Monsier Guérinière und die Reiterhand- Teil 2

Monsier Guérinière und die Reiterhand- Teil 2

Was hat die Hand beim Reiten eigentlich zu tun? Kannten die Alten Meister bereits die natürliche Schiefe und wie war es mit einhändiger versus beidhändiger Zügelführung. Im zweiten Teil unseres fiktiven Interviews mit François Robichon de la Guérinière (1688-1751) gehen wir dieser Fragen auf den Grund.

In unserem letzten Gespräch war ein Grundsatz, dass der Reiter die Wirkung beider Zügel in einer Zügelhand spüren soll. Wie unterscheiden Sie einhändiges und beidhändiges Reiten? 

Guérinière: Mit geteilten Zügeln reiten bedeutet, den rechten Zügel in die rechte Hand und den klinken Zügel in die Linke Hand zu nehmen. Mit geteilten Zügeln  reitet man Pferde, die es noch nicht gewöhnt sind, einhändig geritten zu werden. Auch benutzt man sie bei Pferden, die sich widersetzen oder anderen Probleme in der Ausbildung haben, die mit einer Hand nicht gelöst werden können. Es gibt drei Arten die Zügel zu halten, nämlich in beiden Händen geteilt, gleich lang in der linken Hand oder einen kürzer als den anderen wenn man das Pferd auf einer Hand arbeitet. 

Damit meinen Sie die Biegung, ist diese auf beiden Händen gleichmässig möglich? Sie erwähnten Schwierigkeiten bei der Ausbildung? 

Guérinière: Nach meiner Erfahrung nach ist es für das Pferd weit schwieriger sich nach rechts, als nach links zu biegen. Die meisten Pferde sind von Natur aus steifer auf der rechten Seite. Beim einhändigen Reiten hält der Reiter die Zügel in der linken Hand – auch dieses Konzept vermag die Schwierigkeit nach rechts in der Biegung zu unterstreichen. Da die Zügel durch den kleinen Finger geteilt werden, wirkt der linke Zügel, der unter dem kleinen Finger liegt stärker als der rechte Zügel, der unter dem Ringfinger hindurchgeht. Da Sie heute aber mehr zum Vergnügen als zu einem bestimmten Zweck reiten, goutiere ich den Wechsel der Zügelhand sehr, man hat heute den Luxus, dass man nicht mehr unbedingt in der linken Hand einhändig führen muss. Zu meiner Zeit gab es also nur wenige Reiter, die den rechten Zügel gut zu benutzen verstanden, die linke Hand wurde auch meist tiefer getragen. Egal ob man den rechten oder linken Zügel als inneren Zügel annimmt, man muss immer das Gefühl des äußeren Zügels behalten, die Biegung muss aus dem Widerrist, sie sagen heute auch Halsbasis dazu heraus entstehen und nicht vom Ende der Nase, da ansonsten eine unschöne Stellung zustande kommt.

Wo würden Sie die korrekte Lage der Hand beschreiben? 

Guérinière: Das kommt ganz darauf an, wie hoch das Pferd eigentlich den Kopf trägt. Bei Pferden, die den Kopf tief halten, rate ich dazu die Hand etwas höher zu nehmen, als gewöhnlich, um das Pferd wieder aufzurichten. Pferde, die die Nase wegstrecken verlangen im Gegenzug dazu nach einer etwas tiefer gehaltenen Hand. Ich betone allerdings, dass sich ein jeder Reiter auch mit der Beschaffenheit des Gebisses, welches er seinem Pferd zumutet auseinander setzen muss. Schließlich wirkt eine hohe oder tiefe Hand ganz anders auf beispielsweise eine Kinnkette.

Was ist die größte Herausforderung für die Reiterhand? 

Guérinière: Zweifelsohne, das Nachgeben. Auch eine sehr leichte Hand kann aber das Problem entwickeln, die Verbindung zum Pferdemaul zu verlieren.

Weich ist die Hand, wenn sie die Wirkung des Mundstücks ein wenig fühlt, ohne das Pferd fest zu halten. eine leichte, weiche und stetige Hand hält das Pferd in vollendeter Anlehnung.

Wichtig ist: wenn man mit der Hand nachgegeben hat, also zur leichten Hand gewechselt hat, muss man sanft den Kontakt mit dem Pferdemaul suchen und aufnehmen, um nach und nach die Anlehnung des Mundstückes in der Hand zu fühlen. Dies nennt man eine weiche Hand haben. Nun verhält man das Pferd immer mehr und geht zu einer stärkeren Anlehnung über, reitet als mit stetiger Hand, bevor man wieder sanft nachlässt und das Gefühl für das Mundstück in der Hand verringert und danach zur leichten Hand übergeht. 

Ich beobachte immer wieder, dass es für Reiter sehr schwer ist nachzugeben – also beim Nachgeben eine Mitte zu finden. Entweder schafft es der Reiter nicht loszulassen oder der Zügel wird quasi hingeworfen, das Pferd fällt dann auf die Vorhand ins Leere? 

Guérinière: Vielleicht kann hier meine Faustregel behilflich sein, dass die weiche Hand immer vor der stetigen Hand kommen muss und auch wieder nach der stetigen Hand zum Einsatz kommen muss. Nie darf man plötzlich nachgeben oder das Pferd im Maul festhalten, denn sonst würde der Reiter auf Dauer das Pferdemaul verderben und das Pferd zum Kofpschlagen bringen. Wenn man das Pferd aber schon auf die Vorhand gebracht hat, dann darf man nicht noch einmal nachgeben oder die Hand sinken lassen. Das Nachgeben zur richtigen Zeit ist die beste Überprüfung der Hilfen, bleibt das Pferd dann im Rahmen, den wir ihm gegeben haben, dann haben wir die Sache gut gemacht. Den richtigen Zeitpunkt zu treffen, das ist allerdings eine große Sache von Gefühl, eine Fähigkeit, die lange Schulung beim Reiter bedarf.

 

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Monsier Guérinière und die Reiterhand -Teil 1 

Monsier Guérinière und die Reiterhand -Teil 1 

Was hat die Hand beim Reiten eigentlich zu tun? Ein Mysterium der Reitkunst, wobei ein großer Meister der Vergangenheit hier etwas Licht ins Dunkle bringen kann. Die Rede ist von François Robichon de la Guérinière (1688-1751).

In seinem Werk beschreibt er ausführlich alles über Hand- und Zügelwirkung. Wie würde eine Reitstunde oder ein Interview mit ihm wohl heute aussehen?

Wie muss denn eine Reiterhand überhaupt beschaffen sein? 

Guérinière: Der Herr von Brouè und der Herzog von Newcastle beschreiben eine gute Hand als leicht, weich und stetig.

Das sagt sich so einfach – wo schlummern denn die  meisten Tücken, auf dem Weg zu einer leichten, weichen und stetigen Hand? 

Guérinière: Ja, Sie haben recht. Die Vollkommenheit der Hand hängt ja freilich nicht alleine von der Hand alleine ab, sondern auch vom Sitz des Reiters. Wenn der Reiter nicht im Gleichgewicht sitzt und auf dem Pferd zu Schwanken droht, dann kommt natürlich auch die Hand aus der Position, wo sie sich befinden sollte. Sie verliert also Funktionalität und der Reiter, der die Kontrolle über den Sitz wieder erlangen zu trachtet, ist mit seiner Körperhaltung beschäftigt, aber nicht mehr mit der korrekten Wirkung der Hand.

Die modernen Reitvorschriften besagen, dass Zügelhilfen immer eine Anwendung in Verbindung mit entsprechenden Gewichts- und Schenkelhilfen finden muss? 

Guérinière: Das hat heute auch noch Gültigkeit. Die Schenkelhilfen müssen auch mit der Hand übereinstimmen, weil sonst die Wirkung der Hand nie genau sein kann.

In der Fachsprache nennt man dies, mit Hand und Schenkeln übereinstimmen, was die Vollkommenheit aller Hilfen bedeutet. Die Hand muss immer zuerst wirken, und die Schenkel müssen diese Bewegung begleiten, denn es ist ein Hauptgrundsatz sowohl der natürlichen wie auch der künstlichen Gänge, dass der Kopf und die Schultern des Pferdes zuerst gehen müssen. Da das Pferd vier Bewegungsrichtungen hat, nämlich vorwärts, rückwärts, nach rechts und nach links, muss auch die Zügelhand viererlei Wirkungen hervorbringen, nämlich Nachgeben, Anhalten, Wenden nach rechts und Wenden nach links.

Bleiben wir bei den Parallelen der heutigen, modernen Reiterei. Hier werden die Zügelhilfen als nachgebend, annehmend, aushaltend, verwahrend und seitwärtsweisend beschrieben. Eine Definition, der Sie auch zustimmen würden? 

Guérinière: Ja, die erste Wirkung ist eindeutig mit der Hand nachzugeben, um das Pferd überhaupt vorwärts gehen zu lassen. Das Anhalten des Pferdes mit der Hand, erfolgt, indem man die Hand dem Körper nähert und die Zügel mit etwas aufgedrehten Fingernägeln annimmt. Diese Hilfe verwende ich nicht nur um ein Pferd anzuhalten, sondern auch um es zu parieren, mittels einer halben Parade aufmerksam zu machen oder auch rückwärts gehen zu lassen. Wichtig ist jedoch bei dieser Hilfe nicht zu stark in die Steigbügel zu treten, sondern man muss mit der Bewegung des Pferdes mitgehen und dabei die Schultern etwas nach hinten nehmen.

Die dritte Wirkung der Hand ist die Wendung nach rechts. Man führt die Hand auf die rechte Seite und hält die Nägel etwas aufwärts, damit der äußere, also der linke Zügel, der hierbei wirken muss, etwas früher wirken kann.

Die vierte Wirkung oder die Wendung nach links erfolgt, indem man die Hand auf die linke Seite führt und hierbei die Nägel etwas nach unten dreht, damit der äußere Zügel in diesem Fall der rechte, der den Druck gegen den Hals ausübt, einwirken kann.

Wie sieht es mit der Erarbeitung von Stellung und Biegung aus? 

Guérinière: Wir gehen davon aus, dass wir ein Pferd in der Reitbahn arbeiten, um es weiter auszubilden. Der innere Zügel muss nun etwas verkürzt werden, somit kann der Reiter den Kopf etwas leichter nach innen zu stellen. Ich muss betonen, dass nur ein Pferd, das gebogen ist in die Reitbahn gehört. Der innere Zügel darf allerdings nicht zu stark verkürzt werden.

Der innere Zügel soll also etwas kürzer, aber doch nicht zu stark verkürzt werden? 

Guérinière: Das ist korrekt, denn wie bereits beschrieben gehört zu unseren Zielen in der Ausbildung die Erarbeitung einer korrekten Biegung. Ist das Pferd in der Reitbahn gebogen, dann verlangt es bereits die mathematische Betrachtung des Pferdes auf einem gebogenen Zirkel, dass der innere Zügel etwas kürzer ist als der äußere. Schließlich beschreitet das innere Beinpaar des Pferdes auch einen kleineren Zirkel als das äußere Beinpaar. Wird der innere Zügel jedoch zu kurz gefasst, kommt es zu einer falschen Anlehnung, möglicherweise zu einem Verkürze des äußeren Zirkels. Grundsätzlich muss man in der Zügelhand immer die Wirkung beider Zügel fühlen müssen.

Die Wirkung beider Zügel in einer Zügelhand bedeutet jedoch, dass die Zügel nicht beidhändig, sondern einhändig geführt werden.

Mehr dazu im zweiten Teil des Interviews…..

Die Sache mit der Schubkraft

Die Sache mit der Schubkraft

Schubkraft und Tragkraft – was brauchen wir in der Reitkunst tatsächlich für ein gesundes, über den Rücken gehendes Reitpferd? Diese Fragen bespreche ich an einem nebligen Jännernachmittag mit Bent Branderup, nachzulesen im heutigen Blogbeitrag:

Bent, du hast mal gesagt: ein Pferd bleibt immer ein Pferd, ein Mensch muss halt erst zum Reiter werden. Ein Pferd an sich wäre ja nicht unbedingt zum Reiten gemacht. Wir müssen, wie es so schön heißt, seine Tragkraft stärken. Die Tragkraft ist in den letzten Jahren quasi zum „Nonplusultra“ geworden. Ist die Schubkraft gänzlich zu vernachlässigen? 

Bent Branderup: Zunächst müssen wir uns überhaupt einig werden, woher die Begrifflichkeiten „Schubkraft“ und „Tragkraft“ kommen und was sie bedeuten. Die Schubkraft entsteht durch die Tätigkeit der großen Muskeln in der Hinterhand, die für das Öffnen der Gelenkwinkel zuständig sind. Die richtige Tätigkeit des vorgreifenden Hinterfußes hängt zusammen mit der aktiven Rumpfmuskulatur.Der Hinterfuß, der die Schubkraft erzeugt, bewirkt eben ein Öffnen der Gelenke, sowie eine Abkürzung der Rückenmuskulatur. Schubkraft wirkt also auf das Standbein ein, der Fuß am Boden ist aber auch die Basis des Spielbeins und für dessen Aktivität zuständig – dies aber nur in Zusammenarbeit mit einer tätigen Bauchmuskulatur. Somit wäre es auch ein Irrtum, dass Schubkraft alleine einer Trageerschöpfung entgegen wirken könnte.

Brauchen wir denn die Schubkraft? 

Bent Branderup: Jein, aber ergänzen wir die Frage durch ein „wann“. Eine Passage, die braucht einen vermehrten Druck in den Boden vom stehenden Hinterfuß. Dies kann man aber meines Erachtens nicht wirklich als Schubkraft bezeichnen. Die Kräfte müssen schon immer ihre richtige Benennung haben.

Der heutige Turnierreiter benennt jeden Druck vom Hinterfuß in den Boden hinein als Schubkraft. An sich muss man aber Kräfte ihrer Wirkung entsprechend benennen. Daher ist eine Kraft, die in den Boden reingeht um das Pferd zu heben auch eine Tragkraft. Am deutlichsten ist das bei einem Übergang von einer Levade zu einer Croupade sichtbar. Wie könnten wir es besser benennen? An sich findet auch hier ein Öffnen der Gelenke statt, allerdings ist die Kraft, die im Brustkorb des Pferdes ankommt eine ganz andere, als die Kraft, die wir messen, wenn der Brustkorb des Pferdes sich beim Kutschenfahren ins Geschirr stemmt.

Eine Levade ist aber nicht zwingend ein positives Beispiel für Tragkraft. So sehen wir auch Levaden, bei denen die Kraft unphysiologisch über den Rücken übertragen wird. Oder wir sehen Levaden, die sogar einen langen Hängerücken, wie bei meinem Tyson, wirklich anheben können. Nur weil ein Hinterfuß in den Boden hineindrückt, heißt das noch lange nicht, dass die Bauchmuskulatur auch wirklich aktiviert wird. Es geht immer um das Zusammenspiel und die Verkettung von Muskelgruppen. So kann die selbe Übung einmal einen Katzenbuckel beim Pferd auslösen, den Rücken dabei runden, aber gleichzeitig das Pferd im Brustkorb nach unten drücken. Dann entsteht eine Trageerschöpfung im Schulterbereich. Auch durch den Einsatz von Sporen, die die Bauchmuskulatur vermeintlich aktivieren sollen, finden wir trotz angehobenem Rücken – oder deutlicher gesagt – angehobener Lende und angespannter Bauchmuskulatur (durch den Katzenbuckel) eine Trageerschöpfung beim Pferd.

Wir hätten also gerne Kräfte, die das Pferd dazu befähigen ein Reitergewicht zu tragen. Daher sind diese Kräfte richtigerweise mit „Tragkraft“ bezeichnet. Würden wir gerne ein Kutschpferd ausbilden, dann muss das Pferd ja lernen mit seinem Brustkorb in das Geschirr hinein zu drücken. Das ist dann die richtige Definition von Schubkraft. Um zu unserem Beispiel mit der Levade zurück zu kommen: den Unterschied zwischen einer richtigen Levade und einer falschen sieht man am besten in der Pesade. Hier kürzt sich die Rückenmuskulatur deutlich ab. Deswegen führt eine richtige Levade auch immer zu einer Verbesserung der Grundgangarten, während bei einer Pesade das Gegenteil der Fall ist.

Anders und aus Sicht der Akademischen Reitkunst gesagt: wenn der Hinterfuß in den Boden drückt, so dass das Pferd vorne in die Hand des Reiters drückt oder hinter der Hand geht, dann sind es falsche Muskelverkettungen, die von hinten nach vorne aktiviert wurden.

Manche Reiter wollen aber das Gewicht in der Hand spüren. Das was diese Reiter als Schwung bezeichnen, nennen wir in der Akademischen Reitkunst Spannung. Und wie schon die Alten Meister sagten: Spannung und Schwung schließen sich gegenseitig aus.

Bleiben wir beim Thema Begriffe und Definitionen: was sagst du zur Bezeichnung der „positiven Körperspannung“? 

Bent Branderup: Leider gibt es sehr viele verschiedene Auffassungen davon, was eine positive Körperspannung ist. Der Begriff wird ja auch benutzt um eine extrem spannungsgeprägte Reiterei zu rechtfertigen. Was wir brauchen, um eine wirklich effektive Kraftübertragung von einer aktiven Hinterhand durch das ganze Pferd nach vorne zu erzielen ist eine aktive Rumpfmuskulatur, denn mit einer völlig entspannten Muskulatur kann man nicht arbeiten. Was wir dagegen brauchen ist Losgelassenheit, d.h. jede Muskelgruppe muss sich in ihrem Rhythmus anspannen, aber sie muss eben zwischenzeitlich aus loslassen können.

Begriffe und Definitionen sind für mich Arbeitstitel. Aber man muss immer hinterfragen, wer welche Definitionen zu welchem Zweck benutzt. Ehe man eine Diskussion beginnt, ist es sinnvoll, die Begrifflichkeiten zu klären.

Schadet oder nutzt die Schubkraft den Pferden? 

Bent Branderup: Das was wir heute als Schubkraft beim Pferd sehen, das musste eigentlich erst gezüchtet werden. Die ursprünglichen Pferde, die Wildpferde, hatten und haben diese Schubkraft nicht. Der Mensch hat dem Pferd einen Zweck vor der Kutsche gegeben und somit nach und nach das Pferd hinsichtlich seiner Schubkraft selektiert. Ochsen hatten damals zwar weit mehr Schubkraft, das Pferd war aber schneller. Für größere Kutschen hat man dann später landwirtschaftliche Stuten und Vollbluthengste miteinander gekreuzt. Das heutige Warmblut hat auch deswegen so viel Schubkraft. Wenn wir ein Pferd aber reiten wollen, dann braucht es Tragkraft – und zwar umso mehr, je eher wir es durch unser Gewicht noch zusätzlich belasten wollen. Haben wir ein Pferd, das auf viel Rückschub gezüchtet ist, dann fällt es diesem Pferd viel schwerer zu tragen, das Pferd möchte viel lieber seine Gelenkwinkel öffnen, anstatt die Gelenke zu beugen. Natürlich muss ein Vollblut beides haben: Schubkraft und Tragkraft – hätte es keinen Vorgriff, wäre es nicht schnell, den Rückschub braucht es aber dennoch.

Heute finden wir auch Pferde, die zum Tragen sehr ungünstig gebaut sind – und somit auch zum Gerittenwerden. Wir finden lange Hängerücken oder eine überbaute Hinterhand. Wenn wir aber reiten wollen, dann macht es Sinn, sich nach einem Pferd mit einer guten Tätigkeit der Hinterhand, einem guten Vorgriff, also wiederum Tragkraft, umzusehen. Schubkraft ist für den Kutscher interessant, eine gewisse Schubkraft braucht man aber auch wenn man größere Strecken bei hohem Tempo reiten will.

Wenn man wissen möchte, wie das einzelne Pferd geritten werden sollte, der muss sich seine natürlichen Bewegungen anschauen. Zwar werden die wenigsten Pferde in Freiheit Bewegungsabläufe zeigen, mit denen sie einen Reiter gut tragen könnten, aber hier finden wir die Ausgangslage. Wenn das Pferd in der freien Bewegung durch die Ausbildung zum Reitpferd Geschick und Ausdruck gewinnt, dann ist ein guter Kompromiss zwischen Natur und Kultur gelungen. Wenn es dagegen anfängt, sich im Freilauf zu verletzen, vermehrt auf zurückgestellten Vorderbeinen steht und Ausdruck verliert, läuft etwas verkehrt.

Wie bei einem flotten Ausritt? Lässt sich das überhaupt mit der Akademischen Reitkunst vereinbaren? 

Bent Branderup: Ja, natürlich. Wenn aber der Hinterfuß nur mehr nach hinten rausschiebt und der entsprechende Vorgriff gar nicht mehr vorhanden ist, dann werden Pferde auf der Vorhand zu stark belastet. Wir sehen dann schwache Karpalgelenke, Pferde, die buglahm sind oder Probleme mit der Hufrolle haben. Das sind dann Pferde, die nur auf der Vorhand über Tempo geritten werden. Manche Pferde haben eine gigantische Vorhand und schaffen diese Arbeit 30 Jahre, andere wiederum nicht.

Warum kommt es deiner Meinung nach immer wieder zu den Vorwürfen, in der Akademischen Reitkunst fehlte das Vorwärts? 

Bent Branderup: Präzisiere: in wessen Augen fehlt das Vorwärts? Wenn ich Rennreiter wäre, dann würde ich ja noch deutlicher sagen, da fehlt noch mehr Vorwärts. Für das Gewinnen eines Rennens macht unser Schritt auf der Volte natürlich wenig Sinn. Wir müssen also ein bisschen schauen, was die Akademische Reitkunst überhaupt ist und was ihre Aufgabe ist. Akademische Reitkunst kommt von den damaligen Reitakademien und nicht von der Campagnereiterei. In der Campagnereiterei mussten plötzlich mehr Reiter auf die Pferde gebracht werden. Das war der Unterschied der modernen Armee im Vergleich zu den Berufssoldaten, die auf den Akademien ausgebildet wurden. Die Akademien hatten die Ausbildung des Menschen im Zentrum, die Campagnereiterei die Nutzbarkeit des damals in Deutschland vorhandenen Pferdes. Diese war zu Zeiten der Kavallerie eine ganz andere. Deswegen funktioniert die Campagneschule bei den Pferden mit den entsprechenden Qualitäten auch so einwandfrei. Heute treffen wir aber auf eine Vielzahl von Pferden, wo die deutsche Campagnereiterei gar nicht mehr so gut passt. Wir finden auch wenige Warmblüter aus dem großen Dressurviereck, die heute eine große Strecke zurücklegen könnten, weil der Reiter das Pferd unter Spannung setzt. Wenn er da wirklich eine große Strecke reiten wollte, würden ihm quasi die Nieren aus den Ohren kommen. Man kann nicht Kilometer über Kilometer mit Gewicht in der Hand reiten, fragen Sie mal einen Gebrauchsreiter!

Kraft, Stabilität und Mobilität sind drei wichtige Säulen für Pferde, wenn es um die Gesunderhaltung als Reitpferd geht. Wie siehst du das mit dem Ausdauertraining? Brauchen Pferde das auch? 

Bent Branderup: Die Frage ist wofür? Wie viel Ausdauer braucht ein Pferd, gemessen an unseren Zielen. Worin wollen wir überhaupt eine Ausdauer haben? Wir wollen keine Ausdauer in ungünstigen Muskelaktivitäten aufbauen. Das Pferd muss erst in eine gute, losgelassene Form kommen, um in dieser Form Ausdauer zu finden. Auch wenn man eine Piaffe macht, kann man nicht am Anfang 10 Minuten durchpiaffieren. Man begnügt sich mit einem Tritt oder zweien. Wer aber einem Pferd mit Spannungen und Verspannungen Ausdauer in ungünstigen Muskelaktivitäten gibt, der hat dem Pferd nichts Gutes getan.

Was ist mit übergewichtigen Pferden? 

Bent Branderup: Nun ja, was nicht das Maul passiert, macht nicht dick. Dick macht also das, was man schluckt. Unsere Pferde werden heute auf Weiden gehalten, die besät sind mit Mastgras. Pferde nehmen von diesem Gras sehr leicht an Gewichtsmasse zu. Wir füttern also in erster Linie zu viel.

Der Alltag des Pferdes muss abgestimmt werden auf das Futter und umgekehrt. Hier geht es um Gewohnheiten; Diäten und begrenzte Zeiten intensiven „Fitnesstrainings“ sind nicht nachhaltig. Wenn man häufig und ausgiebig ins Gelände geht, muss man dementsprechend füttern. Natürlich kann man auch nur zur Abwechslung mal ausreiten gehen, aber alles was ungewohnt ist, macht auch beim Pferd einen Muskelkater. Ausreiten zu gehen schadet nicht, wenn es für das Pferd regelmäßig vernünftig gemacht wird. In der Gymnastizierung bringen wir dem Pferd gute Gewohnheiten bei, die wir auch im Gelände nicht vergessen sollten.

Was hältst du von Trainingsplänen mit Warm up und Cool down? 

Bent Branderup: Daran finde ich grundsätzlich nichts verkehrt. Man muss aber berücksichtigen wofür man aufwärmt und daraus schließen, wie ein sinnvolles Aufwärmen aussehen kann. Ein Baletttänzer und ein Marathonläufer werden dies auch unterschiedlich angehen. Was ist „Aufwärmen“ überhaupt?

„Warm“ bezieht sich einerseits auf die Rolle von zwei Sorten von Flüssigkeit. Zum einen geht es um die Blutzirkulation, zum anderen um die Gelenkflüssigkeit. Das Dümmste also, was man machen kann, sind schnelle Dehnungen von kalten Muskeln. Muskeln, die aufgewärmt werden sollen, müssen gezielte, langsame Dehnungen erfahren. Diese Dehnungen müssen vorsichtig sein und erst mit mehr und mehr Durchblutung kommt dann auch mehr Gleitfähigkeit der einzelnen Fasern und somit Dehnung. Durch die schnelle Dehnung von kalten Muskeln riskiert man Zerrungen. Bei den Gelenken bildet sich erst durch Stimulus, also durch die Bewegung, Flüssigkeit. Daher ist eine anfangs starke Belastung der noch unaufgewärmten Gelenke nicht zielführend und deswegen ist uns die Arbeit in der Ruhe auch so wichtig. Da haben wir wieder das Problem mit der Schubkraft. Viele glauben, die meiste Belastung auf den Gelenken wäre in der Levade. Haben wir also 600 Kilo Pferd, lasten dann 300 Kilo auf jedem Hinterbein, wenn das Gewicht gleichmäßig und in Ruhe verteilt wird. Bei der Schubkraft haben wir es aber mit Masse X Beschleunigung zu tun. Dann wirkt eine Kraft von mehreren Tonnen auf die Gelenke.

Aufwärmen bezieht sich aber auch auf die Verbesserung der Koordinationsfähigkeit im Laufe des Trainings. Dieser Aspekt ist für den Aufbau des Training aus meiner persönlichen Sicht viel interessanter. Ein Klavierspieler z.B. muss sich auch „warmspielen“, bevor seine Finger so schnell und geschickt sind, wie sie es eben sein können. Das hat aber nichts mit „heißen Händen“ und Stoffwechselvorgängen zu tun, sondern mit der Steigerung der Geschwindigkeit der Reizleitung.

Darum kann ich erst nach einer gewissen Aufwärmzeit eine 100%ige Koordination vom Pferd erwarten, dasselbe gilt allerdings genauso für den Reiter.

Die Notwendigkeit eines korrekten Aufwärmens kann man nicht diskutieren, das ist biologisch vorgegeben. Wer dieser Anforderung nicht gerecht wird, wird kurz und mittelfristig nicht die Trainingserfolge erzielen, die er erzielen könnte, und langfristig Schäden riskieren. Die Vorstellung, dass ein Voraneilen in zügigem Tempo zum „Warmwerden“ schon genügen würde, ist falsch.

Das Abwärmen, wenn ein Pferd zu viel gearbeitet hat, bezieht sich ja auf den Abtransport von „Abfällen“ durch den Stoffwechsel. Ich empfehle nie mehr als das zu arbeiten, was das Pferd in 23 Stunden nochmal leisten kann. Wenn sich das Pferd nach 23 Stunden nicht erholt hat, dann war dies die falsche Arbeit.

In der Akademischen Reitkunst kann eigentlich die ganze Arbeit als Aufwärmen gesehen werden. Die Dauer des Trainings ist optimal, wenn das Pferd am Ende mit sehr guter Koordination, Balance und Konzentration die Bahn verlassen kann, ohne erschöpft zu sein.

Warum gibt es in der Akademischen Reitkunst keine Verstärkungen? 

Bent Branderup: Ich habe die Verstärkungen aufgegeben, das habe ich auch in der letzten Ausgabe meines Buches „Akademische Reitkunst“ im Cadmos Verlag erklärt. Weil ich mit Hugin Verstärkungen reiten konnte, die bis heute als als vorbildlich bezeichnet werden, nehme ich mir das Recht heraus die Sinnhaftigkeit dieser Lektionen in Frage zu stellen. Bei Hugin konnte ich beobachten, wie der Verzicht auf diese Lektionen zu einer eklatanten Verbesserung der Gesundheit seiner Hinterhandgelenke beitrug.

Wenn ich heute in einer praktischen Situation den Trab beschleunigen möchte, nutze ich eine Rahmenerweiterung, d.h. ich lasse den Rückschub proportional zum Vorgriff zu.

Der sehr fortgeschrittene Reiter könnte auch eine „fliegende Passage“ ausbilden, dabei geht es aber eher um die Nutzung der Federkräfte als um die Schubkraft. Federkräfte…ein schwieriges Thema und auch verwandt mit dem Thema Schwung.

Federkraft – ein spannendes Thema, wozu wir das Gespräch sicher fortsetzen werden. 🙂
Vielen Dank Bent Branderup für das Gespräch. 

 

Akademische Reitkunst in Namibia

Akademische Reitkunst in Namibia

Was braucht man eigentlich für die Akademische Reitkunst? Das ist eine häufig gestellte Frage von interessierten Schülern. Nicht viel – Engagement, Wissbegiederde, Motivation von Pferd und Mensch und dann kann es schon losgehen. Auch in Namibia.

Christiane Köhler von Schmidt betreibt mit ihrer Familie in Namibia die Farm „Gross Osombahe“ – die Distanz zu Europa, dort wo es sich quasi „abspielt“ war für sie in Punkto Reitkunst kein Hindernis. Daher hat sie sich auch Verstärkung aus Österreich importiert – genauer gesagt – eine meiner liebsten Kolleginnen, wenn es ums Fachsimpeln und Tüfteln geht – Silke Linhart.

Wie kam die Akademische Reitkunst nach Namibia?

Christiane: Ich habe meine Friesenstute Lolo hier ganz konventionell in Beritt gegeben um sie, nach einer längeren Pause wegen meiner Schwangerschaft, wieder an den Reiter zu gewöhnen. Leider kam sie von diesem Beritt völlig unglücklich zurück. Sie war unwillig und dem Reiten gänzlich abgeneigt, sodass ich einfach nicht mehr weiter wusste. Restlos verzweifelt habe ich per Anzeige im Internet nach einem Reitlehrer, der uns weiterhelfen könne, gesucht, um mein Pferd bei der Arbeit wieder gut gelaunt und motiviert zu erleben. Daraufhin meldete sich eine Reitlehrerin, die an die Akademische Reitkunst angelehnt unterrichtete. Mit ihr konnte ich schon einige gute Fortschritte erzielen. Kurze Zeit später kam Ronja Ebbers als Praktikantin zu uns und brachte den Stein endgültig ins Rollen.

Mit welchen Pferden arbeitest du nun?

Christiane: Es mag erstaunlich sein, aber in Namibia beziehungsweise Südafrika erfreuen sich Friesen einer relativ großen Beliebtheit. So habe auch ich mir zu Beginn meiner Zeit hier gleich zwei davon zugelegt. Meine Stute Lolo kam als erste und später kam noch mein Friesenhengst Odin dazu. Die übrigen 18 Pferde, die bei mir auf der Farm leben, sind jedoch sogenannte „Namibische Farmpferde“. Diese „Rasse“ ist hier sehr häufig und entstand aus diversen importierten europäischen Pferden. Die meisten Pferde in Namibia leben mehr oder weniger wild. Unsere Pferde laufen beispielsweise auf 300 ha großen Weiden frei umher. Unsere Farm bietet insgesamt ein 10 000 ha großes Areal für die Pferde und zum Ausreiten. Durch diese naturnahe Lebensweise sind Farmpferde besonders robust und bewegungstalentiert, was aber nicht heißt, dass wir nicht auch viele Probleme beim Reiten zu lösen haben.

Wie kann man sich eine Ausbildung „ab vom Schuss“ vorstellen?

Christiane: Die Arbeit findet natürlich zu einem Teil auf selbständiger Basis statt. Freilich ist man aber auch auf Anleitung von außen angewiesen. Bücher und Videos können schon sehr viel Inspiration liefern, aber glücklicherweise steht mir nun seit ein paar Jahren Silke Linhart, Ritter der Akademischen Reitkunst, in regelmäßigen Abständen, immer über ein paar Wochen, zur Seite. Außerdem ist es in diesem Fall auch ein Vorteil mit vielen verschiedenen Pferden gleichzeitig zu arbeiten, weil man immer unterschiedliche Lösungsansätze suchen muss und dadurch schneller lernt.

Wie kamst du denn überhaupt zu Silke – oder umgekehrt – sie zu dir?

Silke: Christiane hat über eine Facebook Anzeige nach einem Trainer gesucht. Da dachte ich mir: „…coolste Reitweise der Welt, coolster Kontinent der Welt!“ Lass uns das zusammenbringen und es hat geklappt!

Wie sieht eine Zusammenarbeit in der Ferne aus? Was muss sich der Pädagoge hier vornehmen, was der Lernende?

Silke: Zusammenarbeit kann nur funktionieren, wenn die Beziehung stimmt. Das gilt für Reiter und Pferd, aber auch für den Trainer. Wenn das passt, wird schon einmal alles leichter, auch auf große Entfernung. Als Pädagoge gilt es bei der großen Distanz aber darauf zu achten, dass man, ob der vermeintlich kurzen Zeit nicht zu viel in eine Trainingseinheit, in die paar Wochen hineinpackt. Außerdem ist es meiner Meinung nach auch sinnvoll, sich gut zu besprechen was als nächstes zu beachten ist, wenn der Schüler wieder allein ist. Heutzutage tut natürlich auch das Internet sein Übriges. Man kann sich leicht erreichen und über Probleme austauschen und beraten, zumindest wenn gerade die Verbindung steht. Das ist mit Afrika ja nicht immer so leicht…

Christiane: Ist Silke wieder abgereist, wiederhole ich prinzipiell alles was wir erarbeitet haben so lange bis ich das Gefühl habe, es wird zur Routine. Hierbei sind wie gesagt viele Pferde ein Vorteil, aber gleichzeitig auch ein Nachteil, da sich immer wieder unterschiedliche Probleme und Schwierigkeiten auftun. Komme ich einmal gar nicht weiter, suche ich den Kontakt mit Silke und wir beraten uns. Wenn es sich organisatorische einrichten lässt, besuche ich natürlich auch Kurse und Trainer in Europa. Ich bin ja aus Deutschland und dann plane ich meinen Heimaturlaub auch immer entsprechend der AR- Termine in meiner Nähe.

 

Lernt man eigentlich besser, wenn man nicht sofort den Trainer neben sich hat?

Christiane: Das kann ich gar nicht beantworten, da ich es ja nicht anders kenne. In Deutschland, also bevor ich ausgewandert bin, war der Reitunterricht, den ich da konsumiert habe, immer eher ein Drill und ich hielt nie lange durch. Schade eigentlich, dass ich erst in Namibia zur AR gefunden habe. Dafür ist es jetzt aber umso schöner, weil ich Silke ja für mehrere Wochen für mich alleine habe und diese Zeit somit ganz intensiv nutzen kann.

Ihr habt ja auch einen Kurs mit Silke veranstaltet – wie war da die Resonanz? Wie kann man sich die Reiterei in Namibia vorstellen?

Silke: Die Resonanz der teilnehmenden Reiter war durchwegs positiv. Natürlich darf man nicht vergessen, dass in diesem Land ganz andere Strecken zurückgelegt werden müssen. Nicht jeder kann einmal schnell rund 2000 km mit seinem Pferd quer durch die Wüste fahren. Christiane bemüht sich freilich, möglichst viele andere Reiter zu erreichen, aber das gestaltet sich für unsere europäischen Gewohnheiten eben ein bisschen schwieriger. Bedenkt man beispielsweise, dass die Menschen hier ihre nächsten Nachbarn in durchschnittliche 10 km Entfernung besuchen müssen, kann man sich ungefähr vorstellen, was es bedeutete hier Reitunterricht zu geben. Umso mehr freuen wir uns natürlich über die fleißigen Wiederholungstäter, die wir bereits verzeichnen können.

Christiane: Generell ist die Reiterwelt Namibias sehr Turnier- und Erfolgsorientiert. Alternative Ausbildungen jedweder Art haben nur einen geringen Stellenwert. Andere größere Sparten, neben dem Dressur- und Springreiten, sind noch Westernreiten und Endurance, was aufgrund der stark vorherrschenden Rinderarbeit mit den Pferden auch naheliegend ist. Das heißt, neben jenen, die das als Hobby betreiben, gibt es auch sehr viele richtige Arbeitspferde, die aber leider über die Maßen schlecht behandelt und oft bis zum Umfallen geknechtet werden. Ich habe einmal selbst 2 solcher Pferde aufgekauft. Die hatte schreckliche Verletzungen und waren psychisch völlig am Ende. Das hat mich selbst auch extrem belastet. Generell muss man leider sagen, ist der Umgang mit Tieren in diesem Land vorherrschend noch ein sehr brutaler. Die Tiere werden eben einfach ausgebeutet. Dennoch gibt es auch Lichtblicke. Die positive Resonanz auf unsere Kursangebote beispielsweise. Es kommen auch Reiter zu mir auf die Farm, die sich dann das eine oder andere von mir abschauen. Da freue ich mich immer sehr.

Mehr über Christianes „akademische“ Farm in Namibia findet ihr auf ihrer Facebook Seite.

Reiten beginnt im Kopf

Reiten beginnt im Kopf

Ein unerfahrener Reiter kam ihnen nicht in den Sattel. Was würden Antoine de Pluvinel (1555-1620), François Robichon de la Guérinière (1688-1751) und Gustav Steinbrecht (1808-1885) uns heute im Interview für Feine Hilfen, Ausgabe Nr. 18 über das erste Anreiten erzählen?

Moderator: Nehmen wir an, unser junges Pferd hat die Grunderziehung absolviert, wie sollen wir nun mit dem Anreiten beginnen?

Pluvinel: Ich bedaure, dass wir uns hier sehr auf das Pferd fokussieren müssen. Wichtiger wäre mir zuallererst, den Reiter zu erwähnen beziehungsweise welche Qualität er mitbringen muss. Schließlich kann nur ein ausgebildeter Reiter unterscheiden, ob ein noch nicht ausgebildetes Pferd unter ihm etwas richtig oder falsch macht, um es entweder dafür zu belohnen oder korrigierend einzuwirken.

Steinbrecht: Der Reiter, der bei einem jungen Pferd zum ersten Mal in den Sattel steigt, muss über einen physischen und statischen Sitz verfügen. Die Qualität des physischen Sitzes liegt darin, dem Pferd in der Bewegung zu folgen und die Bewegung auch zu beeinflussen. Ein statischer Sitz bedeutet für mich nicht nur in der Bewegung, sondern auch im Gleichgewicht zu sitzen. Für das junge Pferd ist es wichtig, das Gewicht des Reiters möglichst leicht und angenehm zu empfinden. Das gelingt, indem der Reiter seinen Sitz mit dem Schwerpunkt des Pferdes in Übereinstimmung bringt. Der Reiter nehme seine Richtung vorwärts geneigt und fördere hierdurch nicht nur die Schubkraft der Hinterbeine, sondern mildere auch seine Einwirkung durch kräftigen Bügeltritt und leichten Spaltsitz.

Pluvinel: Einverstanden, aber wenn ich jemand auf ein Pferd setze, möchte ich zuvor, dass es mit Sattel und Zaum willig die ersten Übungen zwischen den Pilaren ausführt. Das kann es in 4 oder 5 Tagen lernen, vorausgesetzt der Ausbilder versteht seine Sache. Es kommt manchmal vor, dass Sattel oder Zäumung nicht ordentlich verpasst sind, das Pferd wird dann zurecht unwillig und bringt den Menschen möglicherweise in Gefahr. Die Steigbügel haben zuerst lose herunter zu hängen damit sich das Pferd an die Berührungen gewöhnt.

Es genügt dann, wenn das Pferd den Reiter auf sich fühlt und sich daran gewöhnt, ihn aus freien Stücken zu tragen. Die Übungen, die das Pferd bereits vom Boden kennt, werden in gleicher Weise über 5 bis 6 Tage fortgesetzt. So begreift das Pferd, dass der Reiter auf ihm weder Böses will noch unangenehm ist. Es lässt ihn dann auch williger an sich herantreten und wieder aufsteigen.

Guérinière: So ist es – und erst dann, wenn der Reiter im Sattel akzeptiert wird, versucht er dem Pferd das erste Verständnis der Hilfen mit Hand und Schenkel beizubringen. Er hält dazu die Trensenzügel geteilt in beiden Händen und wenn er sein Pferd in Gang setzen soll, werden beide Hände tiefer gestellt. Gleichzeitig nähern sich vorsichtig beide Waden dem Bauch des Pferdes, ohne dass der Reiter Sporen trägt.

Gehorcht das Pferd diesen ersten Hilfen nicht, womit ja fast zwangsläufig zu rechnen ist, da es sie noch nicht versteht, muss der Longeur mit den bereits bekannt gemachten Zügel- und Gertenhilfen vom Boden aus den Reiter unterstützen. Er ist ein Dolmetscher für das Pferd, wenn es um das erste Angehen unter dem Reiter und um Wendungen geht. So kann das Pferd in kurzer Zeit lernen, der Hand zu folgen und auf die Schenkelhilfe des Reiters zu reagieren.

Beginnt unser junges Pferd dann ohne die Nachhilfe mit Longe und Peitsche zu gehorchen lässt man die Longe weg und führt es auf einer geraden Linie weg vom Zirkel, um es geradeaus gehen zu lehren. Sobald es ohne Schwierigkeiten die 4 Ecken der Reitbahn korrekt absolviert, durchreitet man wechselweise im Schritt und im Trab die Bahn. Der Trab sollte auch das Ende der Arbeit einleiten, weil dieser Gang die erste Geschmeidigkeit ergibt.

Steinbrecht: Der Reiter fördere dann den Gang des Pferdes auf möglichst geraden Linien und nehme daher den Hufschlag an der Bande der Bahn, da dieser gleichzeitig als Leitlinie dient. Das Durchreiten der Ecken hat selbstverständlich zunächst abgerundet zu erfolgen. Das Vortreiben erfolgt durch den Schenkel oder die Gerte, ohne jedoch, wie schon von Reitmeister Guérinière erwähnt, den Einsatz von Sporen.

Steinbrecht: Zunächst handelt es sich dabei darum, die Schubkraft und die Gehlust eines Pferdes in seiner ganz natürlichen Richtung zu entwickeln. Jedes rohe Pferd wird unter dem Reiter verhaltener und gebundener treten als an der Hand, weil die Freiheit seiner Bewegungen durch das Tragen der Reiterlast eingeschränkt wird.

Pluvinel: Wie wahr! Aber wenn dann das Pferd hierbei willig zu gehorchen anfängt und ohne Stocken sowohl der Hand wie auch dem Schenkel zum Vorwärtsgehen folgt, dann muss man herausfinden, wie es veranlagt ist, um den Trab entsprechend seiner Anlagen und seinem Temperament für die Ausbildung zu nutzen.

Guérinière: Genau meine Erfahrung. Durch den Trab, der die natürlichste Gangart ist, macht man ein Pferd leicht in der Hand, ohne das Maul zu verderben, und seine Körperteile frei beweglich ohne ihnen zu schaden. Im Trab wird nämlich der Körper des Pferdes auf 2 Beinen im Gleichgewicht gehalten, auf einem Vorderbein und dem diagonal entgegen gesetzten Hinterbein. Dies verschafft den beiden anderen, die in der Luft sind, die Leichtigkeit, sich zu heben, gehoben zu bleiben sowie vorwärts zu greifen und ergibt dadurch den ersten Grad von Biegsamkeit in allen Teilen des Körpers. Der Trab ist somit die Grundlage aller Übungen, um ein Pferd gewandt und gehorsam zu machen. So gut jedoch eine Sache vom Grundsatz her sein kann, darf man trotzdem keinen Missbrauch damit treiben, indem man ein Pferd jahrelang traben lässt.

Moderator: Was, wenn unser Pferd aber nicht in den Trab zu bekommen ist?

Guérinière: In der Tat gibt es Pferde, die ihre Kräfte zurückhalten und dann sogar leicht in der Hand sind. Andere fallen auseinander oder schlendern nachlässig weg.

Pluvinel: Ist das Pferd schwerfällig und verhindert nur seine Schwerfälligkeit, dass es das Gewünschte richtig ausführt, muss man ihm die Aufgabe stark erleichtern, indem man die Übung länger fortsetzt und so lange wiederholt, bis sie dem Pferd leichter fällt.

Guérinière: Pferde, die von Natur aus ihre Kräfte sparen, muss man in gestreckten und beherzten Trab versetzen, um ihnen die Schultern und die Hanken zu lösen. Im Fall der anderen, die von Natur aus auf der Hand liegen, muss der Trab erhabener und verkürzter gearbeitet werden, damit man sie gut vorbereitet, sich versammelt zu halten.

Steinbrecht: Ich lasse verhaltene Pferde lieber einmal galoppieren, als ewig mühsame Trabübungen zu wiederholen. Allerdings halte ich es umgekehrt nicht für ratsam, junge Pferde in den Galopp zu zwingen.

Moderator: Was sind Ihre wichtigsten Leitsätze beim Anreiten?

Pluvinel: Ich halte es immer für gut, mit dem Pferd als erstes Dinge auszuführen, die ihm „gedanklich“ schwer fallen. Also nicht körperlich, sondern geistig. Es soll sich im Kopf anstrengen und nicht mit seinem Körper. Dabei muss man aber Acht geben, dem Pferd nicht den Arbeitseifer zu nehmen.

Guérinière: Wichtig ist auch, das Ziel vor Augen zu behalten. Wenn ich ein Pferd zum Spazierenreiten ausbilden möchte, muss man lange und geradeaus im Schritt ausreiten – auch im Gelände, weil eine Reitbahn zu begrenzt ist. Und selbstverständlich gilt auch Abwechslung für ein angehendes Schulpferd.

Steinbrecht: Die ersten Aufgaben für das rohe Pferd sind dann erfüllt, wenn es durch die besprochenen Übungen gelernt hat, sich unter dem Reiter in derselben Natürlichkeit zu bewegen und seine Gangart mit derselben Sicherheit auszuführen, wie es dies zuvor an der Longe ohne fremdes Gewicht vermochte.

Fragen wir Bent – Teil 2

Fragen wir Bent – Teil 2

Im Zirkel verlaufen?  

Aus der Serie – Dinge, die Sie schon immer über die Akademische Reitkunst – am besten persönlich von Bent Branderup wissen wollten – heute in meinem Blog Teil 2 in der deutschen Übersetzung.

Viele Leute sind der Ansicht, dass viel Arbeit auf dem Zirkel, sowie die verfrühte Arbeit mit lateraler Biegung dem Pferd die Fähigkeit nimmt unter dem Reiter auf einer geraden Linie zu laufen? Was ist hier die korrekte Antwort? 

Bent Branderup: Zunächst müssen wir darüber sprechen, was wir unter lateraler Bewegung überhaupt verstehen. Darunter wird häufig ein Passgang beschrieben – im Zusammenhang mit der oben gestellten Frage verstehen wir aber etwas Anderes darunter: ich denke wir sprechen hier von einer Seitwärtsbewegung – wobei ich auch hier beschlossen habe, unbedingt hinsichtlich der Bewegungsqualität zu unterscheiden: Beim Schenkelweichen etwa kommt es zu einer falschen Druckverteilung auf die Hufe und Gelenke des Pferdes, wenn das Pferd das Bein aufsetzt. Daher ist es von großer Bedeutung, dass das Pferd mit seinen Hinterbeinen korrekt in Richtung Schwerpunkt unter seine Masse tritt, so dass Knie- und Sprunggelenke so gebeugt werden, wie es ihrer Natur entspricht.

Seitengänge sind also nicht gleich Seitengänge – wir dürfen das nicht mit einfach seitlich laufen verwechseln – es kommt vor allem auf eine korrekte Ausführung an. Falsch ausgeführte Seitengänge stellen für das Pferd in körperlicher Hinsicht ein Problem dar – nicht nur wenn sie zu früh, also was das Alter des Pferdes angeht ausgeführt werden, sondern auch in der Ausführung mangelhaft sind. Daher ist es wichtig, dass wir den Unterschied zwischen Kruppeherein, Schulterherein und Schenkelweichen verstehen – das betrifft auch den Zirkel!

Alle Tiere sind von Natur aus schief – so auch das Pferd. Der Weg, um das Pferd gerade zu richten führt über die Biegung auf den Zirkel. Durch den Vergleich der beiden Zirkelgrößen auf der rechten oder linken Hand haben wir eine natürliche Weise beide Biegungen zu erarbeiten und sie dabei vergleichbar und messbar zu machen. Wenn wir auf beiden Händen einen gleich großen Zirkel reiten können, können wir allmählich von einer Begradigung der Schiefe sprechen.

Ohne all diese Übungen können wir nicht von Geraderichtung sprechen. Wenn wir beispielsweise mit dem Pferd galoppieren stellen wir fest, dass das Pferd auf der einen Seite gut galoppiert, auf der anderen Seite aber nicht. Es gibt keinen gerade-geraden Galopp – es gibt einen Rechtsgalopp oder einen Linksgalopp. Klappt beispielsweise nur Linksgalopp, dann müssen wir natürlich an der Qualität des Galopps auf der rechten Hand arbeiten.

Haben wir ein Kutschpferd, das zwar nicht galoppieren soll, aber geradegerichtet im Trab vorwärts laufen soll – dann stellen wir im Einspänner möglicherweise fest, dass das Pferd ständig zu einer Seite läuft. Ist es linksgebogen, dann wird es immer gerne nach links ausweichen und nicht geradeaus laufen.

Natürliche Schiefe ist etwas, womit wir uns auseinander setzen müssen – je früher, umso eher wird das Pferd durchlässig auf unsere Arbeit antworten – aber natürlich können gerade beim Geraderichten auch viele Fehler passieren.

Die nächste Antwort von Bent Branderup kommt in Kürze – zum einen gibt es nächste Woche wieder einen Kursbericht – diesmal aus Graz – zum anderen gib es die nächste Videoantwort Anfang des Monats!

Hier gibt es nochmal das aktuelle Video zum Nachschauen auf Englisch:

Und was würden Sie schon immer über die Akademische Reitkunst wissen? 

 

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