Das war PferNETZT 2019

Das war PferNETZT 2019

Zum zweiten Mal ging „Pfernetzt“ in Fulda über die Bühne. Austausch, Vernetzung und Wiedersehensfreude – eine Rückschau. 

Das Programm

Eine geballte Ladung Wissen und Austausch erwartete auch heuer die Pfernetzt Besucher an der „Fohlenweide“ in Fulda. Ich habe mich sehr auf diese tolle Location gefreut, aber natürlich war auch die Wiedersehensfreude groß. 

Organisiert wurde der Event auch heuer von einer Reihe engagierter Damen. Da ist Petra von der Pferdeflüsterei, Tanja von Tash Horse Experience, Christina von Herzenspferd oder Miri von Mein Faible – alles tolle Frauen mit tollen Projekten. 

Los ging es gleich mal mit einem Aufwärmtraining für Reiter. Das Team von „Functional Training für Reiter“ sorgte dafür, dass Po und Oberschenkelmuskel schon mal kräftig arbeiten mussten. Ausruhen auf dem Allerwertesten? Nein danke, und ich denke dem Gros der Zuschauer ging es wie mir: Ich war heilfroh über die Bewegungsmöglichkeit. 

Beweglich ging es weiter mit Anke Recktenwald. Anke führte in ihrem Vortrag ins Centered Riding ein und gab uns viele spannende Bilder mit. Ich habe meine eigenen Bilder und Gedanken hier sehr oft wieder gefunden und das zeigt auch einmal mehr: Alle Bilder führen nach Rom – oder – zwei Reiter ein Gedanke. Mit viel Humor führte Anke auch praktisch durch den inneren Bildergarten – schließlich denkt der Körper auch mit. 

In vielen praktischen Übungen suchten wir nach unserem Schwerpunkt im Stand. Anke betonte, die stützende Funktion der Knochen um mehr Bewegungsspielraum für Muskeln übrig zu haben. Viele Klassische Anweisungen führen ja zu einer festgehaltenen Position auf dem Pferd. Wir sollen still halten, dabei wäre es oft besser Bewegung zuzulassen – hierbei helfen Bilder, die Bewegung nicht verhindern. 

Gemeinsam forschten wir nach verschiedenen Bewegungsqualitäten. Schon mal als Kind „Pferd“ gespielt? Wie imitieren Kinder den Galopp und wie Erwachsene? 

Aber das waren natürlich nich die einzigen Bilder, die uns Anke zum Ausprobieren präsentierte. Die Pinocchio Nase machte Wendungen einfacher, Marionetten Pferde an den Knien gaben uns eine Vorstellung von sanfter Führung und die Schlüsselbeine zum Lächeln zu bringen – das sorgte auch für ein Lächeln im Gesicht. Bilder, die man verinnerlicht, wirken laut Anke immer optimierend auf den Bewegungsablauf. Mit jeder Wiederholung werden die Bewegungen besser durchdacht. Und ganz wichtig: Nicht immer nur das visualisieren, was man nicht will, sondern unbedingt das visualisieren, was man will! 

Mehr über Ankes Arbeit gibt es unter folgendem Link

Nach der Mittagspause gab es meinen Vortrag bzw. meine Übungseinheit über Schauspielkunst und Reiten. 

Schauspiel für Reiter

Schauspiel lässt uns tatsächlich zu besseren Reitern werden – kurz gesagt – von unserem Pferd wünschen wir uns Balance, Losgelassenheit und Durchlässigkeit. Ich habe fünf Übungen mitgebracht, die uns fürs Reiten helfen sollen besser in unsere Mitte zu finden. 

Einerseits wollen wir einem stressigen Alltag entkommen, wenn wir Zeit mit Pferden verbringen – andererseits lässt sich dieser Alltag ja auch nicht so einfach ausschalten. 

Ein Raumlauf, also das bewusste Aufnehmen des Raums, der anderen Menschen, der Luft, der eigenen Bewegung und Atmung kommen wir an. Ein paar spontane Bewegungsübungen lockern den eigenen Körper und sorgen eben – für Durchlässigkeit. Losgelassenheit kommt durch das Lachen dazu – ein Faktor der für unseren Weg als Ausbilder unserer Pferde unerlässlich ist. 

Wie ist es, wenn man nur wenig Feedback von seinem Reiter bekommt? Kann unser Pferd tatsächlich auch immer verstehen, was wir von ihm wollen? Auch diese Übung sorgte sicherlich für einige AHA-Erlebnisse. 

Innerhalb einer Stunde ein paar Schauspielübungen zu präsentieren – das ist vor allem für die Teilnehmer, die sich nicht kennen eine große Herausforderung. Die schwierigste Übung war hier sicherlich „Die Brücke“ – eine Übung, die unsere Standhaftigkeit testet und unser Durchsetzungsvermögen. Eine Komponente die für viele Reiterinnen besonders unangenehm ist – schließlich geht es ja darum, Zeit schön zu verbringen – man muss sich ja im Alltag ohnehin genug durchsetzen. Schauspielübungen erlauben uns aber in eine andere Rolle zu schlüpfen. Wir müssen nicht wir selbst sein – und wir können mit unserem Körper Gefühle und Einstellungen ausprobieren, die wir uns sonst eher weniger „umhängen“ würden. 

Und für die Praxis ebenso bewährt – manchmal muss man dem Pferd Mut zusprechen, obwohl es selbst am Mut mangelt. Auch hier lässt sich die Schauspielerei für die Reiterei gerne hilfreich kombinieren. 

Zeitgleich gab es Vorträge über die Trageerschöpfung von Karin Kattwinkel und über TTouches für Pferdeseele und Pferdekörper von Anke Recktenwald. Leider habe ich diese beiden Vorträge verpasst – beide hätte ich sehr gerne gesehen. 

Am Nachmittag habe ich mich bereits sehr auf ein Wiedersehen mit Ruth und Yvonne Katzenberger gefreut. Die zwei dynamischen Schwestern aus Bayern stellten ihr Konzept der Pferde-Ergotherapie „Pfergo“ vor.  Dieses Konzept beschäftigt sich mit den Basis-Sinnen – das heißt es spricht das taktive und vestibuläre System sowie die Propriozeption an. 

Pfergo

„Gibt es Probelme in der Wahrnehmungsverarbeitung, können sich gewisse Fähigkeiten des Pferdes, wie etwa Balance, Koordination und Durchlässigkeit nicht im notwendigen Ausmaß entwickeln“. 

Pfergo

Ein Pferdeergotherapeut erkennt, wenn Wahrnehmungsverarbeitung nicht adääquat funktioniert und fördert Pferde ganz entsprechend ihrer Sinne durch gezielte Übungen. 

Mit viel Humor und praktischen Beispielen erklärten Ruth und Yvonne die einzelnen Sinne: 

So ist das taktile System zuständig für die Wahrnehmung in der Oberflächensensiblität das umfasst die gesamte Hautoberfläche. Für die Körperwahrnehmung insgesamt eine wichtige Sache und spürbar für uns Reiter, wenn Pferde vielleicht Probleme  beim An- und Ausziehen von Decken haben oder bei der Anwendung von Fellsprays mit Abwehr reagieren. 

Das propriozeptive System ist quasi die Message Control der einzelnen Glieder und Gelenke zueinander. Steigt das Pferd auf einen Stein, gibt die Propriozeption an das Nervensystem weiter, wie sich die einzelnen Glieder zueinander verhalten müssen, um das Pferd nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Stichwort Gleichgewicht: Auch das vestibuläre System wurde unter die Lupe genommen, es ist notwendig für die Gleichgewichtswahrnehmung des Pferdes. 

Mehr über die spannende Ausbildung gibt es unter folgendem Link

Bei so viel Programm hat man die Qual der Wahl. 

So war es heuer leider nicht möglich, den Vortrag von Angelika Hutmacher zu hören. Ihr Thema: „Gesundes Vorwärts – Verstehen und Lösen von Blockaden mit Aufstellungen“ wäre sicherlich auch sehr spannend gewesen. 

Nach dem Abendessen folgte noch ein bewegender Foto-Vortrag von Simone Hage, die sich mit zwei Koniks und Hunden von Deutschland auf einen Wanderritt nach Dänemark aufgemacht hatte. 

Sonntag starteten wir mit Morgenyoga durch, neben Horse Aikido von Pettra Engeländer und Schönen Pferden bei Lisa Kittler standen noch viele weitere Themenschwerpunkte rund um Bewegung am Programm. 

Spannend war auch der Vortrag von Herdis Hiller rund um das Thema Pflanzenheilkunde für  den Bewegungsapparat. Wie Mariendistel, Brennessel, Yucca, Curcuma und Co dem Pferdekörper gut tun. Dass jede Pflanze ihre eigene Wirkweise und Dauer hat – manche Pflanzen Menschen helfen, für Katzen jedoch giftig sein können und warum man auch gewisse Pflanzen kombinieren sollte – all das rundete den sehr spannenden und sympathisch präsentierten Vortrag ab. 

Ich habe mich sehr gefreut auch heuer bei Pfernetzt dabei gewesen zu sein! 

Ein Highlight ist natürlich das Kennenlernen und der Austausch bzw. das Wiedersehen mit liebgewonnenen Kollegen. 

Es ist gut, Anfänger zu sein!

Es ist gut, Anfänger zu sein!

Womit fängt man an? 

In der letzten Theorieeinheit am Sonntag beim Seminar in Niederösterreich Ende April erklärt Bent Branderup noch einmal, warum wir nicht mit der Primärhilfe in der Ausbildung beginnen, sondern den „Umweg“ über die Sekundarhilfen auf uns nehmen müssen. 

„Wir haben heute keine Lehrpferde, die unseren Sitz schulen können. Wir müssen die Sekundarhilfe zuerst den Pferden und den Menschen vom Boden aus beibringen“. 

Bent Branderup

Für die Elite? 

Bent Branderup taucht wie immer ein, in die Geschichte der Reitkunst. Früher war die Akademische Reitkunst etwas für Eliten. Sie wurde an den höfischen Reitakademien gelegt, sie war an die Universitäten angeschlossen und die ritterlichen Reitakademien. 

Für die ritterlichen Reitakademien waren die Qualifikationen: Männlich, katholisch und adelig. Das heißt aber nicht, dass man die reiterlichen Fähigkeiten mitbrachte. Heute bin ich unterwegs und staune, welches Wissen sich viele Reiterinnen und Reiter aneignen. Im Gegensatz zu den alten Reitakademien haben wir den Vorteil, das wir nicht fertig werden müssen. 

Nicht fertig werden? 

Ein Raunen geht durchs Publikum. Hat er tatsächlich gesagt, wir müssen nicht fertig werden? 

Richtig, denn früher mussten die Pferde für einen bestimmten Zweck ausgebildet werden. Allerdings konnten sich die Könige von einst ja auch leisten, jahrelang das Pferd in Ausbildung zu geben. 

Bent erzählt nun von Aufzeichnungen aus königlichem Stallinventuren aus dem Jahr 1698, die er durchforstet hat. 

Mit 4,5 Jahren kamen die jungen Pferde ins Gestüt. Wurden dann angeritten und haben die Ausbildung begonnen. Zwischen 12 und 16 Jahren waren die Pferde in der Kür und gingen dann in den Stall des Königs über, wo sie dessen Gebrauchspferde wurden. Nach 10 Jahren im Dienste des Königs kamen die nun rund 25 Jahre alten Hengste in die Hofreitschule, wo sie den jungen Eleven den Reitersitz lehrten. Ein junges Pferd war also mindestens 6 bis 8 Jahre lang in Ausbildung, bevor es quasi in die Nutzung kam. 

Befrei dich vom Zwang

Wir müssen heute nicht fertig werden. Wir haben den Zeit und Luxus, uns im Detail verlieben zu dürfen. Wir können uns eben diese Details aneignen und die Fähigkeiten des Reiters durch die Ausbildung in den Vordergrund stellen. Gerade Pferde, die wir heute als schwierig erachten, schulen uns durch die verschiedenen Facetten der Bodenarbeit prächtig. 

Von einem etwaigen Problem in die Praxis: Ein Pferdebein, das sich in der Luft befindet, kann keinen Widerstand leisten. Daher können wir im Stehen exakt überprüfen, ob ein Pferd eine Hilfe, wie etwa eine Parade auch tatsächlich verstanden hat. Der Widerstand kann sich darin äußern, dass Spannungen im Pferdekörper vorhanden sind – mentaler und physischer Natur. Viele unserer Hilfen sind natürlich darauf bedacht, überhaupt keinen Widerstand zu haben. 

„Wenn das Pferd steht, dann zeigt sich ob das Pferd die Hilfe tatsächlich verSTEHT“. 

Bent Branderup

Diese detailverliebte Arbeit wird von Vorteil, wenn der Reiter viel über Hilfengebung und Sitz lernen kann. In der Bewegung kommt dann noch Schwung dazu. Im Stand entwickeln wir Reiter jedoch ein präzises Gefühl für die Gewichtsverteilung auf den vier Pferdebeinen. Gleichmässig? Immer zu einer Seite hin verschoben? Kann das Pferd ein Hinterbein etwa gar nicht belasten und weicht mit der Hinterhand aus? Somit lässt sich laut Bent Branderup schon im Stand überprüfen, ob das innere Hinterbein später im Galopp zum Tragen kommen wird – oder eben nicht. 

Die Luxus-Longe

Bent erzählt von seiner eigenen Ausbildung. Bei den verschiedensten Lehrmeistern oft Tage- oder Wochenlang an der Longe zu reiten war Luxus, allerdings ist das heute auch ein nicht leistbarer Luxus. Denn wer hat heute noch eine Hofreitschule? 

„Früher schon kostete es ein Vermögen, geschulte Reiter auszubilden. An den Reitakademien bekamen die Professoren für Reitkunst übrigens die höchsten Gehälter. An der Uni Göttingen verdiente ein Reitkunst Professor das doppelte und in Dresden das Fünfache im Vergleich zu einem Professor für Architektur.“

Bent Branderup

Wir müssen heute also andere Wege finden, um Reiter auszubilden. Und eine Möglichkeit, die Bent hier nennt, ist sich selbst zu longieren.  

Bent Branderup erklärt, dass die akribische Ausbildung auf dem Zirkel vor allem für den Reiter dienlich ist. Dieser kann sich auf viele Details im eigenen Körper konzentrieren. Wir können uns an der Longe vorstellen, wie es sich anfühlen müsste. So können wir langfristig unser Gefühl dahingehend schulen, um später zu beurteilen, was etwas der bessere und was der schlechtere Schritt war. Wie hat sich die Gangart angefühlt? 

Das Richtige muss verstanden werden gegenüber dem Falschen. Oder das Bessere gegenüber dem nicht ganz so Guten. Wie fühlt sich das an und wie sieht es aus? Was man zuerst in der Bodenarbeit sehen kann, nimmt man später durch die ausführliche Schulung des Gefühls mit in den Sattel. 

So nehmen wir eine laterale Verschiebung oder eine diagonale Verschiebung im Schritt unter uns war. Bei der lateralen Verschiebung bewegt sich das Pferd passartig, bei der diagonalen Verschiebung eher in Richtung Schulschritt. 

Ein einmal geschultes Gefühl bleibt dem „Sitz“ haften. 

So erzählt Bent Branderup von seiner Zeit auf Island und den unterschiedlichsten Tölt-Kulturen, denen er später begegnete. 

„Ich habe ein Jahr lang auf Island mit Pferden gearbeitet. Wir haben Pferde oder auch Schafe getrieben. Daher kann ich heute den Islandpferdereitern sagen, wenn man mit dieser Reitweise keine Schafe mehr treiben kann, dann habt ihr eure Kultur verloren. Wenn man Tölt nicht mehr im schwierigen Gelände reiten kann, dann bin ich uneinig wenn man heutige Töltinterpretationen nur mehr auf festgebügeltem Boden reiten kann. 

Wir haben verschiedene Interpretationen. Tölt hat man in der Südamerikanischen Tradition sicherlich anders definiert als in der Isländischen. Und genau so ist es mit anderen Dingen. Die großen Meister der Akademischen Reitkunst waren auch Vorbild für die HDV12. Aber man muss wissen, dass Steinbrecht nie ein Gebrauchspferd ausgebildet hatte. Steinbrecht hat Zirkuspferde ausgebildet. Um ein solches Pferd zu erwerben, musste man sich erstmal bewerben – und das taten die Leute sogar aus den USA“. 

Bent Branderup

Bent Branderup zeigt den Weg von Gustav Steinbrecht. Dieser war Schüler von Luis Seeger und dieser wiederum Schüler von Max Ritter von Weyrother, seines Zeichens Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule in Wien. 

Als dann später die HDV12 entwickelt wurde, kamen die besten Reiter ihrer Zeit zusammen und haben eine Reitweise „gebastelt“, die eine Anleitung bieten sollte, wie man so rasch wie möglich ein gutes Gebrauchspferd ausbildet. Allerdings war das Problem: 

Minimalismus

Minimalismus ist ein Privileg der Meister. Warum das so schwierig ist, erklärt Bent Branderup am Beispiel von Stellung und Biegung. 

Der Anfänger muss zu Beginn etwas übertreiben, damit man überhaupt sehen kann, ob das gewünschte Ergebnis da ist. Eine ganz leichte Stellung und Biegung ist schwieriger wahr zu nehmen. Man kann zu Beginn in der Übertreibung leichter sehen, ob das Genick im Konter zur Schulter steht, oder der Hals an den verschiedensten Stellen verbogen ist. Zunehmend entdeckt der Reitschüler dann, was übertrieben war und wo man reduzieren kann. Das gilt für viele Dinge. 

Zuerst müssen wir wahrnehmen können. Seitwärts ist auch nicht unbedingt gleichzusetzen mit guter Qualität von Seitwärts. Dafür brauchen wir aber auch eine Grundidee von Biomechanik aus der Theorie. Diese ist die Basis, um zu verstehen, was unser Pferd so besonders macht. Hat das Pferd Probleme mit den Knien? Hat es Probleme in den Sprunggelenken? Bewegen sich die Hüftgelenke in eine falsche Richtung? Gibt es gar Probleme im Rücken. 

Zuerst steht also immer die Analyse und dann einen Inhalt für unser Pferd. Wir müssen unserer Reise damit beginnen, was das Pferd kann. Wenn wir also zu Beginn sehr ruhig reiten, dann haben wir Zeit zu spüren und setzen das Pferd nicht starken Kräften der Beschleunigung und Entschleunigung aus. Wir erinnern uns an dieser Stelle an den ersten Theorieteil und die Probleme im Bereich des Schultergürtels. Wer mag kann nochmal hier nachlesen. 

Wir reiten zum Schutz unserer Pferde ruhig – später können wir mehr Energie hinzufügen. 

Jeder fängt als Anfänger an – aber nicht auf Facebook

Bent kritisiert die Unkultur in sozialen Medien, alles anzugreifen, was nicht perfekt ist. Das macht doch das Anfänger Dasein umöglich. Dabei kann der Anfänger doch noch gar nicht perfekt sein. 

Also nehmen wir uns die Ruhe, um unser Pferd zu analysieren. Wie fußen die Hufe auf? Was ist für die Gelenke gesund, was ungesund. Wenn das Pferd für uns nicht bequem ist zu sitzen, dann ist es für sich selbst nicht bequem. 

„Wir sind für dei Kunst zweckbefreit, aber leider auch zweckentfremdet. Deswegen reiten wir Lektionen nicht, damit das Pferd darin besser wird, sondern es ist wichtig, es ist wichtig, jede Lektion in ihrem Nutzen für das Pferd zu definieren. Nicht die Lektion muss besser werden, sondern das Pferd, dann war es richtig“

Bent Branderup

Schau in den Spiegel

„Wird eine Lektion nur dafür verwendet, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mal mögen? Menschen verwenden das Geld, das sie nicht haben, um Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen, um damit Leuten zu imponieren, die sie nicht mal mögen. Wenn wir so reiten, dann muss man sich zwangsläufig fragen, warum wir überhaupt Pferde haben. Menschen spiegeln sich in den Augen von anderen Menschen. Klar hat man eine Freude daran, anderen zu imponieren. Das ist ziemlich menschlich. Daher mögen wir auch ein Pferd, das uns besonders gut aussehen lässt. Aber dann sollten wir uns fragen, was ist Verliebtheit? Wir reiten ja unseretwegen, wegen der guten Zeit mit dem Pferd“. 

Bent Branderup

Übung macht den Meister

Wenn wir üben, dann werden wir auch Fehler begehen. Das macht nichts, solange wir die Fehler erkennen und an ihnen wachsen. Wenn man in sozialen Medien andere Reiter ausrichtet, dann kann man sich dadurch besser fühlen – man wird davon aber nicht besser. 

Selbsterkenntnis ist die Grundvoraussetzung, um weiter zu kommen. Auf dem Weg zur Reitkunst muss man daher immer wieder die eigne Ist Situation von Mensch und Pferd analysieren. Was kann man gut, was kann man weniger gut? Wo gibt es Probleme? Woran kann man wachsen? Daraus definieren sich die Inhalte der Ausbildung für PFerd und Mensch. 

Die Sache mit dem Jonglieren

Wer Jonglieren will, fängt auch nicht mit vielen Bällen gleichzeitig an. So ähnlich ist es auch mit der Sekundären Hilfengebung. Wir lernen ein Set an Hilfengebung, aber wir müssen eine Hilfe nach der anderen hinzufügen und uns immer wieder fragen: Bringt diese Hilfe gerade etwas? Wer schon mal unterscheiden kann zwischen den Hilfen von Unterschenkel, Oberschenkel, der Einwirkung von Hand und Zügel, den Gewichtshilfen, dem physischen und statischen Sitz, der hat schon ziemlich viele Bälle in der Luft. 

Die gute Nachricht

Nicht Talent ist ausschlaggebend, sondern Leidenschaft. Wer mit Passion dabei ist, dem wird beim Üben nicht langweilig. Und man darf nicht vergessen – wir müssen nicht reiten – wir dürfen. 

Unter den wachsamen Augen von Bent Branderup reiten wieder 8 Reiterpaare in Graz, am 29. und 30. Juni 2019, wenn wir uns bei diesem Themenseminar dem Sitz widmen werden. Viele verschiedene Pferderassen und unterschiedliche Themen in der Ausbildung sind vertreten. Zur Vorstellung der Reiter auf Facebook geht es hier..

Neugierig geworden? Dann teile mit uns deine Leidenschaft und sichere dir unter diesem Link die letzten Zuschauerplätze! 

Miteinander tanzen

Miteinander tanzen

Wie verbessern wir das Miteinander von Mensch und Pferd?
Wie schaffen wir einen gemeinsamen Tanz?

Beim Seminar mit Bent Branderup Ende April ging es um Sekundäre Hilfengebung. Kursbericht Teil 2 heute in meinem Blog:

Wir müssen Biomechanik immer im Verhältnis zum Reitersitz verstehen und begreifen. Anders gesagt: Der Sitz funktioniert erst dann, wenn die Hinterbeine unter den Bauch des Pferdes, genauer unter den Reiter fußen. Wenn die Schwerpunkte übereinstimmen zwischen Pferd und Mensch/ oder Sitz. 

Was Tanz und Reitkunst vereint

Für den Reiter bedeutet das, er muss zum perfekten Tanzpartner werden. ER muss in seinem Körper all das kommunizieren, was er vom Pferd gerne möchte. 

„Der Herr schlägt vor, die Dame interpretiert. Was man im Sitz macht, das muss das Pferd spiegeln. Das geht aber nur, wenn das Hinterbein sich in der richtigen Position befindet. Schon Xenophon wies den Reiter an, einfach so zu tun, als ob man mit den eigenen Füßen liefe“. 

Bent Branderup


Schwerpunktverlagerungein in einem Lebewesen sind so kompliziert, gibt Bent Branderup in seinem zweiten Theorievortrag an, dass kein moderner Computer diese Verlagerungen mitberechnen kann.

Von Elchen, Forschung und Schwerpunkt

Stichwort Elchtest – ein Auto bewegt sich im Vergleich zu einem Lebewesen weit weniger komplex. Der Zaubertrick der lebendigen Bewegung ist möglich durch ein Organ im Ohr, das effektiver arbeitet als ein moderner Rechner.

„Die Uni Stockholm hat jedes Pferdebein in einer Studie auf die Waage gestellt. Später kamen dann Hufschuhe mit einer Druckmatte. Ziel war es, die Schwerpunktverlagerungen messbar zu machen. Moderne Warmblüter wurden dann anpiaffiert – und die Ergebnisse waren bahnbrechend. Bis zu 80 Prozent der Tiere kamen auf die Vorhand. Kann man daraus tatsächlich den Rückschluss ziehen, Versammlung mache das Pferd schwerer auf der Vorhand? Spätestens in der Levade musste diese Hypothese jedoch widerlegt werden. Sind moderne Warmblüter überhaupt dafür geeignet, eine These von Gueriniere anzuwenden? Wenn ich in meinem Garten ein Loch grabe und keinen Wikingerhelm finde – habe ich dann tatsächlich den Beweis erbarcht, dass es die Wikinger gar nicht gab? Jede Antwort führt uns zur Möglichkeit weitere Fragen zu stellen. Daher gehe ich lieber von den Alten Meistern aus – sie haben tausende Jahre an Erfahrungen“. 

Bent Branderup

Was kümmert es die Hummel?

An dieser Stelle erinnert Bent Branderup an die Geschichte von der Hummel: Wissenschaftlich gesehen könnte die Hummel ja gar nicht fliegen. Glücklicherweise hat sich die Hummel nicht um eine solche Ansicht gekümmert. 

Für uns Reiter bedeutet das im Umkehrschluss vielleicht auch, nicht jede Aussage für uns für bare Münze zu nehmen. So mancher Ratschlag hat uns eher gebremst als beflügelt
Die Hummel flog also weiter, bis die Wissenschaft entdeckte, warum sie doch fliegen kann – sie macht übrigens eine Extradrehung für extra Auftrieb. 
Bent Branderup bezieht sich aber gerne auf erprobte Ratschläge – beispielsweise von Antoine de Pluvinel oder noch älter- Xenophon

Konkret interessieren uns an diesem Punkt der Theorieeinheit noch immer die Schwerpunktverlagerungen (wir erinnern uns: Reitkunst ist zwei Schwerpunkte zusammen zu bringen). In dem gemeinsamen Tanz soll das Pferd der Schwerpunktverlagerung des Menschen folgen. Nimmt er den Schwerpunkt in seinem Sitz also eher nach vorne, dann soll auch das Pferd im Idealfall so reagieren und auch mit seinen Hinterbeinen weiter nach vorne kommen.

Die Sache mit der Physik

Hier wird es spannend: Wie weit kann der Hinterfuß nach vorne mit schwingen, ohne dass das Pferd auf die Vorhand fällt? 
Als Ausbilder unserer Pferde wollen wir diese Fähigkeit bereits in der Bodenarbeit schulen – dabei geht es aber nicht nur ums Pferd, schließlich müssen wir sehen lernen. Es gibt verschiedene Richtungen, in die wir den Schwerpunkt verlagern können – und somit schlagen wir das nächste Kapitel der Theoriestunde auf: 

Die Seitengänge – oder anders gesagt: Balance

„Wenn man von Physika ausgeht und nicht von der Reitkunst, dann sprechen wir von Gleichgewicht. Die meisten Reiter haben das mit Newton aber nicht so ganz drauf.“

Bent Branderup

Wir berühren das Pferd physisch – wenn wir also auf dem Pferd sitzen, dann sind wir permanent da – wir können unsere Hilfe also oft nicht so leicht aufgeben. Und dann kommen noch die verschiedenen Schwingungen dazu. 
An dieser Stelle fragt Bent gerne in der Theorie ob denn Isländerreiter im Auditorium anwesend sind. Und verblüffend: Wenn er diese Reiter um ihr Sitzbild in Tölt oder Trab bittet, dann kann er ohne Pferd die Qualität der Gangmechanik des jeweiligen Pferdes entlarven. Mal ein guter Tölt, mal ein Scheinepass. 

„Wie sieht das Schwungbild aus und wie wird es übertragen – das ist die dritte Haupthilfe aus dem Sitz.“

Die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd überprüft der dänische Ausbilder am liebsten im Stehen in der Arbeit mit der Parade. Das Pferd soll sich im Stehen vorwärts abwärts strecken und den Sitz des Reiters spiegeln. Der Schwerpunkt muss sich aber auch mehr in Richtung der Hinterhand verlagern lassen. Aber fangen wir mit dem „Leichten“ an – und hier tröstet Bent Branderup die Zuhörer: 

„Schon Guérinière sagte, dass das Nachgeben die Schwierigste Hilfe ist. Denn das Nachgeben lässt sich nicht verstärken“. 

Wenn das Pferd die Hand sucht, dann kürzt es die Bauchlinie ab, es kommt zu einer Dehnung der Oberlinie und das Pferd fällt hoffentlich nicht auf die Schulter. Im Stehen können wir gut sehen, ob sich das Pferd in der Schultermuskulatur fest hält. Viele Pferde können sich in einem solchen Fall gut im Schulterherein (auch im Stand) lösen lassen. Für den Reiter bedeutet das, den inneren Schenkel sowie den äußeren Zügel zu benutzen. Aber der äußere Zügel darf nicht zu stark am Gebiss einwirken und die äußere Oberlinie abkürzen. Hier reist Bent noch einmal in die Vergangenheit der Reitkunst. Er erklärt im Detail, dass die Zügelhilfe wirklich auf den Lederriemen am Hals abzielt, man soll sich besser die Hilfe eines Halsrings als die Hilfe eines Zügels am Gebiss vorstellen.

Guérinière sei übrigens der einzige, der diese Hilfe so im Details erklärt. Viele andere Autoren innerhalb der Alten Meister gingen davon aus, dass ein Könner ihr Werk studierte. Dem Könner brauchte man dieses kleine Detail nicht verraten. Aus diesem Blickwinkel wäre es zudem spannend verschiedene Werke der Reitkunst zu studieren. 

Die Sache mit der Stillen Post

Weil es für viele Autoren eine Selbstverständlichkeit war, Selbstverständlichkeiten für Reiter nicht mehr zu erwähnen haben wir heute das Phänomen, dass der moderne Leser sofort mit der äußeren Hand (oftmals rückwärts) einwirkt, wenn er mit dem äußeren Zügel etwas auslösen möchte. 


Auf dem Weg zur Balance müssen wir mal die Schultern, mal die Hinterhand bewegen. „Warum reiten wir all diese Seitengänge“, fragt Louis XIII. seinen Reitmeister Pluvinel? „Damit wir gerade richten können“, lässt uns Bent heute wissen. 

Von Pluvinel geht es weiter zu den 200 Seiten von Gustav Steinbrecht. Das Gymnasium des Pferdes ist der Formgebung der Wirbelsäule gewidmet- der Frage, wie sich Schwung aus der Hinterhand zum Genick überträgt. 
Bereits am Vormittag konnten wir in der Praxis gut beobachten, wie die Reiter im Stand ihre Pferde in der Bodenarbeit formten. Nicht immer konnte man die Hinterbeine schon perfekt platzieren, um eine optimale Formgebung in der Wirbelsäule auszulösen.

Manchmal musste das innere Hinterbein quasi etwas weiter hinten stehen als das äußere Hinterbein – nur dann war es möglich, die Parade in der Bodenarbeit korrekt durch die gesamte Wirbelsäule zu schicken. Zwingt man die Hinterbeine in eine bestimmte Form, dann würde das Becken nach außen rotieren. Die Biegung wäre nicht mehr optimal. 

„Wenn wir aber weiter in die Hinterhand fühlen wollen, dann müssen wir auch die Gelenke der Hinterhand korrekt zueinander und parallel platzieren. Wir wollen das Gewicht mehr und mehr in Richtung Hinterhand verlagern. Zu Beginn werden wir das Pferd jedoch von der Körpersprache ausgelöst nach vorwärts locken, um dann im nächsten Schritt die Parade einzuleiten. Wie bringen wir dem Pferd dies bei, wenn es das physisch noch nicht kann?“


Bent Branderup ermuntert die Zuschauer zu Forschern zu werden. Das erste Ziel: Abwärts strecken. Daher also die Forschungsfrage: Kann das Pferd Gras fressen? So tief muss es sich aber nicht strecken – wir führen den Schwerpunkt zurück zu einer Grundbalance. Vielleicht kann das Pferd unsere Aufforderung aber auch mental nicht umsetzen? Immer auf das Individuum eingehen. 

„Ein Theoriebuch ist nur ein grobes Grundgerüst um das Ideal zu verstehen“. 

All diese Paraden – und wozu das Ganze? 

Bent Branderup erklärt eindringlich, warum ihm die Arbeit und Schulung der Paraden so wichtig ist. Wir können mit einem Stück Metall (Kandare) niemals die Hanken biegen. Reiter müssen verstehen, was eine Parade ist. Was ist eine Parade? Im Besten Fall ist eine Parade eine Mitteilung an das Pferd. Und nicht der Mensch führt die Parade aus, sondern das Pferd.

„Reite die Hinterfüße unter den Bauch des Pferdes und gib ihm eine Parade, so dass es die Hinterhand beugt“ – dieses Zitat von Xenophon ruft uns Bent Branderup immer und immer wieder in Erinnerung.

Diesmal fügt Bent Branderup noch einen Zusatz mit einem Augenzwinkern hinzu: „Und wenn wir diese Paraden geschafft haben, dann bekommt das Pferd die schönsten Gangarten, die man sich nur vorstellen kann“. 
Die Hand ist also nur eine Mitteilung an das Pferd. Das Pferd muss die Botschaft allerdings auch umsetzen können. Der Mensch denkt – die Hand lenkt – oder eben nicht. Der Mensch ist visuell und manuell geprägt. Wir wollen ständig mit der Hand etwas tun, aber auch die Reiterhand will erst ausgebildet werden. Sie muss in den Körper des Pferdes spüren können, um zu analysieren, wo etwaige Verspannungen liegen oder was eben aus der Hinterhand kommt – oder eben nicht. Und das Wichtigste: Die Hand muss auch aufhören können, wenn etwas erreicht wurde. 


Wenn wir das Pferd in der Bewegung arbeiten, dann lässt Bent Branderup in der Praxis prüfen, ob die Vorhand tatsächlich dort hin schwingt, wo die Pferdenase hinzeigt. Das Pferd soll zur nachgiebigen Hand hin dehnen. Für eine korrekte Dehnungshaltung brauchen wir aber eine gedehnte Oberlinie bei gleichzeitig aktivierter Bauchmuskulatur. Macht man den Hals kurz und eng, dann nimmt man dem Rücken die Tätigkeit. Das Becken muss sich bewegen können und darf nicht durch die Reiterhand ausgebremst werden. 
„Das erste, was wir also anstreben ist das Rausstrecken für ein horizontales Gleichgewicht“. 


Ob die Pferde in der ersten Einheit tatsächlich gut über den Rücken geschwungen ist, überprüft Bent Branderup dann gleich nochmal am Hallenboden. Der dänische Ausbilder wandelt durch die Halle und sucht nach Hufabdrücken. Er findet einen Abdruck im Sand und stellt sofort fest: 
„Hier haben wir ein leichtes Runterdrücken in der Zehe an der Innenwand. Da ist das Pferd nicht ganz in Balance. Aber dieser Abdruck hier, der ist gleichmässig in den Sand gedrückt. Man sieht sogar schön den Strahl. Da gehe ich davon aus, das wäre ein korrekter Hufniederschlag“. 
Das Pferd muss immer in seinen natürlichen Grundlagen gearbeitet werden. Das Pferd darf also nach seiner Ausbildung nicht schlechter laufen, konstatiert Bent Branderup: 

„Nehmen wir einen Weltmeister der Dressur und stellen wir dieses Pferd einem Mustang Hengst vor – dieser würde sich kaputt lachen, denn der Krüppel vor ihm wäre nicht mehr überlebensfähig. Nach zwei Wochen in der Wüste von Nevada wäre das Pferd tot. Solche Pferde, die wider ihrer Natur gearbeitet wurden, würden sich die Beine kaputt schlagen, wenn sie 40 Kilometer in Geröll und auf verschiedensten Boden schaffen müssten“. 

Immer wieder kommt Bent Branderup zum horizontalen Gleichgewicht in seinem Vortrag zurück. Es zieht sich wie ein roter Faden durch seinen zweiten Theorievortrag. Die Voraussetzung für einen guten Reitersitz ist auch, dass sich das Pferd im horizontalen Gleichgewicht bewegen kann. Bent spricht weiter von der zweiten Parade, wo wir immer mehr Gewicht auf die Hinterhand bringen wollen, um die Hinterhand in eine bestimmte Tätigkeit zu versetzen. 
Bent demonstriert anschaulich am eigenen Körper, wie die verschiedenen Bein-Positionen Beugung verhindern oder ermöglichen. Einmal das Bein schräg gestellt, einmal gegrätscht, einmal X-beinig – und schon kann man im Knie nicht mehr beugen. Daher ist eine gewisse Übereinstimmung zwischen der Körpermasse und den Gelenken unabdingbar. 


Folgt das Pferd der Schwerpunktverlagerung im Reiterkörper nicht, dann ist da die schon angesprochene Sekundärhilfe Reiterhand, die das Resultat verbessern soll – das geht aber nur, wenn die Pferde und auch die Reiter eine Ausbildung der Hand(habung) erfahren haben. In der zweiten Parade strebt der Reiter nach Bent Branderup nach dem Gefühl, das Pferd weiterhin schön über den Rücken zu reiten, nun trägt sich das Pferd aber selbst. Bent erklärt noch einmal anschaulich die verschiedenen Positionen, in denen wir die Sekundarhilfen schulen. Die Schenkelhilfen können wir aus der Bodenarbeitsposition vor dem Pferd, aus der Handarbeitsposition neben den Schultern des Pferdes, aus der Longenposition mit Distanz, aus der Langzügelposition und aus dem Crossover heraus, der alle Positionen vereint schulen.

So kann der innere Schenkel, sekundiert durch die Gerte das innere Hinterbein vermehrt zum Schwerpunkt holen, bis wir ein Schulterherein in der jeweiligen Position abfragen oder auch ein Kruppeherein, wenn die Gerte in Richtung der äußeren Hüfte des Pferdes zeigt. Vor dem Pferd spürt die Hand ganz anders, als neben dem Pferd, hinter dem Pferd oder mit zunehmender Distanz und natürlich macht es auch einen Unterschied, ob wir an der Longe arbeiten oder vierzügelig mit einer Hand über dem Widerrist des Pferdes. 

Dann erklärt Bent Branderup noch die einzelnen Touchierpunkte. Manchmal braucht man den Punkt nahe am Hüftgelenk um eben dieses zum vermehrten Beugen zu aktivieren. In der Bewegung kann man das steife Knie ebenso berühren – wenn die Hufe schleppen, dann wandert die Gerte am Pferdebein nach unten und fordert das Sprunggelenk auf, etwas mehr zu beugen. Das Sprunggelenk ist in seiner Tätigkeit an das Knie gekoppelt – man kann keine Sprunggelenkstätigkeit abfragen, ohne das Knie mit zu aktivieren. Das hat also oft einen positiven Effekt auf beide Gelenke. 
Bei aller Blickschulung in Richtung der Hinterhandgelenke gibt Bent Branderup aber noch einen Hinweis: Unterhalb des Knies sind relativ wenige Muskeln. An den Muskeln kann man innerhalb von Monaten an Verbesserungen arbeiten – allerdings sind unter dem Sprunggelenk nur noch Sehnen und Bänder zu finden – eine Verbesserung der Hinterhandtätigkeit in diesem Bereich bedeutet jahrelange Kleinarbeit. 

Was sind die Ziele der Ausbildung? 


„Der Fluch des Anfängers ist, dass man oft einen Weg anstrebt oder ein Ziel, das man noch gar nicht kennt“. 

Es ist aber wichtig ein Ziel zu definieren. Das gilt auch für unsere Touchierpunkte. Hier mahnt Bent davor zu sehr an einem Heben der Beine zu arbeiten – denn dann heben die Pferde die Hinterbeine aus dem Becken heraus, und dann..„..kriegen wir eine Rüden-Pinkel-Piaffe. Es geht also nicht darum, dass die Beine möglichst hoch kommen, es geht mit der Zeit um die verbesserte Fähigkeit der Elastizität und Dehnbarkeit. So ist das Ausbilden nur eine reine Unterweisung der Hilfengebung, schreibt Steinbrecht“. 
In der Theorie also hat unser Pferd die physische Fähigkeit – und hat es die Hilfen gelernt, dann braucht es lediglich Kommunikation, Fähigkeit und Routine. Routine hat auch etas mit dem zentralen Nervensystem zu tun. Und dort werden eben Bewegungsmuster gespeichert. 


Stichwort „Steinbrecht“

Mit einer Henkeltasse demonstriert Bent Branderup nun die Biegungen und wie die Oberschenkel die Vorhand lenken. Er erklärt, wie der äußere Oberschenkel den Brustkorb einladen kann nach oben zu rotieren und warum der innere Absatz tief sein muss (damit der Brustkorb innen gut runter rotieren kann – und natürlich soll der Reiter nicht in der inneren Hüfte einknicken). 
Die Schenkel sind also wichtige Assistenten, um den Brustkorb auf den Sitz einzurichten. 
Bevor es an die Praxiseinheiten geht, wiederholt Bent Branderup noch einmal die Schenkelhilfen. Die Köpfe rauchen: 

  1. der direkte Schenkel spricht das gleichseitige Hinterbein an
  2. Der um sich rum biegende Schenkel sorgt für die korrekte Biegung und wird unterstützt vom 
  3. Von sich weg biegenden Schenkel
  4. Fällt ein Hinterbein aus, dann benutzen wir den verwahrenden Schenkel
  5. Der umrahmende Schenkel fügt sich ebenso in das Konzert der Hilfengebung und zuletzt fügen wir noch den 
  6. Versammelnden Schenkel hinzu, der dem Pferd den Moment des Abfussens mitteilt. 

Das Endprodukt


Sehen wir laut Bent Branderup sehr gut in der Gebrauchsreiterei. Wir dürfen beim Reiten in der Bahn keine Dinge tun, die für den Gebrauch unplausibel wären. 


In der Praxis am Nachmittag war wieder alles dabei. Bodenarbeit, gerittene Arbeit. Unermüdlich referierte Bent Branderup und wurde nicht müde immer wieder auf die wichtigste Hilfe hinzuweisen. Den Sitz. 


Mehr zur Primären Hilfengebung gibt es beim Sommerkurs mit Bent Branderup in Hart bei Graz. Neugierig geworden?
Die letzten Zuschauerplätze könnt ihr unter folgendem Link ergattern. Wir freuen uns schon sehr, wenn wir im Sommer in den Genuss von 3 Thoerie-Einheiten und 24 Praxiseinheiten kommen – gefolgt von einem immer emotionalen Wort am Sonntag. 

Hilfen müssen helfen

Hilfen müssen helfen

Kursbericht Bent Branderup: Sekundäre Hilfengebung

Wenn man auf das Pferd einwirkt, dann muss man verstehen worauf man einwirkt und wie man einwirkt. Das und vieles mehr, war Thema beim ersten Seminar mit Bent Branderup im Equimotion Reitzentrum in Mannersdorf/ Niederösterreich. Einen ausführlichen Bericht über die gelungene Kurspremiere in drei Teilen!

Bent Branderup lässt uns gleich in der ersten Einheit des Seminars rund um Sekundäre Hilfengebung nachdenken: Er fragt nach, was die primäre Hilfe passend zu den Sekundären Hilfen wäre, wenn wir diese nutzen wollen. 

Schon geht es ab nach Frankreich zu Antoine de Pluvinel (1555-1620), dessen Ziel es war, das Pferd aus der Hüfte heraus zu dirigieren. 


„Wenn das Pferd nicht auf den Sitz reagiert, was wäre die Sekundärhilfe dazu? Der heutige Reiter glaubt: Oben bleiben wäre der Sitz, oder „eine hübsche Figur machen“ wäre der Sitz. Deswegen muss die Reise für viele umgekehrt verlaufen, wir üben zuerst die Sekundärhilfen und müssen dann danach suchen, womit im Sitz wir die Sekundärhilfe ersetzen!“

Bent Branderup

Das bedeutet soviel wie:  Wenn man die Sekundärhilfe kann, dann kann man nach einem Ersatz suchen im Sitz. Bent Branderup gibt an dieser Stelle zu Denken, ebenso wie Gustav Steinbrecht in seinem Gymnasium des Pferdes schon tat: 

„In der Literatur wird oft von einem ausgebildeten Reiter ausgegangen. In der Realität ist es leider umgekehrt. Der Reiter heute hat kaum eine professionelle Ausbildung. 

Es hat noch nie in der Geschichte eine Zeit gegeben, wo unausgebildete Reiter auf unausgebildeten Pferden lernen. Der unausgebildete Reiter wurde früher auf dem ausgebildeten Schulhengst ausgebildet. Das würde heute ein Vermögen kosten – wenn man sich eine eigene Hofreitschule leisten würde.“

Bent Branderup

Verständnis für die Hilfengebung entwickeln

Eine Hilfengebung ist Kommunikation – es drückt einen Wunsch aus. Kommunikation besteht aber immer aus zwei Lebewesen. Was drückt der Mensch aus und was das Pferd? 

„Erst in dem Moment, wo das Pferd ja sagt, seinen Reiter versteht – erst dann wird Kommunikation zur Hilfe – sonst kann man dem Pferd nicht helfen. Und wenn Hilfen nicht helfen, dann waren sie keine Hilfen“. 

Bent Branderup

Bent Branderup warnt allerdings gleichzeitig davor, manche Hilfen nicht zu „Dauerkrücken“ werden zu lassen – diese können den Namen Hilfe nicht verdienen. Kommunikation ist schließlich ein Element, das tatsächlich vom Empfänger der Botschaft verstanden werden muss. Einige Hilfen wird das Pferd vielleicht verstehen, auch wenn sie nicht logisch strukturiert zusammen hängen. Für den Ausbilder ist es aber von großer Bedeutung, dass die Hilfen, die vom Boden gegeben werden, auch letztendlich Hilfen werden, die dem Sitz sekundieren. 

Wenn man eine primäre Hilfe nutzt, die das Pferd nicht versteht oder noch nicht umsetzt, dann kommen die Sekundären Hilfen dazu, die dem Pferd bereits in der Bodenarbeit geläufig waren. Dann haben wir eine gute Brücke. Bodenarbeit – Longenarbeit, Handarbeit, Langer Zügel und schließlich der Crossover schließen eine Lücke bis zum Reiten. 

„Wir nehmen am Anfang verschiedene Führpositionen gegenüber dem Pferd ein und zum Schluss so eine dämliche Führposition wie oben drauf Sitzen“. 

Bent Branderup

Die Sprache der Pferde nutzen

Wir müssen davon ausgehen, dass das Pferd eine eigene Sprache hat. Das was wir dem Pferd beibringen, ist eine Fremdsprache. Als Däne hat Bent Branderup auch Deutsch erst später gelernt – zuerst brauchen wir aber eine Erstsprache oder Muttersprache, die wir gut beherrschen. 

An dieser Stelle denke ich persönlich auch an Reiter, die immer wieder angeben, sie wollen sich aus allen Systemen das Beste rauspicken. Um das aber zu können, muss ich ja das gesamte System kennen und verstehen – und auch die Erstsprache perfekt beherrschen. Auch aus Französisch, Italienisch oder Englisch kann ich mir nicht gerade die Vokabel raussuchen, die mir gefallen. 

Wenn wir mit dem Pferd eine Kommunikation finden wollen, dann ist es weder Pferdekommunikation noch Menschensprache, die wir nutzen – wir müssen eine gemeinsame Sprache zwischen Mensch und Pferd schaffen. 

Wie wichtig die artgerechte Aufzucht ist, betonte Bent Branderup auch für das spätere Reiten: 

„Viele Fohlen sind das, was ich Treibhausfohlen nenne. Die sind der Box geboren und werden nicht abgesetzt, bis man die Mutter rausnimmt. Ein solches Fohlen ist sprachlos und ein solches hat keine Soziale Kompetenz.“

Bent Branderup

Wie laufen Pferde miteinander und können wir danach unsere Hilfengebung auslegen? 

Bent Branderup zeichnet aus Vogelperspektive ein Pferd auf das Fliphart. Hinter dem Pferd läuft der Hengst, ihm gehört die Herde. Vor der Herde läuft die Leitstute, die ein Überholen kritisch mit ihrer Hinterhand zu ahnden versuchen wird. Die Herde läuft seitlich versetzt. Nach diesem Muster funkntioniert laut Bent Branderup jede Herde. 

Warum man keine Elche reiten kann? 

Ganz einfach – die schwedische Post hatte versucht mal Elche nicht vor den Karren, sondern unter den Sattel zu spannen. Ohne Erfolg, denn ein Elch ist kein Herdentier, er ist Einzelgänger und dementsprechend fehlt ihm das Herdenverhalten, das wiederum grundlegend bei der Ausbildung von Reittieren von Hilfe sein kann. 


„Deswegen können wir Pferde, Esel oder Elefanten, Jacs oder Lamas ausbilden und reiten“. 

Bent Branderup

Wenn wir an Pferde herantreten und uns sozusagen in den Führpositionen einer Herdenstruktur bewegenn dann müssen wir uns fragen: 

„Wer bin ich in den Augen meines Pferdes“? 

„Wie sieht mich das Pferd in einer bestimmten Position? Sieht es mich als sein Herdentier, dann stehe ich in der Position weiter hinten. Die Leitstute hat man nicht zu treiben, auch nicht als Hengst. Sieht mich der Hengst aber als untergeordnetes Mitglied der Herde, hat er quasi jedes Recht mich zu treiben. Er muss verstehen welche Rolle ich in der Herde haben möchte – er muss auch mir das Recht einräumen aus dieser Position heraus zu führen.“

Bent Branderup

So kann es unterschiedliche Probleme in den unterschiedlichsten Führpositionen geben. Pferde, die sehr hengstisch sind und den Menschen vor sich her treiben wollen, reagieren, wie der Hengst der die Herde „von hinten“ zusammen hält und mit den Zähnen vor sich her treibt. Pferde, die im Menschen die Mutterstute interpretieren, legen den Kopf auf den Bauch des Menschen und sind von dort quasi nicht mehr weg zu bewegen. Dann wird es schwer von der Bodenarbeitsposition in die Longenposition zu kommen. 

Das Pferd muss ja zwangsläufig unsere Kommunikation mit den Bildern aus seiner eigenen Welt interpretieren. Daher muss ich verstehen, wer ich in den Augen meines Pferdes in dieser Position in diesem Moment bin. 

Werde ich als Leitstute angesehen? Dann wird das Pferd von sich aus der Leitstute folgen. Wenn das nicht geschieht, dann brauche ich eine Hilfe, wo ich dem Pferd meinen Wunsch mitteilen kann. Als verlängerter Arm kann die Gerte in die spätere Schenkellage des Reiters zeigen – so bringen wir dem Pferd zuerst den inneren Schenkel – später über den Rücken geführt den äußeren Schenkel bei. Wir fordern das Pferd auf mit dem Hinterfuß nach vorne zu greifen. 

„Jeder der schon mal auf einem Jungpferd gesessen hat und anreiten wollte, wird die Reaktion des Pferdes erlebt haben, dass das Pferd anstelle anzugehen, die Muskeln zusammen gezogen und einen Katzenbuckel gemacht hat.“

Bent Branderup

Dass der innere Schenkel das Pferd zum vorwärts einladen kann, das ist also eine erlernte Sache. Es gibt keine Hebel und Zahnräder am Pferd, ermahnt uns Bent Branderup an eine allzu mechanische Hilfengebung zu denken. 

„Alle Reaktionen sind angelernt, es gibt keine natürliche Hilfe. Die Vorstellung einer natürlichen Hilfe zwischen Mensch und Pferd ist falsch.“

Bent Branderup

Daher müssen wir das Auge des Menschen schulen – denn die Reiter müssen die Antwort des Pferdes verstehen. Wir müssen also zuerst wissen, was wir vom Pferd erfragen wollen und dem Pferd die entsprechenden Hinweise geben – dann muss das Pferd versuchen wollen uns zu interpretieren. Wenn das Pferd keine Motivation hat uns zu verstehen, dann werden Hilfen nicht leicht. In der Ausbildung müssen wir unser Handeln so plausibel wie  möglich für das Pferd gestalten. 

Mit vielen Zeichnungen erklärt Bent Branderup die einzelnen Positionen jedes Herdentiers und wie wir diese Positionen nach und nach in Sekundarhilfen umwandeln können. Und so wird – aus der Gefühlswelt des Pferdes heraus ein Rahmen gebaut, den der Mensch greifbar für Kommunikation und Hilfengebung nutzen kann. Elementare Führübungen sind daher auch eine ziemlich wichtige Vorarbeit für die Bodenarbeit. Wer am Halfter links und rechts neben der Schulter des Pferdes führen kann, einmal das Tempo langsamer, einmal schneller gestalten, nach rechts und links wenden kann – das ist eine der wichtigsten Grundlagen für die weitere Ausbildung. 

Die Bodenarbeitsposition 

In der Akademsichen Reitkunst gibt es nicht nur „die Bodenarbeit“. Grundsätzlich sind wir Reiter zu Fuß unterwegs – alles, was wir am Boden mit dem Pferd unternehmen können ist nicht nur äußerst facettenreich sondern fördert ungemein Kreativität und Gefühl – schließlich lernen wir eine Hilfengebung rund um das Pferd und erforschen, wo uns das Pferd in welchem Moment als führender Tanzpartner am Besten gebrauchen könnte.

In der Bodenarbeit wollen wir uns in der Frontposition vor dem Pferd einen guten Überblick verschaffen, wir können aus dieser Perspektive die Antworten des Pferdes leichter ablesen. Diese erste Blickschulung ist am Wichtigsten, denn wenn der Mensch das Pferd nicht lesen kann, dann ist keine Antwort verständlich. 

Selbst wenn das Pferd eine Hilfe falsch interpretiert hat, dann war es ja ein Versuch uns als Menschen zu verstehen. Der Mensch antwortet auf den Versuch des Pferdes nicht mit „Nein“, sondern mit „Ja aber – schön dass du versucht mich zu verstehen“. 

„Unbedingt loben, wenn das Pferd etwas richtig errät. Wenn man verabsäumt, dem Pferd zu sagen, ob es richtig war, dann versäumt man zu lernen. Denn Gelernt ist nur das, was das Pferd erinnern kann. Was könnt ihr noch aus dem Unterricht in Physik aus der Schulzeit erinnern? Weg ist es. Aber man hat dort auch Lesen und Schreiben gelernt und kann heute noch Lesen und Schreiben. Aber jahrelang lernen wir etwas für die Schule, das wir später nicht können. Das gibt es auch beim Reiten – ich habe Leute gesehen, die bei rennomierten Reitmeistern Jahrelang geritten sind und nach 40 Jahren nicht beeindruckend reiten konnten!“ 

Bent Branderup

Bent Branderup rät daher immer wieder zu überprüfen ob das Pferd tatsächlich gelernt und verstanden hat. Weiter geht es in der umfangreichen ersten Theorieeinheit mit:

Vorwärts verstehen

In der Bodenarbeitsposition zeigen wir dem Pferd also den inneren Schenkel und möchten gerne, dass der Hinterfuß die Körpermasse durch Vorgriff vorwärts bewegt und nicht hinten raus schiebt. Was ist der Unterschied zwischen Vorwärts und schnell? Ein Pferd kann schnell werden, wenn es die Gelenke nach hinten raus öffnet. Und vorwärts? 


„Das wäre eine Erklärung – der Akademische Sitz funktioniert nur dann, wenn der Hinterfuß des Pferdes unter dem Reiter auffußt. Wenn der Schwerpunkt zwischen Mensch und Pferd übereinstimmen“. 

Bent Branderup

An dieser Stelle legt Bent Branderup seinem lauschenden Auditorium den Unterschied zwischen Beschleunigung und Entschleunigung ans Herz. Wenn das Vorderbein des Pferdes alleinig an der Entschleunigung teilnimmt und die gesamte Körpermasse auffangen muss – dann spüren wir unsanfte Stöße in unserem Sitz. Das Pferd kann aber nicht nur für den Menschen unbequem sein – das Pferd ist es dann unweigerlich auch für sich selbst. 

Für jedes Pferd entscheidet also korrektes Vorwärts auch über eine positive Körperwahrnehmung unter dem Reiter. Damit uns das Pferd gut tragen kann brauchen wir jahrelange Ausbildung. Schulterherein, Kruppeherein, Piaffe – das sind Inhalte für Pferde, die ihre Hinterbeine von Natur aus nicht korrekt unter die Körpermasse setzen. Strampeln auf der Stelle ist somit belanglos und inhaltslos, denn es führt ja nicht zum Ziel – ein gutes Reitpferd zu werden. 

Von guten und schlechten Piaffen führt der Weg in Bents Theorie unweigerlich zur Führung zwischen den Schultern. Von der Bodenarbeitsposition arbeiten wir uns langsam in die Handarbeitsposition von außen geführt. Dabei haben wir die Hand über dem Widerrist und empfangen Informationen aus der Hinterhand. Wir interpretieren, was in der Hand ankommt – oder eben auch nicht. Unsere Präsenz außen neben dem Pferd lässt uns stärker in die Position des äußeren Zügels wandern. Die Verlagerung des Brustkorbs zwischen den Zügeln ist ein ziemlich wichtiger Teil der Ausbildung. Im Gegensatz zum Menschen hat das Pferd kein Schlüsselbein, da hängt beim Pferd also die Schulter frei im Gewebe. In dem Moment, wo der Brustkorb schwer in den Schultern hängt, wird der Brustkorb festgehalten von den Schultern. Was aber, wenn der Rückenschwung ja aus der Hinterhand kommt? Bent Branderup demonstriert, was in seinem eigenen Gang passiert, wenn er die Arme frei schwingen lässt und im nächsten Moment vor dem Oberkörper verschränkt. Der Rückenschwung bleibt im zweiten Beispiel stecken. 

Das zeigt: Die Vorhand kann keinen Schwung erzeugen. Wer die Arme vor dem Oberkörper verschränkt wird automatisch zum Passgänger – der Pass kommt aus der Steifheit und der Blockierung der Schulter und führt zu einer fest gehaltenen Wirbelsäule. Die Hinterhand kann die Schultern leicht machen – Bent Branderup erklärt nun ausführlich, wie ein Vorderbein den Brustkorb zum anderen Vorderbein vorwärts schiebt. Das wäre eine Bewegung, bei der die Hinterhand komplett rausfällt. Im Gegenzug dazu stellen wir uns das Ideal vor – wenn das Hinterbein bzw. die Hinterhand dem Brustkorb eine Richtung gibt. 

Bent Branderup erklärt dem Publikum wo die Augen die fehlerhafte Belastung des Brustkorbs festmachen können – nämlich an den Fesseköpfen. Wenn wir die Fesselköpfe nach unten gedrückt werden, dann wissen wir: Hier lagert zuviel Gewicht auf dem Vorderbein. 

Wenn wir dieses Übergewicht erkennen, dann wandert das Auge ans Genick und prüft die korrekte Stellung des Pferdes. Warum ist uns das wichtig? Die Stellung beeinflusst in jedem Fall auch die Beckentätigkeit – Stellung und Positionierung des Beckens korrespondieren quasi miteinander. 

Wenn das Becken auf einer Seite vor und runter rotiert – also reiten wir beispielsweise auf der linken Hand, dann würde der Brustkorb rechts außen hoch rotieren, innen links nach unten. Diese Rotation geht weiter durch den Hals des Pferdes bis hin zum Genick. Und hier nennen wir das Ergebnis Stellung. Somit ergibt sich: Die Stellung muss grundsätzlich von der Hinterhand nach vorne produziert werden – aber in der Bodenarbeit können wir dem Pferd aus unserer Frontposition erstmals ganz gut erklären, was wir gerne erarbeiten möchten. 

Eine gute Stellung wird meistens verhindert, wenn der Brustkorb in der äußeren Schulter fest hängt.

„Daher werden wir die äußere Schulter etwas nach innen nehmen. Und genau deswegen ist Schulterherein DIE lösende Lektion. Dadurch können wir aber auch erkennen, wie viele Menschen Schulterherein missverstanden haben. Denn viele Reiter stellen ihr Pferd zur Wand und treiben das Pferd über das stehende äußere Vorderbein noch mehr nach außen. Das ist dann kein Schulter herein sondern ein Schulter heraus“. 

Bent Branderup

Man muss natürlich festhalten: die wenigsten Reiter begehen absichtlich einen Fehler. Aus der Handarbeitsposition können uns diese fehlerhaften Versuche jedoch bei der Entwicklung des Gefühls und des Verständnis sogar hilfreich sein. 

„Wir lernen mit der Hand zu verstehen, wo die Spannungen, die wir fühlen überhaupt entstehen. Diese Fehler gehen sehr sehr selten vom Genick aus“. 

Bent Branderup

An dieser Stelle entführt uns Bent Branderup kurz in die Zahnheilkunde. Warum ist eine Zahnbehandlung, die aufgrund der Erfahrung mit Galopprennpferden entwickelt wurde nichts wert? 80 Prozent der Galopper werden gerade mal zwei Jahre alt. Die Zahne wachsen allerdings nicht, wie man glaubt. Die Zähne schieben nach, aber wenn sie komplett ausgebildet sind, dann gibt es quasi nichts mehr zum Nachschieben. 

Weiter geht es mit der Hergabe oder Hingabe des Genicks. 

„In erster Linie geht es darum herauszufinden, ob Spannungen iM Körper sind und dann zu analysieren, wo diese herkommen. Wie tief kann der Reiter in den Pferdekörper horchen – spürt man eine Spannung im Genick?Nicht die Hand soll aber an das Pferd herantreten, sondern das Pferd muss an die Hand herantreten.“

Bent Branderup

Grundsätzlich warnt Bent Branderup davor, ein Gefühl für einen bestimmten Spannungszustand als ursächlich abzutun – oftmals spüre wir lediglich die Symptome. Das Problem liegt physisch gesehen an einer ganz anderen Stelle. 

In den nachfolgenden Praxiseinheiten widmeten sich Reiter und Pferd der Bodenarbeit. Dazu mehr im zweiten Teil des Kursberichts nächste Woche – und natürlich gab es weitere ausführliche Theorieeinheiten 🙂

Bent live erleben?

Mehr über Bent Branderup gibt es live beim Sommerkurs in Hart bei Graz. Neugierig geworden? Letzte Zuschauerplätze können wir unter folgendem Link vergeben.

Kurz und Einfach!

Kurz und Einfach!

Play-smile and practice. Dieser Slogan wird unmittelbar mit Christofer Dahlgren in Verbindung gebracht. Und wie ich finde, sehr zurecht. Letztes Wochenende waren wir zu Besuch in Ainring bei Salzburg, um einen Tag bei Christofers Kurs zu genießen. Sechs tolle Mensch/Pferdepaare waren beim Kurs mit dabei und ließen sich mehr als ein Lächeln von Christofer entlocken.

Keep it short and simple

Diesem Motto meines Kollegen kann ich nur zustimmen. In der Theorie betonte er, Reiten so einfach wie möglich zu gestalten. Im Training muss alles einfach zu merken und zu wiederholen sein. An oberster Stelle steht für Christofer Entspannung. Er sieht sich immer genau an, wie die Pferde reagieren.

Denkt das Pferd eher langsam, oder antwortet es super schnell auf eine Anfrage seines Reiters? Reagiert das Pferd oder denkt es tatsächlich über eine Frage nach und antwortet dann? Christofer spricht viel über mentale Balance, wenn er dann auch über Leichtigkeit zwischen den Hilfen referiert. Ist das Pferd in mentaler und physischer Balance, dann muss der Reiter gar nicht so viele Fragen an das Pferd stellen. 

Dies zeigte sich auch in der Praxis, wenn Christofer eindeutig: Weniger ist mehr – an viele Paare adressierte. 

„Wenn wir es schaffen, die innere Schulter und das innere Hinterbein anzusprechen, dann fügen wir einfach äußeres Hinterbein und äußere Schulter hinzu. Eine gute Balance zwischen außen und innen – das ist mein größter Fokus wenn ich reite“.

Christofer Dahlgren

6 Elemente

  • Durchlässigkeit
  • Balance
  • Formgebung
  • Tempo 
  • Rhythmus 
  • Schwung

Christofer nimmt in der Theorie jedes der sechs Elemente für sich durch. Ein durchlässiges Pferd ist ein entspanntes Pferd. Umgekehrt – ein Pferd das nicht entspannt ist, ist auch nicht durchlässig. 

Ein leichter Weg, um Durchlässigkeit zu bekommen, führt laut Christofer physisch gesehen über die Kontrolle der Schultern. Wenn man das Pferd zwischen den Schultern bewegen und leicht machen kann, dann ist ein erster Schritt getan, der freilich nicht ohne mentale Losgelassenheit möglich sein wird. Aber Körper und Geist bedingen sich natürlich auch immer gegenseitig. 

„Unser Pferd muss durchlässig sein. Und dabei gibt es keine besondere Qualität oder Quantität von Durchlässigkeit. Entweder das Pferd ist es – oder nicht.“  

Christofer Dahlgren

Verschiedene Arten von Balance 

..beschäftigten uns als nächstes in der Theorie. 

Laterale Balance steht als erstes auf Christofers Stundenplan. Und wieder geht es um die Beweglichkeit zwischen den Schultern – gefolgt von der Hinterhand. Wenn wir zwischen Kruppeherein und Schulterherein die Mitte finden, dann haben wir Balance. Wobei Christofer auch wieder mahnt: „Man kann zwar Kruppeherein reiten, aber ohne gute Balance, wenn diese zwischen den Schultern verloren geht“. 

Je weniger Sekundarhilfen gebraucht werden, umso  mehr Balance besteht. Christofers Hauptaugenmerk in den Seitengängen liegt an der Reduktion. Das heißt wenn er im Kruppeherein weniger Seitwärts möchte, dann sollte daraus kein Schulterherein entstehen. 

„Die meiste Arbeit, die man hat, ist das Pferd nicht zu viel machen zu lassen.  Nicht zu viel mit der Hinterhand rein, nicht zu viel mit der Schulter raus“. 

Christofer Dahlgren

Wieviel soll es denn bitte sein? 

Die Dosis macht überall das Gift. Was Christofer in seinem Vortrag umgehend zur nächsten spannenden Frage führt: 


Wie viel vorwärts-abwärts muss man reiten? Wie viel sollte man aufnehmen? Christofer betont, dass man sich in der Ausbildung auf verschiedene Aspekte konzentrieren muss, um horizontale Balance zu verstehen. Manche Trainer sprechen sich ja vehement gegen das vorwärts-abwärts aus, Christofer betont aber, es kommt aufs WIE an. Zuerst muss man herausfinden, wie gut das Pferd seine Hinterbeine nach vorne schwingen lassen kann. Manche Pferde können gut nach vorne, andere können wiederum sehr leicht mehr Gewicht auf die Hinterhand bringen. Christofer reitet vorwärts abwärts für den „Stretch“, also die Dehnung, dann muss die Hinterhand besser nach vorne kommen. Wenn das Pferd aber nicht die natürliche Veranlagung dafür mitbringt, reicht es nicht, den Kopf einfach fallen zu lassen. Daher analysiert Christofer immer die Biomechanik der Pferdeschultern. Sind die Schultern sehr steil oder weniger steil? Nach der Beschaffenheit der Schultern richtet sich das Maß des Vorwärts-Abwärts – und die Frage, ob man eher mit versammelnden oder der Dehnungshaltung dienlichen Übungen beginnt. 

Von der Dehnungshaltung in die Versammlung? 

Christofer mahnt auch hier zur Vorsicht. Wenn das Pferd in eine gute Dehnungshaltung kommt, dann müssen wir die Zügel freilich auch aufnehmen können. Allerdings wird dieses Aufnehmen bei vielen Pferden gleichgesetzt mit Versammlung. Die Pferde treten mit kürzeren Schritten, wir vermissen dann das vorwärts-aufwärts Gefühl. Für Christofer liegt der Schlüssel zum Erfolg im vorwärts-aufwärts, bei dem die Hinterbeine weiterhin gut in Richtung Schwerpunkt fußen. An diesem Punkt wird Christofer kritisch: Ihm kommen im Unterricht sehr oft Pferde unter, die beim Aufnehmen und versammeln sofort eher „rückwärts“ als „vorwärts“ denken. Für den Reiter bedeutet das, eine gute Balance zwischen vorwärtstreibenden und verhaltenden Hilfen zu finden. 

Die Sache mit den Bahnfiguren

…nimmt Christofer Dahlgren ebenso ernst. In der Basisarbeit ist es ihm wichtig, beim jungen, gerittenen Pferd beim Reiten von Hufschlagfiguren eine bestimmte Exaktheit zu überprüfen. Kann das Pferd, wenn man die Formgebung verändert ein wenig dehnen und ein wenig aufnehmen, ohne Tempo und Rhythmus auf verschiedenen gebogenen und geraden Linien verlieren? Das Tempo verlangsamen, nur weil der Reiter die Zügel aufnimmt, das darf nicht passieren. Das Ziel ist, dass wir das Tempo verändern können, ohne Form und Rhythmus zu verlieren. Diese drei Zutaten sind auch maßgeblich bei der Jungpferdeausbildung – hier variiert Christofer zwischen den Komponenten. 

Es wird nie langweilig

Christofer Dahlgren beim Unterricht zuzusehen. Seine Energie und Dynamik übertragen sich auf Ross und Reiter – seine Pädagogik – alles ganz einfach auf den Punkt zu bringen, gefällt mir (Einfach Reiten ;-)) sehr gut. In der letzten Zeit habe ich festgestellt, dass es sehr in Mode gekommen ist, die  Biomechanik des Pferdes, technische Komponenten in der Reiterei aber auch die gefühlsmässige Seite der Reitkunst möglichst kompliziert und geschwollen auszudrücken. Mich erreichen viele Fragen von Schülern, die sich auf das Gelesene in sozialen Netzwerken beziehen. Wir diskutieren dann miteinander und oft ist mein Gegenüber überrascht, dass der Inhalt letztendlich gar nicht so kompliziert war. 

Ja, den Umgang mit Pferden, Bodenarbeit oder Reiten lernt man nicht in wenigen Stunden. Der Weg darf ruhig lang sein – aber er muss überschaubar sein und darf uns nicht das Gefühl geben unüberwindbar zu sein. Und dafür hat Christofer auch das perfekte Motto: Play-smile-practice. Sollte eigentlich über jeder Reitbahn stehen. Eigentlich 😉 

Christofer kommt übrigens im September 2020 wieder zu uns aufs „Horse Resort am Sonnenhof“ in Hart bei Graz. Wir freuen uns dann auf ein Wiedersehen! 

Zeit schön verbringen

Zeit schön verbringen

Wie schaffen wir es, dass zwei Geister wollen, was zwei Körper können?

In der dritten Theorieeinheit bei unserem Kurs mit Bent Branderup Anfang Juni rund um das erste und zweite Descente stellte dieser die Pädagogik in den Vordergrund:

(Französisch Experten sehen mir in meiner Zusammenfassung bitte nach, dass ich la descente (verlangt einen weiblichen Artikel) eher mit „das“ Nachgeben übersetzt habe)

„In der Theorie haben wir zuerst das erste und zweite Descente   durchgemacht und auch die physischen Voraussetzungen diskutiert, damit wir diese Inhalte im Pferdekörper überhaupt umsetzen können. Egal ob in der Boden- Longen-  und Handarbeit, oder auch der gerittenen Arbeit – es ist wichtig, dass Mensch und Pferd eine gemeinsame Balance finden. Das ist der Grund warum wir die Pferde überhaupt zuerst vom Boden ausbilden. Mensch und Pferd – jeder für sich können sich in einer Balance bewegen, die die Teilnahme des Anderen für sich ausschließt. Wir wollen aber eine gemeinsame Mitte. Ein Miteinander. Dies wird zu unserem Hauptmotto: Zwei Geister müssen wollen, was zwei Körper können.“

Alles auf Automatik?

Unsere Hilfengebung ist keinesfalls eine Mechanik, es gibt keine Zahnräder, die ineinander greifen und einen raschen Erfolg versprechen. Wir haben keine Hebel für unsere Mitteilung an das Pferd, es sind pädagogische Aufgaben, die wir dem Pferd stellen. Das Pferd muss also nach und nach unsere Hilfen verstehen, wie ein Kind, das das Alphabet lernt, bringen wir dem Pferd eine gemeinsame Sprache bei.

„Wir können dem Pferd allerdings nur eine gemeinsame Sprache beibringen, wenn wir eine Erstsprache beherrschen.“

Die Schwierigkeit für uns Menschen liegt besonders darin, Lehrender und Lernender zugleich zu sein. Wir müssen also zuerst etwas ganz klar und deutlich visualisieren können. Was ist für uns eigentlich ein innerer Schenkel, was bedeutet es, wenn wir mit der Gerte in der Bodenarbeit in eine bestimmte Position zeigen? Bekommen wir vom Pferd später eine positive Antwort auf unsere Frage, wenn wir dem Pferd dieses Signal zeigen? Wenn wir generell von Schenkelhilfen sprechen, dann muss das Pferd später genau interpretieren lernen, ob wir einen direkten, einen umrahmenden, einen verwahrenden, um sich herum biegenden, von sich weg biegenden oder versammelnden Schenkel meinen.

„Wir scheitern jedoch oft an unseren eigenen pädagogischen Fähigkeiten. Also müssen wir lernen, wie wir dem Pferd eine Mitteilung geben können. Die erste Hürde heißt in Wirklichkeit, eine Beziehung zu dem Pferd aufzubauen. Das Pferd muss in uns einen Lehrer sehen. Wer bist du in den Augen deines Pferdes in welchem Moment. Das ist die erste Frage, die uns beschäftigt!“

Viele Menschen scheitern nicht nur an der Rückwärtsbewegung im eigenen Körper in der Bodenarbeitsposition. Schwierig wird es auch, wenn das Pferd schnappt und den Reiter vor sich her treibt. Dann sieht das Pferd meist nicht den Lehrer in seinem Menschen, sondern beispielsweise bei Hengsten, die Lieblingsstute, die das Pferd gerne vor sich hertreibt. Wechselt der Mensch dann in eine seitliche Führposition, um das Treiben zu verstärken, erntet er ein klares „Nein“ von seinem Pferd, das mit der Rolle des Getriebenen durchaus nicht einverstanden ist.

Wie verschaffen wir uns aber den Respekt und das Ansehen eines guten Lehrers in den Augen des Pferdes?
Abgesehen von den klaren Bildern, die wir im Kopf haben müssen, wenn wir Inhalte an unser Pferd vermitteln, geht es laut Bent Branderup um eine große Sache:

Sympathie

Wenn wir an unsere eigene Schulzeit zurück denken? Wer war ein guter Lehrer für uns? Ich hatte beispielsweise in der Unterstufe eine Mathematiklehrerin, für die ich nur wenig Sympathie aufbringen konnte. Damit war einer potenziellen Leidenschaft für Mathematik bereits der Garaus gemacht (unabhängig davon, meine Leidenschaft galt von jeher schon Worten und Sprache). In der Oberstufe änderte sich das Ganze: Ich hatte eine Professorin, die es verstand, dass die ganze Klasse ihr wohlwollenden Respekt entgegen brachte. Schließlich brachte sie auch uns Teenagern, mitten in der schwierigsten Phase unseres Lebens eine Portion Respekt entgegen. Die Sympathie zu ihr war es, die mir ein „Überleben“ in Mathematik ermöglichte.
Immer, wenn Bent Branderup diesen Teil in seinem Theorievortrag erwähnt, muss ich an meine Matheprofessorinnen denken, die mein eigenes Lernverhalten nachhaltig prägten.

Sympathie alleine reicht aber nicht aus, um Inhalte zu vermitteln. Wenn wir unserem Pferd etwas beibringen wollen, müssen auch die Inhalte stimmen. Es reicht nicht sympathisch zu sein.
Mit Augenzwinkern erwähnt Bent Branderup:

„Die größten Schwindler sind oft die sympathischen Menschen. Nur weil jemand sympathisch ist, heißt das noch lange nicht, dass die Inhalte stimmen, die uns erzählt werden. Denken wir beispielsweise an die eine oder andere Geschichte vom erfolgreichen Gebrauchtwagenhändler, der die Leute reingelegt hat….“.

Neben der notwendigen Sympathie habe ich bereits den zweiten Faktor aus meiner eigenen Schulzeit erwähnt, der einen Lernerfolg ermöglichte:

Respekt

„Im deutschen Sprachgebrauch hat Respekt für meinen Geschmack zuviel mit Disziplin zu tun. Daher fange ich immer an mit Sympathie, Respekt ist für mich nur auf Gegenseitigkeit begründet. Wenn zwei Hirsche miteinander kämpfen, dann schlagen sie die Geweihe zusammen. Sie könnten das Geweih ja auch in den Bauch des anderen schlagen. Das tun sie aber nicht, denn sie haben weit mehr Respekt vor dem Leben des anderen, als wir Menschen. Wenn wir von Menschlichkeit sprechen, dann ist das oft den Menschen weniger eigen, als den Tieren“.

Pferde wachsen im Idealfall in einer bestimmten Herdenstruktur auf und werden durch die anderen Tiere sozialisiert. Das Pferd steckt uns also später in eine bestimmte Rolle, die es in Relation zu seinen vorangegangen Erfahrungen stellen kann. Wir müssen in jeder Situation erkennen lernen, was das Pferd in uns sieht und wie wir unser Verhalten an Einschätzung des Pferdes anpassen. So müssen wir dem Pferd eine klare Mitteilung geben, wenn es uns vor uns hertreibt, ohne Sympathie und Respekt füreinander zu verlieren.

Wir müssen dem Pferd den Unterschied begreiflich machen: Handelt es sich um eine Situation mit anderen Pferden oder kommuniziert es nun mit einem Menschen? Die verschiedenen Führpositionen, die wir vor, neben, seitlich hinter dem Pferd und auf weitere Distanz in der Akademischen Reitkunst einnehmen stellen uns immer wieder vor neue Herausforderungen.

Was sagt mein Pferd?

Was wir als Pädagogen lernen müssen ist außerdem auch die verschiedenen Gesichtsausdrücke des Pferdes zu deuten:

„Pferde haben mindestens genauso viele Gesichtsausdrücke wie Schimpansen. Wir Menschen können diese jedoch beim Schimpansen leichter ablesen, da die Gesichtsausdrücke dem Menschen ähnlicher sind. Die Emotionen der Pferde sind mit ganz anderen Gesichtsausdrücken verbunden. Wir sind dann, wenn wir das Pferd nicht lesen können sehr reduziert in den Fähigkeiten, die wir haben“.

Welche Kommunikation und Möglichkeiten wir haben, hängt auch von der Vielseitigkeit des Akademsichen Werkzeugkoffers ab. Alle pädagogischen Elemente sind in diesem Werkzeugkoffer enthalten. Jedes Werkzeug an sich nutzt aber nichts, wenn wir nicht die richtigen Werkzeuge der jeweiligen Situation und Hilfengebung entsprechend wählen.

„Ich bin ausreichend stolz, wenn ich von einem Schüler sagen kann, er ist ein guter Handwerker“.

Wenn es um die Reitkunst geht, dann geht es auch um das Automatisieren von Vorgängen. Sicherlich erinnern sich einige noch an die ersten Fahrstunden, als man noch zur Kupplung blicken musste, zum Schaltknüppel und die Gänge regelrecht suchen. Heute können wir uns auf unser Gehör verlassen, dass uns ohne große Gedanken die Information weiterleitet, jetzt wäre das Wechseln in einen anderen Gang von Vorteil. Ebenso vergleicht Bent Branderup die Musik mit der Reitkunst. So lange ein Pianist vom Blatt spielen kann ist er ein guter Handwerker, erst wenn alle Handgriffe ohne Nachzudenken fließen ist Platz für Interpretation und somit auch Platz für die Kunst. Kunst beginnt, wenn wir uns über die Technik hinweg setzen können.

„Daher gibt es viele Dinge, die wir förmlich bis zum Erwürgen üben müssen, damit alles vollautomatisch läuft. Das ist der Unterschied zwischen Lernen und Können, wenn die Hilfe vollautomatisch da ist, dann ist man technisch so weit, dass man sich vom Handwerker zum Künstler bewegen kann. Egal auf welchem Niveau wir in der Reiterei unterwegs sind: Ich empfehle immer meinen Schülern genau auf der Stufe, auf der sie stehen alle Handgriffe zu automatisieren,bis man nicht mehr nachdenken muss. Dann sind wir auf unserem Weg bereit für die nächste Etappe“.

Voller Emotion

„Kunst ist, eine reelle Emotion zu erleben. Hoffentlich eine positive. Ist die Fähigkeit sich zu freuen, nicht mehr vorhanden, dann wird alles belanglos, wenn wir keinen Inhalt mehr haben. Wir müssen heute nicht reiten. Wir dürfen. Es ist heute keine Notwendigkeit mehr eine Kutsche zu ziehen, oder über bunte Stangen zu hüpfen. Es gib keinen Grund zu reiten, außer Zeit schön zu verbringen. Erinnern wir uns an die Freude, die wir hatten, als wir als Kinder mit Pferden zusammen waren. Wenn diese Freude verschwindet, dann hat sich die ganze Sache überlebt, dann gibt es keinen Inhalt mehr dafür.

Ich sehe in die Gesichter der Zuschauer und ahne, dass wir alle ganz ähnliche Erinnerungen teilen. Die Ruhe Abends im Stall, wenn wir den Pferden beim Fressen gelauscht haben. Das Beobachten der Pferde auf der Koppel. Das stundenlange Putzen und einfach Zusammensein mit den Pferden.“

Bent fragt uns: Wo ist die Freude geblieben? 
Einige Zuschauer schütteln verständnislos den Kopf. Ja, in dieser Gruppe, so fügt auch Bent hinzu, hat er ganz und gar nicht den Eindruck, als würde es an Freude am Zusammensein mit dem Pferd fehlen. Beim nächsten Satz stimmen dann wieder einige Zuschauer nickend und murmelnd zu:

„Manchmal wenn ich in eine Halle schaue, habe ich nicht das Gefühl, dass die Menschen ihre Pferde wirklich mögen“.

Auch ich stoße auf meinen Unterrichtstouren immer wieder auf solche Bilder. Wo ist die Freude geblieben? Was ist passiert, dass Pferde scheinbar das Schlechteste in uns hervorbringen. Wer sind wir dann in den Augen unserer Pferde?

Bent Branderup konstatiert, dass natürlich Erwachsene Schuld seien, wenn die Freude der Kinder verloren geht. Ich muss unweigerlich an den „kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry und „die großen Leute“ denken, die die Fantasie des kleinen Prinzen nicht verstehen. Wenn aber die naive Fähigkeit verloren geht, am bloßen Zusammensein Genuss zu empfinden, dann geht auch die Kunst verloren.

„Dann wird die Kunst ein leeres Abrufen von Exerzizien. In der Kunst wollen wir aber die Emotion in unser Schaffen zu integrieren. Das kann man übrigens nie vor Publikum üben. Um eine Emotion auszulösen, brauchen wir eine aussergewöhnlich gute Situation. Sich freuen ist im Grunde ja ein chemischer Zustand. Das will heißen, wenn ihr auf einer Ebene der Ausbildung seid und alles aus dem Ärmel schütteln könnt, dann löst das keine Emotion mehr aus. Daher brauchen wir auch immer wieder die Herausforderung, um es auf einer noch höheren Ebene wieder zu können“.

Bent Branderup rät in diesem Sinne seinen Schülern die Ausbildung Schritt für Schritt voranzuschreiten. Treppchen für Treppchen zu nehmen. Zuerst kommt die Arbeit an der Technik, dann wird man nicht so frei sein für den gefühlsmässigen Austausch, aber sobald man sich in der Technik sicher ist, kann man die Emotion integrieren.

„Technik ist das, was ich euch beibringen kann. Ich kann euch das Gefühl nicht beibringen. Ich kann euch nicht zeigen, wie eine Rose duftet und wie sich die Farbe rot anfühlt. Denkt immer zurück, was war der Anlass, warum ihr mit Pferden zusammen sein wolltet. Dies ist der Gedanke, der uns davon abhält uns zu stark in der Technik zu verheddern.
Die Technik alleine wird uns nicht weiterbringen. Erst in dem Moment, wo das Pferd interpretiert aus unseren Mitteilungen wird uns die Intelligenz des Pferdes in ihrer Gänze gewahr. Pferde sind klug und unsere Mitteilungen sind kein Verstärkung einer Hilfe, sondern wir verstärken das Verständnis und die Aufmerksamkeit bei unserm Pferd.“

Und wie lange dauert es das gegenseitige Verständnis und die Reitkunst zu schulen? Auch hier hat Bent Branderup natürlich eine Anekdote parat:

„Ein Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule wurde vor vielen vielen Jahren im Alter von 65 Jahren befragt, wie lange es dauert reiten zu lernen. Er ritt bereits das Solo einhändig und stellte das Pferd in allen Schulen und Gängen vor. Er antwortete auf die Frage: „Ja, ich war das Talent meiner Zeit, ich saß auf dem bravsten und klügsten Pferd. Ich hatte die großartigsten Lehrmeister. Also ich meinem Fall würde ich sagen, es dauert 200 Jahre.“ Es geht also nicht darum fertig zu werden, es geht um das gemeinsame Erlebnis mit dem Pferd, es geht um Herausforderungen, die wir an uns als Team stellen und es geht um das Erreichen von Etappen und Meilensteinen.
Wenn ihr aber zu der Sorte Mensch gehört, die unbedingt gestern schon fertig sein möchte, dann kann ich euch garantieren, mit der Akademischen Reitkunst werdet ihr nicht glücklich werden, denn es gibt immer ein höheres Niveau, das erstrebenswert ist. Wir sind nie fertig. Werdet aber technisch gut, auf dem Niveau, wo ihr gerade seid. Werdet so gut, dass ihr nicht mehr über die Technik nachdenken müsst und legt dann den nächsten Schritt.“

Je sicherer unsere Ausgangslage, unser Niveau auf einer bestimmten Ausbildungsstufe ist, umso eher können wir uns an die nächsten Schritte wagen. Immer im Hinterkopf: Warum sind wir mit unseren Pferden zusammen und wer sind wir jetzt und heute in den Augen unseres Pferdes.

Wer sind wir in den Augen unserer Wegbegleiter?

Ich möchte mich sehr bei meinen Schülern bedanken, die diesen Kurs mit gestaltet haben und den Zuschauern auch immer sehr viel Inspiration und Wissen weiter geben. Danke, dass ihr mir Jahr für Jahr vertraut und unseren „geschützten“ Bereich verlässt, um vor Publikum euer Können zu zeigen und weiter zu verbessern.
Besonders stolz bin ich natürlich heuer auf Viktoria die ihre Wappenträgerprüfung geschafft hat, sowie Julia, die trotz vieler Verletzungen von Vollblüter Moon Hürde um Hürde genommen hat und sehr schöne Arbeit am Kurs zeigen konnte. Unsere jüngste Teilnehmerin Viktoria mit Avanti hat von Bent einige knifflige Aufgaben für den Reitersitz erhalten und konnte trotz ihrer ersten Kursteilnahme alles wunderbar umsetzen.

Danke auch an das Team meiner Schüler, die beim Auf- und Abbau des Kurses so wunderbar geholfen hat.

Eins noch in Punkto Kommunikation. Eigentlich wollte ich mit meinem Youngster „Conversano Aquileja“ am Kurs teilnehmen. Leider hatte sich mein braver Schimmel am Montag vor dem Kurs in der Box verlegt und musste genäht werden. Fuchs Tabby ist erst seit kurzem wieder im Einsatz, also musste ich für zwei Einheiten auf Pina ausweichen, die eigentlich seit Winter mit meinem Vater Rudi im Wald oder ein wenig in der Halle unterwegs ist.

Obwohl wir beide also derzeit keine gemeinsame Routine haben, hat die Kommunikation so unfassbar gut funktioniert. Abgesehen davon, dass wir an der Qualität der fliegenden Wechsel und an den Ansätzen zu Passage gearbeitet haben, war das Schönste eigentlich Pina so bei mir zu wissen, so dass wir uns ganz leise, still und heimlich unterhalten konnten. Es war tatsächlich so, wie Bent immer sagt: Zwei Körper, die sich aktuell nicht so gut kennen fanden eine geistige Übereinstimmung und ein gemeinsames Wollen. Pina hat mich einmal mehr zu Tränen gerührt. Meine großartige schwarze Stute, die eigentlich alles immer schon lange vor mir weiß.

Im Oktober wird unsere Seminarreihe übrigens forgesetzt – dann geht es um das dritte Descente, um die Versammlung. Der Kurs findet dann in Ainring bei Salzburg statt, organisier von Andrea Harrer.
Ich hoffe sehr, dass ich dann mit klein Conversano aka Konrad dabei sein kann.
Bis dahin üben wir uns in der mentalen Verbindung, schließlich sind wir noch eine Zeit lang in der Ausbildung vom Reiten entfernt.

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PS: Die schönsten Kursbilder von Katharina Gerletz gibt es hier

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