Es ist gut, Anfänger zu sein!

Es ist gut, Anfänger zu sein!

Womit fängt man an? 

In der letzten Theorieeinheit am Sonntag beim Seminar in Niederösterreich Ende April erklärt Bent Branderup noch einmal, warum wir nicht mit der Primärhilfe in der Ausbildung beginnen, sondern den „Umweg“ über die Sekundarhilfen auf uns nehmen müssen. 

„Wir haben heute keine Lehrpferde, die unseren Sitz schulen können. Wir müssen die Sekundarhilfe zuerst den Pferden und den Menschen vom Boden aus beibringen“. 

Bent Branderup

Für die Elite? 

Bent Branderup taucht wie immer ein, in die Geschichte der Reitkunst. Früher war die Akademische Reitkunst etwas für Eliten. Sie wurde an den höfischen Reitakademien gelegt, sie war an die Universitäten angeschlossen und die ritterlichen Reitakademien. 

Für die ritterlichen Reitakademien waren die Qualifikationen: Männlich, katholisch und adelig. Das heißt aber nicht, dass man die reiterlichen Fähigkeiten mitbrachte. Heute bin ich unterwegs und staune, welches Wissen sich viele Reiterinnen und Reiter aneignen. Im Gegensatz zu den alten Reitakademien haben wir den Vorteil, das wir nicht fertig werden müssen. 

Nicht fertig werden? 

Ein Raunen geht durchs Publikum. Hat er tatsächlich gesagt, wir müssen nicht fertig werden? 

Richtig, denn früher mussten die Pferde für einen bestimmten Zweck ausgebildet werden. Allerdings konnten sich die Könige von einst ja auch leisten, jahrelang das Pferd in Ausbildung zu geben. 

Bent erzählt nun von Aufzeichnungen aus königlichem Stallinventuren aus dem Jahr 1698, die er durchforstet hat. 

Mit 4,5 Jahren kamen die jungen Pferde ins Gestüt. Wurden dann angeritten und haben die Ausbildung begonnen. Zwischen 12 und 16 Jahren waren die Pferde in der Kür und gingen dann in den Stall des Königs über, wo sie dessen Gebrauchspferde wurden. Nach 10 Jahren im Dienste des Königs kamen die nun rund 25 Jahre alten Hengste in die Hofreitschule, wo sie den jungen Eleven den Reitersitz lehrten. Ein junges Pferd war also mindestens 6 bis 8 Jahre lang in Ausbildung, bevor es quasi in die Nutzung kam. 

Befrei dich vom Zwang

Wir müssen heute nicht fertig werden. Wir haben den Zeit und Luxus, uns im Detail verlieben zu dürfen. Wir können uns eben diese Details aneignen und die Fähigkeiten des Reiters durch die Ausbildung in den Vordergrund stellen. Gerade Pferde, die wir heute als schwierig erachten, schulen uns durch die verschiedenen Facetten der Bodenarbeit prächtig. 

Von einem etwaigen Problem in die Praxis: Ein Pferdebein, das sich in der Luft befindet, kann keinen Widerstand leisten. Daher können wir im Stehen exakt überprüfen, ob ein Pferd eine Hilfe, wie etwa eine Parade auch tatsächlich verstanden hat. Der Widerstand kann sich darin äußern, dass Spannungen im Pferdekörper vorhanden sind – mentaler und physischer Natur. Viele unserer Hilfen sind natürlich darauf bedacht, überhaupt keinen Widerstand zu haben. 

„Wenn das Pferd steht, dann zeigt sich ob das Pferd die Hilfe tatsächlich verSTEHT“. 

Bent Branderup

Diese detailverliebte Arbeit wird von Vorteil, wenn der Reiter viel über Hilfengebung und Sitz lernen kann. In der Bewegung kommt dann noch Schwung dazu. Im Stand entwickeln wir Reiter jedoch ein präzises Gefühl für die Gewichtsverteilung auf den vier Pferdebeinen. Gleichmässig? Immer zu einer Seite hin verschoben? Kann das Pferd ein Hinterbein etwa gar nicht belasten und weicht mit der Hinterhand aus? Somit lässt sich laut Bent Branderup schon im Stand überprüfen, ob das innere Hinterbein später im Galopp zum Tragen kommen wird – oder eben nicht. 

Die Luxus-Longe

Bent erzählt von seiner eigenen Ausbildung. Bei den verschiedensten Lehrmeistern oft Tage- oder Wochenlang an der Longe zu reiten war Luxus, allerdings ist das heute auch ein nicht leistbarer Luxus. Denn wer hat heute noch eine Hofreitschule? 

„Früher schon kostete es ein Vermögen, geschulte Reiter auszubilden. An den Reitakademien bekamen die Professoren für Reitkunst übrigens die höchsten Gehälter. An der Uni Göttingen verdiente ein Reitkunst Professor das doppelte und in Dresden das Fünfache im Vergleich zu einem Professor für Architektur.“

Bent Branderup

Wir müssen heute also andere Wege finden, um Reiter auszubilden. Und eine Möglichkeit, die Bent hier nennt, ist sich selbst zu longieren.  

Bent Branderup erklärt, dass die akribische Ausbildung auf dem Zirkel vor allem für den Reiter dienlich ist. Dieser kann sich auf viele Details im eigenen Körper konzentrieren. Wir können uns an der Longe vorstellen, wie es sich anfühlen müsste. So können wir langfristig unser Gefühl dahingehend schulen, um später zu beurteilen, was etwas der bessere und was der schlechtere Schritt war. Wie hat sich die Gangart angefühlt? 

Das Richtige muss verstanden werden gegenüber dem Falschen. Oder das Bessere gegenüber dem nicht ganz so Guten. Wie fühlt sich das an und wie sieht es aus? Was man zuerst in der Bodenarbeit sehen kann, nimmt man später durch die ausführliche Schulung des Gefühls mit in den Sattel. 

So nehmen wir eine laterale Verschiebung oder eine diagonale Verschiebung im Schritt unter uns war. Bei der lateralen Verschiebung bewegt sich das Pferd passartig, bei der diagonalen Verschiebung eher in Richtung Schulschritt. 

Ein einmal geschultes Gefühl bleibt dem „Sitz“ haften. 

So erzählt Bent Branderup von seiner Zeit auf Island und den unterschiedlichsten Tölt-Kulturen, denen er später begegnete. 

„Ich habe ein Jahr lang auf Island mit Pferden gearbeitet. Wir haben Pferde oder auch Schafe getrieben. Daher kann ich heute den Islandpferdereitern sagen, wenn man mit dieser Reitweise keine Schafe mehr treiben kann, dann habt ihr eure Kultur verloren. Wenn man Tölt nicht mehr im schwierigen Gelände reiten kann, dann bin ich uneinig wenn man heutige Töltinterpretationen nur mehr auf festgebügeltem Boden reiten kann. 

Wir haben verschiedene Interpretationen. Tölt hat man in der Südamerikanischen Tradition sicherlich anders definiert als in der Isländischen. Und genau so ist es mit anderen Dingen. Die großen Meister der Akademischen Reitkunst waren auch Vorbild für die HDV12. Aber man muss wissen, dass Steinbrecht nie ein Gebrauchspferd ausgebildet hatte. Steinbrecht hat Zirkuspferde ausgebildet. Um ein solches Pferd zu erwerben, musste man sich erstmal bewerben – und das taten die Leute sogar aus den USA“. 

Bent Branderup

Bent Branderup zeigt den Weg von Gustav Steinbrecht. Dieser war Schüler von Luis Seeger und dieser wiederum Schüler von Max Ritter von Weyrother, seines Zeichens Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule in Wien. 

Als dann später die HDV12 entwickelt wurde, kamen die besten Reiter ihrer Zeit zusammen und haben eine Reitweise „gebastelt“, die eine Anleitung bieten sollte, wie man so rasch wie möglich ein gutes Gebrauchspferd ausbildet. Allerdings war das Problem: 

Minimalismus

Minimalismus ist ein Privileg der Meister. Warum das so schwierig ist, erklärt Bent Branderup am Beispiel von Stellung und Biegung. 

Der Anfänger muss zu Beginn etwas übertreiben, damit man überhaupt sehen kann, ob das gewünschte Ergebnis da ist. Eine ganz leichte Stellung und Biegung ist schwieriger wahr zu nehmen. Man kann zu Beginn in der Übertreibung leichter sehen, ob das Genick im Konter zur Schulter steht, oder der Hals an den verschiedensten Stellen verbogen ist. Zunehmend entdeckt der Reitschüler dann, was übertrieben war und wo man reduzieren kann. Das gilt für viele Dinge. 

Zuerst müssen wir wahrnehmen können. Seitwärts ist auch nicht unbedingt gleichzusetzen mit guter Qualität von Seitwärts. Dafür brauchen wir aber auch eine Grundidee von Biomechanik aus der Theorie. Diese ist die Basis, um zu verstehen, was unser Pferd so besonders macht. Hat das Pferd Probleme mit den Knien? Hat es Probleme in den Sprunggelenken? Bewegen sich die Hüftgelenke in eine falsche Richtung? Gibt es gar Probleme im Rücken. 

Zuerst steht also immer die Analyse und dann einen Inhalt für unser Pferd. Wir müssen unserer Reise damit beginnen, was das Pferd kann. Wenn wir also zu Beginn sehr ruhig reiten, dann haben wir Zeit zu spüren und setzen das Pferd nicht starken Kräften der Beschleunigung und Entschleunigung aus. Wir erinnern uns an dieser Stelle an den ersten Theorieteil und die Probleme im Bereich des Schultergürtels. Wer mag kann nochmal hier nachlesen. 

Wir reiten zum Schutz unserer Pferde ruhig – später können wir mehr Energie hinzufügen. 

Jeder fängt als Anfänger an – aber nicht auf Facebook

Bent kritisiert die Unkultur in sozialen Medien, alles anzugreifen, was nicht perfekt ist. Das macht doch das Anfänger Dasein umöglich. Dabei kann der Anfänger doch noch gar nicht perfekt sein. 

Also nehmen wir uns die Ruhe, um unser Pferd zu analysieren. Wie fußen die Hufe auf? Was ist für die Gelenke gesund, was ungesund. Wenn das Pferd für uns nicht bequem ist zu sitzen, dann ist es für sich selbst nicht bequem. 

„Wir sind für dei Kunst zweckbefreit, aber leider auch zweckentfremdet. Deswegen reiten wir Lektionen nicht, damit das Pferd darin besser wird, sondern es ist wichtig, es ist wichtig, jede Lektion in ihrem Nutzen für das Pferd zu definieren. Nicht die Lektion muss besser werden, sondern das Pferd, dann war es richtig“

Bent Branderup

Schau in den Spiegel

„Wird eine Lektion nur dafür verwendet, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mal mögen? Menschen verwenden das Geld, das sie nicht haben, um Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen, um damit Leuten zu imponieren, die sie nicht mal mögen. Wenn wir so reiten, dann muss man sich zwangsläufig fragen, warum wir überhaupt Pferde haben. Menschen spiegeln sich in den Augen von anderen Menschen. Klar hat man eine Freude daran, anderen zu imponieren. Das ist ziemlich menschlich. Daher mögen wir auch ein Pferd, das uns besonders gut aussehen lässt. Aber dann sollten wir uns fragen, was ist Verliebtheit? Wir reiten ja unseretwegen, wegen der guten Zeit mit dem Pferd“. 

Bent Branderup

Übung macht den Meister

Wenn wir üben, dann werden wir auch Fehler begehen. Das macht nichts, solange wir die Fehler erkennen und an ihnen wachsen. Wenn man in sozialen Medien andere Reiter ausrichtet, dann kann man sich dadurch besser fühlen – man wird davon aber nicht besser. 

Selbsterkenntnis ist die Grundvoraussetzung, um weiter zu kommen. Auf dem Weg zur Reitkunst muss man daher immer wieder die eigne Ist Situation von Mensch und Pferd analysieren. Was kann man gut, was kann man weniger gut? Wo gibt es Probleme? Woran kann man wachsen? Daraus definieren sich die Inhalte der Ausbildung für PFerd und Mensch. 

Die Sache mit dem Jonglieren

Wer Jonglieren will, fängt auch nicht mit vielen Bällen gleichzeitig an. So ähnlich ist es auch mit der Sekundären Hilfengebung. Wir lernen ein Set an Hilfengebung, aber wir müssen eine Hilfe nach der anderen hinzufügen und uns immer wieder fragen: Bringt diese Hilfe gerade etwas? Wer schon mal unterscheiden kann zwischen den Hilfen von Unterschenkel, Oberschenkel, der Einwirkung von Hand und Zügel, den Gewichtshilfen, dem physischen und statischen Sitz, der hat schon ziemlich viele Bälle in der Luft. 

Die gute Nachricht

Nicht Talent ist ausschlaggebend, sondern Leidenschaft. Wer mit Passion dabei ist, dem wird beim Üben nicht langweilig. Und man darf nicht vergessen – wir müssen nicht reiten – wir dürfen. 

Unter den wachsamen Augen von Bent Branderup reiten wieder 8 Reiterpaare in Graz, am 29. und 30. Juni 2019, wenn wir uns bei diesem Themenseminar dem Sitz widmen werden. Viele verschiedene Pferderassen und unterschiedliche Themen in der Ausbildung sind vertreten. Zur Vorstellung der Reiter auf Facebook geht es hier..

Neugierig geworden? Dann teile mit uns deine Leidenschaft und sichere dir unter diesem Link die letzten Zuschauerplätze! 

Miteinander tanzen

Miteinander tanzen

Wie verbessern wir das Miteinander von Mensch und Pferd?
Wie schaffen wir einen gemeinsamen Tanz?

Beim Seminar mit Bent Branderup Ende April ging es um Sekundäre Hilfengebung. Kursbericht Teil 2 heute in meinem Blog:

Wir müssen Biomechanik immer im Verhältnis zum Reitersitz verstehen und begreifen. Anders gesagt: Der Sitz funktioniert erst dann, wenn die Hinterbeine unter den Bauch des Pferdes, genauer unter den Reiter fußen. Wenn die Schwerpunkte übereinstimmen zwischen Pferd und Mensch/ oder Sitz. 

Was Tanz und Reitkunst vereint

Für den Reiter bedeutet das, er muss zum perfekten Tanzpartner werden. ER muss in seinem Körper all das kommunizieren, was er vom Pferd gerne möchte. 

„Der Herr schlägt vor, die Dame interpretiert. Was man im Sitz macht, das muss das Pferd spiegeln. Das geht aber nur, wenn das Hinterbein sich in der richtigen Position befindet. Schon Xenophon wies den Reiter an, einfach so zu tun, als ob man mit den eigenen Füßen liefe“. 

Bent Branderup


Schwerpunktverlagerungein in einem Lebewesen sind so kompliziert, gibt Bent Branderup in seinem zweiten Theorievortrag an, dass kein moderner Computer diese Verlagerungen mitberechnen kann.

Von Elchen, Forschung und Schwerpunkt

Stichwort Elchtest – ein Auto bewegt sich im Vergleich zu einem Lebewesen weit weniger komplex. Der Zaubertrick der lebendigen Bewegung ist möglich durch ein Organ im Ohr, das effektiver arbeitet als ein moderner Rechner.

„Die Uni Stockholm hat jedes Pferdebein in einer Studie auf die Waage gestellt. Später kamen dann Hufschuhe mit einer Druckmatte. Ziel war es, die Schwerpunktverlagerungen messbar zu machen. Moderne Warmblüter wurden dann anpiaffiert – und die Ergebnisse waren bahnbrechend. Bis zu 80 Prozent der Tiere kamen auf die Vorhand. Kann man daraus tatsächlich den Rückschluss ziehen, Versammlung mache das Pferd schwerer auf der Vorhand? Spätestens in der Levade musste diese Hypothese jedoch widerlegt werden. Sind moderne Warmblüter überhaupt dafür geeignet, eine These von Gueriniere anzuwenden? Wenn ich in meinem Garten ein Loch grabe und keinen Wikingerhelm finde – habe ich dann tatsächlich den Beweis erbarcht, dass es die Wikinger gar nicht gab? Jede Antwort führt uns zur Möglichkeit weitere Fragen zu stellen. Daher gehe ich lieber von den Alten Meistern aus – sie haben tausende Jahre an Erfahrungen“. 

Bent Branderup

Was kümmert es die Hummel?

An dieser Stelle erinnert Bent Branderup an die Geschichte von der Hummel: Wissenschaftlich gesehen könnte die Hummel ja gar nicht fliegen. Glücklicherweise hat sich die Hummel nicht um eine solche Ansicht gekümmert. 

Für uns Reiter bedeutet das im Umkehrschluss vielleicht auch, nicht jede Aussage für uns für bare Münze zu nehmen. So mancher Ratschlag hat uns eher gebremst als beflügelt
Die Hummel flog also weiter, bis die Wissenschaft entdeckte, warum sie doch fliegen kann – sie macht übrigens eine Extradrehung für extra Auftrieb. 
Bent Branderup bezieht sich aber gerne auf erprobte Ratschläge – beispielsweise von Antoine de Pluvinel oder noch älter- Xenophon

Konkret interessieren uns an diesem Punkt der Theorieeinheit noch immer die Schwerpunktverlagerungen (wir erinnern uns: Reitkunst ist zwei Schwerpunkte zusammen zu bringen). In dem gemeinsamen Tanz soll das Pferd der Schwerpunktverlagerung des Menschen folgen. Nimmt er den Schwerpunkt in seinem Sitz also eher nach vorne, dann soll auch das Pferd im Idealfall so reagieren und auch mit seinen Hinterbeinen weiter nach vorne kommen.

Die Sache mit der Physik

Hier wird es spannend: Wie weit kann der Hinterfuß nach vorne mit schwingen, ohne dass das Pferd auf die Vorhand fällt? 
Als Ausbilder unserer Pferde wollen wir diese Fähigkeit bereits in der Bodenarbeit schulen – dabei geht es aber nicht nur ums Pferd, schließlich müssen wir sehen lernen. Es gibt verschiedene Richtungen, in die wir den Schwerpunkt verlagern können – und somit schlagen wir das nächste Kapitel der Theoriestunde auf: 

Die Seitengänge – oder anders gesagt: Balance

„Wenn man von Physika ausgeht und nicht von der Reitkunst, dann sprechen wir von Gleichgewicht. Die meisten Reiter haben das mit Newton aber nicht so ganz drauf.“

Bent Branderup

Wir berühren das Pferd physisch – wenn wir also auf dem Pferd sitzen, dann sind wir permanent da – wir können unsere Hilfe also oft nicht so leicht aufgeben. Und dann kommen noch die verschiedenen Schwingungen dazu. 
An dieser Stelle fragt Bent gerne in der Theorie ob denn Isländerreiter im Auditorium anwesend sind. Und verblüffend: Wenn er diese Reiter um ihr Sitzbild in Tölt oder Trab bittet, dann kann er ohne Pferd die Qualität der Gangmechanik des jeweiligen Pferdes entlarven. Mal ein guter Tölt, mal ein Scheinepass. 

„Wie sieht das Schwungbild aus und wie wird es übertragen – das ist die dritte Haupthilfe aus dem Sitz.“

Die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd überprüft der dänische Ausbilder am liebsten im Stehen in der Arbeit mit der Parade. Das Pferd soll sich im Stehen vorwärts abwärts strecken und den Sitz des Reiters spiegeln. Der Schwerpunkt muss sich aber auch mehr in Richtung der Hinterhand verlagern lassen. Aber fangen wir mit dem „Leichten“ an – und hier tröstet Bent Branderup die Zuhörer: 

„Schon Guérinière sagte, dass das Nachgeben die Schwierigste Hilfe ist. Denn das Nachgeben lässt sich nicht verstärken“. 

Wenn das Pferd die Hand sucht, dann kürzt es die Bauchlinie ab, es kommt zu einer Dehnung der Oberlinie und das Pferd fällt hoffentlich nicht auf die Schulter. Im Stehen können wir gut sehen, ob sich das Pferd in der Schultermuskulatur fest hält. Viele Pferde können sich in einem solchen Fall gut im Schulterherein (auch im Stand) lösen lassen. Für den Reiter bedeutet das, den inneren Schenkel sowie den äußeren Zügel zu benutzen. Aber der äußere Zügel darf nicht zu stark am Gebiss einwirken und die äußere Oberlinie abkürzen. Hier reist Bent noch einmal in die Vergangenheit der Reitkunst. Er erklärt im Detail, dass die Zügelhilfe wirklich auf den Lederriemen am Hals abzielt, man soll sich besser die Hilfe eines Halsrings als die Hilfe eines Zügels am Gebiss vorstellen.

Guérinière sei übrigens der einzige, der diese Hilfe so im Details erklärt. Viele andere Autoren innerhalb der Alten Meister gingen davon aus, dass ein Könner ihr Werk studierte. Dem Könner brauchte man dieses kleine Detail nicht verraten. Aus diesem Blickwinkel wäre es zudem spannend verschiedene Werke der Reitkunst zu studieren. 

Die Sache mit der Stillen Post

Weil es für viele Autoren eine Selbstverständlichkeit war, Selbstverständlichkeiten für Reiter nicht mehr zu erwähnen haben wir heute das Phänomen, dass der moderne Leser sofort mit der äußeren Hand (oftmals rückwärts) einwirkt, wenn er mit dem äußeren Zügel etwas auslösen möchte. 


Auf dem Weg zur Balance müssen wir mal die Schultern, mal die Hinterhand bewegen. „Warum reiten wir all diese Seitengänge“, fragt Louis XIII. seinen Reitmeister Pluvinel? „Damit wir gerade richten können“, lässt uns Bent heute wissen. 

Von Pluvinel geht es weiter zu den 200 Seiten von Gustav Steinbrecht. Das Gymnasium des Pferdes ist der Formgebung der Wirbelsäule gewidmet- der Frage, wie sich Schwung aus der Hinterhand zum Genick überträgt. 
Bereits am Vormittag konnten wir in der Praxis gut beobachten, wie die Reiter im Stand ihre Pferde in der Bodenarbeit formten. Nicht immer konnte man die Hinterbeine schon perfekt platzieren, um eine optimale Formgebung in der Wirbelsäule auszulösen.

Manchmal musste das innere Hinterbein quasi etwas weiter hinten stehen als das äußere Hinterbein – nur dann war es möglich, die Parade in der Bodenarbeit korrekt durch die gesamte Wirbelsäule zu schicken. Zwingt man die Hinterbeine in eine bestimmte Form, dann würde das Becken nach außen rotieren. Die Biegung wäre nicht mehr optimal. 

„Wenn wir aber weiter in die Hinterhand fühlen wollen, dann müssen wir auch die Gelenke der Hinterhand korrekt zueinander und parallel platzieren. Wir wollen das Gewicht mehr und mehr in Richtung Hinterhand verlagern. Zu Beginn werden wir das Pferd jedoch von der Körpersprache ausgelöst nach vorwärts locken, um dann im nächsten Schritt die Parade einzuleiten. Wie bringen wir dem Pferd dies bei, wenn es das physisch noch nicht kann?“


Bent Branderup ermuntert die Zuschauer zu Forschern zu werden. Das erste Ziel: Abwärts strecken. Daher also die Forschungsfrage: Kann das Pferd Gras fressen? So tief muss es sich aber nicht strecken – wir führen den Schwerpunkt zurück zu einer Grundbalance. Vielleicht kann das Pferd unsere Aufforderung aber auch mental nicht umsetzen? Immer auf das Individuum eingehen. 

„Ein Theoriebuch ist nur ein grobes Grundgerüst um das Ideal zu verstehen“. 

All diese Paraden – und wozu das Ganze? 

Bent Branderup erklärt eindringlich, warum ihm die Arbeit und Schulung der Paraden so wichtig ist. Wir können mit einem Stück Metall (Kandare) niemals die Hanken biegen. Reiter müssen verstehen, was eine Parade ist. Was ist eine Parade? Im Besten Fall ist eine Parade eine Mitteilung an das Pferd. Und nicht der Mensch führt die Parade aus, sondern das Pferd.

„Reite die Hinterfüße unter den Bauch des Pferdes und gib ihm eine Parade, so dass es die Hinterhand beugt“ – dieses Zitat von Xenophon ruft uns Bent Branderup immer und immer wieder in Erinnerung.

Diesmal fügt Bent Branderup noch einen Zusatz mit einem Augenzwinkern hinzu: „Und wenn wir diese Paraden geschafft haben, dann bekommt das Pferd die schönsten Gangarten, die man sich nur vorstellen kann“. 
Die Hand ist also nur eine Mitteilung an das Pferd. Das Pferd muss die Botschaft allerdings auch umsetzen können. Der Mensch denkt – die Hand lenkt – oder eben nicht. Der Mensch ist visuell und manuell geprägt. Wir wollen ständig mit der Hand etwas tun, aber auch die Reiterhand will erst ausgebildet werden. Sie muss in den Körper des Pferdes spüren können, um zu analysieren, wo etwaige Verspannungen liegen oder was eben aus der Hinterhand kommt – oder eben nicht. Und das Wichtigste: Die Hand muss auch aufhören können, wenn etwas erreicht wurde. 


Wenn wir das Pferd in der Bewegung arbeiten, dann lässt Bent Branderup in der Praxis prüfen, ob die Vorhand tatsächlich dort hin schwingt, wo die Pferdenase hinzeigt. Das Pferd soll zur nachgiebigen Hand hin dehnen. Für eine korrekte Dehnungshaltung brauchen wir aber eine gedehnte Oberlinie bei gleichzeitig aktivierter Bauchmuskulatur. Macht man den Hals kurz und eng, dann nimmt man dem Rücken die Tätigkeit. Das Becken muss sich bewegen können und darf nicht durch die Reiterhand ausgebremst werden. 
„Das erste, was wir also anstreben ist das Rausstrecken für ein horizontales Gleichgewicht“. 


Ob die Pferde in der ersten Einheit tatsächlich gut über den Rücken geschwungen ist, überprüft Bent Branderup dann gleich nochmal am Hallenboden. Der dänische Ausbilder wandelt durch die Halle und sucht nach Hufabdrücken. Er findet einen Abdruck im Sand und stellt sofort fest: 
„Hier haben wir ein leichtes Runterdrücken in der Zehe an der Innenwand. Da ist das Pferd nicht ganz in Balance. Aber dieser Abdruck hier, der ist gleichmässig in den Sand gedrückt. Man sieht sogar schön den Strahl. Da gehe ich davon aus, das wäre ein korrekter Hufniederschlag“. 
Das Pferd muss immer in seinen natürlichen Grundlagen gearbeitet werden. Das Pferd darf also nach seiner Ausbildung nicht schlechter laufen, konstatiert Bent Branderup: 

„Nehmen wir einen Weltmeister der Dressur und stellen wir dieses Pferd einem Mustang Hengst vor – dieser würde sich kaputt lachen, denn der Krüppel vor ihm wäre nicht mehr überlebensfähig. Nach zwei Wochen in der Wüste von Nevada wäre das Pferd tot. Solche Pferde, die wider ihrer Natur gearbeitet wurden, würden sich die Beine kaputt schlagen, wenn sie 40 Kilometer in Geröll und auf verschiedensten Boden schaffen müssten“. 

Immer wieder kommt Bent Branderup zum horizontalen Gleichgewicht in seinem Vortrag zurück. Es zieht sich wie ein roter Faden durch seinen zweiten Theorievortrag. Die Voraussetzung für einen guten Reitersitz ist auch, dass sich das Pferd im horizontalen Gleichgewicht bewegen kann. Bent spricht weiter von der zweiten Parade, wo wir immer mehr Gewicht auf die Hinterhand bringen wollen, um die Hinterhand in eine bestimmte Tätigkeit zu versetzen. 
Bent demonstriert anschaulich am eigenen Körper, wie die verschiedenen Bein-Positionen Beugung verhindern oder ermöglichen. Einmal das Bein schräg gestellt, einmal gegrätscht, einmal X-beinig – und schon kann man im Knie nicht mehr beugen. Daher ist eine gewisse Übereinstimmung zwischen der Körpermasse und den Gelenken unabdingbar. 


Folgt das Pferd der Schwerpunktverlagerung im Reiterkörper nicht, dann ist da die schon angesprochene Sekundärhilfe Reiterhand, die das Resultat verbessern soll – das geht aber nur, wenn die Pferde und auch die Reiter eine Ausbildung der Hand(habung) erfahren haben. In der zweiten Parade strebt der Reiter nach Bent Branderup nach dem Gefühl, das Pferd weiterhin schön über den Rücken zu reiten, nun trägt sich das Pferd aber selbst. Bent erklärt noch einmal anschaulich die verschiedenen Positionen, in denen wir die Sekundarhilfen schulen. Die Schenkelhilfen können wir aus der Bodenarbeitsposition vor dem Pferd, aus der Handarbeitsposition neben den Schultern des Pferdes, aus der Longenposition mit Distanz, aus der Langzügelposition und aus dem Crossover heraus, der alle Positionen vereint schulen.

So kann der innere Schenkel, sekundiert durch die Gerte das innere Hinterbein vermehrt zum Schwerpunkt holen, bis wir ein Schulterherein in der jeweiligen Position abfragen oder auch ein Kruppeherein, wenn die Gerte in Richtung der äußeren Hüfte des Pferdes zeigt. Vor dem Pferd spürt die Hand ganz anders, als neben dem Pferd, hinter dem Pferd oder mit zunehmender Distanz und natürlich macht es auch einen Unterschied, ob wir an der Longe arbeiten oder vierzügelig mit einer Hand über dem Widerrist des Pferdes. 

Dann erklärt Bent Branderup noch die einzelnen Touchierpunkte. Manchmal braucht man den Punkt nahe am Hüftgelenk um eben dieses zum vermehrten Beugen zu aktivieren. In der Bewegung kann man das steife Knie ebenso berühren – wenn die Hufe schleppen, dann wandert die Gerte am Pferdebein nach unten und fordert das Sprunggelenk auf, etwas mehr zu beugen. Das Sprunggelenk ist in seiner Tätigkeit an das Knie gekoppelt – man kann keine Sprunggelenkstätigkeit abfragen, ohne das Knie mit zu aktivieren. Das hat also oft einen positiven Effekt auf beide Gelenke. 
Bei aller Blickschulung in Richtung der Hinterhandgelenke gibt Bent Branderup aber noch einen Hinweis: Unterhalb des Knies sind relativ wenige Muskeln. An den Muskeln kann man innerhalb von Monaten an Verbesserungen arbeiten – allerdings sind unter dem Sprunggelenk nur noch Sehnen und Bänder zu finden – eine Verbesserung der Hinterhandtätigkeit in diesem Bereich bedeutet jahrelange Kleinarbeit. 

Was sind die Ziele der Ausbildung? 


„Der Fluch des Anfängers ist, dass man oft einen Weg anstrebt oder ein Ziel, das man noch gar nicht kennt“. 

Es ist aber wichtig ein Ziel zu definieren. Das gilt auch für unsere Touchierpunkte. Hier mahnt Bent davor zu sehr an einem Heben der Beine zu arbeiten – denn dann heben die Pferde die Hinterbeine aus dem Becken heraus, und dann..„..kriegen wir eine Rüden-Pinkel-Piaffe. Es geht also nicht darum, dass die Beine möglichst hoch kommen, es geht mit der Zeit um die verbesserte Fähigkeit der Elastizität und Dehnbarkeit. So ist das Ausbilden nur eine reine Unterweisung der Hilfengebung, schreibt Steinbrecht“. 
In der Theorie also hat unser Pferd die physische Fähigkeit – und hat es die Hilfen gelernt, dann braucht es lediglich Kommunikation, Fähigkeit und Routine. Routine hat auch etas mit dem zentralen Nervensystem zu tun. Und dort werden eben Bewegungsmuster gespeichert. 


Stichwort „Steinbrecht“

Mit einer Henkeltasse demonstriert Bent Branderup nun die Biegungen und wie die Oberschenkel die Vorhand lenken. Er erklärt, wie der äußere Oberschenkel den Brustkorb einladen kann nach oben zu rotieren und warum der innere Absatz tief sein muss (damit der Brustkorb innen gut runter rotieren kann – und natürlich soll der Reiter nicht in der inneren Hüfte einknicken). 
Die Schenkel sind also wichtige Assistenten, um den Brustkorb auf den Sitz einzurichten. 
Bevor es an die Praxiseinheiten geht, wiederholt Bent Branderup noch einmal die Schenkelhilfen. Die Köpfe rauchen: 

  1. der direkte Schenkel spricht das gleichseitige Hinterbein an
  2. Der um sich rum biegende Schenkel sorgt für die korrekte Biegung und wird unterstützt vom 
  3. Von sich weg biegenden Schenkel
  4. Fällt ein Hinterbein aus, dann benutzen wir den verwahrenden Schenkel
  5. Der umrahmende Schenkel fügt sich ebenso in das Konzert der Hilfengebung und zuletzt fügen wir noch den 
  6. Versammelnden Schenkel hinzu, der dem Pferd den Moment des Abfussens mitteilt. 

Das Endprodukt


Sehen wir laut Bent Branderup sehr gut in der Gebrauchsreiterei. Wir dürfen beim Reiten in der Bahn keine Dinge tun, die für den Gebrauch unplausibel wären. 


In der Praxis am Nachmittag war wieder alles dabei. Bodenarbeit, gerittene Arbeit. Unermüdlich referierte Bent Branderup und wurde nicht müde immer wieder auf die wichtigste Hilfe hinzuweisen. Den Sitz. 


Mehr zur Primären Hilfengebung gibt es beim Sommerkurs mit Bent Branderup in Hart bei Graz. Neugierig geworden?
Die letzten Zuschauerplätze könnt ihr unter folgendem Link ergattern. Wir freuen uns schon sehr, wenn wir im Sommer in den Genuss von 3 Thoerie-Einheiten und 24 Praxiseinheiten kommen – gefolgt von einem immer emotionalen Wort am Sonntag. 

Hilfen müssen helfen

Hilfen müssen helfen

Kursbericht Bent Branderup: Sekundäre Hilfengebung

Wenn man auf das Pferd einwirkt, dann muss man verstehen worauf man einwirkt und wie man einwirkt. Das und vieles mehr, war Thema beim ersten Seminar mit Bent Branderup im Equimotion Reitzentrum in Mannersdorf/ Niederösterreich. Einen ausführlichen Bericht über die gelungene Kurspremiere in drei Teilen!

Bent Branderup lässt uns gleich in der ersten Einheit des Seminars rund um Sekundäre Hilfengebung nachdenken: Er fragt nach, was die primäre Hilfe passend zu den Sekundären Hilfen wäre, wenn wir diese nutzen wollen. 

Schon geht es ab nach Frankreich zu Antoine de Pluvinel (1555-1620), dessen Ziel es war, das Pferd aus der Hüfte heraus zu dirigieren. 


„Wenn das Pferd nicht auf den Sitz reagiert, was wäre die Sekundärhilfe dazu? Der heutige Reiter glaubt: Oben bleiben wäre der Sitz, oder „eine hübsche Figur machen“ wäre der Sitz. Deswegen muss die Reise für viele umgekehrt verlaufen, wir üben zuerst die Sekundärhilfen und müssen dann danach suchen, womit im Sitz wir die Sekundärhilfe ersetzen!“

Bent Branderup

Das bedeutet soviel wie:  Wenn man die Sekundärhilfe kann, dann kann man nach einem Ersatz suchen im Sitz. Bent Branderup gibt an dieser Stelle zu Denken, ebenso wie Gustav Steinbrecht in seinem Gymnasium des Pferdes schon tat: 

„In der Literatur wird oft von einem ausgebildeten Reiter ausgegangen. In der Realität ist es leider umgekehrt. Der Reiter heute hat kaum eine professionelle Ausbildung. 

Es hat noch nie in der Geschichte eine Zeit gegeben, wo unausgebildete Reiter auf unausgebildeten Pferden lernen. Der unausgebildete Reiter wurde früher auf dem ausgebildeten Schulhengst ausgebildet. Das würde heute ein Vermögen kosten – wenn man sich eine eigene Hofreitschule leisten würde.“

Bent Branderup

Verständnis für die Hilfengebung entwickeln

Eine Hilfengebung ist Kommunikation – es drückt einen Wunsch aus. Kommunikation besteht aber immer aus zwei Lebewesen. Was drückt der Mensch aus und was das Pferd? 

„Erst in dem Moment, wo das Pferd ja sagt, seinen Reiter versteht – erst dann wird Kommunikation zur Hilfe – sonst kann man dem Pferd nicht helfen. Und wenn Hilfen nicht helfen, dann waren sie keine Hilfen“. 

Bent Branderup

Bent Branderup warnt allerdings gleichzeitig davor, manche Hilfen nicht zu „Dauerkrücken“ werden zu lassen – diese können den Namen Hilfe nicht verdienen. Kommunikation ist schließlich ein Element, das tatsächlich vom Empfänger der Botschaft verstanden werden muss. Einige Hilfen wird das Pferd vielleicht verstehen, auch wenn sie nicht logisch strukturiert zusammen hängen. Für den Ausbilder ist es aber von großer Bedeutung, dass die Hilfen, die vom Boden gegeben werden, auch letztendlich Hilfen werden, die dem Sitz sekundieren. 

Wenn man eine primäre Hilfe nutzt, die das Pferd nicht versteht oder noch nicht umsetzt, dann kommen die Sekundären Hilfen dazu, die dem Pferd bereits in der Bodenarbeit geläufig waren. Dann haben wir eine gute Brücke. Bodenarbeit – Longenarbeit, Handarbeit, Langer Zügel und schließlich der Crossover schließen eine Lücke bis zum Reiten. 

„Wir nehmen am Anfang verschiedene Führpositionen gegenüber dem Pferd ein und zum Schluss so eine dämliche Führposition wie oben drauf Sitzen“. 

Bent Branderup

Die Sprache der Pferde nutzen

Wir müssen davon ausgehen, dass das Pferd eine eigene Sprache hat. Das was wir dem Pferd beibringen, ist eine Fremdsprache. Als Däne hat Bent Branderup auch Deutsch erst später gelernt – zuerst brauchen wir aber eine Erstsprache oder Muttersprache, die wir gut beherrschen. 

An dieser Stelle denke ich persönlich auch an Reiter, die immer wieder angeben, sie wollen sich aus allen Systemen das Beste rauspicken. Um das aber zu können, muss ich ja das gesamte System kennen und verstehen – und auch die Erstsprache perfekt beherrschen. Auch aus Französisch, Italienisch oder Englisch kann ich mir nicht gerade die Vokabel raussuchen, die mir gefallen. 

Wenn wir mit dem Pferd eine Kommunikation finden wollen, dann ist es weder Pferdekommunikation noch Menschensprache, die wir nutzen – wir müssen eine gemeinsame Sprache zwischen Mensch und Pferd schaffen. 

Wie wichtig die artgerechte Aufzucht ist, betonte Bent Branderup auch für das spätere Reiten: 

„Viele Fohlen sind das, was ich Treibhausfohlen nenne. Die sind der Box geboren und werden nicht abgesetzt, bis man die Mutter rausnimmt. Ein solches Fohlen ist sprachlos und ein solches hat keine Soziale Kompetenz.“

Bent Branderup

Wie laufen Pferde miteinander und können wir danach unsere Hilfengebung auslegen? 

Bent Branderup zeichnet aus Vogelperspektive ein Pferd auf das Fliphart. Hinter dem Pferd läuft der Hengst, ihm gehört die Herde. Vor der Herde läuft die Leitstute, die ein Überholen kritisch mit ihrer Hinterhand zu ahnden versuchen wird. Die Herde läuft seitlich versetzt. Nach diesem Muster funkntioniert laut Bent Branderup jede Herde. 

Warum man keine Elche reiten kann? 

Ganz einfach – die schwedische Post hatte versucht mal Elche nicht vor den Karren, sondern unter den Sattel zu spannen. Ohne Erfolg, denn ein Elch ist kein Herdentier, er ist Einzelgänger und dementsprechend fehlt ihm das Herdenverhalten, das wiederum grundlegend bei der Ausbildung von Reittieren von Hilfe sein kann. 


„Deswegen können wir Pferde, Esel oder Elefanten, Jacs oder Lamas ausbilden und reiten“. 

Bent Branderup

Wenn wir an Pferde herantreten und uns sozusagen in den Führpositionen einer Herdenstruktur bewegenn dann müssen wir uns fragen: 

„Wer bin ich in den Augen meines Pferdes“? 

„Wie sieht mich das Pferd in einer bestimmten Position? Sieht es mich als sein Herdentier, dann stehe ich in der Position weiter hinten. Die Leitstute hat man nicht zu treiben, auch nicht als Hengst. Sieht mich der Hengst aber als untergeordnetes Mitglied der Herde, hat er quasi jedes Recht mich zu treiben. Er muss verstehen welche Rolle ich in der Herde haben möchte – er muss auch mir das Recht einräumen aus dieser Position heraus zu führen.“

Bent Branderup

So kann es unterschiedliche Probleme in den unterschiedlichsten Führpositionen geben. Pferde, die sehr hengstisch sind und den Menschen vor sich her treiben wollen, reagieren, wie der Hengst der die Herde „von hinten“ zusammen hält und mit den Zähnen vor sich her treibt. Pferde, die im Menschen die Mutterstute interpretieren, legen den Kopf auf den Bauch des Menschen und sind von dort quasi nicht mehr weg zu bewegen. Dann wird es schwer von der Bodenarbeitsposition in die Longenposition zu kommen. 

Das Pferd muss ja zwangsläufig unsere Kommunikation mit den Bildern aus seiner eigenen Welt interpretieren. Daher muss ich verstehen, wer ich in den Augen meines Pferdes in dieser Position in diesem Moment bin. 

Werde ich als Leitstute angesehen? Dann wird das Pferd von sich aus der Leitstute folgen. Wenn das nicht geschieht, dann brauche ich eine Hilfe, wo ich dem Pferd meinen Wunsch mitteilen kann. Als verlängerter Arm kann die Gerte in die spätere Schenkellage des Reiters zeigen – so bringen wir dem Pferd zuerst den inneren Schenkel – später über den Rücken geführt den äußeren Schenkel bei. Wir fordern das Pferd auf mit dem Hinterfuß nach vorne zu greifen. 

„Jeder der schon mal auf einem Jungpferd gesessen hat und anreiten wollte, wird die Reaktion des Pferdes erlebt haben, dass das Pferd anstelle anzugehen, die Muskeln zusammen gezogen und einen Katzenbuckel gemacht hat.“

Bent Branderup

Dass der innere Schenkel das Pferd zum vorwärts einladen kann, das ist also eine erlernte Sache. Es gibt keine Hebel und Zahnräder am Pferd, ermahnt uns Bent Branderup an eine allzu mechanische Hilfengebung zu denken. 

„Alle Reaktionen sind angelernt, es gibt keine natürliche Hilfe. Die Vorstellung einer natürlichen Hilfe zwischen Mensch und Pferd ist falsch.“

Bent Branderup

Daher müssen wir das Auge des Menschen schulen – denn die Reiter müssen die Antwort des Pferdes verstehen. Wir müssen also zuerst wissen, was wir vom Pferd erfragen wollen und dem Pferd die entsprechenden Hinweise geben – dann muss das Pferd versuchen wollen uns zu interpretieren. Wenn das Pferd keine Motivation hat uns zu verstehen, dann werden Hilfen nicht leicht. In der Ausbildung müssen wir unser Handeln so plausibel wie  möglich für das Pferd gestalten. 

Mit vielen Zeichnungen erklärt Bent Branderup die einzelnen Positionen jedes Herdentiers und wie wir diese Positionen nach und nach in Sekundarhilfen umwandeln können. Und so wird – aus der Gefühlswelt des Pferdes heraus ein Rahmen gebaut, den der Mensch greifbar für Kommunikation und Hilfengebung nutzen kann. Elementare Führübungen sind daher auch eine ziemlich wichtige Vorarbeit für die Bodenarbeit. Wer am Halfter links und rechts neben der Schulter des Pferdes führen kann, einmal das Tempo langsamer, einmal schneller gestalten, nach rechts und links wenden kann – das ist eine der wichtigsten Grundlagen für die weitere Ausbildung. 

Die Bodenarbeitsposition 

In der Akademsichen Reitkunst gibt es nicht nur „die Bodenarbeit“. Grundsätzlich sind wir Reiter zu Fuß unterwegs – alles, was wir am Boden mit dem Pferd unternehmen können ist nicht nur äußerst facettenreich sondern fördert ungemein Kreativität und Gefühl – schließlich lernen wir eine Hilfengebung rund um das Pferd und erforschen, wo uns das Pferd in welchem Moment als führender Tanzpartner am Besten gebrauchen könnte.

In der Bodenarbeit wollen wir uns in der Frontposition vor dem Pferd einen guten Überblick verschaffen, wir können aus dieser Perspektive die Antworten des Pferdes leichter ablesen. Diese erste Blickschulung ist am Wichtigsten, denn wenn der Mensch das Pferd nicht lesen kann, dann ist keine Antwort verständlich. 

Selbst wenn das Pferd eine Hilfe falsch interpretiert hat, dann war es ja ein Versuch uns als Menschen zu verstehen. Der Mensch antwortet auf den Versuch des Pferdes nicht mit „Nein“, sondern mit „Ja aber – schön dass du versucht mich zu verstehen“. 

„Unbedingt loben, wenn das Pferd etwas richtig errät. Wenn man verabsäumt, dem Pferd zu sagen, ob es richtig war, dann versäumt man zu lernen. Denn Gelernt ist nur das, was das Pferd erinnern kann. Was könnt ihr noch aus dem Unterricht in Physik aus der Schulzeit erinnern? Weg ist es. Aber man hat dort auch Lesen und Schreiben gelernt und kann heute noch Lesen und Schreiben. Aber jahrelang lernen wir etwas für die Schule, das wir später nicht können. Das gibt es auch beim Reiten – ich habe Leute gesehen, die bei rennomierten Reitmeistern Jahrelang geritten sind und nach 40 Jahren nicht beeindruckend reiten konnten!“ 

Bent Branderup

Bent Branderup rät daher immer wieder zu überprüfen ob das Pferd tatsächlich gelernt und verstanden hat. Weiter geht es in der umfangreichen ersten Theorieeinheit mit:

Vorwärts verstehen

In der Bodenarbeitsposition zeigen wir dem Pferd also den inneren Schenkel und möchten gerne, dass der Hinterfuß die Körpermasse durch Vorgriff vorwärts bewegt und nicht hinten raus schiebt. Was ist der Unterschied zwischen Vorwärts und schnell? Ein Pferd kann schnell werden, wenn es die Gelenke nach hinten raus öffnet. Und vorwärts? 


„Das wäre eine Erklärung – der Akademische Sitz funktioniert nur dann, wenn der Hinterfuß des Pferdes unter dem Reiter auffußt. Wenn der Schwerpunkt zwischen Mensch und Pferd übereinstimmen“. 

Bent Branderup

An dieser Stelle legt Bent Branderup seinem lauschenden Auditorium den Unterschied zwischen Beschleunigung und Entschleunigung ans Herz. Wenn das Vorderbein des Pferdes alleinig an der Entschleunigung teilnimmt und die gesamte Körpermasse auffangen muss – dann spüren wir unsanfte Stöße in unserem Sitz. Das Pferd kann aber nicht nur für den Menschen unbequem sein – das Pferd ist es dann unweigerlich auch für sich selbst. 

Für jedes Pferd entscheidet also korrektes Vorwärts auch über eine positive Körperwahrnehmung unter dem Reiter. Damit uns das Pferd gut tragen kann brauchen wir jahrelange Ausbildung. Schulterherein, Kruppeherein, Piaffe – das sind Inhalte für Pferde, die ihre Hinterbeine von Natur aus nicht korrekt unter die Körpermasse setzen. Strampeln auf der Stelle ist somit belanglos und inhaltslos, denn es führt ja nicht zum Ziel – ein gutes Reitpferd zu werden. 

Von guten und schlechten Piaffen führt der Weg in Bents Theorie unweigerlich zur Führung zwischen den Schultern. Von der Bodenarbeitsposition arbeiten wir uns langsam in die Handarbeitsposition von außen geführt. Dabei haben wir die Hand über dem Widerrist und empfangen Informationen aus der Hinterhand. Wir interpretieren, was in der Hand ankommt – oder eben auch nicht. Unsere Präsenz außen neben dem Pferd lässt uns stärker in die Position des äußeren Zügels wandern. Die Verlagerung des Brustkorbs zwischen den Zügeln ist ein ziemlich wichtiger Teil der Ausbildung. Im Gegensatz zum Menschen hat das Pferd kein Schlüsselbein, da hängt beim Pferd also die Schulter frei im Gewebe. In dem Moment, wo der Brustkorb schwer in den Schultern hängt, wird der Brustkorb festgehalten von den Schultern. Was aber, wenn der Rückenschwung ja aus der Hinterhand kommt? Bent Branderup demonstriert, was in seinem eigenen Gang passiert, wenn er die Arme frei schwingen lässt und im nächsten Moment vor dem Oberkörper verschränkt. Der Rückenschwung bleibt im zweiten Beispiel stecken. 

Das zeigt: Die Vorhand kann keinen Schwung erzeugen. Wer die Arme vor dem Oberkörper verschränkt wird automatisch zum Passgänger – der Pass kommt aus der Steifheit und der Blockierung der Schulter und führt zu einer fest gehaltenen Wirbelsäule. Die Hinterhand kann die Schultern leicht machen – Bent Branderup erklärt nun ausführlich, wie ein Vorderbein den Brustkorb zum anderen Vorderbein vorwärts schiebt. Das wäre eine Bewegung, bei der die Hinterhand komplett rausfällt. Im Gegenzug dazu stellen wir uns das Ideal vor – wenn das Hinterbein bzw. die Hinterhand dem Brustkorb eine Richtung gibt. 

Bent Branderup erklärt dem Publikum wo die Augen die fehlerhafte Belastung des Brustkorbs festmachen können – nämlich an den Fesseköpfen. Wenn wir die Fesselköpfe nach unten gedrückt werden, dann wissen wir: Hier lagert zuviel Gewicht auf dem Vorderbein. 

Wenn wir dieses Übergewicht erkennen, dann wandert das Auge ans Genick und prüft die korrekte Stellung des Pferdes. Warum ist uns das wichtig? Die Stellung beeinflusst in jedem Fall auch die Beckentätigkeit – Stellung und Positionierung des Beckens korrespondieren quasi miteinander. 

Wenn das Becken auf einer Seite vor und runter rotiert – also reiten wir beispielsweise auf der linken Hand, dann würde der Brustkorb rechts außen hoch rotieren, innen links nach unten. Diese Rotation geht weiter durch den Hals des Pferdes bis hin zum Genick. Und hier nennen wir das Ergebnis Stellung. Somit ergibt sich: Die Stellung muss grundsätzlich von der Hinterhand nach vorne produziert werden – aber in der Bodenarbeit können wir dem Pferd aus unserer Frontposition erstmals ganz gut erklären, was wir gerne erarbeiten möchten. 

Eine gute Stellung wird meistens verhindert, wenn der Brustkorb in der äußeren Schulter fest hängt.

„Daher werden wir die äußere Schulter etwas nach innen nehmen. Und genau deswegen ist Schulterherein DIE lösende Lektion. Dadurch können wir aber auch erkennen, wie viele Menschen Schulterherein missverstanden haben. Denn viele Reiter stellen ihr Pferd zur Wand und treiben das Pferd über das stehende äußere Vorderbein noch mehr nach außen. Das ist dann kein Schulter herein sondern ein Schulter heraus“. 

Bent Branderup

Man muss natürlich festhalten: die wenigsten Reiter begehen absichtlich einen Fehler. Aus der Handarbeitsposition können uns diese fehlerhaften Versuche jedoch bei der Entwicklung des Gefühls und des Verständnis sogar hilfreich sein. 

„Wir lernen mit der Hand zu verstehen, wo die Spannungen, die wir fühlen überhaupt entstehen. Diese Fehler gehen sehr sehr selten vom Genick aus“. 

Bent Branderup

An dieser Stelle entführt uns Bent Branderup kurz in die Zahnheilkunde. Warum ist eine Zahnbehandlung, die aufgrund der Erfahrung mit Galopprennpferden entwickelt wurde nichts wert? 80 Prozent der Galopper werden gerade mal zwei Jahre alt. Die Zahne wachsen allerdings nicht, wie man glaubt. Die Zähne schieben nach, aber wenn sie komplett ausgebildet sind, dann gibt es quasi nichts mehr zum Nachschieben. 

Weiter geht es mit der Hergabe oder Hingabe des Genicks. 

„In erster Linie geht es darum herauszufinden, ob Spannungen iM Körper sind und dann zu analysieren, wo diese herkommen. Wie tief kann der Reiter in den Pferdekörper horchen – spürt man eine Spannung im Genick?Nicht die Hand soll aber an das Pferd herantreten, sondern das Pferd muss an die Hand herantreten.“

Bent Branderup

Grundsätzlich warnt Bent Branderup davor, ein Gefühl für einen bestimmten Spannungszustand als ursächlich abzutun – oftmals spüre wir lediglich die Symptome. Das Problem liegt physisch gesehen an einer ganz anderen Stelle. 

In den nachfolgenden Praxiseinheiten widmeten sich Reiter und Pferd der Bodenarbeit. Dazu mehr im zweiten Teil des Kursberichts nächste Woche – und natürlich gab es weitere ausführliche Theorieeinheiten 🙂

Bent live erleben?

Mehr über Bent Branderup gibt es live beim Sommerkurs in Hart bei Graz. Neugierig geworden? Letzte Zuschauerplätze können wir unter folgendem Link vergeben.

Perspektivenwechsel

Perspektivenwechsel

„Besonders für die Akademische Reitkunst geeignet“. Mit diesem Slogan werden zunehmend Pferde gerne in Verkaufsportalen angeboten. Meine liebe Kollegin Celina Harich hat sich dazu Gedanken gemacht – wer Celina kennt weiß – es bleibt nicht bei einem Aspekt.
Ich freue mich sehr, diesmal einen Gastartikel von Celina Harich auf meinem Blog zu präsentieren:

Die Skandinavier an sich ein sehr freundliches Volk. Die Regel ist: Je kühler die Temperatur, desto liebevoller der Umgang. Direkte Kritik ist eher unüblich. Je weiter es in den Norden geht, desto weicher ist die Sprache. Ich mag das ja. 

Celina Harich

Nach ich einigen Jahren im Skandinavischen Ausland, empfinde ich heute Deutschland immer noch als hektisch und unfreundlich. Die recht emotionslose deutsche Klarheit in der Sprache hingegen ist wundervoll. Man muss so wenig raten. In Skandinavien sprechen wir Code. Das muss man lernen zu entcoden. Statt: „Das ist Mist, was Du da grade machst“ sagt der Skandinavier: „Hätte was werden können“.
Versteht man erst nach genauerem Hinterfragen.

Das gilt natürlich auch für die Reiterwelt. Steht in einer Verkaufsanzeige „besonders für die Akademische Reitkunst geeignet“ ist das auch Code. Hinter dieser Beschreibung verbergen sich (meistens) verschiedene Typen, die nach der allgemeinen Auffassung besonders geeignet sind: 

Die Entschlüsselung des Codes

Typ 1:  Das Pferd ist von Natur aus nicht mit besonders viel Talent gesegnet, und damit im Sport nicht zu gebrauchen. Wenn irgendwas helfen kann, dann Akademische Reitkunst.
Typ 2: Das Pferd ist geistig / körperlich / seelisch schon schwer geschädigt und traumatisiert. In der Akademischen Reitkunst nimmt man darauf ja Rücksicht.
Typ 3: Dieser Typ Pferd war mal wirklich talentiert. Leider haben Rücken/Beine/Sehnen dem Anspruch nicht gehalten. Die Akademische Reitkunst macht ja hauptsächlich Rehabilitation.
Eine weitere Variante bietet Typ 4: Benimmt sich völlig verrückt und unberechenbar. Die Akademische Bodenarbeit kann das richten.

In meiner Zeit auf Gotland, dieser wunderbaren schwedischen Insel, zu der ich immer wieder gerne zurückkehre, durfte ich sie alle kennenlernen. Weil Ekeskogs ein Ort mit genug Platz ist, meine Kollegin Hanna Engström ein großes Herz hat, und ich wahnsinnig genug bin, auch noch das fünfzehnte Pferd am Tag zu arbeiten – deswegen haben sie alle einen Platz bei uns gefunden. Die Pferde, die für die Akademische Reitkunst besonders geeignet sind. 

Alle Varianten habe ich kennenlernen dürfen. Das brandgefährliche Jungpferd, dass schon den Hänger auf der Hinfahrt zerlegt hat. Das Pferd mit Weideunfall, das nur noch Pass in verschiedenen Geschwindigkeiten gehen konnte. Das Pferd mit täglich wechselnder Lahmheit, oder das Pferd mit so schiefem Brustkorb, dass das Karpalgelenk nicht mehr grade werden konnte. Das Pferd, dass beim Heben der Gerte nur noch verrückt wie ein Elefant auf der Stelle trampelte. Den Traber mit durchtrennter Zunge, den Spanier mit einem Leben im chronischen Schmerz, den Lipizzaner ohne Rücken und den Warmblüter, der in 200-ster Hand war. 
Wow, was für eine Herausforderung. Aber auch: Was für ein wundervoller Spielplatz, sich auszuprobieren und die beste, individuelle Lösung für diesen Geist und diesen Körper zu finden.

Was ich gelernt habe?

Alle meine Kompetenzen im Sinne des Pferdes einzusetzen. Wenn kompetente Behandlungen nicht greifbar sind, finden sich auch andere Werkzeuge. 

Meine Erfahrungen aus der Verhaltenstherapie mit traumatisierten Gebrauchshunden half mir, schnell zu Zugang zu den verschiedensten Charakteren zu finden. Die akademische Werkzeugkiste ist Grundlage, Zugang zum Körper zu finden. Die Menge an zu betreuenden Pferden hat mich vor eine riesige Herausforderung gestellt. Das letzte Pferd am Tag hat die gleiche Liebe, Präzession und Aufmerksamkeit verdient wie das Erste. Klarheit, Struktur und Didaktik haben eine neue Dimension in meiner Arbeit bekommen und einen völlig anderen Stellenwert, als wenn ein oder zwei Pferde zu betreuen sind.

„Das Unmögliche möglich machen, das Mögliche leicht und das Leichte elegant.“

Moshé Feldenkrais

Kleinteilige Bewegungsmuster sind oft der Schlüssel zur Losgelassenheit und Entwicklung.  Jeden Tag durfte ich auf dieser Basis kleine und große Wunder erleben. 

Manchmal war die Lösung ganz offensichtlich. Manchmal durfte ich etwas tüfteln. Immer habe ich Lösungen gefunden. Taktfehler, kaputter Rücken, kann nicht Traben  –  wenn nichts mehr ging, dann sind die Pferde und Schüler gerne zu mir „überwiesen“ worden, von Tierärzten, Osteopathen, Kollegen und Nachbarn.

Mein schwedischer Spielplatz hat mir viele Ideen mitgegeben und reiche Erfahrungen, für die ich dankbar bin und aus denen ich schöpfen darf. Meine Welt hatte sich in Schulterherein, Kruppeherein, verschiedenen Biegungen und Beugungen aufgeteilt, mit denen ich erfolgreich allen Pferden helfen konnte.

„Alles hat eine Zeit und einen Ort im Leben.“

Celina Harich

Meine eigenen Pferde, und mein Despino zu aller erst, nehmen ihren Bildungsauftrag mir gegenüber sehr ernst. Wenn ich mich auf irgendetwas im Leben verlassen kann, dann darauf. Glaube ich, eine Materie zu verstehen und zu beherrschen, zeigt Despino mir, dass es da noch etwas anderes zu lernen gibt. Und dass es ihm persönliche wichtig ist, dass ich da jetzt hingucke.

Leider bin ich als Menschenkind nicht immer direkt dafür offen und manchmal etwas resistent, bevor ich hinhöre. Diesmal hat er mich an einen alten Wunsch erinnert. 
Osteopathie, Akupunktur und TCM haben immer eine große Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Den Pferdekörper noch besser zu verstehen, war bereits mit Anfang 20 ein tiefer Wunsch. Meine Reise in die Reitkunst jedoch war so spannend und zeitintensiv, dass ich die Ausbildung immer verschoben und schließlich vergessen hatte.
Meine Resistenz war auch diesmal groß. Fast zwei Jahre habe ich zugesehen, wie es meinem eigenen Pferd immer schlechter ging. Der Beginn war ein kleiner Husten. Als nächstes kam ein Deckunfall (den auch übermotivierte Wallache wie er gerne mal haben), von dem er sich körperlich nur oberflächlich erholte. Ein Wurmbefall mit Bandwürmern, die trotz regelmäßiger medizinischer Betreuung nicht Einhalt geboten werden konnte, rundete das Bild ab.


Daraus resultierte: Was auch immer ich reiterlich versucht habe – es wurde schlechter. Mein Pferd verlor Muskulatur, Elastizität und vor allem Freude und Bewegungslust. Meine Welt, in der Reitkunst DAS Rehabilitationsmittel war, funktionierte bei meinem eigenen Pferd nicht mehr. Nicht so gut für das Ausbilder – Ego. Machtlos stand ich daneben, und habe für ihn alle Behandler der Welt bestellt – Osteopathie, Energetik, Schulmedizin, Homöopathie. Geholfen hat nichts. 

Und nun?

Gibt es Zufälle im Leben? Ich weiß es nicht. Was 15 Jahre nicht zusammenkommen wollte, fiel einfach an seinen Platz.  Und ganz zufällig zog es mich zu einer Schule für Osteopathie, die ihren Schwerpunkt auf eine sanfte, liquide und funktionelle Osteopathie gelegt hat. Liquide und craniosacrale Techniken sind fester Bestandteil der Ausbildung. Meridianlehre und Akupressur gehören ebenfalls zum Lehrplan. Zufällig fielen die Termine mit meinen „Urlaubstagen“ zusammen.  

Selber behandeln wollte ich eigentlich nie. Verständnis für den Körper hätte mir als Output der Ausbildung auch gereicht. Mein Pferd jedoch war wirklich konsequent mit mir. Er nahm ab, der Rückenmuskel verschwand, er wurde immer zäher und weniger responsiv auf die Reiterhilfen, dünner und mit dickem Bauch. Der Husten kam immer wieder, und wollte gerne eine COPD werden. Sein Körper war mittlerweile so wenig widerstandsfähig, dass eine Neopren-Fliegenmaske weiße Druckstellen wie bei einer Serreta-Narbe auf seinem hübschen Köpfchen hinterlassen haben. Ich habe kurz überlegt, wahnsinnig zu werden. Stattdessen kaufte ich einen (weiteren, besseren) Inhalator. Nur geholfen hat es genau gar nichts.

Wenn ich Dinge tue, dann lerne ich auch ordentlich. Und natürlich mussten meine Pferde als „Testopfer“ während meiner Ausbildung herhalten. Als ich craniosacrale Technik lernte, passierte etwas in meinem Pferd – und ein halber Liter Schleim floss aus seiner Nase auf meine Schuhe, eine zähe gelb-grüne Substanz. Danach wurde der Husten deutlich besser. 
Ein weiteres Modul Ausbildung, in dem das Thema Narben und Nebenhöhlen behandelt wurde, lenkte meine Aufmerksamkeit auf eine Narbe am linken Auge. 3jährig hatte er sich das Auge auf der Weide verletzt und musste operiert werden. Die Nebenhöhlen auf der linken Seite waren komplett verschleimt. Den Hinweis hatte ich auch nach einer Bronchoskopie nicht gefunden. 

Liebe lässt uns an uns glauben!

Mein Pferd glaubt wirklich an mich. Er verwickelte sich freiwillig in einen Unfall mit unglücklichen Umständen. Er zwang mich dazu, mich ausgiebig mit Meridianen und Faszien zu beschäftigen. 
Über fast 6 Wochen kam er in den Genuss regelmäßiger Behandlungen. Von Tag zu Tag konnte ich unter der Behandlung sehen, wie mein Pferd sich körperlich veränderte. Er wurde runder, schwingender, veränderte sich muskulär – ganz ohne Training, den das rechte Hinterbein hatte zu großen Teilen keine Haut mehr zu dem Zeitpunkt.  Vor allem aber wurde er glücklicher. Als ich 6 Wochen später das erstmalig wieder aufsaß, hatte ich ein neues Pferd unter mir. Und noch viel besser: mein Altes zurück. Auch wenn die Kraft für eine Piaffe nicht reichte – aber alle Hilfen, Biegungen und Stellungen, alles, was wir mal gelernt hatten, war ohne Aufwand wieder da.

Meine Welt aus Schulterherein und Kruppeherein hat jetzt wieder Sinn gemacht,  und konnte positiv auf mein Pferd einwirken. Sein Weg zurück wird noch ein bisschen dauern. Aber – jeden Tag hat er wieder mehr Kraft. 
Und das allerbeste: Mein Pferd frisst trockenes Heu, ohne zu Husten. Er kann 20 min problemlos galoppieren. Wir haben von einer Power Kraftfutterration von 3kg / Tag auf genau 80g Mineralkräuter reduzieren können, denn mehr benötigt sein Körper nicht mehr. Der resistente Wurmbefall hat sich verabschiedet. Und er wiehert wieder, wenn er mich sieht.

About me
Celina interessiert sich für alles, das zu einem umfassenden Verständnis von Körper, Geist und Seele beiträgt. Ihre Kompetenzen sind neben der Akademischen Reitkunst auch energetische Osteopathie und Körperarbeit. Aber vor allem ist sie Pferdemädchen mit Leib und Seele. Ihr Wissen gibt sie auf Seminaren und Online mit Freude weiter.
Zum Weiterlesen: www.celinaharich.com oder www.equidemia.com


Der Sitz in der Akademischen Reitkunst

Der Sitz in der Akademischen Reitkunst

In der Akademischen Reitkunst legt man großen Wert auf den Sitz. Manche Reiter anderer Reitstile werfen „den Akademikern“ allerdings Sitzfehler vor. Für die Ausgaben der FEINEN HILFEN Nr. 25 wurde ich interviewt, um Missverständnisse aufzuklären.

FEINE HILFEN: Was hat der Sitz in der Akademischen Reitkunst für einen Stellenwert?

Anna Eichinger:Einen sehr großen Stellenwert – nicht umsonst wird der Sitz als primäre Hilfe bezeichnet. Primär deshalb, weil der Reitersitz nie aussetzen kann. Wenn wir auf dem Pferd sitzen, dann wirken wir auch immer ein – ganz unabhängig davon, ob wir jetzt mit der Qualität der Einwirkung zufrieden sind oder nicht. 

Die Art und Weise, wie wir auf dem Pferd sitzen, verrät sehr viel über uns als Mensch im Alltag. Ich denke, jeder Reiter kennt das Gefühl, wenn Großhirn, Kleinhirn und Körperteile versuchen miteinander zu kommunizieren und die Bewegungen in unserem Körper leider ganz anders ankommen, als wir es geplant hatten. 

Um etwas Aufklärung in die Sache mit der Bewegungslegasthenie zu bringen, hilft uns zunächst einmal die Auseinandersetzung mit der Theorie. Weil sich die Frage explizit auf die Akademische Reitkunst bezieht darf ich hier folgende Definitionen näher erläutern:

  1. der physische Sitz
  2. der statische Sitz 
  3. der fühlende Sitz.

Der Reiter folgt den Bewegungen des Pferdes und nimmt darauf Einfluss – das wird als physischer Sitzbezeichnet. Wir müssen uns zunächst also mit den Bewegungsabläufen des Pferdes – insbesondere denen der Wirbelsäule beschäftigen. Die Wirbelsäule schwingt dreidimensional, das heißt im Brustkorb beobachten wir eine Bewegung nach oben und unten, eine seitliche Bewegung sowie eine Rotation. 

Es gibt viele Reiter, die über Rückenschmerzen klagen. Andererseits wird diese dreidimensionale Bewegung der Pferdewirbelsäule eingesetzt, um Menschen mit körperlichen Schwierigkeiten in der Therapie zu helfen. Wie passt das zusammen? 

Stellen wir uns vor, wir sitzen auf dem Pferd und reiten auf der linken Hand. Wenn das linke Hinterbein, also das innere Hinterbein abfußt und nach vorne schwingt, fühlen wir, wie sich unser linker Sitzknochen nach vorne-unten bewegt wird. Das Pferdebein fußt auf und schiebt nach hinten – unser linker Sitzknochen wird nach hinten-oben geführt. Wir können eine sachte Kreisbewegung unserer inneren Hüfte wahrnehmen, die möglichst gleichmäßig und rund ablaufen sollte. Gegengleich spüren wir die Bewegung ebenso in der äußeren Hüfte. Sitzen wir also gegen die Bewegung, dann kommt es unweigerlich zu Verspannungen in der eigenen Hüfte, was sich wiederum auf Becken, Lenden-, Brust-  und Halswirbelsäule des Reiters auswirkt. Nicht anders ergeht es dem Pferd. So gesehen blockiert ein „gegen die Bewegung sitzen“ den korrekten Rückenschwung – manchmal sogar mit voller Absicht, um die Bewegungen des Pferdes noch spektakulärer erscheinen zu lassen. 

Unser Ziel in der Akademischen Reitkunst ist allerdings den mal größeren und mal kleineren Rückenschwung zu fühlen und mit zu gestalten – je nach Versammlungsgrad und Bewegungsrichtung. Womit sich der Kreis zur gezielten Einflussnahme schließt und wobei der Reiter den Bewegungen des Pferdes stetig folgt. 

Der statische Sitzist für die verschiedenen Gleichgewichtsrichtungen zuständig. Unser Ziel in der Akademischen Reitkunst ist es, das Gleichgewicht von Reiter und Pferd in Übereinstimmung zu bringen. In der Bodenarbeit schulen wir daher bereits unser Auge, wenn wir dem Pferd zeigen, wie es korrekt unter seine Masse hin zum Schwerpunkt treten soll. Später, auf dem Pferd, können wir anstelle unseres Auges auch unser Ohr einsetzen. Tritt das Pferd nicht in Richtung Schwerpunkt, sondern daran vorbei, wird es vermutlich nicht nur schwer in der Hand, sondern der Fuß wird auch schwer auf dem Boden aufsetzen. Wir hören und spüren die Erschütterungen, wenn der Schwung nicht korrekt über die Wirbelsäule von der Hinterhand an die Vorhand übertragen wird. 

Was passiert also, wenn wir die Schwingungen des Pferdes verändern, mal zulegen und mal wieder aufnehmen? Hier ist der statische Sitz unser wichtigster Assistent. So können wir beispielsweise unseren Schwerpunkt im Kruppeherein in Richtung innerer Schulter verschieben, um ein wenig zuzulegen und in Richtung innerer Hüfte des Pferdes, um das Kruppeherein ein wenig zu versammeln. 

Jeder hat schon mal in der Reitschule das Kommando gehört: „Sitzen Sie gerade“. Was bedeutet „gerade“ im Zusammenhang mit dem Schwerpunkt? Diese Anweisung nutzt dem Reiter also relativ wenig, wenn er nicht erfühlen kann, ob die Hinterbeine des Pferdes in Richtung Schwerpunkt unterwegs sind oder daran vorbei treten? 

Der fühlende Sitzist mit Sicherheit eine sehr individuelle Zutat rund um den korrekten Sitz. Wie fühlt sich für Sie Harmonie an? Manchmal höre ich von Schülern die Klage: Ich fühle nichts. Wir sind so sehr darauf programmiert, dass wir Fehler suchen und Fehler erspüren. Wenn dann alles klappt und harmonisch wird, dann ist es doch ein zarter Hauch von Nichts, der uns als Belohnung geschenkt wird. 

Um zu fühlen müssen wir verstehen. Um zu verstehen müssen wir die Theorie studieren: Was wollen wir überhaupt sehen, wie sieht korrekter Rückenschwung aus, wie sollen sich Hinter- und Vorhand bewegen? 


„Nur einem denkenden Reiter kann man einen fühlenden Sitz lehren und der Reiter muss verstehen, was er fühlt.“

Bent Branderup

In der Bodenarbeit schulen wir zunächst unser Gefühl für korrekte Stellung und Biegung, wir erfassen erstmals die dreidimensionale Schwingung der Wirbelsäule des Pferdes. Wir entwickeln ein Gespür dafür, was überwiegt, Rückschub oder Vorgriff. Später nehmen wir dieses geschulte Gefühl mit in den Sattel – oftmals mit einer großen Enttäuschung. Was vom Boden aus so toll geklappt hat, fühlt sich nun vom Sattel aus anders an. Natürlich, denn wir haben das Pferd zwar so weit geschult, aber in der Bodenarbeit noch nichts für unseren physischen und statischen Sitz getan. 

FEINE HILFEN:Vielen AR-Reitern wird vorgeworfen im Stuhlsitz zu reiten. Tatsächlich sieht man oft, dass die Unterschenkel weiter vorn liegen, als etwa bei klassisch-deutschen Dressurreitern. Warum ist das so?

Eichinger:  Zunächst einmal müssen wir uns – auch ohne die gesehenen Bilder von lernenden Schülern zu kennen – über die Definition klar werden: Ist tatsächlich ein Stuhlsitz, ein offener Sitz oder ein geschlossener Sitz gemeint? 

In der Akademischen Reitkunst gib es viele unterschiedliche Pferderassen und Menschen. Oft haben wir das Phänomen, dass sehr große Pferdehüften mit einer enormen Bewegung auf ein kleines, menschliches Becken treffen. Hier passen die Größenverhältnisse nicht optimal zusammen. 

Nehmen wir beispielsweise eine junge Reiterin auf einem Kaltblutpferd. Das Hüftgelenk ist ein Kugelgelenk, der Oberschenkel kann sich nur begrenzt aus dem Hüftgelenk bewegen. Die Reiterin versucht trotz alledem den Bewegungen des Pferdes korrekt zu folgen. Ohne Sattel und geeignetes Pad sitzt der Reiter dann zu breit, der Reiter kann tatsächlich in den Stuhlsitz kommen, wenn der Oberschenkel nicht mehr entlasten kann und das Gesäß des Reiters dann zu weit nach hinten  gedrückt wird. Das Hüftgelenk wird dann nach vorne rausgepresst. Wir brauchen in solch einem Fall dann einen Sattel, damit der Oberschenkel besser nach unten gleiten kann; der Sattel würde außerdem den Abstand zwischen Gesäßknochen und Pferderücken auch vergrößern. Manchmal ist es aber auch aufgrund des enormen Größenunterschieds schwierig, einen passenden Sattel zu finden, der den Reiter adäquat platziert. Ich denke, viele Reiter fühlen sich in der Akademischen Reitkunst als Lernende besonders gut aufgehoben, da sie nicht in eine bestimmte Form gezwungen werden, die sie rein physisch noch gar nicht einnehmen können. 

Oder um es auch mit Gustav Steinbrechts Worten zu sagen: 

„Ein eingewurzeltes Vorurteil hat einen so genannten Normalsitz des Reiters festgestellt, nämlich die Körperhaltung, die der Reiter zu Pferde ein für allemal anzunehmen habe. Ich suche in dem Umstand, dass dieser Normalsitz dem Schüler von Anfang an angewiesen und mit Strenge eingeübt wird, den Hauptgrund, weshalb viele junge Reiter von der Reitbahn und dem systematischen Studium der Reitkunst abgeschreckt werden……. Einen Normalsitz zu Pferde, wenn man darunter eine auch nur für die Mehrzahl der Fälle richtige Körperhaltung verstehen will, gibt es gar nicht, denn der Reiter sitzt nur dann richtig zu Pferde, wenn der Schwerpunkt oder vielmehr die Schwerpunktlinie seines Körpers mit der des Pferdes zusammenfällt. Nur dann ist er mit seinem Pferde in vollkommener Harmonie und gleichsam eins mit ihm geworden……Wer einsieht, dass Schönheit und Leichtigkeit des Sitzes nicht von der Körperhaltung des Reiters alleine, sondern ebenso sehr von der guten Haltung und dem geregelten Gang des Pferdes abhängen, der wird es natürlich finden, wenn ich rate, den Schüler, sobald er Sicherheit gewonnen hat, darauf hinzuführen dass er auch auf die Richtung des Pferdes einwirkt, sollte dies auch unter Einbuße an vorschriftsmäßiger Haltung geschehen“.

Gustav Steinbrecht, Das Gymnasium des Pferdes

FEINE HILFEN: Man sieht dich oft ohne Sattel oder im Fellsattel. Was macht das Reiten ohne (Baumsattel) mit deinem Sitz? Hat es ausschließlich positive Effekte oder hättest du Bedenken, wann man nur ohne Sattel reitet?

Eichinger: Ohne Sattel reite ich ausschließlich in unserem Schwimmteich. Ich besitze sowohl Baumsättel, sowie einige Filzsättel und den Bent Branderup Schulungssattel für meine Pferde. Ins Gelände gehe ich ausnahmslos mit einem Baumsattel, für die Arbeit in der Halle und die Arbeit an meinem eigenen Sitz ziehe ich persönlich den Schulungssattel aus diversen Gründen vor. Im Fellsattel hatte ich auch oben beschriebenes Problem, da meine Hüfte eigentlich für meine beiden Stuten zu klein ist. Im Filzsattel konnte ich sowohl die Rotation des Pferdebrustkorbs wie auch meine eigene Bewegung besser erfühlen lernen. Das „Feintuning“ erarbeite ich also sehr gerne im Schulungssattel von Bent Branderup. Ein Sattel kann im Grunde aber nichts in meinem Sitz erzeugen – aber ich greife je nach Bedarf auf Ledersattel mit Baum oder eben den Filzsattel oder den Schulungssattel zurück. Für mich gibt es da kein Dogma. (Anmerkung – zum Zeitpunkt des Interviews gab es den Schulungssattel bei mir im Schrank noch nicht – ich habe diese Angabe daher aktualisiert)

Schülern, die gerne ohne Sattel reiten oder mit einem Pad das Fühlen erlernen wollen, rate ich bei der Auswahl des Pads oder Filzsattels darauf zu achten, dass die Sitzknochen nicht in den langen Rückenmuskel des Pferdes drücken. Nun würde ich mit meinen Schülern daran arbeiten, das Reitergewicht auf den Oberschenkeln zu verteilen.  Wobei wir hier anatomisch gesehen, wieder bei der Rundheit der Rippen versus der Rundheit der Oberschenkel sind. Pferd und Mensch gleichen sich anatomisch eben nicht eins zu eins – es empfiehlt sich also eine geeignete Unterlage zu wählen, die es den Oberschenkeln des Reiters ebenso möglich macht, zwar nahe ans Pferd zu kommen, aber auch gut der „Rundung“ zu folgen. 

FEINE HILFEN: Hat der leichte Sitz für dich eine Bedeutung? 
Eichinger:Ja, natürlich hat der leichte Sitz für mich auch eine Bedeutung. Wenn ich mal einen zügigen, flotten Galopp – und der kann bei meiner blutgeprägten Przedswitstute durchaus sehr rasant ausfallen – wähle, dann galoppiere ich im Gelände natürlich auch mal im leichten Sitz. Wichtig ist mir dabei die Statik. So wie ein Jockey im Rennen und ein Springreiter über dem Sprung mit dem Pferd im Gleichgewicht bleiben – so möchte ich ebenso meinen statischen Sitz nicht verlieren. Wichtig zu ergänzen wäre hier, die Beschaffenheiten des eigenen Sattels, sowie den muskulären Zustand des Pferdes genau im Auge zu behalten. Im schlimmsten Fall könnte das Kopfeisen durch den leichten Sitz nach unten in den Pferderücken gedrückt werden. Die Folge sind Atrophien, die wir leider sehr häufig bei Pferden finden. Der Ausdruck „leichter“ Sitz darf also nicht in die Irre führen, er macht uns nicht leichter, er soll uns lediglich Unterstützung bei der Übereinstimmung der Schwerpunkte von Pferd und Reiter bieten. 

FEINE HILFEN: Wo sitzt du in der Biegung? Außen, innen oder mittig? Und warum? 

Eichinger:In einer korrekten Biegung sitze ich physisch etwas mehr nach innen. Natürlich möchte ich mich zunächst mal auf dem Pferd entspannen und beide Sitzknochen spüren. Dann nehme ich beispielsweise einen Linkssitz ein (Schultern parallel zu Schultern, also kommt die äußere Schulter etwas mehr vor, während ich ebenso die innere Hüfte etwas mehr vornehme als die äußere). Gustav Steinbrecht beschreibt dieses Phänomen mit einem sanften Hang in der inneren Hüfte. Wichtig ist es allerdings, nicht in der Hüfte einzuknicken. Das könnte passieren, wenn das überbogene Pferd den Reiter nach außen setzt, da der Brustkorb innen fälschlicherweise nach oben rotiert und nicht nach unten. In der Reitliteratur findet man hier viele innere Bilder. Steinbrecht erwähnt eben den „Sanften Hang in der inneren Hüfte“, der Herzog von Newcastle schreibt von einem Steigbügelriemen der innen vier Inches länger scheint und Guérinière schreibt ebenso davon, dass der Steigbügel innen länger scheint. 

In korrekter Biegung rotiert der Brustkorb nach innen unten – das heißt die äußere Oberlinie dehnt sich, der äußere Brustkorb kommt außen hoch. Wenn der Reiter dann nach außen sitzt, würde er den Pferdekörper an jenen Stellen, die sich unmittelbar dehnen, belasten. Je nach Größe der Schwingung – anders gesagt je nach Versammlungsgrad – sitze ich in den versalen und traversalen Biegungen entweder mit dem Schwerpunkt im Kruppeherein mehr nach vorne in Richtung innerer Schulter – bei der Versammlung in Richtung innerer Hüfte des Pferdes. ImSchulterherein nehme ich den Schwerpunkt mehr in Richtung Schweif beim Versammeln – beim Vorwärtsschwingen achte ich darauf, nicht zu stark nach innen zu sitzen, da das Pferd sonst vom Schwerpunkt weg tritt. Sitze ich zu stark nach außen, belaste ich den Brustkorb zu stark, die äußere Schulter kann nicht frei werden. Physisch muss der Reiter dann also innen sitzen bleiben, den Schwerpunkt aber der Bewegungsrichtung folgen lassen. 

FEINE HILFEN: Vielen Dank für das Gespräch.

Primäre Hilfe – Körpersprache und Sitz – mehr zum Thema gibt es live bei unserem Sommerkurs mit Bent Branderup am 29. und 30. Juni 2019. Wir haben noch Platz für Zuschauer – Anmeldung unter kurse@einfachreiten.com

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