Perspektivenwechsel

Perspektivenwechsel

„Besonders für die Akademische Reitkunst geeignet“. Mit diesem Slogan werden zunehmend Pferde gerne in Verkaufsportalen angeboten. Meine liebe Kollegin Celina Harich hat sich dazu Gedanken gemacht – wer Celina kennt weiß – es bleibt nicht bei einem Aspekt.
Ich freue mich sehr, diesmal einen Gastartikel von Celina Harich auf meinem Blog zu präsentieren:

Die Skandinavier an sich ein sehr freundliches Volk. Die Regel ist: Je kühler die Temperatur, desto liebevoller der Umgang. Direkte Kritik ist eher unüblich. Je weiter es in den Norden geht, desto weicher ist die Sprache. Ich mag das ja. 

Celina Harich

Nach ich einigen Jahren im Skandinavischen Ausland, empfinde ich heute Deutschland immer noch als hektisch und unfreundlich. Die recht emotionslose deutsche Klarheit in der Sprache hingegen ist wundervoll. Man muss so wenig raten. In Skandinavien sprechen wir Code. Das muss man lernen zu entcoden. Statt: „Das ist Mist, was Du da grade machst“ sagt der Skandinavier: „Hätte was werden können“.
Versteht man erst nach genauerem Hinterfragen.

Das gilt natürlich auch für die Reiterwelt. Steht in einer Verkaufsanzeige „besonders für die Akademische Reitkunst geeignet“ ist das auch Code. Hinter dieser Beschreibung verbergen sich (meistens) verschiedene Typen, die nach der allgemeinen Auffassung besonders geeignet sind: 

Die Entschlüsselung des Codes

Typ 1:  Das Pferd ist von Natur aus nicht mit besonders viel Talent gesegnet, und damit im Sport nicht zu gebrauchen. Wenn irgendwas helfen kann, dann Akademische Reitkunst.
Typ 2: Das Pferd ist geistig / körperlich / seelisch schon schwer geschädigt und traumatisiert. In der Akademischen Reitkunst nimmt man darauf ja Rücksicht.
Typ 3: Dieser Typ Pferd war mal wirklich talentiert. Leider haben Rücken/Beine/Sehnen dem Anspruch nicht gehalten. Die Akademische Reitkunst macht ja hauptsächlich Rehabilitation.
Eine weitere Variante bietet Typ 4: Benimmt sich völlig verrückt und unberechenbar. Die Akademische Bodenarbeit kann das richten.

In meiner Zeit auf Gotland, dieser wunderbaren schwedischen Insel, zu der ich immer wieder gerne zurückkehre, durfte ich sie alle kennenlernen. Weil Ekeskogs ein Ort mit genug Platz ist, meine Kollegin Hanna Engström ein großes Herz hat, und ich wahnsinnig genug bin, auch noch das fünfzehnte Pferd am Tag zu arbeiten – deswegen haben sie alle einen Platz bei uns gefunden. Die Pferde, die für die Akademische Reitkunst besonders geeignet sind. 

Alle Varianten habe ich kennenlernen dürfen. Das brandgefährliche Jungpferd, dass schon den Hänger auf der Hinfahrt zerlegt hat. Das Pferd mit Weideunfall, das nur noch Pass in verschiedenen Geschwindigkeiten gehen konnte. Das Pferd mit täglich wechselnder Lahmheit, oder das Pferd mit so schiefem Brustkorb, dass das Karpalgelenk nicht mehr grade werden konnte. Das Pferd, dass beim Heben der Gerte nur noch verrückt wie ein Elefant auf der Stelle trampelte. Den Traber mit durchtrennter Zunge, den Spanier mit einem Leben im chronischen Schmerz, den Lipizzaner ohne Rücken und den Warmblüter, der in 200-ster Hand war. 
Wow, was für eine Herausforderung. Aber auch: Was für ein wundervoller Spielplatz, sich auszuprobieren und die beste, individuelle Lösung für diesen Geist und diesen Körper zu finden.

Was ich gelernt habe?

Alle meine Kompetenzen im Sinne des Pferdes einzusetzen. Wenn kompetente Behandlungen nicht greifbar sind, finden sich auch andere Werkzeuge. 

Meine Erfahrungen aus der Verhaltenstherapie mit traumatisierten Gebrauchshunden half mir, schnell zu Zugang zu den verschiedensten Charakteren zu finden. Die akademische Werkzeugkiste ist Grundlage, Zugang zum Körper zu finden. Die Menge an zu betreuenden Pferden hat mich vor eine riesige Herausforderung gestellt. Das letzte Pferd am Tag hat die gleiche Liebe, Präzession und Aufmerksamkeit verdient wie das Erste. Klarheit, Struktur und Didaktik haben eine neue Dimension in meiner Arbeit bekommen und einen völlig anderen Stellenwert, als wenn ein oder zwei Pferde zu betreuen sind.

„Das Unmögliche möglich machen, das Mögliche leicht und das Leichte elegant.“

Moshé Feldenkrais

Kleinteilige Bewegungsmuster sind oft der Schlüssel zur Losgelassenheit und Entwicklung.  Jeden Tag durfte ich auf dieser Basis kleine und große Wunder erleben. 

Manchmal war die Lösung ganz offensichtlich. Manchmal durfte ich etwas tüfteln. Immer habe ich Lösungen gefunden. Taktfehler, kaputter Rücken, kann nicht Traben  –  wenn nichts mehr ging, dann sind die Pferde und Schüler gerne zu mir „überwiesen“ worden, von Tierärzten, Osteopathen, Kollegen und Nachbarn.

Mein schwedischer Spielplatz hat mir viele Ideen mitgegeben und reiche Erfahrungen, für die ich dankbar bin und aus denen ich schöpfen darf. Meine Welt hatte sich in Schulterherein, Kruppeherein, verschiedenen Biegungen und Beugungen aufgeteilt, mit denen ich erfolgreich allen Pferden helfen konnte.

„Alles hat eine Zeit und einen Ort im Leben.“

Celina Harich

Meine eigenen Pferde, und mein Despino zu aller erst, nehmen ihren Bildungsauftrag mir gegenüber sehr ernst. Wenn ich mich auf irgendetwas im Leben verlassen kann, dann darauf. Glaube ich, eine Materie zu verstehen und zu beherrschen, zeigt Despino mir, dass es da noch etwas anderes zu lernen gibt. Und dass es ihm persönliche wichtig ist, dass ich da jetzt hingucke.

Leider bin ich als Menschenkind nicht immer direkt dafür offen und manchmal etwas resistent, bevor ich hinhöre. Diesmal hat er mich an einen alten Wunsch erinnert. 
Osteopathie, Akupunktur und TCM haben immer eine große Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Den Pferdekörper noch besser zu verstehen, war bereits mit Anfang 20 ein tiefer Wunsch. Meine Reise in die Reitkunst jedoch war so spannend und zeitintensiv, dass ich die Ausbildung immer verschoben und schließlich vergessen hatte.
Meine Resistenz war auch diesmal groß. Fast zwei Jahre habe ich zugesehen, wie es meinem eigenen Pferd immer schlechter ging. Der Beginn war ein kleiner Husten. Als nächstes kam ein Deckunfall (den auch übermotivierte Wallache wie er gerne mal haben), von dem er sich körperlich nur oberflächlich erholte. Ein Wurmbefall mit Bandwürmern, die trotz regelmäßiger medizinischer Betreuung nicht Einhalt geboten werden konnte, rundete das Bild ab.


Daraus resultierte: Was auch immer ich reiterlich versucht habe – es wurde schlechter. Mein Pferd verlor Muskulatur, Elastizität und vor allem Freude und Bewegungslust. Meine Welt, in der Reitkunst DAS Rehabilitationsmittel war, funktionierte bei meinem eigenen Pferd nicht mehr. Nicht so gut für das Ausbilder – Ego. Machtlos stand ich daneben, und habe für ihn alle Behandler der Welt bestellt – Osteopathie, Energetik, Schulmedizin, Homöopathie. Geholfen hat nichts. 

Und nun?

Gibt es Zufälle im Leben? Ich weiß es nicht. Was 15 Jahre nicht zusammenkommen wollte, fiel einfach an seinen Platz.  Und ganz zufällig zog es mich zu einer Schule für Osteopathie, die ihren Schwerpunkt auf eine sanfte, liquide und funktionelle Osteopathie gelegt hat. Liquide und craniosacrale Techniken sind fester Bestandteil der Ausbildung. Meridianlehre und Akupressur gehören ebenfalls zum Lehrplan. Zufällig fielen die Termine mit meinen „Urlaubstagen“ zusammen.  

Selber behandeln wollte ich eigentlich nie. Verständnis für den Körper hätte mir als Output der Ausbildung auch gereicht. Mein Pferd jedoch war wirklich konsequent mit mir. Er nahm ab, der Rückenmuskel verschwand, er wurde immer zäher und weniger responsiv auf die Reiterhilfen, dünner und mit dickem Bauch. Der Husten kam immer wieder, und wollte gerne eine COPD werden. Sein Körper war mittlerweile so wenig widerstandsfähig, dass eine Neopren-Fliegenmaske weiße Druckstellen wie bei einer Serreta-Narbe auf seinem hübschen Köpfchen hinterlassen haben. Ich habe kurz überlegt, wahnsinnig zu werden. Stattdessen kaufte ich einen (weiteren, besseren) Inhalator. Nur geholfen hat es genau gar nichts.

Wenn ich Dinge tue, dann lerne ich auch ordentlich. Und natürlich mussten meine Pferde als „Testopfer“ während meiner Ausbildung herhalten. Als ich craniosacrale Technik lernte, passierte etwas in meinem Pferd – und ein halber Liter Schleim floss aus seiner Nase auf meine Schuhe, eine zähe gelb-grüne Substanz. Danach wurde der Husten deutlich besser. 
Ein weiteres Modul Ausbildung, in dem das Thema Narben und Nebenhöhlen behandelt wurde, lenkte meine Aufmerksamkeit auf eine Narbe am linken Auge. 3jährig hatte er sich das Auge auf der Weide verletzt und musste operiert werden. Die Nebenhöhlen auf der linken Seite waren komplett verschleimt. Den Hinweis hatte ich auch nach einer Bronchoskopie nicht gefunden. 

Liebe lässt uns an uns glauben!

Mein Pferd glaubt wirklich an mich. Er verwickelte sich freiwillig in einen Unfall mit unglücklichen Umständen. Er zwang mich dazu, mich ausgiebig mit Meridianen und Faszien zu beschäftigen. 
Über fast 6 Wochen kam er in den Genuss regelmäßiger Behandlungen. Von Tag zu Tag konnte ich unter der Behandlung sehen, wie mein Pferd sich körperlich veränderte. Er wurde runder, schwingender, veränderte sich muskulär – ganz ohne Training, den das rechte Hinterbein hatte zu großen Teilen keine Haut mehr zu dem Zeitpunkt.  Vor allem aber wurde er glücklicher. Als ich 6 Wochen später das erstmalig wieder aufsaß, hatte ich ein neues Pferd unter mir. Und noch viel besser: mein Altes zurück. Auch wenn die Kraft für eine Piaffe nicht reichte – aber alle Hilfen, Biegungen und Stellungen, alles, was wir mal gelernt hatten, war ohne Aufwand wieder da.

Meine Welt aus Schulterherein und Kruppeherein hat jetzt wieder Sinn gemacht,  und konnte positiv auf mein Pferd einwirken. Sein Weg zurück wird noch ein bisschen dauern. Aber – jeden Tag hat er wieder mehr Kraft. 
Und das allerbeste: Mein Pferd frisst trockenes Heu, ohne zu Husten. Er kann 20 min problemlos galoppieren. Wir haben von einer Power Kraftfutterration von 3kg / Tag auf genau 80g Mineralkräuter reduzieren können, denn mehr benötigt sein Körper nicht mehr. Der resistente Wurmbefall hat sich verabschiedet. Und er wiehert wieder, wenn er mich sieht.

About me
Celina interessiert sich für alles, das zu einem umfassenden Verständnis von Körper, Geist und Seele beiträgt. Ihre Kompetenzen sind neben der Akademischen Reitkunst auch energetische Osteopathie und Körperarbeit. Aber vor allem ist sie Pferdemädchen mit Leib und Seele. Ihr Wissen gibt sie auf Seminaren und Online mit Freude weiter.
Zum Weiterlesen: www.celinaharich.com oder www.equidemia.com


Faszien und Alte Meister

Faszien und Alte Meister

Ein neumodischer Flaschenkühler? Eine Nackenstütze? Was ist das rot-schwarze Ding? Wenn ich auf Reisen bin, sorgt meine Faszienrolle oft für erstaunte Blicke. Ohne meine Faszienrolle bin ich aber selten „on the road“. Als Facebook einen Kurs mit Stefanie Niggemeier zum Thema „Faszien und Alte Meister“ ankündigt, bin ich natürlich neugierig und bitte Stefanie um einen Gastartikel, den es heute zum Nachlesen gibt:

Die Faszie –  eine Modeerscheinung?

Faszien, dieser Tage ein ziemliches Modethema, sind absolut keine „Erfindung“ der letzten Jahre. Die Arbeit mit ihnen ist schon sehr alt, auch wenn man diese Arbeit nicht unter dem neumodischen Namen „Faszientraining“ kannte.

A.T. Still (geb.1828), der Erfinder der modernen Osteopathie und Ida Rolf ( geb.1896 in New York) ,Erfinderin der Faszientechnik „Rolfen“ arbeiteten Ende des 19.Jhrdts, Anfang des 20. Jahrhundert konkret mit Faszien und benannten diese auch so. Das Wissen um die Funktion der Faszien läßt sich jedoch schon bis zur griechischen Antike zurückverfolgen – nur eine der etlichen Parallelen zur Reitkunst. 2011 dann wurde an der Universität Ulm die „Fascia Research Group“ rund um Rolfing-Therapeut Robert Schleip gegründet, der es erstmals gelang, in bildgebenden Verfahren sowohl die Optik, als auch die Funktion und vor allem den Verlauf der Faszien, die den gesamten Körper wie ein Labyrinth aus Bindegewebsschichten durchzieht, nachzuweisen. Im Laufe der letzten Jahre wird den Experten die Wichtigkeit gesunder Faszien und Techniken oder Therapien zur Gesunderhaltung von Faszien immer klarer. Das hat zu einer Revolution im modernen Verständnis über Biomechanik und Bewegungslehre, aber auch gesundheitlicher Prozesse geführt. 2014 dann wurde an der Universität Kopenhagen nachgewiesen, dass die Faszienzüge von Mensch und Pferd vergleichsweise gleich verlaufen, was für uns als Ausbilder unserer Pferde natürlich sehr interessant ist.

Nachdem Anfang des 20. Jahrhunderts in der Sport- und Bewegungslehre viel Wert auf gleitende, schwingende Bewegungen, Gymnastik mit Ball, Band oder Reifen gelegt wurde, wurde dieser Sport im Humanbereich im Laufe der nächsten 50 Jahre mehr und mehr verworfen, bis es vor 30-40 Jahreh sogar galt, dass diese Bewegungen im Körper Schaden anrichten – die „ Trimm-Dich“ Welle in Deutschland startete, bei der vor allem Krafttraining im Vordergrund stand, weil alle Dreh-, Gleit- und Schwungbewegungen vermeintlich zu Schaden führten. Das Problem: die Menschen wurden immer steifer, körperliche Beschwerden und Haltungsschäden nahmen zu. Die moderne Bewegugnslehre hat sich dank der Erkenntnisse um die Faszien von dieser Theorie wieder abgewandt und man kann sagen, dass wir heute eine Art „ Renaissance des Schwingens und Federns“ haben.

Piaffenarbeit hält die Faszien in Schwung und sorgt für Versorgung im Körper- Foto Stefanie Niggemeier

Besehen wir uns die Lehren der alten Meister, dann wissen wir, dass es immer dann, wenn es also um „Schwung“, „Schwingungen“ oder „Schaukelbewegungen“ geht, die Faszien angesprochen werden. Diese Art der Arbeit lesen wir sowohl in der „Gli Ordini di Cavalcare“ von Frederico Grisone (Venedig, 1551), der die erste Ritterakademie der Renaissance in Europa im damals zu Spanien gehörenden Neapel gründete. Über seinen Schüler Pignatelli gab er seine Lehren an seine Enkelschüler in ganz Europa weiter, mit Antoine de Pluvinel wurde „ Faszienarbeit“, die Pluvinel ( Maneige Royal, 1623) natürlich noch nicht so nannte nach Frankreich, Georg Engelhardt von Löhneysen nutzte Elemente der Faszienarbeit in seiner „ Della Cavalleria „ ( 1609, Remmingen), um das Pferd für das damals hoch geschätzte Pferdebalett, das „ maneggiare“ zu schulen.

Pluvinel erfindet Lektionen wie die Piaffe und den Mezair, den zweitaktigen, gerade-geradergerichteten„ Schuakelpferdegalopp“, in der er das Pferd maximal „ schwingen und federn“ läßt und so sehr ökonomische, nachhaltige Bewegungen im Pferd etabliert. Das Wichtigste in der Arbeit der Renaissance: Natura non artis opus- die Natur und nicht die Kunst (vor allem das Künstliche!) ist das Ziel der Arbeit.

Alles, was nicht zur Verbesserung der Grundgangarten des Pferdes hilft, kann nicht sinnvoll sein, so erklären die Alten Meister.

„Schaukelsätze“ wie bei Pluvinel: dank Energiespeicherfunktion der Faszien effizient und ökonomisch für das Pferd. Foto: Martina Glahe

Wenn wir in der Zeitleiste der Geschichte der Reitkunst dann mehr in Richtung Gegenwart denken, führt kein Weg an Bernhard Hugo von Holleuffer vorbei, der in seiner „ Bearbeitung des Reit- und Kutschpferde zwischen den Pilaren“ (Hannover, 1882) nicht nur die Erfindung Pluvinels, den Doppelpilaren zur Schulung des Pferdes nutzt, sondern vor allem ausführlich über die elementare Wichtigkeit des Schwungs, der dreidimensionalen schwingenden Bewegung der Wirbelsäule schreibt. Auch wenn wir heute den Doppelpilaren nicht mehr nutzen wollen, ist doch das Verständnis des Inhaltes dieser Technik für uns heute vor allem in Hinsicht auf die Faszienarbeit interessant und wir können in zum Beispiel der Arbeit an der Hand oder Longe die Schulung des Pferdes im Stand nutzen, ohne dass wir irgendeine Art von Spannung oder Zwang, die der Doppelpilar durch das Fixieren des Pferdes schnell erzeugt, in unsere Arbeit bringen.

„Die Schwingungen werden von den Hinterbeinen aus in Bewegung gesetzt, theilen sich durch die Wirbelsäule dem Kopf und den Vorderschenkeln mit und bringen das Pferd gleichzeitig in die Anlehnung an das Gebiss. Die Schwingungen sind sichtbar , fühlbar und hörbar; in ihrer Vollkommenheit beruhen die Elastizität und die Kraft der Bewegungen , der ganze Werth des Pferdes, namentlich des Reitpferdes. Man unterscheidet deshalb Rückengänger und Schenkelgänger.“

Holleuffer benennt hier eine ganz wichtige Funktion der Faszie, die Fähigkeit zur Energiespeicherung- und- freisetzung, die Elastizität. Die aus Collagenfasern bestehenden Faszien haben die Eigenschaft, im Laufe der Zeit und bei „ Nichtbenutzung“ zu verfilzen und führen schlimmstenfalls zu Unbeweglichkeiten in diesem Bereich. Hier können Techniken wie Osteopathie, Rolfing oder auch die Anwendung einer Faszienrolle helfen, doch Vorsicht! Faszien verfilzen niemals ohne Grund, sie wollen durch diesen Prozess etwas schützen und halten. Gerade bei der Arbeit mit der Fazienrolle sollte man nicht vergessen, dass sie ursprünglich entwickelt wurden, um „ Fascial SELF release“ zu erreichen, also eine Selbstmassage des Menschen. Von Faszienrollen aus Holz , Metallrädchen zur Stimulierung, etc. sollte man meiner Erfahrung nach besser absehen, weil man hiermit nur eine „ Fremdmassage“ beim Pferd anwenden kann. Besser wäre hier das gründliche Putzen entlang des Fellstrichs mit einer weichen Bürste, das die Versorgung der Oberflächenfaszie oftmals deutlich besser und vor allem deutlich schonender stimuliert als alles Andere. Auch ein Abstreichen mit der Hand entlang der Faszienverläufe, wie wir es schon in der Reitkunst der Renaissance lesen können, hilft dem Pferd besser als jedes Hilfsmittel. Je größer des Problem des Pferdes im Bereich der Faszien ist, desto mehr sollte man hieran denken.

Udo Bürger dann schreibt in seiner „Vollendeten Reitkunst“ vor knapp 60 Jahren dann namentlich über die Wichtigkeit der gesunden Faszien für das Pferd und gibt uns elementar wichtige Gedanken über den Zusammenhang von Faszien, Haltung des Pferdes und Handeinwirkung des Reiters mit auf den Weg. Vor allem das Zungenbein das man quasi als „ Faszienknochen“- falls es so etwas Paradoxes geben könnte- bezeichnen kann beschäftigt nicht nur Bürger. Die Reitmeister der Renaissance legen größten Wert auf die Wahl der richtigen Zäumungen und Gebisse, nicht zufällig schreibt Löhneysen 1587 ein Buch „Über die Zäumung“, in dem er über 14000 verschiedene Kandaren, verschiedene Kappzäume und gebisslose Zäumungen zeigt und erklärt. Pluvinel erfindet einen speziellen Kappzaum für seine Arbeit und beschreibt ausführlich die Gewöhnung oder Korrektur des Pferdes an das passende Gebiss. Auch über den Zusammenhang von Atmung und Faszien, sowie für die Tragfähigkeit des Pferdes wichtige und ungute fasziale Ketten im Pferdekörper weiß Pluvinel, ohne sie mit ihrem modernen Namen benennen zu können.

Die bekannteste fasziale Störung ist das Trageerschöpfungssymptom, die auch bei nicht gerittenen Pferden auftreten kann. Die Faszie als Bindeglied zwischen Körper und Geist und in ihrer Funktion als „ externe Speicherplatte“ der Seele des Lebewesens zeigt mit einem solchen Bild, dass sie etwas nicht mehr ( er-)tragen kann. Das kann eine Haltungsform oder Herdenkonstellation ebenso sein wie eine falsche Vorstellung von Trainingsaufbau oder Trainingsanspruch. 72 Stunden brauchen Faszien, um sich nach Input zu regenerieren, was sich genau damit deckt, dass schon Löhneysen dazu rät,das geschulte Pferd nicht öfter als drei Mal die Woche zu arbeiten und ansonsten lediglich für leichte Bewegung oder sogar Pause zu sorgen. Ein Tragerschöpftes Pferd braucht also kein Muskeltraining, sondern es braucht Schwung – in seinen Synonymen auch Verve, Lebensfreude und Begeisterung genannt. Bei verklebten Faszien ist die Versorgung des Gewebes oft so stark eingeschränkt, dass ein Zuwachs im Bereich der Muskulatur sowieso nicht möglich ist- es handelt sich um eine ganz andere Baustelle.

Hier kommen wir zur wichtigen Funktion des Lobes: schon Grisone betont, man solle „ dem Pferd schöntun“, sobald es gut gearbeitet habe. Wir wissen heute: zu 70 % lernt der Faszienkörper durch Fremdwahrnehmung, Lob ist also wichtiger für das Gesunderhalten des Körpers während der Arbeit als alles Andere. Aber auch das Gefühl, eine Aufgabe gestellt bekommt zu haben, die das Pferd gut lösen konnte, ist wichtig für unseren Partner Pferd und schafft Zufriedenheit und Selbstwertgefühl.

Gesunde Faszien sieht man dem Pferd an, es wirkt rund, das Fell glänzt Dank Versorgung der Oberflächenfaszie, hat eine gute Haltung, in der es sich selber, aber auch einen Reiter tragen kann, ist körperlich und mental in Balance, ist bewegungsfroh, hat Interesse an Sozialkontakt mit anderen Pferden und auch Menschen, es wirkt „ stolz und schön, so, wie es sich in den Augen anderer Pferde stolz und schön fühlen würde“, wie schon Xenophon vor 2400 Jahren das Ziel der Arbeit mit dem Pferd beschreibt.

Wichtige Fakten über Faszien

  • Alle bindegewebsartigen Strukturen wie Muskel- und Organhüllen, Knochenhäute, Sehnen, Bänder, aber auch Hornhäute im Auge und Huflederhäute beim Pferd werden Faszien genannt
  • Faszien bestehen aus Collagenfasern und einer wässrigen Zuckerlösung ( Hyaloronsäure) und machen rund ein Drittel bis ein Viertel des Gesamtkörpergewichtes aus;
  • über 80 000 freie Nervenendungen in den Faszien machen sie zu einem körperinternen Kommunikationsorgan, das Alles mit Allem im Körper im Austausch hält
  • Faszien trennen alle fremden und gleichen Strukturen im Körper ,wie zB Muskeln von Knochen oder Muskeln von Muskeln und sorgen so für reibungsarme Abläufe im Körper
  • Faszien können Energie speichern und freisetzen, sie machen ökonomische Bewegung für den Körper erst möglich
  • Faszien sind das „ Bindeglied“ zwischen Körper und Seele und haben in ihrer Fähigkeit, Energie zu speichern die Funktion einer „ externen Speicherplatte“ der Seele, indem sie in der Lage sind, Traumata und Stress die Spitze zu nehmen und im Körper abzuspeichern. Arbeit mit den Faszien ist also immer Arbeit mit Körper und Geist des Individuums

 

Mehr zum Thema bei Stefanie Niggemeier:

Regelmäßig arbeiten wir hier bei uns in 33106 Paderborn zum Thema gesundem Trainingsaufbau, Gebisskunde und Bewegungslehre, auch des Menschen. Letzteres Projekt liegt mir besonders am Herzen, wenn wir drei Mal im Jahr unsere „ moderne Ritterakademie“ namens FLOWer-Konzept nach dem Vorbild Grisones im Sinne einer umfassenden, ganzheitlichen Schulung von Geist und Körper in verschiedenen Aspekten rund um das Thema Reitkunst veranstalten. Nur dann, wenn wir wissen, was gesund für das Pferd ist, so glaube ich, können wir richtig von ungünstig unterscheiden lernen. Hinzu kommt, dass man nur das vom Pferd verlangen kann, was man selber mit Hilfe gezielter Körpersprache oder eines balancierten Sitzes als Frage formulieren kann. Die Schulung des Menschen für Pferde ist also das Ziel meiner Arbeit.

Wer sich für das Thema Faszien eingehender interessiert, der ist herzlich eingeladen bei einer unserer Veranstaltungen gezielt zu diesem Thema neben weiterführender , vertiefender Information auch einmal Faszienarbeit live zu erleben, um sich selber ein Bild von den Effekten dieser schon ganz alten, sehr modernen Techniken zu machen.

Stefanie Niggemeier

www.barocke-pferdeausbildung.de

Gestatten, der Paso Fino

Gestatten, der Paso Fino

Rasseportrait, Teil 5 – diesmal nicht ganz typisch barock. Simone Garnreiters Herz schlägt für die Paso Finos. Da liegt es auf der Hand, Simone nach ihren Erfahrungen mit den Finos zu befragen.

Wie bist du denn auf diese Rasse gekommen und warum bis heute quasi „treu“ geblieben?

Simone Garnreiter: Diese Pferde gelten als die bequemst zu töltenden Pferde weltweit. Paso Fino heißt übersetzt „feiner Gang“. Die Gänge sind absolut erschütterungsfrei für den Reiter, der Paso Fino bewegt sich in einem leichtfüßigen Viertakt in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Die südamerikanische Gangpferderasse zeichnet sich durch enorme Wendigkeit, Feinheit, Lebendigkeit und Trittsicherheit aus. Finos sind intelligent und extrovertiert, sie sprühen vor Energie, jeder Charakter ist absolut einzigartig, extrem sensibel und reaktiv. Der Paso Fino ist sozusagen der Ferrari unter den Gangpferden. Paso Finos sind in Deutschland selten und teuer. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl einen Paso Fino zu tölten, man fühlt sich als hätte man die schnellsten Füße der Welt und bekommt eine Art Adrenalinrausch, gepaart mit Energie und Lebenslust. Was den Paso Fino ausmacht, ist seine absolute Sicherheit im Viertakt. Ein Paso Fino kann stundenlang ohne den Takt zu verlieren, durch den Wald tölten. Der größte Unterschied zu anderen töltenden Rassen ist die extrem hohe Frequenz – man nennt dieses Phänomen auch Quickness. Diese Energie zu kontrollieren ist aber sowohl für das Pferd als auch für den Reiter die größte Herausforderung an dieser speziellen Rasse. Man sagt auch der Paso Fino wurde gezüchtet, um so bequem und so spektakulär wie möglich von A nach B zu kommen. Oder wie Bent Branderup es mal treffend formuliert hat „Oh, ein Paso Fino, die kenne ich nur, wenn sie auf der Stelle durchgehen.“

Was sind die Besonderheiten dieser Rasse?

Simone Garnreiter: Das speziellste am Paso Fino ist sicher der Tölt als natürliche Hauptgangart. Der Charakter der Finos ist menschenfreundlich, intelligent und lernwillig, sie sind sehr aufmerksam und angenehm im Umgang. Ein wichtiges Zuchtziel ist diese gewisse Spritzigkeit unter dem Sattel und ein ausgeprägter Gehwille bzw. Temperament, auch „Brio“ genannt. Dieser Brio ist eine angeborene Eigenschaft und lässt sich nicht durch Ausbildung erzielen und auch nur bedingt wegtrainieren. Diese drei Hauptmerkmale, Gang und Charakter und Brio, machen die Vielseitigkeit dieser Pferde, aber eben auch die Komplexität in der Ausbildung aus.

Paso Finos sind extrem trittsicher und widerstandsfähig. Die Fähigkeit der schnellen Fußfolge gleicht Unebenheiten des Bodens in Bruchteilen von Sekunden aus, so dass es der Reiter gar nicht erst zu spüren bekommt.

Die besonderen Gangarten des Paso Fino?
Oder „Zeig mal, was für Gangverwirrungen die kleine Paso Fino Stute noch so auf Lager hat“ Zitat Bent Branderup

Simone Garnreiter: Der Paso Fino hat genetisch fixiert als Hauptgangart den Tölt, genauer genommen ist es eine Viertakt-Variante. Der Viertakt der Paso Finos kann in drei unterschiedlichen Tempi und „Versammlungsgraden“ geritten und ausgebildet werden: Paso Corto, vergleichbar mit der Geschwindigkeit im Arbeitstrab ist ein Viertakt im ruhigen gleichmäßigen Vorwärts mit mittlerem Raumgriff ohne übertriebene Aktion in den Beinen. Der Gang für Gelände und Gymnastik, der bei guter Kondition ohne Ermüdung über längere Zeitspannen geritten werden kann. Paso Largo, vergleichbar mit der Geschwindigkeit im Galopp, ist ein schneller Viertakt mit mehr Raumgriff und größerer Schrittlänge. Das Tempo variiert dabei von Pferd zu Pferd, da Taktreinheit, Rhythmus und Balance im Viertakt nie zu Gunsten der Geschwindigkeit verloren gehen sollten. Classic Fino, am besten zu beschreiben als Tölt auf der Stelle. Pferde mit dieser Fähigkeit sind sehr selten und die Show Stars schlechthin. Die höchste Versammlung zeichnet aus: viel Energie, sehr hohe Aufrichtung, ultrakurze Tritte bei rhythmischem 4-Takt mit rasant schneller Fußfolge und minimalstem Raumgriff. Classic Fino lässt sich nicht als Gangart antrainieren, das Pferd muss diese Veranlagung zur Quickness bereits von Geburt an in sich tragen. Der Paso Fino zeigt je nach Veranlagung aber auch Schritt, Trab und Galopp. Viele Pferde wählen zur Entspannung gerne auch Trocha, das ist ein trabverschobener Viertakt, d.h. das Aufsetzen der digonalen Beinpaare erfolgt schneller nacheinander als das der lateralen Beinpaare. Je nach Ausprägung der Trabverschiebung heben die diagonalen Beinpaare annähernd zeitgleich ab, sie setzen jedoch nacheinander auf. Und auch wenn mal ein bekannter Trainer zu mir gesagt hat, dass ein Paso Fino, wenn er Pass geht „nicht verwendet wird“, weiß ich, dass die extreme Mobilität und Gangveranlagung natürlich auch irgendwo eine Passveranlagung in sich trägt. Der Pass ist jedoch definitiv ein unerwünschter Taktfehler. Am liebsten bewegen sich die meisten dieser Pferde in der ihnen angeborenen Viertakt Gangart. Beim Paso Fino ist eine extreme und überzogene Aktion in Vor- oder Hinterhand nicht erwünscht. Sie werden speziell auf „Hock Action“ gezüchtet, dies lässt sich am besten als „Beugen der Sprunggelenke“ übersetzen und entspricht NICHT der Beugung der Hanken!

Warum eignet sich die Rasse für die Akademische Reitkunst?

Simone Garnreiter: Paso Finos sind nicht so typisch in der Akademischen Reitkunst zu finden, diese kann jedoch sehr bei der Ausbildung helfen, wenn auf die Besonderheiten der Paso Finos eingegangen wird, um die natürliche Gangart zu verbessern.

Das Ziel sollte sein, durch Gymnastizierung ein locker und gesund über den Rücken töltendes Pferd zu bekommen. Ich habe mit meiner Paso Fino Stute die Akademische Reitkunst für mich entdeckt und unendlich viel gelernt. Insbesondere die Arbeit am Boden ist für diese Art von Pferden eine Bereicherung und alle Mühen wert. Für Mariquitas Ausbildung gab es und gibt es nicht nur einen Schlüssel, sondern einen ganzen Schlüsselbund. Der Weg mit ihr war nicht geradlinig, es war vor, zurück, rechts, links, rauf, runter – ein ständiges Wechselbad der Gefühle für alle Beteiligten. Ein Schlüssel war beispielsweise ihr beizubringen, dass nicht eine Reaktion sondern eine Antwort auf eine gegebene Hilfe sinnvoll ist – sprich Ihre Initiative zur eigenständigen Lösung eines Problems mit viel Lob zu fördern. Und mit ganz viel Liebe, Geduld und jahrelanger Bodenarbeit ist es dann auch gelungen, korrekten Rückenschwung zu bekommen. An manchen Tagen besser, an anderen schlechter, das muss man mit diesen hochsensiblen Pferden in Kauf nehmen. Tiefer Boden oder äußere Einflüsse wie raschelnde Zuschauer, Wind oder kalter Regen über Nacht können das taktsichere Pferd von gestern in ein „ich habe 1000 Füße und kann sie alle auf einmal bewegen“-Pferd verwandeln. Es sind die Spannungszustände im Körper, über die die Gangarten entstehen, und ein wenig Grundspannung mehr, kann zur kompletten Verschiebung dieser führen. Für uns Gangpferdereiter völlig normal, das wir jeden Tag auf’s neue Gänge sortieren und trennen müssen. Umso wertvoller ist eben eine Rasse die quasi „immer töltet“.

Wir beschäftigen uns ja auch mit der Geschichte der Reitkunst, kannst du uns etwas über die Geschichte des Paso Finos erzählen?

Simone Garnreiter: Entstanden ist der Paso Fino aus den drei europäischen Rassen: Andalusier, Berber und der nicht mehr existierenden spanischen Genete. Die Vorfahren des heutigen Paso Fino wurden in der Neuen Welt (Kolumbien, Puerto Rico, Hispaniola) zunächst als Zuchtgrundlage für die Pferdewechselstationen der spanischen Konquistadoren eingesetzt. Sie trugen ihre Reiter tagelang über Gebirge, Ebenen, dichten Dschungel und ermöglichten somit den Spaniern die Eroberung Südamerikas.

Der Paso Fino war durch seine Ausdauer und Tritsicherheit, seine Menschenbezogenheit und vor allem den bequemen Gang ideal für die Bedürfnisse der damaligen Zeit. Pferde waren als Transportmittel und Arbeitstiere unabdingbar. Auch auf den großen Plantagen wurden diese Qualitäten geschätzt, weil der Paso Fino über den notwendigen „Cow Sense“ verfügt, der diese Pferde für den Einsatz bei der Rinderarbeit so wertvoll machte. Dazu kam, dass die stolzen Plantagenbesitzer mit dem Paso Fino zudem ein Pferd besaßen, das neben seinen anderen Vorzügen auch besonders edel und schön aussah und somit seinen Reiter ins rechte Licht setzte.

Die ersten Paso Finos wurden von Jean Claude Dysli in den 1970er Jahren in die Schweiz importiert. In den 80er und 90ern folgten engagierte Liebhaber dieser Rasse, die bei Wanderritten auf den unwegsamen Wegen der Anden aufmerksam auf diese außergewöhnlichen Pferde wurden und importierten weitere Paso Finos aus Kolumbien und den USA nach Europa. Die extreme Härte, Trittsicherheit, Ausdauer und Widerstandsfähigkeit gepaart mit der Bequemlichkeit beim Reiten hatte es Ihnen angetan. Heute haben wir ca. 2000 dieser Pferde in Europa, davon ca. 1300 in Deutschland. Der Paso Fino wird entsprechend seiner Veranlagung in drei verschiedenen Typen – Pleasure, Performance und Classic Fino unterteilt: Ein Paso Fino im Pleasure-Typ eignet sich als Freizeit-, Wanderreitpferd. (Nicht zu verwechseln mit dem Begriff Pleasure beim Westernreiten) Diese Pferde zeigen lockeren, taktklaren Viertakt am lockeren Zügel in entspannter, mäßig versammelter Manier. Diese Pferde zeigen Paso Corto (Arbeitstempo) und Paso Largo (verstärktes Tempo) bei wenig Aufrichtung und Aktion in den Beinen. Paso Finos im Performance -Typ sind gemacht für die Show und verfügen über viel Ausstrahlung, Temperament, Vorwärtsdrang und haben zuweilen auch ein etwas überschäumendes Temperament. Diese Pferde zeigen Paso Corto (Arbeitstempo) und Paso Largo (verstärktes Tempo) bei vermehrter Versammlung und Aufrichtung und Aktion in den Beinen. Ein Paso Fino im Classic-Fino-Typ ist eine Rarität. In den USA und Südamerika als Showstars sehr beliebt, in Deutschland gibt es nur eine Handvoll Classic Finos. Sie beweisen Ihr Können auf dem Fino Strip (ein langer Holzsteg zur akustischen Taktwahrnehmung, da man mit dem Auge die Frequenz nicht mehr wahrnehmen kann. Da nur ein geringer Prozentsatz eines Fohlenjahrgangs die natürlichen Voraussetzungen erfüllt, um später in Classic-Fino Klassen erfolgreich bestehen zu können, sind diese Pferde auch entsprechend teuer.

Die Begeisterung für die Rasse ist bei dir deutlich zu spüren. Logisch, dass man etwas gerne weitersagt oder empfiehlt, was man selbst sehr gern hat. Aber sind denn die Paso Finos Allrounder, die für jeden Reiter geeignet sind?

Simone Garnreiter: Es gibt gute und erfahrene Züchter in Deutschland, die unkomplizierte Freizeit Paso Finos (Pferde aus reinen Showlinien halte ich nicht für Freizeitreitertauglich) züchten, mit denen man sicher viel Spaß haben kann. Und ja klar profitieren diese Pferde, wie eigentlich alle Rassen, vom gymnastizierenden Effekt der Akademischen Reitkunst. Man muss sich nur bewusst sein, dass eine extreme Gangveranlagung auch eine große Herausforderung bedeutet, die viel reiterliches Feingefühl und lebenslanges Arbeiten an den Gangarten mit sich bringt! In meiner Brust schlagen zwei Herzen: das eine, das sich für diese Rasse und die Gangveranlagung immer und immer wieder begeistern kann und das andere Herz, das einen Dreigänger bevorzugt, da eben weniger Gänge auch weniger komplex sind. Ich werde wahrscheinlich immer ein Pferd zum Tölten haben wollen und auch immer gerne Tölter ausbilden, reiten und unterrichten. Das liegt daran, dass ich die Komplexität und auch die Herausforderung liebe und ich über 20 Jahre Erfahrung mit Gangpferden habe. Empfehlen würde ich diese Rasse guten Gewissens nur ambitionierten, erfahrenen Gangpferdereitern, die Spaß am Tölt haben und die die Ausdauer, das Temperament und die Vielseitigkeit dieser Pferde zu schätzen wissen. Wenn jemand neu ist in der Gangpferdethematik, ist ein Paso Fino schon eine sehr große Herausforderung. Es empfiehlt sich unbedingt auf die Erfahrung eines langjährigen Trainers zu vertrauen, der sich auf töltende Pferde und deren rassetypischen Besonderheiten spezialisiert hat, und sich dementsprechend begleiten zu lassen. Nicht alles was beim Dreigänger funktioniert lässt sich, auf den Paso Fino übertragen. Auch innerhalb der Rasse ist kein Pferd wie das andere, Gang, Interieur und Veranlagung können extrem unterschiedlich ausfallen und auch im Vergleich mit anderen Gangpferderassen ist der Fino ein Spezialfall. Gangpferd ist nicht gleich Gangpferd!

Gibt es ein Erlebnis, oder eine Geschichte, wo du sagen würdest: das war Typisch Paso Fino? 

 Simone Garnreiter: Typisch für die Rasse ist das zu viel an Energie, somit meine Erinnerung an diesen bestimmten Tag:

„Heute hatte ich zum allerersten Mal das Gefühl, dass wir etwas geschafft haben, was ein sehr weiser Ausbilder (Bent Branderup) vor ziemlich genau 7 Jahren zu mir gesagt hat. Sein Urteil damals über Mariquita lautete: „Die Energie, die die kleine Stute hat, ist ja gut (für die hohe Schule) – Sie muss nur lernen, diese Energie für und nicht gegen Dich zu verwenden“. Und heute war der Tag an dem ich unter mir gespürt habe, dass Sie Ihre Energie nur positiv eingesetzt hat und diese Energie für uns beide war, um gemeinsam Eins zu sein. WOW. Es hat sich so etwas von gelohnt für dieses eine kleine große Gefühl, das ich heute haben durfte.“

Steckbrief

Farben: alle Farben
Größe: 139 – 155 cm
Exterieur: Das Aussehen des Paso Finos erinnert oftmals an seine iberischen Urahnen, nur im Kleinformat: Das Pferd hat einen mittelgroßen Kopf mit geradem Profil, einen hoch aufgerichteten, geschwungenen Hals, und die Schulter ist gut geschrägt. Der Rücken ist kräftig und tragfähig, die Kruppe ist sehr muskulös und rund. Die Beine sind feingliedrig, dabei stark und stabil, die Hufe sind klein und hart. Er hat idealerweise einen korrekten Körperbau mit eher feinem, trockenem Fundament, kleinen harten Hufen und stabilen, kurzen Fesseln. Der sehr harmonische Körperbau, sowie die enorm hohe Knochendichte machen ihn zu einem äußerst belastbaren, langlebigen und gesundem Pferd, jedoch sind die Pferde auf Grund Ihrer Größe keine Gewichtsträger.

Vielen Dank an Simone Garnreiter für dieses spannende Interview

Fotocredit: Christiane Slawik

Auf dem Bild: Simone Garnreiter auf Mariquita del Gavilan im traditionell rassetypischen Outfit

Wer mehr über die Paso Finos erfahren möchte, oder auch Mariquita del Gavilan live mit Simone erleben möchte – hier ein Link zu einer spannenden Veranstaltung.

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Gestatten, die Murgesen

Gestatten, die Murgesen

Barockpferde findet man nur in Spanien, Portugal oder Österreich? Nein – auch in bella Italia ist eine ganz spezielle Rasse beheimatet, die wir im heutigen Rasseportrait vorstellen. Gina Rowley aus Deutschland hat sich in die rassigen Italiener verliebt und stellt „ihre“ Murgesen im heutigen Interview vor:

Italia – Pizza, Pasta e Murgese….

 

Gina, wie bist du auf die Rasse gekommen und warum ziehen dich Murgesen bis heute in den Bann?

Gina: Als Pferdemenschen kann man im Urlaub ja auch nicht ohne Pferde. Daher haben wir im Italienurlaub einen alten Freund meiner Mutter besucht, der dort mehrere Pferde besitzt und einen Reitstall betreibt. Für mich – damals 5 Jahre alt – war das natürlich eine wundervolle Sache. Erkundungstour auf dem Bauernhof. Als mich meine Mutter in der Stallgasse suchte, fand sie Milo.  Milo, ein achtjähriger, schwarzer Murgesenhengst, stand alleine in einer dunklen Box, ohne Koppelgang und ohne Sozialkontakt, weil sein Besitzer seit zwei Jahren nicht mehr gekommen war. Für meine Mutter war es Liebe auf den ersten Blick und für mich war es der Anfang eines wunderbaren Reiterlebens mit einem unglaublichen Pferd – der beste Lehrer übrigens, den ich mir nur wünschen konnte.

Was sind die Besonderheiten der Rasse „Murgesen“? 

Gina: Das Außergewöhnliche am Murgesen ist sein Kopf. In jeder Beziehung. Er ist meistens sehr groß und ein wenig ramsig, mit ruhigen, tiefgründigen Augen. Aber das, was in diesem Kopf vorgeht, macht den Murgesen  in der Tat einzigartig. Er ist ausdauernd, und kann sich ewig konzentrieren. Er ist absolut nicht nachtragend und unglaublich geduldig. Außerdem habe ich bei Pferden selten so eine charakterliche Tiefe erlebt, was sie außerhalb der Arbeit zu sehr interessanten ‚Gesprächspartnern‘ macht. Murgesen sind außerdem unglaublich anpassungsfähig und robust. Sie sind nie zickig oder launisch und wenn sie eine Beziehung aufgebaut haben, werden sie diese nie wieder in Frage stellen. Man ist mit einem Murgesen auch immer dazu gezwungen genau hinzuspüren, denn wenn es ihm nicht gut geht, beißt er die Zähne zusammen und stellt sich seiner Aufgaben, ohne zu meckern. Man muss ein gutes Fingerspitzengefühl entwickeln, um das zu erkennen.

Warum eignet sich der „Murgese“ für die Akademische Reitkunst? 

Gina: Der Murgese bringt auch körperlich gute Voraussetzungen für die akademische Arbeit mit. Insbesondere aber macht er es dem Menschen durch seine Lernbereitschaft und Intelligenz leicht. Nun ist ja die Dressur für das Pferd da und nicht umgekehrt. Für den Murgesen aber  ganz besonders, da ihm die gymnastizierenden Übungen zu einem neuen Körpergefühl verhelfen, das ihm vielleicht nicht immer natürlich gegeben ist. Durch seine unglaubliche Ruhe ist es ihm möglich, seinen ganzen Fokus auf den Moment zu legen. 30 Minuten in der Halle stehen und konzentriert auf die nächste Aufgabe warten, ist für den Murgesen ein Kinderspiel. Da kann zeitgleich die Welt untergehen. Er behält den Fokus.

Wir beschäftigen uns ja auch mit der Geschichte der Reitkunst, kannst du uns etwas über die Geschichte des Murgesen erzählen? 

Gina: Das Murgesenpferd, wie wir es heute kennen, ist erst Anfang dieses Jahrhunderts wieder neu entstanden. Die einzigartige und karge Landschaft im Süden Italiens brachte eine extrem robuste Pferderasse hervor, die einst eine Variante des Neapolitaners war. Diese war in ganz Europa berühmt für ihre Schönheit, Robustheit und Vielseitigkeit. 1872 schrieb der Tierarzt Giuseppe Carelli, dass es in Apulien noch Pferde gab, die dem Idealbild des Neapolitaners entsprachen und der Familienzucht des Herzogs von Conversano entstammen würden. 1923 gab es dann nur noch drei Blutslinien. Nerone, Granduca da Martina und Araldo delle Murge. Die Nachkommen dieser Pferde waren so vielseitig einsetzbar im Zusammensein mit dem Menschen, dass sie neben den Maremmapferden zu den beliebtesten Pferderassen zählten. Jedoch führte ihre besondere Belastbarkeit und ihre hervorragende Eignung in alpinem Gelände beinahe zu ihrer vollständigen Ausrottung während des zweiten Weltkrieges. Die Pferde, die den Krieg überlebt hatten, fanden ein trauriges Ende in der Fleischproduktion. Erst in den 70-er Jahren hat man es geschafft, die Zucht wieder zu regulieren und zu kontrollieren.

Du sagst, die Vielseitigkeit der Murgesen machte sie besonders beliebt. Ist dann der Murgese ein Allrounder, der quasi für Jeden geeignet ist? 

Gina: Der Murgese ist ein Pferd, das schnell plump und schwer aussieht, wenn es falsch geritten wird. Der Murgese ist für mich ein Rohdiamant-  und nur wer bereit ist, viel Zeit in das Studium seines Wesens zu investieren, wird ihn zum Glänzen bringen. Anfangs könnte ein ambitionierter, ehrgeiziger Reiter schnell verzweifeln, weil man den Murgesen oft zweimal bitten muss, vor allem, wenn die Beziehung zwischen Reiter und Pferd noch nicht gefestigt ist. Denn der Murgese ist ein Pferd, dass sich nicht auf jeden einlassen kann und einen Langzeitpartner braucht. Viele scheitern auch an der Energie, die der Murgese oft sehr sparsam einsetzt. Wird diese dann  vehement eingefordert, hat man schnell ein Pferd, das sich komplett verweigert und jeglichen Zugang blockiert. Da der Murgese dies aber nie durch Aggression zeigt, ist er natürlich auch dafür prädestiniert, in die falschen Hände zu geraten. Hier resigniert er einfach und macht dicht. Wenn man es aber geschafft hat, den Murgesen von sich zu überzeugen, ist ihm der Spaß an der Arbeit deutlich anzusehen, und man kann mit einem täglich motivierten Pferd rechnen.

Gibt es ein Erlebnis, oder eine Geschichte, wo du sagen würdest: das war Typisch Murgese? 

Gina: Ja, da gibt es viele. Spontan muss ich da sofort an ein Erlebnis aus meiner Kindheit denken. Es ist mitten im Winter und frischer Schnee bedeckt die Wege. Milo war zu dem Zeitpunkt schon gelegt, hatte in seiner Zeit in Italien allerdings wenig an Ausbildung genossen. Dennoch war er durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Für uns Kinder damals super. Kurzerhand wurden zwei Kinderschlitten angespannt, mit jeweils zwei Kindern darauf, und nochmal zwei Kinder, die auf seinem Rücken saßen. Und meine Mama hat geführt. Da kam uns ein Traktor entgegen, der Baumstämme geladen hatte. Diese Baumstämme fielen uns praktisch vor die Füße und der Lärm war enorm. Milo zuckte nicht einmal. So war es immer mit ihm. Insbesondere wenn wir Kinder auf ihm saßen.

Mehr Infos über Gina und die Murgesen in Deutschland gibt es auf dieser Facebookseite.

 

Vielen Dank an  Gina für das besondere Rasseportrait der Murgesen. 🙂 

 

 

Jekyll und Heidi

Jekyll und Heidi

„Mein Pferd ist mein Spiegel, der meine schlechte und gute Laune unverfälscht wiedergibt. Sieh hinein in die Augen deines Pferdes, aber erschrick nicht über die Wahrheit.“

Vielleicht wird manchmal auch zu wenig in die Augen der Pferde gesehen – also überhaupt nicht reflektiert. Erst vor kurzem habe ich unfreiwillig weniger schöne Szenen im „Miteinander“ zwischen Pferd und Mensch beobachtet.

Ich habe dann ein längeres Telefongespräch mit Journalist, Autor und Pferdemann Martin Haller dazu geführt.
Im Gespräch fand ich rasch heraus, dass mir vor allem eine Sache sehr nah ging. Nette, sanfte Menschen können im Handumdrehen richtig harsch ihrem Pferd gegenüber werden.
Was tut sich da in einem Menschen? Martin Haller erzählte mir von einem Text, den er als Journalist für einige Zeitschriften geschrieben hatte – genau passend zu diesem Phänomen. Aber keine Zeitschrift hatte den Mut, seine Geschichte abzudrucken.

Ich hab ihn. Und der Mut sollte, wenn es um Lebewesen geht nie aufhören.
Die Geschichte ist jetzt sicherlich nicht für meine Leserzielgruppe geschrieben – denn gerade hier erhalte ich doch so vieles schönes Feedback von Menschen, die sanft und nachhaltig mit ihren Pferden Zeit schön verbringen wollen.

Aber irgendwo muss der Artikel von Martin Haller einen Platz finden – vielleicht gibt er anderswo einen Anstoß, um wieder hineinzublicken in die Augen der Pferde – und nachzufragen, was gespiegelt wird.  😉

Jekyll und Heidi – von Martin Haller

 

Heidi war ein liebes Mädchen, alle mochten ihre blonden Zöpfe, die kecken Sommersprossen und das vorwitzige Näschen. Natürlich liebte sie Pferde über alles, ihr Kinderzimmer war lückenlos tapeziert mit Postern von langmähnigen Friesen, blonden Haflingern und frechen Shettys. Heidis Idole? Was für eine Frage – sie hatte mit fünf Pipi Langstrumpf und den Kleinen Onkel vergöttert und mit sieben ein bekanntes Pferdemagazin für Mädchen (beginnt mit W- und endet mit –endy) abonnieren dürfen – die Oma stand dafür grade. Mit neun hatte sie erste Reitstunden im ländlichen Verein und entbrannte in schwärmerischer Mädchenliebe für Isabell Werth, aber die gefiel ja auch älteren, männlichen Semestern ganz gut… als Heidi die ersten kleinen Reitabzeichen erritten hatte, war Gigolo FRH schon über seinen Zenit hinweg – und unsere junge Heldin bekam bald darauf ihr erstes eigenes Pferd. Gladiator wurde wegen seines etwas eckigen Exterieurs im Stall nur „der Radiator“ gerufen, ging mühelos eine A-Dressur und sprang über alles, solange es nicht höher als 95 cm war oder blau-gelb lackiert – offenbar hatte man vergessen, ihn zu dual-aktivieren, aber das fiel damals noch nicht so auf.

Heidi liebte den Radiator abgöttisch, denn mit ihm errang sie zahllose Schleifen und eine nette kleine Pokalsammlung in Caprilli- und E-Bewerben, alles unter Anweisung der mütterlichen Reitlehrerin des ländlichen Vereins, die ein großes Herz für Kinder und ein noch viel größeres für Pferde hatte. Sie gab Heidi einen guten Sitz und machte Radiators steifen Rücken wieder geschmeidiger, sie behielt im Unterricht immer das Augenmaß und am Club-Turnier die Ruhe. Mit einem Wort, Heidi war auf dem besten Weg, eine kompetente, gefühlvolle und pferdefreundliche Reiterin zu werden…

Die Tatzeit

Ganz genau kann niemand sagen, wann es begann; wohl mit der Übersiedlung in den neuen Stall am Stadtrand. Heidi war anfangs traurig, denn sie vermisste ihre nette Reitlehrerin und die anderen Mädels, mit denen sie am Land schwimmen gegangen war und Radtouren gemacht hatte. Der Radiator fühlte sich auch nicht wohl, so ohne Koppelgang und stundenlange Ausritte im Wald. Aber dafür bekam sie nun „richtigen Unterricht“ vom örtlichen Turnier-Crack, dem man ein unfehlbares Händchen für junge Talente nachsagte, sowie einen scharf ausgeprägten Geschäftssinn. Schon nach sechs Monaten hatte er Heidis Mutter davon überzeugt, dass Radiator dem Talent des Teenagers nicht gerecht werden könne. Na, und Mutti wiederum brauchte nicht lange, Vati zum Kauf eines braunen Hannoveraners zu überreden, der „zufällig im Stall des Cracks zum Verkauf stand…“. Der Rest der Geschichte ist klingt uns vertraut: Radiator wurde in den Schulstall verbannt und der neue Braune so richtig in die Mangel genommen („gefördert“, sagte der Guru), und Heidi mit ihm. Der Erfolg stellte sich bald ein, erste Siege in A waren alsbald errungen, dann wurde es etwas zäher, denn L ließ auf sich warten. Irgendwie schien es, als ob der Braune nicht mehr so richtig zog, stumpf und triebig wirkte. Aber inzwischen war Heidi zum einen schon viel routinierter geworden, zum anderen durfte sie nun bewaffnet reiten, was ihr die alte Reitlehrerin immer strengsten verboten hatte. „Sporen muss man sich verdienen…“ hatte es immer geheißen – so ein Quatsch, weiß doch jeder, dass man die überall kaufen kann und kein Gaul ohne die richtig geht, vor allem mit Schlaufer… Wie auch immer, der Braune wurde flott gemacht, mit allerhand Pülverchen, viiieeel Hafer und regelmäßigem Beritt vom Meister, ganz in der Früh in leerer Halle. Vati fragte manchmal etwas verzagt, ob „das alles denn wirklich nötig sei, früher wäre es ja auch viel billiger gegangen…“, aber der hatte ja wie üblich keine Ahnung und war dann schon stolz, wenn Heidi und der Braune mal wieder A gewannen oder L platziert waren.

Kurze Rückblende

Einige Sommer gingen ins Land; Heidi hatte viel gelernt, Kurse absolviert, Prüfungen abgelegt und Siege erritten. Der Braune war inzwischen nicht mehr der „alte Braune“ (der vergammelt mit Sehnenschaden in der Provinz als Kinderpferd – sonniges Gemüt hatte er ja). Brauner Nummer drei geht inzwischen brav M, hat schon alle S-Lektionen drauf, und Heidi ist ein angesehenes Mitglied der Szene. Sie fühlt sich zuhause und gut aufgehoben, denn fast alle jungen Frauen in ihrem Stall und am Turnier sind genau wie sie. In ihren Spinden türmen sich die Leckerlisäckchen, mit Apfelaroma und Bananengeschmack, mit Multivitamin-Faktor und Lecithin-Extrakt… neben Sporen aller Art, drei Dressurgerten und ein paar sehr stark abgenützten Schlaufern…

Als Anwaltssekretärin ist Heidi einsame Spitze, man lobt ihre Freundlichkeit, sogar der Seniorchef hält große Stücke auf sie. Ihr Langzeit-Verlobter ist unsportlich, wie er lachend zugibt, er geht mit seinen Freunden lieber zum Skat und hält es laut eigener Aussage mit Winston Churchill – „No sports!“. Vielleicht besser so, denn im Reitstall würde er Zeuge einer Verwandlung, die ihm möglicherweise das Blut in den Adern gefrieren ließe…

Das Grauen

Jeden Abend nach Dienstschluss lenkt Heidi also ihren Flitzer zum Reitstall. Frohgemut stellt sie das Auto ab und geht die paar Schritte zur Reithalle, mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Grußwort für jedermann, Stallpersonal, Reiterkollegen und Anhang in Warteschleife. Und dann passiert es, mit der immer gleichen schrecklichen Regelmäßigkeit – ein dunkler und bedrohlicher Zwang befällt unsere Heidi. Sie selbst ist sich dessen zwar nicht bewusst, aber man bemerkt es und redet darüber, sogar Leute, die nichts vom Reiten verstehen. Sie mutiert allabendlich!

Beim Satteln wird es schon erkennbar, da überfällt sie eine seltsame Ungeduld. Wenn ihr Wallach (Der Dulder aus der Duktus-Duellant-Linie) sich beim Nachgurten mal aufbläst, gibt es einen ungeduldigen Knuff in die Rippen und ein scharfes Wort. Nimmt er das Gebiss nicht sofort ins Maul, knallt ihm der kalte Stahl an die Zähne. Aufgestiegen wird in Heidis Stall noch immer nach dem alten Kavalleristen-Motto „Wer nicht allein raufkommt, soll nicht auf’m Pferd sitzen“, also hantelt sich Heidi, wie alle anderen auch, mittels der Abstoßen-Hochziehen-Reinplumpsen-Methode in den Sattel. Der Hannoveraner hat – was keiner weiß – sensible Dornfortsätze, daher erduldet er die Kletterpartie nur ungern und tänzelt etwas. Dann kommt ein scharfer Ruck ins Maul, und ein gezischtes „Bleib halt stehen, du Bock“ entfährt Heidis ansonsten sinnlichen Lippen, die nun gar nicht mehr so sinnlich, sondern verkniffen wirken.

Heidi sitzt endlich zu Pferde, doch was ist mit ihr geschehen? Wo sind Humor und Geduld, wo ihre gute Laune und ihr Sinn für tolerante Problemlösungen geblieben? Sie reitet, als ginge es um ihr Leben; als müsste sie, so wie im Film das Murmeltier täglich grüßt, jeden Tag aufs Neue eine Olympia-Dressurprüfung gewinnen. Der Dulder wird höchstens eine Runde im Schritt aufgewärmt, aber das ist eher pro forma, dann geht es nahtlos in den Mitteltrab und die Flieger. Seitengänge und Piaffe-Passage-Touren folgen, der Schweiß lässt das Fell des Braunen schon nach zehn Minuten dunkel glänzen. So strampelt er wie um sein Leben, vorne geknebelt und hinten traktiert, dazwischen mit der Gerte energisch „unterstützt“, wenn ein Wechsel mal nicht durch ist oder eine Piaffe zu wenig gesetzt.

Ist Heidi, wenn sie reitet, gar nicht mehr Heidi, sondern jemand anders? Steckt ein Beelzebub in ihr, ist sie von einer bösen, fremden Macht besessen, die immer dann von ihr Besitz ergreift, wenn sie aufs Pferd steigt? Und wer oder was hat Heidi soweit gebracht…? Wie gesagt, man schätzt sie, als Mensch ganz besonders, und als Reiterin auch. Die Berittpferde gehen gut für sie, wenn man Heidi nicht täglich rauflässt (so flüstert man sich zu, wenn sie es nicht hören kann). Einmal die Woche täte es manchen Pferden – aber nicht allen – offenbar ganz gut, von Heidi mit Nachdruck durchgearbeitet zu werden, aber öfter geht nicht, da werden sie sauer, besonders blütige Typen…

Wenn Heidi vom Pferd springt und den verschwitzten Hals des jeweiligen Kandidaten klopft, entkommt ihr hin und wieder auch ein zufriedenes Lächeln, das an früher erinnert. Früher, als sie mit Radiator und ihren Mädels lachend über die Wiesen galoppiert war. Aber sie denkt nur mehr sehr selten daran…

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