Sommerakademie 2019

Sommerakademie 2019

„Das wird die beste Sommerakademie aller Zeiten“, freut sich Bent Branderup, als wir uns Ende Juni bei uns in Graz über die bevorstehende Veranstaltung im August 2019 unterhalten. 

Ich erwidere: „Das sagst du jedes Mal“. Und natürlich gab es jedes Mal ein besonderes Highlight für mich!

Das erste Mal ist immer Besonders, dann gab es schöne Arbeit zu sehen, einen ganz tollen Ritt, eine Demo-Unterrichtseinheit von meinem Kollegen oder einen spannenden Vortrag rund um das Thema Biomechanik. Man lernt neue Freunde kennen und trifft Vertraute wieder. Kurz – jede Sommerakademie ist etwas Besonderes. Diese hier war tatsächlich sehr speziell. 

Mittwoch – und los geht es!

Nach einer „ziemlich“ stressfreien Flugreise (Dass man am Gate als letzte, fehlende Person aufgerufen wird ist schon fast Tradition für mich in Frankfurt) kamen wir heuer zu dritt in Dänemark an. Viktoria Portugal und ich wurden heuer erstmals verstärkt durch Julia Kiegerl. So waren wir quasi eine kleine, aber feine Delegation aus Österreich. 

Traditionell beginnt die Sommerakademie mit der Öffentlichen Abendarbeit, bei der Bent Branderup und Kathrin Branderup-Tannous ihre Arbeit präsentieren, darüber hinaus sind auch Gäste geladen, diesmal Quint Schneider und Marius Schneider. Quint stellte uns zwei seiner Deckhengste der Frederiksborger Rasse vor. Seinen Dantes kannte ich ja bereits aus Erzählungen und Fotos, toll, dieses eindrucksvolle Pferd einmal auch live zu sehen. Beide Hengste kamen quasi direkt von den Deckeinsätzen und es spricht sicherlich auch sehr für die Rasse und ihre Verbundenheit zu ihrem Menschen, dass sich die beiden Herren in der Gegenwart so vieler weiterer Pferde, Stuten wie Hengste so eindrucksvoll präsentierten. Das spricht für die Rasse und die Basisarbeit rund um die Kommunikation.

Bent war mit seinem Trio: Thysson, Dorado und Swan mit dabei. Frederiksborger Thysson begeisterte viele Zuschauer mit seinem Können zwischen den Pilaren, die „nächste Generation“ – PRE Swan und Dorado tanzten zur Klängen der Musik, die äußerst passend gewählt war. Swan, wie immer äußerst temperamentvoll und Dorado mit einem irrsinnig feinen Taktgefühl verzauberten das Publikum. 

Kathrin präsentierte ihre zwei Buben Nebo und Indus. Bei Nebo ging es vorrangig um das Thema Schulterkontrolle in der Boden- und Longenarbeit, mit dem Ziel den Rückenschwung korrekt in die leichte Vorhand zu übertragen. Wie immer war ihre Arbeit völlig unprätentiös und ehrlich auf den Punkt gebracht. Ein großes Kompliment an die Familie Branderup für ihre schöne Präsentation. 

Voll auf den Punkt, passend zur Musik, harmonisch und energetisch zugleich präsentierten sich Marius Schneider und sein Aramis in einer schönen Choreografie in Punkto Bodenarbeit, gepaart mit viel Freiarbeit. Man hätte vermutlich eine Stecknadel in den Hallenboden fallen gehört, so gebannt waren alle Zuschauer von der Darbietung der Beiden. 

Die Abendarbeit vom Mittwoch war wirklich ein toller Start in die Sommerakademie 2019. 

Donnerstag – Auf den Zahn gefühlt

Donnerstag Morgen präsentierten Bent und Kathrin erneut ihre Arbeit mit den Pferden, mit dabei waren auch Cara und Tableau, diesmal jedoch mit viel Hintergrundinformation und der Möglichkeit für viele Rückfragen. 

Am Nachmittag gab es einen Vortrag von Dr. Sandra Engels über die Entwicklung des Pferdeschädels und der Zähne – vom Urpferdchen bis zu unseren heutigen Equiden. Es gab auch viel anschauliches Material zum Abtasten und für ein besseres Verständnis, warum sich Pferdezähne so und nicht anders entwickelt und angepasst haben. 

Pferde brauchen heute große Zähne zur Futterverwertung, darum wurde der Kopf im Laufe der Evolution deutlich größer. Ponyköpfe bei sehr kleinen Tieren wirken oft skurril groß und nicht ganz passend im Verhältnis – der Kopf kann aber aufgrund der Größe der Zähne nicht noch kleiner werden – dies hätte natürlich auch wieder Folgen für die Pferde, für ihr Wohlbefinden, für ihre Psyche und natürlich für die Fähigkeit Futter zu verwerten und zu verdauen. 

Im Anschluss an den Vortrag gab es eine Demonstration von Kathrine Thygesen Buur – ebenfalls zum Thema Schwung. Kathrine arbeitet stark mit Bildern. Stets sucht sie nach den Stärken in der Bewegungskompetenz ihrer Pferde und versucht gleichzeitig den Fokus nicht auf die Schwächen zu legen. Dabei nutzt Kathrine Körpersprache. Was mir besonders gefällt, ist eben den Fokus auf die Stärken des Pferdes zu legen. Wie sich der Mensch in die Bewegung des Pferdes einbringen kann – ein äußerst spannendes Thema. 

Der krönende Abschluss des Tages: Annika Keller hatte zu einer sehr anschaulichen Präsentation geladen. Nicht immer lässt sich alles in Worte fassen – daher gibt es diesmal was zur „Nachschau“: 

Ich freue mich übrigens riesig auf Annika, die Ende Oktober bei uns in Graz zu Gast sein wird. Zum dritten Mal können wir aus Annikas Wissen rund um die Biomechanik schöpfen – und für die kalte Jahreszeit gibt es auch noch ein paar Wellnessideen für unsere Pferde – nämlich einen Massageschwerpunkt

Freitag – Wie es sein soll! 

Ein unglaublich spannender Tag erwartete uns am Freitag. Imke Eisenschmidt wurde von Rebecca Dahlgren unterrichtet. Rebecca zeigte die ersten Schritte vom Boden wie vom Sattel zum Thema Freiarbeit. Imke konnte Rebeccas Input sehr feinfühlig umsetzen – später hat Rebecca dann noch mehr zum Thema Reiten mit ihrem äußerst sympathischen „Bubble“ demonstriert. 

Pia Haas und Quint Schneider hatten ebenso eine gemeinsame Unterrichtseinheit mit Quints Palomino Frederiksborger rund um das Thema Sitz. Auch Kathrine Thygesen Buur und Annett Hofmann tauchten in Kathrines Thema ein: Körperarbeit und positiv verstärken, was bereits gut läuft. 

Das Highlight des Tages war aber sicherlich die Demo von Christofer Dahlgren und Marius Schneider. Die beiden Meister der Akademischen Reitkunst demonstrierten vor allem eines: Zusammenarbeit. Einmal im Jahr treffen sich die Beiden zum Training bei Bent, dabei wird gemeinsam getüftelt, überlegt und die Arbeit gegenseitig besprochen. Beide hatten zuletzt mit ihren Pferden am Thema Galopp gearbeitet und natürlich waren sie auf unterschiedliche Schwierigkeiten und Themenschwerpunkt gestoßen – jeder hatte einen unterschiedlichen Weg bzw. Herangehensweise gewählt – beide kamen sehr schön an das von ihnen definierte Ziel – der wertschätzende und offene Umgang zwischen den Beiden – genau so wünsche ich mir einen kollegialen Austausch unter Reitern aller Sparten. 

Dies wurde auch gleich bei der Sommerakademie gelebt. Parelli Instruktor David Lichman aus den USA war in Dänemark zu Gast tauschte sich intensiv mit der Ritterschaft aus. Ich habe mich sehr gefreut, David wieder zu sehen, hatte ich nach einer Empfehlung von Christofer das Vergnügen seine feine Pädagogik letzten September kennen zu lernen. 

Zurück zum Team Dahlgren-Schneider. Ich denke, ich kann für uns alle sprechen, wenn ich sage, wir hätten noch den ganzen Nachmittag den beiden Herren beim Fachsimpeln zuhören können. Äußerst Unterhaltsam und auch zum einen oder anderen Scherz aufgelegt brachten sie uns natürlich Theorie und Praxis näher – vor allem aber die Erinnerung, dass der Weg manchmal voller Hürden, gleichzeitig aber voller Spaß sein kann! 

Genau so soll Austausch sein. Ein riesiges Dankeschön dafür! 

Enthusiasmus ist einfach ansteckend – und dafür sorgte auch Stine Larsen mit ihrem wie immer anschaulichen Vortrag rund um das Thema Biomechanik. Probleme im Kiefergelenk –  übrigens bei 99 Prozent der Pferde häufig der Fall, Zahnhaken, Kaurichtung, Verspannungen, Knochenplatten, Kaumuskulatur und korrekte Fohlenhaltung. Stine streifte in ihrem Vortrag so viele Themen, die für die Ausbildung von Pferden relevant ist. Kiefer gut, alles gut – könnte man meinen. Auch in dieser Hinsicht freue ich mich riesig auf den Vortrag und Massageinput von Annika Keller, der die Teilnehmer sicherlich auch in Punkto Bewusstsein und Achtsamkeit über Prozesse und Vorgänge im Pferdekörper schärft. 

Ansehnlich demonstrierte Stine jedenfalls, wie Körperarbeit zu prompten Verbesserungen in Punkto Biomechanik führt. Du kannst das auch ausprobieren: Beuge dich nach vorne, um mit der Handfläche den Boden bei gestreckten Knien zu erreichen. Wie weit kommt man nach unten? Wie verändert sich das Ergebnis nach einer fünf Minuten Massage von Kopf und Nacken? 

Verblüffend? Ich weiß 😉 

Freitag gab es dann zum Abschluss noch den Brainpool zum Thema Rückenschwung. Dabei wurde der korrekte und falsche Rückenschwung erörtert, der Rückenschwung beim Reiten, Schwungrichtungen und vieles mehr. Es war tatsächlich spannend und hervorragend begleitet durch meine Kollegin Ylvies Fros. 

Nach dem Abendessen fanden wir uns erneut zum Fachsimpeln in der Halle wider. Der Tag war so kurzweilig. 

Wie immer hat man ständig das Gefühl, nicht alle Gespräche auf der Sommerakademie unter zu bringen, man bräuchte für das Zusammentreffen mit lieben Kollegen aus vielen Ländern einfach mehr Zeit. Da in sozialen Medien und auch oft im „echten Leben“ mehr das Trennende als das Verbindende in den Vordergrund gestellt wird, war die Sommerakademie ein Balsam in Punkto Wertschätzung und Austausch. 

Ein riesiges Dankeschön an Bent Branderup und Kathrin Branderup-Tannous für ihre Gastfreundschaft! Ein riesiges Dankeschön an das Backup-Team, die die Sommerakademie so toll organisatorisch umsetzen. 

Und natürlich ein riesiges Dankeschön an alle Kollegen, die hier ihre Arbeit präsentieren und uns zum Reflektieren und Nachdenken bringen. 

Willkommen 

Samstag, letzter Tag – und ein großer Tag für alle, die neu mit dabei sind. Diesmal war Julia Kiegerl zum ersten Mal mit dabei. Ich begleite Julia seit 2014 vom ersten Schritt in Punkto Akademischer Reitkunst an. Inzwischen ist eine tolle Freundschaft und ein kollegialer Austausch entstanden. Julia und ich unterstützen uns auch oft gegenseitg, so haben wir gemeinsam die Ausbildung von Tierschutzpferd Kea übernommen, die dann auch neue Besitzer gefunden hat und Julia ist im „Team Amena“, unterstützt mich also auch bei der Ausbildung meines Jungpferdes Maestoso Amena. Heuer hat auch Julias Schülerin Tanja eine schöne Arbeit bei ihrem ersten Kurs mit Bent gezeigt und konnte die Boden- und Longenarbeitsprüfung ablegen. Julia ist ein wertvolles Mitglied im „Einfach Reiten Team“ – gemeinsam leben wir im Team ebenso einen wertschätzenden und bereichernden Austausch, der uns in unserer täglichen Arbeit mit unseren Schülern auch weiter bringt. 

Ich freue mich auf die nächste Sommerakademie 2020. Das ist dann sicherlich die beste Sommerakademie aller Zeiten! 

Fotocredit: Celine Rieck

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Kursbericht: Sitz, Teil II

Kursbericht: Sitz, Teil II

Sommer am Sonnenhof. Das bedeutet traditionell Besuch von Bent Branderup. Der heurige Sommerkurs stand ganz unter dem Motto „Primäre Hiflengebung – Reitersitz“.

In der ersten Theorieeinheit ging es vor allem um Biomechanik von Mensch und Pferd. In der zweiten Einheit knüpfte Bent Branderup gleich an seinen Vortrag vom Vormittag an: 


„Wir haben heute Morgen über die Physiologie des Sitzes gesprochen. Wir haben uns auch die Biomechanik des Pferdes angeschaut. Im Bereich zwischen 14. und 16. Brustwirbel gibt es einen Wirbel der genau senkrecht steht – davor zeigen die Dornfortsätze nach hinten in Richtung Schweif und hinter dem so genannten Umkehrwirbel zeigen die Wirbel in Richtung des Schädels. Wir stellen uns also vor, dieser Wirbel würde im Idealfall immer zum Schwerpunkt des Reiterkörpers zeigen. In dem Moment, wo der Wirbel nicht mehr in Richtung Sitz zeigt, ist das Pferd aus dem Sitz des Reiters gefallen. Wir Reiter müssen also spüren, wo das Pferd aus dem Sitz fällt. Können wir hier mit der Vorder- oder Rückseite des Oberschenkels korrigieren? Ist das Pferd über die innere Schulter aus dem Sitz gefallen – dann kann die Hand über dem Widerrist als Korrektiv gesehen werden.“

Bent fasst hier nochmal die Praxiseinheiten des Vormittags zusammen. Mal haben wir mit dem  Bosalzügel die Balance korrigiert in der Handarbeit. Mal waren es Zehenspitzen-Drehnungen und Bügeltritte, die die Balance wieder hergestellt haben. Mal war es die Arbeit mit der Vorder- oder Rückseite des Oberschenkels, mal die Parade aus dem Oberkörper, mal die Parade von vorne geführt in der Bodenarbeit. 

Auf dem Pferd soll der Reiter immer als erstes Entspannung suchen und dann einzelne Übergänge im Sitz finden. Möchte der Reiter den Schwerpunkt mehr nach vorne, mehr nach hinten verlagern, mal eine versale Schwungrichtung erarbeiten, mal eine traversalartige Schwungrichtung erspüren – in all diese Übergänge muss das Pferd mitkommen, sonst hat der Sitz nicht geholfen. 

Vom Planen und Forschen 

„Wenn etwas nicht nach Plan klappt, dann greifen wir gerne zu Plan A oder Plan B. Das Problem mit Plan A und Plan B: beide erfordern vom Reiter, dass dieser das Endprodukt aus dem Sitz heraus kennt. Der Reiter muss also wissen, wie sich verschiedene Schwungrichtungen anfühlen müssen, er muss erkennen, ob der Plan überhaupt aufgeht. Wenn wir das Endprodukt nicht kennen und den nicht Sitz vorgeben können, dann können wir gar nicht spüren, ob wir mit Plan A oder Plan B erfolgreich waren.“

Bent Branderup lädt uns an diese Stelle ein, empirisch zu sein. Wir wecken den Forscher in uns, wenn es darum geht, herauszufinden, wie sich der richtige Sitz anfühlt, im Schulterherein, Kruppeherein, im Renvers, Travers, beim Zulegen und Versammeln. Unsere eigene Balancerichtung sollte immer gespiegelt werden durch das Pferd, mit dem Ziel die größt mögliche Harmonie zu schaffen. Wenn wir als Reiter die Balance verändern, dann soll der Hinterfuß des Pferdes „mitkommen“. Im Idealfall kürzt sich die Unterlinie ab, wenn wir den Schwerpunkt nach vorne nehmen und das Hinterbein somit einladen vermehrt nach vorne zu kommen. Die Oberlinie kommt zu einer Dehnung, wir nähern uns aus der Mittelposition durch das zitierte „Hand vor-Bauch vor“ von Egon von Neindorff dem vorwärts-abwärts. 

Wenn wir den Schwerpunkt nach vorne verlagern und der Hinterfuß des Pferdes kommt aber nicht mit, dann hat man das Pferd auf die Schulter geworfen. Bent Branderup schärft uns ein: 

„Daher ist es so wichtig den Unterschied zu verstehen zwischen vorwärts-abwärts und rückwärts abwärts. Das erste Descente bedeutet vorwärts abwärts. Dann kommt das eine oder andere Pferd zu tief, dann müssen wir am besten in der Bodenarbeit die ideale Formgebung der Wirbelsäule finden. In der Praxis ist es wichtig zu sehen, wenn ich eine Parade durch die Hand auslöse, wann diese tatsächlich auf die Hanken einwirkt und wann sie das Pferd auf die Schultern wirft. Daher sehen wir so viele Handstandpiaffen, da die Leute die Pferde mit rückwärts wirkenden Händen auf die Schulter drücken.  Das ist keine Parade sondern eine Blockade der Schulter.“

Sichtbar ist die Handstandpiaffe auch am rückständigen Vorderbein. Fühlbar wird dies auch, wenn das Pferd nicht mehr vorwärts gehen kann, da die Schulter blockiert ist und der Reiter starken Schenkeleinsatz nutzen muss, um überhaupt voran zu kommen aus der Versammlung. 

Bent Branderup kommt nun in seinem Vortrag zur Mittelpositur des Reiters zu sprechen. Diese ist bedingt von der horizontalen Balance des Pferdes. Haben wir ein Pferd im horizontalen Gleichgewicht, dann gehen wir nur mit dem Oberkörper ein wenig nach hinten und belasten das Gesäß nicht vollständig, um das Pferd zu Beginn nicht zu stark in der Lende zu belasten. Wenn wir nun unsere Balance mehr und mehr in Richtung innerer Hüfte des Pferdes nehmen, dann haben wir bei gleicher Formgebung eine Balanceverschiebung. Es geht also um Balanceverschiebungen und nicht um Formverschiebungen.

Hilfen sollen helfen


Wenn sich Hilfen widersprechen, dann zwingt man das Pferd allerdings zum Ungehorsam. Hier kommt die Ausbildung der Reiterhand ins Spiel. Am Besten, man kann das Pferd überhaupt aus dem Sitz versammeln – dann hat man keine Spannung und keinen Widerstand in der Hand. Kommt das Pferd aber in der Parade nicht mit, dann kann die Hand mit dem Pferd kommunizieren. Zuerst wird das Verständnis des Pferdes wieder vom Boden geschult. später auch vom Sattel. 

An dieser Stelle kritisiert Bent Branderup die aktuelle Mode, bzw. die Toleranz der Reiter, Gewicht in der Hand haben zu wollen. Augenöffnend war hier auch die Sektion eines Oldenburger Dressurpferdes in Oslo. Kandare und Trense hatten immense Schäden hinterlassen. Sogar die Backenzähne waren stark abgerieben. 

„Ich hab kein Problem mit Gebissen, ich hab ein Problem mit Händen. Das Gebiss kann keinen Schaden verursachen, aber die Hand schon. Manche Pferde sind klug und gehen hinter der Hand, um ihr Maul zu schonen. Für den Rückenschwung ist dies jedoch auch keinesfalls gesund. Ein großer Irrtum der Gegenwart ist, dass es legal wäre, Gewicht in der Hand zu haben. Der Unterkiefer kann das nicht aushalten. Ich bin also nicht gegen die Verwendung von Gebissen, ich bin für die Ausbildung der Hände. In dem Moment wo wir Gebisslos reiten und der Kappzaum ebenso Druck auswirkt, kann er die Wirbelsäule auch falsch formen. Der Halsring muss auch wo einwirken. Daher – man kann keinen Pfannkuchen machen, ohne ein Ei zu zerschlagen, aber es müssen ja nicht die Splitter in alle Richtungen fliegen und in den Pfannkuchen mit rein kommen.“

Daher legt Bent Branderup auch so viel Wert auf die besondere Schulung der Reiterhand vom Boden aus. Auch das Verständnis für die Hand muss beim Pferd eben erst entwickelt werden. Es muss die Mitteilungen verstehen. Wenn das Pferd die Parade nicht vom Sitz versteht, dann kann die Hand helfen. Zuerst der Sitz, dann die Sekundärhilfe. So die Vorgehensweise, wenn Sekundarhilfen den Sitz unterstützen sollen. 

Schwungrichtungen und Hinterbeine

Ein Hinterfuß kann am Boden stehen oder in der Luft sein. Wir haben also ein Standbein und ein Spielbein. Die Parade timen wir auf den Schwungmoment des HInterbeins. Der Stehende Hinterfuß verrichtet dabei eine Arbeit, die sehr schwer zu sehen ist. Wir müssen unseren Blick auf den Hinterfuß, der sich in der Luft befindet richten. Dieser zeigt vermeintliche Fehler des stehenden Hinterbeins an: Entzieht sich das Spielbein in eine bestimmte Richtung? Möchte es schnell vom Boden weg und schnell wieder zum Standbein werden? Der Fuß darf nicht kurz treten, dann hat die Hand den Hinterfuß abgestoßen, anstelle den Hinterfuß einzuladen, nach vorne zu treten. 

Fazit: Die Art, wie der Hinterfuß der Masse ausweicht, wo das Hinterbein also der Parade ausweicht – diese Art ist also die Entlarvung für den Fehler, der vom Standbein aus produziert wird. Die Ausbildung des Pferdes richtet sich dann individuell nach der Art auszuweichen – wir wissen also so, was wir in der weiteren Schulung verbessern. 

„Der innere Hinterfuß kommt also ach vorne, wir geben eine Parade wenn das Bein wieder auffusst, observieren wir genauer. Wenn das Bein richtig auffußst, dann ändern wir den Takt. Wenn die Paraden auf das innere Hinterbein schön klappen, dann nehmen wir den anderen Moment auf das äußere Hinterbein dazu. Dann können wir mit dem Oberkörper nach hinten gehen in dem Grad der Versammlung, die wir haben wollen. Das Pferd soll immer der Schwerpunktverlagerungen folgen.“

Bent lässt uns aufstehen und mit der Balance spielen. Wir stehen auf unseren Füßen und verschieben unseren Schwerpunkt in Richtung Zehe und wieder in Richtung Absatz. Mal nehmen wir den Schwerpunkt mehr auf den linken Absatz, mal auf den rechten und mal mehr in Richtung Zehenspitzen zu beiden Seiten. Wie wenig Verlagerung des Körperschwerpunkts ist nötig, um diese Balancverschiebung wahrzunehmen? 

„Das Dramatsiche, was ihr entdeckt habt ist Minimalismus. Der Anfänger muss leider so viel tun, damit er spürt, was sich rührt. Je fortgeschrittener man ist, umso kleiner wird alles.“ 

Die Kunst des Gleichgewichts

Bent fasst nun alle möglichen Steifigkeiten in der Hinterhand zusammen. Stimmt die Schwungrichtung und nimmt das Pferd die zweite Parade an, dann kann man langsam die Hankenbeugung zur dritten Parade steigern. In der Literatur erwähnt Bent Branderup, dass immer wieder davon geschrieben wurde „mit dem Gesäß die Hinterhand nieder zu drücken“. Branderup warnt hier jedoch davor, die Pferde in der Lende zu blockieren. Das Pferd geht dann nicht mehr über den Rücken, es macht einen Katzenbuckel und wird steif. Wir brauchen also enorm viel Ausbildung ehe wir eine Parade aus der Lende heraus tatsächlich geben können. 

Das Pferd braucht ebenso viel Ausbildung. Wenn die Wissenschaft konstatiert, dass das Pferd die Knie nicht bewusst beugen kann – dann widerspricht hier die Arbeit im Stand. Hier kommt nicht nur die physische Förderung zu Tage, sondern auch die mentale, die dem Pferd bei dieser ruhigen und langsamen Arbeit entgegen kommt und das Körpergefühl enorm fördert. 

Insgesamt muss sich jedoch die Aktivierung eines Hinterbeins immer nach vorne übertragen auf die Vorhand – besonders in der Versammlung. 

3 Punkte und 6 Schenkelhilfen

Bent Branderup erwähnt nun den 3-Punkte Sitz. er besteht aus den zwei Sitzknochen und dem Schambein. Im Idealfall befindet sich der Umkehrwirbel mittig zwischen den drei Punkten. Sitzt man allerdings zu weit vorne, dann wird es schwer für das Pferd, den Brustkorb hoch zu nehmen. Riskiert man, zu weit hinten zu sitzen, dann drückt man dem Pferd wiederum die Lende weg. 

Nun fasst Bent zum Ende der zweiten Theorieeinheit die 6 Schenkelhilfen für uns zusammen: 

Der innere Schenkel muss in eine abwärts Bewegung gelegt werden, der äußere Schenkel begleitet die aufwärts Bewegung des Brustkorbes. Innerer und äußerer Schenkel sollen sich nicht widersprechen. Der um sich herum biegende Schenkel führt als innerer Schenkel zur korrekten Biegung, unterstützt wird er vom „von sich weg biegenden Schenkel“. Im Stehen lernt das Pferd die ersten biegenden Schenkelhilfen gefolgt vom direkten Schenkel, der das innere und äußere Hinterbein  im Moment des Abfussens nach vorne einlädt. 

„Dann kann es passieren, dass ein äußerer Hinterfuß ausfällt – dann muss man ihn in der Luft befindlich wieder einfangen. Wenn der Hinterfuß in der Luft ist, können wir den Schenkel einsetzen – dann muss er als verwahrender Schenkel, den äußeren Hinterfuß zu seiner Funktion ermahnen. Verwahren kann man auch den inneren Hinterfuß, wenn der breit geht. Es kann aber passieren, dass ein Hinterfuß eng geht. Dass ein innerer Hinterfuß nach außen fällt – so muss der außere Schenkel als umrahmender Schenkel den ausfallenden Fuß in seiner Richtung anpassen. Hier spricht man nicht vom verwahrenden sondern vom umrahmenden Schenkel.“

In den Praxiseinheiten am Nachmittag wurde ausschließlich geritten. Besonders stolz bin ich auf meine Schülerin Julia Kiegerl, die souveräne Arbeit aus dem Sitz zeigte und so ihr Ticket zur heurigen Sommerakademie nach Dänemark lösen darf. Herzliche Gratulation zum „Squire“

Am Nachmittag sattelte ich meinen kleinen Conversano Aquileja I aka Konrad. Ich bin sehr stolz, wie gut Konrad schon einige Details aus dem Sitz versteht, obwohl ich bislang wirklich sehr selten auf seinem Rücken Platz genommen habe. Konrad findet so viel Freude an der gemeinsamen Kommunikation – und er liebt das Publikum. Viel Lob gab es beim Abendessen für meine fleissigen Schüler – und natürlich wurde auch nochmal auf Tanjas Boden und Longenprüfung angestoßen. Ein perfekter Sommerabend, bevor es am Sonntag nochmal ans Arbeiten ging! 

Genießen wir aber auch die schönen Momente, dann reiten wir Einfach 🙂 

Den Kurs zum Nachschauen gibt es hier:

Kursbericht: Sitz, Teil 1

Kursbericht: Sitz, Teil 1

Sommer, Sonne und die Sache mit dem Sitz. Am Horse Resort „am Sonnenhof“ hatten wir zum Tüfteln rund um das Thema „Primäre Hilfengebung“ geladen – unser Referent Bent Branderup sorgte dafür, dass Köpfe und Sitzknochen förmlich rauchten. 

Die Sache mit der Theorie

„Wenn wir das Pferd heute vom Boden ausbilden, dann verwenden wir Sekundarhilfen, um dem Pferd die primären Hilfen beizubringen. Später wollen wir herausfinden, welche Mittelungen können wir durch den Sitz geben und wie wirken sie auf das Pferd ein? Was im Pferd wollen wir überhaupt durch unsere Hilfengebung beeinflussen“, eröffnete Bent Branderup das heurige Sommerseminar. 

Biomechanik und Sitz

Die Auseinandersetzung mit der Theorie rund um den Sitz ist eng mit dem Brustkorb des Pferdes verbunden. Dieser hängt in den Schulterblättern aufgehängt, geführt wird der Brustkorb von den Vorder- und Hinterbeinen des Pferdes. Von vorne betrachtet zeichnete Bent Branderup einen Wirbel mit Dornfortsatz auf das Flichart, mittig durchgeschnitten, hinzugefügt wurden die Rippen und ein Brustbein. Das Schlüsselbein ist beim Pferd nicht vorhanden, die Aufhängung des Brustkorbes ist also eine rein muskuläre Sache, erläutert Bent Branderup

Wenn wir uns also auf das Pferd setzen, dann nehmen wir auf dessen Haltung selbstverständlich Einfluss. Wir drücken den Brustkorb nach unten – je weniger Belastung auf den Brustkorb kommt, umso besser. Hier ist das jeweilige Pferd natürlich individuell zu beurteilen. 

Individuell zu betrachten ist auch der jeweilige Sitz des Reiters. Jeder Reiter verfügt über seinen eigenen Sitz und seine eigene Biomechanik. Kein Sitzknochen gleicht dem anderen. Hier erzählt Bent Branderup aus einer Studie eines deutschen Herstellers von Rennfahrrädern. Tausende Kunden wurden hier ausgemessen. Das Fazit: Zwischen den zwei Sitzknochen der Männer gibt es durchschnittlich 8 cm Abstand, bei den Frauen betrug der Abstand ganze 12 cm. Alleine das macht ja auch einen ziemlich große Unterschied in der Art, wie man auf einem Pferd sitzt. Der kleinste gemessene Abstand zwischen den Sitzknochen war in der zitierten Studie 6 cm, der größte 17 cm.

Unsere eigene Biomechanik beeinflusst also natürlich unseren Sitz. Hinzu kommt die Frage, ob wir uns auf ein rundrippiges, flachrippiges, großes oder kleines Pferd setzen. 

„Es gibt keine zwei Menschen, die den gleichen Sitz haben können. Wie ist der Oberschenkel gepolstert? Bei einem langen Oberschenkelhals ist mehr Polster kein Problem, bei einem kurzen Oberschenkelhals ist mehr Polster dann schon im Weg. Die meisten haben davon gehört, dass ein Sattel dem Pferd passen sollte. Er sollte nach unten hin die Form des Pferdes haben, die wenigsten denken aber daran, dass dies nur die Hälfte der Geschichte ist. Der ideale Sattel passt nach unten hin dem Pferd und nach oben hin dem Reiter – und ermöglicht dem Oberschenkel frei nach unten zu hängen. Dann haben wir einen idealen Sattel“. 

Bent Branderup


Laut Bent Branderup ist das Problem auch unsere Körperkoordination. Können wir unseren Körper für den Sitz nicht wie gewünscht nutzen, dann werden wir auch nicht jedes Körperteil präzise einsetzen können. Manchmal ist eben auch ein Sattel im Weg. Im Idealfall soll der Sattel also den unterschied zwischen Pferderückenform und Menschenform ausgleichen. 
Bent Brandeurp fährt fort: 

„Dann haben wir die physische Einwirkung, wo wir das Pferd berühren, dann haben wir die statische Einwirkung, wo es um die Verlagerung des Schwerpunkts geht udn wir haben die Schwingungen, so dass wir in den Gangarten und den jeweiligen Schwingungen des Pferdes entsprechend einwirken“. 

Das Problem mit dem Sitz

Bent Branderup wird an dieser Stelle kritisch: 

„Dann haben wir in der Akademischen Reitkunst das Problem, dass der Sitz ja nur dann funktioniert, wenn das Gleichgewicht von Mensch und Pferd übereinstimmen. Wenn das nicht der Fall ist, dann müssen wir das Pferd erst vom Boden ausbilden. Das ist die Grundidee, wenn das Pferd nicht von Natur aus den Hinferfuss unter die Masse setzen kann. Dann braucht es eine entsprechende Ausbildung vom Boden aus, bevor der Akademische Sitz funktioniert“. 

Branderup mutmaßt, dass dies auch der Grund dafür sei, dass der Caprilli Sitz den Akademischen Sitz abgelöst hatte und in Vergessenheit geraten ließ. 

Beim Caprilli Sitz gehe man nicht von der Funktionalität des Hinterfusses aus. Nun zeichnet Bent Branderup Becken, Oberschenkel, Knie, Sprunggelenk, Fesselkopf und Hinterfuß auf das Flip-Chart. 

„Wenn wir drauf sitzen, zeichne ich die Wirbelreihe, dann sehen wir die Dornfortsätze sw. Dann haben wir einen Sitz und der Schwerpunkt kann sich innerhalb des Bereichs, wo wir sitzen bewegen. Der Schwerpunkt im Pferdekörper hat eine viel größere Beweglichkeit. Das Pferd kann das Gewicht auf die Schulter legen. Der Schwerpunkt soll aber mit dem Schwerpunkt des Reiters in Übereinstimmung kommen. Dafür muss der Hitnerfuß nach vorne greifen, unter den Punkt, wo der Reiter sitzt. Das ist die Voraussetzung, damit zwischen Reiter und Pferd Harmonie entstehen kann“. 

Balance und die Sache mit dem Weltall

„Balance ist die Grundlage für alles, was sich auf diesem Planeten bewegt. Wenn man einem Baum einen Ast abschneidet, dann muss er wieder so wachsen, dass der Baum wieder ins Gleichgewicht kommt. Die Evoltion ist Hand in Hand mit der Erdanziehungskraft entwickelt worden: Die Vorstellung, auf einen anderen Planeten zu ziehen ist ja nicht passend zur Balance, die die Evolution für uns geschaffen hat. Verschwindet die Erdanziehungskraft, dann verschwindet auch die Knochenmasse. Wir sind also an diesen Planeten gebunden und die Schwerkraft kann man auch nicht diskutieren – dieses Gesetz kann man nicht brechen.“

Bent zieht an dieser Stelle ein Resümee über die heutige Pferdezucht

„Nun haben wir Menschen durch züchterische Maßnahmen die Tragkraft der Pferde weggezüchtet. Ein landwirtschaftliches Pferd musste keine Tragkraft haben, sondern Schubkraft. Wir haben Pferde gezüchtet, wo die Fähigkeit der Muskeln weit entwickelt ist, das Öffnen der Hüftgelenke nach hinten raus zu begünstigen. Durch die Zucht sind auch unsere Rennpferde schneller, als sie jemals waren. Wir haben die Natur verändert. Spannend ist allerdings die Beobachtung der Mustangs. Dabei handelt es sich freilich um wild gewordene Zahmpferde. Ganz egal, welche Pferde wild geworden sind, sie suchen zurück zu ihrer Ursprungsform. Und bei genetischen Tests von Mustangs findet sich immer ein hoher Anteil von Sorraya Blut. Eine Rasse, die es in Portugal gibt und wo man sich darüber streitet, ob diese Pferde echt wild, oder halb wild sind“. 

Was wir von den Mustangs jedenfalls lernen können? Wir können beobachten wie sich diese Pferde die Hufe abnutzen, wenn keine Selektion für ein bestimmtes Zuchtziel vorhanden ist. Zum natürlichen Sein gehört auch eine gewisse Grundbalance – gerade für die Abnützung der Hufe. Was wir ein horizontales Gleichgewicht nennen, das brauchen wir später auch für den Grundsitz. In Nevada bei den Mustangs muss also dieSe Grundbalance ganz von selbst stafttfinden, damit alle Knochen die korrekte Belastung und Entlastung bekommen. Negatives Hufwachstum kommt – so Bent Branderup zustande, wenn der Huf falsch auffußt, dann kommt es zu einer Knochenbelastung und zu einem „falschen“ Knochenwachstum, das zu Arthrose führt. 

Man kann also auf einem Pferd, das sich nicht gut bewegt, nicht gut sitzen. 

„Es gibt auch Sitzschulungen, wo deutlich zu sehen ist, dass die Erfinder der Sitzschulung noch nie auf einem Pferd saßen, das sich korrekt bewegt hat“

Bent Branderup

Wir brauchen also zuerst die Herstellung von Gleichgewicht, bevor wir uns auf das PFerd setzen. Wenn wir also in der Bodenarbeit an Details tüfteln, ist das Reiten als späteres Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Daher müssen wir die Gewichtsmasse des Pferdes auch immer in ein korrektes Vorwärts arbeiten und nicht in ein falsches Seitwärts. Dann arbeitet man nämlich die Hinterhand weg von ihrer Funktion. 

„Wir sehen Seitengänge, wobei es für die Gelenke eine reine Glückssache ist, dass diese nicht kaputt gehen. Für starkes seitwärts kreuzen sind die Gelenke der Hinterhand nicht gemacht“. 

Bent Branderup

Die Sache mit dem Hinterfuß

Wir arbeiten also zuerst am Boden, um eine Kommunikation mit dem Pferd zu entwickeln und Balance zu schaffen. Der Hinterfuß greift nach vorne und hat zwei Grundbereiche, wie er überhaupt nach vorne gebracht wird. Einerseits erwähnt Bent Branderup nun das Hüftgelenk, welches den Fuß zwar nach vorne bringt, aber nicht für das korrekte Absetzen sorgt. Das Becken bewegt sich nach vor und runter und sorgt so ebenso für den korrekten Vorgriff. Knie und Sprunggelenke sind für das Heben und Senken zuständig. Wenn ein Pferd also die Zehen schleifen lässt, dann sind Knie- und Sprunggelenke nicht aktiv genug. 

Die Hinterhand erzeugt im Moment des Auffußens Entschleunigung. Beschleunigung und Entschleunigung müssen quasi Hand in Hand oder Hinterfuß mal Vorderfuß miteinander arbeiten. Wenn der Hinterfuß an der Entschleunigung teilnimmt, dann ist das Pferd bequem zu sitzen. Beschleunigt der Hinterfuß weiterhin und der Vorderfuß muss die Entschleunigung auffangen, dann spürt dies der Reiter durch harte Stöße. 

„Das Pferd kann für euch aber nicht unbequem sein, ohne für sich selbst unbequem zu sein“. 

Bent Branderup

Wenn der Hinterfuß allerdings auffußt und dabei Sprung- und Kniegelenke beugt, dann ist das Pferd bequem zu sitzen. 

Eine perfekte Parade zum Halten aus dem Galopp auf der Hinterhand oder Übergänge in den Schulsprüngen zwischen Croupade und Levade – das bezeichnet Bent Branderup als Perfektion der Anteilnahme von Dezeleration also Entschleunigung. 

Von der Entwicklung der Tragkraft hanteln wir uns also vor  zur Entwicklung der Federkraft und schließlich zur Entwicklung der Schubkraft. 

Von Fischen und Menschen 

Alle Tiere übertragen Schwung über die Wirbelsäule. Egal ob Mensch, Affe oder Fisch. Menschen sind Traber – schließt Bent Branderup und demonstriert, wie wir selbst locker aus den Schultergelenken heraus mit unseren Armen in der Bewegung schwingen. Was passiert, wenn wir die Arme verschränken? Wie geht es dem Pferd, wenn wir den Rückenschwung nehmen? 

Wenn wir aus der Hinterhand Schwung erzeugen, dann hätten wir ja gerne, dass dieser Schwung auch vorne im Pferd ankommt. Sichtbar wird das natürlich an den Nickbewegungen des Pferdes. Manchmal wird der Schwung, der natürlich auch den Reitersitz passieren muss vom Reiter förmlich weg geritten. Hier erklärt Bent Brandeurp den Unterschied zwischen dem physischen Sitz und dem Schwingungssitz. Um Teil an diesem Schwung haben zu können, muss auch der Sattel entsprechend gewählt sein. 

„ Wir haben eine Vorstellung von einer richtigen und einer falschen Kopfposition. Diese ist jedoch nur dann richtig, wenn sie in Übereinstimmung mit der Tätigkeit des gesamten Körpers ist. Wenn der Körper nicht mehr das tut, was die Körperposition bedingt, sehen wir eine falsche Kopfposition. Deswegen ist der ganze Kampf, den wir mit den Köpfen sehen ziemlich kontraproduktiv. Wir würden dem Pferd gerne sagen: Streck dich mal abwärts. Das Pferd kann in der Natur den Kopf runter nehmen und Gras fressen, wenn aber ein Reiter auf den Rückenmuskel drückt kommt es zu einem Anheben des Kopfes und damit ist die Abkürzung von Muskulatur in der Oberlinie verbunden. Wir hätten aber gerne, dass sich die Oberlinie dehnt, aber nicht nur im Halsbereich, sondern im gesamten Bereich der Oberlinie. Wir sprechen immer von Beugern und Streckern. Es kann aber keine Beugung aktiv sein, ohne dass die Strecke dementsprechend entspannen. Wenn die linke Bauchmuskaulatur daran beteiligt sein soll, das Becken nach vor und runter zu kippen, dann müssen sich die Muskelgruppen der rechten Oberlinie dehnen können. Wird Muskulatur zur kurz, dann kann sie den Hinterfuß und das BEcken nicht mehr nach vorne holen und das Pferd arbeitet nur noch aus dem Hüftgelenk aber nicht mehr aus dem gesamten Becken“. 

Bent Branderup

Das Auditorium denkt mit und zückt zum Thema vorwärts-abwärts die Stifte. Wir unterscheiden in der Theorie zwischen zu tief, vorwärts abwärts und rückwärts. Wenn das Pferd sich streckt, dann sehen wir ob ein Vorderbein frei wird und ob das Pferd mit dem vorgreifenden Vorderbein unter die Nase kommt. Fußt das Vorderbein nicht unter der Nase auf, sind bereits erste Fehler im Schwungbild festzustellen, der Schwung sollte aber nicht nur nach vorne sondern in eine bestimmte Richtung übertragen werden können. Wird das Vorderbein rückständig und kommt es unter den Reiter, dann ist das Schwungbild ebenso nicht korrekt. Bleibt ein Vorderbein rückwärts unter der Masse konstatiert Bent Branderup in Theorie und Praxis: 

„Dann sehen wir vermeintlich tolle Gangarten, der Reiter braucht zum Sitzen allerdings Kniekissen. Das Pferd wurde durch die Ausbildung auch nicht besser zu reiten.“

Uns interessiert aber der korrekte Schwung und da führt an Gustav Steinbrecht kein Weg vorbei.

„Steinbrecht sagt, das Pferd sollte sich um den inneren Sitzknochen hohl machen. Setzen wir uns also drauf und das Pferd wird hohl um den inneren Schenkel erzeugt der Brustkorb eine Rotation, die aus der Hinterhand kommt“. 

Bent gibt uns viel zu denken auf, in der Praxis wollen wir einerseits die Vorarbeit für den Sitz vom Boden begutachten und später die verschiedenen Formen des Sitzes vom Sattel aus spüren. 

Ich reite in der ersten Einheit meine Fuchsstute Tabby. Das weiter oben beschriebene Problem mit der korrekten Arbeit aus Hüfte und Becken, Vorgriff der Hinterhand…darüber könnten Tabby und ich wohl viel erzählen. Ich bin jedenfalls irrsinnig stolz, dass meine wilde Hummel sich nun so toll physisch und mental auf das Thema Hankenbeugung eingelassen hat. Ein Thema, das uns zu mehr Geschmeidigkeit und Durchlässigkeit – aber auch mehr Stolz und Selbstvertrauen verholfen hat.  In der ersten Einheit gelingt uns sogar ein schulmässiger Galoppwechsel. Ich bin stolz wie Oskar und freue mich irrsinnig über unsere Leistung, die auch mit einem Update unseres Status in der Ritterschaft später gefeiert wird. 

Ich bin irrsinnig stolz auf alle meine Schüler. Julia Kiegerl konnte mit unserem „kleinen“ Lipizzaner Jungspund „Amena“ am Vormittag reüssieren und mit ihrer Schülerin Tanja anstoßen, die bravourös den Boden- und Longenarbeitstest bei ihrem ersten Seminar mit Bent Branderup gemeistert hat. Kati zeigte schöne Handarbeit mit ihrer Beti, Jana erntete bereits in der ersten Einheit viel Lob für die Arbeit mit Picasso, hier war auch das Thema des korrekten Rückenschwungs im Vordergrund. Eva und Idolo zeigten sehr schöne Boden- und Longenarbeit, Jaana konnte sich durch die Arbeit mit dem Bügeltritt schon einiges am Vormittag mitnehmen für eine gleichmässige Arbeit im Schritt. Herzensbrecher Sleipnir hatte nach Christofer Dahlgren und Hanna Engström auch nach diesem Kurs einen neuen „Fan“, der Susi für die Stabilität in der Bodenarbeit einige Tipps mitgeben konnte. 

Nächste Woche gibt es den zweiten Teil zum Seminar mit Bent Branderup. Und wer es verpasst hat – eine filmische Nachschau gibt es hier: 

Und wer es versäumt hat? Bent kommt wieder. Am 12. und 13. Oktober 2019 widmen wir uns dem Thema Seitengänge in Ainring bei Salzburg. Anmeldung und Info für Zuschauer bei Eva Prax

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Das war PferNETZT 2019

Das war PferNETZT 2019

Zum zweiten Mal ging „Pfernetzt“ in Fulda über die Bühne. Austausch, Vernetzung und Wiedersehensfreude – eine Rückschau. 

Das Programm

Eine geballte Ladung Wissen und Austausch erwartete auch heuer die Pfernetzt Besucher an der „Fohlenweide“ in Fulda. Ich habe mich sehr auf diese tolle Location gefreut, aber natürlich war auch die Wiedersehensfreude groß. 

Organisiert wurde der Event auch heuer von einer Reihe engagierter Damen. Da ist Petra von der Pferdeflüsterei, Tanja von Tash Horse Experience, Christina von Herzenspferd oder Miri von Mein Faible – alles tolle Frauen mit tollen Projekten. 

Los ging es gleich mal mit einem Aufwärmtraining für Reiter. Das Team von „Functional Training für Reiter“ sorgte dafür, dass Po und Oberschenkelmuskel schon mal kräftig arbeiten mussten. Ausruhen auf dem Allerwertesten? Nein danke, und ich denke dem Gros der Zuschauer ging es wie mir: Ich war heilfroh über die Bewegungsmöglichkeit. 

Beweglich ging es weiter mit Anke Recktenwald. Anke führte in ihrem Vortrag ins Centered Riding ein und gab uns viele spannende Bilder mit. Ich habe meine eigenen Bilder und Gedanken hier sehr oft wieder gefunden und das zeigt auch einmal mehr: Alle Bilder führen nach Rom – oder – zwei Reiter ein Gedanke. Mit viel Humor führte Anke auch praktisch durch den inneren Bildergarten – schließlich denkt der Körper auch mit. 

In vielen praktischen Übungen suchten wir nach unserem Schwerpunkt im Stand. Anke betonte, die stützende Funktion der Knochen um mehr Bewegungsspielraum für Muskeln übrig zu haben. Viele Klassische Anweisungen führen ja zu einer festgehaltenen Position auf dem Pferd. Wir sollen still halten, dabei wäre es oft besser Bewegung zuzulassen – hierbei helfen Bilder, die Bewegung nicht verhindern. 

Gemeinsam forschten wir nach verschiedenen Bewegungsqualitäten. Schon mal als Kind „Pferd“ gespielt? Wie imitieren Kinder den Galopp und wie Erwachsene? 

Aber das waren natürlich nich die einzigen Bilder, die uns Anke zum Ausprobieren präsentierte. Die Pinocchio Nase machte Wendungen einfacher, Marionetten Pferde an den Knien gaben uns eine Vorstellung von sanfter Führung und die Schlüsselbeine zum Lächeln zu bringen – das sorgte auch für ein Lächeln im Gesicht. Bilder, die man verinnerlicht, wirken laut Anke immer optimierend auf den Bewegungsablauf. Mit jeder Wiederholung werden die Bewegungen besser durchdacht. Und ganz wichtig: Nicht immer nur das visualisieren, was man nicht will, sondern unbedingt das visualisieren, was man will! 

Mehr über Ankes Arbeit gibt es unter folgendem Link

Nach der Mittagspause gab es meinen Vortrag bzw. meine Übungseinheit über Schauspielkunst und Reiten. 

Schauspiel für Reiter

Schauspiel lässt uns tatsächlich zu besseren Reitern werden – kurz gesagt – von unserem Pferd wünschen wir uns Balance, Losgelassenheit und Durchlässigkeit. Ich habe fünf Übungen mitgebracht, die uns fürs Reiten helfen sollen besser in unsere Mitte zu finden. 

Einerseits wollen wir einem stressigen Alltag entkommen, wenn wir Zeit mit Pferden verbringen – andererseits lässt sich dieser Alltag ja auch nicht so einfach ausschalten. 

Ein Raumlauf, also das bewusste Aufnehmen des Raums, der anderen Menschen, der Luft, der eigenen Bewegung und Atmung kommen wir an. Ein paar spontane Bewegungsübungen lockern den eigenen Körper und sorgen eben – für Durchlässigkeit. Losgelassenheit kommt durch das Lachen dazu – ein Faktor der für unseren Weg als Ausbilder unserer Pferde unerlässlich ist. 

Wie ist es, wenn man nur wenig Feedback von seinem Reiter bekommt? Kann unser Pferd tatsächlich auch immer verstehen, was wir von ihm wollen? Auch diese Übung sorgte sicherlich für einige AHA-Erlebnisse. 

Innerhalb einer Stunde ein paar Schauspielübungen zu präsentieren – das ist vor allem für die Teilnehmer, die sich nicht kennen eine große Herausforderung. Die schwierigste Übung war hier sicherlich „Die Brücke“ – eine Übung, die unsere Standhaftigkeit testet und unser Durchsetzungsvermögen. Eine Komponente die für viele Reiterinnen besonders unangenehm ist – schließlich geht es ja darum, Zeit schön zu verbringen – man muss sich ja im Alltag ohnehin genug durchsetzen. Schauspielübungen erlauben uns aber in eine andere Rolle zu schlüpfen. Wir müssen nicht wir selbst sein – und wir können mit unserem Körper Gefühle und Einstellungen ausprobieren, die wir uns sonst eher weniger „umhängen“ würden. 

Und für die Praxis ebenso bewährt – manchmal muss man dem Pferd Mut zusprechen, obwohl es selbst am Mut mangelt. Auch hier lässt sich die Schauspielerei für die Reiterei gerne hilfreich kombinieren. 

Zeitgleich gab es Vorträge über die Trageerschöpfung von Karin Kattwinkel und über TTouches für Pferdeseele und Pferdekörper von Anke Recktenwald. Leider habe ich diese beiden Vorträge verpasst – beide hätte ich sehr gerne gesehen. 

Am Nachmittag habe ich mich bereits sehr auf ein Wiedersehen mit Ruth und Yvonne Katzenberger gefreut. Die zwei dynamischen Schwestern aus Bayern stellten ihr Konzept der Pferde-Ergotherapie „Pfergo“ vor.  Dieses Konzept beschäftigt sich mit den Basis-Sinnen – das heißt es spricht das taktive und vestibuläre System sowie die Propriozeption an. 

Pfergo

„Gibt es Probelme in der Wahrnehmungsverarbeitung, können sich gewisse Fähigkeiten des Pferdes, wie etwa Balance, Koordination und Durchlässigkeit nicht im notwendigen Ausmaß entwickeln“. 

Pfergo

Ein Pferdeergotherapeut erkennt, wenn Wahrnehmungsverarbeitung nicht adääquat funktioniert und fördert Pferde ganz entsprechend ihrer Sinne durch gezielte Übungen. 

Mit viel Humor und praktischen Beispielen erklärten Ruth und Yvonne die einzelnen Sinne: 

So ist das taktile System zuständig für die Wahrnehmung in der Oberflächensensiblität das umfasst die gesamte Hautoberfläche. Für die Körperwahrnehmung insgesamt eine wichtige Sache und spürbar für uns Reiter, wenn Pferde vielleicht Probleme  beim An- und Ausziehen von Decken haben oder bei der Anwendung von Fellsprays mit Abwehr reagieren. 

Das propriozeptive System ist quasi die Message Control der einzelnen Glieder und Gelenke zueinander. Steigt das Pferd auf einen Stein, gibt die Propriozeption an das Nervensystem weiter, wie sich die einzelnen Glieder zueinander verhalten müssen, um das Pferd nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Stichwort Gleichgewicht: Auch das vestibuläre System wurde unter die Lupe genommen, es ist notwendig für die Gleichgewichtswahrnehmung des Pferdes. 

Mehr über die spannende Ausbildung gibt es unter folgendem Link

Bei so viel Programm hat man die Qual der Wahl. 

So war es heuer leider nicht möglich, den Vortrag von Angelika Hutmacher zu hören. Ihr Thema: „Gesundes Vorwärts – Verstehen und Lösen von Blockaden mit Aufstellungen“ wäre sicherlich auch sehr spannend gewesen. 

Nach dem Abendessen folgte noch ein bewegender Foto-Vortrag von Simone Hage, die sich mit zwei Koniks und Hunden von Deutschland auf einen Wanderritt nach Dänemark aufgemacht hatte. 

Sonntag starteten wir mit Morgenyoga durch, neben Horse Aikido von Pettra Engeländer und Schönen Pferden bei Lisa Kittler standen noch viele weitere Themenschwerpunkte rund um Bewegung am Programm. 

Spannend war auch der Vortrag von Herdis Hiller rund um das Thema Pflanzenheilkunde für  den Bewegungsapparat. Wie Mariendistel, Brennessel, Yucca, Curcuma und Co dem Pferdekörper gut tun. Dass jede Pflanze ihre eigene Wirkweise und Dauer hat – manche Pflanzen Menschen helfen, für Katzen jedoch giftig sein können und warum man auch gewisse Pflanzen kombinieren sollte – all das rundete den sehr spannenden und sympathisch präsentierten Vortrag ab. 

Ich habe mich sehr gefreut auch heuer bei Pfernetzt dabei gewesen zu sein! 

Ein Highlight ist natürlich das Kennenlernen und der Austausch bzw. das Wiedersehen mit liebgewonnenen Kollegen. 

Es ist gut, Anfänger zu sein!

Es ist gut, Anfänger zu sein!

Womit fängt man an? 

In der letzten Theorieeinheit am Sonntag beim Seminar in Niederösterreich Ende April erklärt Bent Branderup noch einmal, warum wir nicht mit der Primärhilfe in der Ausbildung beginnen, sondern den „Umweg“ über die Sekundarhilfen auf uns nehmen müssen. 

„Wir haben heute keine Lehrpferde, die unseren Sitz schulen können. Wir müssen die Sekundarhilfe zuerst den Pferden und den Menschen vom Boden aus beibringen“. 

Bent Branderup

Für die Elite? 

Bent Branderup taucht wie immer ein, in die Geschichte der Reitkunst. Früher war die Akademische Reitkunst etwas für Eliten. Sie wurde an den höfischen Reitakademien gelegt, sie war an die Universitäten angeschlossen und die ritterlichen Reitakademien. 

Für die ritterlichen Reitakademien waren die Qualifikationen: Männlich, katholisch und adelig. Das heißt aber nicht, dass man die reiterlichen Fähigkeiten mitbrachte. Heute bin ich unterwegs und staune, welches Wissen sich viele Reiterinnen und Reiter aneignen. Im Gegensatz zu den alten Reitakademien haben wir den Vorteil, das wir nicht fertig werden müssen. 

Nicht fertig werden? 

Ein Raunen geht durchs Publikum. Hat er tatsächlich gesagt, wir müssen nicht fertig werden? 

Richtig, denn früher mussten die Pferde für einen bestimmten Zweck ausgebildet werden. Allerdings konnten sich die Könige von einst ja auch leisten, jahrelang das Pferd in Ausbildung zu geben. 

Bent erzählt nun von Aufzeichnungen aus königlichem Stallinventuren aus dem Jahr 1698, die er durchforstet hat. 

Mit 4,5 Jahren kamen die jungen Pferde ins Gestüt. Wurden dann angeritten und haben die Ausbildung begonnen. Zwischen 12 und 16 Jahren waren die Pferde in der Kür und gingen dann in den Stall des Königs über, wo sie dessen Gebrauchspferde wurden. Nach 10 Jahren im Dienste des Königs kamen die nun rund 25 Jahre alten Hengste in die Hofreitschule, wo sie den jungen Eleven den Reitersitz lehrten. Ein junges Pferd war also mindestens 6 bis 8 Jahre lang in Ausbildung, bevor es quasi in die Nutzung kam. 

Befrei dich vom Zwang

Wir müssen heute nicht fertig werden. Wir haben den Zeit und Luxus, uns im Detail verlieben zu dürfen. Wir können uns eben diese Details aneignen und die Fähigkeiten des Reiters durch die Ausbildung in den Vordergrund stellen. Gerade Pferde, die wir heute als schwierig erachten, schulen uns durch die verschiedenen Facetten der Bodenarbeit prächtig. 

Von einem etwaigen Problem in die Praxis: Ein Pferdebein, das sich in der Luft befindet, kann keinen Widerstand leisten. Daher können wir im Stehen exakt überprüfen, ob ein Pferd eine Hilfe, wie etwa eine Parade auch tatsächlich verstanden hat. Der Widerstand kann sich darin äußern, dass Spannungen im Pferdekörper vorhanden sind – mentaler und physischer Natur. Viele unserer Hilfen sind natürlich darauf bedacht, überhaupt keinen Widerstand zu haben. 

„Wenn das Pferd steht, dann zeigt sich ob das Pferd die Hilfe tatsächlich verSTEHT“. 

Bent Branderup

Diese detailverliebte Arbeit wird von Vorteil, wenn der Reiter viel über Hilfengebung und Sitz lernen kann. In der Bewegung kommt dann noch Schwung dazu. Im Stand entwickeln wir Reiter jedoch ein präzises Gefühl für die Gewichtsverteilung auf den vier Pferdebeinen. Gleichmässig? Immer zu einer Seite hin verschoben? Kann das Pferd ein Hinterbein etwa gar nicht belasten und weicht mit der Hinterhand aus? Somit lässt sich laut Bent Branderup schon im Stand überprüfen, ob das innere Hinterbein später im Galopp zum Tragen kommen wird – oder eben nicht. 

Die Luxus-Longe

Bent erzählt von seiner eigenen Ausbildung. Bei den verschiedensten Lehrmeistern oft Tage- oder Wochenlang an der Longe zu reiten war Luxus, allerdings ist das heute auch ein nicht leistbarer Luxus. Denn wer hat heute noch eine Hofreitschule? 

„Früher schon kostete es ein Vermögen, geschulte Reiter auszubilden. An den Reitakademien bekamen die Professoren für Reitkunst übrigens die höchsten Gehälter. An der Uni Göttingen verdiente ein Reitkunst Professor das doppelte und in Dresden das Fünfache im Vergleich zu einem Professor für Architektur.“

Bent Branderup

Wir müssen heute also andere Wege finden, um Reiter auszubilden. Und eine Möglichkeit, die Bent hier nennt, ist sich selbst zu longieren.  

Bent Branderup erklärt, dass die akribische Ausbildung auf dem Zirkel vor allem für den Reiter dienlich ist. Dieser kann sich auf viele Details im eigenen Körper konzentrieren. Wir können uns an der Longe vorstellen, wie es sich anfühlen müsste. So können wir langfristig unser Gefühl dahingehend schulen, um später zu beurteilen, was etwas der bessere und was der schlechtere Schritt war. Wie hat sich die Gangart angefühlt? 

Das Richtige muss verstanden werden gegenüber dem Falschen. Oder das Bessere gegenüber dem nicht ganz so Guten. Wie fühlt sich das an und wie sieht es aus? Was man zuerst in der Bodenarbeit sehen kann, nimmt man später durch die ausführliche Schulung des Gefühls mit in den Sattel. 

So nehmen wir eine laterale Verschiebung oder eine diagonale Verschiebung im Schritt unter uns war. Bei der lateralen Verschiebung bewegt sich das Pferd passartig, bei der diagonalen Verschiebung eher in Richtung Schulschritt. 

Ein einmal geschultes Gefühl bleibt dem „Sitz“ haften. 

So erzählt Bent Branderup von seiner Zeit auf Island und den unterschiedlichsten Tölt-Kulturen, denen er später begegnete. 

„Ich habe ein Jahr lang auf Island mit Pferden gearbeitet. Wir haben Pferde oder auch Schafe getrieben. Daher kann ich heute den Islandpferdereitern sagen, wenn man mit dieser Reitweise keine Schafe mehr treiben kann, dann habt ihr eure Kultur verloren. Wenn man Tölt nicht mehr im schwierigen Gelände reiten kann, dann bin ich uneinig wenn man heutige Töltinterpretationen nur mehr auf festgebügeltem Boden reiten kann. 

Wir haben verschiedene Interpretationen. Tölt hat man in der Südamerikanischen Tradition sicherlich anders definiert als in der Isländischen. Und genau so ist es mit anderen Dingen. Die großen Meister der Akademischen Reitkunst waren auch Vorbild für die HDV12. Aber man muss wissen, dass Steinbrecht nie ein Gebrauchspferd ausgebildet hatte. Steinbrecht hat Zirkuspferde ausgebildet. Um ein solches Pferd zu erwerben, musste man sich erstmal bewerben – und das taten die Leute sogar aus den USA“. 

Bent Branderup

Bent Branderup zeigt den Weg von Gustav Steinbrecht. Dieser war Schüler von Luis Seeger und dieser wiederum Schüler von Max Ritter von Weyrother, seines Zeichens Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule in Wien. 

Als dann später die HDV12 entwickelt wurde, kamen die besten Reiter ihrer Zeit zusammen und haben eine Reitweise „gebastelt“, die eine Anleitung bieten sollte, wie man so rasch wie möglich ein gutes Gebrauchspferd ausbildet. Allerdings war das Problem: 

Minimalismus

Minimalismus ist ein Privileg der Meister. Warum das so schwierig ist, erklärt Bent Branderup am Beispiel von Stellung und Biegung. 

Der Anfänger muss zu Beginn etwas übertreiben, damit man überhaupt sehen kann, ob das gewünschte Ergebnis da ist. Eine ganz leichte Stellung und Biegung ist schwieriger wahr zu nehmen. Man kann zu Beginn in der Übertreibung leichter sehen, ob das Genick im Konter zur Schulter steht, oder der Hals an den verschiedensten Stellen verbogen ist. Zunehmend entdeckt der Reitschüler dann, was übertrieben war und wo man reduzieren kann. Das gilt für viele Dinge. 

Zuerst müssen wir wahrnehmen können. Seitwärts ist auch nicht unbedingt gleichzusetzen mit guter Qualität von Seitwärts. Dafür brauchen wir aber auch eine Grundidee von Biomechanik aus der Theorie. Diese ist die Basis, um zu verstehen, was unser Pferd so besonders macht. Hat das Pferd Probleme mit den Knien? Hat es Probleme in den Sprunggelenken? Bewegen sich die Hüftgelenke in eine falsche Richtung? Gibt es gar Probleme im Rücken. 

Zuerst steht also immer die Analyse und dann einen Inhalt für unser Pferd. Wir müssen unserer Reise damit beginnen, was das Pferd kann. Wenn wir also zu Beginn sehr ruhig reiten, dann haben wir Zeit zu spüren und setzen das Pferd nicht starken Kräften der Beschleunigung und Entschleunigung aus. Wir erinnern uns an dieser Stelle an den ersten Theorieteil und die Probleme im Bereich des Schultergürtels. Wer mag kann nochmal hier nachlesen. 

Wir reiten zum Schutz unserer Pferde ruhig – später können wir mehr Energie hinzufügen. 

Jeder fängt als Anfänger an – aber nicht auf Facebook

Bent kritisiert die Unkultur in sozialen Medien, alles anzugreifen, was nicht perfekt ist. Das macht doch das Anfänger Dasein umöglich. Dabei kann der Anfänger doch noch gar nicht perfekt sein. 

Also nehmen wir uns die Ruhe, um unser Pferd zu analysieren. Wie fußen die Hufe auf? Was ist für die Gelenke gesund, was ungesund. Wenn das Pferd für uns nicht bequem ist zu sitzen, dann ist es für sich selbst nicht bequem. 

„Wir sind für dei Kunst zweckbefreit, aber leider auch zweckentfremdet. Deswegen reiten wir Lektionen nicht, damit das Pferd darin besser wird, sondern es ist wichtig, es ist wichtig, jede Lektion in ihrem Nutzen für das Pferd zu definieren. Nicht die Lektion muss besser werden, sondern das Pferd, dann war es richtig“

Bent Branderup

Schau in den Spiegel

„Wird eine Lektion nur dafür verwendet, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mal mögen? Menschen verwenden das Geld, das sie nicht haben, um Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen, um damit Leuten zu imponieren, die sie nicht mal mögen. Wenn wir so reiten, dann muss man sich zwangsläufig fragen, warum wir überhaupt Pferde haben. Menschen spiegeln sich in den Augen von anderen Menschen. Klar hat man eine Freude daran, anderen zu imponieren. Das ist ziemlich menschlich. Daher mögen wir auch ein Pferd, das uns besonders gut aussehen lässt. Aber dann sollten wir uns fragen, was ist Verliebtheit? Wir reiten ja unseretwegen, wegen der guten Zeit mit dem Pferd“. 

Bent Branderup

Übung macht den Meister

Wenn wir üben, dann werden wir auch Fehler begehen. Das macht nichts, solange wir die Fehler erkennen und an ihnen wachsen. Wenn man in sozialen Medien andere Reiter ausrichtet, dann kann man sich dadurch besser fühlen – man wird davon aber nicht besser. 

Selbsterkenntnis ist die Grundvoraussetzung, um weiter zu kommen. Auf dem Weg zur Reitkunst muss man daher immer wieder die eigne Ist Situation von Mensch und Pferd analysieren. Was kann man gut, was kann man weniger gut? Wo gibt es Probleme? Woran kann man wachsen? Daraus definieren sich die Inhalte der Ausbildung für PFerd und Mensch. 

Die Sache mit dem Jonglieren

Wer Jonglieren will, fängt auch nicht mit vielen Bällen gleichzeitig an. So ähnlich ist es auch mit der Sekundären Hilfengebung. Wir lernen ein Set an Hilfengebung, aber wir müssen eine Hilfe nach der anderen hinzufügen und uns immer wieder fragen: Bringt diese Hilfe gerade etwas? Wer schon mal unterscheiden kann zwischen den Hilfen von Unterschenkel, Oberschenkel, der Einwirkung von Hand und Zügel, den Gewichtshilfen, dem physischen und statischen Sitz, der hat schon ziemlich viele Bälle in der Luft. 

Die gute Nachricht

Nicht Talent ist ausschlaggebend, sondern Leidenschaft. Wer mit Passion dabei ist, dem wird beim Üben nicht langweilig. Und man darf nicht vergessen – wir müssen nicht reiten – wir dürfen. 

Unter den wachsamen Augen von Bent Branderup reiten wieder 8 Reiterpaare in Graz, am 29. und 30. Juni 2019, wenn wir uns bei diesem Themenseminar dem Sitz widmen werden. Viele verschiedene Pferderassen und unterschiedliche Themen in der Ausbildung sind vertreten. Zur Vorstellung der Reiter auf Facebook geht es hier..

Neugierig geworden? Dann teile mit uns deine Leidenschaft und sichere dir unter diesem Link die letzten Zuschauerplätze! 

Miteinander tanzen

Miteinander tanzen

Wie verbessern wir das Miteinander von Mensch und Pferd?
Wie schaffen wir einen gemeinsamen Tanz?

Beim Seminar mit Bent Branderup Ende April ging es um Sekundäre Hilfengebung. Kursbericht Teil 2 heute in meinem Blog:

Wir müssen Biomechanik immer im Verhältnis zum Reitersitz verstehen und begreifen. Anders gesagt: Der Sitz funktioniert erst dann, wenn die Hinterbeine unter den Bauch des Pferdes, genauer unter den Reiter fußen. Wenn die Schwerpunkte übereinstimmen zwischen Pferd und Mensch/ oder Sitz. 

Was Tanz und Reitkunst vereint

Für den Reiter bedeutet das, er muss zum perfekten Tanzpartner werden. ER muss in seinem Körper all das kommunizieren, was er vom Pferd gerne möchte. 

„Der Herr schlägt vor, die Dame interpretiert. Was man im Sitz macht, das muss das Pferd spiegeln. Das geht aber nur, wenn das Hinterbein sich in der richtigen Position befindet. Schon Xenophon wies den Reiter an, einfach so zu tun, als ob man mit den eigenen Füßen liefe“. 

Bent Branderup


Schwerpunktverlagerungein in einem Lebewesen sind so kompliziert, gibt Bent Branderup in seinem zweiten Theorievortrag an, dass kein moderner Computer diese Verlagerungen mitberechnen kann.

Von Elchen, Forschung und Schwerpunkt

Stichwort Elchtest – ein Auto bewegt sich im Vergleich zu einem Lebewesen weit weniger komplex. Der Zaubertrick der lebendigen Bewegung ist möglich durch ein Organ im Ohr, das effektiver arbeitet als ein moderner Rechner.

„Die Uni Stockholm hat jedes Pferdebein in einer Studie auf die Waage gestellt. Später kamen dann Hufschuhe mit einer Druckmatte. Ziel war es, die Schwerpunktverlagerungen messbar zu machen. Moderne Warmblüter wurden dann anpiaffiert – und die Ergebnisse waren bahnbrechend. Bis zu 80 Prozent der Tiere kamen auf die Vorhand. Kann man daraus tatsächlich den Rückschluss ziehen, Versammlung mache das Pferd schwerer auf der Vorhand? Spätestens in der Levade musste diese Hypothese jedoch widerlegt werden. Sind moderne Warmblüter überhaupt dafür geeignet, eine These von Gueriniere anzuwenden? Wenn ich in meinem Garten ein Loch grabe und keinen Wikingerhelm finde – habe ich dann tatsächlich den Beweis erbarcht, dass es die Wikinger gar nicht gab? Jede Antwort führt uns zur Möglichkeit weitere Fragen zu stellen. Daher gehe ich lieber von den Alten Meistern aus – sie haben tausende Jahre an Erfahrungen“. 

Bent Branderup

Was kümmert es die Hummel?

An dieser Stelle erinnert Bent Branderup an die Geschichte von der Hummel: Wissenschaftlich gesehen könnte die Hummel ja gar nicht fliegen. Glücklicherweise hat sich die Hummel nicht um eine solche Ansicht gekümmert. 

Für uns Reiter bedeutet das im Umkehrschluss vielleicht auch, nicht jede Aussage für uns für bare Münze zu nehmen. So mancher Ratschlag hat uns eher gebremst als beflügelt
Die Hummel flog also weiter, bis die Wissenschaft entdeckte, warum sie doch fliegen kann – sie macht übrigens eine Extradrehung für extra Auftrieb. 
Bent Branderup bezieht sich aber gerne auf erprobte Ratschläge – beispielsweise von Antoine de Pluvinel oder noch älter- Xenophon

Konkret interessieren uns an diesem Punkt der Theorieeinheit noch immer die Schwerpunktverlagerungen (wir erinnern uns: Reitkunst ist zwei Schwerpunkte zusammen zu bringen). In dem gemeinsamen Tanz soll das Pferd der Schwerpunktverlagerung des Menschen folgen. Nimmt er den Schwerpunkt in seinem Sitz also eher nach vorne, dann soll auch das Pferd im Idealfall so reagieren und auch mit seinen Hinterbeinen weiter nach vorne kommen.

Die Sache mit der Physik

Hier wird es spannend: Wie weit kann der Hinterfuß nach vorne mit schwingen, ohne dass das Pferd auf die Vorhand fällt? 
Als Ausbilder unserer Pferde wollen wir diese Fähigkeit bereits in der Bodenarbeit schulen – dabei geht es aber nicht nur ums Pferd, schließlich müssen wir sehen lernen. Es gibt verschiedene Richtungen, in die wir den Schwerpunkt verlagern können – und somit schlagen wir das nächste Kapitel der Theoriestunde auf: 

Die Seitengänge – oder anders gesagt: Balance

„Wenn man von Physika ausgeht und nicht von der Reitkunst, dann sprechen wir von Gleichgewicht. Die meisten Reiter haben das mit Newton aber nicht so ganz drauf.“

Bent Branderup

Wir berühren das Pferd physisch – wenn wir also auf dem Pferd sitzen, dann sind wir permanent da – wir können unsere Hilfe also oft nicht so leicht aufgeben. Und dann kommen noch die verschiedenen Schwingungen dazu. 
An dieser Stelle fragt Bent gerne in der Theorie ob denn Isländerreiter im Auditorium anwesend sind. Und verblüffend: Wenn er diese Reiter um ihr Sitzbild in Tölt oder Trab bittet, dann kann er ohne Pferd die Qualität der Gangmechanik des jeweiligen Pferdes entlarven. Mal ein guter Tölt, mal ein Scheinepass. 

„Wie sieht das Schwungbild aus und wie wird es übertragen – das ist die dritte Haupthilfe aus dem Sitz.“

Die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd überprüft der dänische Ausbilder am liebsten im Stehen in der Arbeit mit der Parade. Das Pferd soll sich im Stehen vorwärts abwärts strecken und den Sitz des Reiters spiegeln. Der Schwerpunkt muss sich aber auch mehr in Richtung der Hinterhand verlagern lassen. Aber fangen wir mit dem „Leichten“ an – und hier tröstet Bent Branderup die Zuhörer: 

„Schon Guérinière sagte, dass das Nachgeben die Schwierigste Hilfe ist. Denn das Nachgeben lässt sich nicht verstärken“. 

Wenn das Pferd die Hand sucht, dann kürzt es die Bauchlinie ab, es kommt zu einer Dehnung der Oberlinie und das Pferd fällt hoffentlich nicht auf die Schulter. Im Stehen können wir gut sehen, ob sich das Pferd in der Schultermuskulatur fest hält. Viele Pferde können sich in einem solchen Fall gut im Schulterherein (auch im Stand) lösen lassen. Für den Reiter bedeutet das, den inneren Schenkel sowie den äußeren Zügel zu benutzen. Aber der äußere Zügel darf nicht zu stark am Gebiss einwirken und die äußere Oberlinie abkürzen. Hier reist Bent noch einmal in die Vergangenheit der Reitkunst. Er erklärt im Detail, dass die Zügelhilfe wirklich auf den Lederriemen am Hals abzielt, man soll sich besser die Hilfe eines Halsrings als die Hilfe eines Zügels am Gebiss vorstellen.

Guérinière sei übrigens der einzige, der diese Hilfe so im Details erklärt. Viele andere Autoren innerhalb der Alten Meister gingen davon aus, dass ein Könner ihr Werk studierte. Dem Könner brauchte man dieses kleine Detail nicht verraten. Aus diesem Blickwinkel wäre es zudem spannend verschiedene Werke der Reitkunst zu studieren. 

Die Sache mit der Stillen Post

Weil es für viele Autoren eine Selbstverständlichkeit war, Selbstverständlichkeiten für Reiter nicht mehr zu erwähnen haben wir heute das Phänomen, dass der moderne Leser sofort mit der äußeren Hand (oftmals rückwärts) einwirkt, wenn er mit dem äußeren Zügel etwas auslösen möchte. 


Auf dem Weg zur Balance müssen wir mal die Schultern, mal die Hinterhand bewegen. „Warum reiten wir all diese Seitengänge“, fragt Louis XIII. seinen Reitmeister Pluvinel? „Damit wir gerade richten können“, lässt uns Bent heute wissen. 

Von Pluvinel geht es weiter zu den 200 Seiten von Gustav Steinbrecht. Das Gymnasium des Pferdes ist der Formgebung der Wirbelsäule gewidmet- der Frage, wie sich Schwung aus der Hinterhand zum Genick überträgt. 
Bereits am Vormittag konnten wir in der Praxis gut beobachten, wie die Reiter im Stand ihre Pferde in der Bodenarbeit formten. Nicht immer konnte man die Hinterbeine schon perfekt platzieren, um eine optimale Formgebung in der Wirbelsäule auszulösen.

Manchmal musste das innere Hinterbein quasi etwas weiter hinten stehen als das äußere Hinterbein – nur dann war es möglich, die Parade in der Bodenarbeit korrekt durch die gesamte Wirbelsäule zu schicken. Zwingt man die Hinterbeine in eine bestimmte Form, dann würde das Becken nach außen rotieren. Die Biegung wäre nicht mehr optimal. 

„Wenn wir aber weiter in die Hinterhand fühlen wollen, dann müssen wir auch die Gelenke der Hinterhand korrekt zueinander und parallel platzieren. Wir wollen das Gewicht mehr und mehr in Richtung Hinterhand verlagern. Zu Beginn werden wir das Pferd jedoch von der Körpersprache ausgelöst nach vorwärts locken, um dann im nächsten Schritt die Parade einzuleiten. Wie bringen wir dem Pferd dies bei, wenn es das physisch noch nicht kann?“


Bent Branderup ermuntert die Zuschauer zu Forschern zu werden. Das erste Ziel: Abwärts strecken. Daher also die Forschungsfrage: Kann das Pferd Gras fressen? So tief muss es sich aber nicht strecken – wir führen den Schwerpunkt zurück zu einer Grundbalance. Vielleicht kann das Pferd unsere Aufforderung aber auch mental nicht umsetzen? Immer auf das Individuum eingehen. 

„Ein Theoriebuch ist nur ein grobes Grundgerüst um das Ideal zu verstehen“. 

All diese Paraden – und wozu das Ganze? 

Bent Branderup erklärt eindringlich, warum ihm die Arbeit und Schulung der Paraden so wichtig ist. Wir können mit einem Stück Metall (Kandare) niemals die Hanken biegen. Reiter müssen verstehen, was eine Parade ist. Was ist eine Parade? Im Besten Fall ist eine Parade eine Mitteilung an das Pferd. Und nicht der Mensch führt die Parade aus, sondern das Pferd.

„Reite die Hinterfüße unter den Bauch des Pferdes und gib ihm eine Parade, so dass es die Hinterhand beugt“ – dieses Zitat von Xenophon ruft uns Bent Branderup immer und immer wieder in Erinnerung.

Diesmal fügt Bent Branderup noch einen Zusatz mit einem Augenzwinkern hinzu: „Und wenn wir diese Paraden geschafft haben, dann bekommt das Pferd die schönsten Gangarten, die man sich nur vorstellen kann“. 
Die Hand ist also nur eine Mitteilung an das Pferd. Das Pferd muss die Botschaft allerdings auch umsetzen können. Der Mensch denkt – die Hand lenkt – oder eben nicht. Der Mensch ist visuell und manuell geprägt. Wir wollen ständig mit der Hand etwas tun, aber auch die Reiterhand will erst ausgebildet werden. Sie muss in den Körper des Pferdes spüren können, um zu analysieren, wo etwaige Verspannungen liegen oder was eben aus der Hinterhand kommt – oder eben nicht. Und das Wichtigste: Die Hand muss auch aufhören können, wenn etwas erreicht wurde. 


Wenn wir das Pferd in der Bewegung arbeiten, dann lässt Bent Branderup in der Praxis prüfen, ob die Vorhand tatsächlich dort hin schwingt, wo die Pferdenase hinzeigt. Das Pferd soll zur nachgiebigen Hand hin dehnen. Für eine korrekte Dehnungshaltung brauchen wir aber eine gedehnte Oberlinie bei gleichzeitig aktivierter Bauchmuskulatur. Macht man den Hals kurz und eng, dann nimmt man dem Rücken die Tätigkeit. Das Becken muss sich bewegen können und darf nicht durch die Reiterhand ausgebremst werden. 
„Das erste, was wir also anstreben ist das Rausstrecken für ein horizontales Gleichgewicht“. 


Ob die Pferde in der ersten Einheit tatsächlich gut über den Rücken geschwungen ist, überprüft Bent Branderup dann gleich nochmal am Hallenboden. Der dänische Ausbilder wandelt durch die Halle und sucht nach Hufabdrücken. Er findet einen Abdruck im Sand und stellt sofort fest: 
„Hier haben wir ein leichtes Runterdrücken in der Zehe an der Innenwand. Da ist das Pferd nicht ganz in Balance. Aber dieser Abdruck hier, der ist gleichmässig in den Sand gedrückt. Man sieht sogar schön den Strahl. Da gehe ich davon aus, das wäre ein korrekter Hufniederschlag“. 
Das Pferd muss immer in seinen natürlichen Grundlagen gearbeitet werden. Das Pferd darf also nach seiner Ausbildung nicht schlechter laufen, konstatiert Bent Branderup: 

„Nehmen wir einen Weltmeister der Dressur und stellen wir dieses Pferd einem Mustang Hengst vor – dieser würde sich kaputt lachen, denn der Krüppel vor ihm wäre nicht mehr überlebensfähig. Nach zwei Wochen in der Wüste von Nevada wäre das Pferd tot. Solche Pferde, die wider ihrer Natur gearbeitet wurden, würden sich die Beine kaputt schlagen, wenn sie 40 Kilometer in Geröll und auf verschiedensten Boden schaffen müssten“. 

Immer wieder kommt Bent Branderup zum horizontalen Gleichgewicht in seinem Vortrag zurück. Es zieht sich wie ein roter Faden durch seinen zweiten Theorievortrag. Die Voraussetzung für einen guten Reitersitz ist auch, dass sich das Pferd im horizontalen Gleichgewicht bewegen kann. Bent spricht weiter von der zweiten Parade, wo wir immer mehr Gewicht auf die Hinterhand bringen wollen, um die Hinterhand in eine bestimmte Tätigkeit zu versetzen. 
Bent demonstriert anschaulich am eigenen Körper, wie die verschiedenen Bein-Positionen Beugung verhindern oder ermöglichen. Einmal das Bein schräg gestellt, einmal gegrätscht, einmal X-beinig – und schon kann man im Knie nicht mehr beugen. Daher ist eine gewisse Übereinstimmung zwischen der Körpermasse und den Gelenken unabdingbar. 


Folgt das Pferd der Schwerpunktverlagerung im Reiterkörper nicht, dann ist da die schon angesprochene Sekundärhilfe Reiterhand, die das Resultat verbessern soll – das geht aber nur, wenn die Pferde und auch die Reiter eine Ausbildung der Hand(habung) erfahren haben. In der zweiten Parade strebt der Reiter nach Bent Branderup nach dem Gefühl, das Pferd weiterhin schön über den Rücken zu reiten, nun trägt sich das Pferd aber selbst. Bent erklärt noch einmal anschaulich die verschiedenen Positionen, in denen wir die Sekundarhilfen schulen. Die Schenkelhilfen können wir aus der Bodenarbeitsposition vor dem Pferd, aus der Handarbeitsposition neben den Schultern des Pferdes, aus der Longenposition mit Distanz, aus der Langzügelposition und aus dem Crossover heraus, der alle Positionen vereint schulen.

So kann der innere Schenkel, sekundiert durch die Gerte das innere Hinterbein vermehrt zum Schwerpunkt holen, bis wir ein Schulterherein in der jeweiligen Position abfragen oder auch ein Kruppeherein, wenn die Gerte in Richtung der äußeren Hüfte des Pferdes zeigt. Vor dem Pferd spürt die Hand ganz anders, als neben dem Pferd, hinter dem Pferd oder mit zunehmender Distanz und natürlich macht es auch einen Unterschied, ob wir an der Longe arbeiten oder vierzügelig mit einer Hand über dem Widerrist des Pferdes. 

Dann erklärt Bent Branderup noch die einzelnen Touchierpunkte. Manchmal braucht man den Punkt nahe am Hüftgelenk um eben dieses zum vermehrten Beugen zu aktivieren. In der Bewegung kann man das steife Knie ebenso berühren – wenn die Hufe schleppen, dann wandert die Gerte am Pferdebein nach unten und fordert das Sprunggelenk auf, etwas mehr zu beugen. Das Sprunggelenk ist in seiner Tätigkeit an das Knie gekoppelt – man kann keine Sprunggelenkstätigkeit abfragen, ohne das Knie mit zu aktivieren. Das hat also oft einen positiven Effekt auf beide Gelenke. 
Bei aller Blickschulung in Richtung der Hinterhandgelenke gibt Bent Branderup aber noch einen Hinweis: Unterhalb des Knies sind relativ wenige Muskeln. An den Muskeln kann man innerhalb von Monaten an Verbesserungen arbeiten – allerdings sind unter dem Sprunggelenk nur noch Sehnen und Bänder zu finden – eine Verbesserung der Hinterhandtätigkeit in diesem Bereich bedeutet jahrelange Kleinarbeit. 

Was sind die Ziele der Ausbildung? 


„Der Fluch des Anfängers ist, dass man oft einen Weg anstrebt oder ein Ziel, das man noch gar nicht kennt“. 

Es ist aber wichtig ein Ziel zu definieren. Das gilt auch für unsere Touchierpunkte. Hier mahnt Bent davor zu sehr an einem Heben der Beine zu arbeiten – denn dann heben die Pferde die Hinterbeine aus dem Becken heraus, und dann..„..kriegen wir eine Rüden-Pinkel-Piaffe. Es geht also nicht darum, dass die Beine möglichst hoch kommen, es geht mit der Zeit um die verbesserte Fähigkeit der Elastizität und Dehnbarkeit. So ist das Ausbilden nur eine reine Unterweisung der Hilfengebung, schreibt Steinbrecht“. 
In der Theorie also hat unser Pferd die physische Fähigkeit – und hat es die Hilfen gelernt, dann braucht es lediglich Kommunikation, Fähigkeit und Routine. Routine hat auch etas mit dem zentralen Nervensystem zu tun. Und dort werden eben Bewegungsmuster gespeichert. 


Stichwort „Steinbrecht“

Mit einer Henkeltasse demonstriert Bent Branderup nun die Biegungen und wie die Oberschenkel die Vorhand lenken. Er erklärt, wie der äußere Oberschenkel den Brustkorb einladen kann nach oben zu rotieren und warum der innere Absatz tief sein muss (damit der Brustkorb innen gut runter rotieren kann – und natürlich soll der Reiter nicht in der inneren Hüfte einknicken). 
Die Schenkel sind also wichtige Assistenten, um den Brustkorb auf den Sitz einzurichten. 
Bevor es an die Praxiseinheiten geht, wiederholt Bent Branderup noch einmal die Schenkelhilfen. Die Köpfe rauchen: 

  1. der direkte Schenkel spricht das gleichseitige Hinterbein an
  2. Der um sich rum biegende Schenkel sorgt für die korrekte Biegung und wird unterstützt vom 
  3. Von sich weg biegenden Schenkel
  4. Fällt ein Hinterbein aus, dann benutzen wir den verwahrenden Schenkel
  5. Der umrahmende Schenkel fügt sich ebenso in das Konzert der Hilfengebung und zuletzt fügen wir noch den 
  6. Versammelnden Schenkel hinzu, der dem Pferd den Moment des Abfussens mitteilt. 

Das Endprodukt


Sehen wir laut Bent Branderup sehr gut in der Gebrauchsreiterei. Wir dürfen beim Reiten in der Bahn keine Dinge tun, die für den Gebrauch unplausibel wären. 


In der Praxis am Nachmittag war wieder alles dabei. Bodenarbeit, gerittene Arbeit. Unermüdlich referierte Bent Branderup und wurde nicht müde immer wieder auf die wichtigste Hilfe hinzuweisen. Den Sitz. 


Mehr zur Primären Hilfengebung gibt es beim Sommerkurs mit Bent Branderup in Hart bei Graz. Neugierig geworden?
Die letzten Zuschauerplätze könnt ihr unter folgendem Link ergattern. Wir freuen uns schon sehr, wenn wir im Sommer in den Genuss von 3 Thoerie-Einheiten und 24 Praxiseinheiten kommen – gefolgt von einem immer emotionalen Wort am Sonntag. 

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