Warum ich mir eine Auszeit gönne

Warum ich mir eine Auszeit gönne

Die Tage sind kurz, die Sonne steht tiefer. Kurz vor dem Jahreswechsel erfreuen wir uns an besonderen Winter- und Vorweihnachtsmomenten. Doch nicht jeder fühlt die stille Zeit vor Weihnachten. Ich zwinge mich zu einer Auszeit.

Durchatmen

Es ist nun genau ein Jahr her, seit ich meine erste Reise nach Gotland zu meiner lieben Kollegin Hanna Engström angetreten habe. Bereits vor einem Jahr habe ich die Stille und Einsamkeit auf Gotland genoßen. Von den rund 57.000 Einwohnern der schwedischen Insel habe ich nämlich im Vorjahr nicht viel mitbekommen. Nachts war es unheimlich still und unheimlich schwarz. Keine Lichter von großen Städten, die das Dunkel der Nacht beeinflussen. Kristallklare Luft und feurige herzerwärmende Sonnenuntergänge an den Stränden der Insel. Das ist meine ganz persönliche Auszeit.

Ich habe das riesige Glück, dass ich meine Leidenschaft zu meinem Beruf machen konnte. Ich verbringe den ganzen Tag mit Pferden oder Menschen, die nicht nur einfach reiten wollen, sondern sich ehrlich um das leibliche und seelische Wohl ihres Pferdes kümmern – von ganzem Herzen. Eine tolle Sache, die aber freilich nicht jeden Tag um Punkt 17:00 endet. In unserer schnelllebigen Zeit ist es ohnehin selten so, dass man quasi mit Dienstschluss den Laptop schließt und für den Rest der Welt unerreichbar bleibt. Da geht es uns wohl allen so.

Alles im Takt?

Ich habe in vielen Beiträgen die Alten Meister zitiert, wenn es um den Reitertakt geht. Reitertakt, das bedeutet eine Einstellung zum Pferd, ein gewisses Taktgefühl, wenn es um das Miteinander geht.
Soziale Medien, permanente Verfügbarkeit, eine schnell geschrieben Nachricht oder Mail – all das beeinflusst auch unseren ganz persönlichen Takt. Gegen Ende des Jahres, wenn ich noch versucht habe alle Terminwünsche möglich zu machen, Artikel- und Buchprojekte zu finalisieren, da war ich schon manchmal recht atemlos. An manchen Tagen habe ich mir daher bereits mit meinen Pferden eine sehr erholsame Auszeit genommen. Einfach die Novembersonne der letzten Wochen genießen und meine Pferde auf der Koppel beobachten – das war schon eine wunderbare Sache. Manchmal merkt man es aber zu spät, wenn man aus dem Takt gerät. Wir brauchen aber unsere innere Ausgewogenheit, gerade im Zusammensein mit den Pferden.

Zum Glück haben meine Pferde am Horse Resort am Sonnehof die Möglichkeit sich ausreichend zu bewegen, unter Pferden in einer großen Herde unterwegs zu sein. Ich „muss“ sie also nicht bewegen, wie das vielleicht in anderen Ställen der Fall wäre.

Damit ich nun also wirklich „Ruhe“ gebe, gönne ich mir in den nächsten Tagen eine kleine Auszeit bei Hanna Engström. Wieder mal. Na gut, es wäre keine Auszeit und es wäre nicht ich, wenn es da nicht doch um das Thema Pferde ginge 😉 den heutigen Blog poste ich noch zwischen Tür und Angel – auf meiner letzten Unterrichtstour für das heurige Jahr.

Gerade in den letzten Wochen des Jahres ist ein wenig Durchatmen und Verschnaufen erholsam.

Die kleine Auszeit kann man sich aber auch immer wieder mal beim Meditieren verschaffen:

Als kleine Inspiration dazu gibt es auch einen Artikel zum Nachlesen.

Vielleicht kann jetzt nicht jeder „Last Minute“ nach Gotland reisen – aber vielleicht kann ich mit meinem heutigen Artikel und der Anregung zur Meditation einladen, sich selbst ein wenig Zeit für sich zu nehmen und mal eine Auszeit von der alltäglichen Hektik zu nehmen.

Zum Reiten lernen gehört auch unsere eigene Losgelassenheit.

Nicht immer gibt es unbedingt „etwas zu tun“. Das bemerke ich auch bei meinem jungen Conversano Aquileja I aka „Konrad“. Der junge Lipizzaner würde am liebsten täglich etwas Tun und Lernen. Oft ist es aber auch ganz gut, die jungen Pferde, Pferde sein zu lassen. Daher drücken wir sehr wenig die Schulbank und haben einfach auch mal eine gute Zeit – einfach so – gemeinsam im Wald oder auf der Koppel, wenn ich ihn beim Spielen mit seinen Freunden beobachte. Konrad „verdaut“ dann das Gelernte wirklich sehr gut, nicht immer ist es die Quantität in der „Arbeit“ mit dem Pferd, sondern die Qualität.

Ich wünsche in diesem Sinne ein paar ruhige Tage und nicht allzu viel Hektik im jährlichen Vorweihnachtsstress.

Achten wir auf unseren persönlichen Takt, dann klappt es auch mit dem Reitertakt.

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Ein Lipizzaner geht zur Schule

Ein Lipizzaner geht zur Schule

Führübungen, erste Bodenarbeit und das Kennenlernen der Zügel- und Schenkelhilfen. Ein Lipizzaner lernt das Reitpferde ABC.

Mehrmals im Monat muss ich mich losreißen und die schöne gemeinsame Zeit mit meinem Connversano Aquileja I – oder Konrad – wie er nun von allen gerufen wird unterbrechen.

Konrad ist nun seit Ende Mai bei uns auf dem Sonnenhof in Hart bei Graz und hat sich seit seinem Umzug aus Piber rasch eingelebt. Wie man Türen aufdrückt oder das Gitter an den Heuraufen hebt, um gemeinsam mit dem spanischen Kumpanen „Idolo“ möglichst viel Heu aus der Raufe zu werfen – all das hat der kleine graue Herr bereits intus. Und natürlich wie man mich um den Finger wickelt.

Im September gab es für uns richtig gute Nachrichten: Nach der Kastration im Mai kam es zu einer Entzündung. Diagnostiziert wurde die mögliche Bildung einer Samenstrangfistel. Nach der Gabe von Antibiotika machte uns die Tierärztin wenig Hoffnung, ein zweiter Operationstermin wurde bereits für Oktober geplant. Konrad ließ sich die Wunde jedoch sehr artig versorgen. Ob Bestrahlung mit Rotlicht, Wundsäuberung, Spritzen und Kühlung – er ließ alles über sich ergehen, obwohl die Begeisterung enden wollend war. Die Entzündung führte auch dazu, dass er mit einem Hinterbein kürzer getreten war.

Meine liebe Kollegin Andrea Harrer aus Salzburg versorgte uns in dieser Zeit mit homöopathischen Tipps – und scheinbar hat es geholfen: Im September konnte dann Entwarnung gegeben werden. Keine Entzündung. Keine Fistel. Nun wurde noch ein „Wellness-Termin“ für Konrad vereinbart, um etwaige Blockaden und Muskelverspannungen zu lösen.

Die Einschulung beginnt

Im Sommer waren wir viel spazieren aber wir haben auch schon ein wenig Bodenarbeit gestartet. Bei den ersten Führübungen zeigte sich bereits, wie gut der kleine Lipizzaner auf mich und meinen Körper achtet. Gemeinsames Losgehen, Anhalten, Rückwärts und wieder Vorwärtslaufen – all das war sehr rasch kein Problem. Diese Übungen haben wir dann auch aus der Halle mit ins Gelände genommen. Auf der stalleigenen Hausrunde haben wir bergauf und bergab getestet, wie gut die Kommunikation gelingt. Ich muss gestehen, Konrad überraschte mich durch seine Konzentrations- und Aufnahmefähigkeit jedesmal aufs Neue.

Schulterkontrolle

Konrad lernte zunächst also die seitliche Führposition kennen. Dass er es nicht gewohnt war, von rechts geführt zu werden, zeigte er durch einen skeptischen Blick – danach war die Sache aber schon weniger unheimlich und wir konnten unser Programm in gleicher Qualität auch von rechts geführt ausprobieren. Auch Handwechsel waren kein Problem. Bei den Handwechseln aus seitlicher Führposition gehe ich folgendermaßen vor: Wenn ich neben dem Pferd vorwärts laufe, gehe ich nun die gleiche Strecke rückwärts in Richtung Schweif zurück und lade das Pferd zu einer Wendung auf mich zu ein. Während ich rückwärts laufe wechsle ich bereits Gerte und Strick in der Hand, bleibe dann einen Moment stehen und zeige auf die neue innere Schulter des Pferdes. Konrad verstand sofort auf das Zeigen der Gerte hin, die innere Schulter etwas nach außen zu nehmen. Sobald wir uns wieder auf gleicher Höhe befanden konnte es wieder nebeneinander weitergehen.

Bei allen neuen Anfragen an das Pferd, sei es ein Handwechsel, ein gemeinsames Halten oder vorwärtsgehen, achte ich sehr darauf, das Pferd nicht zu überrumpeln. Es gibt Trainer, die sich wünschen, dass das Pferd auf Knopfdruck funktioniert. Ich möchte auch durch leise Signale eine relativ prompte Reaktion des Pferdes erreichen, allerdings möchte ich auch für das Pferd gut vorhersehbar sein – soll heißen – ich bin gerade zu Beginn der Ausbildung einer der „schlechtesten Schauspieler“ auf der Welt. Ich mache mir große Gedanken darüber, wie beispielsweise ein Anhalten in meinem Körper aussehen muss. Dafür zerlege ich alle Schritte in Einzelteile: Wie die Energie in meinem Körper abnimmt, wie ich mich vielleicht sogar ein wenig sinken lasse, meine „Hanken“ beuge, ausatme und sehr bewusst anhalte. Je besser ich mir der Bewegungsabläufe bewusst bin, umso eher kann ich meinem Pferd zeigen, was ich von ihm möchte. Manchmal gehe ich auch ein gemeinsames Angehen in Zeitlupe durch. Ich stehe neben dem Pferd und verlagere meinen Schwerpunkt langsam nach vorne – das Pferd hat dann auch Zeit darauf zu reagieren. Wir stellen dem jungen und unausgebildeten Pferd eine Frage und erwarten eine sofortige Antwort. Von einem Kind in der Grundschule würden wir bei den ersten Rechenversuchen ja auch keine Antwort, wie aus der Pistole geschossen erwarten. Wir geben unserem Schüler Zeit, unsere Frage aufzunehmen, darüber nachzudenken und die Antwort gut zu formulieren.

Von der seitlichen Führposition ging es dann in die Bodenarbeitsposition, wobei ich noch keinen Kontakt direkt zum Kappzaum aufgenommen habe. Das Bodenarbeitsseil hielt ich locker in meiner rechten Hand, in der linken Hand die Gerte. Nun lief ich erstmals rückwärts auf der rechten Hand. Ich rechnete damit, dass Konrad auf der einen Seite möglicherweise in den Zirkel hinein, auf der anderen Seite aus dem Zirkel heraus vergrößern würde. Seine Balance zwischen den Schultern war jedoch so gut, hier musste ich fast keine Korrekturen vornehmen. Konrads Kopf blieb parallel zu meinem Oberkörper, ich fühlte mich nie geschoben oder bedrängt – wenn er mir für meine Begriffe zu nahe kam, konnte ich rechtzeitig durch ein „Größermachen“ oder ein sanftes Schütteln des Bodenarbeitsseils zu erkennen geben, dass ich mir mehr Abstand wünschte.

Nach und nach konnte ich den inneren Schenkel hinzufügen. Zunächst aus der Schulterkontrolle in Bewegung, dann auch im Stand. Konrand lernte auf eine Berührung des inneren Schenkels – in dem Fall durch die Gerte den Kopf zu senken und sich zu entspannen. Diese Übung gelang auch bald ohne Gerte. ich konnte mich vor seinem Kopf oder neben seiner Schulter positionieren. Wenn ich ausatme und mich entspanne, dann senkt Konrad ebenso den Kopf und manchmal schnaubt er sogar dabei ab.

In der Bewegung ließ sich Konrad ebenso sehr rasch vom inneren Schenkel lösen und bald konnten wir auch ein paar Schritte leichtes Schultervor erarbeiten.

Eines Tages stellte ich mich mitten in der Halle auf und zeigte mit der Gerte in Richtung äußerer Hüfte meines braven Schimmels. Hier kommt mir sein aufgeschlossenes Wesen und seine extreme Ausgeglichenheit auch sehr entgegen – egal wo ich die Gerte zeigend einsetzte – Konrad war nie misstrauisch oder nervös. Ich zeigte also diesmal über den Rücken in Richtung äußerer Hüfte und berührte ihn leicht mit der Gerte. Ich selbst war auf der Höhe der Schulter positioniert. Zu Beginn Ratlosigkeit, als ich mich jedoch selbst auf der Stelle bewegte, bewegte Konrad seine Kruppe ein wenig auf mich zu.

Tolles Ergebnis – vor Freude ausflippen – viel Lob und zurück auf die Koppel.

Wir haben oft nur zehn Minuten in der Halle miteinander gespielt – Konrad versteht so schnell und ich habe es wirklich nicht eilig. Mit dem Herbst kam dann endlich auch die kühlere Jahreszeit und so konnten wir unsere Spaziergänge ein wenig ausdehnen.

Ende Oktober war dann mein lieber Kollege Jossy Reynvoet bei uns. Wir haben uns dann mit verschiedenen Longenpositionen gespielt. Für Konrad, der inzwischen den inneren und äußeren Schenkel durch Zeigen mit der Gerte verstanden hat ist es keine große Sache, ob ich vor oder neben ihm für diese Hilfen stehe. Aus der Longenposition haben wir uns dann beim Kurs mit den Wechseln zwischen Schulterherein in Dehnungshaltung und etwas Kruppeherein gespielt.

Im Oktober hatten wir im Stall auch Besuch vom Sattler. Diese Gelegenheit haben wir gleich am Schopf gepackt und Konrad einen Sattel gezeigt. Er kennt ja bereits Regendecken oder Dualgassen auf seinem Rücken – fand er alles nicht sonderlich beeindruckend. Ich bin von der Ruhe und Gelassenheit des kleinen Lipizzaner nach wie vor extrem begeistert. Daher liegt mir auch seine Begeisterungsfähigkeit sehr am Herzen. Eigentlich hören wir für Konrads Geschmack immer viel zu früh mit der „Arbeit“ auf.

Obwohl Freund Idolo schon längst am Zaun steht und auf Konrad wartet, bleibt mein kleiner Lipizzanerbub lange am Zaun stehen und brummelt mir nach.

Ich möchte mir in der Ausbildung und den nächsten Schritten weiterhin viel Ruhe und Zeit lassen. Daher haben wir auch die sonnigen Novembertage für viele Spaziergänge genutzt – oder ich habe mir die letzten Sonnenstrahlen auf der Koppel auf den Buckel scheinen lassen – und Konrad auch. Wir haben also schon mal ein gemeinsames Hobby – das heißt: Zeit gemeinsam in der Sonne schön verbringen.

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PS: Konrad ist übrigens nicht der einzige Lipizzaner, der mich begeistert. Mittlerweile darf ich einige tolle Menschen mit ihren Lipizzanern  begleiten – auch in Slowenien wo ich am Hof der Lipizzaner von Angelika Pristov und auch bei Nina Peternel vom Hause Barbana einige Rohdiamanten kennen lernen durfte 🙂

Dehnungshaltung – Ja oder Nein

Dehnungshaltung – Ja oder Nein

Dehnungshaltung – Ja oder Nein? Oder: warum bilden wir nicht gleich individuell aus?
Für das Bookazin „Feine Hilfen“, Ausgabe Nr. 19 habe ich zu dieser Frage einen Artikel geschrieben.

„Während der ersten Ausbildung im Trab darf man weder versuchen, dem Pferd ein gutes Maul zu machen, noch seinen Kopf in eine bestimmte Stellung zu bringen. Hiermit muss man warten, bis es sich gelöst hat und die Leichtigkeit erlangt hat, mühelos auf beiden Händen zu wenden. Dadurch wird man ihm die Empfindlichkeit im Maul erhalten, weswegen auch der Gebrauch der Trense am Anfang besonders vorteilhaft ist, denn sie liegt sehr wenig auf den Laden und wirkt überhaupt nicht auf das Kinn, einem sehr zarten Teil ein“…

So schreibt François Robichon de la Guérinière im 18. Jahrhundert. Erst neulich habe ich den Spruch gehört: Wer schreibt, bleibt. Und ja, die Schriften der alten Meister haben in so vielen Belangen heute noch ihre Gültigkeit. Wer sich durch Xenophon, Pluvinel, Guérinière und Steinbrecht „büffelt“ bekommt genügend Ideen für Leichtigkeit, Balance und Reitkunst.

Vom Leichten zum Schweren

Wir Reiter neigen allerdings auch ganz gerne dazu, uns Vorschriften machen zu lassen. Hinterfragen wir diese! Warum haben die alten Meister welche Inhalte wie formuliert?

Ein Pferd ist ein Pferd? Mitnichten. Denn schon bei der Selektion zu Reitpferden machte man etwa zu Pluvinels Zeiten große Abstriche. Die jungen Pferde wurden in der Reitbahn freigelassen und beobachtet. Ein Pferd, das nicht von Haus aus im leichten Kruppeherein durch die Ecken lief und mit dem Gewicht auf der Hinterhand bremsen konnte, hatte keine Karriere als Reitpferd vor sich. Und die Pferde, die bei Pluvinel zum Reitpferd auserkoren wurden? Der französische Meister bildete seine Pferde vorwiegend am, um und zwischen den Pilaren aus. Ein Vorwärts-abwärts im Sinne, wie wir es heute verstehen, wurde nicht erarbeitet, wohl aber wurde auf die Leichtigkeit an der Hand bzw. die Bereitschaft der gebenden Hand zu folgen Wert gelegt.

Pluvinel hinterlässt uns vor allem eine großartige Pädagogik, mit mehrfacher Betonung die Individualität des vierbeinigen Schülers in den Vordergrund zu stellen:

„Es bleibt dem klugen und erfahrenen Reiter überlassen, die wichtigsten Grundlagen nach Bedarf mit Vorsicht und Einfühlungsvermögen bei seinem Pferd anzuwenden. Er wird dabei die Übungen verlängern, verkürzen oder verändern, je nachdem, was er als notwendig erkennt“. (Antoine de Pluvinel)

Zu tief? Zu hoch?

An wen ist also die Frage „Dehnungshaltung – ja oder nein“ gerichtet? An einen Ausbilder, der (so lautet zumindest unsere Annahme) sein Handwerk versteht, das junge Pferd somit ausreichend auf das Reiten vom Boden aus vorbereitet hat. Dieser Ausbilder wird sein Pferd kennen. Und zwar die physischen Voraussetzungen, wie auch seinen Geist.

Der kundige Ausbilder wird auf die Frage vermutlich antworten: Dehnungshaltung ja – oder anders gesagt: Erarbeitung einer Abkürzungsbereitschaft der Unterlinie und Dehnungsbereitschaft der Oberlinie, aber unter Beachtung aller biomechanischen Gesetzmäßigkeiten in Korrelation mit den körperlichen Voraussetzungen des auszubildenden Pferdes.

In der Praxis überwiegen jedoch die gemeinsam lernenden „Mensch-Pferdepaare“. Gustav Steinbrecht beklagt in seinem „Gymnasium des Pferdes“ bereits in der ersten Auflage von 1884 den Mangel an Reitakademien, in denen unerfahrene Reiter auf sehr erfahrenen Pferden den Sitz und vor allem das Reitergefühl schulen konnten.

Zwei Geister müssen wollen, was zwei Körper können – diesen Satz ruft Bent Branderup auf seinen Theorievorträgen immer wieder in Erinnerung.

 

„Jeder Reiter aber formt ja einmal in seinem Leben ein Pferd erstmals, das heißt, hierin noch ohne eigene Erfahrung. Je früher der Reitschüler also unter Anleitung mit der Wirkungsweise seiner Hilfen und ihrem eigentlichen Zweck vertraut gemacht wird, desto besser.“ (Egon von Neindorff)

Zumindest ein Geist muss also unbedingt wissen, was der auszubildende Körper überhaupt in dem Moment kann. Selten werden Pferde heute nach Pluvinels Methode hin selektiert. Meist entscheidet unser Herz oder der Bauch beim Pferdekauf. Das ist auch grundsätzlich in Ordnung, schließlich geht es ja darum, mit dem geliebten Pferd Zeit schön zu verbringen.

Das einzige Pferd, das sich bekanntlich nach dem Lehrbuch verhält, das steht im Lehrbuch drin und nicht auf unserer Koppel.

Wir kennen Diskussionen rund um das Bildungssystem. Wir kennen den Ruf nach Spezialisten, die Kinder möglichst früh und möglichst individuell fördern sollen. Wir müssen also jetzt zum Spezialisten für unser Herzenspferd werden. Vor allem dann, wenn unser ausgewähltes Pferd möglicherweise nicht der Spezialist für die Sparte der Reiterei ist, die wir für uns auserkoren haben.

Wir können die vielen Grundsätze aus der Geschichte der Reitkunst noch heute in Punkto Biomechanik und Pädagogik beachten. Wir müssen uns aber auch immer wieder in Erinnerung rufen – egal aus welcher Epoche die alten Meister zu uns sprechen: Sie hatten damals andere Pferde zur Verfügung und nutzten sie zu anderen Zwecken als wir heute. Auch der Zweck beeinflusst(e) die Methode stark.

Egal welchen Zweck wir also heute verfolgen, wir komme nicht umhin uns mit der Theorie zu beschäftigen. Natürliche Schiefe? Balance? Was bedeutet Losgelassenheit wirklich? Warum reiten wir eigentlich diese Seitengänge? All diese und viele weitere Fragen zu erörtern lohnt sich, bevor man die Frage nach pro und contra der Dehnungshaltung bearbeitet.

Ist mein Pferd zu stark auf der Vorhand, rollt es sich ein? Läuft es bereits über dem Tempo? Überwiegt der Schub?

 Das eine Pferd bringt vielleicht ein so gutes Vorschwingen der Hinterbeine unter die Körpermasse mit, dass ein korrektes Vorwärts-abwärts mit einer gedehnten Oberlinie sofort gelingt. Das nächste Pferd ist indessen so vorhandlastig und schiebt seine Masse schwer über die Vordergliedmaßen, so dass eine Arbeit im Vorwärts-abwärts in Bewegung eher weniger zielführend ist. Hier ist ein anderer Weg zu gehen.

 Weg vom Schema!

Sein oder nicht sein – dehnen oder nicht dehnen? Jede Möglichkeit zur Ausbildung muss wie ein einzelnes Werkzeug betrachtet werden. Es wäre daher nicht richtig, immer nach einem Schema F auszubilden. Pferde lassen sich nicht in Schubladen stecken – und wir auch nicht. Wer gedanklich in die eigene Vergangenheit reist und beim Turnunterricht in der Schulzeit innehält, wird sich vielleicht an die eigenen Stärken, aber auch an die Schwächen erinnern. Ein Schüler springt besser weit, der andere hoch, der dritte ist ein guter Sprinter, der vierte besser auf langen Strecken.

Wir pressen aber unsere Pferde gerne in Schemata. Wir sollten uns aber unbedingt fragen, warum was geschrieben wurde und in welchem Zusammenhang welche Ratschläge uns von den alten Meistern hinterlassen wurden.

Literatur studieren, den individuellen Weg wählen

Wir haben also eine Vielzahl an Werken, die wir studieren und hinterfragen können. Wo finden sich bei den alten Meistern die Gemeinsamkeiten – wo die Unterschiede? Wer liest, lernt, analysiert, fühlt und beobachtet, der hat einfach auch mehr Möglichkeiten, die korrekte Herangehensweise in der Ausbildung seines Pferdes zu wählen.

Auf Basis dieses Wissens heißt es dann: den Reitlehrer löchern, das Gefühlte in Fragen übersetzen. Wir können uns einen „Vokabelschatz“ zurecht legen, der uns als Dolmetscher für unser Pferd zur Verfügung steht. Pluvinels und Steinbrechts Pferde finden wir in den Büchern. Unser Pferd steht auf unserer Koppel. Lernen wir mit Hilfe der Alten Meister zu beurteilen, welche physischen Begebenheiten uns bei der Ausbildung erwarten werden. Was tun bei einem zu hoch oder tief angesetzten Hals? Steinbrecht liefert in seinem Gymnasium des Pferdes ein Sammelsurium an Erfahrungen und wertvollen Hinweisen. Setzen wir unser biomechanisches Puzzle mit dem Wissen der alten Meister zusammen, aber hinterfragen und analysieren wir jeden Schritt. Werden wir zum individuellen Pädagogen für unser Pferd!

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Frag Bent Teil 7

Frag Bent Teil 7

Einfach mal schnell eine Frage direkt an Bent Branderup stellen? Ja das direkt via Facebook!
In der Frageserie ist jeder herzlich eingeladen, seine Frage zu posten. Einmal im Monat gibt es eine kurze Videobotschaft. In meinem Blog liefere ich euch die Übersetzung:

Diesmal geht es in der Frage um möglichen Gangsalat: 

Wie würdest du den Tölt eines passigen Isländers verbessern? 

Normalerweise arbeiten wir ein Pferd in den Basisgangarten Schritt, Trab und Galopp. Theoretisch wollen wir den Tölt in der Akademischen Reitkunst einen „running walk“ nennen, also einen gelaufenen Schritt. Manchmal scheint der Tölt aber wie ein gebrochener Trab. Eine Gangart zu runinieren, um eine andere Gangart zu bekommen ist aber in meinen Augen keine Verbesserung. In vielen Fällen sprechen Reiter von einem Fünfgänger, allerdings hat ihr Pferd nur fünf Variationen von Pass. Bei der an mich gestellten Frage lese ich zwischen den Zeilen, dass das Pferd möglicherweise eine Tendenz hat, im Pass zu gehen. Die Wirbelsäule ist hier möglicherwiese steif, wir brauchen daher Durchlässigkeit, und die Fähigkeit für Dehnung und Biegung, Durchlässigkeit im Vorgriff der Hinterhand. Theoretisch wäre der Tölt genau in der Mitte zwischen Trab und Pass. Ein Pferd mit mehr Pass würde dann mehr Trab im Gang benötigen. Wenn der Pass aber  in der Realität durch Rückenschmerzen oder andere Probleme entsteht, dann stimmt diese Theorie nicht mehr ganz. Ich bevorzuge den Tölt also einen gelaufenen Schritt zu nennen, dann wäre es ein sauberer, kein gebrochener Gang. Man muss sich aber immer das individuelle Pferd ansehen.

Passend dazu ist auch die Frage nach dem Lizenzierten Branderup Trainer:

 

Was muss ich machen, um ein lizenzierter Bent Branderup Trainer zu werden?

Um ein lizenzierter Bent Branderup Trainer zu werden muss man zuallererst selbst ein guter Reiter sein. Das heißt, ich erwarte mir von der Person mindestens das Wappenträger-Leveln innerhalb der Ritterschaft; das wäre ein Level, wo ich denke, man ist selbst soweit einen Schüler bis zu dieser gleichen Stufe hin auszubilden. Vor dem Wappenträgertest muss man auch den Bodenarbeits- und Longentest absolviert haben; der Wappenträgertest ist dann eine Überprüfung der Entwicklung des Reitersitzes. Hier lautet die Frage, wie man den Sitz als ein Werkzeug einsetzen kann und ob man das Pferd in sämtlichen Lektionen tatsächlich vom Sitz aus führen kann. Die Longe ist ein Werkzeug, ebenso die Bodenarbeit und der Crossover zum Langen Zügel- Man muss all diese Techniken selbst beherrschen und einen Test darüber bestanden haben. Man muss aber natürlich auch gut darin sein, diese Inhalte anderen Personen zu erklären. Man braucht also auch eine Entwicklung als Lehrer, dafür muss man zeigen, dass man die Fähigkeit mitbringt, andere Menschen auf das gleiche Niveau zu hieven. Auch dann ist es aber noch nicht sicher, ob jemand in mein Team passt. Für mich ist es wichtig, ein Team zu haben, wo die Trainer gut zusammen arbeiten. In dem Team sind natürlich auch Leute mit speziellen Fähigkeiten, was ich sehr zu schätzen weiß. Die Trainer repräsentieren natürlich auch mich und meine Arbeit. Teamfähigkeit ist also eine wichtige Sache.

Wer daran interessiert ist, Trainer zu werden, muss seinen eigenen Weg gehen. Wir prüfen dann: Was fehlt noch in der Ausbildung des einzelnen, was müssen wir noch hinzufügen? Es ist wichitg, dass man selbst ein guter „Handwerker“ ist, aber auch die Pädagogik als „Handwerk“ versteht. Für viele Leute ist es eine lange Reise, aber es ist gut wenn man sich Zeit nimmt um zu lernen.

Warum gibt es keine Ausbildung auf Distanz beispielsweise via Internet? 

Ich habe keine Ausbildung auf größere Distanz, denn wenn man über das Internet und Filme arbeitet, dann sieht man ja nur ein kleines Bild vom großen Ganzen. Wenn wir die Reitkunst definieren, dass zwei Geister wollen, was zwei Körper können, dann fehlt mir ja im Film die Möglichkeit den Geist von Reiter und Pferd zu fühlen. Ich kann also nur die körperlichen Möglichkeiten beurteilen. Mittlerweile kann man mir ja Groundwork und Longework test schicken, um die Inhalte auf Distanz prüfen zu lassen. Dafür braucht man aber eine Empfehlung von einem Mitglied der Ritterschaft (mindestens Wapptenträgerniveau). Die Person, die die Empfehlung ausspricht, muss auch beim Filmen der Prüfung anwesend sein. Gefilmt wird aus jener Position, in der ich für gewöhnlich auch auf Kursen die Prüfung abnehme. So soll sicher gestellt werden, dass hier nichts manipuliert wird. Auf Lange Distanz – da wird es abgesehen von den Prüfungen also so schnell kein weiteres Angebot geben, da es so viele Details gibt, die ja gerade am Anfang der Ausbildung wichtig sind.

Als ich zu meiner Reise zur Reitkunst aufbrach, habe ich auch meine Familie und mein Land verlassen, um von meinen Meistern zu lernen. es war nicht nur eine mentale sondern auch eine körperliche Reise. Menschen, die sich körperlich nur sehr schwer bewegen, bewegen sich auch mental schwer. Später habe ich auch herausgefunden, es war nicht nur eine Reise nach außen hin, sondern eine Reise nach innen zu mir selbst.

Diese wunderbare Erfahrung zu machen – diesen Rat kann ich nur weiter geben. Einerseits ist es also Leidenschaft, die uns zu guten Reitern macht, andererseits ist es auch Geduld, um ein weiteres Schlüsselwort zu nennen.

Reitkunst ist noch immer nicht käuflich, im Gegensatz zu einem fantastischen Pferd, einer Reithalle oder einem Trainer, den man sich kaufen kann. Wir brauchen daher Leute, die uns direkt vor Ort unterstützen – es ist also auch noch ein altmodisches Handwerk, das man gemeinsam mit einem Lehrmeister im direkten Kontakt entwickeln muss.

 

Suchen wir uns also Hilfe – das kann eine Frage im Internet sein, die unser Interesse weckt, bis hin zum „live Unterricht“ bei Bent oder einem seiner Trainer – eine Liste aller Kollegen gibt es übrigens unter diesem Link.

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Methode oder Prinzipien

Methode oder Prinzipien

Wie ist denn das in der Akademischen Reitkunst? Muss man da in einem barocken Sattel reiten? Brauche ich eine Holzgerte und Warum?

In meinem Alltag, wenn ich unterrichte oder Kurse gebe, stoße ich immer wieder auf ähnliche Fragen, die die Akademische Reitkunst betreffen und scheinbar auf eine gewisse Methode oder Vorgehensweise reduzieren.

Gleichzeitig nehme ich einen gewaltigen „Methodenstreit“ in der Reiterei wahr.

Mein persönlich größter Meilenstein, den ich durch die Akademische Reitkunst gelernt habe:

„Reite den Inhalt, nicht die Lektion“.

Vielleicht sollten wir uns also auch bei der Methodendiskussion auf Inhalte – oder anders gesagt auf Prinzipien besinnen. 

Vor mehr als drei Jahren habe ich einen Artikel über den „Magischen Knopf“ in der Reiterei geschrieben. Diesen gibt es eben nicht, jedoch suchen die meisten Reiter diesen magsichen Knopf, der sämtliche Probleme zu lösen vermag wie den heiligen Gral.

Diese Suche macht uns dann gerne zu Trainerhoppern, oder Methodenhoppern. 

Suchenden Reitern schlage ich dann gerne vor, ein Wertesystem, ganz für sich selbst, also eigene Prinzipien zu formulieren, die dann auch bei der Suche nach einer Reitweise oder einem Trainer enorm behilflich sein können.

Ich habe für mich selbst, als ich noch auf der Suche war 10 Prinzipien formuliert, die mir als Schüler und als Lehrer wichtig sind:

  1. Das Wohl von Pferd und Mensch steht an erster Stelle.

    Eine „Methode“ darf weder mich noch mein Pferd physisch wie psychisch in Gefahr oder unter großen Druck setzen. Ich möchte weder meine Sicherheit noch die Sicherheit von Mensch und Pferd, die beispielsweise auch noch mit mir in einer Halle unterwegs sind gefährden. Daher arbeite ich auch immer im:

  2. Der Grüne Bereich

    Im Grünen Bereich gibt es die Möglichkeit zu wachsen und zu verstehen. Lernen und Verständnis werden geschult, auch die motorischen Fähigkeiten von Reiter und Pferd    werden verbessert, um so nach und nach über sich hinauszuwachsen und den orangen Bereich allmählich grün zu malen. Niemals wage ich mich daher in den roten Bereich.

  3. Es gibt für alles eine Erklärung. 

    Sicher. Wir können nicht alles wissen und in jedem Bereich Experte sein. Wir können aber gezielt nachfragen. Das war für mich ein großes Argument in der Akademischen Reitkunst. Für alle meine Fragen gab es eine nachvollziehbare und wie sich im Laufe der Ausbildung auch herausstellte überprüfbare Antwort.

  4. Ethik.

    Ich möchte mir nach jeder Trainingseinheit mit jedem Pferd in den Spiegel schauen können und mit mir selbst zufrieden sein. Wie sagt Bent Branderup gerne in seinen Theorievorträgen: Das erste Pferd leidet am Meisten. In meinem Fall war es wohl das zweite Pferd – dennoch habe ich mich seit meinen Irrwegen mit „Barilla“ nie mehr so unzulänglich gefühlt.  Dieser Punkt betrifft eben nicht nur die Ethischen Grundsätze gegenüber dem Pferd, sondern freilich auch gegenüber meinen Schülern, Trainerkollegen und Vorbildern.

  5. Künstlich? 

    Nein Danke. In der Ausbildung meines Pferdes möchte ich nicht auf Hilfszügel oder ähnliche Mittel zurückgreifen, die das Unvermögen von Reiter und Pferd verschleiern oder Unmutsäußerungen des Pferdes unmöglich machen. Das Pferd möchte uns etwas sagen – und das aus sehr gutem Grund. Kunst die künstlich wird lehne ich für mich ab.

  6. Geduld. 

    Eine schwere Prüfung, vor allem für Reiter, die sofort JETZT gerne ein Ergebnis hätten. Gerne wird dann eben auch einer Methode die „Schuld“ gegeben, wenn nicht alles sofort klappt. Viele Dinge brauchten in der Vergangenheit ihre Zeit. Wer beispielsweise eine Fremdsprache in der Schule gelernt hat weiß, dass es dauert, bis man eine neue Sprache flüssig beherrscht. Warum geben wir also auch uns selbst in der Reiterei so wenig Zeit?

  7. Immer positiv denken. 

    Ja, auch das ist nicht immer leicht. Ich bin selbst jemand, der sehr gerne lieber über die „Soll“ Seite nachdenkt, als über das bereits erreichte „Guthaben“ oder „Haben“. Ein Blick zurück zu den Hürden, die bereits hinter uns liegen, stärkt unser Selbstvertrauen und gibt Kraft für neue Herausforderungen. Und auch in diesen liegt ein wunderbarer Schatz verborgen. Wir werden so unendlich viel mehr können, wenn wir hohe Hürden überwunden haben.

  8. Balance.

    Immer, wenn ich meinen Pferden eine Aufgabe stelle, dann muss ich auch an das Gegenteil denken. Tragkraft braucht auch ein gewisses Maß an Schubkraft. die Arbeit an der Kraft benötigt vice versa auch ein gewisses Maß an Ausdauertraining. Und wer alles zu „verkopft“ betreibt, der braucht auch mal ein ordentliches Portion an Freude und Genuss.  Es muss also immer alles im Gleichgewicht sein.

  9. Der Weg ist das Ziel. 

    Wer in Endergebnissen denkt, der hat keine Freude am Prozess des Wachsens und Lernens. Schlüsseln wir also unsere große Wegstrecke in kleine Etappen oder Meilensteine auf, dann haben wir beim Lernen auch messbare Ergebnisse und stellen an uns und unser Pferd nicht gleich die großen Herausforderungen. Außerdem hilft es ungemein alle einzelnen Schritte ordentlich auszuformulieren, das macht klar:

  10. Reite den Inhalt und nicht die Lektion.

    Ich möchte immer wissen, warum, was und wie ich etwas tue.

Diese Grundsätze lassen sich natürlich auch noch weiter ausbauen. 🙂

Wie lauten denn Eure Grundsätze?

Wer sich an Prinzipien orientiert, der Reitet Einfach 😉

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Kriegs- oder Freizeitpferde? 

Kriegs- oder Freizeitpferde? 

In der letzten Ausgabe von „Frag Bent“ wurde die Frage gestellt, ob wir in der Akademischen Reitkunst die Pferde nach kriegerischem Vorbild aus dem 16. und 17 Jahrhundert ausbilden?

Leben wir im Jetzt oder in der Vergangenheit – für alle, die das Video lieber auf deutsch gesehen hätten, gibt es heute die Übersetzungshilfe:

Frage: Wenn ich mich mit der Akademischen Reitkunst beschäftige – bilde ich dann mein Pferd tatsächlich so aus, wie die Kriegspferde im 16. und 17. Jahrhundert ausgebildet wurden? 

Bent Branderup: Tatsächlich nutzen oder beschäftigen wir uns mit der Technik, den Methoden der alten Meister, aber wir nutzen diese für die Ausbildung eines Pferdes in unserer aktuellen Zeit.

Bei einem Kriegspferd aus dieser vergangenen Zeit muss man zwei alten Schulen unterscheiden:

Es gibt hier die Kriegskunst „a la gineta“ und „a la brida“: 

Bei „a la gineta“ steht der Reiter in den Steigbügeln und lehnt sich zum Gegner hin, um einen Treffer zu erzielen. Man verlängert somit seinen Arm.  Für die Kraft des Schlages ist aber der Reiter mit seinem Arm verantwortlich.

Bei a la brida bringt man das Pferd in eine bestimme Position. Das Pferd muss also dem Schwerpunkt des Reiters folgen – gleichsam als wären Reiter und Pferd miteinander verschmolzen.

Viele Leute fragen, welche Schule hier die älter sei. Die Antwort: Die einfachere Schule ist die ältere. Denn für a la gineta brauchte der Reiter seine Steigbügel – wir wissen heute, dass der Steigbügel bei der byzantinischen Armee im fünften Jahrhundert nach Christus in Gebrauch war. Die Kampfkunst a la brida wurde aber bereits bei Xenophon im vierten Jahrhundert vor Christus beschrieben und somit lange vor Erfindung des Steigbügels.

Ohne Steigbügel und vor allem ohne Sattel brauchte der Reiter aber das Pferd ganz genau unter sich. In er Akademischen Reitkunst wollen wir genau diese Fähigkeit ausbilden, so dass das Pferd dem Körper des Reiters bzw. dessen Schwerpunkt folgt. Dies ist ein fantastisches Gefühl für die Reiter von heute.

Was können wir also heute von den Alten Meistern lernen? Wir leben schließlich in der Gegenwart und ich möchte ganz bewusst nicht in der Vergangenheit leben. Es gibt Menschen die an einem so genannten „Reenactment“ Freude haben und die Alten Meister kopieren, sie nachahmen und auch den Gebrauch von Waffen und Schwertern aus dieser Zeit imitieren. Die Fähigkeit ein tatsächliches Kriegspferd auszubilden brauchen wir aber heute nicht.

Selbst wenn wir an einen der besten Reiter aus dem Stierkampf denken – beispielsweise Pablo Hermoso de Mendoza mit seinem schönen Palominohengst Merlin – wenn man ihm zusieht, wie er sein Pferd wenden kann und wie er kämpft – dann ist das ja nur die Hälfte der Geschichte, denn er kämpft ja mit einem Bullen. Und einen Bullen kann man mit der gleichen Finte immer wieder täuschen. Das wäre mit einem ebenbürtigen Reiter nicht möglich. Selbst Stierkampfpferde auf diesem Niveau sind also nicht mit der Kriegskunst von einst zu vergleichen.

Wir können ja kaum so viele Jahre an Pferdeerfahrung nachahmen, um ein Pferd genau so auszubilden, wie es damals von Nöten war. Wir können experimentelle Archäologie betreiben, indem wir Dinge aus der Vergangenheit in die Gegenwart holen, die wir brauchen, aber wir leben eben im Jetzt und nicht im Damals.

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