Der Crossover in der Bodenarbeit

Der Crossover in der Bodenarbeit

Crossover? Was ist das eigentlich? Der Begriff taucht jüngst vermehrt in der Akademischen Reitkunst auf Kursen, in Foren und in Videos immer wieder mal auf. Was Crossover bedeutet und wie es erarbeitet wird – darüber hat sich Simone Garnreiter ein paar Gedanken gemacht und einen Gastartikel geschrieben:

Was ist der Crossover? 

„Das Pferd in fließenden Übergängen aus allen Führpositionen in allen lösenden und versammelnden Lektionen zu arbeiten“.

In der praktischen Umsetzung ist es eine Kunst, an der man durchaus lang feilen kann. Man wird jedoch reich belohnt, wenn man spürt wie beispielsweise Paraden aus allen Positionen rund um das Pferd auf verschiedene Weisen gegeben werden können und man durch die richtige Wahl der Position am Pferd eine bessere Umsetzung der Parade im Pferdekörper ermöglichen kann.

Die Akademische Reitkunst bietet unzählige Möglichkeiten der Ausbildung von Pferd und Reiter am Boden.
Man muss nicht immer reiten um sich und das Pferd Stück für Stück weiter zu entwickeln. So können sich auch Pferde, die ein wenig zu klein sind für ihren Reiter zu gut ausgebildeten feinen Handarbeitspferden entwickeln. Die Arbeit am Boden eignet sich für alle Pferde jeden Alters und schult sowohl den Menschen als auch das Pferd in der Körperwahrnehmung und Körperbeherrschung. Sie leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Geraderichtung des Pferdes.

Balance, Geschmeidigkeit und eine feine Hilfengebung am Boden zu erarbeiten ist in der Akademischen Reitkunst ein breit gefächertes Aufgabenspektrum. Das interessante an der Akademischen Reitkunst am Boden ist, mit wie wenig Equipment man auch hohe Lektionen erarbeiten kann wenn die Kommunikation mit dem Partner Pferd passt. Eine Verwendung von Hilfszügeln erübrigt sich (wie das übrigens generell in der Akademischen Reitkunst üblich ist), für Crossover Groundwork genügt ein Kappzaum, ein Zügel oder Bodenarbeitsseil, eine Gerte, ein Mensch und ein Pferd. Dann ist alles möglich und die Arbeit am Boden erhebt sich zur Kunstform. Das Schöne bei der Arbeit am Boden ist: Man lernt stetig dazu und bleibt im wahrsten Sinne des Wortes zwar auf dem Boden aber niemals in seiner Entwicklung im Stillstand.

Welche Positionen gibt es im CROSSOVER?

Groundwork Position

In der Groundwork Position bezieht der Reiter Position vor dem Pferd und läuft rückwärts. Das Pferd kommt auf den Reiter zu. Diese Führposition ist verwahrend und ermöglicht über den Kappzaum eine Einwirkung auf den Pferdekopf. Die Körpersprache übernimmt die Paraden und das Führen der  Schultern. Die Gerte kann genau dort eingesetzt werden, wo sie gerade benötigt wird; vorwiegend und in der Basisausbildung dient die Gerte als innerer Zügel und innerer Schenkel. Die Verwendung der Gerte als äußerer Zügel und äußerer Schenkel wird für Traversalen und Wendungen benötigt.

In dieser Position wird vorwiegend im Stehen und Schritt gearbeitet. Eine Formgebung im Stehen kann einfach in die Bewegung übernommen werden. Die wichtigsten Basis-Übungen in der Groundwork Position sind: Stellung/Biegung im Stand und in der Bewegung, Untertreten, Schulterherein, Kruppeherein und das gebogene Gerade. Ein Vorteil dieser Führposition:  der Mensch hat das Pferd im Blick und kann so Bewegungsabläufe beobachten und lernen seine Hilfen dementsprechend zu koordinieren. Die Herausforderung liegt vor allem zu Beginn im oftmals noch unkoordinierten Rückwärtslaufen des Menschen.

Ein Nachteil ist sicher (so lange das Pferd nicht versammelt ist) die Reduzierung der Gangarten auf den Schritt, da rückwärts laufend eine Arbeit im Trab oder Galopp nicht für jedes Pferd –Mensch Paar so einfach machbar ist.

Handwork Position

 Man unterscheidet zwischen zweihändiger (Zügelarbeit, teils auch mit Gebiss) und einhändiger Handarbeit. Die Voraussetzung ist ein grundlegendes Verständnis der Hilfengebung, das heisst der Mensch muss wissen welche Hilfe mit dem Körper, der Gerte oder dem Zügel im akuten Fall gerade zu Rate gezogen sollte – das Pferd muss die Hilfe freilich annehmen. In der Handwork Position geht es vor allem um Empathie und die Einfühlung des Reiters in das Pferd über die Verbindung mit dem Zügel. Das bedeutet klare Info-aufnahme und Abgabe.

Das Pferd wird auf Schulterhöhe von innen oder von außen geführt. Das Pferd wird mit dem Körper geführt, dieser wirkt somit als innerer Zügel, und das Pferd kann gleichzeitig zur Hand hin suchen. Die Gerte kann unterstützend einwirken als innerer und äußerer Schenkel, aber auch als äußerer Zügel bei der einhändigen Handarbeit. In der Handwork Position werden zu den Seitengängen (Schulterherein, Kruppeherein, Travers, Renvers) die versammelnden Lektionen (Schulgangarten, Piaffe, Passage, Levade) geschult. Als Vorteil der Handarbeit ist die genaue Bearbeitung des Genicks zu sehen. In der Handarbeit kann mit zunehmender Versammlungsfähigkeit in allen Gangarten gearbeitet werden. Die große Herausforderung ist die Beherrschung des eigenen Körpers um dem Pferd die nötige Führung geben zu können. Letztlich geht es um Führen können (Mensch) und sich führen lassen (Pferd).

Lungeing Position

In der Lungeing Position führt der Mensch das Pferd auf Höhe des inneren Schenkels, der Schwierigkeitsgrad erhöht sich mit der Distanz zum Pferd Stück für Stück.

So lässt man sich anfangs von der Handwork Position einfach ein wenig zurückfallen und begleitet das Pferd auf einem zur Bewegung des Pferdes passend groß gewählten Zirkel. In der Akademischen Reitkunst stehen wir nicht in der Mitte, sondern bewegen uns gemeinsam mit dem Pferd auf einer Kreislinie, wir befinden uns dort wo uns das Pferd braucht. Das Pferd lernt so, wie es sich gesund auf einem Kreisbogen bewegen kann. Nur dann ist es dem Pferd möglich, seinen Körper gleichmäßig zu belasten, locker über den gesamten Rücken durch zu schwingen, die innere Schulter effektiv zu entlasten und die Hinterhand vermehrt zu aktivieren. Die Arbeit an der Longe ist ein wichtiger Beitrag dazu, die Schiefe des Pferdes zu korrigieren, ihm zu mentaler Entspannung zu verhelfen und ihm ohne den Einsatz von Hilfszügeln eine gesunde Körperhaltung zu vermitteln. In der Basisarbeit werden die drei Grundgangarten, Losgelassenheit und natürliche Formgebung geschult. Paraden können mit dem Körper oder mit der Longe gegeben werden. Die Distanz zum Pferd wird so gewählt, daß eine effektive Hilfengebung möglich ist, sprich der Mensch befindet sich dort wo er das Pferd mit seinen Hilfen erreichen kann. Die Gerte kann einwirken als innerer Schenkel, um das innere Hinterbein zu aktivieren oder als innerer Zügel die Schulter verschieben. Ist das Pferd sicher  an den inneren Hilfen, haben wir im Advanced Lungeing die Möglichkeit aktiv auf die Geraderichtung des Pferdes einzuwirken indem auch äußere Hilfen aus der Longeing Position gegeben werden können. Das heißt, Lösende und Versammelnde Hilfen können von dieser Position umgesetzt werden. Diese Einwirkung ermöglicht es dem Longeur die Vorderhand auf die Hinterhand auszurichten und vice verso. So werden alle in der Groundwork erabeiteten Lektionen nun auch aus Distanz zum Pferd machbar. Neben den Seitengängen sind im Advanced Lungeing auch alle versammelnden Lektionen möglich. Der Vorteil der Lungeing Position ist auch die Arbeit in allen Gangarten, vielleicht sind anfangs nicht alle Gänge perfekt, aber mit steigender Balance auf dem Zirkel werden sie es durch Übung werden.

Long Rein Position

Das Führen des Pferdes auf Höhe der Hinterhand, die Longe wird im Crossover zum einteiligen Langzügel, die Hand kann als direkter Zügel das Genick beeinflussen, oder am Hals als indirekter Zügel einwirken. Die Gerte kann als äußerer Zügel oder äußerer Schenkel eingesetzt werden, je nachdem welche Hilfe benötigt wird um auf das Pferd einzuwirken. Man unterscheidet zwischen der inneren Position auf Höhe der inneren Hüfte, mittig hinter dem Pferd und der äußeren Position auf Höhe der äußeren Hüfte. Die Basis für die Langzügelarbeit in der Akademischen Reitkunst bieten Groundwork, Handwork und Lungeing/Advanced Lungeing. Nur wenn diese Basics wirklich gründlich erarbeitet wurden ist die Langzügelarbeit das geeignete Tool die Arbeit mit dem gut geschulten und am Boden vorbereiteten Pferd zu vervollständigen. Die Langzügelarbeit ermöglicht es den Rahmen um das Pferd komplett zu machen. Zu Recht gilt die Langzügelarbeit als Königsklasse der Arbeit am Boden, da direkt an der Hinterhand zu arbeiten auch die Gefahr birgt von eben dieser durch unsachgemäße Vorgehensweise getroffen zu werden. So ist eine Loslösung der Langzügelarbeit aus dem Portfolio der Akademischen Reitkunst undenkbar, da ein Pferd ohne eine Schulung der akademischen Hilfengebung am Boden diese Form der Langzügelarbeit nicht dementsprechend verstehen kann. Der Vorteil: man hat alles im Blick von hinten und kann direkt auf die Hinterhand des Pferdes einwirken.

Wie fange ich mit CROSSOVER an?

Man kann bereits das junge Pferd in der Grundausbildung an die fließenden Übergänge von Groundwork zu Handwork oder Handwork zu Lungeing gewöhnen.

Dies ist natürlich abhängig von der körperlichen und mentalen Veranlagung des Pferdes, aber einfache Übergänge vom Führen zum Longieren sind auch in der Basisarbeit schon ein Ausbildungsthema. Die Gewöhnung an die Long Rein Position sollte allerdings behutsam am besten erst nach erfolgter Basisausbildung in den anderen Positionen und zuerst im Stehen erfolgen, etwas zu viel Druck an der Hinterhand kann das junge ungeschulte Pferd durchaus fehlinterpretieren.

Wozu CROSSOVER?

Der größte Gewinn im Crossover ist die Fähigkeit zu schnellen und gezielten Wechseln der Führpositionen mit dem Ziel dem Pferd genauere Hilfen an einer anderen Stelle geben zu können, um den jeweiligen Zustand der Balance positiv zu beeinflussen. Jede der einzelnen Positionen kann ihren Vorteil somit genau dort zur Geltung bringen, wo man eben Hilfe und Unterstützung braucht. Vor, neben, innen, außen oder hinter dem Pferd. Durch den fließenden und direkten Wechsel der Positionen im Crossover, ohne dabei Zügel, Longe oder Zügel umzuschnallen kann passend für jede Lektion oder dem jeweiligen Ausbildungsstand entsprechend die jeweils optimale Position eingenommen werden.

Und in der Umsetzung?

Vielen Dank für diesen Beitrag an Simone Garnreiter. Eine Foto Übersicht über alle Positionen gibt es auf Simones Facebook Seite zum Anschauen. In Bewegung gesetzt poste ich euch noch gerne ein Video von Marius Schneider zum Artikel:

 

Arbeiten wir im Crossover, dann Reiten wir später Einfach 😉

Vorwärts-abwärts! Ja oder Nein?

Vorwärts-abwärts! Ja oder Nein?

Vorwärts-abwärts oder Aufrichtung? Vor- und Nachteile, was kommt zuerst? Was braucht mein Pferd? Und was ist richtig? Zu diesem Thema hatte Marius Schneider, Meister der Akademischen Reitkunst am 21. und 22. Mai 2016 zu einem spannenden Themenseminar auf sein Gestüt Moorhof in Lüdinghausen auf Burg Kakesbeck geladen. Vortragende waren Bent Branderup und Christin Krischke von der Hofreitschule Bückeburg. Kursteilnehmerin Stefanie Niggemeier hat den Kurs für meine Blogleser zusammengefasst:

Der individuelle Fokus…

Am Samstag wurden bereits alle Teilnehmer mit einem ersten Theorievortrag und anschließender Praxis in das Thema rund um „Vorwärts-Abwärts“ eingestimmt. Dabei kamen schon einige Fragen auf, die mit der Verschiedenheit und den Besonderheiten der einzelnen Pferde korrelierten.

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Besonders schön war hier der individuelle Fokus. So wurde nicht nur auf die Auswahl des richtigen Werkzeugs wie beispielsweise Zäumung (Kappzaum oder Gebiss, oder sogar Halsring) Rücksicht genommen. Die richtige Technik (Bodenarbeit, Longenarbeit, Handarbeit oder Reiten), aber auch das Hinzufügen von geometrischen Figuren in der Bahn ( Zirkel, Volte, Schlangenlinien) konnte jedem Pferd somit helfen, die richtige horizontale Balance zu finden.

Diese Balance, das wurde schnell klar, ist so verschieden wie das Individuum selber. Bent Branderup führte hier immer wieder an,…

dass die Ausbildung des Pferdes stets eine ewige Suche bleiben müsse, dass niemals eine Perfektion erreicht werden könne und gerade die Akademische Reitkunst keine generellen Lösungen biete, sondern verschiedene, auf den jeweiligen Menschen und sein Pferd in diesem Moment passende Möglichkeiten gesucht werden müssen.

Am Sonntag dann reiste das Team der Hofreitschule Bückeburg an und der Tag begann mit einem spannenden Vortrag von Christin Krischke, die in ihrem im letzten Jahr erschienen Buch „Du entscheidest“ eindeutig das dauerhafte zu tiefe Reiten des Pferdes in der Bahn kritisiert und Alternativen im Sinne der Lehren der Alten Meister aufzeigen will.

Was ist denn der Punkt der Kritik?

Christin Krischke führte in ihrem mit entsprechenden Bildern untermalten Vortrag aus, dass ein grundsätzlich zu tiefes Reiten des Pferdes keinen Muskelaufbau im aktiven Trageapparat bringen kann und erklärte anhand von verschiedenen, in der Hofreitschule durchgeführten Experimenten, dass Pferde bei einem zu tiefen Reiten schnell auf die Vorhand geraten können. Die Vorhand, so führte sie weiter aus, sei aber nicht dazu geschaffen, zusätzlich zum Gewicht des Pferdes auch noch ein Reitergewicht, noch dazu in schneller Bewegung zu tragen.  Dadurch würden viele Pferde schon vor ihrer Zeit verschlissen und große gesundheitliche Probleme bekommen.

Die einzige Lösung, so die Referentin, sei es, dem Pferd als Reiter aktiv zu helfen, sich selber zu tragen- und das sei anatomisch gesehen nur mit Hilfe der aktiven, tragfähigen Hinterhand und Rumpfmuskulatur möglich. Vor allem in der Versammlung, die immer wieder nur kurz gearbeitet würde, sei dies der Fall und ein stundenlanges Reiten im großen Rahmen mit Reiter auf dem Rücken sei nicht im Sinne der Gesundheit des Pferdes. Anschließend beantwortete Christin Krischke einige Fragen des interessierten Publikums.

Wie sieht Bent Branderup dieses Problem?


Bent Branderup
stimmte in seinem anschließenden Vortrag seiner Vorrednerin in vielen Dingen zu. Auch er hielt es für fatal, die Vorhand oder auch nur ein Vorderbein als Stütze unter den Bauch des Pferdes zu bringen; die Begriffe der „Tragkraft“ im Gegensatz zur „Schubkraft“ definierte er hier ausführlich. So sei das so oft von Gustav Steinbrecht zitierte :„Reite Dein Pferd vorwärts und richte es gerade“ auf keinen Fall so zu verstehen, dass das Pferd bei immer schnellerem Laufen die Hinterbeine immer besser zur Tragkraft nutzen könne.

Ganz im Gegenteil würde auf diese Weise dann die Schubkraft überwiegen. Er bezog sich hier auch auf sein gerade erschienenes Buch „Die Logik hinter den Biegungen“, in dem er Steinbrecht modern interpretiert, und erklärte, was Steinbrecht mit „Vorwärts“ eigentlich meine:

Beide Hinterfüße müssen, um die Vorhand entlasten zu können, immer weiter unter den Bauch nach vorne gearbeitet werden, als dass sie „hinten herausschieben“ können. Nur das Bein, so erklärte er, das unter der Masse sei, könne Gewicht aufnehmen und zum Tragen kommen.

Dazu zeigte auch Bilder verschiedener Pferd in verschiedenen Balancezuständen, so dass das Publikum genau sehen konnte, worum es ihm in seinen Ausführungen ging.

Wie ging es dann weiter?

Im Anschluss kamen einige hochinteressante Fragen aus dem Publikum zu den gehörten Vorträgen.13271663_250720991954776_1781856768_o

So ging es zum Beispiel darum, ob nicht ein Blick in den Pferdekörper mittels Röntgen beispielsweise zeigen könne, wo für dieses Pferd nun die ideale Kopf-Hals-Haltung sei, in der es sich am besten stabilisieren könne. Beide Referenten, teilweise unterstützt von Hofreitmeister Wolfgang Krischke und Diana Krischke, die medizinisch in diesem Bereich an der Universität Witzenhausen forscht, freuten sich über die Inspiration zu diesem Austausch und gaben ihre Meinungen zu diesem und weiteren Themen kund. Schnell waren sich alle einig: ein bestimmtes Ziel in der Ausbildung des Pferdes, beispielsweise die Ausbildung des Pferdes als ein Reitpferd in der Bahn, erfordert auch einen bestimmten Weg. Diesen Weg haben die Alten Meister bereits gefunden, wir müssen nun sehen, wie unsere modernen Pferde von dem in vergangenen Zeiten Formulierten den größten Benefit haben, ohne dass wir dogmatisch in der Vergangenheit festgefahren sind.

Wie sah das in der Praxis aus?

Nach den Vorträgen und anschließender Diskussion wurden die Praxisteilnehmer des Seminars mit ihren Pferden in die Reithalle gebeten und an jedem Pferd wurde, begleitet von Bent Branderup demonstriert, in wieweit dieser Körper vom Ideal abweicht, das die Alten Meister als Optimum des Reitpferdes beschrieben hatten. Natürlich ging es dabei nicht um eine Fehlersuche bzw. Zurschaustellung der jeweiligen Defizite, sondern an eine logische Anpassung der weiteren Ausbildung, wie man helfen könne, was notwendig sei, damit das Pferd lange gesund sowohl sich selbst tragen, als auch mit zusätzlichem Gewicht des Reiters belastet werden könne.

Dadurch konnte man schnell sehen, dass es niemals eine strikte Abfolge von Ausbildungsstufen, wie man heute in der Skala der Ausbildung vermuten könnte geben kann, da die Individualität des Lebewesens Pferd nicht außer Acht gelassen werden darf.

Das, was dem einen Pferd helfe, verschlechtere die Balance des anderen Pferdes – das war aus den vielen Praxisbeispielen für das Publikum sehr gut zu beobachten. Balance, Form und Losgelassenheit seien Dinge, die sich nicht trennen ließen, so Bent Branderup. Gerade auf Letzteres legte er mit den scherzhaft hervorgebrachten Worten „Entspannung, Marsch!“ größten Wert, denn:

„ Nur ein Pferd, dessen Geist seinem Ausbilder zugewandt ist und dessen Körper dadurch weich ist, wird sich formen lassen wollen. Die Abwesenheit von Spannung ist das Ziel, das wir suchen: Harmonie mit dem Familienmitglied Pferd“

betonte Bent Branderup immer wieder. Diese Untrennbarkeit von Geist und Körper ist ihm elementar wichtig, daher solle die Hilfengebung des Menschen immer ein Vorschlag sein, den das Pferd annehme oder sich zuerst in Lösungsansätzen ausprobiere – so, wie es ihm vom Verständnis und der Umsetzung her möglich sei. Hier sei die Akademische Reitkunst eine gute Möglichkeit, mit dem Pferd gemeinsam Zeit schö
n zu verbringen- man könnte sagen „l´art pour l´art“- die Kunst als Kunst ist sich genug.

Dann zeigte das Team Bückeburg den mitgebrachten Schulhengst Raisuli unter Elevin Patrizia Schneider in der angewandten Reitkunst, begleitet von Christin und Wolfgang Krischke. Der Hengst zeigte zuerst die Basisarbeit, wie sie in der Hofreitschule täglich mit den Pferden geübt werde: Seitengänge und Biegungen, zuerst im Schritt, dann auch in Trab und Galopp in einer für das Pferd eingeübten Routine, die es ihm leichter mache, sich in der Arbeit zurechtzufinden. „Übungsabfolge“ nannte Wolfgang Krischke die Arbeit in Schulterherein, Travers uns Renvers. Dann folgte die stärkere Gymnastizierung , nach Vorbild der Alten Meister auch mal in Nachahmung der Arbeit um einen Pilaren herum auf einem sehr kleinen Zirkel.

13282590_251508245209384_874291841_oDass dabei deutlich mehr Seitwärts als unter der Anweisung von Bent Branderup gefordert würde, fällt Christin Krischke sofort auf:

„Wir wollen den Pferden in der angewandten Reitkunst beibringen, dass sie auch dann nicht fallen, wenn sie sich nicht in völliger Balance befinden. Das vermittelt ihnen, so denken wir, ein gutes Körpergefühl.“

Die Motivation der Pferde, mit dem Menschen zusammenzuarbeiten sieht die Hofreitschule in dem gemeinsamen Erreichen von konkreten Zielen, wie wir im anschließenden Waffengarten vorgeführt bekommen. So freue sich das Pferd ebenso wie der Mensch, wenn die Lanze den winzig kleinen Ring vom Galgen steche. Die Reitkunst in ihrer konkreten Anwendung bekäme eine Zweckmäßigkeit, die Reiter und Pferd erfreuten. Wie eindrucksvoll solch eine Praxis sein kann, zeigt der Hengst Raisuli: hier und auch beim anschließenden Demonstrieren von Lektionen der Hohen Schule konnte man sehen, welche Kräfte unseren Pferden innewohnen.

Das Fazit

Die Diskussion, wie auch die anschließende Arbeit in der Praxis haben alle Teilnehmer beflügelt und inspiriert. Ein Gedankenaustausch auf so hohem Niveau, in einer so freundlichen, konstruktiven Atmosphäre war ein absoluter Genuss und immer wieder wurde klar, dass es niemandem darum ging, „Recht zu haben“. Es ging um Meinungen, die ausgetauscht wurden, darum zu zeigen, dass verschiedene Ziele verschiedene Wege erfordern und darum, dass eine Meinung, so betont Bent Branderup in Konsens mit Christin Krischke immer wieder, niemals eine Religion werden dürfe.

Nicht nur die rhetorisch gelungenen und natürlich fachlich ausgesprochen fundierten Vorträge haben das Dabeisein zum echten Erlebnis gemacht, sondern auch das Gefüh, dass in der Verschiedenheit Gemeinsamkeit und in der Gemeinsamkeit Verschiedenheit liegen kann und darf – all diese Faktoren haben das Seminar zum unvergesslichen Event werden lassen.

Ich freue mich nun schon und bin gespannt auf die kommenden Themenseminare am 11./12.Juli zum Thema „Hankenbeugung“ und am 17./18. September zum Thema „ Facetten der Bodenarbeit“

Stefanie Niggemeier, Barocke Pferdeausbildung


Vielen Dank an die Kurszusammenfassung, liebe Stefanie Niggemeier, sowie die Fotos! Mehr über die Autorin des heutigen Gastbeitrags gibt es auf ihrer Website!

Finden wir also unsere Verschiedenheiten und Gemeinsamkeiten, dann Reiten wir Einfach 😉

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Gib mir Infos in die Hand – Gastartikel Bianca Grön

Gib mir Infos in die Hand – Gastartikel Bianca Grön

Handarbeit – nein hier geht es in der Reitkunst nicht ums Stricken, sondern um Geben und Nehmen von Informationen. Wie das auf hohem Niveau gelingen kann, verrät Bianca Grön in ihrem heutigen Gastartikel:

Die Voraussetzung für die so genannte Handarbeit ist eine gute Vorbereitung – sowohl für den Reiter,als auch für das Pferd in der Longen- und Bodenarbeit. Für die Handarbeit gibt es zwei Führpositionen. Wenn man sich auf der linken Hand befindet, kann man sich entweder links, also innen vom Pferd, oder außen platzieren. Die Zügel werden wie vom Sattel aus einhändig geführt.

Im Gegensatz zur Bodenarbeit, in der man eine Position vor dem Pferd einnimmt und mit dem Kappzaum den Kopf platzieren kann, kommt es in der Handarbeit um das Geben und Nehmen von Informationen an. Bent Branderup sagt in diesem Zusammenhang:

„Eine gute Hand sucht nach Information. Einer Hand, der das Pferd vertraut, wird Information gegeben“.

Aber was war der ursprüngliche Zweck der Handarbeit?

In der heutigen Zeit sind die Pilaren aus den Reithallen verschwunden. Die Handarbeit ist eine Möglichkeit, um die ursprüngliche Pilarenarbeit zu ersetzen, die die alten Meister zur Ausbildung der Pferde benutzt hatten. Bent Branderup selbst bildet seine Pferde zwar in den Pilaren aus, jedoch lehrt er diese Arbeit nicht, da sie ohne konkrete Anleitung im Eigenversuch für Pferd und Mensch zur Gefahr werden kann.

Neben der Möglichkeit die Pilarenarbeit zu ersetzen, ist Handarbeit – von außen geführt noch eine sehr gute Möglichkeit, um die Reiterhand sehr weit zu schulen, ohne „Nebengeräusche“ durch den Sitz zu erzeugen.

Aber wie erkennt man, ob die Hand des Reiters bereits ein gewisses Level erreicht hat?

DSC_4077_kleinEine ungeschulte Hand wird das Pferd eher blockieren, während eine geschulte Reiterhand gelernt hat, die Bewegungsenergie in den verschiedenen Lektionen zu fühlen und zu führen.
In der von innen geführten Handarbeit mit den Zügeln in beiden Händen arbeiten wir viel mit Hilfe der Wand. Dies mag zwar einerseits einer Unterstützung gleich kommen – andererseits werden so Fehler – wie ein Ausfallen der Hinterhand oder der Schulter durch die Präsenz der Wand kaschiert. In der von außen geführten Handarbeit sind wir unabhängig von der Wand und werden leichter auf Probleme, die bereits bestehen oder von uns selbst erzeugt werden aufmerksam. Führen wir jedoch das Pferd zwischen unseren Hilfen in Balance, dann haben wir eine Basis um die einzelnen Körperteile gut aufeinander abzustimmen und auf lange Sicht eine enorme Geschmeidigkeit des Pferdes zu erlangen.

Übrigens: Handarbeit hat auch eine lange Geschichte und Tradition. Römische Reliefs aus dem ersten Jahrhundert nach Christus stellen bereits die verschiedensten Möglichkeiten der Führpositionen dar. Dies unterstreicht noch einmal: Wir müssen nichts Neues in der Reiterei erfinden – wir müssen uns lediglich auf jahrtausende alte Grundlagen in der Arbeit mit dem Pferd konzentrieren.

Mit der Hand lässt sich damals wie heute nichts produzieren – aber wir können Einfluss auf einen positiven Bewegungsablauf des Pferdes nehmen, beispielsweise lassen sich die Arbeit mit dem Schulschritt und der Schulparade auch wunderbar mit der von außen geführten Handarbeit kombinieren.

Vielen Dank an Bianca Grön für den heutigen Gastartikel!

Alle Fotocredits: Lotte Lekholm

PS: Wer mehr über die Handarbeit von außen geführt erfahren möchte, dem lege ich das heute veröffentlichte Video von Bent Branderup und Bianca Grön dazu ans Herz, das in acht Teilen erscheint. Bent zeigt darin mit seinem PRE „Cara“ die verschiedenen Führpositionen in der Praxis und geht auf die Einwirkungen der Hand in der Boden – und Handarbeit ein. Knabstrupperhengst Tableau demonstriert, wie die Hinterhand durch eine geschulte Parade geschmeidiger werden kann. Und natürlich gibt es auch wieder viele Ausschnitte aus Unterrichtseinheiten von Bent und seinen Schülern rund um das Thema Handarbeit.

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