Kursbericht, Sitz, Teil III

Kursbericht, Sitz, Teil III

Niemals gegen die Natur

Sommer, Sitz und Bent Branderup – und selbstverständlich kam auch die Betonung der Individualität aller Pferde in der Ausbildung an unserem Kurs-Wochenende am Horse Resort am Sonnenhof nicht zu kurz. 

Eine Zusammenfassung aus Bents dritter Theorieeinheit bei unserem Themenseminar „Primärhilfe – Reitersitz“ gibt es zum Nachlesen: 

Die individuelle Herangehensweise

Pädagogik – das ist meist der Schwerpunkt im dritten Teil von Bent Branderups Theorievorträgen. Was braucht das jeweilige Pferd, welche Ziele haben wir uns für den gemeinsamen Weg gesteckt. Der Reiter, so Bent Branderup muss als erstes darüber nachdenken, was er als Pädagoge schon kann und was er für die Ausbildung seines Pferdes noch lernen muss. 

Bent Branderup kritisiert, dass weder Reiter noch Pferd heutzutage so genannte Minimalanforderungen erfüllen können. In der Akademischen Reitkunst stellen wir uns ja hohe Ziele und haben hohe Ansprüche. 

„Das was uns aber in erster Linie interessiert, ist die Ausbildung des Ausbilders, nicht die Ausbildung des Pferdes. Wie kompetent können unsere Ausbilder heute werden. Früher war es ein Qualitätsmerkmal wenn sich die Bereiter auf jedes Pferd setzen. Man kann aber auch von jedem Pferd runter fallen. Sattelfestigkeit alleine ist kein Qualitätsmerkmal“. 

Bent Branderup

Wie immer reist Bent mit uns in die Geschichte, diesmal zum römsichen Feldherrn Tacitus, der ausführlich beschreibt, dass ein Pferd ruhig stehen können bleiben muss. Sonst verletze es aus Nervosität gar mehr eigene Leute als den Feind, wenn es beim auf- und absteigen nicht stehen bleiben kann. Das Publikum schmunzelt, aber Bent betont: „Da ist man ein bisschen ungeschickt, das Pferd erschrickt, man bleibt im Steigbügel hängen und dann ist das Pferd schon weg“. 

Vor dem Reiten kommt die Beziehung

Was macht das Pferd, wenn man ihm ein Halfter anziehen möchte? Steht es still? Oder muss man lange damit rum wurschteln? Wie ist das Pferd beim Putzen und Hufe geben? 

„Kann man es nicht „schmiedefromm“ machen, dann muss man alle Dinge wie Piff, Paff und Blamage vergessen“. 

Womit beginnt man am Besten? 

Mit pädagogischen Aufgaben, die man auch visualisieren kann. Das Voderbein anzuheben, das klappt bei den meisten. Beim Hinterfuß muss man sich bereits darüber Gedanken machen, wie die Gelenke zueinander stehen und welche Funktionalität sie haben. Die natürliche Heberichtung des Pferdes ist nach vorne unter den Bauch. Wenn wir also den Hinterfuß sofort nach hinten raus ziehen, dann widerspricht dies der Natur des Pferdes. Was hinter jeder Aufgabe liegt, ist also die Ausbildung von Pädagoge und Schüler. 

„Die Aufgabe der Lehrer besteht nicht darin, das siebte Schuljahr zu unterrichten, sondern die Schüler bereit zu machen für die nächste Schulstufe“. 

Bent Branderup

Wo befindet sich also unser Pferd in der Ausbildung? Was können wir gut, was können wir nicht gut und wo wollen wir überhaupt hin? Fragen über Fragen, die sich jeder Pferdeausbilder unbedingt stellen sollte. Wer den individuellen Stundenplan für sich und sein Pferd nicht erstellen kann, wird es schwer haben. 

Die Bahn – das Klassenzimmer

Die Reitbahn, die Halle oder das Viereck sind unser Klassenzimmer. An dieser Stelle betont Bent Branderup – und das kann ich nur unterschreiben, dass das Klassenzimmer nicht dazu dienen kann die Haltungsform des Pferdes zu verbessern. Was ist damit gemeint? Akademische Reitkunst bedeutet für mich nicht nur, dass wir beständig dazu lernen wollen, wie wir die Ausbildung des Pferdes zunehmend individueller gestalten können. Es geht um Physis und Psyche des Pferdes. Ausbildung alleine sorgt aber nicht für ein ausgeglichenes Wesen. Meine eigenen Pferde stehen daher auf einem Paddock Trail mit 12 bis 14 Stunden Auslauf oder eben gänzlich im Offenstall, angepasst an ihre Bedürfnisse. 

Dem Pferd soll also abseits der Ausbildung ausreichend Bewegung angeboten werden. Das Klassenzimmer darf also nicht dazu dienen, dem Pferd Bewegung zu verschaffen. Wenn das Pferd Ausdauer Training braucht, dann niemals in der Bahn Ausdauer trainieren, denn hier verliert das Pferd seinen Vorwärtsdrang. Draußen auf dem Weg im Wald und auf dem Feld sieht das Pferd auch viel mehr Sinn darin vorwärts zu gehen. 

„Wir Bahnreiter haben am Typischsten den Verlust von Vorwärtsdrang durch die Bahnreiterei. Der Fehler liegt allerdings daran, dass wir glauben, dem Pferd dort Bewegung verschaffen zu müssen. Hat es einen Überschuss an Bewegung, soll das Pferd diesen draußen ausleben dürfen. Im Klassenzimmer wäre der Ausbilder zu ständigen Korrekturen gezwungen, was für das Pferd nicht fair ist“. 

Bent Branderup

Trotzdem müssen wir dem Pferd, wie Tacitus es beschreibt, beibringen, stehen zu bleiben. 

„Und dann kann das Pferd plötzlich nicht stehen, obwohl es dies stundenlang beim Grasen tut. Wo ist das Problem? Das Problem ist immer der Mensch. Ein Pferd steht völlig entspannt in der Box oder auf der Weide und wenn es seinen Menschen sieht, dann kriegt es alle Zustände“. 

Bent Branderup

Wieder erkennen wir – der Mensch ist in der Ausbildung des Pferdes besonders gefordert. Wir müssen derjenige werden, mit dem das Pferd gerne seine Zeit verbringt. 

„Ich wäre gerne der respektierte, geliebte Lehrer. Kann ich diese Rolle in der Welt des Pferdes einnehmen, ist der Rest einfach. Kann ich diese Rolle nicht spielen, wer  bin ich dann? Bin ich seine Lieblingsstute? Wer bin ich in den Augen meines Pferdes? Das Pferd wird aus seiner Welt assoziieren, deswegen wird es uns manche Rollen zuteilen, die der Mensch nicht spielen kann. Wir müssen natürlich eine Beziehung zwischen Mensch und Pferd schaffen. Sowohl Pferd, als auch Reiter müssen neue Situationen schaffen und daraus lernen. Wir sind ja auch nicht für Mensch-Pferd-Beziehungen gedacht, sondern für zwischenmenschliche Beziehungen.“

Bent Branderup

Vom Kindergarten zur Ausbildung

Ist also der Pferdekindergarten absolviert, das Pferd lässt sich putzen, überall anfassen, die Hufe machen, ist halfterführig – dann kann man in der Bahn mit dem Unterricht beginnen. Wir entwickeln und verfeinern eine gemeinsame Sprache mit dem Pferd. Am Anfang steht die Körpersprache – aber es ist ein Unterschied, ob wir die Körpersprache nutzen oder die Sekundarhilfen Hand, Schenkel, Stimme oder Gerte. 

„Wenn das Pferd beim Ausreiten durchgeht, können wir nicht vor das Pferd springen und „HO“ brüllen. Dann brauchen wir eine geschulte Sekundarhilfe, die Mensch und Pferd verstehen – in diesem Fall die Hand.“

Bent Branderup

Sekundarhilfen sollen den Sitz später unterstützen, auch wenn also eine breite Basis der Kommunikation durch Körpersprache geschaffen wurde, können wir nicht durch Körpersprache alleine ausbilden, wenn wir reiterliche HIlfen hinzufügen wollen, die im Idealfall auch tatsächlich helfen sollen. 

Mehr zu Sekundarhilfen könnt ihr hier nachlesen – wir hatten im April 2019 dazu ein Themenseminar mit Bent Branderup bei Wien: 

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Die stärkste Hilfe

Die Stärkste Hilfe, die beim Pferd ankommt sind laut Bent Branderup Schwerpunktverlagerungen. Jetzt erklärt er die Unterschiede der alten Reitweisen a la brida und a la gineta. 

Bei a la gineta will man sich als Bogenschütze umdrehen und in eine andere Richtung reiten. Das Pferd folgt dem Reiter. Dies war vor der Erfindung des Steigbügels eine große Kunst. Bei a la brida lehnt sich der Reiter aus dem Sattel und macht einen Hieb, eine Attacke, das Pferd reagiert und dispensiert quasi die Schwerpunktverlagerung des Reiters. Es kann also einmal mit dem Reiter folgen und einmal die Schwerpunktverlagerung des Reiters ausgleichen: Das ist heute freilich nicht mehr unser Ziel. 

Noch einmal betont Bent Branderup die Natur von Mensch und Pferd. Heute sind die Schwerpunktverlagerungen die intensivste Hilfe und sie werden unterschiedlich beim Pferd ankommen – von Reiter zu Reiter verschieden, denn die Gesäßknochen können unterschiedlich weit auseinander liegen, die Länge des Oberschenkelhalses spielt eine große Rolle, die Polsterung der Oberschenkel und vieles mehr, was uns individuell als Reiter ausmacht. Wie und in welcher Winkelung zum Pferderücken zeigen die Sitzknochen nach unten? Kippt man mit der Lende ab, begünstigt man unterschiedliche Schwungrichtungen?

„So ist es wichtig für mich, dass wir bei den Pferden auch reine Grundgangarten haben. Wir müssen uns an den Grundgangarten messen, ob und wenn wir diese zertrümmern, dann waren die Lektionen zuvor wertlos und falsch ausgeführt. Wenn die Dressur für die Pferde da sein soll, dann muss die Dressur so interpretiert werden, damit sie dem Pferd auch nutzt“. 

Bent Branderup

Bent betont das Problem der heutigen Sportdressur, die sich ein Ideal gesetzt hat und somit alle Pferde über einen Kamm schert. Das Norweger Pony wird die Dressur anders ausführen als ein Oldenburger. Von Zeit zu Zeit kamen immer verschiedene Typen in Mode – und die Mode ist, was der Richter sehen möchte. 

Wir sollten uns allerdings lieber mit Fragen beschäftigen wie:
Was sind die Fähigkeiten meines Pferdes und was sind die Ansprüche?Daher ist es wichtig, bei den verschiedenen Zielen, die wir haben, den individuellen Körperbau des Pferdes zu respektieren.

„Das gilt für einfache Dinge wie ein Schulterherein. Der Grad an seitwärts wird unterschiedlich sein, ob das Pferd lang oder schmal oder kurz und breit gebaut ist. Aus dem Hüftgelenk werden von Pferd zu Pferd unterschiedliche Bewegungen produziert. Auch die Balancepunkte der einzelnen Pferde werden sich unterscheiden. Dann sehen wir Seitengänge, wo die Pferde zur Dysfunktion der Hinterbeine gebracht werden. Die Gelenke sind dazu gebaut, auf die Körpermasse einzuwirken. Das Knie und Sprunggelenk hält eine Drehung aus dem Hüftgelenk nicht aus. Das ist leider aber sehr modern geworden, ein Pferd zur Dysfunktion zu bringen.“

Bent Branderup

An dieser Stelle betont Bent Branderup noch einmal, dass man NIEMALS einem Pferd beibringen sollte, mit der Hinterhand auszufallen und die Hinterhand nicht mehr in Richtung Schwerpunkt zu bringen. 

„Das Pferd ist dann nicht brav, es ist hilflos. Man hat ihm seinen Motor geraubt. Deswegen sind diese Methoden nicht so mächtig, wie sie erscheinen. Sie sind erfolgreich, weil das Pferd gewisse Bewegungen nicht mehr ausführen kann, aber nicht weil es nicht mag, sondern weil man ihm die Hinterhand geraubt hat. Dann sind wir wieder zurück am Anfang – und wir können auch hier betonen, warum es so wichtig ist, eine gute Beziehung zu seinem Pferd aufzubauen“. 

Bent Branderup

Die Akademische Reitkunst – oder besser gesagt generell die Dressur hat das Ziel das Pferd stolz und prächtig zu machen. Das bezieht sich nicht nur auf eine Stärkung des Körpers, sondern auch des Geistes. In diesem Sinne hätten wir natürlich lieber ein Pferd, das gerne mit uns zusammen arbeitet und seine Kraft nicht gegen uns verwendet. 

An dieser Stelle betont Bent Branderup einmal mehr, dass es uns als Ausbilder wichtig sein muss, dass sich das Pferd in den Augen anderer Pferde stolz und prächtig fühlen möchte – und nicht in den Augen anderer Menschen – das wiederum ist unser Bier – und oftmals Ursache dafür, dass wir ungerecht werden, unbedacht ausbilden und zum falschen Werkzeug aus der Werkzeugkiste greifen. 

Werkzeug Sitz

An diesem Wochenende drehte sich alles um den Sitz. Die Reiter wussten schon aus der Praxis – und viele Besucher des Themenseminars – und jetzt vielleicht auch viele Leser werden der gemeinsamen Erfahrung zustimmen: Wer in der Akademischen Reitkunst seine besondere Leidenschaft gefunden hat und lernt, das Pferd akribisch in sämtlichen Positionen vom Boden auszubilden, der wird bald feststellen: Meine eigene Ausbildung – meine Arbeit am Sitz – die ist noch lange nicht vorbei. 

Wir konnten uns wieder viele Anregungen mitnehmen und freuen uns auf die Fortsetzung mit Bent Branderup. 

Das nächste Themenseminar beschäftigt sich mit Seitengängen und findet am 12. und 13. Oktober 2019 in Ainring bei Salzburg, organisiert von Andrea Harrer statt. Anmeldung bei Eva Prax

Bent Branderup 2020

Die nächsten Termine stehen schon fest: 

18. & 19. April Bent Branderup in Mannersdorf/ Sandberg beim Reitstall Equimotion

4. & 5. Juli Bent Branderup am Horse Resort am Sonnenhof, Hart bei Graz 

Sitz-Inspirationen

Sitz-Inspirationen

Stimmen aus der Vergangenheit

Wie sollte man auf dem Pferd sitzen? Auf einem jungen oder auf einem ausgebildeten Pferd? Als Anfänger oder als erfahrener Reiter? Welches Vermächtnis hinterlassen uns die Stimmen aus jüngster und älterer Vergangenheit? Für unseren Kurs mit Bent Branderup Ende Juni 2019 lautet das Motto: „Primäre Hilfengebung“ – also alles rund um das Thema „Sitz“. 

Welche Ratschläge vergangener Tage können wir auch noch heute nutzen? 

Antoine de Pluvinel (1555 bis 1620) war der Reitlehrer von Ludwig XIII in Frankreich. Pluvinel wusste, dass die Arbeit mit dem Sitz praktisch nie aufhört: 

„Tatsächlich ist es auch so, dass man, um in der Reitkunst seine Sache gut zu machen und Perfektion zu erreichen, mit der korrekten Haltung zu Pferde den Anfang machen und ständig bis zum Schluss daran weiterarbeiten muss. Schließlich bereitet es mehr Vergnügen, einem Reiter zuzusehen, der nichts von der Kunst versteht, aber gut zu Pferde sitzt, als einem Könner, der keine Eleganz ausstrahlt“. 

Antoine de Pluvinel

Für Pluvinel war die aufrechte Haltung im Sattel praktisch gleichgesetzt mit der eigenen Haltung auf zwei Beinen. 

Dr. Udo Bürger war leitender Veterinäroffizier an der berühmten „Kavallerieschule Hannover“. In seinem Werk „Vollendete Reitkunst“ aus dem Jahr 1959 prangert er vor allem mangelnde Fitness beim Menschen an: 

„Die meisten Menschen tragen sich miserabel, ohne es zu wissen. Das Leidenskreuz der Menschheit ist das Hohlkreuz. Dazu gehört der vorgedrückte Bauch. Da müssen wir mit der Korrektur an uns selbst anfangen, wenn wir mit dem Kreuz Einwirkung auf das Pferd erzielen wollen. Und ohne diese geht es nun mal nicht. Aber wir sollten nur versuchen, uns im Sattel gerade zu halten. Wir sollten immer daran denken und uns richtig tragen“. 

Udo Bürger

Tragkraft, also Stabilität und Kraft, benötigen wir Reiter. Aber auch Mobilität. Der Herzog von Newcastle (1592 bis 1676) wusste bereits zu seiner Zeit um die Bedeutung von Körperbeherrschung, denn er attestierte dem Reiter einen beweglichen und einen unbeweglichen Teil. Beweglich darf man im Oberkörper bis zur Taille, Newcastle spricht vom „Gürtel“, sein, auch die Schenkel von den Knien bis zu den Füßen dürfen nicht regungslos verharren. Zwischen Taille und Knie definiert der Herzog von Newcastle den unbeweglichen, „mit dem Pferd verschmolzenen Teil“. Der Reiter darf also Kopf, Schultern und Arme bewegen – heute eine oft unbewegliche und festgehaltene Problemzone für Reiter. 

Ein Tipp von Newcastle hat sich bis heute ebenso gehalten: 

„Die Arme müssen am Ellenbogen abgewinkelt und ungezwungen an den Körper gelegt werden und natürlich auf die Hüften heruntersinken“. 

William Cavendish, Herzog von Newcastle

Wenn der Mensch denkt und der Körper aber nicht folgt, ist alle Ungezwungenheit von dannen. 


François Robichon de la Guérinière(1688 bis 1751) betonte ebenso die Losgelassenheit und Entspanntheit des Sitzes. Um das Unmögliche möglich zu machen, erlaubte er dem Reiter sich vorübergehend etwas fester zu machen und anschließend wieder zu entspannen. Er betonte Gleichgewicht und Balance, wobei jedoch die Bewegungen des Reiters solltenaber so gering bleiben sollten, dass sie die Haltung des Reiters einerseits verschönerten, andererseits aber legte er Wert auf einen brauchbaren Sitz mit Hilfen, die für das Pferd tatsächlich auch als solche erkannt werden. 

Die (Unter) Schenkel sind seiner Meinung nach in der richtigen Haltung, wenn sie locker vom Knie gerade und locker nach unten fallen, so dass sie am Pferd liegen, ohne es jedoch zu berühren. Der Reiter müsste dann Oberschenkel und Knie etwas nach innen drehen, damit die flache Seite der Oberschenkel wie „angeleimt“ an den Sattelpauschen zum Liegen kommt. 

Hier die nächste, noch heute aktuelle Problemzone für viele Reiter: Guérinière forderte von seinen Schülern lockere, jedoch ruhig gehaltene Schenkel, die das Pferd nicht durch ständige Berührung in der Hilfengebung verwirren.

Werden sie zu weit abgespreitzt, kann man nicht rechtzeitig auf das Pferd einwirken, nämlich genau in dem Augenblick, in dem das Pferd einen Fehler begeht. Sind sie zu weit nach vorne gestreckt, können sie nicht am Bauch einwirken, wie es die Schenkel sollen. Liegen sie jedoch zu weit hinten, trifft die Schenkelhilfe auf die Flanken, einen Körperteil, der kitzelig und zu empfindlich ist, um die Sporen einzusetzen. 

François Robichon de la Guérinière

„Ferse tief“ – das kannte auch Guérinière, betonte jedoch auch hier nicht zu stark den Absatz nach unten zu drücken, da sonst der Schenkel zu beweglich werde. Noch heute gilt, mit dem Fuß, Absatz und Sporn Vorsicht walten zu lassen. Guérinière kam dem Ursprung der Drehbewegung jedoch auf die Schliche – die richtige Drehung vollführt nämlich der Oberschenkel aus der Hüfte heraus – dadurch werden dann Unterschenkel und Fuß in die richtige Lage gebracht. 

Auch betonte der französische Reitmeister, dass das Wissen und die Theorie um den korrekten Sitz nicht ausreichten. Übung auf dem sich bewegenden Pferd war das Um und Auf – besonders im Trab und ohne Steigbügel. Spätestens nach fünf bis sechs Monaten Sitzübungen ohne Bügel, fände man die anderen Gangarten leicht. Guérinière empfahl außerdem das Piaffieren zwischen den Pilaren als ausgezeichnete Sitzschulung. 

Dieselbe Empfehlung kommt auch von Gustav Steinbrecht (1808 bis 1885). Für den Schüler von Louis Seeger war der Reiter nur dann richtig auf dem Pferd platziert, wenn der Schwerpunkt des Reiters mit dem des Pferdes zusammenfälllt. 

Nur dann ist er mit seinem Pferde in vollkommener Harmonie und gleichsam eins mit ihm geworden. Eine Hauptregel für diesen auf richtiger Schwerpunktsverlegung beruhenden Balancesitz ist die, dass das geradegerichtete Rückgrat des Reiters auf dem des Pferdes stets senkrecht ruhen, also mit ihm einen rechten Winkel bilden soll. 

Gustav Steinbrecht

Auch Steinbrecht schreibt über die korrekte flache Lage des Oberschenkels – für ihn übrigens ein Hauptgrundsatz in der Lehre vom Sitz. Nur die korrekte Positionierung des Oberschenkels garantiere die Stabilität und Mobilität aus der Reiterhüfte, erweitere die Gesäßfläche und sichert Halt und Balance, ohne das Pferd zu stören. 

Das Fußgelenk müsse dabei elastisch bleiben. Auch Steinbrecht sieht einen Fehler darin, den Schüler unbedingt zum Abwärtsdrücken der Ferse zu zwingen. Dadurch versteife sich der Unterschenkel, die vorwärtstreibenden und versammelnden Hilfen wären dadurch nicht mehr in ihrer Qualität garantiert. 

Überhaupt – wenn es um die ständige Korrektur des Schülers geht, gibt Waldemar Seunig (1887 bis 1976) uns bis heute einen weiteren wertvollen Hinweis: 

„Es muss betont werden, dass Bauart von Pferd und Reiter die Schenkellage beeinflussen und nichts schädlicher ist, als alle Reiter in ein Sitzschema hineinpressen zu wollen. Mutatis mutandis wird ein kurzbeiniger Reiter auf einem kurz und flachgerippten Pferde geschlossener sitzen wie ein langbeiniger, der um mit dem Unterschenkel einwirken zu können, diesen so weit zurücklegen müsste, dass seine Knie sich öffnen. Viele Reitlehrer verlangen, dass die Füße des Reiters vollkommen parallel zur Längsachse des Pferdes gerichtet sein sollen. Befolgt der Schüler gewissenhaft diese Anweisung, so steht er vor dem Dilemma, entweder seine Knie zu öffnen, um mit dem inneren Teil des Unterschenkels in Fühlung mit dem Pferdeleib bleiben zu können – oder diese aufzugeben, um das Knie am Sattel behalten zu können. Die Richtung des Fußes soll dieselbe sein wie beim Gehen, die Fußspitzen also etwas vom Pferde abgewendet, wie es sich ja aus der gespreizten Grätschstellung von selbst ergibt“. 

Waldemar Seunig

Wir müssen also an unserem Sitz arbeiten – dürfen aber weder unseren, noch den Körper des Pferdes in eine bestimmte Form hinein pressen. Und hier hilft uns die Erfahrung, die wir –  früher wie heute – auf gut ausgebildeten Pferden am ehesten sammeln können.

„Der Reiter muss lernen, die Bewegungen des Pferdes im Schritt, im Trab, im versammelten und im freien Galopp und in allen Arten von Lektionen zu fühlen, ebenso die richtige und feine Anlehnung an die Hand, die Dosierung der Hilfen, wozu sie anzuwenden sind und – wann es nötig ist – zu strafen. Zuerst ist der Schüler auf ein ausgebildetes Pferd zu setzen, danach kann er leichter unterschieden, ob ein noch nicht ausgebildetes Pferd unter ihm etwas richtig, oder falsch macht“.

Antoine de Pluvinel

Richtig oder Falsch – ein gutes Schlusswort fand ich bei Udo Bürger: 

Vom Sitz wird primär nur solange gesprochen, bis der Schüler nicht mehr bei jeder Gelegenheit herunterfällt. Danach interessieren mehr die Einwirkungen. Mit der Einsicht, diese richtig anzubringen und – entsprechend einleuchtenden Ermahnungen – kommt der Sitz mit der Zeit von allein.

Udo Bürger

Zum Glück müssen wir jedoch nicht alleine üben und haben auch Unterstützung in der Gegenwart. Lernen wir von- und miteinander – dann Reiten wir Einfach 😉 

Kochrezepte und Puzzleteile

Kochrezepte und Puzzleteile

Ein Bekenntnis. Ich koche nicht. Oder sagen wir, kaum. Mein Lebensgefährte kriegt  regelmäßig Lachkrämpfe, wenn ich ins Telefon säusle: „Muss Schluss machen, denn ich koche gerade“, und eigentlich einen Salat richte. Gut, das soll jetzt kein Blogbeitrag werden über die Frage: Wann ist es Kochen und wann richtet man einen simplen Salat. Ich koche also selten, aber WENN, dann brauche ich ein Rezept. Und das Befolgen und vor allem das Nachdenken über die Vorschriften in den Rezepten, das hilft uns auch in der Reitkunst. 

Die Zutaten für Versammlung 

Versammlung bedeutet, die Hinterhand des Pferdes vermehrt zu belasten, das Pferd soll sich in Hüft-, Knie- und Sprunggelenken beugen, ohne den korrekten Vorgriff aus der Hinterhand zu verlieren. Paraden helfen uns bei der Geschmeidigkeit. Sie können sanft in die Wirbelsäule des Pferdes spüren, sie können sich von minimalen Paraden (auch Achtel-Paraden genannt) bis hin zu ganzen Paraden steigern und ihre Krönung in einer gesetzten Schulparade finden. 

Gerne wird auf den Kursen von Bent Branderup Xenophon zitiert, der uns aus Griechenland bereits vor sehr, sehr langer Zeit das Rezept für Versammlung liefert: 

„Reite die Hinterbeine des Pferdes nach vorne und gib ihm eine Parade, so dass es die Gelenke der Hinterhand beugt und man das Geschlecht des Pferdes sieht“. 

Bent Branderup fügt dann gerne hinzu: 

„Wer diesen Satz verstanden hat, hat im Grunde die gesamte Reitkunst „in a nutshell“ verstanden. Ja wenn es so einfach wäre. So einfach, wie ein einfaches Reisgericht. Oder ein Salat. 

Die Elemente-Küche und ihre Werkzeuge

An allererster Stelle steht Kommunikation. Ja eh, werden die meisten nun sagen. Kommunikation liegt in aller Munde, aber tatsächlich müssen Reiter und Pferd das gleiche Verständnis aufbringen. Beide müssen gleichermaßen wissen, was gemeint ist. Weiters benötigen wir die Elemente Balance, Durchlässigkeit, Formgebung, Tempo, Takt und Schwung. 

Besprechen wir nun im Detail welche Werkzeuge wir für unsere Elemente-Küche auf dem Weg zur Versammlung benötigen: 

  1. KommunikationEs reicht nicht, wenn beide versuchen miteinander zu sprechen, Pferd und Reiter müssen einander verstehen.  
  2. Balance ist die Voraussetzung für das Spiel mit dem Schwerpunkt. Wer einer Eiskunstläuferin ständig ein Bein stellt, macht atemberaubende Pirouetten für sie zur Unmöglichkeit 
  3. Durchlässigkeit:Das gilt für Reiter und Pferd. Wenn Hilfengebung den Reiter versteifen lässt, dann ist er auch nicht mehr durchlässig genug, die Informationen vom Pferd aufzunehmen.  
  4. Erst wenn das Pferd durchlässig ist, ist Formgebungmöglich. Manchmal „überformen“ wir das Pferd jedoch, es wird überbogen und steif – verliert dadurch die Balance.  
  5. Sind die ersten vier Bausteine aber gegeben, dann können wir Tempo, Taktund Schwungbeeinflussen. In einer Piaffe trachten wir eindeutig nach einem Zweitakt, jetzt fügen wir jedoch unterschiedliche Rhythmen hinzu. Ein ruhigerer Rhythmus bedeutet ruhigeren Rückenschwung. Dieser Schwung lässt sich auch vergrößern, dann wird der Rhythmus gesteigert.  
  6. Alle Elemente an sich brauchen Zeit in der Ausbildung! 

Über die Zutaten nachdenken 

Leider verhalten sich die wenigsten Pferde genau nach der Rezeptanleitung nach Xenophon – oder besser gesagt die Reiter. Hinterbeine vorwärts reiten. Damit beginnt ja die erste Hürde. Aber Hürden sind gut. Verbrennt der Reis, dann lernt man daraus, dass es nicht sehr sinnvoll ist, die Dinge in der Küche einfach sich selbst zu überlassen. Zuerst ist zu wenig Salz drin, dann viel zu viel. Durch Versuch und Irrtum lernt man. 

Was sind also die gängigsten Irrtümer und was lernen wir daraus? 

  • Versammlung ist keine Sache, die die Reiterhand erzeugt 
  • Versammlung darf den Vorgriff der Hinterbeine nicht „abwürgen“ 
  • Der Sitz darf den korrekten Rückenschwung nicht blockieren 
  • Der Reiter darf den Sitz aber auch nicht übertrieben benutzen, um das Pferd in Gang zu halten 
  • Versammlung bedeutet nicht, das Pferd auf die Vorhand zu stellen und die Kruppe hüpfen zu lassen 
  • Versammlung bedeutet nicht, dass es ausreicht mit der Gerte die Kruppe des Pferdes zu touchieren 
  • Die Hüfte des in Aktion befindlichen Spielbeins senkt sich, sie hebt sich nicht. Dadurch schwingt der Brustkorb auf der Seite des Spielbeins abwärts und wird nicht gehoben.  
  • Versammlung bedeutet aber auch nicht, einfach drauf los zu probieren 
  • Jede einzelne Zutat an sich muss genau ausgebildet werden  

Und Versammlung lässt sich in einem Satz definieren, das Timing der Hilfen, das Gefühl, das Verständnis für das korrekte Vorwärts – es ist nicht mit einem Erlebnis im Schnellimbiss zu vergleichen 

Kommen wir zurück zu Xenophon. Ja, in Wahrheit ist mit seinem Satz über die Reitkunst tatsächlich alles gesagt, aber wie in der guten Küche gilt: Die Menge und Qualität der anZutaten, abgestimmt aufeinander, die macht es aus. 

Welche Begabungen und Eigenschaften bringt unser Pferd mit? 

Welche Begabungen und Eigenschaften bringen wir mit? 

Welche Zutaten für Versammlung haben wir bereits auf der Haben-Seite und welche nicht? 

Die Möglichkeiten der Football Strategie nutzen

Was hat nun American Football mit Koch- und Reitkunst zu tun? Auf den ersten Blick hätte ich spontan gesagt: „Nicht viel“. Bis ich auf einen Artikel über Nick Saban stieß. Dieser Trainer hat sein Team durch außerordentliche Strategien zum Erfolg geführt. In „The Process“ schlägt er vor, das „Große Ganze“ zu ignorieren und sich auf alle kleinen Dinge wirklich gut zu konzentrieren. Im Grunde zerlegt Saban den gesamten Spielprozess und lässt seine Spieler jedes einzelne Detail fokussiert trainieren. Wenn wir also die richtigen Zutaten in die richtige Reihenfolge bringen und diese eine nach der anderen ausüben, dann werden wir auch erfolgreich kochen – oder eben Einfach Reiten. 

Gehen wir unsere Fehlerquellen also nochmal durch: 

Versammlung ist keine Sache, die die Reiterhand erzeugt. Das ist richtig. Trotzdem braucht die Hand aber eine akribische Ausbildung und das Pferd muss die Reiterhand verstehen. Ein Beispiel: Wir longieren unser Pferd und versammeln es. Wir nutzen Körpersprache und Sekundarhilfe Gerte. Wir merken, dass wir mit unseren Paraden nicht mehr so richtig kommunizieren können. Die Hand – zuvor noch vor dem eigenen Oberkörper positioniert, wandert sukzessive in Richtung Schlüsselbein. Wir versuchen mit der Longe unsere Paraden zu kommunizieren, kommen aber nicht mehr so richtig durch. Gleichzeitig verpufft die Energie, die wir an die Hinterhand senden. Der Motor des Pferdes stirbt ab oder das Pferd beschleunigt entgegen unserer Intention. 

Die Hand ist also akribisch auszubilden. Ehe wir an der Longe versammeln, müssen wir ohne Probleme jeden Übergang, vom Trab in den Schritt, vom Trab in den Halt und bestenfalls vom Galopp in den Halt übertragen können. Natürlich nutzen wir hier auch unseren Körper – aber auch die Hand muss ihre Paraden locker und verständlich aus dem Ärmel schütteln können – und das Pferd muss ihre Bedeutung auch tatsächlich verstehen. 

Nehmen wir das Pferd zu versammelnden Übungen auf, dann darf der Motor nicht absterben. Bedeutet Aufnehmen für unser Pferd jedoch sofort den Anker raus zu werfen und langsamer zu werden? Dann müssen wir Übergänge innerhalb einer Gangart üben. Wenn wir einen bestimmten Takt und Rhythmus eingeleitet haben, dann sollten wir diesen permanent erhalten. Egal ob wir vorwärts-abwärts dehnen lassen oder vorwärts-aufwärts aufnehmen. Bis wir diesen Rhythmus verändern wollen, müssen die Hinterbeine unentwegt in Richtung Schwerpunkt arbeiten. 

Der Sitz muss wissen , wie er Schwerpunktverlagerungen vorschlägt und umsetzt. Der Sitz muss mit verschiedenen Rhythmen umgehen können, ohne zu verkrampfen. Und der Sitz wird (gerade zu Beginn, bei steigender Ausbildung nicht mehr so intensiv) von der Sekundarhilfe des versammelnden Schenkels unterstützt. Der versammelnde Schenkel ist dafür zuständig, die Hinterbeine beständig und fleißig zu behalten und den Rhythmus zu verändern. Der versammelnde Schenkel schlägt dem Pferd vor, vorzeitiger mit dem Bein den Boden zu verlassen, ohne Rhythmus und Takt zu verlieren. 

Mein besonderer Tipp: Helfen wir uns durch Musik. Ich reite mal zu einer sehr ruhigen Musik, mal zu kraftvoller Musik, die mir den Takt sehr deutlich vorgibt. Diese Methode zeigt auch auf, wie schwer es ist, einen bestimmten Rhythmus einzuhalten. Es wird dabei klar, wie oft wir selbst aus dem Rhythmus kommen und den Takt verlieren. Ja, auch wir Reiter brauchen dann eine gewisse Kondition.

Nutzung der Gerte auf der Kruppe, Hüpfende Kruppe, aus der Hüfte breit tretende Hinterbeine. Viele dieser Symptome lassen sich verhindern, wenn wir den versammelnden Schenkel ordentlich und akribisch ausbilden. Manche Pferde reagieren sofort auf die Bitte, das angesprochene Hinterbein früher vom Boden zu nehmen – andere Pferde jedoch haben den um sich herum biegenden Schenkel, den von sich weg biegenden Schenkel, den direkten Schenkel, den rahmenden und den verwahrenden Schenkel hervorragend verstanden, können diese Hilfen auch separieren, aber mit dem versammelnden Schenkel tun sie sich schwer.  

Die Zutaten vermischen. Jede Zutat an sich ist oft gut geübt. Aber die Kombination macht die Sache so schwer. Beugen im Stand sowie ordentlicher Vorgriff der Hinterhand. Das sind und waren zwei Komponenten die meiner Fuchsstute Tabby an sich und separat leicht fallen. Frage ich nach der Kombination, schleichen sich Fehler ein – auch mental ist das Zusammenrechnen der einzelnen Ingredienzen schwer. Bedarf aber, einfach gesagt, der Übung, der Wiederholung und der Zuversicht. Jede Zutat muss also an sich einzeln ausgebildet und verstanden werden – dann geht es um die gelungene Kombination. Gehen wir auch in Gedanken die Übung vorher durch. Gute Musiker üben viel ohne Instrumente – einfach im Kopf!

In der Kochkunst werde ich vermutlich nie so akribisch über einzelne Zutaten nachdenken. Hier genieße ich einfach. In der Reitkunst macht es jedoch Spaß über alle Einzelheiten zu grübeln und die kleinsten Details zu perfektionieren. 

Wenn es mal nicht so klappt wie gewünscht, dann hilft es immens, sich über jede kleinste Zutat Gedanken zu machen. Und sei sie noch so klein. Dies hilft in der Analyse, was Pferd und Reiter bereits gut können und wo eben noch Trainings – und vor allem Verständnisbedarf besteht. 

Formulieren wir Rezepte – dann Reiten wir Einfach. 

Von Opern und Lipizzanern

Von Opern und Lipizzanern

Die beste Inspiration für die Reiterei bietet oft – das Leben. Und ganz aktuell das Radio. Warum uns die Weisheiten von Opernsängern für die Ausbildung von Jungpferden dienlich sein können – darum geht es in diesem Blogbeitrag. 

Der Erfolg der Nein-Sager

Autofahrt Mitte Juni nach einem langen Unterrichtstag von Niederösterreich zurück nach Graz. Wie üblich nutze ich die Zeit zum Telefonieren – aber auch zum Radiohören. Auf dem Kultursender „Ö1“ läuft ein sehr spannendes Gespräch mit der Sopranistin Marina Rebeka

Rebeka erzählt in einem Interview wie sie mit „La Traviata“ 2007 den Durchbruch geschafft hat. Was hat das nun mit Reitkunst und Reiten zu tun? 

Ganz einfach. Rebeka erzählt genau, wie sie ihre Rollen anlegt. Wann immer möglich studiert sie die Originalaufzeichnungen der Komponisten und hinterfragt: Was hat Puccini für seine Sopranistin verändert? Oft war es so, dass die Sänger dem Komponisten Feedback gegeben haben und noch einige Wünsche – der Stimme des Sängers entsprechend – in die Werke eingearbeitet wurden. 

Erinnert uns dies an das Studium von Reitliteratur? Wenn wir Steinbrecht, Bürger, Pluvinel oder Guérinière studieren – fragen wir uns, ob sie manche Passagen für gewisse Schüler geschrieben haben? Vertiefen wir uns nicht in die Themen, die uns am meisten beschäftigen? Welche Inhalte könnten die Alten Meister ausgelassen und nicht in ihr Werk gepackt haben, da dieser eine Punkt für sie ohnehin essentiell und selbstverständlich war? Wo hat sich die „Stille Post“ der Reitkunst eingeschlichen? Was war gerade „Trend“ und warum? 

Mit den Augen eines Detektivs – oder eben eines Künstlers, der eine bestimmte Rolle anlegen muss zu  lesen, das kann wirklich spannend sein. 

Marina Rebeka fährt in ihrem Interview fort und spricht nun über die Grenzen und Möglichkeiten ihrer Stimme. Ich höre gespannt zu, als der Journalist die Sopranistin nach ihrem Repertoire fragt. Aktuell ist Rebeka im „Belcanto“ zu Hause. Ein Gesangsstil, der in Italien Ende des 16. Jahrhunderts entstand. Weichheit im Ton, ausgeglichene Stimmregister über den gesamten Umfang der Stimme und die Ausschmückung des Gesangs durch Höhen, Triller und Verzierungen zeichnen das Belcanto aus. Rebeka wird nach möglichen Rollen gefragt und überraschenderweise setzt sich die gefeierte Opersängerin Grenzen. 

„Karriere macht man beim Neinsagen“ – gibt sie an. Interessant. Was versteht sie darunter? Rebeka erklärt, dass gewisse Rollen für ihre Stimme zwar sofort möglich wären, allerdings auch weitreichende Konsequenzen hätten. Ein Stück von Wagner singen: Ja. Eine gesamte Oper anlegen: Nein. Diesen Schritt weist sie zum Zeitpunkt des Interviews zurück. 

Nein-Sager für den Ja-Sager? 

Sofort muss ich an meine Lipizzaner Buben Conversano Aquileja (Konrad) und Maestoso Amena (einfach genannt Amena) denken. 

„Konrad“ ist aktuell fünf Jahre alt. Ich kann die Male, die ich auf ihm saß noch immer gut abzählen. Akribische Bodenarbeit ging den ersten Reitversuchen freilich voraus. Immer wieder  muss ich darüber nachdenken Konrads Begeisterung zu erhalten, gleichzeitig aber seinen guten Willen und sein Talent nicht auszunutzen und zu verschleißen. Ja, für Konrad sind sehr viele Dinge möglich. Sein Talent und Potenzial für Schulsprünge hat er schon mehrfach unter Beweis gestellt, er hat das unglaubliche Talent Energie anzuknipsen und sofort wieder auszuschalten. Konrad hat viele Ideen, die in die richtige Richtung gehen – aber nur, um zu imponieren und zu gefallen benutzt er dann manchmal auch nicht die richtigen Muskelverbindungen. Der Wille zu gefallen, kann auch in Stress ausarten. Muss ich also immer zum Nein-Sager für meinen lieben Ja-Sager werden. Ich sage mal „jein“. Die Wahrheit liegt dazwischen. 

Die Alten Meister haben eindringlich vor einer zu frühen Ausbildung (und Ausbeutung) junger Pferde gewarnt. Selbst wenn Konrad so „spendierfreudig“ ist. Ich muss einerseits versuchen, die Qualität meines Pferdes nicht als Selbstverständlichkeit zu nehmen, mich immer über seine Ideen zu freuen. Egal ob es um das Verständnis für den „um sich herum biegenden, inneren Schenkel“ geht oder um versammelnde, erste Tritte. Ich möchte Konrad immer ein gutes Feedback geben. 

Dazu gehört aber auch zu manchen Ideen vorsichtig „Nein“ zu sagen. Oder noch besser – die gute Idee von Konrad sehr wohl zu loben, aber nicht zu stark an diesen Angeboten zu feilen. 

Eines Tages saß ich auf Konrad in der Halle. Ich wollte anreiten und Konrad wollte fünf Schulparaden mit mir drauf machen. Ich war Passagier, Konrad fleissig am Hanken biegen. Meine liebe Freundin und Kollegin Julia Kiegerl hat uns aus unserem Stüberl beobachtet. 

„Wahnsinn, war das Absicht“, lautete ihre prompte Reaktion auf Konrads Ideenreichtum. 

„Nein“ sagte ich: „Ich will eigentlich nur Schritt reiten“. 

In einer solchen Situation werde ich künftig auch an die Opernsängerin denken. „Die Partitur ist aktuell machbar, aber die Konsequenzen für die Stimme nicht unerheblich“. 

Wenn ich Konrads gute Ideen „abwürge“ indem ich sie negiere, werde ich auch seine Kreativität und Motivation „killen“. Daher nutzen wir den Ideenreichtum einfach anders. Wir haben Stunden, da steht genaues Feilen am Stundenplan (findet Konrad eher öde), wir haben Stunden, da dürfen wir in Freiarbeit oder im Spiel mit mir alles ausprobieren und uns austoben (liebt Konrad sehr). Und selten aber doch, da reiten wir, wobei ich hankenbiegende Angebote von Konrad toll finde, auf meinem Lehrplan steht jedoch Schritt, Trab und Galopp – und das gleichmässig! Und ganz viel Seele baumeln lassen und im Wald spazieren gehen – das steht aktuell auch auf dem Stundenplan. 

Opernsänger haben die Wahl, ob sie eine Rolle annehmen oder nicht. Mein Vater – Opernliebhaber durch und durch hat mir prompt von einer Opernsängerin erzählt, die mit Anfang 20 große und bekannte Rollen gesungen hat. Später hat man nicht mehr viel von ihr gehört. Opernsänger haben freilich die Wahl. Sie können sich entscheiden. Hier liegt die Verantwortung bei uns – bei einer maßhaltenden und passenden Ausbildung. 

Vom Maßhalten zum Maßband

Maestoso Amena wächst und wächst und wächst. Mit seinen drei Jahren ist er schon größer als Konrad. Und auch mental möchte Amena über sich hinaus wachsen. Seit einem halben Jahr ist Amena nun bei uns und hat sich gut am „Horse Resort am Sonnenhof“ eingelebt. Vorgewarnt durch Konrads leichtfuttriges Wesen zog er zu Beginn zu ebendiesem in den Offenstall. Hat nicht funktioniert. Amena hat mehrfach nachgefragt: „ob Konrad denn wirklich der Chef ist“. Die beiden haben nie wirklich schlimm gestritten, Konrad war ob des Nebenbuhlers beinahe schon depressiv und Amena ist im Gegensatz zu Konrad nicht so sehr mit der Futteraufnahme beschäftigt – er nahm also nach den Strapazen der Kastration und Umsiedelung nicht wirklich gut zu. Also durfte er eine Paddockbox bei den „Nordwallachen“ beziehen. Große Weiden, viele Spielkameraden – Amena hat ein unbeschwertes Wesen, eckt mit niemandem an (so lange kein zweiter Lipizzaner in der Nähe ist, mit dem man über die Weltherrschaft diskutieren könnte). Konrad ist ebenso erleichtert, muss er den schrecklichen Nebenbuhler nicht ständig vor der Nase haben. Amenas Einzug hat Konrad wirklich etwas besorgt, man muss sich – so habe ich gelernt an ein paar Regeln halten, damit man es sich mit beiden Herren nicht verscherzt. So hat Amena viele Freunde – unter anderem auch Julia Kiegerl, die intensiv bei der Ausbildung von Amena dabei ist. 

Amena und Konrad haben in dieser Hinsicht viel gemeinsam. Geduld ist nicht ihre Stärke, sie möchten am Liebsten alles auf einmal lernen. Also auch hier ist ein maßvoller Stundenplan von Nöten. Auch hier? Nein, diese Regel gilt bei so ziemlich jedem jungen Pferd. Die meisten Jungpferde sind unheimlich wissbegierig, sie möchten etwas tun, sie möchten etwas lernen. So macht Ausbildung wirklich Freude. Vor allem, wenn man von den Pferden so viel Feedback  bekommt. Amena und Konrad kommen IMMER angelaufen oder begrüßen uns schon vom Paddock aus, wenn wir am Parkplatz anhalten. Demnächst werde ich sie mal fragen, was sie von Mozart und Puccini halten. Wer weiß, was die Beiden über die Weisheit aus der Oper denken?  

Die Visitenkarte des Trainers

Die Visitenkarte des Trainers

Wer ist der beste Trainer für mein Pferd? Wie kann ich echtes Wissen von extrem guter PR unterscheiden? Und wieso sind die Pferde des Trainers seine Visitenkarte? 

Zwei Dinge haben mich in letzter Zeit zum Grübeln gebracht. Zum einen Bent Branderup, der bei seinem Seminar in Niederösterreich zu Ostern einige Denkanstöße gab.
Mittlerweile gibt es sehr viele Seminare und Fortbildungen für Ostheopathie, Physiotherapie, Körpertrainings usw. Bent kritisierte an dieser Stelle, dass es nicht reiche, sämtliche Knochen, Muskeln, Faszien, Sehnen oder Bänder nach ihren lateinischen Begriffen zuordnen zu können. Oftmals lassen solche Ausbildungen die praktische Erfahrung am Pferd vermissen. 

Der zweite Punkt, der mich zum Grübeln brachte, war die ewige Frage nach der Qualität von Trainern. Eine befreundete Trainerin war über eine alte Ausgabe der Feinen Hilfen gestolpert –  konkret Ausgabe Nummer 10. Darin beschreibe ich das Phänomen des Trainerhoppings aus der Sicht von Reitern. Nachlesen kannst du diesen Artikel hier. Von Trainer zu Trainer ziehen – das kann vielerlei Gründe haben. Manchmal sind Schüler jedoch auch förmlich gezwungen, den Trainer zu wechseln, wenn sich der Trainer zwar als Profi der Selbstvermarktung entpuppt, allerdings nicht als pädagogisch wertvoll. 

Viel Lärm um Nichts

Je komplizierter umso besser. Man kann Reitkunst ganz kompliziert machen oder man kann getreu nach meinem Motto „Einfach Reiten“. Ich finde in den sozialen Medien Beiträge, die vor Fachbegriffen nur so strotzen. Ich lausche fachchinesischen Vorträgen und mustere das Publikum. Ich sehe Verzweiflung, ahnungslose Gesichter und Unbehagen.

Muss man sich als Trainer heutzutage als einzig wahrer Experte positionieren? Mein Schüler, mein Kunde – der Ratlose. Ist dies tatsächlich das anzustrebende Ziel? Ich stolpere immer mehr über Beiträge, die den eigenen Expertenstatus unterstreichen und den Selbstwert des Schülers quasi „killen“. 

Sogar Trainerkollegen berichteten von schlechten Erfahrungen, die sie auf einer Weiterbildung gemacht hatten. Auch dort musste sich der Trainer profilieren, indem er die Wissenslücken des Gegenüber besonders betonte. 

Wie findet man den besten Trainer für sich und sein Pferd? 

An aller erster Stelle steht freilich das Können des Trainers, das die Ausübung des Berufs legitimieren sollte. Wer nichts kann wird schließlich weder vom zweibeinigen, noch vom vierbeinigen Schüler akzeptiert – zumindest ist die Akzeptanz nicht von großer Dauer. 

Ein guter Trainer kann auch zeigen wie es geht – und kennt hier das beste Timing. 

Im Unterricht geht es einerseits um die notwendige Theorie. Warum lernen wir, wann welche Lektion dran ist und welcher Inhalt dieser zu Grunde liegt? Wie kann ich mir den Inhalt eines Schulterherein  nutzbar für die Ausbildung meines Pferdes machen? Was muss ich in einem korrekten Schulterherein sehen – und noch wichtiger – was muss ich fühlen. So bin ich gerne bereit, einem Schüler die technische Seite immer und immer wieder zu erklären oder auch zu demonstrieren. Die wichtige Ebene der Gefühlsschulung kann ich jedoch niemandem abnehmen. Hier helfen Wiederholungen und das Feedback des jeweiligen Trainers. Wann hat man was gut gemacht? 

Mit der Zeit bekommt man durch die Rückmeldung des Trainers und viele Wiederholungen ein Gefühl für das Gute und das Falsche. 

Trotzdem muss ein Trainer auch wissen, wovon er spricht – und worüber er besser nicht spricht. 

So kann man bei mir lernen, wie man sein Pferd in Bodenarbeit, Handarbeit, Longieren, Langer Zügel, Crossover und auch vom Sattel aus korrekt und geschmeidig gymnastiziert.

Ich kenne meine Grenzen sehr gut. Wer Springunterricht nehmen möchte, ist bei mir eben an der falschen Adresse. Ein guter Trainer weiß also wo seine Grenzen liegen und bringt neben seinem Fachwissen ein großes Maß an Kompetenz und Empathie mit. 

Stereotype 

Es gibt auch verschiedene Stereoptype, also Attribute, die „kompetenten“ Trainern gerne zugeschrieben werden. 

Nicht Kompetenz sondern ein großes Mundwerk, Selbstbewusstsein, Dominanz und ein extrovertierter Typ gelten in den Augen der meisten Reiter schnell als guter Trainer. 

Solche Eigenschaften schreibt man auch gerne Führungspersönlichkeiten zu – allerdings auch in der Welt des Business gilt: Wer nichts kann, bringt die Blase bald zum Platzen. 

Ich bin der Größte…

Eine ganz dubiose Legitimation des Trainer Daseins kann auch sein, durch möglichst viel Kritik an Kollegen oder auch den eigenen Schülern aufzufallen. An der Bande schon schlimm genug wird dieses Phänomen ebenso gerne in sozialen Medien weiter getragen. 

Was muss ein guter Trainer können? 

In meinen Augen muss ein guter Trainer fachlich versiert sein – und eine Bereitschaft zur ständigen Weiterbildung mitbringen. Ich selbst besuche bei Bent Branderup heuer vier Seminare, reite aber auch bei meinen Kolleginnen Hanna Engström und Annika Keller.

Mindestens vier bis fünfmal bilde ich mich bei Kollegen auf Wochenendkursen fort und lasse mich aber auch von Trainerkollegen anderer Sparten sehr gerne inspirieren.

In meiner „akademischen“ Familie gibt es viele Spezialisten. Hanna Engström zum Beispiel hat sich dem Sitz verschrieben. Annika lässt ihr Wissen aus Phystiotherapie und Ostheopathie mit einfließen. Ich selbst habe Kommunikationswissenschaften studiert, in meinen Unterricht fließt somit viel Psychologie aber auch Kreativität mit ein. So mache ich mir auch meine Fortbildung in Punkto Schauspiel zu Nutze, um Menschen für ihr Pferd „echt“ und authentisch werden zu lassen. 

Ein guter Trainer muss sich ständig weiter bilden – er muss aber wie schon oben gesagt auch seine eigenen Grenzen kennen. Empathie ist freilich eine wichtige Eigenschaft, aber auch Geduld und die Leidenschaft Fragen zu wiederholen. 

Meine Pferde – meine Visitenkarte

Die meisten Schüler haben den Weg über meinen Blog, über Empfehlungen, Mundpropaganda oder durchs Zuschauen beim Unterricht zu mir gefunden. Immer wieder kamen Schüler auch vor einer ersten Probestunde bei mir vorbei, um mich bei der Arbeit mit meinen Pferden zu  beobachten. Eine ausgezeichnete Sache, wie ich meine. Schließlich sind meine Pferde meine beste Referenz. 

Wie sieht das Pferd eines Trainers aus? Wie ist es bemuskelt? Wie verhalten sich Mensch und Tier im Umgang. Hat man das Gefühl, die beiden sind wirklich gerne miteinander zusammen? Freut sich das Pferd seinen Trainer zu sehen? Wie gestaltet der Trainer die gemeinsame Zeit mit dem Pferd? Wie wirkt das Pferd während des Trainings emotional? Ist es mit Eifer bei der Sache? Freut sich der Trainer an den Fähigkeiten des Pferdes oder sieht er nur die Defizite? Oder überspielt er möglicherweise sogar körperliche Baustellen und hat für alles eine gute Ausrede parat?

Ich bin eigentlich verwundert, dass so wenige Reiterinnen und Reiter die Arbeit eines Trainers mit seinem Pferd nicht vorab sehen wollen. Die eigenen Pferde des Trainers sind schließlich die beste Visitenkarte. 

Und es zahlt sich auch aus, den Trainer immer wieder mal zu besuchen. Meine Schüler können mir im Rahmen sämtlicher Kurse, die ich mit Kollegen veranstalte, ständig über die Schulter schauen. Wer sich neu für die Akademische Reitkunst und meine Arbeit interessiert kann gerne vorab bei uns am Horse Resort am Sonnenhof vorbei kommen und sich ein Bild machen. 

Diesen Rat kann ich sämtlichen Reiterinnen und Reitern nur ans Herz legen – egal welcher Passion ihr mit eurem Pferd folgt! 

Es ist gut, Anfänger zu sein!

Es ist gut, Anfänger zu sein!

Womit fängt man an? 

In der letzten Theorieeinheit am Sonntag beim Seminar in Niederösterreich Ende April erklärt Bent Branderup noch einmal, warum wir nicht mit der Primärhilfe in der Ausbildung beginnen, sondern den „Umweg“ über die Sekundarhilfen auf uns nehmen müssen. 

„Wir haben heute keine Lehrpferde, die unseren Sitz schulen können. Wir müssen die Sekundarhilfe zuerst den Pferden und den Menschen vom Boden aus beibringen“. 

Bent Branderup

Für die Elite? 

Bent Branderup taucht wie immer ein, in die Geschichte der Reitkunst. Früher war die Akademische Reitkunst etwas für Eliten. Sie wurde an den höfischen Reitakademien gelegt, sie war an die Universitäten angeschlossen und die ritterlichen Reitakademien. 

Für die ritterlichen Reitakademien waren die Qualifikationen: Männlich, katholisch und adelig. Das heißt aber nicht, dass man die reiterlichen Fähigkeiten mitbrachte. Heute bin ich unterwegs und staune, welches Wissen sich viele Reiterinnen und Reiter aneignen. Im Gegensatz zu den alten Reitakademien haben wir den Vorteil, das wir nicht fertig werden müssen. 

Nicht fertig werden? 

Ein Raunen geht durchs Publikum. Hat er tatsächlich gesagt, wir müssen nicht fertig werden? 

Richtig, denn früher mussten die Pferde für einen bestimmten Zweck ausgebildet werden. Allerdings konnten sich die Könige von einst ja auch leisten, jahrelang das Pferd in Ausbildung zu geben. 

Bent erzählt nun von Aufzeichnungen aus königlichem Stallinventuren aus dem Jahr 1698, die er durchforstet hat. 

Mit 4,5 Jahren kamen die jungen Pferde ins Gestüt. Wurden dann angeritten und haben die Ausbildung begonnen. Zwischen 12 und 16 Jahren waren die Pferde in der Kür und gingen dann in den Stall des Königs über, wo sie dessen Gebrauchspferde wurden. Nach 10 Jahren im Dienste des Königs kamen die nun rund 25 Jahre alten Hengste in die Hofreitschule, wo sie den jungen Eleven den Reitersitz lehrten. Ein junges Pferd war also mindestens 6 bis 8 Jahre lang in Ausbildung, bevor es quasi in die Nutzung kam. 

Befrei dich vom Zwang

Wir müssen heute nicht fertig werden. Wir haben den Zeit und Luxus, uns im Detail verlieben zu dürfen. Wir können uns eben diese Details aneignen und die Fähigkeiten des Reiters durch die Ausbildung in den Vordergrund stellen. Gerade Pferde, die wir heute als schwierig erachten, schulen uns durch die verschiedenen Facetten der Bodenarbeit prächtig. 

Von einem etwaigen Problem in die Praxis: Ein Pferdebein, das sich in der Luft befindet, kann keinen Widerstand leisten. Daher können wir im Stehen exakt überprüfen, ob ein Pferd eine Hilfe, wie etwa eine Parade auch tatsächlich verstanden hat. Der Widerstand kann sich darin äußern, dass Spannungen im Pferdekörper vorhanden sind – mentaler und physischer Natur. Viele unserer Hilfen sind natürlich darauf bedacht, überhaupt keinen Widerstand zu haben. 

„Wenn das Pferd steht, dann zeigt sich ob das Pferd die Hilfe tatsächlich verSTEHT“. 

Bent Branderup

Diese detailverliebte Arbeit wird von Vorteil, wenn der Reiter viel über Hilfengebung und Sitz lernen kann. In der Bewegung kommt dann noch Schwung dazu. Im Stand entwickeln wir Reiter jedoch ein präzises Gefühl für die Gewichtsverteilung auf den vier Pferdebeinen. Gleichmässig? Immer zu einer Seite hin verschoben? Kann das Pferd ein Hinterbein etwa gar nicht belasten und weicht mit der Hinterhand aus? Somit lässt sich laut Bent Branderup schon im Stand überprüfen, ob das innere Hinterbein später im Galopp zum Tragen kommen wird – oder eben nicht. 

Die Luxus-Longe

Bent erzählt von seiner eigenen Ausbildung. Bei den verschiedensten Lehrmeistern oft Tage- oder Wochenlang an der Longe zu reiten war Luxus, allerdings ist das heute auch ein nicht leistbarer Luxus. Denn wer hat heute noch eine Hofreitschule? 

„Früher schon kostete es ein Vermögen, geschulte Reiter auszubilden. An den Reitakademien bekamen die Professoren für Reitkunst übrigens die höchsten Gehälter. An der Uni Göttingen verdiente ein Reitkunst Professor das doppelte und in Dresden das Fünfache im Vergleich zu einem Professor für Architektur.“

Bent Branderup

Wir müssen heute also andere Wege finden, um Reiter auszubilden. Und eine Möglichkeit, die Bent hier nennt, ist sich selbst zu longieren.  

Bent Branderup erklärt, dass die akribische Ausbildung auf dem Zirkel vor allem für den Reiter dienlich ist. Dieser kann sich auf viele Details im eigenen Körper konzentrieren. Wir können uns an der Longe vorstellen, wie es sich anfühlen müsste. So können wir langfristig unser Gefühl dahingehend schulen, um später zu beurteilen, was etwas der bessere und was der schlechtere Schritt war. Wie hat sich die Gangart angefühlt? 

Das Richtige muss verstanden werden gegenüber dem Falschen. Oder das Bessere gegenüber dem nicht ganz so Guten. Wie fühlt sich das an und wie sieht es aus? Was man zuerst in der Bodenarbeit sehen kann, nimmt man später durch die ausführliche Schulung des Gefühls mit in den Sattel. 

So nehmen wir eine laterale Verschiebung oder eine diagonale Verschiebung im Schritt unter uns war. Bei der lateralen Verschiebung bewegt sich das Pferd passartig, bei der diagonalen Verschiebung eher in Richtung Schulschritt. 

Ein einmal geschultes Gefühl bleibt dem „Sitz“ haften. 

So erzählt Bent Branderup von seiner Zeit auf Island und den unterschiedlichsten Tölt-Kulturen, denen er später begegnete. 

„Ich habe ein Jahr lang auf Island mit Pferden gearbeitet. Wir haben Pferde oder auch Schafe getrieben. Daher kann ich heute den Islandpferdereitern sagen, wenn man mit dieser Reitweise keine Schafe mehr treiben kann, dann habt ihr eure Kultur verloren. Wenn man Tölt nicht mehr im schwierigen Gelände reiten kann, dann bin ich uneinig wenn man heutige Töltinterpretationen nur mehr auf festgebügeltem Boden reiten kann. 

Wir haben verschiedene Interpretationen. Tölt hat man in der Südamerikanischen Tradition sicherlich anders definiert als in der Isländischen. Und genau so ist es mit anderen Dingen. Die großen Meister der Akademischen Reitkunst waren auch Vorbild für die HDV12. Aber man muss wissen, dass Steinbrecht nie ein Gebrauchspferd ausgebildet hatte. Steinbrecht hat Zirkuspferde ausgebildet. Um ein solches Pferd zu erwerben, musste man sich erstmal bewerben – und das taten die Leute sogar aus den USA“. 

Bent Branderup

Bent Branderup zeigt den Weg von Gustav Steinbrecht. Dieser war Schüler von Luis Seeger und dieser wiederum Schüler von Max Ritter von Weyrother, seines Zeichens Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule in Wien. 

Als dann später die HDV12 entwickelt wurde, kamen die besten Reiter ihrer Zeit zusammen und haben eine Reitweise „gebastelt“, die eine Anleitung bieten sollte, wie man so rasch wie möglich ein gutes Gebrauchspferd ausbildet. Allerdings war das Problem: 

Minimalismus

Minimalismus ist ein Privileg der Meister. Warum das so schwierig ist, erklärt Bent Branderup am Beispiel von Stellung und Biegung. 

Der Anfänger muss zu Beginn etwas übertreiben, damit man überhaupt sehen kann, ob das gewünschte Ergebnis da ist. Eine ganz leichte Stellung und Biegung ist schwieriger wahr zu nehmen. Man kann zu Beginn in der Übertreibung leichter sehen, ob das Genick im Konter zur Schulter steht, oder der Hals an den verschiedensten Stellen verbogen ist. Zunehmend entdeckt der Reitschüler dann, was übertrieben war und wo man reduzieren kann. Das gilt für viele Dinge. 

Zuerst müssen wir wahrnehmen können. Seitwärts ist auch nicht unbedingt gleichzusetzen mit guter Qualität von Seitwärts. Dafür brauchen wir aber auch eine Grundidee von Biomechanik aus der Theorie. Diese ist die Basis, um zu verstehen, was unser Pferd so besonders macht. Hat das Pferd Probleme mit den Knien? Hat es Probleme in den Sprunggelenken? Bewegen sich die Hüftgelenke in eine falsche Richtung? Gibt es gar Probleme im Rücken. 

Zuerst steht also immer die Analyse und dann einen Inhalt für unser Pferd. Wir müssen unserer Reise damit beginnen, was das Pferd kann. Wenn wir also zu Beginn sehr ruhig reiten, dann haben wir Zeit zu spüren und setzen das Pferd nicht starken Kräften der Beschleunigung und Entschleunigung aus. Wir erinnern uns an dieser Stelle an den ersten Theorieteil und die Probleme im Bereich des Schultergürtels. Wer mag kann nochmal hier nachlesen. 

Wir reiten zum Schutz unserer Pferde ruhig – später können wir mehr Energie hinzufügen. 

Jeder fängt als Anfänger an – aber nicht auf Facebook

Bent kritisiert die Unkultur in sozialen Medien, alles anzugreifen, was nicht perfekt ist. Das macht doch das Anfänger Dasein umöglich. Dabei kann der Anfänger doch noch gar nicht perfekt sein. 

Also nehmen wir uns die Ruhe, um unser Pferd zu analysieren. Wie fußen die Hufe auf? Was ist für die Gelenke gesund, was ungesund. Wenn das Pferd für uns nicht bequem ist zu sitzen, dann ist es für sich selbst nicht bequem. 

„Wir sind für dei Kunst zweckbefreit, aber leider auch zweckentfremdet. Deswegen reiten wir Lektionen nicht, damit das Pferd darin besser wird, sondern es ist wichtig, es ist wichtig, jede Lektion in ihrem Nutzen für das Pferd zu definieren. Nicht die Lektion muss besser werden, sondern das Pferd, dann war es richtig“

Bent Branderup

Schau in den Spiegel

„Wird eine Lektion nur dafür verwendet, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mal mögen? Menschen verwenden das Geld, das sie nicht haben, um Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen, um damit Leuten zu imponieren, die sie nicht mal mögen. Wenn wir so reiten, dann muss man sich zwangsläufig fragen, warum wir überhaupt Pferde haben. Menschen spiegeln sich in den Augen von anderen Menschen. Klar hat man eine Freude daran, anderen zu imponieren. Das ist ziemlich menschlich. Daher mögen wir auch ein Pferd, das uns besonders gut aussehen lässt. Aber dann sollten wir uns fragen, was ist Verliebtheit? Wir reiten ja unseretwegen, wegen der guten Zeit mit dem Pferd“. 

Bent Branderup

Übung macht den Meister

Wenn wir üben, dann werden wir auch Fehler begehen. Das macht nichts, solange wir die Fehler erkennen und an ihnen wachsen. Wenn man in sozialen Medien andere Reiter ausrichtet, dann kann man sich dadurch besser fühlen – man wird davon aber nicht besser. 

Selbsterkenntnis ist die Grundvoraussetzung, um weiter zu kommen. Auf dem Weg zur Reitkunst muss man daher immer wieder die eigne Ist Situation von Mensch und Pferd analysieren. Was kann man gut, was kann man weniger gut? Wo gibt es Probleme? Woran kann man wachsen? Daraus definieren sich die Inhalte der Ausbildung für PFerd und Mensch. 

Die Sache mit dem Jonglieren

Wer Jonglieren will, fängt auch nicht mit vielen Bällen gleichzeitig an. So ähnlich ist es auch mit der Sekundären Hilfengebung. Wir lernen ein Set an Hilfengebung, aber wir müssen eine Hilfe nach der anderen hinzufügen und uns immer wieder fragen: Bringt diese Hilfe gerade etwas? Wer schon mal unterscheiden kann zwischen den Hilfen von Unterschenkel, Oberschenkel, der Einwirkung von Hand und Zügel, den Gewichtshilfen, dem physischen und statischen Sitz, der hat schon ziemlich viele Bälle in der Luft. 

Die gute Nachricht

Nicht Talent ist ausschlaggebend, sondern Leidenschaft. Wer mit Passion dabei ist, dem wird beim Üben nicht langweilig. Und man darf nicht vergessen – wir müssen nicht reiten – wir dürfen. 

Unter den wachsamen Augen von Bent Branderup reiten wieder 8 Reiterpaare in Graz, am 29. und 30. Juni 2019, wenn wir uns bei diesem Themenseminar dem Sitz widmen werden. Viele verschiedene Pferderassen und unterschiedliche Themen in der Ausbildung sind vertreten. Zur Vorstellung der Reiter auf Facebook geht es hier..

Neugierig geworden? Dann teile mit uns deine Leidenschaft und sichere dir unter diesem Link die letzten Zuschauerplätze! 

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