Faszien und Alte Meister

Faszien und Alte Meister

Ein neumodischer Flaschenkühler? Eine Nackenstütze? Was ist das rot-schwarze Ding? Wenn ich auf Reisen bin, sorgt meine Faszienrolle oft für erstaunte Blicke. Ohne meine Faszienrolle bin ich aber selten „on the road“. Als Facebook einen Kurs mit Stefanie Niggemeier zum Thema „Faszien und Alte Meister“ ankündigt, bin ich natürlich neugierig und bitte Stefanie um einen Gastartikel, den es heute zum Nachlesen gibt:

Die Faszie –  eine Modeerscheinung?

Faszien, dieser Tage ein ziemliches Modethema, sind absolut keine „Erfindung“ der letzten Jahre. Die Arbeit mit ihnen ist schon sehr alt, auch wenn man diese Arbeit nicht unter dem neumodischen Namen „Faszientraining“ kannte.

A.T. Still (geb.1828), der Erfinder der modernen Osteopathie und Ida Rolf ( geb.1896 in New York) ,Erfinderin der Faszientechnik „Rolfen“ arbeiteten Ende des 19.Jhrdts, Anfang des 20. Jahrhundert konkret mit Faszien und benannten diese auch so. Das Wissen um die Funktion der Faszien läßt sich jedoch schon bis zur griechischen Antike zurückverfolgen – nur eine der etlichen Parallelen zur Reitkunst. 2011 dann wurde an der Universität Ulm die „Fascia Research Group“ rund um Rolfing-Therapeut Robert Schleip gegründet, der es erstmals gelang, in bildgebenden Verfahren sowohl die Optik, als auch die Funktion und vor allem den Verlauf der Faszien, die den gesamten Körper wie ein Labyrinth aus Bindegewebsschichten durchzieht, nachzuweisen. Im Laufe der letzten Jahre wird den Experten die Wichtigkeit gesunder Faszien und Techniken oder Therapien zur Gesunderhaltung von Faszien immer klarer. Das hat zu einer Revolution im modernen Verständnis über Biomechanik und Bewegungslehre, aber auch gesundheitlicher Prozesse geführt. 2014 dann wurde an der Universität Kopenhagen nachgewiesen, dass die Faszienzüge von Mensch und Pferd vergleichsweise gleich verlaufen, was für uns als Ausbilder unserer Pferde natürlich sehr interessant ist.

Nachdem Anfang des 20. Jahrhunderts in der Sport- und Bewegungslehre viel Wert auf gleitende, schwingende Bewegungen, Gymnastik mit Ball, Band oder Reifen gelegt wurde, wurde dieser Sport im Humanbereich im Laufe der nächsten 50 Jahre mehr und mehr verworfen, bis es vor 30-40 Jahreh sogar galt, dass diese Bewegungen im Körper Schaden anrichten – die „ Trimm-Dich“ Welle in Deutschland startete, bei der vor allem Krafttraining im Vordergrund stand, weil alle Dreh-, Gleit- und Schwungbewegungen vermeintlich zu Schaden führten. Das Problem: die Menschen wurden immer steifer, körperliche Beschwerden und Haltungsschäden nahmen zu. Die moderne Bewegugnslehre hat sich dank der Erkenntnisse um die Faszien von dieser Theorie wieder abgewandt und man kann sagen, dass wir heute eine Art „ Renaissance des Schwingens und Federns“ haben.

Piaffenarbeit hält die Faszien in Schwung und sorgt für Versorgung im Körper- Foto Stefanie Niggemeier

Besehen wir uns die Lehren der alten Meister, dann wissen wir, dass es immer dann, wenn es also um „Schwung“, „Schwingungen“ oder „Schaukelbewegungen“ geht, die Faszien angesprochen werden. Diese Art der Arbeit lesen wir sowohl in der „Gli Ordini di Cavalcare“ von Frederico Grisone (Venedig, 1551), der die erste Ritterakademie der Renaissance in Europa im damals zu Spanien gehörenden Neapel gründete. Über seinen Schüler Pignatelli gab er seine Lehren an seine Enkelschüler in ganz Europa weiter, mit Antoine de Pluvinel wurde „ Faszienarbeit“, die Pluvinel ( Maneige Royal, 1623) natürlich noch nicht so nannte nach Frankreich, Georg Engelhardt von Löhneysen nutzte Elemente der Faszienarbeit in seiner „ Della Cavalleria „ ( 1609, Remmingen), um das Pferd für das damals hoch geschätzte Pferdebalett, das „ maneggiare“ zu schulen.

Pluvinel erfindet Lektionen wie die Piaffe und den Mezair, den zweitaktigen, gerade-geradergerichteten„ Schuakelpferdegalopp“, in der er das Pferd maximal „ schwingen und federn“ läßt und so sehr ökonomische, nachhaltige Bewegungen im Pferd etabliert. Das Wichtigste in der Arbeit der Renaissance: Natura non artis opus- die Natur und nicht die Kunst (vor allem das Künstliche!) ist das Ziel der Arbeit.

Alles, was nicht zur Verbesserung der Grundgangarten des Pferdes hilft, kann nicht sinnvoll sein, so erklären die Alten Meister.

„Schaukelsätze“ wie bei Pluvinel: dank Energiespeicherfunktion der Faszien effizient und ökonomisch für das Pferd. Foto: Martina Glahe

Wenn wir in der Zeitleiste der Geschichte der Reitkunst dann mehr in Richtung Gegenwart denken, führt kein Weg an Bernhard Hugo von Holleuffer vorbei, der in seiner „ Bearbeitung des Reit- und Kutschpferde zwischen den Pilaren“ (Hannover, 1882) nicht nur die Erfindung Pluvinels, den Doppelpilaren zur Schulung des Pferdes nutzt, sondern vor allem ausführlich über die elementare Wichtigkeit des Schwungs, der dreidimensionalen schwingenden Bewegung der Wirbelsäule schreibt. Auch wenn wir heute den Doppelpilaren nicht mehr nutzen wollen, ist doch das Verständnis des Inhaltes dieser Technik für uns heute vor allem in Hinsicht auf die Faszienarbeit interessant und wir können in zum Beispiel der Arbeit an der Hand oder Longe die Schulung des Pferdes im Stand nutzen, ohne dass wir irgendeine Art von Spannung oder Zwang, die der Doppelpilar durch das Fixieren des Pferdes schnell erzeugt, in unsere Arbeit bringen.

„Die Schwingungen werden von den Hinterbeinen aus in Bewegung gesetzt, theilen sich durch die Wirbelsäule dem Kopf und den Vorderschenkeln mit und bringen das Pferd gleichzeitig in die Anlehnung an das Gebiss. Die Schwingungen sind sichtbar , fühlbar und hörbar; in ihrer Vollkommenheit beruhen die Elastizität und die Kraft der Bewegungen , der ganze Werth des Pferdes, namentlich des Reitpferdes. Man unterscheidet deshalb Rückengänger und Schenkelgänger.“

Holleuffer benennt hier eine ganz wichtige Funktion der Faszie, die Fähigkeit zur Energiespeicherung- und- freisetzung, die Elastizität. Die aus Collagenfasern bestehenden Faszien haben die Eigenschaft, im Laufe der Zeit und bei „ Nichtbenutzung“ zu verfilzen und führen schlimmstenfalls zu Unbeweglichkeiten in diesem Bereich. Hier können Techniken wie Osteopathie, Rolfing oder auch die Anwendung einer Faszienrolle helfen, doch Vorsicht! Faszien verfilzen niemals ohne Grund, sie wollen durch diesen Prozess etwas schützen und halten. Gerade bei der Arbeit mit der Fazienrolle sollte man nicht vergessen, dass sie ursprünglich entwickelt wurden, um „ Fascial SELF release“ zu erreichen, also eine Selbstmassage des Menschen. Von Faszienrollen aus Holz , Metallrädchen zur Stimulierung, etc. sollte man meiner Erfahrung nach besser absehen, weil man hiermit nur eine „ Fremdmassage“ beim Pferd anwenden kann. Besser wäre hier das gründliche Putzen entlang des Fellstrichs mit einer weichen Bürste, das die Versorgung der Oberflächenfaszie oftmals deutlich besser und vor allem deutlich schonender stimuliert als alles Andere. Auch ein Abstreichen mit der Hand entlang der Faszienverläufe, wie wir es schon in der Reitkunst der Renaissance lesen können, hilft dem Pferd besser als jedes Hilfsmittel. Je größer des Problem des Pferdes im Bereich der Faszien ist, desto mehr sollte man hieran denken.

Udo Bürger dann schreibt in seiner „Vollendeten Reitkunst“ vor knapp 60 Jahren dann namentlich über die Wichtigkeit der gesunden Faszien für das Pferd und gibt uns elementar wichtige Gedanken über den Zusammenhang von Faszien, Haltung des Pferdes und Handeinwirkung des Reiters mit auf den Weg. Vor allem das Zungenbein das man quasi als „ Faszienknochen“- falls es so etwas Paradoxes geben könnte- bezeichnen kann beschäftigt nicht nur Bürger. Die Reitmeister der Renaissance legen größten Wert auf die Wahl der richtigen Zäumungen und Gebisse, nicht zufällig schreibt Löhneysen 1587 ein Buch „Über die Zäumung“, in dem er über 14000 verschiedene Kandaren, verschiedene Kappzäume und gebisslose Zäumungen zeigt und erklärt. Pluvinel erfindet einen speziellen Kappzaum für seine Arbeit und beschreibt ausführlich die Gewöhnung oder Korrektur des Pferdes an das passende Gebiss. Auch über den Zusammenhang von Atmung und Faszien, sowie für die Tragfähigkeit des Pferdes wichtige und ungute fasziale Ketten im Pferdekörper weiß Pluvinel, ohne sie mit ihrem modernen Namen benennen zu können.

Die bekannteste fasziale Störung ist das Trageerschöpfungssymptom, die auch bei nicht gerittenen Pferden auftreten kann. Die Faszie als Bindeglied zwischen Körper und Geist und in ihrer Funktion als „ externe Speicherplatte“ der Seele des Lebewesens zeigt mit einem solchen Bild, dass sie etwas nicht mehr ( er-)tragen kann. Das kann eine Haltungsform oder Herdenkonstellation ebenso sein wie eine falsche Vorstellung von Trainingsaufbau oder Trainingsanspruch. 72 Stunden brauchen Faszien, um sich nach Input zu regenerieren, was sich genau damit deckt, dass schon Löhneysen dazu rät,das geschulte Pferd nicht öfter als drei Mal die Woche zu arbeiten und ansonsten lediglich für leichte Bewegung oder sogar Pause zu sorgen. Ein Tragerschöpftes Pferd braucht also kein Muskeltraining, sondern es braucht Schwung – in seinen Synonymen auch Verve, Lebensfreude und Begeisterung genannt. Bei verklebten Faszien ist die Versorgung des Gewebes oft so stark eingeschränkt, dass ein Zuwachs im Bereich der Muskulatur sowieso nicht möglich ist- es handelt sich um eine ganz andere Baustelle.

Hier kommen wir zur wichtigen Funktion des Lobes: schon Grisone betont, man solle „ dem Pferd schöntun“, sobald es gut gearbeitet habe. Wir wissen heute: zu 70 % lernt der Faszienkörper durch Fremdwahrnehmung, Lob ist also wichtiger für das Gesunderhalten des Körpers während der Arbeit als alles Andere. Aber auch das Gefühl, eine Aufgabe gestellt bekommt zu haben, die das Pferd gut lösen konnte, ist wichtig für unseren Partner Pferd und schafft Zufriedenheit und Selbstwertgefühl.

Gesunde Faszien sieht man dem Pferd an, es wirkt rund, das Fell glänzt Dank Versorgung der Oberflächenfaszie, hat eine gute Haltung, in der es sich selber, aber auch einen Reiter tragen kann, ist körperlich und mental in Balance, ist bewegungsfroh, hat Interesse an Sozialkontakt mit anderen Pferden und auch Menschen, es wirkt „ stolz und schön, so, wie es sich in den Augen anderer Pferde stolz und schön fühlen würde“, wie schon Xenophon vor 2400 Jahren das Ziel der Arbeit mit dem Pferd beschreibt.

Wichtige Fakten über Faszien

  • Alle bindegewebsartigen Strukturen wie Muskel- und Organhüllen, Knochenhäute, Sehnen, Bänder, aber auch Hornhäute im Auge und Huflederhäute beim Pferd werden Faszien genannt
  • Faszien bestehen aus Collagenfasern und einer wässrigen Zuckerlösung ( Hyaloronsäure) und machen rund ein Drittel bis ein Viertel des Gesamtkörpergewichtes aus;
  • über 80 000 freie Nervenendungen in den Faszien machen sie zu einem körperinternen Kommunikationsorgan, das Alles mit Allem im Körper im Austausch hält
  • Faszien trennen alle fremden und gleichen Strukturen im Körper ,wie zB Muskeln von Knochen oder Muskeln von Muskeln und sorgen so für reibungsarme Abläufe im Körper
  • Faszien können Energie speichern und freisetzen, sie machen ökonomische Bewegung für den Körper erst möglich
  • Faszien sind das „ Bindeglied“ zwischen Körper und Seele und haben in ihrer Fähigkeit, Energie zu speichern die Funktion einer „ externen Speicherplatte“ der Seele, indem sie in der Lage sind, Traumata und Stress die Spitze zu nehmen und im Körper abzuspeichern. Arbeit mit den Faszien ist also immer Arbeit mit Körper und Geist des Individuums

 

Mehr zum Thema bei Stefanie Niggemeier:

Regelmäßig arbeiten wir hier bei uns in 33106 Paderborn zum Thema gesundem Trainingsaufbau, Gebisskunde und Bewegungslehre, auch des Menschen. Letzteres Projekt liegt mir besonders am Herzen, wenn wir drei Mal im Jahr unsere „ moderne Ritterakademie“ namens FLOWer-Konzept nach dem Vorbild Grisones im Sinne einer umfassenden, ganzheitlichen Schulung von Geist und Körper in verschiedenen Aspekten rund um das Thema Reitkunst veranstalten. Nur dann, wenn wir wissen, was gesund für das Pferd ist, so glaube ich, können wir richtig von ungünstig unterscheiden lernen. Hinzu kommt, dass man nur das vom Pferd verlangen kann, was man selber mit Hilfe gezielter Körpersprache oder eines balancierten Sitzes als Frage formulieren kann. Die Schulung des Menschen für Pferde ist also das Ziel meiner Arbeit.

Wer sich für das Thema Faszien eingehender interessiert, der ist herzlich eingeladen bei einer unserer Veranstaltungen gezielt zu diesem Thema neben weiterführender , vertiefender Information auch einmal Faszienarbeit live zu erleben, um sich selber ein Bild von den Effekten dieser schon ganz alten, sehr modernen Techniken zu machen.

Stefanie Niggemeier

www.barocke-pferdeausbildung.de

Gestatten, der Paso Fino

Gestatten, der Paso Fino

Rasseportrait, Teil 5 – diesmal nicht ganz typisch barock. Simone Garnreiters Herz schlägt für die Paso Finos. Da liegt es auf der Hand, Simone nach ihren Erfahrungen mit den Finos zu befragen.

Wie bist du denn auf diese Rasse gekommen und warum bis heute quasi „treu“ geblieben?

Simone Garnreiter: Diese Pferde gelten als die bequemst zu töltenden Pferde weltweit. Paso Fino heißt übersetzt „feiner Gang“. Die Gänge sind absolut erschütterungsfrei für den Reiter, der Paso Fino bewegt sich in einem leichtfüßigen Viertakt in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Die südamerikanische Gangpferderasse zeichnet sich durch enorme Wendigkeit, Feinheit, Lebendigkeit und Trittsicherheit aus. Finos sind intelligent und extrovertiert, sie sprühen vor Energie, jeder Charakter ist absolut einzigartig, extrem sensibel und reaktiv. Der Paso Fino ist sozusagen der Ferrari unter den Gangpferden. Paso Finos sind in Deutschland selten und teuer. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl einen Paso Fino zu tölten, man fühlt sich als hätte man die schnellsten Füße der Welt und bekommt eine Art Adrenalinrausch, gepaart mit Energie und Lebenslust. Was den Paso Fino ausmacht, ist seine absolute Sicherheit im Viertakt. Ein Paso Fino kann stundenlang ohne den Takt zu verlieren, durch den Wald tölten. Der größte Unterschied zu anderen töltenden Rassen ist die extrem hohe Frequenz – man nennt dieses Phänomen auch Quickness. Diese Energie zu kontrollieren ist aber sowohl für das Pferd als auch für den Reiter die größte Herausforderung an dieser speziellen Rasse. Man sagt auch der Paso Fino wurde gezüchtet, um so bequem und so spektakulär wie möglich von A nach B zu kommen. Oder wie Bent Branderup es mal treffend formuliert hat „Oh, ein Paso Fino, die kenne ich nur, wenn sie auf der Stelle durchgehen.“

Was sind die Besonderheiten dieser Rasse?

Simone Garnreiter: Das speziellste am Paso Fino ist sicher der Tölt als natürliche Hauptgangart. Der Charakter der Finos ist menschenfreundlich, intelligent und lernwillig, sie sind sehr aufmerksam und angenehm im Umgang. Ein wichtiges Zuchtziel ist diese gewisse Spritzigkeit unter dem Sattel und ein ausgeprägter Gehwille bzw. Temperament, auch „Brio“ genannt. Dieser Brio ist eine angeborene Eigenschaft und lässt sich nicht durch Ausbildung erzielen und auch nur bedingt wegtrainieren. Diese drei Hauptmerkmale, Gang und Charakter und Brio, machen die Vielseitigkeit dieser Pferde, aber eben auch die Komplexität in der Ausbildung aus.

Paso Finos sind extrem trittsicher und widerstandsfähig. Die Fähigkeit der schnellen Fußfolge gleicht Unebenheiten des Bodens in Bruchteilen von Sekunden aus, so dass es der Reiter gar nicht erst zu spüren bekommt.

Die besonderen Gangarten des Paso Fino?
Oder „Zeig mal, was für Gangverwirrungen die kleine Paso Fino Stute noch so auf Lager hat“ Zitat Bent Branderup

Simone Garnreiter: Der Paso Fino hat genetisch fixiert als Hauptgangart den Tölt, genauer genommen ist es eine Viertakt-Variante. Der Viertakt der Paso Finos kann in drei unterschiedlichen Tempi und „Versammlungsgraden“ geritten und ausgebildet werden: Paso Corto, vergleichbar mit der Geschwindigkeit im Arbeitstrab ist ein Viertakt im ruhigen gleichmäßigen Vorwärts mit mittlerem Raumgriff ohne übertriebene Aktion in den Beinen. Der Gang für Gelände und Gymnastik, der bei guter Kondition ohne Ermüdung über längere Zeitspannen geritten werden kann. Paso Largo, vergleichbar mit der Geschwindigkeit im Galopp, ist ein schneller Viertakt mit mehr Raumgriff und größerer Schrittlänge. Das Tempo variiert dabei von Pferd zu Pferd, da Taktreinheit, Rhythmus und Balance im Viertakt nie zu Gunsten der Geschwindigkeit verloren gehen sollten. Classic Fino, am besten zu beschreiben als Tölt auf der Stelle. Pferde mit dieser Fähigkeit sind sehr selten und die Show Stars schlechthin. Die höchste Versammlung zeichnet aus: viel Energie, sehr hohe Aufrichtung, ultrakurze Tritte bei rhythmischem 4-Takt mit rasant schneller Fußfolge und minimalstem Raumgriff. Classic Fino lässt sich nicht als Gangart antrainieren, das Pferd muss diese Veranlagung zur Quickness bereits von Geburt an in sich tragen. Der Paso Fino zeigt je nach Veranlagung aber auch Schritt, Trab und Galopp. Viele Pferde wählen zur Entspannung gerne auch Trocha, das ist ein trabverschobener Viertakt, d.h. das Aufsetzen der digonalen Beinpaare erfolgt schneller nacheinander als das der lateralen Beinpaare. Je nach Ausprägung der Trabverschiebung heben die diagonalen Beinpaare annähernd zeitgleich ab, sie setzen jedoch nacheinander auf. Und auch wenn mal ein bekannter Trainer zu mir gesagt hat, dass ein Paso Fino, wenn er Pass geht „nicht verwendet wird“, weiß ich, dass die extreme Mobilität und Gangveranlagung natürlich auch irgendwo eine Passveranlagung in sich trägt. Der Pass ist jedoch definitiv ein unerwünschter Taktfehler. Am liebsten bewegen sich die meisten dieser Pferde in der ihnen angeborenen Viertakt Gangart. Beim Paso Fino ist eine extreme und überzogene Aktion in Vor- oder Hinterhand nicht erwünscht. Sie werden speziell auf „Hock Action“ gezüchtet, dies lässt sich am besten als „Beugen der Sprunggelenke“ übersetzen und entspricht NICHT der Beugung der Hanken!

Warum eignet sich die Rasse für die Akademische Reitkunst?

Simone Garnreiter: Paso Finos sind nicht so typisch in der Akademischen Reitkunst zu finden, diese kann jedoch sehr bei der Ausbildung helfen, wenn auf die Besonderheiten der Paso Finos eingegangen wird, um die natürliche Gangart zu verbessern.

Das Ziel sollte sein, durch Gymnastizierung ein locker und gesund über den Rücken töltendes Pferd zu bekommen. Ich habe mit meiner Paso Fino Stute die Akademische Reitkunst für mich entdeckt und unendlich viel gelernt. Insbesondere die Arbeit am Boden ist für diese Art von Pferden eine Bereicherung und alle Mühen wert. Für Mariquitas Ausbildung gab es und gibt es nicht nur einen Schlüssel, sondern einen ganzen Schlüsselbund. Der Weg mit ihr war nicht geradlinig, es war vor, zurück, rechts, links, rauf, runter – ein ständiges Wechselbad der Gefühle für alle Beteiligten. Ein Schlüssel war beispielsweise ihr beizubringen, dass nicht eine Reaktion sondern eine Antwort auf eine gegebene Hilfe sinnvoll ist – sprich Ihre Initiative zur eigenständigen Lösung eines Problems mit viel Lob zu fördern. Und mit ganz viel Liebe, Geduld und jahrelanger Bodenarbeit ist es dann auch gelungen, korrekten Rückenschwung zu bekommen. An manchen Tagen besser, an anderen schlechter, das muss man mit diesen hochsensiblen Pferden in Kauf nehmen. Tiefer Boden oder äußere Einflüsse wie raschelnde Zuschauer, Wind oder kalter Regen über Nacht können das taktsichere Pferd von gestern in ein „ich habe 1000 Füße und kann sie alle auf einmal bewegen“-Pferd verwandeln. Es sind die Spannungszustände im Körper, über die die Gangarten entstehen, und ein wenig Grundspannung mehr, kann zur kompletten Verschiebung dieser führen. Für uns Gangpferdereiter völlig normal, das wir jeden Tag auf’s neue Gänge sortieren und trennen müssen. Umso wertvoller ist eben eine Rasse die quasi „immer töltet“.

Wir beschäftigen uns ja auch mit der Geschichte der Reitkunst, kannst du uns etwas über die Geschichte des Paso Finos erzählen?

Simone Garnreiter: Entstanden ist der Paso Fino aus den drei europäischen Rassen: Andalusier, Berber und der nicht mehr existierenden spanischen Genete. Die Vorfahren des heutigen Paso Fino wurden in der Neuen Welt (Kolumbien, Puerto Rico, Hispaniola) zunächst als Zuchtgrundlage für die Pferdewechselstationen der spanischen Konquistadoren eingesetzt. Sie trugen ihre Reiter tagelang über Gebirge, Ebenen, dichten Dschungel und ermöglichten somit den Spaniern die Eroberung Südamerikas.

Der Paso Fino war durch seine Ausdauer und Tritsicherheit, seine Menschenbezogenheit und vor allem den bequemen Gang ideal für die Bedürfnisse der damaligen Zeit. Pferde waren als Transportmittel und Arbeitstiere unabdingbar. Auch auf den großen Plantagen wurden diese Qualitäten geschätzt, weil der Paso Fino über den notwendigen „Cow Sense“ verfügt, der diese Pferde für den Einsatz bei der Rinderarbeit so wertvoll machte. Dazu kam, dass die stolzen Plantagenbesitzer mit dem Paso Fino zudem ein Pferd besaßen, das neben seinen anderen Vorzügen auch besonders edel und schön aussah und somit seinen Reiter ins rechte Licht setzte.

Die ersten Paso Finos wurden von Jean Claude Dysli in den 1970er Jahren in die Schweiz importiert. In den 80er und 90ern folgten engagierte Liebhaber dieser Rasse, die bei Wanderritten auf den unwegsamen Wegen der Anden aufmerksam auf diese außergewöhnlichen Pferde wurden und importierten weitere Paso Finos aus Kolumbien und den USA nach Europa. Die extreme Härte, Trittsicherheit, Ausdauer und Widerstandsfähigkeit gepaart mit der Bequemlichkeit beim Reiten hatte es Ihnen angetan. Heute haben wir ca. 2000 dieser Pferde in Europa, davon ca. 1300 in Deutschland. Der Paso Fino wird entsprechend seiner Veranlagung in drei verschiedenen Typen – Pleasure, Performance und Classic Fino unterteilt: Ein Paso Fino im Pleasure-Typ eignet sich als Freizeit-, Wanderreitpferd. (Nicht zu verwechseln mit dem Begriff Pleasure beim Westernreiten) Diese Pferde zeigen lockeren, taktklaren Viertakt am lockeren Zügel in entspannter, mäßig versammelter Manier. Diese Pferde zeigen Paso Corto (Arbeitstempo) und Paso Largo (verstärktes Tempo) bei wenig Aufrichtung und Aktion in den Beinen. Paso Finos im Performance -Typ sind gemacht für die Show und verfügen über viel Ausstrahlung, Temperament, Vorwärtsdrang und haben zuweilen auch ein etwas überschäumendes Temperament. Diese Pferde zeigen Paso Corto (Arbeitstempo) und Paso Largo (verstärktes Tempo) bei vermehrter Versammlung und Aufrichtung und Aktion in den Beinen. Ein Paso Fino im Classic-Fino-Typ ist eine Rarität. In den USA und Südamerika als Showstars sehr beliebt, in Deutschland gibt es nur eine Handvoll Classic Finos. Sie beweisen Ihr Können auf dem Fino Strip (ein langer Holzsteg zur akustischen Taktwahrnehmung, da man mit dem Auge die Frequenz nicht mehr wahrnehmen kann. Da nur ein geringer Prozentsatz eines Fohlenjahrgangs die natürlichen Voraussetzungen erfüllt, um später in Classic-Fino Klassen erfolgreich bestehen zu können, sind diese Pferde auch entsprechend teuer.

Die Begeisterung für die Rasse ist bei dir deutlich zu spüren. Logisch, dass man etwas gerne weitersagt oder empfiehlt, was man selbst sehr gern hat. Aber sind denn die Paso Finos Allrounder, die für jeden Reiter geeignet sind?

Simone Garnreiter: Es gibt gute und erfahrene Züchter in Deutschland, die unkomplizierte Freizeit Paso Finos (Pferde aus reinen Showlinien halte ich nicht für Freizeitreitertauglich) züchten, mit denen man sicher viel Spaß haben kann. Und ja klar profitieren diese Pferde, wie eigentlich alle Rassen, vom gymnastizierenden Effekt der Akademischen Reitkunst. Man muss sich nur bewusst sein, dass eine extreme Gangveranlagung auch eine große Herausforderung bedeutet, die viel reiterliches Feingefühl und lebenslanges Arbeiten an den Gangarten mit sich bringt! In meiner Brust schlagen zwei Herzen: das eine, das sich für diese Rasse und die Gangveranlagung immer und immer wieder begeistern kann und das andere Herz, das einen Dreigänger bevorzugt, da eben weniger Gänge auch weniger komplex sind. Ich werde wahrscheinlich immer ein Pferd zum Tölten haben wollen und auch immer gerne Tölter ausbilden, reiten und unterrichten. Das liegt daran, dass ich die Komplexität und auch die Herausforderung liebe und ich über 20 Jahre Erfahrung mit Gangpferden habe. Empfehlen würde ich diese Rasse guten Gewissens nur ambitionierten, erfahrenen Gangpferdereitern, die Spaß am Tölt haben und die die Ausdauer, das Temperament und die Vielseitigkeit dieser Pferde zu schätzen wissen. Wenn jemand neu ist in der Gangpferdethematik, ist ein Paso Fino schon eine sehr große Herausforderung. Es empfiehlt sich unbedingt auf die Erfahrung eines langjährigen Trainers zu vertrauen, der sich auf töltende Pferde und deren rassetypischen Besonderheiten spezialisiert hat, und sich dementsprechend begleiten zu lassen. Nicht alles was beim Dreigänger funktioniert lässt sich, auf den Paso Fino übertragen. Auch innerhalb der Rasse ist kein Pferd wie das andere, Gang, Interieur und Veranlagung können extrem unterschiedlich ausfallen und auch im Vergleich mit anderen Gangpferderassen ist der Fino ein Spezialfall. Gangpferd ist nicht gleich Gangpferd!

Gibt es ein Erlebnis, oder eine Geschichte, wo du sagen würdest: das war Typisch Paso Fino? 

 Simone Garnreiter: Typisch für die Rasse ist das zu viel an Energie, somit meine Erinnerung an diesen bestimmten Tag:

„Heute hatte ich zum allerersten Mal das Gefühl, dass wir etwas geschafft haben, was ein sehr weiser Ausbilder (Bent Branderup) vor ziemlich genau 7 Jahren zu mir gesagt hat. Sein Urteil damals über Mariquita lautete: „Die Energie, die die kleine Stute hat, ist ja gut (für die hohe Schule) – Sie muss nur lernen, diese Energie für und nicht gegen Dich zu verwenden“. Und heute war der Tag an dem ich unter mir gespürt habe, dass Sie Ihre Energie nur positiv eingesetzt hat und diese Energie für uns beide war, um gemeinsam Eins zu sein. WOW. Es hat sich so etwas von gelohnt für dieses eine kleine große Gefühl, das ich heute haben durfte.“

Steckbrief

Farben: alle Farben
Größe: 139 – 155 cm
Exterieur: Das Aussehen des Paso Finos erinnert oftmals an seine iberischen Urahnen, nur im Kleinformat: Das Pferd hat einen mittelgroßen Kopf mit geradem Profil, einen hoch aufgerichteten, geschwungenen Hals, und die Schulter ist gut geschrägt. Der Rücken ist kräftig und tragfähig, die Kruppe ist sehr muskulös und rund. Die Beine sind feingliedrig, dabei stark und stabil, die Hufe sind klein und hart. Er hat idealerweise einen korrekten Körperbau mit eher feinem, trockenem Fundament, kleinen harten Hufen und stabilen, kurzen Fesseln. Der sehr harmonische Körperbau, sowie die enorm hohe Knochendichte machen ihn zu einem äußerst belastbaren, langlebigen und gesundem Pferd, jedoch sind die Pferde auf Grund Ihrer Größe keine Gewichtsträger.

Vielen Dank an Simone Garnreiter für dieses spannende Interview

Fotocredit: Christiane Slawik

Auf dem Bild: Simone Garnreiter auf Mariquita del Gavilan im traditionell rassetypischen Outfit

Wer mehr über die Paso Finos erfahren möchte, oder auch Mariquita del Gavilan live mit Simone erleben möchte – hier ein Link zu einer spannenden Veranstaltung.

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Gestatten, die Murgesen

Gestatten, die Murgesen

Barockpferde findet man nur in Spanien, Portugal oder Österreich? Nein – auch in bella Italia ist eine ganz spezielle Rasse beheimatet, die wir im heutigen Rasseportrait vorstellen. Gina Rowley aus Deutschland hat sich in die rassigen Italiener verliebt und stellt „ihre“ Murgesen im heutigen Interview vor:

Italia – Pizza, Pasta e Murgese….

 

Gina, wie bist du auf die Rasse gekommen und warum ziehen dich Murgesen bis heute in den Bann?

Gina: Als Pferdemenschen kann man im Urlaub ja auch nicht ohne Pferde. Daher haben wir im Italienurlaub einen alten Freund meiner Mutter besucht, der dort mehrere Pferde besitzt und einen Reitstall betreibt. Für mich – damals 5 Jahre alt – war das natürlich eine wundervolle Sache. Erkundungstour auf dem Bauernhof. Als mich meine Mutter in der Stallgasse suchte, fand sie Milo.  Milo, ein achtjähriger, schwarzer Murgesenhengst, stand alleine in einer dunklen Box, ohne Koppelgang und ohne Sozialkontakt, weil sein Besitzer seit zwei Jahren nicht mehr gekommen war. Für meine Mutter war es Liebe auf den ersten Blick und für mich war es der Anfang eines wunderbaren Reiterlebens mit einem unglaublichen Pferd – der beste Lehrer übrigens, den ich mir nur wünschen konnte.

Was sind die Besonderheiten der Rasse „Murgesen“? 

Gina: Das Außergewöhnliche am Murgesen ist sein Kopf. In jeder Beziehung. Er ist meistens sehr groß und ein wenig ramsig, mit ruhigen, tiefgründigen Augen. Aber das, was in diesem Kopf vorgeht, macht den Murgesen  in der Tat einzigartig. Er ist ausdauernd, und kann sich ewig konzentrieren. Er ist absolut nicht nachtragend und unglaublich geduldig. Außerdem habe ich bei Pferden selten so eine charakterliche Tiefe erlebt, was sie außerhalb der Arbeit zu sehr interessanten ‚Gesprächspartnern‘ macht. Murgesen sind außerdem unglaublich anpassungsfähig und robust. Sie sind nie zickig oder launisch und wenn sie eine Beziehung aufgebaut haben, werden sie diese nie wieder in Frage stellen. Man ist mit einem Murgesen auch immer dazu gezwungen genau hinzuspüren, denn wenn es ihm nicht gut geht, beißt er die Zähne zusammen und stellt sich seiner Aufgaben, ohne zu meckern. Man muss ein gutes Fingerspitzengefühl entwickeln, um das zu erkennen.

Warum eignet sich der „Murgese“ für die Akademische Reitkunst? 

Gina: Der Murgese bringt auch körperlich gute Voraussetzungen für die akademische Arbeit mit. Insbesondere aber macht er es dem Menschen durch seine Lernbereitschaft und Intelligenz leicht. Nun ist ja die Dressur für das Pferd da und nicht umgekehrt. Für den Murgesen aber  ganz besonders, da ihm die gymnastizierenden Übungen zu einem neuen Körpergefühl verhelfen, das ihm vielleicht nicht immer natürlich gegeben ist. Durch seine unglaubliche Ruhe ist es ihm möglich, seinen ganzen Fokus auf den Moment zu legen. 30 Minuten in der Halle stehen und konzentriert auf die nächste Aufgabe warten, ist für den Murgesen ein Kinderspiel. Da kann zeitgleich die Welt untergehen. Er behält den Fokus.

Wir beschäftigen uns ja auch mit der Geschichte der Reitkunst, kannst du uns etwas über die Geschichte des Murgesen erzählen? 

Gina: Das Murgesenpferd, wie wir es heute kennen, ist erst Anfang dieses Jahrhunderts wieder neu entstanden. Die einzigartige und karge Landschaft im Süden Italiens brachte eine extrem robuste Pferderasse hervor, die einst eine Variante des Neapolitaners war. Diese war in ganz Europa berühmt für ihre Schönheit, Robustheit und Vielseitigkeit. 1872 schrieb der Tierarzt Giuseppe Carelli, dass es in Apulien noch Pferde gab, die dem Idealbild des Neapolitaners entsprachen und der Familienzucht des Herzogs von Conversano entstammen würden. 1923 gab es dann nur noch drei Blutslinien. Nerone, Granduca da Martina und Araldo delle Murge. Die Nachkommen dieser Pferde waren so vielseitig einsetzbar im Zusammensein mit dem Menschen, dass sie neben den Maremmapferden zu den beliebtesten Pferderassen zählten. Jedoch führte ihre besondere Belastbarkeit und ihre hervorragende Eignung in alpinem Gelände beinahe zu ihrer vollständigen Ausrottung während des zweiten Weltkrieges. Die Pferde, die den Krieg überlebt hatten, fanden ein trauriges Ende in der Fleischproduktion. Erst in den 70-er Jahren hat man es geschafft, die Zucht wieder zu regulieren und zu kontrollieren.

Du sagst, die Vielseitigkeit der Murgesen machte sie besonders beliebt. Ist dann der Murgese ein Allrounder, der quasi für Jeden geeignet ist? 

Gina: Der Murgese ist ein Pferd, das schnell plump und schwer aussieht, wenn es falsch geritten wird. Der Murgese ist für mich ein Rohdiamant-  und nur wer bereit ist, viel Zeit in das Studium seines Wesens zu investieren, wird ihn zum Glänzen bringen. Anfangs könnte ein ambitionierter, ehrgeiziger Reiter schnell verzweifeln, weil man den Murgesen oft zweimal bitten muss, vor allem, wenn die Beziehung zwischen Reiter und Pferd noch nicht gefestigt ist. Denn der Murgese ist ein Pferd, dass sich nicht auf jeden einlassen kann und einen Langzeitpartner braucht. Viele scheitern auch an der Energie, die der Murgese oft sehr sparsam einsetzt. Wird diese dann  vehement eingefordert, hat man schnell ein Pferd, das sich komplett verweigert und jeglichen Zugang blockiert. Da der Murgese dies aber nie durch Aggression zeigt, ist er natürlich auch dafür prädestiniert, in die falschen Hände zu geraten. Hier resigniert er einfach und macht dicht. Wenn man es aber geschafft hat, den Murgesen von sich zu überzeugen, ist ihm der Spaß an der Arbeit deutlich anzusehen, und man kann mit einem täglich motivierten Pferd rechnen.

Gibt es ein Erlebnis, oder eine Geschichte, wo du sagen würdest: das war Typisch Murgese? 

Gina: Ja, da gibt es viele. Spontan muss ich da sofort an ein Erlebnis aus meiner Kindheit denken. Es ist mitten im Winter und frischer Schnee bedeckt die Wege. Milo war zu dem Zeitpunkt schon gelegt, hatte in seiner Zeit in Italien allerdings wenig an Ausbildung genossen. Dennoch war er durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Für uns Kinder damals super. Kurzerhand wurden zwei Kinderschlitten angespannt, mit jeweils zwei Kindern darauf, und nochmal zwei Kinder, die auf seinem Rücken saßen. Und meine Mama hat geführt. Da kam uns ein Traktor entgegen, der Baumstämme geladen hatte. Diese Baumstämme fielen uns praktisch vor die Füße und der Lärm war enorm. Milo zuckte nicht einmal. So war es immer mit ihm. Insbesondere wenn wir Kinder auf ihm saßen.

Mehr Infos über Gina und die Murgesen in Deutschland gibt es auf dieser Facebookseite.

 

Vielen Dank an  Gina für das besondere Rasseportrait der Murgesen. 🙂 

 

 

Jekyll und Heidi

Jekyll und Heidi

„Mein Pferd ist mein Spiegel, der meine schlechte und gute Laune unverfälscht wiedergibt. Sieh hinein in die Augen deines Pferdes, aber erschrick nicht über die Wahrheit.“

Vielleicht wird manchmal auch zu wenig in die Augen der Pferde gesehen – also überhaupt nicht reflektiert. Erst vor kurzem habe ich unfreiwillig weniger schöne Szenen im „Miteinander“ zwischen Pferd und Mensch beobachtet.

Ich habe dann ein längeres Telefongespräch mit Journalist, Autor und Pferdemann Martin Haller dazu geführt.
Im Gespräch fand ich rasch heraus, dass mir vor allem eine Sache sehr nah ging. Nette, sanfte Menschen können im Handumdrehen richtig harsch ihrem Pferd gegenüber werden.
Was tut sich da in einem Menschen? Martin Haller erzählte mir von einem Text, den er als Journalist für einige Zeitschriften geschrieben hatte – genau passend zu diesem Phänomen. Aber keine Zeitschrift hatte den Mut, seine Geschichte abzudrucken.

Ich hab ihn. Und der Mut sollte, wenn es um Lebewesen geht nie aufhören.
Die Geschichte ist jetzt sicherlich nicht für meine Leserzielgruppe geschrieben – denn gerade hier erhalte ich doch so vieles schönes Feedback von Menschen, die sanft und nachhaltig mit ihren Pferden Zeit schön verbringen wollen.

Aber irgendwo muss der Artikel von Martin Haller einen Platz finden – vielleicht gibt er anderswo einen Anstoß, um wieder hineinzublicken in die Augen der Pferde – und nachzufragen, was gespiegelt wird.  😉

Jekyll und Heidi – von Martin Haller

 

Heidi war ein liebes Mädchen, alle mochten ihre blonden Zöpfe, die kecken Sommersprossen und das vorwitzige Näschen. Natürlich liebte sie Pferde über alles, ihr Kinderzimmer war lückenlos tapeziert mit Postern von langmähnigen Friesen, blonden Haflingern und frechen Shettys. Heidis Idole? Was für eine Frage – sie hatte mit fünf Pipi Langstrumpf und den Kleinen Onkel vergöttert und mit sieben ein bekanntes Pferdemagazin für Mädchen (beginnt mit W- und endet mit –endy) abonnieren dürfen – die Oma stand dafür grade. Mit neun hatte sie erste Reitstunden im ländlichen Verein und entbrannte in schwärmerischer Mädchenliebe für Isabell Werth, aber die gefiel ja auch älteren, männlichen Semestern ganz gut… als Heidi die ersten kleinen Reitabzeichen erritten hatte, war Gigolo FRH schon über seinen Zenit hinweg – und unsere junge Heldin bekam bald darauf ihr erstes eigenes Pferd. Gladiator wurde wegen seines etwas eckigen Exterieurs im Stall nur „der Radiator“ gerufen, ging mühelos eine A-Dressur und sprang über alles, solange es nicht höher als 95 cm war oder blau-gelb lackiert – offenbar hatte man vergessen, ihn zu dual-aktivieren, aber das fiel damals noch nicht so auf.

Heidi liebte den Radiator abgöttisch, denn mit ihm errang sie zahllose Schleifen und eine nette kleine Pokalsammlung in Caprilli- und E-Bewerben, alles unter Anweisung der mütterlichen Reitlehrerin des ländlichen Vereins, die ein großes Herz für Kinder und ein noch viel größeres für Pferde hatte. Sie gab Heidi einen guten Sitz und machte Radiators steifen Rücken wieder geschmeidiger, sie behielt im Unterricht immer das Augenmaß und am Club-Turnier die Ruhe. Mit einem Wort, Heidi war auf dem besten Weg, eine kompetente, gefühlvolle und pferdefreundliche Reiterin zu werden…

Die Tatzeit

Ganz genau kann niemand sagen, wann es begann; wohl mit der Übersiedlung in den neuen Stall am Stadtrand. Heidi war anfangs traurig, denn sie vermisste ihre nette Reitlehrerin und die anderen Mädels, mit denen sie am Land schwimmen gegangen war und Radtouren gemacht hatte. Der Radiator fühlte sich auch nicht wohl, so ohne Koppelgang und stundenlange Ausritte im Wald. Aber dafür bekam sie nun „richtigen Unterricht“ vom örtlichen Turnier-Crack, dem man ein unfehlbares Händchen für junge Talente nachsagte, sowie einen scharf ausgeprägten Geschäftssinn. Schon nach sechs Monaten hatte er Heidis Mutter davon überzeugt, dass Radiator dem Talent des Teenagers nicht gerecht werden könne. Na, und Mutti wiederum brauchte nicht lange, Vati zum Kauf eines braunen Hannoveraners zu überreden, der „zufällig im Stall des Cracks zum Verkauf stand…“. Der Rest der Geschichte ist klingt uns vertraut: Radiator wurde in den Schulstall verbannt und der neue Braune so richtig in die Mangel genommen („gefördert“, sagte der Guru), und Heidi mit ihm. Der Erfolg stellte sich bald ein, erste Siege in A waren alsbald errungen, dann wurde es etwas zäher, denn L ließ auf sich warten. Irgendwie schien es, als ob der Braune nicht mehr so richtig zog, stumpf und triebig wirkte. Aber inzwischen war Heidi zum einen schon viel routinierter geworden, zum anderen durfte sie nun bewaffnet reiten, was ihr die alte Reitlehrerin immer strengsten verboten hatte. „Sporen muss man sich verdienen…“ hatte es immer geheißen – so ein Quatsch, weiß doch jeder, dass man die überall kaufen kann und kein Gaul ohne die richtig geht, vor allem mit Schlaufer… Wie auch immer, der Braune wurde flott gemacht, mit allerhand Pülverchen, viiieeel Hafer und regelmäßigem Beritt vom Meister, ganz in der Früh in leerer Halle. Vati fragte manchmal etwas verzagt, ob „das alles denn wirklich nötig sei, früher wäre es ja auch viel billiger gegangen…“, aber der hatte ja wie üblich keine Ahnung und war dann schon stolz, wenn Heidi und der Braune mal wieder A gewannen oder L platziert waren.

Kurze Rückblende

Einige Sommer gingen ins Land; Heidi hatte viel gelernt, Kurse absolviert, Prüfungen abgelegt und Siege erritten. Der Braune war inzwischen nicht mehr der „alte Braune“ (der vergammelt mit Sehnenschaden in der Provinz als Kinderpferd – sonniges Gemüt hatte er ja). Brauner Nummer drei geht inzwischen brav M, hat schon alle S-Lektionen drauf, und Heidi ist ein angesehenes Mitglied der Szene. Sie fühlt sich zuhause und gut aufgehoben, denn fast alle jungen Frauen in ihrem Stall und am Turnier sind genau wie sie. In ihren Spinden türmen sich die Leckerlisäckchen, mit Apfelaroma und Bananengeschmack, mit Multivitamin-Faktor und Lecithin-Extrakt… neben Sporen aller Art, drei Dressurgerten und ein paar sehr stark abgenützten Schlaufern…

Als Anwaltssekretärin ist Heidi einsame Spitze, man lobt ihre Freundlichkeit, sogar der Seniorchef hält große Stücke auf sie. Ihr Langzeit-Verlobter ist unsportlich, wie er lachend zugibt, er geht mit seinen Freunden lieber zum Skat und hält es laut eigener Aussage mit Winston Churchill – „No sports!“. Vielleicht besser so, denn im Reitstall würde er Zeuge einer Verwandlung, die ihm möglicherweise das Blut in den Adern gefrieren ließe…

Das Grauen

Jeden Abend nach Dienstschluss lenkt Heidi also ihren Flitzer zum Reitstall. Frohgemut stellt sie das Auto ab und geht die paar Schritte zur Reithalle, mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Grußwort für jedermann, Stallpersonal, Reiterkollegen und Anhang in Warteschleife. Und dann passiert es, mit der immer gleichen schrecklichen Regelmäßigkeit – ein dunkler und bedrohlicher Zwang befällt unsere Heidi. Sie selbst ist sich dessen zwar nicht bewusst, aber man bemerkt es und redet darüber, sogar Leute, die nichts vom Reiten verstehen. Sie mutiert allabendlich!

Beim Satteln wird es schon erkennbar, da überfällt sie eine seltsame Ungeduld. Wenn ihr Wallach (Der Dulder aus der Duktus-Duellant-Linie) sich beim Nachgurten mal aufbläst, gibt es einen ungeduldigen Knuff in die Rippen und ein scharfes Wort. Nimmt er das Gebiss nicht sofort ins Maul, knallt ihm der kalte Stahl an die Zähne. Aufgestiegen wird in Heidis Stall noch immer nach dem alten Kavalleristen-Motto „Wer nicht allein raufkommt, soll nicht auf’m Pferd sitzen“, also hantelt sich Heidi, wie alle anderen auch, mittels der Abstoßen-Hochziehen-Reinplumpsen-Methode in den Sattel. Der Hannoveraner hat – was keiner weiß – sensible Dornfortsätze, daher erduldet er die Kletterpartie nur ungern und tänzelt etwas. Dann kommt ein scharfer Ruck ins Maul, und ein gezischtes „Bleib halt stehen, du Bock“ entfährt Heidis ansonsten sinnlichen Lippen, die nun gar nicht mehr so sinnlich, sondern verkniffen wirken.

Heidi sitzt endlich zu Pferde, doch was ist mit ihr geschehen? Wo sind Humor und Geduld, wo ihre gute Laune und ihr Sinn für tolerante Problemlösungen geblieben? Sie reitet, als ginge es um ihr Leben; als müsste sie, so wie im Film das Murmeltier täglich grüßt, jeden Tag aufs Neue eine Olympia-Dressurprüfung gewinnen. Der Dulder wird höchstens eine Runde im Schritt aufgewärmt, aber das ist eher pro forma, dann geht es nahtlos in den Mitteltrab und die Flieger. Seitengänge und Piaffe-Passage-Touren folgen, der Schweiß lässt das Fell des Braunen schon nach zehn Minuten dunkel glänzen. So strampelt er wie um sein Leben, vorne geknebelt und hinten traktiert, dazwischen mit der Gerte energisch „unterstützt“, wenn ein Wechsel mal nicht durch ist oder eine Piaffe zu wenig gesetzt.

Ist Heidi, wenn sie reitet, gar nicht mehr Heidi, sondern jemand anders? Steckt ein Beelzebub in ihr, ist sie von einer bösen, fremden Macht besessen, die immer dann von ihr Besitz ergreift, wenn sie aufs Pferd steigt? Und wer oder was hat Heidi soweit gebracht…? Wie gesagt, man schätzt sie, als Mensch ganz besonders, und als Reiterin auch. Die Berittpferde gehen gut für sie, wenn man Heidi nicht täglich rauflässt (so flüstert man sich zu, wenn sie es nicht hören kann). Einmal die Woche täte es manchen Pferden – aber nicht allen – offenbar ganz gut, von Heidi mit Nachdruck durchgearbeitet zu werden, aber öfter geht nicht, da werden sie sauer, besonders blütige Typen…

Wenn Heidi vom Pferd springt und den verschwitzten Hals des jeweiligen Kandidaten klopft, entkommt ihr hin und wieder auch ein zufriedenes Lächeln, das an früher erinnert. Früher, als sie mit Radiator und ihren Mädels lachend über die Wiesen galoppiert war. Aber sie denkt nur mehr sehr selten daran…

Gestatten, das Przedswit!

Gestatten, das Przedswit!

Welche Pferde sind in der Akademichen Reitkunst vertreten. Nachdem Stefanie Niggemeier über ihre Morgans in der ersten Ausgabe dieser Blogserie berichtet hat, habe ich den Rasseexperten Martin Haller gebeten, mir über „mein“ Przedswit etwas zu verfassen.

Warum ich „mein“ – sage – nun meine Pina ist eine Vertreterin dieser Rasse.

 Der Przedswit-Stamm

Der Hengst Przedswit erlangte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts große Bedeutung in der österreichischen Zucht des englischen Halbbluts. Der Vollblüter aus der gräflich Tarnowskischen Zucht des Grafen Johann Tarnowski in Chorzelow, Galizien, hatte ein tolles Pedigree (von Knight of the Garter aus der The Jewel, von Stockwell). Dazu besaß er eine bedeutende Eigenleistung als Rennpferd, hatte er doch 1875 das österreichische Derby und 1876 den Großen Preis von Baden-Baden gewonnen, somit viel Härte bewiesen.

Als er noch in diesem Jahr als Vierjähriger in Piber aufgestellt wurde, erweckte er große Hoffnungen in der Fachwelt, kam allerdings zu spät, weil das Gestüt schon 1878 ein Remontendepot ohne Zuchtaufgabe wurde. Lesen wir, was Wrangel schrieb:

„Zum Glück gibt es in Piber einen Beschäler, der – richtig benützt – das Zeug in sich hat, dem scheinbar arg vernachlässigten Gestüt eine bessere Zukunft zu eröffnen. Wie sein Name ausgesprochen wird, vermag ich nicht zu sagen, geschrieben wird er Przedswit; mit einem herzhaften Niesen wird man seiner Aussprache wohl am nächsten kommen… Wenn vorzügliches Blut und ein jeder Kritik strotzendes Exterieur zu großen Hoffnungen berechtigen, darf man von ihm Großes für die Zucht erwarten. Man weiß nicht, was man an ihm am meisten bewundern soll… ja, Przedswit ist ein Prachtexemplar, und würde man in Piber nur ihn allein zu sehen bekommen, würde doch kein Pferdefreund die Fahrt in das entlegene Gestüt bereuen.“

Nach nur zwei erfolgreichen Zuchtjahren versetzte man den Prachthengst nicht etwa in eines der anderen Gestüte, sondern „versenkte“ ihn in der Landeszucht. Von Stadl-Paura aus ging er jährlich auf Station, wurde schließlich nach Prag verlegt und bekam dort 1889 eine schwere Lungenentzündung, der er schließlich durch Herzlähmung erlag. Sein Sohn Przedswit I aus einer normannischen Stute wurde zum Platzhalter des Stammes, welcher sich vor allem in Radautz gut entwickelte und zahlreiche sehr edle, leistungsfrohe Armeepferde lieferte.

Nach dem Ersten Weltkrieg gelangten diese Pferde nach Polen und in die Tschechoslowakei, während Österreich nur wenige Exemplare behalten konnte. Mit diesen wurde die Stammzucht noch einige Jahrzehnte fortgeführt, teils unter Anpaarung an die anderen altösterreichischen Restbestände. 1919 wurde das Furioso-Przedswit Gestüt Perwarth (NÖ) mit Radautzer und Piberer Pferden errichtet. In der Zwischenkriegszeit wurde die mährische und polnische Zucht des altösterreichischen Warmblut-Pferdes maßgeblich durch Söhne von Przedswit VIII und Furioso XIII beeinflusst. 1932 wurde das Gestüt nach Piber verlegt; 1942 wurde Piber als Zuchtbetrieb aufgelöst, wobei ein Teil des Pferdebestandes in das preußische Hauptgestüt Graditz und ein Teil in die burgenländische Landeszucht gelangte.

Mit dem 1963 in Piber geborenen Przedswit XIII endet die Geschichte des Przedswit-Stammes in unserem Lande, denn er wurde an die damalige CSSR abgegeben. Dort besteht die Rasse in geringen Beständen in der Landeszucht fort, wobei auch das junge Mährische Warmblut über Blutanteile des Stammes verfügt. Ein wenig genützter, aber typischer und leistungsstarker Hengst steht „vergessen“ im Hengstdepot Pisek, einige weitere in den wenigen böhmischen Privatgestüten, die sich diesem leistungsstarken und schönen Schlag widmen. Nach der Auflösung des Warmblutgestütes von Piber 1981 gelangte ein kleiner Teil der Gestütsstuten in die Landeszucht, die Hengste wurden im staatlichen Hengstdepot Stadl-Paura untergebracht, wo sie als Lehrpferde eingesetzt wurden.

Ein Piberer Furioso-Hengst, der 1967 geborene 978 Furioso XXIV-82, wurde von Familie Budik 1986 in Stadl-Paura als Schulpferd wieder aufgefunden und mit großen Schwierigkeiten züchterisch verwendet, dann 1988 vor der Schlachtung durch Kauf bewahrt und konnte noch fünf Mal decken. Die Familie des Brigadiers Karl Budik begann 1985 mit der Erhaltungszucht altösterreichischer Halbblut-Pferde im niederösterreichischen Gramatneusiedl. Sven Budik wurde als Tierarzt und Genetiker zu einem Experten auf züchterischem Gebiet und führt das Werk der Eltern mit großer Begeisterung fort. Die Familie bewahrt einige hoch interessante Pferde und Dr. Sven Budik konnte wertvolle Kryokonserven einiger inzwischen toter Hengste anlegen. Diese werden an der Hochschule in Wien verwahrt und leider recht wenig genützt; ein Fohlen aus einer KB und aus einer „normalen Warmblut-Stute“ erhält natürlich ein Abstammungspapier als Österreichisches Warmblut und bleibt somit „unerkannt“.

Die bedeutendste Zuchtstätte des Przedswit-Stammes dürfte das Gestüt des Herrn Dipl. Ing. Jaroslav Richter, in Janovice bei Jívka (Janovice 333, CZ-541 01 Jívka bei Trutnov) in Nordost-Böhmen sein. Dort, inmitten des alten schlesischen Siedlungsraumes, wird auf rund 340 ha herrlichem Weideland eine Herde von rund 160 Pferden gehalten. Diese leben, solange die Witterung es zulässt, in freier Natur auf den Bergweiden und erhalten nur bei Schlechtwetter oder mangelnder Weide eine grobe Silage (Heulage), dann jedoch ad libitum. Dazu bekommen sie Minerallecken in relativ großer Menge und saufen das frische Wasser der Berge. Ihre Haltung kann man als extrem robust bezeichnen; Herr Richter nimmt sich das alte Gestüt Radautz zum Vorbild und führt seinen entlegenen Betrieb nicht nur nach dessen Muster, sondern erhält auch einen identischen Pferdetyp. Seine Stuten sind ein ausgeglichenes Lot von Füchsen, Braunen und einigen Schimmeln, die neben den alten Linien meist auch etwas Shagya-Blut führen. Ihre Fohlen sind frohwüchsig und robust, dabei trittsicher und gelassen. Rund fünf Beschäler werden im Turnus eingesetzt, davon meist auch ein guter, reiner Vollblüter. Der Vollblutanteil in der Population wird mit rund 40 % bewusst hoch gehalten – dem Beispiel von Radautz folgend; auch ein arabischer Anteil von rund 5-10 % ist vorhanden und gibt den Pferden noch mehr Ausdauer und schöne Köpfe. Man darf sagen, dass hier der letzte Rest des besten altösterreichischen Halbblutes bewahrt wird – von einem idealistischen Mann, der sein Lebenswerk darin sieht, diese wunderbaren Pferde zu retten. Wir sollten uns vor ihm in Dankbarkeit verneigen – denn Österreich hat diese Rasse 1983 wissentlich und willentlich entsorgt.

Pferde des Stammes Furioso-North Star-Przedswit sind ausgezeichnete, ausdauernde Reittiere mit flachen, raumgreifenden Gängen und oft gutem Springvermögen. Sie sind vorwiegend dunkel gefärbt, meist Braune, mit nur wenigen und kleinen Abzeichen; zwischen 160 und 167 cm Stockmaß stehend. Es sind typische Halbblüter mit deutlich „englischem“ Überguss, die einem Mittelgewichts-Hunter entsprechen. Mittelgroßer, nobler Kopf mit wachem Ausdruck und oft großen Ohren. Kräftiger Hals von ausreichender Länge, der in einen deutlich markierten, langen Widerrist übergeht. Kräftiger Rücken, gute Gurttiefe, ausreichende Breite. Leicht schräge Kruppe mit bedeutender Muskulatur; tief getragener Schweif. Stabiles Fundament von guter Knochenstärke und Korrektheit; harte, eher große Hufe; kaum Behang. Englische Halbblutpferde waren deutlich blutgeprägt, sie besaßen also den Adel und das Feuer des englischen Vollblutes, gepaart mit dessen athletischen Fähigkeiten, und vor allem einen guten Galopp, der für ein Truppenpferd unerlässlich ist. Über die meist orientalisch geprägte Mutterseite kamen Ausdauer, Zähigkeit und Intelligenz hinzu – eine ideale Kombination für sportliches Fahren, Vielseitigkeit, Distanzritte und Jagdreiten. Im Springsport und in der Dressur zeigen die Przedswit-Pferde elastische, praktische Gänge und viel Vermögen am Sprung.

Martin Haller

Martin Haller züchtet selbst Pferde und ist Autor vieler Fachartikel und Bücher.

Als engagierter FN-Zuchtrichter ist er ein anerkannter Pferdekenner und gefragter Gastreferent.
In Österreich hat er den Ausbildungslehrgang „Ponymaster“ ins Leben gerufen – eine umfassende Ausbildung für Reitlehrer.

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