Kurz und Einfach!

Kurz und Einfach!

Play-smile and practice. Dieser Slogan wird unmittelbar mit Christofer Dahlgren in Verbindung gebracht. Und wie ich finde, sehr zurecht. Letztes Wochenende waren wir zu Besuch in Ainring bei Salzburg, um einen Tag bei Christofers Kurs zu genießen. Sechs tolle Mensch/Pferdepaare waren beim Kurs mit dabei und ließen sich mehr als ein Lächeln von Christofer entlocken.

Keep it short and simple

Diesem Motto meines Kollegen kann ich nur zustimmen. In der Theorie betonte er, Reiten so einfach wie möglich zu gestalten. Im Training muss alles einfach zu merken und zu wiederholen sein. An oberster Stelle steht für Christofer Entspannung. Er sieht sich immer genau an, wie die Pferde reagieren.

Denkt das Pferd eher langsam, oder antwortet es super schnell auf eine Anfrage seines Reiters? Reagiert das Pferd oder denkt es tatsächlich über eine Frage nach und antwortet dann? Christofer spricht viel über mentale Balance, wenn er dann auch über Leichtigkeit zwischen den Hilfen referiert. Ist das Pferd in mentaler und physischer Balance, dann muss der Reiter gar nicht so viele Fragen an das Pferd stellen. 

Dies zeigte sich auch in der Praxis, wenn Christofer eindeutig: Weniger ist mehr – an viele Paare adressierte. 

„Wenn wir es schaffen, die innere Schulter und das innere Hinterbein anzusprechen, dann fügen wir einfach äußeres Hinterbein und äußere Schulter hinzu. Eine gute Balance zwischen außen und innen – das ist mein größter Fokus wenn ich reite“.

Christofer Dahlgren

6 Elemente

  • Durchlässigkeit
  • Balance
  • Formgebung
  • Tempo 
  • Rhythmus 
  • Schwung

Christofer nimmt in der Theorie jedes der sechs Elemente für sich durch. Ein durchlässiges Pferd ist ein entspanntes Pferd. Umgekehrt – ein Pferd das nicht entspannt ist, ist auch nicht durchlässig. 

Ein leichter Weg, um Durchlässigkeit zu bekommen, führt laut Christofer physisch gesehen über die Kontrolle der Schultern. Wenn man das Pferd zwischen den Schultern bewegen und leicht machen kann, dann ist ein erster Schritt getan, der freilich nicht ohne mentale Losgelassenheit möglich sein wird. Aber Körper und Geist bedingen sich natürlich auch immer gegenseitig. 

„Unser Pferd muss durchlässig sein. Und dabei gibt es keine besondere Qualität oder Quantität von Durchlässigkeit. Entweder das Pferd ist es – oder nicht.“  

Christofer Dahlgren

Verschiedene Arten von Balance 

..beschäftigten uns als nächstes in der Theorie. 

Laterale Balance steht als erstes auf Christofers Stundenplan. Und wieder geht es um die Beweglichkeit zwischen den Schultern – gefolgt von der Hinterhand. Wenn wir zwischen Kruppeherein und Schulterherein die Mitte finden, dann haben wir Balance. Wobei Christofer auch wieder mahnt: „Man kann zwar Kruppeherein reiten, aber ohne gute Balance, wenn diese zwischen den Schultern verloren geht“. 

Je weniger Sekundarhilfen gebraucht werden, umso  mehr Balance besteht. Christofers Hauptaugenmerk in den Seitengängen liegt an der Reduktion. Das heißt wenn er im Kruppeherein weniger Seitwärts möchte, dann sollte daraus kein Schulterherein entstehen. 

„Die meiste Arbeit, die man hat, ist das Pferd nicht zu viel machen zu lassen.  Nicht zu viel mit der Hinterhand rein, nicht zu viel mit der Schulter raus“. 

Christofer Dahlgren

Wieviel soll es denn bitte sein? 

Die Dosis macht überall das Gift. Was Christofer in seinem Vortrag umgehend zur nächsten spannenden Frage führt: 


Wie viel vorwärts-abwärts muss man reiten? Wie viel sollte man aufnehmen? Christofer betont, dass man sich in der Ausbildung auf verschiedene Aspekte konzentrieren muss, um horizontale Balance zu verstehen. Manche Trainer sprechen sich ja vehement gegen das vorwärts-abwärts aus, Christofer betont aber, es kommt aufs WIE an. Zuerst muss man herausfinden, wie gut das Pferd seine Hinterbeine nach vorne schwingen lassen kann. Manche Pferde können gut nach vorne, andere können wiederum sehr leicht mehr Gewicht auf die Hinterhand bringen. Christofer reitet vorwärts abwärts für den „Stretch“, also die Dehnung, dann muss die Hinterhand besser nach vorne kommen. Wenn das Pferd aber nicht die natürliche Veranlagung dafür mitbringt, reicht es nicht, den Kopf einfach fallen zu lassen. Daher analysiert Christofer immer die Biomechanik der Pferdeschultern. Sind die Schultern sehr steil oder weniger steil? Nach der Beschaffenheit der Schultern richtet sich das Maß des Vorwärts-Abwärts – und die Frage, ob man eher mit versammelnden oder der Dehnungshaltung dienlichen Übungen beginnt. 

Von der Dehnungshaltung in die Versammlung? 

Christofer mahnt auch hier zur Vorsicht. Wenn das Pferd in eine gute Dehnungshaltung kommt, dann müssen wir die Zügel freilich auch aufnehmen können. Allerdings wird dieses Aufnehmen bei vielen Pferden gleichgesetzt mit Versammlung. Die Pferde treten mit kürzeren Schritten, wir vermissen dann das vorwärts-aufwärts Gefühl. Für Christofer liegt der Schlüssel zum Erfolg im vorwärts-aufwärts, bei dem die Hinterbeine weiterhin gut in Richtung Schwerpunkt fußen. An diesem Punkt wird Christofer kritisch: Ihm kommen im Unterricht sehr oft Pferde unter, die beim Aufnehmen und versammeln sofort eher „rückwärts“ als „vorwärts“ denken. Für den Reiter bedeutet das, eine gute Balance zwischen vorwärtstreibenden und verhaltenden Hilfen zu finden. 

Die Sache mit den Bahnfiguren

…nimmt Christofer Dahlgren ebenso ernst. In der Basisarbeit ist es ihm wichtig, beim jungen, gerittenen Pferd beim Reiten von Hufschlagfiguren eine bestimmte Exaktheit zu überprüfen. Kann das Pferd, wenn man die Formgebung verändert ein wenig dehnen und ein wenig aufnehmen, ohne Tempo und Rhythmus auf verschiedenen gebogenen und geraden Linien verlieren? Das Tempo verlangsamen, nur weil der Reiter die Zügel aufnimmt, das darf nicht passieren. Das Ziel ist, dass wir das Tempo verändern können, ohne Form und Rhythmus zu verlieren. Diese drei Zutaten sind auch maßgeblich bei der Jungpferdeausbildung – hier variiert Christofer zwischen den Komponenten. 

Es wird nie langweilig

Christofer Dahlgren beim Unterricht zuzusehen. Seine Energie und Dynamik übertragen sich auf Ross und Reiter – seine Pädagogik – alles ganz einfach auf den Punkt zu bringen, gefällt mir (Einfach Reiten ;-)) sehr gut. In der letzten Zeit habe ich festgestellt, dass es sehr in Mode gekommen ist, die  Biomechanik des Pferdes, technische Komponenten in der Reiterei aber auch die gefühlsmässige Seite der Reitkunst möglichst kompliziert und geschwollen auszudrücken. Mich erreichen viele Fragen von Schülern, die sich auf das Gelesene in sozialen Netzwerken beziehen. Wir diskutieren dann miteinander und oft ist mein Gegenüber überrascht, dass der Inhalt letztendlich gar nicht so kompliziert war. 

Ja, den Umgang mit Pferden, Bodenarbeit oder Reiten lernt man nicht in wenigen Stunden. Der Weg darf ruhig lang sein – aber er muss überschaubar sein und darf uns nicht das Gefühl geben unüberwindbar zu sein. Und dafür hat Christofer auch das perfekte Motto: Play-smile-practice. Sollte eigentlich über jeder Reitbahn stehen. Eigentlich 😉 

Christofer kommt übrigens im September 2020 wieder zu uns aufs „Horse Resort am Sonnenhof“ in Hart bei Graz. Wir freuen uns dann auf ein Wiedersehen! 

Zeit schön verbringen

Zeit schön verbringen

Wie schaffen wir es, dass zwei Geister wollen, was zwei Körper können?

In der dritten Theorieeinheit bei unserem Kurs mit Bent Branderup Anfang Juni rund um das erste und zweite Descente stellte dieser die Pädagogik in den Vordergrund:

(Französisch Experten sehen mir in meiner Zusammenfassung bitte nach, dass ich la descente (verlangt einen weiblichen Artikel) eher mit „das“ Nachgeben übersetzt habe)

„In der Theorie haben wir zuerst das erste und zweite Descente   durchgemacht und auch die physischen Voraussetzungen diskutiert, damit wir diese Inhalte im Pferdekörper überhaupt umsetzen können. Egal ob in der Boden- Longen-  und Handarbeit, oder auch der gerittenen Arbeit – es ist wichtig, dass Mensch und Pferd eine gemeinsame Balance finden. Das ist der Grund warum wir die Pferde überhaupt zuerst vom Boden ausbilden. Mensch und Pferd – jeder für sich können sich in einer Balance bewegen, die die Teilnahme des Anderen für sich ausschließt. Wir wollen aber eine gemeinsame Mitte. Ein Miteinander. Dies wird zu unserem Hauptmotto: Zwei Geister müssen wollen, was zwei Körper können.“

Alles auf Automatik?

Unsere Hilfengebung ist keinesfalls eine Mechanik, es gibt keine Zahnräder, die ineinander greifen und einen raschen Erfolg versprechen. Wir haben keine Hebel für unsere Mitteilung an das Pferd, es sind pädagogische Aufgaben, die wir dem Pferd stellen. Das Pferd muss also nach und nach unsere Hilfen verstehen, wie ein Kind, das das Alphabet lernt, bringen wir dem Pferd eine gemeinsame Sprache bei.

„Wir können dem Pferd allerdings nur eine gemeinsame Sprache beibringen, wenn wir eine Erstsprache beherrschen.“

Die Schwierigkeit für uns Menschen liegt besonders darin, Lehrender und Lernender zugleich zu sein. Wir müssen also zuerst etwas ganz klar und deutlich visualisieren können. Was ist für uns eigentlich ein innerer Schenkel, was bedeutet es, wenn wir mit der Gerte in der Bodenarbeit in eine bestimmte Position zeigen? Bekommen wir vom Pferd später eine positive Antwort auf unsere Frage, wenn wir dem Pferd dieses Signal zeigen? Wenn wir generell von Schenkelhilfen sprechen, dann muss das Pferd später genau interpretieren lernen, ob wir einen direkten, einen umrahmenden, einen verwahrenden, um sich herum biegenden, von sich weg biegenden oder versammelnden Schenkel meinen.

„Wir scheitern jedoch oft an unseren eigenen pädagogischen Fähigkeiten. Also müssen wir lernen, wie wir dem Pferd eine Mitteilung geben können. Die erste Hürde heißt in Wirklichkeit, eine Beziehung zu dem Pferd aufzubauen. Das Pferd muss in uns einen Lehrer sehen. Wer bist du in den Augen deines Pferdes in welchem Moment. Das ist die erste Frage, die uns beschäftigt!“

Viele Menschen scheitern nicht nur an der Rückwärtsbewegung im eigenen Körper in der Bodenarbeitsposition. Schwierig wird es auch, wenn das Pferd schnappt und den Reiter vor sich her treibt. Dann sieht das Pferd meist nicht den Lehrer in seinem Menschen, sondern beispielsweise bei Hengsten, die Lieblingsstute, die das Pferd gerne vor sich hertreibt. Wechselt der Mensch dann in eine seitliche Führposition, um das Treiben zu verstärken, erntet er ein klares „Nein“ von seinem Pferd, das mit der Rolle des Getriebenen durchaus nicht einverstanden ist.

Wie verschaffen wir uns aber den Respekt und das Ansehen eines guten Lehrers in den Augen des Pferdes?
Abgesehen von den klaren Bildern, die wir im Kopf haben müssen, wenn wir Inhalte an unser Pferd vermitteln, geht es laut Bent Branderup um eine große Sache:

Sympathie

Wenn wir an unsere eigene Schulzeit zurück denken? Wer war ein guter Lehrer für uns? Ich hatte beispielsweise in der Unterstufe eine Mathematiklehrerin, für die ich nur wenig Sympathie aufbringen konnte. Damit war einer potenziellen Leidenschaft für Mathematik bereits der Garaus gemacht (unabhängig davon, meine Leidenschaft galt von jeher schon Worten und Sprache). In der Oberstufe änderte sich das Ganze: Ich hatte eine Professorin, die es verstand, dass die ganze Klasse ihr wohlwollenden Respekt entgegen brachte. Schließlich brachte sie auch uns Teenagern, mitten in der schwierigsten Phase unseres Lebens eine Portion Respekt entgegen. Die Sympathie zu ihr war es, die mir ein „Überleben“ in Mathematik ermöglichte.
Immer, wenn Bent Branderup diesen Teil in seinem Theorievortrag erwähnt, muss ich an meine Matheprofessorinnen denken, die mein eigenes Lernverhalten nachhaltig prägten.

Sympathie alleine reicht aber nicht aus, um Inhalte zu vermitteln. Wenn wir unserem Pferd etwas beibringen wollen, müssen auch die Inhalte stimmen. Es reicht nicht sympathisch zu sein.
Mit Augenzwinkern erwähnt Bent Branderup:

„Die größten Schwindler sind oft die sympathischen Menschen. Nur weil jemand sympathisch ist, heißt das noch lange nicht, dass die Inhalte stimmen, die uns erzählt werden. Denken wir beispielsweise an die eine oder andere Geschichte vom erfolgreichen Gebrauchtwagenhändler, der die Leute reingelegt hat….“.

Neben der notwendigen Sympathie habe ich bereits den zweiten Faktor aus meiner eigenen Schulzeit erwähnt, der einen Lernerfolg ermöglichte:

Respekt

„Im deutschen Sprachgebrauch hat Respekt für meinen Geschmack zuviel mit Disziplin zu tun. Daher fange ich immer an mit Sympathie, Respekt ist für mich nur auf Gegenseitigkeit begründet. Wenn zwei Hirsche miteinander kämpfen, dann schlagen sie die Geweihe zusammen. Sie könnten das Geweih ja auch in den Bauch des anderen schlagen. Das tun sie aber nicht, denn sie haben weit mehr Respekt vor dem Leben des anderen, als wir Menschen. Wenn wir von Menschlichkeit sprechen, dann ist das oft den Menschen weniger eigen, als den Tieren“.

Pferde wachsen im Idealfall in einer bestimmten Herdenstruktur auf und werden durch die anderen Tiere sozialisiert. Das Pferd steckt uns also später in eine bestimmte Rolle, die es in Relation zu seinen vorangegangen Erfahrungen stellen kann. Wir müssen in jeder Situation erkennen lernen, was das Pferd in uns sieht und wie wir unser Verhalten an Einschätzung des Pferdes anpassen. So müssen wir dem Pferd eine klare Mitteilung geben, wenn es uns vor uns hertreibt, ohne Sympathie und Respekt füreinander zu verlieren.

Wir müssen dem Pferd den Unterschied begreiflich machen: Handelt es sich um eine Situation mit anderen Pferden oder kommuniziert es nun mit einem Menschen? Die verschiedenen Führpositionen, die wir vor, neben, seitlich hinter dem Pferd und auf weitere Distanz in der Akademischen Reitkunst einnehmen stellen uns immer wieder vor neue Herausforderungen.

Was sagt mein Pferd?

Was wir als Pädagogen lernen müssen ist außerdem auch die verschiedenen Gesichtsausdrücke des Pferdes zu deuten:

„Pferde haben mindestens genauso viele Gesichtsausdrücke wie Schimpansen. Wir Menschen können diese jedoch beim Schimpansen leichter ablesen, da die Gesichtsausdrücke dem Menschen ähnlicher sind. Die Emotionen der Pferde sind mit ganz anderen Gesichtsausdrücken verbunden. Wir sind dann, wenn wir das Pferd nicht lesen können sehr reduziert in den Fähigkeiten, die wir haben“.

Welche Kommunikation und Möglichkeiten wir haben, hängt auch von der Vielseitigkeit des Akademsichen Werkzeugkoffers ab. Alle pädagogischen Elemente sind in diesem Werkzeugkoffer enthalten. Jedes Werkzeug an sich nutzt aber nichts, wenn wir nicht die richtigen Werkzeuge der jeweiligen Situation und Hilfengebung entsprechend wählen.

„Ich bin ausreichend stolz, wenn ich von einem Schüler sagen kann, er ist ein guter Handwerker“.

Wenn es um die Reitkunst geht, dann geht es auch um das Automatisieren von Vorgängen. Sicherlich erinnern sich einige noch an die ersten Fahrstunden, als man noch zur Kupplung blicken musste, zum Schaltknüppel und die Gänge regelrecht suchen. Heute können wir uns auf unser Gehör verlassen, dass uns ohne große Gedanken die Information weiterleitet, jetzt wäre das Wechseln in einen anderen Gang von Vorteil. Ebenso vergleicht Bent Branderup die Musik mit der Reitkunst. So lange ein Pianist vom Blatt spielen kann ist er ein guter Handwerker, erst wenn alle Handgriffe ohne Nachzudenken fließen ist Platz für Interpretation und somit auch Platz für die Kunst. Kunst beginnt, wenn wir uns über die Technik hinweg setzen können.

„Daher gibt es viele Dinge, die wir förmlich bis zum Erwürgen üben müssen, damit alles vollautomatisch läuft. Das ist der Unterschied zwischen Lernen und Können, wenn die Hilfe vollautomatisch da ist, dann ist man technisch so weit, dass man sich vom Handwerker zum Künstler bewegen kann. Egal auf welchem Niveau wir in der Reiterei unterwegs sind: Ich empfehle immer meinen Schülern genau auf der Stufe, auf der sie stehen alle Handgriffe zu automatisieren,bis man nicht mehr nachdenken muss. Dann sind wir auf unserem Weg bereit für die nächste Etappe“.

Voller Emotion

„Kunst ist, eine reelle Emotion zu erleben. Hoffentlich eine positive. Ist die Fähigkeit sich zu freuen, nicht mehr vorhanden, dann wird alles belanglos, wenn wir keinen Inhalt mehr haben. Wir müssen heute nicht reiten. Wir dürfen. Es ist heute keine Notwendigkeit mehr eine Kutsche zu ziehen, oder über bunte Stangen zu hüpfen. Es gib keinen Grund zu reiten, außer Zeit schön zu verbringen. Erinnern wir uns an die Freude, die wir hatten, als wir als Kinder mit Pferden zusammen waren. Wenn diese Freude verschwindet, dann hat sich die ganze Sache überlebt, dann gibt es keinen Inhalt mehr dafür.

Ich sehe in die Gesichter der Zuschauer und ahne, dass wir alle ganz ähnliche Erinnerungen teilen. Die Ruhe Abends im Stall, wenn wir den Pferden beim Fressen gelauscht haben. Das Beobachten der Pferde auf der Koppel. Das stundenlange Putzen und einfach Zusammensein mit den Pferden.“

Bent fragt uns: Wo ist die Freude geblieben? 
Einige Zuschauer schütteln verständnislos den Kopf. Ja, in dieser Gruppe, so fügt auch Bent hinzu, hat er ganz und gar nicht den Eindruck, als würde es an Freude am Zusammensein mit dem Pferd fehlen. Beim nächsten Satz stimmen dann wieder einige Zuschauer nickend und murmelnd zu:

„Manchmal wenn ich in eine Halle schaue, habe ich nicht das Gefühl, dass die Menschen ihre Pferde wirklich mögen“.

Auch ich stoße auf meinen Unterrichtstouren immer wieder auf solche Bilder. Wo ist die Freude geblieben? Was ist passiert, dass Pferde scheinbar das Schlechteste in uns hervorbringen. Wer sind wir dann in den Augen unserer Pferde?

Bent Branderup konstatiert, dass natürlich Erwachsene Schuld seien, wenn die Freude der Kinder verloren geht. Ich muss unweigerlich an den „kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry und „die großen Leute“ denken, die die Fantasie des kleinen Prinzen nicht verstehen. Wenn aber die naive Fähigkeit verloren geht, am bloßen Zusammensein Genuss zu empfinden, dann geht auch die Kunst verloren.

„Dann wird die Kunst ein leeres Abrufen von Exerzizien. In der Kunst wollen wir aber die Emotion in unser Schaffen zu integrieren. Das kann man übrigens nie vor Publikum üben. Um eine Emotion auszulösen, brauchen wir eine aussergewöhnlich gute Situation. Sich freuen ist im Grunde ja ein chemischer Zustand. Das will heißen, wenn ihr auf einer Ebene der Ausbildung seid und alles aus dem Ärmel schütteln könnt, dann löst das keine Emotion mehr aus. Daher brauchen wir auch immer wieder die Herausforderung, um es auf einer noch höheren Ebene wieder zu können“.

Bent Branderup rät in diesem Sinne seinen Schülern die Ausbildung Schritt für Schritt voranzuschreiten. Treppchen für Treppchen zu nehmen. Zuerst kommt die Arbeit an der Technik, dann wird man nicht so frei sein für den gefühlsmässigen Austausch, aber sobald man sich in der Technik sicher ist, kann man die Emotion integrieren.

„Technik ist das, was ich euch beibringen kann. Ich kann euch das Gefühl nicht beibringen. Ich kann euch nicht zeigen, wie eine Rose duftet und wie sich die Farbe rot anfühlt. Denkt immer zurück, was war der Anlass, warum ihr mit Pferden zusammen sein wolltet. Dies ist der Gedanke, der uns davon abhält uns zu stark in der Technik zu verheddern.
Die Technik alleine wird uns nicht weiterbringen. Erst in dem Moment, wo das Pferd interpretiert aus unseren Mitteilungen wird uns die Intelligenz des Pferdes in ihrer Gänze gewahr. Pferde sind klug und unsere Mitteilungen sind kein Verstärkung einer Hilfe, sondern wir verstärken das Verständnis und die Aufmerksamkeit bei unserm Pferd.“

Und wie lange dauert es das gegenseitige Verständnis und die Reitkunst zu schulen? Auch hier hat Bent Branderup natürlich eine Anekdote parat:

„Ein Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule wurde vor vielen vielen Jahren im Alter von 65 Jahren befragt, wie lange es dauert reiten zu lernen. Er ritt bereits das Solo einhändig und stellte das Pferd in allen Schulen und Gängen vor. Er antwortete auf die Frage: „Ja, ich war das Talent meiner Zeit, ich saß auf dem bravsten und klügsten Pferd. Ich hatte die großartigsten Lehrmeister. Also ich meinem Fall würde ich sagen, es dauert 200 Jahre.“ Es geht also nicht darum fertig zu werden, es geht um das gemeinsame Erlebnis mit dem Pferd, es geht um Herausforderungen, die wir an uns als Team stellen und es geht um das Erreichen von Etappen und Meilensteinen.
Wenn ihr aber zu der Sorte Mensch gehört, die unbedingt gestern schon fertig sein möchte, dann kann ich euch garantieren, mit der Akademischen Reitkunst werdet ihr nicht glücklich werden, denn es gibt immer ein höheres Niveau, das erstrebenswert ist. Wir sind nie fertig. Werdet aber technisch gut, auf dem Niveau, wo ihr gerade seid. Werdet so gut, dass ihr nicht mehr über die Technik nachdenken müsst und legt dann den nächsten Schritt.“

Je sicherer unsere Ausgangslage, unser Niveau auf einer bestimmten Ausbildungsstufe ist, umso eher können wir uns an die nächsten Schritte wagen. Immer im Hinterkopf: Warum sind wir mit unseren Pferden zusammen und wer sind wir jetzt und heute in den Augen unseres Pferdes.

Wer sind wir in den Augen unserer Wegbegleiter?

Ich möchte mich sehr bei meinen Schülern bedanken, die diesen Kurs mit gestaltet haben und den Zuschauern auch immer sehr viel Inspiration und Wissen weiter geben. Danke, dass ihr mir Jahr für Jahr vertraut und unseren „geschützten“ Bereich verlässt, um vor Publikum euer Können zu zeigen und weiter zu verbessern.
Besonders stolz bin ich natürlich heuer auf Viktoria die ihre Wappenträgerprüfung geschafft hat, sowie Julia, die trotz vieler Verletzungen von Vollblüter Moon Hürde um Hürde genommen hat und sehr schöne Arbeit am Kurs zeigen konnte. Unsere jüngste Teilnehmerin Viktoria mit Avanti hat von Bent einige knifflige Aufgaben für den Reitersitz erhalten und konnte trotz ihrer ersten Kursteilnahme alles wunderbar umsetzen.

Danke auch an das Team meiner Schüler, die beim Auf- und Abbau des Kurses so wunderbar geholfen hat.

Eins noch in Punkto Kommunikation. Eigentlich wollte ich mit meinem Youngster „Conversano Aquileja“ am Kurs teilnehmen. Leider hatte sich mein braver Schimmel am Montag vor dem Kurs in der Box verlegt und musste genäht werden. Fuchs Tabby ist erst seit kurzem wieder im Einsatz, also musste ich für zwei Einheiten auf Pina ausweichen, die eigentlich seit Winter mit meinem Vater Rudi im Wald oder ein wenig in der Halle unterwegs ist.

Obwohl wir beide also derzeit keine gemeinsame Routine haben, hat die Kommunikation so unfassbar gut funktioniert. Abgesehen davon, dass wir an der Qualität der fliegenden Wechsel und an den Ansätzen zu Passage gearbeitet haben, war das Schönste eigentlich Pina so bei mir zu wissen, so dass wir uns ganz leise, still und heimlich unterhalten konnten. Es war tatsächlich so, wie Bent immer sagt: Zwei Körper, die sich aktuell nicht so gut kennen fanden eine geistige Übereinstimmung und ein gemeinsames Wollen. Pina hat mich einmal mehr zu Tränen gerührt. Meine großartige schwarze Stute, die eigentlich alles immer schon lange vor mir weiß.

Im Oktober wird unsere Seminarreihe übrigens forgesetzt – dann geht es um das dritte Descente, um die Versammlung. Der Kurs findet dann in Ainring bei Salzburg statt, organisier von Andrea Harrer.
Ich hoffe sehr, dass ich dann mit klein Conversano aka Konrad dabei sein kann.
Bis dahin üben wir uns in der mentalen Verbindung, schließlich sind wir noch eine Zeit lang in der Ausbildung vom Reiten entfernt.

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PS: Die schönsten Kursbilder von Katharina Gerletz gibt es hier

Der Weg zum ersten Descente

Der Weg zum ersten Descente

“Guérinière beschreibt, das Schwierigste ist das Nachgeben und zwar aus einem Grund. Wenn man nachgibt und das Pferd weiß nicht, was es mit dieser Hilfe machen soll, dann kann man die Hilfe nicht verstärken. Man kann einen Schenkel verstärken, man kann auch eine Parade verstärken. Aber das Nachgeben, das kann man nicht verstärken”.

Mit diesen Worten eröffnet Bent Branderup unser Theorieseminar rund um das erste und zweite Descente, ursprünglich beschrieben vom berühmten französischen Reitmeister Guérinière und wichtige Grundlage, wenn wir uns heute über Paraden unterhalten wollen. Das Descente solle beim Pferd, so Bent Branderup die richtige Reaktion auslösen. Als la descente de main et de jambes, wird das Nachgeben der Hand, (descente de jambes = das Aussetzen der Schenkelhilfen) beschrieben, als Überprüfung, ob das Pferd weiterhin ohne permanente Hilfengebung in der erarbeiteten Form und Haltung bleibt. (Im Französischen braucht „la descente“ einen weiblichen Artikel , ich bitte um Nachsicht, dass ich hier nicht „die Descente“ beschreibe sondern das Descente im Sinne von „das“ Nachgeben im Artikel verwende).

“Man kann es aber auch umdrehen und sagen, dass das Descente eher eine Überprüfung ist, ob das Pferd an den Hilfen steht, denn eine HIlfe selbst”.

Von Pferden, Fischen und Schwungübertragung

Bent Branderup betont, dass wir als Reiter zuallererst eine Reise in die Hinterhand des Pferdes machen müssen. Wir müssen verstehen, was die Hinterhand erzeugt und auf die Oberlinie des Pferdes überträgt:

“Ein Pferd hat Hinterfußantrieb, ebenso wie ein Fisch – von hinten komm die Bewegung und überträgt sich durch den Körper nach vorne.”

Bent Branderup zeichnet auf das Flipchart und wir machen eine Reise durch Becken, Hüftgelenk, Knie, Sprunggelenk bis hin zum Fesselkopf und Huf. Nun kommt das berühmte Steinbrecht Zitat: “Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade” – aber Bent erinnert zugleich an Steinbrechts eigene Warnung: “Aber ich warne davor, reite das Pferd nicht zu schnell”.

Geht das Pferd nur schnell, dann schiebt der Hinterfuß nach hinten raus. In diesem Fall öffnet das Pferd die Gelenke der Hinerhand, dabei werden Muskeln tätig, die das Öffnen, also das Auseinanderziehen der Gelenke vermehrt unterstützen. Guérinière und Steinbrecht meinten aber mit einem Vorwärts oder Vorgriff unisono ein vermehrtes Affußen der Hinterbeine unter den Bauch des Pferdes.

“Dann sind Muskeln tätig, die beim Schließen der Gelenke, auch zum vermehrten Beugen der Gelenke beteiligt sind”. Richten wir unser Augenmerk auf die Biomechanik des Vorwärts, so erklärt Bent, dann hat nicht nur die korrekte Tätigkeit aus der Hüfte ihren Anteil am Vorwärts, sondern auch die Tätigkeit des Beckens selbst. Das Becken bewegt sich vor und runter, dann setzt das Hüftgelenk das Bein vorwärts. Bent demonstriert uns wie sich das menschliche Becken bewegt, wenn er sein Knie beugt. Das Becken geht dann tatsächlich auch in einer Bewegung nach vor und runter. Die Hüfte wird aktiv und setzt in der Bewegung das Bein vorwärts.

Wenn wir als Reiter jedoch das Pferd durch unseren Sitz und unsere Hand steif machen, wirkt sich das natürlich auch auf die korrekte Tätigkeit des Beckens aus. Steifheiten machen sich bemerkbar, das Pferd hebt das Becken, dadurch wird auch der Vorgriff aus der Hinterhand dramatisch reduziert. Nur bei korrekter Tätigkeit aus dem Becken und der Hüfte sehen wir im Brustkorb eine dreidimensionale Tätigkeit der Wirbelsäule (Schwingungen nach oben und unten, seitlich und in Rotation).“

Was ist Schwung?

“ Viele Reiter verstehen heute unter Schwung als eine Schwebephase oder beschreiben damit das Niveau an Energie. Schwung meint aber die dreidimensionale Tätigkeit der Wirbelsäule”.

Der Schwung wird aus dem Becken heraus in die Wirbelsäule übertragen und landet schließlich an der Vorhand. Das Spannende dabei ist: Pferde haben keine Schlüsselbeine wie wir Menschen. Die Verbindung der Vorhand mit der Wirbelsäule ist also nicht durch Knochen sondern durch Gewebe gegeben. Unregelmässigkeiten der Schwungübertragung sehen wir oft in der Tätigkeit der Vorhand.

“Takt kommt aus dem Schwung und wenn wir den Schwung erwürgen, dann werden wir auch bei den allermeisten Pferden den Takt erwürgen. Viele Reiter sind eben eher taktlos.”

Im Schritt ist der Schwung am Größten, daher ist es laut Bent Branderup ein Irrtum den Schritt als eine schwunglose Gangart zu bezeichnen. An den Nickbewegungen des Kopfes können wir ablesen, ob das Pferd tatsächlich über den Rücken geht oder falsch federt.

“Jetzt nähern wir uns dem Thema, mit der Hand spüren zu können, was in der Hinterhand los ist”.

Gustav Steinbrecht habe hier, so konstatiert Branderup in präziser Reitersprache die Biomechanik beschrieben wie kein anderer: “Über den Rücken gehen und an die Hand herantreten” – das bezeichnet die korrekte Schwungübertragung, die wir in der Reiterhand erfühlen können aufs Wesentliche herunter gebrochen.

Da die Muskeln des Pferdes miteinander verkettet sind und mit dem Zentralnervensystem verbunden sind ist es wichtig, genau zu verstehen welche Konsequenzen unsere Handlungen für den Pferdekörper haben. Wenn wir den Kopf in eine bestimmte Position zwingen, dann ist das nicht richtig. Wir hätten die korrekte Formgebung gerne aus einer aktiven Arbeit der Unterlinie, die in einer Dehnung der Oberlinie mündet.

“In dem Moment wo die Hinterfüße aktiv nach vorne greifen, da haben wir die Dehnung der Oberlinie und unser erstes Descente, wenn wir nachgeben und spüren, dass die Nase den Weg zur Reiterhand sucht. Egon von Neindorff hätte früher dazu gesagt: Hand vor, Bauch vor. Geht aber der Bauch des Reiters vor und die Hinterhand folgt dieser Verlagerung des Schwerpunkts nicht, dann werfen wir das Pferd auf die Schulter. Der Hinterfuß des Pferdes muss dieses Vorgeben schon mitmachen. Er muss unter die Gewichtsmasse des Pferdes treten wollen. Will der Hinterfuß der Masse ausweichen, dann brauchen wir eine entsprechende Ausbildung”.

Wie wir die Hinterhand ausbilden

Bent Branderup ermahnt das Auditorium dazu, bei jedem einzelnen Pferd zu analysieren, warum die Hinterhand nicht nach vorne unter die Masse treten könne.

“Haben wir einen Traber, der breit fußt? Ein Kutschpferd, das die Gelenke zu stark, entsprechend der Schubkraft öffnet? Haben wir ein Pferd das in einem bestimmten Gelenkbereich Probleme hat”?

Woran liegt es also, dass ein Pferd nicht korrekt unter die Masse treten kann? Das ist die erste Frage, die wir uns als Ausbilder unserer Pferde stellen müssen. Wir müssen also als erstes unser Auge schulen, um zu sehen, was das Pferd von alleine kann und wo der Reiter möglicherweise den Fluß der Bewegung behindert oder im Weg sitzt. Orten wir ein Problem an der Muskulatur, dann könne wir in mühevoller Kleinarbeit nach ein paar Monaten die ersten Veränderungen feststellen. Die Arbeit mit Sehnen und Bändern dauert jedoch jahrelange Arbeit. Ist eine Problematik an den Gelenken festzustellen, stoßen wir bei der Ausbildung des Pferdes an fixe Grenzen; hier ist die Konsultation von Spezialisten gefragt.

“Erst wenn der Hinterfuß unter den Punkt unter dem Bauch greift, wo wir später weiter oben drauf sitzen, dann haben wir das Pferd auf das Gerittenwerden vorbereitet. Sehe ich also beim Pferd, das jung ist in der Ausbildung, dass der Auffußpunkt und der Schwerpunkt des Reiters (auch in der Vorstellung) nicht übereinstimmen, dann ist das Pferd noch nicht bereit dazu geritten zu werden.”

Kein Hinterbein ohne Pferdehuf

Von der korrekten Tätigkeit der Hinterhand entführte uns Bent in den Hallensand. Dort konnten wir Hufabdrücke beobachten. Wie das Pferd seine Hufe verschleißt, verrät uns schließlich auch eine ganze Menge über die Abnützung der Gelenke darüber. Belastungen werden beim Auffußen sichtbar – und das eben im Hallensand. So konnten wir anhand der Hufabdrücke im Sand ein Pferd aufspüren, dass mit seinen Zehen offenbar geschaufelt hatte und ein Pferd, das seine Hufe korrekt in den Sand setzte.

Weiter ging es mit praxisnaher Theorie. Von der Ausbildung im Stand, vom korrekten abwärts-strecken:

“In der Bewegung habe wir die Faustregel, das Pferd nicht tiefer dehnen zu lassen, als das die Beweglichkeit des Buggelenks eingeschrenkt würde. Wenn die Buggelenke in der Beweglichkeit blockiert sind, kann die Vorhand nicht frei raus schwingen, das Pferd würde sich dann über diese schieben und den Platz für den korrekten Vorgriff aus der Hinterhand limitieren”.

Stellung und Biegung

Ist beispielsweise die linke Hüfte etas nach vorne gestellt, kommt die Rotation des Brustkorbes korrekt aus dem Becken und setzt sich in die Halswirbelsäule fort, dann sind wir beim Thema der korrekten Stellung.

“Das erste Gelenk am Übergang Schädel Halswirbelsäule ist das “Ja-Sager Gelenk”, das zweite Gelenk bezeichne ich als das “Nein-Sager-Gelenk”. Beide sind geringfügig an der korrekten Stellung beteiligt. Das “Nein-Sager-Gelenk” ist oft beteiligt, wenn sich das Pferd im Genick verwirft. Wird der Brustkorb durch das Reitergesäß nach außen runter gesetzt, dann kann man zwar durchHeben der Reiterhand das Genick in scheinbar korrekte Position bringen, die Ursache für die falsche Rotation des Brustkorbes ist jedoch noch immer vorhanden.“

Im Theorievortrag geht es nun um die Bedeutung von Ganaschefreiheit und die Unterschiede zwischen menschlichem und equinem Kiefer. Nur wenn die Ganschefreiheit gegeben ist, kann der Unterkiefer des Pferdes beispielsweise bei einer Linksstellung nach rechts außen unter den Atlas rotieren. An dieser Stelle ist der Vorteil der Trense zu erwähnen, die auf einer Seite des Pferdes stellen, auf der anderen durch die Gelenkverbindung des Gebisses quasi unabhängig von der anderen Seite lösen könnte. Könnte, wie Branderup betont, denn der sachgemäße Einsatz der Trense sei mittlerweile äußerst selten.

Vom Leckerli und Zupferle, um das Pferd das Abwärts dehnen schmackhaft zu machen,  geht es wieder zu einem Exkurs in Punkto Muskulatur.
Der Weg zum ersten Descente ist geebnet wenn sich das Pferd vorwärts abwärts strecken kann und wir im Stand bzw. später in der Bewegung die äußere Schulter des Pferdes, das äußere Vorderbein des Pferdes “leichter” machen können. Dies unterstreicht auch die lösende Wirkung des Schulterherein, gerne auch Aspirin der Reitkunst geannnt. Wird der Muskelbereich außen im Brustkorb entlastet, dann kann der Brustkorb außen leicht nach oben rotieren, die äußere Oberlinie dehnt sich, der innere Hinterfuß nimmt mehr Last auf und tritt unter den Schwerpunkt, die Bauchmuskulatur zieht sich zusammen und arbeitet.

Von der Theorie zur Praxis

Im Anschluss an die Theorie unterrichte ich meine liebe Schülerin Heike mit ihrer jungen Lipizzaner Stute “Austria”. Austria bewegt sich nach dem typischen Seiltänzer-Muster, das heißt die Hinterbeine kreuzen stark, sie vollführen ein  so genanntes Balancè. Mit Austria arbeiten wir an der Losgelassenheit, am entspannten Annehmen der Gertenhilfen. Austria hat garantiert keine schlechten Erfahrungen mit der Gerte gemacht, sie ist aber sehr skeptisch, goutiert keine schnellen Bewegungen mit der Gerte, somit machen ihr mental Wechsel zwischen den Zügel- und Schenkelhilfen, die wir ihr mit der Gerte zeigen noch zu schaffen. Permanent überprüfen wir ihre Dehnungsbereitschaft. Am Ende können wir dann noch im Stehen am ersten Descente arbeiten, am Strecken nach vorwärts-abwärts zur nachgiebigen Hand hin. Diese Übung hat Austria schnell verstanden und dann sehr rasch vorweg genommen. In dieser Einheit arbeiten wir am Zuhören. Ich bin sehr zufrieden mit der kleinen Austria, die gemeinsam mit ihrer Heike starke Nerven vor großem Publikum bewahrt hat.
Von Bent bekomme ich später ein sehr schönes Feedback über unsere ruhige Unterrichtseinheit, die sich sauber mit den ersten Schritten der Basis befasste.

Danke Heike und Austria für euer Vertrauen.

Als Kursorganisatorin hat man grundsätzlich immer viel zu tun. Und an diesem Kurs waren ausnahmslos Schüler von mir “am Start”. Natürlich bin ich auch hier nervös – vor allem wenn eine von ihnen die Wappenträgerprüfung reitet. Die Rede ist von Viktoria Portugal, die mit ihre Amira heuer ganz wunderbar reüssieren konnte. Jetzt heißt es daher nach der bestandenen Prüfung: Packen für die Sommerakademie. Gemeinsam mit Sonja Grätz und Marion Ernst, die ihre Prüfung im letzten Oktober noch ablegen konnten und Viktoria freue ich mich auf “Zuwachs” in der Österreichischen Ritterschaft und auf eine schöne Zeit bei der Sommerakademie in Dänemark.

Ein riesiges Dankeschön geht natürlich auch an Katharina Gerletz, der wir wie immer das Festhalten unserer magischen Kursmomente verdanken. Zu ihrer Fotoseite gehts hier…

Lernen wir Nachgeben, dann Reiten wir Einfach 🙂

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PS: In der nächsten Woche folgt Teil zwei des Kursberichts.

True Colors 

True Colors 

„Wie geht es Ihnen“?                  „Gut, Danke“!
Wie oft erleben wir einen solchen Dialog Tag für Tag. Wie oft fragen wir uns, was tatsächlich hinter dem neutral gemurmelten „Gut, Danke“ steckt.
Wie oft fragen wir höflich bei unserem Pferd nach und wie oft übersehen wir, dass unser Pferd die Wahrheit über uns bereits kennt, auch wenn wir unsere Stimmung zu verbergen suchen.

Unsere Pferde erkennen unser wahres Gesicht – unsere True Colors“ bereits meist vor uns.

Daher gibt es zum Blogbeitrag heute auch ein wenig Musik zum „Mithören“.
Das wurde auch an den vier Tagen mit meinen Kollegen Jossy Reynvoet in der Steiermark und Niederösterreich klar.

Mein sehr persönliches „Farbenbekenntnis“

Seit rund zwei Jahren begleite ich Lipizzanerhengst Conversano vom Barockpferdehof Schoderlee auf dem Weg in die Akademische Reitkunst.
Dieses Pferd ist mir in dieser Zeit wirklich sehr nahe gekommen. Ich schätze natürlich alle Pferde, die ich begleiten darf, mit Conversano ist es allerdings etwas ganz Besonders.

Ich vermisse „Conversano“ wenn der Abstand zwischen unseren Unterrichtseinheiten länger als gewohnt ausfällt. Ich denke immer wieder über ihn nach, immer wieder überrascht er mich mit seiner Intellgenz, seiner Wissbegierde, seiner Weisheit.

Mehr braucht ihr als „Vorgeschichte“ mal nicht zu wissen. Conversano ist jedenfalls bei unserem Besuch mit Jossy am Freitag

als Letzter dran und zeigt schon am Paddock was er davon hält. In der Halle absolvieren wir ein paar vorbereitende Führübungen zur Einstimmung auf die Freiarbeit. Freiarbeit bedeutet bei Jossy im Grunde von einem Pferd nichts zu verlangen. Die Geschichte zwischen Mensch und Pferd kann sich jedes Mal neu entwickeln, es geht nicht darum, Lektionen in Freiheit ohne Kappzaum und Longe oder Sattel und Zaum zu absolvieren. Es geht um Bewegung miteinander, um das Zusammensein und möglicherweise um einen gemeinsamen Tanz.
Da ich weiß, wie schön Conversano und ich miteinander tanzen können, wenn wir uns beispielsweise an der Longe miteinander spielen, bin ich gespannt.

Die Einheit wird dann etwas anders ablaufen, als geplant. Conversano will von mir nichts wissen. Wir ziehen unsere eigenen Kreise im Roundpen und beachten einander nur hin und wieder. Der Abstand fühlt sich für mich dennoch erstaunlich gut an, ich finde es in Ordnung mich zu bewegen und nach draußen zu schauen.
Conversano zeigt mir die Kalte Schulter. Es dauert eine Weile, bis ich zu ihm kommen kann. Er hat den Kopf gesenkt. Jossy fragt mich, ob ich eine Botschaft für dieses Pferd habe. Ich bin so erstaunt über diese Frage. Jossy bittet mich meinen Arm auf Conversanos Rücken zu legen und meine Botschaft einfacher weiter zu geben. Ich bin überrascht, als ich spüre, wie groß der Brocken ist, der sich in mir löst als ich in Gedanken murmle: „Es tut mir so leid, Conversano“…..

Seit genau einem Jahr habe ich nun „meinen“ Konrad, einen kleinen Verwandten von Conversano bei mir zu Hause.

In diesem Jahr ist die Beziehung zu Konrad natürlich wunderbar geworden. Konrad war von Anfang an „mein“ Pferd. Während Konrad und ich zusammengewachsen sind, habe ich mich innerlich irgendwie von Conversano distanziert. Zu groß war das Vermissen, zu vernünftig die Einsicht, dass ich mich da irgendwie lösen müsse.

Conversano hat diese Veränderung natürlich wahrgenommen und mir gespiegelt. Dass Jossy mein Bedürfnis, mich bei Conversano dafür zu entschuldigen so klar spüren konnte war wohl ein Gänsehautmoment für alle Beteiligten.

Ich bin immer wieder überrascht wie tief Pferde in unsere Seelen blicken können. Unsere „true colors“ bleiben ihnen nicht verborgen und dessen müssen wir uns bewusst werden.

Conversano hat sich, nachdem ich meine Botschaft „an den Lipizzaner“ brachte mir sehr offen zugewandt. Ich bin am Boden gesessen und er hat mir sanft die Stirn mit seiner Oberlippe gekrault. Conversano halt. So wie ich ihn kenne. So wie wir das sonst auch immer machen.

Natürlich ist es nicht immer möglich, auf die Frage „Wie geht es Ihnen“, mit der ungefärbten Wahrheit zu antworten. Konventionen und Regeln machen es unmöglich immer unser wahres Ich zu zeigen – und nicht immer wäre das auch von Vorteil. Wir können es aber auch mal genießen, dass wir unseren Pferden unsere „true colors“ ungeschminkt zeigen dürfen.

Ich habe insgesamt drei Tage mit Jossy verbracht, habe unterschiedliche Unterrichtseinheiten beobachtet, viel diskutiert über die Pferdewirbelsäule und Schwungrichtungen. Wieder einmal wurde mir klar, wie dankbar ich bin, ein so vielfältiges Trainernetzwerk um mich zu wissen.

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PS:  Am 2. und 3. Juni kommt Bent Branderup zu uns nach Graz auf den Sonnenhof, dann widmen wir uns dem Thema der „Parade“:

Ich nehme an, viele Reiter haben im Laufe ihrer Ausbildung ähnliches erlebt. Der Reitlehrer überwacht den Unterricht, gibt ein paar Anweisungen, darunter: „Gib ihm doch eine halbe Parade“. Irgendwann war klar, dass mit einer ganzen Parade „Anhalten“ gemeint war. Aber die feine Nuance von Paraden. Das Gefühl, irgendwie am Zügel zu ziehen und der Reitlehrer bestätigt diese Vorgehensweise, obwohl man nicht deutlich fühlen konnte, was man denn jetzt richtig gemacht hat?
Das andere Extrem:

In den letzten Jahren ist die Schulparade regelrecht „en vogue“ geworden. Ist eine Parade ein Kunststück? Ein Zirkustrick? Kurz gesagt: Nein.

Eine Parade bedeutet vor allem Kommunikation. Eine perfekt durchgeführte Parade ist, wenn der Reiter keinen Widerstand mehr in der Hand spürt und das Pferd die Parade durch den gesamten Körper gelassen hat – es ist in Balance, durchlässig und losgelassen. Eine Parade ist – das perfekte Gefühl von Nichts.

Bent Branderup wird uns die biomechanischen Zusammenhänge erklären, warum es 1/16, 1/8, 1/4 Paraden neben den bekannten halben und ganzen Paraden gibt und wie wir uns den Weg zur Schulparade erschließen.

Ich würde mich sehr freuen, wenn wir gemeinsam das Mysterium der Parade am Kurs erschließen – alle Infos rund um die Kursanmeldung gibt es hier

Klebstoff, Lucia und die Sache mit dem Wurm

Klebstoff, Lucia und die Sache mit dem Wurm

Eigentlich wollte ich ja in Gotland ein wenig “relaxen”. Wir hatten durchaus eine beschauliche Zeit auf Ekeskogs bei Hanna Engström.

Aber in Punkto Sitz haben wir uns die Weihnachtspause redlich verdient. Gerade Hannas Youngster “Flamenco” hat mir viele Dinge gezeigt, die ich so auf meinen Damen noch nicht erlebt habe (Sorry, Ladies, aber der kleine Portugiese hat eben ein ganz anderes Bewegungskonzept als meine beiden Warmblutstuten).

Er hat mir durch seine extreme Beweglichkeit gezeigt, was es wirklich heißen kann, den Sitz im Sattel auszukleiden (Hanna sprach von Klebstoff, ich hab mich passend zu Weihnachten als Keksteig auf dem Sattel ausgebreitet) und das Pferd darum zu bitten, niemals den Schwerpunkt unter dem Reiter zu verlieren. Dies war schon eine schwierige Aufgabe im Schritt auf dem Zirkel, denn Hannas Anweisungen kamen quasi im Stakkato.
Ruhe und Beschauligkeit, von wegen? Es wurde rasant zwischen Richtungswechseln, Seitengängen, Zirkel verkleinern und vergrößern, Haltparade, Bewegung auf der Stelle und zack in den Galopp.

Flamenco machte mir diese Aufgabe sehr einfach, PRE Hengst Indio war hier das krasse Gegenteil. Hier hat mir Hanna in dieser Woche zwei ganz unterschiedliche Lehrmeister zur Verfügung gestellt, die nicht nur den physischen Aspekt des Reitens spannend machten, sondern auch die Pädagogik in den Vordergrund stellten.
Jedes Pferd ist individuell: Auch die Art und Weise, wie man ein Pferd um eine Aufgabe bittet, unterscheidet sich doch ganz wesentlich.

Santa Lucia

Am Mittwoch lud uns Hanna zu einem leckeren Frühstück ein. In Schweden findet am 13. Dezember “Santa Lucia” statt. Dabei handelt es sich um ein einen Brauch, der vor allem in Schweden, sowie in Dänemark, Norwegen und Teilen Finnlands verbreitet ist. Das Fest fällt auf den Gedenktag der heiligen Lucia, die das Licht in die dunkle Jahreszeit bringen soll. Hanna hat uns auch ein traditionelles Safrangebäck (lussekatter) gebacken.

Neben selbstgemachtem Gebäck gab es also ordentlich Kerzenschein, um die Dunkelheit zu vertreiben. An diesem Tag hat es geholfen, denn es war leider unser einziger sonniger Tag auf Gotland in dieser Dezemberwoche.

Sonnig waren auch die Gemüter beim Singen. Schließlich gibt es genügend bekannte Weihnachtslieder, die man gemeinsam auf deutsch, englisch, finnisch und schwedisch singen kann. 🙂

Danach ließ Hanna in einer ausführlichen Theorieeinheit den Schwerpunkt aus dem Reiterbauch heraus eher in die Reiterhüfte wandern. Der Schwerpunkt sinkt also noch tiefer in das Pferd, der Oberkörper bleibt stabil und zwischen den Oberschenkeln wird das Pferd bewegt. Sehr anschaulich konnten wir selbst bei Drehungen aus dem Oberkörper spüren, was mit unserem Steißbein passiert, wo sich quasi der “Schweif” im Reiter hinwendet, wenn wir uns aus dem Oberkörper, oder aus der Hüfte heraus in eine Richtung drehen, dann die Bewegung in ein Kruppeherein oder in ein Schulterherein steigern oder geraderichten. Diese Übungen machten sehr deutlich, warum der Reiter in der Versammlung im Kruppeherein mehr in Richtung innerer Hüfte des Pferdes sitzen sollte und im Schulterherein den Schwerpunkt in Richtung Schweif mitnimmt.

In der Praxis wurden wir ebenso kreativ. Auf Mona, Indio und Flamenco ritt ich dann im Schritt nicht nur Schritt, sondern auch Trab und Galopp. Richtig gehört, man kann im Schritt über alle Gangarten nachdenken und diese auch reiten, ohne dass das Pferd schneller oder im Takt unsauber wird. Im Gegenteil.

Ohne uns abzusprechen, “ritt” ich also alle Gangarten auf dem Zirkel im Schritt – Hanna lag jedesmal richtig und erkannte die jeweilige Gangart.

Letztendlich haben wir auch an der Achtsamkeit für Handwechsel im Schritt gefeilt, um mein Timing für die fliegenden Wechsel zu verbessern. Mona war mit mir offenkundig sehr zufrieden. Die gemeinsame Arbeit wurde stets mit einem ordentlichen “Brummelwiehern” belohnt.

Die Sache mit dem Wurm

Donnerstag Morgen ging es auf den Boden der Tatsachen. Wir verwandelten uns in Würmer und versuchten uns am Boden zu bewegen. Diese Übung kannte ich bereits aus dem Vorjahr. Es war aber auch heuer wieder wunderbar einfach schwer und unbeweglich sein zu dürfen. Zu akzeptieren, dass es mal einfach nicht hektisch und geschäftig sein muss. Ich habe hier einmal mehr wahrgenommen, dass ich ebenso zwischen Kursen, Unterrichtstouren, Buchprojekten und “daily business” ein “Wurmdasein” gut gebrauchen kann, um mich zu erden und einfach mal “liegen zu bleiben”.

Wie man seinen Hintern aber wieder in die Gänge bekommt – das zeigten mir Hanna und Indio, der an diesem verregneten, kalten Tag wohl auch lieber einen faulen Lenz vorgezogen hätte. Wir beide waren sehr “würmelig” unterwegs, Hanna heizte uns jedoch mit Galopp-Halt-Galopp Übergängen ordentlich ein.

Donnerstag Abend haben wir gemeinsam mit Hanna in Visby bei einem wunderbaren Dinner verbracht und auf unsere “Erfolge” angestoßen. Ich denke, all unsere Wünsche wurden mehr als erfüllt. Ich konnte feststellen, dass ich einige Schmerzen in meiner Wirbelsäule als unnötigen Ballast bereits vor einem Jahr in Visby gelassen hatte. Klar, immer wieder gibt es mal wo Verspannungen, die Rückenschmerzen vom Vorjahr waren jedenfalls kein Thema mehr, umso eifriger konnten wir uns in eine Vielzahl von Themen vertiefen. Ich freue mich auch riesig für Andrea, Najat und Viktoria, die in dieser Woche unheimlich viel mitnehmen konnten.

Ein riesiges Dankeschön an Hanna Engström und ihr Team von Ekeskogs! Ich freue mich vor allem sehr, dass wir gemeinsam Santa Lucia und die Buchpremiere der “Akademischen Reitkunst – Horsemanship/ Beziehungspflege” feiern konnten.

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PS: Nächstes Jahr geht es sicher wieder nach Gotland – wer meine Reiseberichte von 2016 noch nachlesen möchte:

Teil 1: Eat-pray-ride

Teil 2: Magic Movements

Hanna gibt es auch zum Nachhören im Podcast

Wenn einer eine Reise tut…..

Wenn einer eine Reise tut…..

Dann tut er sie nicht alleine. Und zum Glück kommen auch alle an. Von verlorenen Gepäckstücken, die zum Sinnbild für das Abwerfen von unnötigem Ballast wurden, Würmern und Pferden.

Der lange weg nach Gotland

Sonntag, 10. Dezember 2017. 4 Uhr früh morgens. Es geht los. Ich bin überaus froh, dass ich direkt von Graz aus aufbrechen kann nach Gotland. Aber von Anfang an ist da irgendwie der Wurm drin. Ein Wurm für den ich ein paar Tage später wieder mehr Verständnis entwickeln werde. Dazu aber später. Während wir in Graz verspätet abheben (“Etwas am Flieger ist kaputt, aber wir haben einen Techniker hier”), begeben sich in Zürich meine liebe Schülerin Najat und in Wien meine lieben Schülerinnen Andrea und Viktoria ebenso auf die Reise. Wenn also einer nach Gotland geht, dann eben nicht alleine.

In Frankfurt habe ich einen etwas längeren Aufenthalt und plane nun mal so richtig durch zu schnaufen. Gönne mir einen riesigen Cafe Latte. Werde ich später bereuen, aber nun ja. Wir haben ein pünktliches Boarding, gleichzeitig beginnt es aber sehr stark zu schneien. Innerhalb weniger Minuten ist alles rund um den Flieger weiß und wir müssen den Flieger nochmal enteisen. In der Zwischenzeit erlebe ich eine Weihnachtsquadrille der anderen Art. Ein Haufen Schneepflüge steht in wunderbarer Formation bereit, aber es tut sich nichts. Mittlerweile hätten wir seit über einer Stunde in der Luft sein müssen.

Nun ja, wer mich kennt weiß: ich bin sehr organisiert, ich kann sehr schlecht stillsitzen und der große Cafe Latte macht die Sache nicht besser. Irgendwie schaffen wir es dann aber doch weiter nach Stockholm. Dort wartet schon Najat, wir beide müssen den späteren Flieger nach Gotland nehmen. Aber immerhin: An dem Tag wurden in Frankfurt 300 Flüge gestrichen, ich bin eine der wenigen, die Glück hatte und noch raus kam.

Irgendwann um Mitternacht nach einer spannend rutschigen Taxifahrt im verschneiten Gotland kommen wir dann an. Ich bin “mehr als durch” und das mit dem Abschalten hat nicht ganz geklappt.

Warum ich nicht gleich in Medias Res in Punkto Reiten gehe? Auch die Erlebnisse auf der Reise gehören dazu. Die Erwartungshaltung war: Ich entspanne mich ab Frankfurt, treffe die Mädels in Stockholm und freue mich auf ein Wiedersehen in Visby mit Hanna Engström. Erwartungshaltungen spielen uns auch im Zusammensein mit unseren Pferden diverse Streiche und letztendlich stellen uns solche Ereignisse vor spannende Aufgaben.

Ich gebe zu, Najat aus der Schweiz hat in einer stoischen Ruhe die Tatsache gemeistert, dass sie verspätet und ohne Koffer in Visby angekommen ist. Ein Hoch auf Najat, die dafür dann auch in den kommenden Tagen sehr reich belohnt wurde.

Diverse Wünsche?

Hanna hatte die Woche mit uns sehr gut strukturiert und geplant. Bereits im Vorfeld wurden die Wünsche aller Weekstudents besprochen und demnach ein kleiner Plan erstellt. Im Vorjahr hatte ich mich besonders über Hannas “bodywork” gefreut. Nach einer Woche auf Gotland kam ich ohne Rückenschmerzen zurück nach Hause und war selig. Die Vorfreude auf Bewegung und Achtsamkeit in den eigenen Körper war somit groß.

Und schon wieder eine Überraschung: Nach einer ersten Analyse auf dem Pferd, “befundete” mich Hanna für schmerzfrei. Klar gibt es mal wo Verspannungen, aber meinen großen Schmerzrucksack habe ich tatsächlich von mir geworfen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass ich meine Achtsamkeit auf dem Pferd getrost ausschalten konnte – im Gegenteil – jetzt wurde so richtig gearbeitet, jedoch stets vom Sattel aus.

Mona, Flamenco und Indio

Hannas Pferde sind quasi Lügendetektoren. Jedes Pferde-Reiterpaar hat natürlich “altbekannte” Muster und Gewohnheiten.

“Mein Pferd will nicht wenden”, “Mein Pferd hat wenig Energie”, oder: “Mein Pferd lässt mich nicht Sitzen”….

…das Problem sitzt halt immer im Sattel. Und so legen Hannas Vierbeiner auf Ekeskogs ganz genau den Huf in die Reiterwunde und machen unmissverständlich klar:

“Wenn du so sitzt, dann kann ich nicht wenden, …dann habe ich keine Energie, ….oder ich kann dich als Reiter einfach so nicht sitzen lassen”.

Pferde sind jedoch wunderbare Pädagogen, sie sind ehrlich, schonungslos, wenn etwas richtig läuft, dann geben sie aber auch unmittelbar ein brummelndes Feedback. Hannas Pferde im Dialog mit der “Chefpädagogin” sind schon alleine eine Reise wert und laden mit Sicherheit dazu ein, auch zu Hause etwas öfter auf den eigenen vierbeinigen Pädagogen zu hören.

Für uns als Weekstudents ist es natürlich herrlich, sich ganz auf sich selbst und den Sitz fokussieren zu können. Das Feedback der Pferde ist sofort da, sie atmen mit uns gemeinsam tief aus, schnauben ab, brummeln und wiehern leise, wenn sie mit ihren Reitern zufrieden sind. Es lohnt sich sicherlich, diese Anzeichen zu “kultivieren”, sie achtsamer und bewusster wahrzunehmen – nämlich als unmittelbares Feedback an uns Reiter.

Meine drei vierbeinigen “Reisebegleiter” in dieser Woche waren Stute Mona, Alter Real Flamenco und Hannas PRE Indio.

Mit Mona hat mich Hanna zum Gehirnjogging eingeladen: Wenn sich das innere Pferdebein nach vorne bewegt, dann senkt sich die innere Hüfte des Pferdes ab. Der Brustkorb rotiert in diesem Moment nach innen-unten, die äußere Oberlinie dehnt und hebt sich. Soweit der Pferdekörper, bei dem sich der Schwung aus der Hinterhand im Idealfall auch in der Tätigkeit der Vorhand widerspiegelt.

Soweit so gut, aber wie sieht die Sache beim Reiter aus? Wie sehr müssen wir beispielsweise im Oberkörper rotieren? Reicht es schon aus, in der eigenen Hüfte die korrekte Rotation zu finden? Wie überall im Leben macht die Dosis das Gift: und so führt eine übertriebene Rotation aus der Schulter heraus dazu, dass der Reiter im Oberkörper zu sehr kippt und dann stark nach einer Seite lehnt. Dieses unbeabsichtigte Lehnen wirkt sich natürlich auch auf das Pferd aus (meist nicht unbedingt zum Positiven), was die Reiterhand wiederum korrigieren möchte (sich dabei aber natürlich relativ schwer tut).

Ich hatte alle Zeit der Welt in den ersten Einheiten meine Verbindung zur Wirbelsäule des Pferdes zu spüren und natürlich auch die Bewegung in der eigenen Wirbelsäule achtsam vom Steißbein bis zum Nacken wahrzunehmen. Dabei haben wir uns auch auf die Bewegung des Kopfes konzentriert, wobei das Anziehen und Loslassen des Kinns auch helfen kann, die eigene Rumpfspannung zu verbessern.

Am Nachmittag lernte ich dann “Flamenco” kennen und verliebte mich dann sofort. Klein, freundlich und sehr beweglich. Flamenco wurde in dieser Woche eigentlich zu meinem wichtigsten Lehrmeister.

Mehr darüber gibt es nächste Woche im zweiten Teil meines Reiseberichts…

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