Die Visitenkarte des Trainers

Die Visitenkarte des Trainers

Wer ist der beste Trainer für mein Pferd? Wie kann ich echtes Wissen von extrem guter PR unterscheiden? Und wieso sind die Pferde des Trainers seine Visitenkarte? 

Zwei Dinge haben mich in letzter Zeit zum Grübeln gebracht. Zum einen Bent Branderup, der bei seinem Seminar in Niederösterreich zu Ostern einige Denkanstöße gab.
Mittlerweile gibt es sehr viele Seminare und Fortbildungen für Ostheopathie, Physiotherapie, Körpertrainings usw. Bent kritisierte an dieser Stelle, dass es nicht reiche, sämtliche Knochen, Muskeln, Faszien, Sehnen oder Bänder nach ihren lateinischen Begriffen zuordnen zu können. Oftmals lassen solche Ausbildungen die praktische Erfahrung am Pferd vermissen. 

Der zweite Punkt, der mich zum Grübeln brachte, war die ewige Frage nach der Qualität von Trainern. Eine befreundete Trainerin war über eine alte Ausgabe der Feinen Hilfen gestolpert –  konkret Ausgabe Nummer 10. Darin beschreibe ich das Phänomen des Trainerhoppings aus der Sicht von Reitern. Nachlesen kannst du diesen Artikel hier. Von Trainer zu Trainer ziehen – das kann vielerlei Gründe haben. Manchmal sind Schüler jedoch auch förmlich gezwungen, den Trainer zu wechseln, wenn sich der Trainer zwar als Profi der Selbstvermarktung entpuppt, allerdings nicht als pädagogisch wertvoll. 

Viel Lärm um Nichts

Je komplizierter umso besser. Man kann Reitkunst ganz kompliziert machen oder man kann getreu nach meinem Motto „Einfach Reiten“. Ich finde in den sozialen Medien Beiträge, die vor Fachbegriffen nur so strotzen. Ich lausche fachchinesischen Vorträgen und mustere das Publikum. Ich sehe Verzweiflung, ahnungslose Gesichter und Unbehagen.

Muss man sich als Trainer heutzutage als einzig wahrer Experte positionieren? Mein Schüler, mein Kunde – der Ratlose. Ist dies tatsächlich das anzustrebende Ziel? Ich stolpere immer mehr über Beiträge, die den eigenen Expertenstatus unterstreichen und den Selbstwert des Schülers quasi „killen“. 

Sogar Trainerkollegen berichteten von schlechten Erfahrungen, die sie auf einer Weiterbildung gemacht hatten. Auch dort musste sich der Trainer profilieren, indem er die Wissenslücken des Gegenüber besonders betonte. 

Wie findet man den besten Trainer für sich und sein Pferd? 

An aller erster Stelle steht freilich das Können des Trainers, das die Ausübung des Berufs legitimieren sollte. Wer nichts kann wird schließlich weder vom zweibeinigen, noch vom vierbeinigen Schüler akzeptiert – zumindest ist die Akzeptanz nicht von großer Dauer. 

Ein guter Trainer kann auch zeigen wie es geht – und kennt hier das beste Timing. 

Im Unterricht geht es einerseits um die notwendige Theorie. Warum lernen wir, wann welche Lektion dran ist und welcher Inhalt dieser zu Grunde liegt? Wie kann ich mir den Inhalt eines Schulterherein  nutzbar für die Ausbildung meines Pferdes machen? Was muss ich in einem korrekten Schulterherein sehen – und noch wichtiger – was muss ich fühlen. So bin ich gerne bereit, einem Schüler die technische Seite immer und immer wieder zu erklären oder auch zu demonstrieren. Die wichtige Ebene der Gefühlsschulung kann ich jedoch niemandem abnehmen. Hier helfen Wiederholungen und das Feedback des jeweiligen Trainers. Wann hat man was gut gemacht? 

Mit der Zeit bekommt man durch die Rückmeldung des Trainers und viele Wiederholungen ein Gefühl für das Gute und das Falsche. 

Trotzdem muss ein Trainer auch wissen, wovon er spricht – und worüber er besser nicht spricht. 

So kann man bei mir lernen, wie man sein Pferd in Bodenarbeit, Handarbeit, Longieren, Langer Zügel, Crossover und auch vom Sattel aus korrekt und geschmeidig gymnastiziert.

Ich kenne meine Grenzen sehr gut. Wer Springunterricht nehmen möchte, ist bei mir eben an der falschen Adresse. Ein guter Trainer weiß also wo seine Grenzen liegen und bringt neben seinem Fachwissen ein großes Maß an Kompetenz und Empathie mit. 

Stereotype 

Es gibt auch verschiedene Stereoptype, also Attribute, die „kompetenten“ Trainern gerne zugeschrieben werden. 

Nicht Kompetenz sondern ein großes Mundwerk, Selbstbewusstsein, Dominanz und ein extrovertierter Typ gelten in den Augen der meisten Reiter schnell als guter Trainer. 

Solche Eigenschaften schreibt man auch gerne Führungspersönlichkeiten zu – allerdings auch in der Welt des Business gilt: Wer nichts kann, bringt die Blase bald zum Platzen. 

Ich bin der Größte…

Eine ganz dubiose Legitimation des Trainer Daseins kann auch sein, durch möglichst viel Kritik an Kollegen oder auch den eigenen Schülern aufzufallen. An der Bande schon schlimm genug wird dieses Phänomen ebenso gerne in sozialen Medien weiter getragen. 

Was muss ein guter Trainer können? 

In meinen Augen muss ein guter Trainer fachlich versiert sein – und eine Bereitschaft zur ständigen Weiterbildung mitbringen. Ich selbst besuche bei Bent Branderup heuer vier Seminare, reite aber auch bei meinen Kolleginnen Hanna Engström und Annika Keller.

Mindestens vier bis fünfmal bilde ich mich bei Kollegen auf Wochenendkursen fort und lasse mich aber auch von Trainerkollegen anderer Sparten sehr gerne inspirieren.

In meiner „akademischen“ Familie gibt es viele Spezialisten. Hanna Engström zum Beispiel hat sich dem Sitz verschrieben. Annika lässt ihr Wissen aus Phystiotherapie und Ostheopathie mit einfließen. Ich selbst habe Kommunikationswissenschaften studiert, in meinen Unterricht fließt somit viel Psychologie aber auch Kreativität mit ein. So mache ich mir auch meine Fortbildung in Punkto Schauspiel zu Nutze, um Menschen für ihr Pferd „echt“ und authentisch werden zu lassen. 

Ein guter Trainer muss sich ständig weiter bilden – er muss aber wie schon oben gesagt auch seine eigenen Grenzen kennen. Empathie ist freilich eine wichtige Eigenschaft, aber auch Geduld und die Leidenschaft Fragen zu wiederholen. 

Meine Pferde – meine Visitenkarte

Die meisten Schüler haben den Weg über meinen Blog, über Empfehlungen, Mundpropaganda oder durchs Zuschauen beim Unterricht zu mir gefunden. Immer wieder kamen Schüler auch vor einer ersten Probestunde bei mir vorbei, um mich bei der Arbeit mit meinen Pferden zu  beobachten. Eine ausgezeichnete Sache, wie ich meine. Schließlich sind meine Pferde meine beste Referenz. 

Wie sieht das Pferd eines Trainers aus? Wie ist es bemuskelt? Wie verhalten sich Mensch und Tier im Umgang. Hat man das Gefühl, die beiden sind wirklich gerne miteinander zusammen? Freut sich das Pferd seinen Trainer zu sehen? Wie gestaltet der Trainer die gemeinsame Zeit mit dem Pferd? Wie wirkt das Pferd während des Trainings emotional? Ist es mit Eifer bei der Sache? Freut sich der Trainer an den Fähigkeiten des Pferdes oder sieht er nur die Defizite? Oder überspielt er möglicherweise sogar körperliche Baustellen und hat für alles eine gute Ausrede parat?

Ich bin eigentlich verwundert, dass so wenige Reiterinnen und Reiter die Arbeit eines Trainers mit seinem Pferd nicht vorab sehen wollen. Die eigenen Pferde des Trainers sind schließlich die beste Visitenkarte. 

Und es zahlt sich auch aus, den Trainer immer wieder mal zu besuchen. Meine Schüler können mir im Rahmen sämtlicher Kurse, die ich mit Kollegen veranstalte, ständig über die Schulter schauen. Wer sich neu für die Akademische Reitkunst und meine Arbeit interessiert kann gerne vorab bei uns am Horse Resort am Sonnenhof vorbei kommen und sich ein Bild machen. 

Diesen Rat kann ich sämtlichen Reiterinnen und Reitern nur ans Herz legen – egal welcher Passion ihr mit eurem Pferd folgt! 

Es ist gut, Anfänger zu sein!

Es ist gut, Anfänger zu sein!

Womit fängt man an? 

In der letzten Theorieeinheit am Sonntag beim Seminar in Niederösterreich Ende April erklärt Bent Branderup noch einmal, warum wir nicht mit der Primärhilfe in der Ausbildung beginnen, sondern den „Umweg“ über die Sekundarhilfen auf uns nehmen müssen. 

„Wir haben heute keine Lehrpferde, die unseren Sitz schulen können. Wir müssen die Sekundarhilfe zuerst den Pferden und den Menschen vom Boden aus beibringen“. 

Bent Branderup

Für die Elite? 

Bent Branderup taucht wie immer ein, in die Geschichte der Reitkunst. Früher war die Akademische Reitkunst etwas für Eliten. Sie wurde an den höfischen Reitakademien gelegt, sie war an die Universitäten angeschlossen und die ritterlichen Reitakademien. 

Für die ritterlichen Reitakademien waren die Qualifikationen: Männlich, katholisch und adelig. Das heißt aber nicht, dass man die reiterlichen Fähigkeiten mitbrachte. Heute bin ich unterwegs und staune, welches Wissen sich viele Reiterinnen und Reiter aneignen. Im Gegensatz zu den alten Reitakademien haben wir den Vorteil, das wir nicht fertig werden müssen. 

Nicht fertig werden? 

Ein Raunen geht durchs Publikum. Hat er tatsächlich gesagt, wir müssen nicht fertig werden? 

Richtig, denn früher mussten die Pferde für einen bestimmten Zweck ausgebildet werden. Allerdings konnten sich die Könige von einst ja auch leisten, jahrelang das Pferd in Ausbildung zu geben. 

Bent erzählt nun von Aufzeichnungen aus königlichem Stallinventuren aus dem Jahr 1698, die er durchforstet hat. 

Mit 4,5 Jahren kamen die jungen Pferde ins Gestüt. Wurden dann angeritten und haben die Ausbildung begonnen. Zwischen 12 und 16 Jahren waren die Pferde in der Kür und gingen dann in den Stall des Königs über, wo sie dessen Gebrauchspferde wurden. Nach 10 Jahren im Dienste des Königs kamen die nun rund 25 Jahre alten Hengste in die Hofreitschule, wo sie den jungen Eleven den Reitersitz lehrten. Ein junges Pferd war also mindestens 6 bis 8 Jahre lang in Ausbildung, bevor es quasi in die Nutzung kam. 

Befrei dich vom Zwang

Wir müssen heute nicht fertig werden. Wir haben den Zeit und Luxus, uns im Detail verlieben zu dürfen. Wir können uns eben diese Details aneignen und die Fähigkeiten des Reiters durch die Ausbildung in den Vordergrund stellen. Gerade Pferde, die wir heute als schwierig erachten, schulen uns durch die verschiedenen Facetten der Bodenarbeit prächtig. 

Von einem etwaigen Problem in die Praxis: Ein Pferdebein, das sich in der Luft befindet, kann keinen Widerstand leisten. Daher können wir im Stehen exakt überprüfen, ob ein Pferd eine Hilfe, wie etwa eine Parade auch tatsächlich verstanden hat. Der Widerstand kann sich darin äußern, dass Spannungen im Pferdekörper vorhanden sind – mentaler und physischer Natur. Viele unserer Hilfen sind natürlich darauf bedacht, überhaupt keinen Widerstand zu haben. 

„Wenn das Pferd steht, dann zeigt sich ob das Pferd die Hilfe tatsächlich verSTEHT“. 

Bent Branderup

Diese detailverliebte Arbeit wird von Vorteil, wenn der Reiter viel über Hilfengebung und Sitz lernen kann. In der Bewegung kommt dann noch Schwung dazu. Im Stand entwickeln wir Reiter jedoch ein präzises Gefühl für die Gewichtsverteilung auf den vier Pferdebeinen. Gleichmässig? Immer zu einer Seite hin verschoben? Kann das Pferd ein Hinterbein etwa gar nicht belasten und weicht mit der Hinterhand aus? Somit lässt sich laut Bent Branderup schon im Stand überprüfen, ob das innere Hinterbein später im Galopp zum Tragen kommen wird – oder eben nicht. 

Die Luxus-Longe

Bent erzählt von seiner eigenen Ausbildung. Bei den verschiedensten Lehrmeistern oft Tage- oder Wochenlang an der Longe zu reiten war Luxus, allerdings ist das heute auch ein nicht leistbarer Luxus. Denn wer hat heute noch eine Hofreitschule? 

„Früher schon kostete es ein Vermögen, geschulte Reiter auszubilden. An den Reitakademien bekamen die Professoren für Reitkunst übrigens die höchsten Gehälter. An der Uni Göttingen verdiente ein Reitkunst Professor das doppelte und in Dresden das Fünfache im Vergleich zu einem Professor für Architektur.“

Bent Branderup

Wir müssen heute also andere Wege finden, um Reiter auszubilden. Und eine Möglichkeit, die Bent hier nennt, ist sich selbst zu longieren.  

Bent Branderup erklärt, dass die akribische Ausbildung auf dem Zirkel vor allem für den Reiter dienlich ist. Dieser kann sich auf viele Details im eigenen Körper konzentrieren. Wir können uns an der Longe vorstellen, wie es sich anfühlen müsste. So können wir langfristig unser Gefühl dahingehend schulen, um später zu beurteilen, was etwas der bessere und was der schlechtere Schritt war. Wie hat sich die Gangart angefühlt? 

Das Richtige muss verstanden werden gegenüber dem Falschen. Oder das Bessere gegenüber dem nicht ganz so Guten. Wie fühlt sich das an und wie sieht es aus? Was man zuerst in der Bodenarbeit sehen kann, nimmt man später durch die ausführliche Schulung des Gefühls mit in den Sattel. 

So nehmen wir eine laterale Verschiebung oder eine diagonale Verschiebung im Schritt unter uns war. Bei der lateralen Verschiebung bewegt sich das Pferd passartig, bei der diagonalen Verschiebung eher in Richtung Schulschritt. 

Ein einmal geschultes Gefühl bleibt dem „Sitz“ haften. 

So erzählt Bent Branderup von seiner Zeit auf Island und den unterschiedlichsten Tölt-Kulturen, denen er später begegnete. 

„Ich habe ein Jahr lang auf Island mit Pferden gearbeitet. Wir haben Pferde oder auch Schafe getrieben. Daher kann ich heute den Islandpferdereitern sagen, wenn man mit dieser Reitweise keine Schafe mehr treiben kann, dann habt ihr eure Kultur verloren. Wenn man Tölt nicht mehr im schwierigen Gelände reiten kann, dann bin ich uneinig wenn man heutige Töltinterpretationen nur mehr auf festgebügeltem Boden reiten kann. 

Wir haben verschiedene Interpretationen. Tölt hat man in der Südamerikanischen Tradition sicherlich anders definiert als in der Isländischen. Und genau so ist es mit anderen Dingen. Die großen Meister der Akademischen Reitkunst waren auch Vorbild für die HDV12. Aber man muss wissen, dass Steinbrecht nie ein Gebrauchspferd ausgebildet hatte. Steinbrecht hat Zirkuspferde ausgebildet. Um ein solches Pferd zu erwerben, musste man sich erstmal bewerben – und das taten die Leute sogar aus den USA“. 

Bent Branderup

Bent Branderup zeigt den Weg von Gustav Steinbrecht. Dieser war Schüler von Luis Seeger und dieser wiederum Schüler von Max Ritter von Weyrother, seines Zeichens Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule in Wien. 

Als dann später die HDV12 entwickelt wurde, kamen die besten Reiter ihrer Zeit zusammen und haben eine Reitweise „gebastelt“, die eine Anleitung bieten sollte, wie man so rasch wie möglich ein gutes Gebrauchspferd ausbildet. Allerdings war das Problem: 

Minimalismus

Minimalismus ist ein Privileg der Meister. Warum das so schwierig ist, erklärt Bent Branderup am Beispiel von Stellung und Biegung. 

Der Anfänger muss zu Beginn etwas übertreiben, damit man überhaupt sehen kann, ob das gewünschte Ergebnis da ist. Eine ganz leichte Stellung und Biegung ist schwieriger wahr zu nehmen. Man kann zu Beginn in der Übertreibung leichter sehen, ob das Genick im Konter zur Schulter steht, oder der Hals an den verschiedensten Stellen verbogen ist. Zunehmend entdeckt der Reitschüler dann, was übertrieben war und wo man reduzieren kann. Das gilt für viele Dinge. 

Zuerst müssen wir wahrnehmen können. Seitwärts ist auch nicht unbedingt gleichzusetzen mit guter Qualität von Seitwärts. Dafür brauchen wir aber auch eine Grundidee von Biomechanik aus der Theorie. Diese ist die Basis, um zu verstehen, was unser Pferd so besonders macht. Hat das Pferd Probleme mit den Knien? Hat es Probleme in den Sprunggelenken? Bewegen sich die Hüftgelenke in eine falsche Richtung? Gibt es gar Probleme im Rücken. 

Zuerst steht also immer die Analyse und dann einen Inhalt für unser Pferd. Wir müssen unserer Reise damit beginnen, was das Pferd kann. Wenn wir also zu Beginn sehr ruhig reiten, dann haben wir Zeit zu spüren und setzen das Pferd nicht starken Kräften der Beschleunigung und Entschleunigung aus. Wir erinnern uns an dieser Stelle an den ersten Theorieteil und die Probleme im Bereich des Schultergürtels. Wer mag kann nochmal hier nachlesen. 

Wir reiten zum Schutz unserer Pferde ruhig – später können wir mehr Energie hinzufügen. 

Jeder fängt als Anfänger an – aber nicht auf Facebook

Bent kritisiert die Unkultur in sozialen Medien, alles anzugreifen, was nicht perfekt ist. Das macht doch das Anfänger Dasein umöglich. Dabei kann der Anfänger doch noch gar nicht perfekt sein. 

Also nehmen wir uns die Ruhe, um unser Pferd zu analysieren. Wie fußen die Hufe auf? Was ist für die Gelenke gesund, was ungesund. Wenn das Pferd für uns nicht bequem ist zu sitzen, dann ist es für sich selbst nicht bequem. 

„Wir sind für dei Kunst zweckbefreit, aber leider auch zweckentfremdet. Deswegen reiten wir Lektionen nicht, damit das Pferd darin besser wird, sondern es ist wichtig, es ist wichtig, jede Lektion in ihrem Nutzen für das Pferd zu definieren. Nicht die Lektion muss besser werden, sondern das Pferd, dann war es richtig“

Bent Branderup

Schau in den Spiegel

„Wird eine Lektion nur dafür verwendet, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mal mögen? Menschen verwenden das Geld, das sie nicht haben, um Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen, um damit Leuten zu imponieren, die sie nicht mal mögen. Wenn wir so reiten, dann muss man sich zwangsläufig fragen, warum wir überhaupt Pferde haben. Menschen spiegeln sich in den Augen von anderen Menschen. Klar hat man eine Freude daran, anderen zu imponieren. Das ist ziemlich menschlich. Daher mögen wir auch ein Pferd, das uns besonders gut aussehen lässt. Aber dann sollten wir uns fragen, was ist Verliebtheit? Wir reiten ja unseretwegen, wegen der guten Zeit mit dem Pferd“. 

Bent Branderup

Übung macht den Meister

Wenn wir üben, dann werden wir auch Fehler begehen. Das macht nichts, solange wir die Fehler erkennen und an ihnen wachsen. Wenn man in sozialen Medien andere Reiter ausrichtet, dann kann man sich dadurch besser fühlen – man wird davon aber nicht besser. 

Selbsterkenntnis ist die Grundvoraussetzung, um weiter zu kommen. Auf dem Weg zur Reitkunst muss man daher immer wieder die eigne Ist Situation von Mensch und Pferd analysieren. Was kann man gut, was kann man weniger gut? Wo gibt es Probleme? Woran kann man wachsen? Daraus definieren sich die Inhalte der Ausbildung für PFerd und Mensch. 

Die Sache mit dem Jonglieren

Wer Jonglieren will, fängt auch nicht mit vielen Bällen gleichzeitig an. So ähnlich ist es auch mit der Sekundären Hilfengebung. Wir lernen ein Set an Hilfengebung, aber wir müssen eine Hilfe nach der anderen hinzufügen und uns immer wieder fragen: Bringt diese Hilfe gerade etwas? Wer schon mal unterscheiden kann zwischen den Hilfen von Unterschenkel, Oberschenkel, der Einwirkung von Hand und Zügel, den Gewichtshilfen, dem physischen und statischen Sitz, der hat schon ziemlich viele Bälle in der Luft. 

Die gute Nachricht

Nicht Talent ist ausschlaggebend, sondern Leidenschaft. Wer mit Passion dabei ist, dem wird beim Üben nicht langweilig. Und man darf nicht vergessen – wir müssen nicht reiten – wir dürfen. 

Unter den wachsamen Augen von Bent Branderup reiten wieder 8 Reiterpaare in Graz, am 29. und 30. Juni 2019, wenn wir uns bei diesem Themenseminar dem Sitz widmen werden. Viele verschiedene Pferderassen und unterschiedliche Themen in der Ausbildung sind vertreten. Zur Vorstellung der Reiter auf Facebook geht es hier..

Neugierig geworden? Dann teile mit uns deine Leidenschaft und sichere dir unter diesem Link die letzten Zuschauerplätze! 

Sekundäre und Primäre Hilfen

Sekundäre und Primäre Hilfen

Eine Hilfe ist nur dann eine Hilfe, wenn sie tatsächlich hilft. Anders gesagt unterscheiden wir in der Akademischen Reitkunst zwischen p

Primärer und Sekundärer Hilfengebung. Welche Hilfen das sind, und wozu wir sie brauchen, darüber heute mehr: 

Ein voller Werkzeugkoffer

In der Akademischen Reitkunst steht uns eine Bandbreite an Hilfen zur Verfügung. Anders gesagt erarbeiten wir uns Schritt für Schritt einen vollen Werkzeugkoffer. Die Basis für alles ist unsere Primärhilfe. Vom Sattel ausgesehen ist die Primärhilfe der Reitersitz – vom Boden aus betrachtet unser Körper, der freilich beabsichtigt oder unbeabsichtigt eine große Menge an Information an das Pferd weiter gibt. 

Mit dem Körper sprechen

Das fällt uns in unserem Alltag wahrlich schwer. Lassen wir unsere Phantasie rund um unser Privatleben spielen: Stellen wir uns vor, unsere Beziehung wäre gerade mal vor drei Tagen gescheitert. Oder das andere Extrem: Wir haben im Lotto gewonnen! Wie würden wir mit beiden Szenarien in unserem beruflichen Alltag umgehen? Poker Face ist gefragt. Wir können im Umgang mit Kunden oder Kollegen nicht einfach so Emotionen teilen, auch wenn es quasi der Höflichkeit geziemt, das Gegenüber nach dem Befinden zu fragen. Wir sagen also salopp „Gut“, auch wenn es uns innerlich vor Traurigkeit oder Freude zerreisst. 

Ich erlebe oft, dass wir im Alltag unseren Körper nicht mehr zum Sprechen benutzen, kommen wir dann aber zum Pferd, dann überschwemmen wir es möglicherweise mit Information. Wir möchten unser Pferd führen und ein paar mal gemeinsam angehen und miteinander anhalten. Unmöglich, denn wir lassen uns weder für eine adäquate Distanz Zeit, noch drückt unser Körper tatsächlich aus, was wir möchten. 

Anna Eichinger

Wir treffen, frisch aus unserem hektischen Alltag auf ein Wesen, das IST. Das Pferd lebt im Moment. Wir sind noch halb im Büro, halb schon bei der Arbeit mit dem Pferd, ohne mal durchzuatmen und uns zu erden. 

Um unsere Primärhilfe vom Boden aus adäquat zu schulen, hilft ein wenig Achtsamkeit. Oder auch Meditation. Klar sprechen wir auch durch unsere Stimme mit dem Pferd – wer sich der Wirkung des eigenen Körpers klar bewusst ist, der ist in Punkto Kommunikation nicht Passagier, sondern hat Wortwahl und Ausdruck selbst in der Hand. 

Was wir zu sagen haben? 

Unser Körper kann dem Pferd eine ganze Menge sagen. Wir können Energie hoch und runter fahren. Wir können uns in verschiedenen Qualitäten bewegen – langsam oder schnell, ruhig oder im Stakkato. Wir drücken auch unsere Gefühle aus – ob wir uns freuen oder nicht, ob wir unser Pferd motivieren können – all das gehört zur Kommunikation dazu. Unser Körper ist nicht nur der Sitz. Und freilich können wir sehr viel von dem, was wir unserem Pferd zeigen wollen durch Spiegeln erleichtern. Nehmen wir das Beispiel Schulterherein in der Bodenarbeitsposition. 

Vom Sattel aus gesehen würden wir – ganz vereinfacht gesagt in der Hilfengebung die äußere Schulter ein wenig nach vorne nehmen, die innere Schulter etwas hinter die innere Hüfte. Der innerer Schenkel lädt das Pferd ein, etwas mehr in Richtung Schwerpunkt zu treten. Das geht auch von „unten“ aus der Bodenarbeitsposition. 

Nun stehen wir vor dem Pferd. Die linke Schulter ist außen, die rechte innen. Ich stelle mir gerne vor, auf den Schultern des Reiters wären Zügel montiert, die ein imaginärer Reiter in der Hand hält. Um den Außenzügel zu benutzen, nimmt der Mensch vor dem Pferd die linke Schulter etwas zurück, die rechte Schulter neigt sich zum Pferd. Die rechte Hüfte bzw. das rechte Bein laden das innere Hinterbein des Pferdes ein, nach vorne zu fußen. 

Und vom Sitz? 

Der Mensch denkt, der Körper…nun ja. Der Sitz ist Verschmelzung. Das dachte man sich nicht nur bei Lego, als Reiter und Pferd förmlich ineinander verschmolzen. Antoine de Pluvinel setzte es sich zum Ziel, das Pferd aus der Hüfte heraus zu dirigieren. 


Egal ob wir diese Primärhilfe von unten oder oben ein“setzen“ – die Herausforderung ist: Der Sitz ist immer da. Er kann missverständlich sein? Der Reiter kann seinen Körper nicht unter Kontrolle haben? Der Reiter kann zu fest, zu weit vorne, zu weit hinten, zu tief, zu hoch. Nun ja – auf viele Weisen „zu viel“ sitzen – oder eben das Gefühl haben – alles was man tut ist definitiv zu wenig. 

Einfach drauf sitzen und machen – leider nein. Der eigene Körper benötigt, um mit dem Pferd in Einklang zu kommunizieren sowohl vom Boden wie auch vom Sattel ein gutes Bewusstsein und Achtsamkeit. 

Erst dann kommt die technische Komponente. Eines sei gesagt: So wie man sich im Alltag bewegt, so ist man meist vor und auf dem Pferd! 

In der Akademsichen Reitkunst unterscheiden wir weiter zwischen physischem, statischem und fühlenden Sitz: 

Der Physische Sitz greift also die Bewegung auf – es geht um die dreidimensionale Schwingung der Wirbelsäule des Pferdes. Unser Wunsch und Ziel ist es, diesen Bewegungen gleichsam wie Pluvinel es definierte aus den Hüften heraus folgen zu können und  bestenfalls die Schwingungen zu beeinflussen, ohne die Hand zu benutzen, die völlig unabhängig vom Sitz sein muss. 

Der Statische Sitz befasst sich mit dem Gleichgewicht. Ziel ist ein Pferd zu haben, das mit beiden Hinterbeinen in Richtung Schwerpunkt fußen kann. Der Statische Sitz bedeutet für den Reiter: Sein Gleichgewicht finden und mit dem Gleichgewicht spielen, so dass das Pferd den vom Reiter vorgegebenen Gleichgewichtsrichtungen folgen kann. 

Was wäre der Sitz ohne Gefühl? 

„Nur einen denkenden Reiter kann man einen fühlenden Sitz lehren, denn der Reiter muss verstehen, was er fühlt“.

Bent Branderup

Anders gesagt – ohne Theorie keine Praxis und ohne Praxis keine Theorie – das ganze wäre aber nur halb so schön, wenn wir das, was wir unter uns oder neben uns wahrnehmen nicht in Gefühle und kleine Details packen könnten. Erst dann wird Reitkunst lebendig. 

Sekundarhilfen

Zu den Sekundarhilfen zählen wir die Hand, die Gerte, das Bein und die Stimme. 

Die Gerte

Gerade in der Bodenarbeit benutzen wir die Gerte als zeigende Hilfe, um in der Ausbildung dem Pferd die Funktion und Bedeutung des inneren Schenkels, des äußeren Schenkels, des inneren Zügels und des äußeren Zügels begrifflich zu machen. 

Die Holzgerte findet aus Respekt vor dem Pferd Verwendung. Sie würde bei Missbrauch zerbrechen – und heute kann man noch in Punkto ökologischer Nachhaltigkeit die Verwendung von Plastik ausschließen. 

Die Gerte ist also ein wichtiges Hilfsmittel, um dem Pferd die Führung zwischen den Schultern sowie Schulterherein und Kruppeherein in der Bodenarbeit zu erklären. Hand und Bein gehören ebenso zu den Sekundarhilfen dazu. Die Hand wird vor allem in der Handarbeit geschult, denn dann ist der Reiter genauso neben dem Pferd positioniert, als ob er im Sattel säße. Die einhändige Führung über dem Widerrist macht klar, was aus der Hinterhand an Information an die Hand getragen wird – oder eben nicht. 

Sechs Schenkelhilfen runden das Spektrum der Sekundarhilfen ab – nur um einen kurzen Überblick zu geben unterscheiden wir:

  • den inneren, um sich herum biegenden Schenkel
  • den äußeren, von sich weg biegenden Schenkel
  • der direkte Schenkel wirkt auf das gleichseitige Hinterbein ein und animiert es zum Vorgriff, 
  • der verwahrende Schenkel wacht darüber, ob ein Hinterbein zu breit tritt
  • der umrahmende Schenkel sorgt für Ordnung, wenn ein Hinterfuß zur gegenüberliegenden Seite ausfällt
  • und dann gibt es natürlich noch den versammelnden Schenkel. 

Neben diesem Kammer-Orchester an Hilfengebung haben wir natürlich noch den Sopranisten zur Verfügung – also unsere Stimme. Aber bitte nicht hoch und laut 😉

Stimmhilfen

Mit dem Pferd zu sprechen, es aufzumuntern, zu beruhigen und es zu bestätigen hat sich immer noch bewährt. Gerade bei den Alten Meistern finden wir auch viele Hinweise, wie man mit dem Pferd sprechen soll: 

Von den fünf Sinnen, mit denen alle Tiere genauso wie der Mensch von der Natur ausgestattet worden ist, gibt es drei, mit denen man bei der Ausbildung eines Pferdes arbeitet. Der Gesichtssinn, das Gehör und das Gefühl. Man motiviert und lobt das Pferd, wenn es in der Schulung des Gesichtssinns sich erschreckenden Gegenständen mutig nähert. Kein Tier ist so empfindlich, wie das Pferd. Fahren wir weiter behutsam mit viel Lob für jeden richtigen Schritt fort, können wir auch den Gehörsinn abrichten, indem man es an laute Geräusche gewöhnt. Aber auch auf den Zungenschlag lässt sich das Gehör und somit die Motivation hin richten. Den sanften Ton der Stimme, die ein Reiter zur Liebkosung anwendet, oder auf einen raueren Ton, dessen er sich als Strafe bedient – auch diese Geräusche lernt das Pferd als wichtige Hilfe kennen. Und natürlich spricht der Reiter somit auch das Gefühl des Pferdes an, bestätigt es durch Schmeicheln, korrigiert es durch Tadel. Wichtig ist jedoch, dem vierbeinigen Schüler stets ein gutes Gefühl im gemeinsamen Arbeiten zu geben. 

François Robichon de la Guérinière 


Hilfengebung Live 

Wer sich näher mit Primär- und Sekundarhilfen beschäftigen möchte, der kann sich auf die Kurse mit Bent Branderup freuen. Am 20. und 21. April 2019 referiert Bent Branderup in Sandberg nahe Wien über die Sekundarhilfen, die Fortsetzung gibt es dann am letzten 29. und 30. Juni Wochenende in Hart bei Graz zum Thema Primärhilfe


Kursbericht Hanna Engström

Kursbericht Hanna Engström

Vier Tage mit Hanna Engström. Das bedeutet einen herzlichen Gruß an Leiste, Schambein und Sitzknochen und ein Feedback aus dem eigenen Körper – inklusive Wahrnehmung gewisser Körperstellen, die sich bislang chronisch verschwiegen zeigten. 

Dass uns unser Körper und unsere Pferde einiges zu sagen haben, das erkundeten wir am ersten Tag einer viertägigen Tour mit Hanna. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zum Barockpferdehof Schoderlee, wo wir uns darin schulten vorbehaltlos zu lauschen. 

Mit dem Körper zuhören

Was passiert unter uns? Wie bewegt sich unser Pferd? Kann ich die gesamte Wirbelsäule des Pferdes spüren, liegen Teile der Wirbelsäule im Dunkeln oder spüre ich alles gut? Wie ist die Balance wahrnehmbar? Wie ist die Balance zwischen den Schultern verteilt? Kann man als Reiter genau feststellen, auf welcher Schulter mehr Kilo Belastung liegen? Können wir richtig tippen, wo die Zehenspitzen der Vorder- und Hinterbeine auf dem Zirkel hinzeigen, wenn sie in den Sand fußen? Wo schaut das Pferd hin? Nach innen oder nach außen? Wie fühlt sich die Bewegung aus den Hüften an? Rund oder eckig? Mehr nach oben oder nach unten? Mehr nach vorne oder zurück? 

Zunächst ging es einmal darum, vorbehaltlos zu fühlen. Wir Reiter haben ja quasi die Berufskrankheit sofort und immer auf das Pferd einwirken zu wollen, bevor wir überhaupt erkundet haben, was wir beeinflussen möchten. 

Oft steigen wir aufs Pferd und legen gedankenlos voller Eifer los mit Korrekturen, die möglicherweise gar nicht notwendig wären, wenn wir mit unserem eigenen Körper achtsamer umgegangen wären. In den meisten Fällen sitzt der „Fehler“ im Sattel – nicht nur weil er etwas verursacht, sondern weil wir auch unsere eigene Schiefe und Verspanntheit in den Sattel mitnehmen. 

Wenn wir auf unser Pferd hören, dann hören wir auch zwischen den Zeilen Vorschläge. Das Pferd kann uns auch Informationen über unsere Schiefe geben, Informationen, wo im eigenen Körper etwas klemmt und nicht rund läuft. Hier könnten wir durch unsere Atmung einladen, gemeinsam doch etwas mehr in einen bestimmten Körperteil zu atmen. Unser Pferd ist unser bester Coach wenn es darum geht, die Formgebung von Mensch und Pferd zu verbessern. 

Manchmal sitzen wir auch tatsächlich schief – dann kann es hilfreich sein, genau zu beobachten, in welche Richtung der Sattel driftet und uns ganz bewusst gerade zu richten. Auch auf einer Zirkellinie. Ein weiterer Tipp von Hanna, der in den vier Tagen mit ihr immer wieder Erwähnung fand: Sitze ruhig auf drei Punkten zwischen Schambein und beiden Sitzknochen. 

Die Sache mit dem Schambein und der Leiste

Unser Schambein kann so unfassbar viel – es kann unser Pferd tatsächlich zur Mitarbeit aufrufen, wenn der neugierige Jungspund lieber mal aus dem Klassenzimmer schaut. Es kann das Pferd dazu einladen, sich im Widerrist zu heben. Und vom Schambein aus gehts weiter zur menschlichen Leiste. Auch so ein Wunderwerk der Biomechanik – die Leiste macht doch glatt Pferdeschultern leichter und unterstreicht wichtige Mitteilungen in Punkto Stellung und Biegung. 

Mit Conversano Basilika habe ich erstmals Übergänge nur aus der Leiste geritten. Anhalten, wenn das innere Vorderbein gebeugt und gehoben ist und im Stand die innere Schulter mit Hilfe der Leiste leichter machen und so zur Bewegung einladen. Das Wunderwerk der „Leiste“ hatte ich auch bereits bei der Arbeit mit der Garrocha bei Hanna auf Gotland im Dezember 2018 kennen gelernt. 

Was ist schon Zeit? 

Sich wirklich Zeit zu nehmen und in den eigenen Körper zu spüren. Hanna war immer mit großer Geduld bei der Sache. Im Sattel fühlt sich das Hinspüren und Hinhören für viele Reiter an wie eine Ewigkeit – großartige Veränderungen passieren jedoch in Sekundenschnelle. Da reicht es die eigene Wirbelsäule mit der Wirbelsäule des Pferdes gedanklich zu verbinden und schon gibt das Pferd ein zufriedenes Feedback, leckt seine Lippen und findet wie von Zauberhand in die korrekte Biegung. 

Die Köpfe rauchten und einmal mehr bin ich von Hannas schneller und treffsicherer Analyse für Mensch und Pferd begeistert. 

Sitzen wie eine Prinzessin

Am zweiten Kurstag waren wir im Equimotion bei Sandberg/ Mannersdorf in Niederösterreich. Zuerst wurden die Reiter in Punkto Achtsamkeit aufgewärmt – im Zentrum war dabei unser eigener Körperschwerpunkt. 

Den Schwerpunkt bzw. die Ruhe zu finden, das war dann in den Praxiseinheiten wichtiger Bestandteil. Immer wieder brachte Hanna quasi Ruhe in den Sattel. Die Pferde gaben sofort zufriedenes Feedback – Reiter und Pferd fanden Harmonie und Stabilität. 

Einige Reiter hatten den Wunsch auch auf einem flotten Pferd sitzen bleiben zu können. Hanna erinnerte immer wieder an den Drei Punkte Sitz, an die Plattform zwischen Schambein und Sitzbeinknochen, die auch bei höherem Tempo nicht verloren gehen soll. Den einen half das Bild vom sich ausbreitenden Keksteig, den anderen wiederum die Verbindung zum Pferd über das Schambein und anschließend über die Sitzknochen zu suchen und zu behalten. Zur natürlichen Schiefe fiel auf, dass die meisten Pferde auf der rechten Hand deutlich größere Probleme hatten, den Sattel mittig auf dem Rücken platziert zu behalten. 

Sitzen wie eine Prinzessin – das war vor allem beim Thema Versammlung das Motto. Nicht immer ist der Wunsch nach mehr Aktivität aus der Hinterhand der Weisheit letzter Schluss. Die Hinterhand soll versammeln, die Schultern frei und leicht werden. Was aber, wenn die Schultern blockieren? Mit Hannas Hilfe gelang es Teilnehmerin Katharina sowohl vom Boden, als auch vom Sattel aus den Fokus mehr auf eine Unterstützung der Schulterfreiheit aus dem Sitz heraus zu lenken. 

Wer in der Versammlung quasi mehr Aufwand betreibt als sein Pferd – der hat schon verloren. 

Angst vor der Geschwindigkeit

Viele Reiter kennen dieses Thema. Die Angst vor einem höheren Tempo lässt uns im Sattel verspannen. Hanna rät in solch einem Fall das Gefühl mal einfach so zu nehmen wie es ist. 

Es braucht einfach Zeit und den meisten Druck macht man sich ja häufig selbst. Gerade wenn man sich unsicher auf einem Pferd fühlt, kann der tägliche Bewegungscheck – die Analyse, was der Reiter, wie erfühlt immens unterstützen. 

„Macht der Körper einen Vorschlag, in welches Körperteil man genau seinen Atem schicken kann? Dann atme genau dort hin“

Hanna Engström

Hanna regt an, die Bilder von Eleganz und Bequemlichkeit gleichzeitig parat zu halten. 

Dieses Bild konnten wir auch am Wochenende am Kurs in Graz für die Arbeit mit den Nachwuchspferden gut gebrauchen. Vor allem, da wir unsere jungen Pferde häufig vor einer Überbelastung schützen möchten, sitzen wir nicht ordentlich im Sattel. Wir nehmen nicht richtig Platz. Die Folge: Ein übertriebenes Lehnen nach vorne belastet die Vorhand und Schultern noch mehr. Hanna zeigte den aktiven Teilnehmern, wie sie nach und nach aus einem leichteren Sitz deutlich mehr auf die Sitzknochen kommen konnten. Das Wichtigste ist jedoch: Tu nicht zuviel im Sattel. Je ruhiger wir im Sattel auf unserem Dreieck zwischen Schambein und Sitzknochen bleiben, umso zufriedener ist unser Pferd. 

Das Thema Schulterbelastung blieb quasi präsent – jeder Reiter sollte immer wieder angeben, welche Pferdeschulter mehr Gewicht zu tragen hatte – und Hanna fragte hier auch exakt nach einer gefühlsmässigen Kiloangabe. Zu Beginn mögen diese Detailfragen zwar überraschen – aber es zeigte sich immer wieder – die bloße Auseinandersetzung und Achtsamkeit mit kleinen Details verbesserte den Bewegungsablauf von Pferd und/oder Reiter erheblich. 

Bewegung – marsch

Nach zwei Tagen im Auto und den noch frischen Märztemperaturen waren wir Samstag früh auch sehr froh über die Theorieeinheit, die Hanna am Horse Resort am Sonnenhof in der Steiermark recht praktisch ausfallen lies. Jeder Teilnehmer konnte sich bewegen, dabei war es wichtig, ob wir individuell ein schnelles oder langsameres Tempo vorzogen. Schnell zeigte sich – nicht immer ist die ursprüngliche Wahl tatsächlich für uns geeignet. Einige von uns marschierten also rasch, andere wiederum eher langsam. Hanna fügte nach und nach verschiedene Bewegungsvorschläge hinzu. So kann jeder auch mal ausprobieren, wie es ist, wenn wir in schneller oder langsamer Bewegung auch unsere Arme diagonal vorwärts – oder auch mal rückwärts kreisen lassen. Wie sich unsere Balance verschiebt, wenn wir den Schwerpunkt tiefer oder höher nehmen. Wir haben natürlich auch ausprobiert, wie es ist, wenn wir  uns einrollen und wie der Glöckner von Notre Dame unterwegs sind – oder wie es sich anfühlt, wenn wir unsere Arme ausbreiten, unser Brustbein heben und uns richtig nach oben strecken. Wie fühlt sich Balance dann an? Wie sicher sind unsere Bewegungen und welches Bewegungsmuster gefällt uns tatsächlich besonders gut? 

Es ist eine herrliche Sache Bewegungen auszuprobieren und zu testen, wie sich kleine Änderungen im eigenen Körper anfühlen. 

Wie geht es wohl unseren Pferden? 

Eine große Anregung von Hanna ist dabei sich tatsächlich Zeit zu nehmen, alles zu observieren und zu erfühlen. Nicht immer müssen wir sofort eingreifen – nicht immer können wir auch alle Punkte sofort korrigieren. 

Gab es Schmerzpunkte beim Reiten, dann lies Hanna den Schmerz zuerst in der Bewegung ohne Pferd genau erkunden, später gab es dann die richtigen Übungen vom Sattel aus. Und siehe da – mit ein paar Übungen konnten die Schmerzpunkte verbessert, wenn nicht sogar aufgehoben werden. Besonders freue ich mich über die Teilnahme meines Vaters am Kurs. Nach einer Sehnenverletzung an der Schulter inklusive Operation war der Weg zurück in den Sattel kein leichter – die Übungen von und mit Hanna haben erneut geholfen Achtsamkeit und Körperbewusstsein zu stärken – und was mich besonders freut – unsere „Pina“, als vierbeiniger Begleiter nimmt die Verantwortung für ihren Reiter besonders gern war und hilft auch durch ihr Feedback mit, dass sich beide wohl fühlen in der Bewegung. 

Neben den Jungpferden gab es auch besondere Bewegungskonzepte am Kurs. So kann es sein, dass unsere Pferde sehr schmal, wie eine Ballerina zum Schwerpunkt treten oder auch sehr breit. In beiden Fällen haben sowohl Bodenarbeit als auch kreative Arbeit den Pferden geholfen sich besser in ihrem Körper zu koordinieren. Das kann sogar schon über Gedanken erfolgen. Dass es manchmal tatsächlich reicht, das Pferd zu einer Bewegung einzuladen zeigten Austria und Tabby. Austria konnte in der Bodenarbeit erfühlen, wie schön es ist mit der Hinterhand in die Spur der Vorhand zu fußen – meine Tabby versuchte sich an der Garrocha und konnte es manchmal kaum selbst glauben, dass sie ihre Füße auf einem kleinen Zirkel trotzdem gut sortieren kann. 

Sortieren war auch das Stichwort, wenn unsere Pferde mit zu viel Kraft unterwegs waren. Hanna wollte hier in der Arbeit den Pferden auch mehr Bewusstsein geben, wie sie ihren Körper einsetzen, wie Bewegung stattfindet. Diese Idee werde ich in Punkto Versammlung bei meiner Stute Tabby weiter nutzen können. Aber auch für Isländer Sleipnir war das Spiel mit kleineren, sortierten und größeren, raumgreifenden Tritten eine große Hilfe auf dem Weg zur Versammlung. 

Unseren Pferden und uns selbst Mut zu machen – das ist überhaupt ein wichtiges Thema. So wertschätze ich Hannas Einstellung bezüglich Problemdenken sehr. Wer ständig an das Defizit seines Pferdes denkt, der hat quasi ein Handicap. Man kommt nicht voran und wird eher gehemmt. Denken wir lieber an das Gute, an das, was wir schon geschafft haben und wälzen nicht jedes Defizit als großes Problem. Man muss die Dinge einfach nehmen wie sie sind. Dann reiten wir quasi Einfach 😉 

Wenn Pferde glücklich machen

Wenn Pferde glücklich machen

…oder wenn man Pferde glücklich macht!

Ein Zauberpferd aus dem Tierschutzprogramm „Lebenspferd“. Kea hat uns in den letzten Wochen bereichert. Wir wünschen diesem Pferd eine ganz besonders schöne Zukunft!

Ende November 2018 steigt Kea aus dem Hänger. Sie erkundet sofort mutig die Halle am „Horse Resort am Sonnenhof“ und ihre neue Box, teilt uns nach zwei Tagen mit, dass sie genug Eingewöhnung hinter sich hat und nun mit der Herde raus will. Gesagt getan. Kea quietscht zwar laut, wenn sie auf neue Pferde trifft, bleibt aber immer höflich und eher auf Abstand. Generell ist sie sehr vorsichtig. 

In den ersten Tagen „beschnuppern“ wir uns im Team. Meine Kollegin Julia Kiegerl ist mit im „Team Kea“, so verbringen wir die ersten Tage mit Putzen, kleine Blessuren pflegen, ausgiebiger Fell- und vorsichtiger Hufpflege. Kea trägt vorne Megasus Horserunner, hinten ist sie barhuf. Charly Forstner, Chef des Aktiven Tierschutz Steiermark hat uns bereits im Vorfeld über Keas schwierige Hufsituation aufgeklärt. Keas Hufe sind in keinem guten Zustand, hinten links hat Kea Hufkrebs, wenn Charly die Sache – oder anders gesagt die Hufe selbst in die Hand nimmt, dann hilft Kea mit, tapfer lässt sie Spülen, Ausschneiden, Feilen usw. über sich ergehen. 

Anna und Kea from Einfach Reiten Lernen on Vimeo.

Bei den ersten Führübungen wird mir klar: Kea ist blitzgescheit. Sie reagiert so sensibel und fein auf meinen Körper, wie ich es bislang von meinem Nachwuchspferd Conversano Aquileja aka Konrad kenne. 

Kea soll durch das Projekt „Lebenspferd“ ein neues zu Hause finden. Sie wurde sehr lange nicht geritten und bekommt natürlich regelmässig während der Zeit der Ausbildung bei uns die Hufe versorgt. Bald ist sie schon in so guter Balance, dass sie die Hinterhufe länger für uns heben https://www.youtube.com/watch?v=KL1HgDIXbYEkann und dabei nicht ins Wanken kommt. Wir entschließen uns, die ersten 8 Wochen primär vom Boden aus mit Kea zu arbeiten.

Kea versteht die Hilfen irrsinnig schnell. Im Hinterkopf habe ich immer, dass wir ja einen schönen Lebensplatz für sie suchen, wo jemand eine gute Zeit mit ihr verbringen möchte. Für Kea sind die acht Wochen Bodenarbeit quasi Reha.

Sie lernt ihren Körper besser zu spüren, sie verlagert ihren Schwerpunkt mal mehr in Richtung Hinterhand, mal mehr in Richtung Vorhand. Die Arbeit mit dem äußeren oder inneren Hinterbein, sprich Kruppeherein oder Schulterherein ist zu Beginn noch etwas verwirrend, aber Kea gewinnt mit jeder gemeisterten und verstandenen Aufgabe an Selbstvertrauen. Immer wieder habe ich jedoch auch im Kopf: Kea soll ja auch als Reitpferd vermittelt werden – aber in der Ausbildung gibt natürlich das Pferd vor, wie schnell oder langsam etwas passiert.

Mental wäre Kea in jeder Trainingseinheit für neue Aufgaben zu haben. Körperlich müssen wir nach langer Pause zuerst Muskeln, Sehnen und Bänder wieder in Form bringen. Kea geht es nicht schnell genug. Sie möchte gefordert werden.Nach acht Wochen Reha- und Bodenarbeit steigt zuerst Julia in den Sattel, ich bleibe noch als Support am Boden und unterstütze die beiden an der Longe mit allen bereits bekannten Übungen. 

Und dann zeigt unser plüschiges Einhorn, dass es tanzen kann: 

Kea wird uns nun bald verlassen. Wir werden sie vermissen…aber wir freuen uns sehr, denn Kea hat in Punkto „künftiges Zuhause“ wahrlich den Lottosechser gezogen. 

Das Projekt Lebenspferd wurde übrigens 2018 ins Leben gerufen. Martina Klünsner von Tricky Horse war die erste Trainerin, die ein Pferd zu sich in Beritt und Ausbildung genommen hat. Fuchsstute Wakanda wurde nach drei Monaten erfolgreich vermittelt. Ziel des Projekts ist es, Pferden aus dem Tierschutz in ein schönes neues zu Hause zu vermitteln. Das nächste Pferd ist bereits ab März bei Martina zur Ausbildung.  Weitere Infos zum Projekt gibt es hier

Wenn`s nicht weiter geht?

Wenn`s nicht weiter geht?

Ewiger Stillstand, es gibt keinen Fortschritt – was tun, wenn es in der Pferdeausbildung nicht weiter geht. Ein Erfahrungsbericht und ein paar Gedanken. 

Ich sitze mitten in meinem Bürochaos und miste aus. Unterlagen, die ich nicht mehr brauche, Werbung, Unterlagen, die ich nie gebraucht habe, Aufzeichnungen und Notizen. Dazwischen „stolpere“ ich in meiner Zettelwirtschaft auf ein gefaltetes liniertes Blatt. Es ist datiert. März 2013 steht in der ersten Zeile. Trainingsnotizen Tarabaya. Ich überliege die Zeilen. Das, was damals nicht klappte und Kopfzerbrechen bereitete, ist heute absolut in Vergessenheit geraten. Aber beim Lesen der Zeilen entführen mich meine Worte in die Vergangenheit. Ich kann fühlen, wie sehr ich mich damals sorgte, alles richtig zu machen. Ich spüre meine Unzufriedenheit vergangener Tage. Unzufriedenheit, weil man immer wieder das Gefühl hat, auf der Stelle zu treten. Unzufriedenheit, weil man es doch besser machen könnte. Unzufriedenheit, weil ich ständig das Gefühl hatte, nicht genug zu wissen oder nicht genug zu tun. 

Heute kann ich über diese Zeilen schmunzeln, denn ich weiß, dass wir wenige Wochen später mit Beharrlichkeit und Übung den Takt verbessern konnten. Und was wir in den folgenden Monaten noch geschafft hatten! So ein Rückblick macht dann doch plötzlich Spaß 

Mein Rezept gegen den Stillstand

„Bei dir geht es ja leicht. Du hast Talent“. 

diverse Reiter..

Wer hat diesen Satz schon mal gehört oder gedacht? Sehr oft gehen wir davon aus, dass Kreativität und Brillanz quasi aus dem Nichts erscheinen. Das Schicksal liegt aber nicht in den Sternen und Talent ebenso wenig. Um etwas zu schaffen, liegt viel Arbeit vor uns. Wir werden uns oft fühlen wie Sysyphos. Den schweren Stein ewig auf den Berg rollen, um erneut am Ziel zu scheitern. Die große Gefahr liegt darin aufzugeben, sich am Stillstand zu langweilen, zu fürchten oder den Stillstand eben nicht für sich zu nutzen. 

Wenn wir etwas lernen, dann durchlaufen wir grundsätzlich 3 Stufen, auf dem Weg ein wahrer Meister unseres Fachs zu werden. In der ersten Stufe werden wir gute Handwerker, in der zweiten Stufe nutzen wir unsere Kreativität, in der dritten können wir Handwerk und Kreativität kombinieren. 

„Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“. Echt nicht. Viele, hunderte, gar tausende Stunden verbringen spätere Meister voll der Hingabe, wenn sie sich mit „ihrer“ Materie auseinandersetzen. Sei es Sport, Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft – was auch immer. 

Zwei Damen – meine Lehrmeister 

Immer wieder bin ich mit meinen zwei Stuten Tabby und Pina an ein bestimmtes Plateau gekommen und musste dann mal gehörig meine grauen Zellen bemühen. 

Was hat mir geholfen? 

  1. Frag Gustav. Sehr oft hat mir Gustav Steinbrecht weitergeholfen. Nein, ihr wollt kein Foto meiner Ausgabe sehen, voller Post It und Notizen zu meinen eigenen Pferden oder Schülerpferden
  2. Wälze die Biomechanik. Manchmal gibt es eine ganz einfache biomechanische Erklärung, warum etwas nicht klappen kann. Selbst, wenn einige Dinge noch nicht funktionieren und es wohl noch länger dauern wird, bis dieses Etappenziel erreicht ist – es ist allemal ein Trost und man kann mit dieser Art von „Stillstand“ auch leichter umgehen, wenn man weiß, warum man gerade an einer Sache scheitert. 
  3. Frag Kollegen. Ich bin froh, Teil einer internationalen Trainergruppe zu sein. Wir arbeiten unausgesprochen und unabhängig voneinander oft in unserer eigenen Reiterei an ähnliche Themen – hier ist der Austausch ungemein hilfreich. Und natürlich organisiere ich Kurse mit Kollegen auch, um guten Unterricht zu bekommen. Auf meinem Computer hängt beispielsweise ein Post It mit einem Zitat von Christofer Dahlgren aus einem Kurs, den wir 2014 organisiert hatten. Dieser ist ein kleiner Leitspruch geworden für mich und meine Fuchsstute. 
  4. Denk an das Gegenteil. Wenn ich darüber nachgedacht hatte, dass es unbedingt eine bestimmte Sache sein müsste, die mir bei einem akuten Problem helfen könnte, habe ich auch oft genau durch das Gegenteil eine Lösung bekommen, wenn der ursprüngliche Plan nicht funktioniert hat. Beispiel: Der äußere Brustkorb sinkt in der Biegung  ab, ich werde vom Pferd außen tiefer hingesetzt. Anstelle auf der inneren Seite unbedingt „tiefer“ sitzen zu wollen, hebe ich außen meinen Sitzknochen an und lade das Pferd ein, mir entgegen zu kommen. Wieder an das Gegenteil denken: Diesmal nehme ich die Belastung deutlich auf die äußere Seite mit, verstärke beim Pferd das Gefühl und nehme den Sitzknochen erst dann wieder ein wenig nach oben. Oder: Ich dachte Versammlung wäre der Schlüssel zur Lösung des spezifischen Problems. Vielleicht war aber Versammlung gar nicht dran, sondern mal ein bisschen mehr Dehnung und ein bisschen frischeres Vorwärts. Vielleicht war es nicht die Arbeit im Viereck dran, sondern Qualitiy Time zu Zweit. 

Einhörner und pädagogische Zauberwesen 

Wir haben alle unsere Grenzen. Wir stoßen an ihnen an, wir merken, es geht nicht weiter.
In jedem seiner Kurse erwähnt Bent Branderup grüne oder gelbe Bereiche und rote, die ganz sicherlich zu meiden sind. Wir fühlen uns wohl bei grün. Gelb ist schon so eine Grenzsache und bei rot, da wollen wir ja natürlich gar nicht ankommen. Ein bisschen eintauchen in den gelben Bereich müssen wir aber, sonst geht natürlich nichts weiter. Das Stimmungsbarometer muss aber bei gelb nicht gleich in den Keller sinken. Natürlich liegt es auf der Hand, dass man sich über Erfolge mehr freut, als über Misserfolge. Dabei sind es aber die Misserfolge aus denen wir tatsächlich etwas lernen.

Mein Lipizzaner Conversano Aquileja aka Konrad ist für mich mein ganz persönliches Einhorn. Er versteht mich scheinbar blind und immer mühelos. Freilich. Er kann gut zuhören. Freilich. Er bringt alle körperlichen Voraussetzungen mit. Und er will. Aber meine klare Sprache ihm gegenüber, meine pädagogischen Fähigkeiten habe ich meinen Stuten zu verdanken. Zwei Pferde, bei denen mental und körperlich nicht immer alles so einfach gelaufen ist. 

Wenn der Frust über den Stillstand groß ist, dann hilft es vielleicht in Erinnerung zu rufen, dass man sich über die selbst genommenen Hürden viel eher freuen kann, als über die Hürden, die das Wunderpferd nahm und einen einfach „mitgenommen“ hat. 

Von Tellerrändern, vom „Wir Gefühl“ und Werten 

Meinen Blog poste ich in sozialen Medien und natürlich verfolge ich ab und an auch, was in diesen vorgeht. So wird natürlich auch das kollektive Wissen auf Facebook angezapft, wenn`s nicht mehr weiter geht. Was in akademischen Gruppen auffällt: Manchmal werden gänzlich „fremde“ Konzepte angeboten – was gerne auch in einer Diskussion ausartet, was nun akademisch sei und was nicht. 

Was ist akademisch? Nun, abgesehen von der Reitlehre, die Bent Branderup unterrichtet – mit der für die Akademische Reitkunst nach Bent Branderup typische Bodenarbeit, Longenarbeit, Handarbeit von außen geführt und dem Crossover – Akademisch bedeutet für mich, dass man sich Gedanken macht, Ziele setzt und Forschungsfragen formuliert. 

Wenn ich also stillstehe, etwas schaffen und lernen möchte, dann formuliere ich meine Forschungsfrage und leite daraus eine passende Hypothese ein. Diese Hypothese kann ich natürlich dann im Selbstversuch überprüfen, empirisch spannender ist die Sache natürlich, wenn es mehr Erfahrungen und Meinungen dazu gibt. 

Wenn also verschiedene Dinge vorgeschlagen werden, die auf den ersten Blick nicht typisch „akademisch“ erscheinen, dann wäre es allerdings der akademische Zugang zu sagen: Spannend, was passiert da, was kann ich daraus lernen? Wie könnte ich eine Hypothese formulieren? Welche Erfahrungswerte anzapfen. 

Eine pauschale Verurteilung a la: Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht, hat mit den Werten der Akademsichen Reitkunst nichts zu tun – es sei denn das Wohl des Pferdes steht zweifelsohne nicht im Vordergrund – bzw. der Grundsatz: Die Dressur für das Pferd und nicht das Pferd für die Dressur findet grobe Missachtung. 

Man muss über verschiedene Methoden nachdenken – aber wie heißt es so schön: zu viele Köche verderben den Brei. Oder anders gesagt: den so viel zitierten und gerühmten Blick über den Tellerrand muss man mit Vorsicht genießen. 

Mit Vorsicht, da man als Reisender oft nur schwer vorhersagen kann, wie das Wetter am Ziel sein wird. Man kennt ohne genaue Planung und Vorbereitung den Weg nicht – und so kann es viellicht auch mit der einen oder anderen Empfehlung für die Pferdeausbildung sein.

Viele (Um)wege führen nach Rom, aber noch viel mehr Wege führen irgendwo anders hin. 

Kathrin Branderup-Tannous

Im Zweifel frage ich also immer nach. Und probiere nicht unbedingt alles selbst aus.

Wenn es nicht weiter geht, dann gehe ich die oben genannten vier Schritte durch – und einen Zusatztipp hab eich auch noch: Manchmal braucht es einfach auch andere Worte, um einen Zusammenhang besser zu verstehen. 

Ich schaue mir Videoaufnahmen von meinen Ritten bei Kursen mit Christofer Dahlgren und Bent Branderup an und komme dahinter, dass beide im Prinzip die gleiche Botschaft an mich hatten. Jeder jedoch mit seinen Worten und vielleicht differenzierten Blickwinkel. Manchmal muss man einfach alles, was schon gesagt wurde, nochmal verdauen, analysieren und hinterfragen. Dann stellt man manchmal schmunzelnd fest: Oh, die Lösung gab es doch schon vor Monaten. Aber ich habe nicht so genau hingehört. 

Wenn`s nicht weiter geht, dann geht es später mit Riesenschritten weiter. 

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