibt es richtig viel Info. Viviane reagiert auf die kleinste Änderung in meinem Körper, wenn sie mit mir zufrieden ist schnaubt sie laut und lässt ihre Bewegungen noch feiner werden. Ein Handwechsel macht die Harmonie zunächst mal gleich zunichte. Ich muss mich völlig neu sortieren – und ich stelle fest: Mit extremer Achtsamkeit auf meinen Körper fühlt sich dieser Zirkel nun völlig anders an. Hanna entlarvt die Hausübung der kommenden Tage: Eine Diagonale in meinem Körper ist quasi super soft und sehr durchlässig, aber eben nur eine. Es gilt also die zweite Diagonale in meinem Körper zu finden und ebenso geschmeidig zu machen. Hier wäre auch die Ursache für mein „instabiles Gefühl“.

Tag eins wird mit einem wundervollen Sonnenuntergang beendet. Farbenspiele auf Gotland. Das hat was. Sehr zufrieden und in uns ruhend stehen wir am Strand und lauschen den Wellen. Unnötig zu sagen, dass hier viel los war in meinem Kopf.

Tag Zwei

Am zweiten Tag stehen die nächsten Sitzeinheiten am Programm. Hanna findet für jeden Moment die richtigen Worte. „Melt down“! „Breath“! „Feel the movement in your spine“, „Do you feel the movement of your shoulder blades“?

Ich reite erneut Viviane, die mir erneut ganz wunderbar Feedback gibt. Rechts herum fühle ich mich super wohl, links herum merke ich, wie meine linke Schulter und meine linke Hüfte gerne im Gleichklang nach vorne schwingen würden. Ich bin beinahe schon entsetzt. Dieses Bewegungsmuster hatte ich in meinem Körper recht gut kaschiert könnte man sagen. Doch Hanna entgeht nichts.

Aber, wie sie selbst sagt ist sie nicht auf der Suche nach Fehlern, vielmehr stellt sie auch an diesem Tag Fragen über mein Gefühl im Sattel.

Wer sich von Hanna strikte Anweisungen erwartet, a la „Kopf hoch“, „Absatz tief“, „Ellenbogen anlegen“ oder ähnliches – der wird völlig überrascht sein vom feinfühligen Unterricht auf Ekeskogs. Hanna arbeitet sich Frage für Frage durch meinen Körper und schickt mich auf eine Reise des Bewusstseins. Ich spüre meine eigenen Blockaden. Und keine Anweisung, sondern eine weitergehende Frage trägt dazu bei, dass ich meinen Sitz ganz selbstständig verbessern kann. Nun wird auch die Wahrnehmung über meine Hüftbewegung immer klarer. Ich habe ein immer „runderes Bild“ vor Augen. Die Bewegugen aus er Hüfte lassen sich immer feiner über meine Wirbelsäule in die Schultern übertragen. Jetzt weiß ich wirklich – oder besser gesagt spüre an mir sehr deutlich, wie das mit dem freien Schwingen der Vorhand gemeint ist.

Ein Außenstehender würde möglicherweise sagen: ist doch nicht viel passiert. Ihr seid auf jeder Hand ein wenig Schritt an der Longe geritten. Richtig. Viel Action war da rein äußerlich nicht. Aber innerlich tut sich so einiges. Deswegen ist auch Stärkung und Erholung der nächste Programmpunkt.

Dank Simone Garnreiter wird die Reise auch zum kulinarischen Genuss. Die schwedische Sitzschulung wird durch indische Köstlichkeiten mit viel Gemüse auch zum Gaumenschmaus.

Kurz mal ganz persönlich: Wer mich gut kennt, der weiß, dass ich nicht sonderlich Freude am Kochen habe. Wohl aber am Genießen. Als Simone mir erklärt, warum sie welches Gewürz in den heißen Topf mischt, wird mir klar, dass es ähnlich mit unseren Reiterhilfen sein muss. Jede Zutat kann ihren optimalen Geschmack nur dann entfalten, wenn sie zur rechten Zeit hinzugefügt wird. Sekundarhilfen können somit auch durch das richtige Timing zum Geschmacksverstärker werden.

Ein Geschmacksverstärker ist auch Indio – oder anders gesagt – ein PRE Hengst ganz nach meinem Geschmack. Indio besticht durch Höflichkeit und Sanftheit – und durch ganz wunderbare Bewegungen. Mit ihm tauche ich am Nachmittag in den nächsten Schwung: den Trab. Hier wird nun auch klar, wie vielfältig ich meine Hüfte einsetzen kann. Ich fühle wunderbar runde Bewegungen von Indio unter mir, aber nur so lange meine Hüfte die Hinterbeine auch kontinuierlich unter sich behält. Hanna achtet sehr genau darauf, ob ich die Hinterhand von Indio bewege, oder ob Indio durch seine Hinterhand mich bewegt. Im zweiten Fall fühle ich mich im Oberkörper wieder ein wenig instabil und zu „weich“.

Das Gefühl von Stabilität durch korrektes diagonales Schwingen in meinem Sitz zeigt mir nochmal Chavall. Meine linke Seite hat sich bereits so verbessert, dass ich hier wesentlich besser zum Sitzen komme – nun wird meine ursprünglich bessere Seite – also rechts herum in der Piaffe ein wenig zu weich. Hanna korrigiert, macht mich darauf aufmerksam über die Größe meiner Hüftbewegung die Schwingung in meiner Wirbelsäule zu observieren – und schon habe ich wieder ein besseres Gefühl.

Von der Piaffe gehts zur Pasta. Ich habe viel zu Verdauen – in diesem Fall nicht Simones herrliche Bolognese, sondern das Gefühl kleiner Bälle in meiner Hüfte, kleiner Bälle in meinen Schultern und die Sache mit der Verschmelzung.

Ich habe gemerkt, dass mir bei Hannas Sitzschulung ein kleiner Appetithappen gereicht hat, um viel zu verdauen zu haben. Aber es lag nichts schwer im Magen. Darum ist mein Reisebericht auch zweigeteilt – nächsten Mittwoch folgt daher für alle Neugierigen die Fortsetzung….

 

 

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PS: Ein riesiges Dankeschön an Simone Garnreiter für die schöne Reisebegleitung, den konstruktiven Austausch, die kulinarische Weiterbildung und die vielen Fotos! Simones Gotland Album gibts hier

Einfach nachgefragt bei Annika Keller

Einfach nachgefragt bei Annika Keller

„Das könnte jetzt eine ganz blöde Frage sein – aber ich trau mich mal“….beim Kurs mit Annika Keller vor zwei Wochen gab es viele Fragen rund ums Biegen, Gymnastizieren, Geraderichten und vorwärts Reiten. Im Dialog mit Annika fanden wir schnell heraus: es gibt keine blöden Fragen.

Manchmal scheint es mir, als ob sich Reiter oder Pferdebesitzer schon gar nicht mehr trauen, Fragen zu formulieren. Schließlich reitet man x Jahre und sollte es ja wissen. Auf der anderen Seite heißt es so schön: Reiten und der Umgang mit Pferden bringt uns auch menschlich weiter. Dafür müssen wir aber auch immer Lernende sein dürfen. In einer herzlichen Atmosphäre wurde daher jede Frage von Annika ausführlich beantwortet – und wie heißt es so schön – ein Leben reicht nicht aus um Reiten zu lernen – aber vielleicht kommen wir ganz gut hin, wenn wir uns trauen viele Fragen zu stellen, in einer wertfreien und wertschätzenden Atmosphäre.

Die wichtigsten Fragen an Annika habe ich heute – tatkräftig unterstützt von Simone Garnreiter noch mal für alle in diesem Blogeintrag zusammengefasst:

Vorwärts ja, aber wenn man nicht zum Treiben kommt?

Annika referierte beispielsweise über „vorwärts Reiten“. Dabei kam die Frage auf: Was tun, mit Pferden, die immer zu schnell unterwegs sind und der Reiter dadurch gar nicht zum Treiben kommt?

Pferde, die immer zu schnell sind und vor den treibenden Hilfen förmlich weglaufen sind laut Annika am Schwierigsten auszubilden. Das Problem kann man sich quasi in Zeitlupe genau ansehen – die Pferde machen hektische kurze Tritte, der Reiter hätte aber eigentlich ja lieber große Schritte. Das ist die Ursache für das „nicht zum Treiben kommen“, da das Pferd auf treibende Hilfen mit „Gas geben“ anstelle einer ruhigen Dehnung der Oberlinie reagiert. Auf diese Weise würde auch die Gesamtbewegungsamplitude aus der faszialen Sicht nicht ausgenutzt.

Faszien sind eine bindegewebsartige Struktur, die den ganzen Körper umfassen und somit jeden Muskel, jedes Organ, Sehnen und Bänder an „ihrem Platz“ halten aber auch für die Gleitfähigkeit untereinander sorgen.

Annika riet dazu bei „hektischen Pferden“ das Tempo zu reduzieren, um dann viel großen Schritt zu reiten oder in der Bodenarbeit zu erarbeiten. Zunächst wird die Qualität des Vorgriffs nicht unmittelbar verbessert werden – was bei den kurzen, hektischen Tritten aber auch nicht der Fall ist. Unter dem Reiter oder in der Bodenarbeit streben wir also zunächst ein mittleres Tempo an, wobei das Pferd nun zunehmend zur Dehnungshaltung eingeladen wird, ohne erneut schneller zu werden.

Das Lernziel für das Pferd ist wie folgt formuliert: Es soll lernen, sich selbst mit einem vorgreifenden Hinterbein aufzufangen, um längere Schritte zu machen, ohne vorwärts zu fallen. Das Ziel ist die Erarbeitung einer Dehnungsbereitschaft.

In der Akademischen Reitkunst gibt es einen großen Werkzeugkoffer, der dem Pferd hilft das Gleichgewicht zu finden, allerdings darf uns bei dieser Arbeit die „Eigenverantwortung des Pferdes“ nicht verloren gehen. Ein Pferd, das also quasi permanent nur durch Einrahmung durch Hilfen in Balance bleibt, ist nicht reell in Balance. Unser „Trippelpferd“ wird in vielen Etappen und einer längeren Ausbildungsperiode das Vorgreifen der Hinterbeine erlernen, um in einen guten Zustand von Balance zu kommen.

Gemütlich und faul?

Analog dazu gibt es natürlich auch die Problemzone der gemütlicheren, oder „faulen“ Pferde?

Auch bei diesen Pferden legte Annika für die Ausbildung die Schulung des Gleichgewichts ans Herz. Natürlich muss auch das gemütlichere Pferd ein fleißiges Grundtempo erarbeiten. Es gibt dabei aber immer ein momentanes ideales Tempo – das mittlere Tempo, in dem der Vorgriff der Gliedmaßen nicht kürzer ist als der Rückschub. Das Tempo wird sich allerdings mit zunehmender Balance und Geschmeidigkeit auch ändern können. Genau wie das eilige Pferd sollte das zu erarbeitende Ziel mit einer Dehnungshaltung, in der ein korrektes Durchschwingen der Hinterbeine möglich ist formuliert werden.

Die Sache mit dem Sitz

Es gib Grundregeln wie: Kopf parallel zu Kopf, Schultern parallel zu Schultern, Hüfte parallel zu Hüfte…aber lernen wir durch diese Regeln tatsächlich korrekt zu sitzen?

Zunächst ging Annika auf die Wünsche der Reiter ein: Salopp gesagt heißt das: Wer das Sitzgefühl eines Spaniers möchte, darf sich nicht wundern, wenn es sich am Warmblüter anders anfühlt.

Wir können durch einen funktionalen Sitz natürlich das Pferd unterstützen – oder andernfalls behindern. In jedem Fall werden wir Menschen vom Pferd bewegt. Im Idealfall – und da waren wir schon wieder bei Steinbrecht sollte der Mensch den Sitz auf einem ausgebildeten Pferd spüren lernen.

Dabei gilt es aber auch pferdegerechte Grundsätze zu beachten: Das Pferd ist kein Gymnastikball und sollte auch nicht in diesem Sinne „benutzt“ werden. Da schon Steinbrecht den Mangel an gut geschulten Schulpferden zur Ausbildung der Reiter kritisierte bleibt uns auch heute die Möglichkeit Bewegungskompetenz erstmal ohne das Pferd zu erarbeiten. Das heißt: Der Reiter kann seine Geschmeidigkeit und Balance außerhalb des Sattels schulen. Da gibt es viele Möglichkeiten wie Feldenkrais, Yoga, Pilates, auch Joggen oder gezieltes Beckenbodentraining, um den Sitz für das Reiten zu schulen.

Unser Hauptmanko bleibt heute aber: Wir müssen durch den (meist ungeschulten) Reiter das Pferd ausbilden und durch das (ungeschulte) Pferd den Reiter. Lektionen lernen ist eine schwierige Sache, wenn der Reiter eigentlich noch nicht weiß, wie wie sich der Sitz korrekt beispielsweise im Schulterherein anfühlen soll.

Das geht am besten mit einem guten Trainer, der im richtigen Moment vermitteln muss. Beim Erarbeiten des Schulterhereins lernen wir also nur in Sekundenbruchteilen, wenn Reiter und Pferd sich dem korrekten Ergebnis nähern. Es heißt also nicht umsonst: Wir müssen fühlen lernen!

Trageerschöpfung

Von Fragen rund um den korrekten Sitz ging es gleich weiter zur Trageerschöpfung:

Das Wort Trageerschöpfung ist ein Begriff der Moderne, die Symptomatik des trageerschöpften Pferdes gibt es aber schon immer – so Annika Keller.

Die Trageerschöpfung ist eine Art Kettenreaktion, d.h. man kann nicht sagen welcher der betroffenen Bereiche im Pferdekörper die Ursache gewesen ist.

Die sichtbar betroffenen Körperteile der Trageerschöpfung sind der Hals-, Schulter-Brustbereich, das Genick und der lumbosakrale Übergang bzw. der Übergang vom letzten Lendenwirbel zum Sakrum.

Wie die Trageerschöpfung entsteht hat mehrere Faktoren:

Das Pferd ist nicht in Balance und trägt sich nicht selbst. Wie soll es dann den Reiter korrekt tragen, der nahe der Vorhand sitzt und den Brustkorb zwischen den Schultern nun noch vermehrt nach unten drückt. Möglicherweise ist in dieser Variante auch noch ein unpassender Sattel beteiligt, der den Reiter stark nach vorne setzt. Die Schwerkraft sorgt dafür, dass der Brustkorb runterfedert und der Schulterbereich der nur muskulär aufgehängt ist nun als Stoßdämpfer wirken muss. Dieser wird aber bei jedem Schritt noch mehr gestaucht, wenn die Hinterhand „ihren Job“, als das Tragen nicht übernimmt.

Druck auf den Brustkorb bedeutet unweigerlich auch Druck auf das Brustbein und weiter in der Kette auf das Zungenbein. Dieses ist mit dem Unterkiefer verbunden. Man kann ein Pferd nicht in Einzelscheiben betrachten, denn ist ein Bereich betroffen, dann leidet ein verbundener Bereich natürlich mit. Blockaden können sich also quasi wie eine Kettenreaktion auf mehrere Bereiche im Pferdekörper auswirken.

Wege aus der Trageerschöpfung führen immer über das vermehrte Vorschwingen der Hinterbeine. Wenn das Hinterbein weit nach vorne schwingt, stützt es den Rumpf oder die Hängebrückenkonstruktion auf positive Art und Weise.

So kann das Pferd lernen mit der Arbeit der Hinterhand den Brustkorb anzuheben und korrekt über den Rücken zu gehen.

Koppen kann die oben genannten Problemzonen ebenso in Mitleidenschaft ziehen. Dabei unterscheidet man zwischen Luft- oder Aufsetzkoppern. Das Koppen verspannt den Genick-Hals-Brust-Widerrist-Bereich und somit natürlich auch den Rücken.

Es ist unbedingt Physiotherapeutische Unterstützung nötig, um die Verspannungen einigermaßen im Griff zu bekommen. Für den Reiter ist es immer wichtig zu wissen: Eine negativ genutzte Muskulatur ist nur sehr schwer zu trainieren – hier braucht es eben auch professionelle Unterstützung, um vor dem Training Verspannungen zu lösen. Eine Verbesserung der Bewegungsqualität wieder zur korrekten Tätigkeit der Muskulatur gebracht werden können.

Es gab noch viele weitere Fragen an Annika…aber zum Glück wird es auch eine Fortsetzung geben. Und da werden wir auch garantiert wieder nachfragen! Denn durchs Fragen, reiten wir Einfach 🙂

PS: Wer den Kursbericht von Annika verpasst hat findet die Zusammenfassung hier.

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