Alles in Balance?

Alles in Balance?

Es rauscht ein wenig, aber die moderne Technik macht es möglich. Die Verbindung via Skype zwischen Dänemark und Österreich ist quasi in Balance, der Unterricht kann losgehen. Ich sitze auf Tarabaya (Tabby) und habe Bent im Ohr…

Wir analysieren die Bewegungsqualität meiner Fuchsstute an diesem Montag Morgen. Egal welche Themen später folgen, als erstes wird überprüft, wie Tabbys Hinterbeine nach vorne schwingen und wie gut es um die Balance steht. 


„…In der Bewegung sollen die Hinterbeine des Pferdes genau unter den Schwerpunkt fußen, wenn das Pferd gut ausbalanciert ist. Tut es das nicht, dann trägt das Pferd die Hauptlast mit der Schulter und die Schwingungen der Wirbelsäule werden gestört. Seine Muskeln werden sich verkrampfen und die Losgelassenheit in der Form wird unmöglich“.

Bent Branderup, Akademische Reitkunst

Waldemar Seunig schlägt in Punkto Balance in dieselbe Kerbe. Seiner Meinung nach, ist Balance nur dann vorhanden, wenn: 

„…das Pferd zur Schwerlinie tritt. Reiterlich gesprochen geht ein PFerd im Gleichgewicht, wenn es das Tempo oder die Gangart nicht verstärkt oder erhöht, sobald man die Zügel soweit nachlässt, dass gar keine Verbindung zwischen Hand und Maul mehr stattfindet. Es darf im Zügel keine Stütze finden.“ Waldemar Seunig. Von der Koppel zur Kapriole

Waldemar Seunig, Von der Koppel zur Kapriole

Wir streben beim Reiten aber nicht nur nach körperlicher Balance, auch die innere Balance ist wichtig, denn sie bedingt Losgelassenheit und Durchlässigkeit – wenn man es technisch ausdrücken möchte. Wenn das Pferd mental in Balance ist, dann ist es mit uns zufrieden und erfreut sich ebenso an der gemeinsamen Zeit. 

„Im Streben nach Balance liegt der Sinn aller reiterlichen Übungen, es ist Anfang, Weg und Ziel der reiterlichen Grundschule. In der Balance führt der Weg zur Kunst wie zur Leistung. ….Das Pferd soll lernen sich selbst und später den Reiter auszubalancieren. Es genügt nicht über das Wesen der Balance nachzudenken und darüber zu diskutieren. Man muss sie erleben, zuerst am eigenen Körper und dann auf dem Pferde. Wir Menschen sind weit davon entfernt, von Natur aus ohne Selbstschulung gut ausbalanciert zu sein“.

Udo Bürger, Vollendete Reitkunst

Den Sandsack auffangen

Rückblende: Vor einiger Zeit habe ich ein spannendes Training entdeckt, das sich um Mobilität, Stabilität und Kraft dreht. Was mir beim ersten Probetraining gut gefallen hat? Spielerisch haben wir uns an Balance geübt. Es ging einen Hürdenlauf auf und ab. Auf einem schmalen Holzbrett entlang balancieren, oder von Stein zu Stein springen. Das Training gab mir einen aktuellen Statusbericht über meine eigene Balance. Rückwärts mal die Treppe rauf und runter laufen – diesen Tipp hatte ich von meiner lieben Kollegin Annika Keller erhalten, als ich sie zu ihrem Equestrian Movement Konzept interviewte. (Nachhören könnt ihr den Podcast hier). Durch dieses Interview war ich auch motiviert, etwas für meinen Körper zu tun. Auf einer wackeligen Stange zu stehen und einen Sandsack aufzufangen – mich mit der Bewegung des Sackes wieder selbst ins Gleichgewicht zu bringen – das hat mir natürlich auch sehr viel zu Denken gegeben, was unsere Pferde und Balance anbelangt. 

Wer versucht, über ein Cavaletti zu balancieren wird bemerken, dass die Übung umso besser gelingt, je mehr man die Hanken beugt. Andererseits kann es auch mal helfen an Tempo zuzulegen, um die Balance auf zwei Beinen nicht zu verlieren. 

Zurück in den Sattel. Das Ziel bleibt Balance, akribisch arbeiten wir daran, ein gleichmässiges Vorschwingen beider Hinterbeine in Richtung Schwerpunkt zu bekommen. Aber warum tritt eigentlich ein Hinterbein zum Schwerpunkt, das andere nicht? 

„Diese Gehtechnik, die bei allen ungeschulten Tieren, ganz besonders deutlich beim Hund zu sehen ist, entspricht ungefähr dem Auswärtsstellen der Fußspitzen des Menschen, der damit auch seine Standfestigkeit auf Kosten seiner Beweglichkeit und Wendigkeit erhöht. Diese Technik schont die Muskeln auf kosten der Gelenke. Gerittene Pferde setzen oft nur ein Hinterbein als Balancestütze aus der Spur heraus nach außen.“

Udo Bürger, Vollendete Reitkunst

Die gesamte Unterrichtswoche spielen wir also mit der Balance. Aber das Alpha und Omega der Balance bleibt das Vorschwingen der beiden Hinterbeine. Dann und nur dann können wir mit der Balance in verschiedenen Schwungrichtungen spielen. Gemeinsam Tanzen, bis die Musik verstummt. Sobald ich das Gefühl habe ich muss treiben, das Pferd „verhungert“ ist schon wieder was in Punkto Balance passiert. Da fällt mein Pferd mal auf die Schulter, dort ist es ein Hinterbein, das nicht so gut nach vorne kommt. In dieser Woche zeigt sich die Arbeit überhaupt etwas knifflig. Mittwoch haben wir eine schöne freie äußere Schulter auf der rechten Hand, Donnerstag ist die Sache schon wieder andersrum. 

Oder anders gesagt – warum reiten wir all diese Seitengänge? Antoine de Pluvinel verrät es:

„Um gerade zu richten“

Manchmal ist der Vorgriff eines Hinterbeins nur marginal geringer. Ein wahrer „Lügendetektor“ sind die Paraden. Bent lässt mich jeweils auf das innere oder das äußere Hinterbein und dann später auf beide Takte hin versammeln. 

„Aus einer gut gemachten Parade zieht man verschiedene Vorteile: sie vereinigt die Kräfte des Pferdes, verschafft ihm Anlehnung, bringt Kopf und Hanken in die richtige Stellung und macht es leicht in der Hand. So nützlich aber auch die Paraden sind, wenn sie im richtigen Augenblick gegeben werden, ebenso schädlich sind sie, wenn man sie zum falschen Zeitpunkt macht….Die besten Übungen, die ja nur erfunden werden, um die natürlichen Veranlagungen eines Pferdes zu vervollkommnen, wirken sich negativ aus, wenn man sie durch Anwendung zur falschen Zeit missbrauscht“.

Francoise Robichon de la Guérinière, Barockes Reiten

Wenn ein Hinterbein also beim Versammeln schlechter drunter kommt, fahre ich mit dem Thema nicht weiter fort. Es wäre sinnlos, denn das Hintebrein presst gerade in den Boden und kann nicht besser drunter kommen und beugen. Ich lasse das betroffene Hinterbein wieder etwas mehr nach vorne und versuche es von Neuem. Hier ist die Arbeit mit der Schulparade auch eine gute Sache, um herauszufinden, ob das Pferd unsere Paraden versteht und in der Bewegung nicht umsetzen kann, da es an physischen Gegebenheiten scheitert, oder die Pädagogik einfach zu kurz kam. 

Je besser die Balance umso besser kann ich mit den verschiedenen Schwungrichtungen spielen, am Mittwoch nehme ich die Schwingung etwas mehr ins aufwärts mit und habe ein wunderbares Gefühl im Sattel. Donnerstag testen wir, wie die Balance nur aus der Schwerpunktverlagerung in Kruppeherein oder Schulterherein, mal mit mehr oder weniger Versammlung verändert werden kann.

Ich denke in dieser Woche viel über Gleichgewicht nach. Auch über den Themenschwerpunkt und dass Balance ja ein Gleichgewicht zweier Komponenten sein kann. Nach der Versammlung muss also unweigerlich der Test erfolgen, wie gut das Pferd nun vorschwingen kann und im Vorwärts die Balance hält.

„Abschließend sein noch zu bemerken, dass Balance keine reiterliche Lektion ist, welche man als Einzelübung schult und bewertet. Sie gehört wie Losgelassenheit, Haltung und Stil zu den elementaren Grundlagen der Körperbeherrschung. An ihrer Vollkommenheit arbeiten Reiter und Pferd feilend das ganzeLeben, aber nur wenigen ist es vergönnt, sich von aller technischen Erdenschwere zu lösen und wie auf Flügeln getragen zu werden.“                

Udo Bürger. Vollendete Reitkunst     
Kunst versus Sport?

Kunst versus Sport?

Wer hat nicht schon mal den Satz gehört: 

„Wirkt Reiten schwierig ist es Sport, sieht es leicht aus, ist es Kunst“. 

Mein primärer Gedanke dazu – zustimmend nicken. Bei näherer Betrachtung und vielen Fragen aus er Praxis, sieht die Sache jedoch ein wenig anders aus. 

Kunst oder Sport? 

Der begeisterte Reiter und Tierarzt Udo Bürger befasst sich in seinem Werk „Vollendete Reitkunst“ (1959)  eingehend mit der Frage, ob Reiten denn nun Sport oder Kunst sei. Kurz gesagt: Udo Bürger findet für beide Seiten der Medaille eine Daseinsberechtigung. 

Er sieht Reitkunst als etwas Besonderes:

„….und zwar hat sie von den bildenden Künsten das Formen, das Modellieren des anderen lebenden Wesens, des Pferdekörpers, über Jahr und Tag – von den musischen Künsten und dem Rhythmus, den Tanz“. 

Vollendete Reitkunst, Udo Bürger


Reitkunst lebt eben durch das formende Element der Ästhetik. Daher sieht Bürger Ästhetik und Kunst untrennbar miteinander verbunden. Für den Sport hat er eine andere sehr schöne Definition: 

„Die Routine ohne Gesetze gehört in den Sport“.

Das klingt jetzt beinahe schroff. Ich begegne vielen Reitern auf meinen Kursen und im Unterricht, die sich lieber der Kunst als dem Sport zuwenden wollen. Nicht zuletzt, weil sie keine Wettkämpfe bestreiten wollen und oftmals aus der Sportreiterei kommend, enttäuscht sind von der „Kraftreiterei“ die ihnen dort begegnete. 

Sind wir akademisch aber unsportlich? 

Udo Bürger fasst einige wichtige Merkmale des Sports zusammen: 

Ehrenhaftigkeit, Fairness und Kameradschaftlichkeit, die Anerkennung gleicher Chancen und die Verachtung von Neid und Missgunst. Das wären die Eckpfeiler von Sportsgeist, so wie ihn auch der olympische Gedanke zusammen fasst: Fairness steht an oberster Stelle, Pierre de Coubertin, der Gründer der Spiele formulierte es so:

„Das Wichtigste im Leben ist nicht der Sieg, sondern das Streben nach einem Ziel. Das Wichtigste ist nicht erobert zu haben, sondern gut gekämpft zu haben“. 

Pierre de Coubertin

Das erklärt auch das Motto: Dabei sein ist alles. 

Auch bei Udo Bürger finden wir hier eine schöne Passage: 

„Das Glück des gesunden, starken Menschen liegt immer in einem Tun, in einer Energie, in der Anstrengung und in einer Mutprobe. Die glückhaften Betätigungen sind also nicht nur Vergnügen, es sind die Anstrengungen und Anstrengung ist der wahre Sport. Reizvoll ist aber die Tätigkeit selbst“. 

Vollendete Reitkunst, Udo Bürger

Wie wir zum Reiten kamen? 

Warum reiten wir überhaupt? Denken wir an Udo Bürgers Worte. Reizvoll ist die Tätigkeit selbst. Jeder kann die Frage wohl nur für sich selbst beantworten. Ich bin zum Reiten gekommen, da mich Pferde fasziniert haben. Ich war von Pferden als Kind magisch angezogen. In jeder Zeichnung gab es ein Pferd, auf dem Weihnachtswunschzettel stand natürlich „Pferd“ und natürlich drehte sich jedes Spiel nur um Pferde. Ich hatte das Glück neben einem Trakehnergestüt groß zu werden, also verbrachte ich rasch meine gesamte Freizeit in Kindheit und Jugend im Stall. Es war nicht nur das Reiten, das ich beseelte, sondern das Zusammensein mit Pferden und auch die Stallarbeit. 

Später habe ich dann – so wie die meisten Reiter auch – erfahren, was ich wollte – und vor allem – was ich in der Reiterei nicht wollte. Das Streben nach Harmonie, nach einem wunderbaren Zusammensein mit dem Pferd, das war mein Ziel. 

Aber geht das gänzlich ohne Anstrengung? Im Rahmen meiner Unterrichtstätigkeit erlebe ich oft, dass meine Schüler ins Schnaufen kommen. Das fängt schon bei der Bodenarbeit an, wenn wir rückwärts vor dem Pferd her laufen und die Übersicht behalten müssen (und oftmals auch überhaupt unseren Blick schulen). Weiter geht es im Sattel, wenn sämtliche Körperteile zu Beginn noch nicht so wollen, wie der Kopf es ihnen mitteilt. Körperbeherrschung will gelernt sein. 

In der Theorie lernen wir, dass ein Pferd mit dem Hinterbein in Richtung Schwerpunkt treten muss, denn nur wenn das Pferd dort aufaßt, wird die Kraft – vorausgesetzt, das Pferd fußt gerade, ohne ein Drehen in den Gelenken – korrekt in das Becken und von dort über die Wirbelsäule in Richtung Vorhand übertragen. Beobachten wir, ob Kopf und Ohren eher nach vorne unten federn oder nach hinten oben wippen – werden wir der Qualität der Bewegung gewahr und können unterscheiden, ob das Pferd ein Rückengänger oder Schenkelgänger ist. 

Auch in der Reitkunst lernen wir nie aus und je besser wir unser Handwerk verstehen, umso eher wachsen vielleicht auch die Ambitionen. Nicht selten kam die Frage: „Wie lange dauert das denn nun, mit dem Schulhalt?“ Kunst folgt also auch Gesetzen – nämlich jenen der Biomechanik, wenn es um das Formen des Pferdekörpers geht. Je besser die Tiefenmuskulatur ausgebildet ist, die mit zahlreichen sensorischen und propriozeptiven Nervenzellen ausgestattet ist, umso besser haben wir die Pferde am Sitz, umso eher verstehen sie eine minimale Gewichtsverlagerung. Je besser die Tiefenmuskulatur ausgebildet ist, die besondere Eigenschaften in Punkto Statik hat, umso besser wird auch die Tragkraft, wobei das Beugen der Gelenke natürlich auch abhängig ist von der Bewegungsqualität. Jede Bewegung eines Gelenks ist eingerahmt und gestützt durch Muskulatur. Je nach Art und Beschaffenheit des Gelenks findet Bewegung statt, deren Rahmen vorgegeben ist durch die Zugrichtung der jeweiligen Muskulatur und die Straffheit der umgebenden Bandsysteme. 

Klingt sportlich, oder ? Wollen wir also Tragkraft, einen Schulhalt – was auch immer – dann bedeutet das Training. 

Nur schön sitzen reicht nicht

Erst jüngst formulierte es eine Schülerin ganz treffend: Einfach nur da sitzen und nichts tun und darauf zu warten, dass die Kunst passiert – das ist nicht. 

Meine Stute Tarabaya, von Natur aus in den Vorderbeinen zeheneng und schwankend in der Hüfte, dadurch auch breitbeinig am Schwerpunkt vorbei fußend musste einiges an Mühen auf sich nehmen, um ein Bewegungskonzept zu erlernen, dass die Gelenke schont und der Gesundhaltung dient. 

Für Tabby war das Krafttraining sicherlich auch einigermaßen „sportlich“ zu bewerten. 

Wir lernen auf den Kursen mit Bent Branderup den grünen Bereich unserer Pferde einschätzen zu können, im gelben an der Umfärbung zu grün zu arbeiten und rot zu vermeiden. 

Auch hier gilt es unser Köpfchen zu bemühen, das richtige Konzept für unser Pferd zu finden und nicht nur den Körper in den Vordergrund zu stellen, sondern auch mal den Geist. 

Ja, Schubkraft, damit ist meine Fuchsstute wahrlich ausgestattet. Natürlich war die Verbesserung der Tragkraft unser Thema. Anders gesagt: Ich habe Tabby dadurch viel zeigen müssen, was noch nicht geht, woran sie nicht glaubt und was eben noch besser werden kann. Hier liegt natürlich die Gefahr für Mensch und Pferd, die Motivation zu verlieren. Also haben wir auch, um die mentale Stärke des Pferdes nicht zu vernachlässigen – an Dingen gearbeitet, die Tabbys körperlichen Stärken entgegen kamen. Tabby sollte sich stets großartig fühlen. Und das tut sie – wenn sie mal ein bisschen zulegen darf. Wenn sie nicht gegen Freundin Pina bei einem zünftigen Galopp auf der großen Wiese Zweite ist (Pina mit dem großen Vollblutanteil „lässt“ Tabby dann schon mal gewinnnen). 

In der Reitkunst bekommen wir einen riesigen Werkzeugkoffer geschenkt. Jedes Werkzeug lernen wir kennen und erarbeiten es gemeinsam mit unserem Pferd um später ein wahres Konzert der Hilfen zur Verfügung zu haben. Nicht immer gelingt das ohne einen Tropfen Schweiß (sowohl beim Menschen, wie auch beim Pferd). 

Darf man bei Kunst mal schwitzen und sich anstrengen? Ich finde, man darf. Tabby und Lipizzaner Conversano Aquileja aka „Konrad“ sind auch eher die Sorte „Barocker Typ“. Auf unseren Weiden brauchen sie das Gras quasi nur anzusehen und legen zu. Von daher gibt es natürlich Tage, wo ich beispielsweise an der Kräftigung der oben angesprochenen Tiefenmuskulatur arbeite, es gibt auch Tage, wo wir im Gelände unterwegs sind – und es gibt Tage, wo wir explizites Konditionstraining machen. 

Ja, manchmal gibt es Diskussionen über „zu wohl genährte, akademische Rösser“. Und sehr oft haben die Kritiker recht. Einige Schülerpferde sowie meine Fuchsstute Tabby bekamen daraufhin einen neuen Trainings- und Diätplan, schließlich bedeutet körperliche Fitness auch Wohlbefinden. Ich denke, deswegen üben wir Menschen auch gerne Sport aus. Bewegung macht einfach glücklich. 

Bewegung darf also auch mal ruhig anstrengend sein und an die Grenzen des grün-gelben Bereichs gehen. Der Sportgedanke ist allerdings vom Wettkampfgedanken heutzutage kaum zu trennen: 

„Das bloße Vorführen einer Kunst ist kein Sport. Das war schon bei den Ritterturnieren im Kampf so. Damals entschied die Gewandtheit des Pferdes oft über die Kraft des Mannes im Wettkampf. Heute fehlt diesem Kampf Mann gegen Mann der praktische Hintergrund. In unserem Sport entscheidet letzten Endes das Pferd.“

Udo Bürger, Vollendete Reitkunst

Den Gedanken um die viel zitierte Materialschlacht möchte ich jetzt nicht weiter spinnen. 


Im Sport entscheidet also die Qualität des Pferdes. Auch für die Reitkunst gab es Auswahlkriterien für Pferde. So empfahlen sich bei Antoine de Pluvinel etwa jene Jungtiere, die im ausgelassenen Spiel auf der Hinterhand bremsten und wendeten für die Reitkunst.

Fakt ist, wir müssen heute keine Turniere gewinnen, aber einen gewisser Grad an Fitness benötigt auch die Kunst. Und fit zu werden ist manchmal anstrengend, fit zu bleiben ist dann die Kunst. 

Zeit spielt keine Rolle

Zeit spielt keine Rolle

Kann man Pferde tatsächlich innerhalb einer halben Stunde im Rahmen einer Show „korrigieren“? Und wie sieht es umgekehrt aus, wenn ein langer Ausbildungsweg verfolgt wird? Ich habe für die Ausgabe der Feinen Hilfen, Nummer 24 mit Bent Branderup über schwierige Pferde rund um die Ausbildung in der Akademischen Reitkunst gesprochen. Fotocredit: Lotte Lekholm

Welches Pferd hat dich in deiner Laufbahn vor besondere Schwierigkeiten gestellt? 

Bent Branderup: Meinem Knabstrupper Hengst „Hugin“ ist das Buch „Akademische Reitkunst“ gewidmet. Er hat mich vor 30 Jahren durch Knochenbrüche in drei Beinen und seine Erblindung völlig neu denken lassen. Durch ihn habe ich gelernt, dass das Pferd nicht für die Reitkunst da ist, sondern die Reitkunst für das Pferd. Mein PRE Hengst „Caradura“ hat mich allerdings vor eine besondere Herausforderung gestellt. „Cara“ ist ein sehr liebes Pferd mit einem extrem tollen Charakter. Leider ist sein Bewegungskonzept aber von Natur aus sehr breitbeinig und ähnelt eher einem Traber, denn einem Spanier. Dazu kam ein sehr tiefer Halsansatz. Cara lief also schwer auf der Vorhand und mit der Hinterhand sehr breit. Erst im Alter von nun elf Jahren ist es mir gelungen, Cara auf die Hanken zu bringen. Das Unglaubliche daran: Cara ist nun mit elf Jahren um fünf Zentimenter gewachsen, da er sich nun im Widerrist um diese fünf Zentimeter leicht aus der Schulter heben kann. Die Aufgabe in der Ausbildung war also die Hinterhand geschmeidig zu machen, sie zu koordinieren und zu einer Funktionalität zu bringen. In dem Moment, wo die Hinterhand ihre Funktionalität bekam, waren auch die Probleme im Hals gelöst, die Gänge des Pferdes wurden eleganter und geschmeidiger. In seiner Ausbildung bin ich einen völlig anderen Weg gegangen, als ich es normalerweise mache und habe völlig anders im Vergleich zu anderen Pferden ausbilden müssen. Auf dieser Reise hatte ich viele Ideen und Überlegungen, beispielsweise bei der Arbeit mit der Schulparade. 

Was war hier neu? 

Bent Branderup: Die Schulparade war zu diesem Zeitpunkt gerade quasi „wiederentdeckt“. Allerdings wurden durch die Arbeit mit der Schulparade auch neue Probleme hinzugefügt. Ziel war es, durch die Schulparade die Gelenke der Hinterhand zu beugen und geschmeidiger zu machen. Mit meinen Frederiksborgern Zarif und Tysson war die Arbeit mit der Schulparade kein Problem, auch Knabstrupper Tableau hat den Weg der Parade über die Wirbelsäule in die Hinterhand gut umsetzen können. Cara allerdings hatte sich über einen „Katzenbuckel“ der Beugung der Gelenke entzogen und blieb erst recht steif in den Gelenken der Hinterhand. Lediglich die Lende wurde aufgewölbt und dabei das Hüftgelenk geöffnet. Damals konnte ich den Fehler noch nicht korrekt zuordnen, somit haben sich sämtliche Probleme zu Beginn dieser Arbeit verschlimmert, daher musste ich weiter denken. Wir haben also die Arbeit mit dem versammelten Schritt, dem Schulschritt hinzugefügt. Dabei konnte ich in aller Ruhe an der fehlenden Geschmeidigkeit der Hinterhand arbeiten und diese mobilisieren. Nach drei Jahren intensiver Handarbeit, die ich aus der Pilarenarbeit entwickelt habe und gelegentlichem Reiten stellten sich erste Erfolge ein. Erst seit Januar diesen Jahres kann ich die Ernte dieser mühevollen Detailarbeit einfahren – oder einreiten, denn plötzlich waren auch aus dem Sattel alle Lektionen, die wir am Boden erarbeitet hatten da. Bis hin zu Piaffe und Galoppwechseln. Wenn das Pferd auf den Hanken ist, ist alles möglich. Bis dahin musste ich aber öfter grübeln. 

Der Weg lief also über die Versammlung – wäre es über vorwärts-reiten nicht auch gegangen? 

Bent Branderup: Cara hat zwar eine starke Schulter und starke Vorderbeine. Er hätte es aushalten können und wäre wohl beim Ausreiten im Gelände nicht verbraucht worden, allerdings gibt es Pferde mit einer ähnlichen Veranlagung und schwacher Schulter und Vorderbeinen. Wichtig ist als Ausbilder stets zu bedenken, dass die ganze Dressur ja ihren Inhalt verliert, wenn weder Pferd noch Mensch daran Freude haben. Mit steigender Ausbildung wuchs auch Cara mental. Er ist viel stolzer den anderen Hengsten gegenüber, als er es früher war. Da war er praktisch der „Underdog“. Jetzt ist er jemand, das war aber seine eigene Vorstellungskraft und Entwicklung. Die Fähigkeit zur besseren Bewegung führt auch zu einer höheren Schätzung des eigenen Ichs. Das ist für Pferde ja ungemein wichtig, dass sie sich korrekt bewegen können, es ist ihre Mitteilung nach außen, ihre Visitenkarte. Ich bin jetzt sehr froh, dass wir diese Mühen auf uns genommen haben, wenn ich sehe, wie stolz und selbstbewusst sich Cara nun präsentiert. 

Hast du dir damals einen Ausbildungsplan zurecht gelegt? 

Bent Branderup: Der Schulschritt war zwar der Schlüssel zu Caras Ausbildung, allerdings hat der Faktor Zeit keine Rolle gespielt. Cara ist für mich Familienmitglied, es war völlig belanglos wie lange es dauert, denn in erster Linie ging es darum, eine gute Zeit miteinander zu haben. Wenn man allerdings Sehnen, Bänder und Muskulatur stärkt und arbeitet, dann muss man sich klar machen, dass man selbst als Profi nichts schnell ändern kann, was die Natur vorgibt. Da nützt es nichts, einen Zeitplan zu setzen, denn lediglich muskuläre Veränderungen kann man ungefähr kalkulieren. Aber ich bin ein unerschütterlicher Optimist. 

Und wie ging der Optimist Bent Branderup bei der Ausbildung konkret vor? 

Bent Branderup: Zuerst haben wir die Bodenarbeit erarbeitet, wo das Pferd die Sekundarhilfen erlernt, dann Longenarbeit ohne und später mit Reiter, wobei das Pferd die Hilfen nun genau kennen lernt. In der Handarbeit fanden wir den Schlüssel, da ich mit der einhändig führenden Hand über dem Widerrist genaue Mitteilungen geben, aber noch viel wichtiger von Cara empfangen konnte. Die zweite Hand bleibt bei dieser Variante frei, somit konnte ich mit der Gerte das Pferd auffordern im Knie und Sprunggelenksbereich mehr zu heben. Bei dieser Hilfe muss man allerdings sehr wohl respektieren, dass ich nicht einfach einen Hinterfuß in die Höhe touchieren kann, denn dann geht die gleichseitige Hüfte ebenso nach oben rauf, was ja kontraproduktiv wäre. Man begnügt sich also täglich mit ein bisschen mehr Beugung, es sind sehr kleine Schritte. Mir ging es nicht um eine ZIrkuslektion, sondern um den mentalen und körperlichen Aufbau meines Pferdes. Wer glaubt, Sehnen und Bänder schnell ausbilden zu können, der hat keine Ahnung. Es ist ein sehr vorsichtiger Prozess. Wenn der Brustkorb in den Schulterblättern festhängt, dann ist es eben nur eine Sache, die zur Leichtigkeit führt. Die Arbeit mit der Hinterhand. Handarbeit von außen geführt ist Pilarenarbeit im Vorwärts. Hier haben mir also die Alten Meister geholfen, denn durch den Schulschritt wurde die Schulparade plötzlich besser und irgendwann konnte die Parade zur Leichtigkeit in der Schulter führen. Der Pferdekopf kann nichts erzeugen, das Pferd kann nicht auf der Zunge hüpfen, die gesamte Wirbelkette muss aus der Hinterhand zu einer idealen Tätigkeit gebracht werden, die sich dann auf Hals und Kopf überträgt. Wenn man bei einem Pferd, das im Hals sehr fest ist, gezwungen ist, nichts in der Hand zu machen, kommen zwar Fehler zu tage die himmelschreiend offen sichtbar sind. Falsche Positionierungen sind aber nur Symptome. Den Kopf deswegen in eine Richtung zu zwingen – davon wird die Sache ja nicht richtig.

Gab es bei Cara auch mental Probleme im Zuge der Ausbildung?

Bent Branderup: Ja, denn mental hatten wir natürlich auch das Problem, dass das Herantasten an Grenzen Stress bereitet. Man muss aus dem grünen Bereich vorsichtig in den gelben Bereich kommen und versuchen diesen ebenso grün zu malen. Gehe niemals in den roten Bereich. Vor allem nicht mit Pferden, die den Stress nicht anzeigen. Diese neigen dann später zu Kotwasser oder Koliken. Cara hingegen bekam ein unruhiges Maul, wenn ich zu nah an der Grenze gearbeitet habe. Sein unmittelbares Feedback war hier sehr hilfreich, um die Dosis der Arbeit regelmäßig an seine mentalen Grenzen anzupassen. Bei Cara haben wir daher viele Pausen im Stehen gemacht. Ich habe einen Sportausbilder gekannt, der die Ansicht vertreten hat, nach maximal sieben optimalen Dehnungen gibt es keine Steigerung mehr für den Körper. Ich kann mit Cara mittlerweile in sehr kurzer Zeit ein gutes Ergebnis erreichen – dann ist die Arbeit auch früh beendet und er kann sofort auf die Koppel. Ein Ritual, das auch die Freude an der Arbeit steigert. 

Du sagtest, die Alten Meister haben dich zur „bewegten Pilarenarbeit“ inspiriert, auch deine Lehrmeister Nuno Oliveira und Egon von Neindorff? 

Bent Branderup: Ja, die Erfahrung dieser beiden Lehrmeister hat mir besonders gezeigt, dass man verschieden arbeiten kann und dennoch ans Ziel kommt. Besonders wenn man sehr individuell an das Pferd geht. Ein Ausbilder braucht ein ordentliches Handwerk, sonst wird er zu einem Religiösen, der einer bestimmten Religion folgen muss. Der gute Handwerker, der aber seinen vollen Werkzeugkoffer zu nutzen weiß, wird zum Individuum, der seinem Gefühl und der Ausbildung des Pferdes individuell folgen kann. 

Was hälst du von Shows, bei denen „Problempferde“ im Schnellverfahren ausgebildet werden?

Bent Branderup: Stellen wir uns vor, ein Pferd, das sich nicht verladen lässt, kommt plötzlich zu einer solchen Show. (Wie kam es da eigentlich hin?) 4.000 Raubtiere sitzen in einer Halle, grölen und klatschen. Und dann steht da ein Hänger, das einzige, was das Pferd kennt. Wo meinst du, will das Pferd dann gerne hingehen? Der Lerneffekt ist dabei äußerst fraglich. Lernen braucht Zeit. Ich habe auch früher als Berufsreiter Pferde in drei Monaten eingeritten. Jahre später traf ich eine Kundin, die über ihr Pferd schwärmte. Ich fragte nach den Fortschritten: Das Pferd hatte in den 10 Jahren nichts Neues gelernt. Wozu macht man dann den ganzen Quatsch? Das Leben heißt, dass man lernt, dass man sich entwickelt und ihm einen Sinn gibt.  Warum darf man diese Zeit nicht genießen und muss alles im Schnellverfahren erledigen? 

Vielen Dank für das Gespräch

Die Sache mit der Trainerlizenz

Die Sache mit der Trainerlizenz


Wie sagte Henry Ford so schön:

Zusammenkommen ist ein Beginn, Zusammenbleiben ein Fortschritt, Zusammenarbeiten ist ein Erfolg. 

Unter diesem Motto bin ich persönlich in mein heuriges Jahr gestartet. 

Seit 2012 gibt es eine Gruppe ausgewählter Persönlichkeiten, eine Gruppe rund um Bent Branderup, die sich der Pädagogik verschrieben hat – die Rede ist von den lizenzierten Bent Branderup Trainern. 

Was ist ein Bent Branderup ® Trainer? 

Zunächst gibt es mal die Ritterschaft der Akademischen Reitkunst. Diese wurde 1997 von Bent gegründet und hat vor allem ein Ziel: Forschen, Wissen vertiefen und durch Praxis und Theorie verbreitern und verbreiten. Reiten als Kulturgut wird gepflegt und mit neuem Wissen aus Pädagogik, Psychologie, Bewegungslehre, Medizin und vielem mehr kombiniert.

Und der Name? Ritter kommt von Reiter. In der Ritterschaft haben wir also nicht mit Ritterspielen zu tun, sondern mit einer Reiterzunft oder „Gilde“ an Professionisten, die ihr Handwerk verstehen. 

Einige Mitglieder der Ritterschaft haben aber nicht nur ihre Leidenschaft, sondern auch ihre Berufung in der Akademischen Reitkunst gefunden. Sie arbeiten hauptberuflich mit Pferden und wurden nun von Bent Branderup eingeladen, unter seinem Namen und Gütesiegel zu unterrichten. 

Das bedeutet: Um ein lizenzierter Bent Branderup Trainer zu sein muss man Mitglied der Ritterschaft sowie jahrelanger Schüler von Bent Branderup sein. Die Trainer haben ihre pädagogischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt und sind somit ein verlässlicher und vertrauensvoller Partner wenn es um die Ausbildung von Mensch und Pferd geht. 

Die Lizenz ist für ein Jahr gültig und unterliegt ein paar Auflagen: 

Zweimal im Jahr müssen wir als Trainer unsere Arbeit vor Bent präsentieren, außerdem zeigen wir unsere Arbeit als Trainer im Rahmen eines Kurses wenn wir einen Schüler vor Bent und Publikum unterrichten – oder einen zusätzlichen Vortrag für alle Teilnehmer halten. 

Mehr über die die lizenzierten Bent Branderup ® findest du unter folgendem Link

Warum bin ich dabei? 


Zuallererst: Weil ich meinen Beruf liebe und Menschen mit ihren Pferden gerne eine Begleitung auf ihrem Weg zur Reitkunst biete. Das kann ich aber nicht alleine – Reitkunst ist keine Sache die man aus einem Buch lernen kann. Wie sagt Udo Bürger: Gehen lernt man nur, wenn man geht. Aber jeder geht eben anders? Die einen rollen mehr über den Ballen ab, andere laufen vermehrt auf der Ferse. Pferdeausbildung ist eine so individuelle, fast schon intime Sache geworden, da bin ich einfach froh, dass ich über ein Netzwerk verfüge und auf das Wissen vieler einzelner Trainer zurückgreifen kann. 

In meiner Kundenkartei sind mittlerweile viele hunderte Namen abgespeichert – wenn ich nun zusätzlich zu meinen eigenen Erfahrungen mit meinen Kunden, die Erfahrungen meiner Kollegen zusammen zähle, dann sind wir einfach Mehr. 

Als ich 2015 der Gruppe der lizenzierten Trainer beitreten durfte, war das natürlich eine sehr schöne Bestätigung meiner Arbeit. Aber darüber hinaus freue ich mich ein bis zweimal im Jahr viele Trainer zu treffen, deren Arbeit ich ebenso sehr schätze und überzeugt davon bin, dass auch meine Schüler von den besonderen Qualitäten meiner Kollegen profitieren. 

Zusammen sind wir mehr…

In den letzten Jahren habe ich einige Kurse mit  dem Belgier Jossy Reynvoet und dem Schweden Christofer Dahlgren organisiert. Beide bringen vor allem für Horsemanship und Beziehungspflege ein großes Potpourri an Know-how mit. Während sich Jossy vor allem auf die gebisslose Reitkunst spezialisiert hat, liegt Christofer vor allem eines am Herzen: Ein energiegeladenes aber mental entspanntes Pferd, das Spaß hat an einer gemeinsamen Arbeit. 

Im heurigen Jahr freue ich mich auf Hanna Engström aus Schweden. Ihr Thema ist der Reitersitz, dem sie ihre ganze Leidenschaft widmet. Kein Kurs mit Hanna ist wiederholbar, immer wieder hat sie ein noch feineres Detail gefunden, eine bessere Erklärung, ein ausgeschmücktes Bild im Kopf der Teilnehmer, mit dem wir mehr Achtsamkeit für unseren Körper entwickeln können. 

Wer Anfang März dabei sein möchte – klickt folgenden Link für mehr Infos. 

Annika Keller aus Deutschland ist in Punkto Biomechanik eine Wucht. Die Physiotherapeutin und Ostheopatin hat gemeinsam mit Bent Branderup die „Logik hinter den Biegungen – Gustav Steinbrecht neu erklärt“ – verfasst und findet ebenso wie Hanna ständig ein neues Detail. Ihren Augen entgeht nichts und mit gefühlvoller Pädagogik macht sie komplizierte Zusammenhänge fühlbar und umsetzbar. Ende Oktober begrüßen wir sie bei uns am Sonnenhof und ich freue mich, dass wir neben der reiterlichen Praxis auch einige Massagegriffe gezeigt bekommen. 

wer Ende Oktober dabei sein möchte – klickt folgenden Link für mehr Infos

Mit wem ich 2020 zusammen arbeiten möchte? 

Die Liste ist lang. Fix geplant ist eine Kurswiederholung mit Mr. Play Smile and Practise Christofer Dahlgren zum Thema Versammlung. Stine Larsen aus Norwegen und ich sind gerade mitten am Tüfteln bezüglich eines Termins fürs kommende Jahr oder 2020. Stine ist Pferdetherapeutin mit Schwerpunkt Cranio Sakraler Therapie, Ostheopathie und Physiotherapie. Auf der letzten Sommerakademie hat sie uns mit ihrer Begeisterung für Biomechanik angesteckt. 

Auch Marius Schneider, seines Zeichens Meister der Akademischen Reitkunst und ebenso ausgebildeter Physiotherapeut wäre ein toller Gast für 2020 auf dem Horse Resort am Sonnenhof. Marius habe ich bereits auf vielen Kursen erlebt. Selbst wenn ich nicht aktiv mit eigenem Pferd teilgenommen habe, so integriert Marius das Publikum stets so, dass Theorie und Praxis ineinander übergehen. Ich bin wirklich nicht gut im Stillsitzen, aber bei Marius Kursen schaue ich einfach riesig gerne zu. 

Die meisten von uns waren bereits als Kinder von Pferden fasziniert. Hätten wir doch damals eine Trainerin wie Yvonne Heynckes gehabt – wir hätten sämtliche Träume auf dem Rücken der Pferde leben können. Aber was heißt da hätte…Yvonne unterrichtet auch uns Große – und sorgt bei Mensch und Pferd für Spaß und Losgelassenheit. Bei aller Detailverliebtheit die die Akademische Reitkunst mit sich bringt, darf man die Freude am Tüfteln nicht verlieren – und dabei könnte uns Yvonne weiterhelfen!

Celina Harich und ich haben beim letzten Trainertreffen quasi mehrere Nächte durchgequatscht. Die Themen gingen nie aus – und als wir auf der Fahrt zum Flughafen noch diverse Reha-Fälle besprochen haben, schien die restliche Zeit für Austausch wieder einmal deutlich zu kurz. Celina hat sich auch in Punkto Ostheopathie intensiv gebildet, sie war lange Zeit in Kooperation mit Hanna Engström in Gotland tätig. Ich würde mich sehr über eine Zusammenarbeit mit Celina freuen. 

Kristina Winholz und ich haben bereits einen gemeinsamen Termin gefunden. Ich freue mich riesig darauf Kristinas Arbeit mit ihren Pferden live zu sehen. Am letzten August Wochenende 2019 freue ich mich schon ihre Schüler kennen zu lernen, wenn ich bei ihr einen Tageskurs gebe und am Tag danach einen praxisnahen Austausch mit Kristina selbst genießen darf. Vielleicht können wir einen solchen Austausch auch bald bei uns in Graz wiederholen! 

Im letzten Jahr waren Schüler von mir bei Michelle Wolf in Dänemark als Praktikanten (also als Working Students).  Michelles Adresse kann ich allen wärmstens empfehlen, die nicht mit eigenem Pferd weit reisen wollen, trotzdem aber viel über die Akademische Reitkunst lernen möchten. Auch bei Yvonne Heynckes war eine meiner Schülerinnen zu Besuch und Dörte Bialluch vaz Pinto kommt auch regelmässig nach Österreich zum Unterricht. 

Mit Maja Caspersen habe ich im heurigen Jahr mal öfter konferiert über Skype. Bei der Sommerakademie hatten wir eine gemeinsame Einheit mit Janna Behrens um etwas „Bewegung und Fantasie“ in die Bude zu bringen. Marion van de Klundert aus Holland hatte ich auch mal an der „Strippe“ um ein paar Fragen rund um mein eigenes Reiten zu klären. 


Fantasie, anständig Formulieren und Selbstvertrauen, das sind übrigens meine Lieblingsthemen, wenn es um die Ausbildung von Pferden geht. 

Letztlich konnte ich in den vergangen Jahren auch im Rahmen der Akademischen Buchserie viele Kollegen besser kennen lernen und den wertvollen Austausch mit allen genießen. 

Ja, ich gestehe, für mich sind es die Kollegen, die einer gemeinsamen Reitkunst Form, Balance, Takt Losgelassenheit und Schwung einhauchen. Manchmal haben wir ein unterschiedliches Tempo, aber wir finden uns in der Mitte und dann reden wir drüber 🙂 

Reiten wir im Team, dann Reiten wir Einfach 


Akademischer Pole Dance

Akademischer Pole Dance

Pole Dance und Akademische Reitkunst? Nein da liegt kein Tippfehler vor. Am zweiten Fortbildungstag bei Hanna Engström hielten wir uns quasi gegenseitig die Stange. Nach einer Theorieeinheit und Demonstration zur Einführung von Hanna Engström wagten Viktoria und ich uns an die Garrocha. Viktoria sattelte dafür Chaval, ich übte mich zunächst auf Indio mit der Garrocha. 

Die Garrocha stammt aus der Gebrauchsreiterei. Sie wird eingesetzt, um Rinder aus der Herde zu separieren.  Bei Hanna haben wir eine einfache Garrocha aus Holz benutzt, in einer Länge von ungefähr 3 Metern 70. 

Natürlich waren diesmal keine Rinder im Spiel, es ging einerseits um die Verbesserung unseres Sitzes, andererseits um die Gymnastizierung des Pferdes, bei der die Garrocha wertvolle Dienste leisten kann. 

Das Thema ist und bleibt der korrekte Zirkel. Ich werde zunächst mit der Handhabe der Garrocha auf Indio vertraut gemacht. Anfangs hält Hanna noch das Ende der Garrocha und leitet mich an. Ich soll wieder Stabilität in meinem Drei-Punkte-Sitz finden. Mit der Garrocha fühlen sich versale und traversale Bewegungen, also Schulterherein, Kruppeherein und Renvers auf dem Zirkel ganz natürlich an. Ganz spielerisch beschäftigen wir uns nun mit der korrekten Platzierung der Hinterbeine auf dem Zirkel. Ziel ist es außerdem meine Sekundären Hilfen zwischen den Zügeln auf ein Minimum zu reduzieren. Auch meine Unterschenkel benutze ich nicht. Hanna weist mich an, mich in der Leiste zu öffnen und der Schulterbewegung des Pferdes zu folgen – so wird die innere Schulter von Indio im Travers leichter. Wir verkleinern und vergrößern den Zirkel und schon wiederholen wir die Übungen im Trab. Öffne ich bei einem Handwechsel meine innere Leiste, bekomme ich im Gegenzug sofort die korrekte Rotation und Biegung im Brustkorb. Von Hanna gibt es natürlich wieder viele nützliche Bilder, die das neue Sitzerlebnis fühlbar und umsetzbar machen. Dabei habe ich nicht wirklich das Gefühl, das Pferd zu „arbeiten“. 

Spielerisch „erarbeiten“ wir uns einen sanften Zugang zum Mittelpunkt des Zirkels. Dort liegt unser gesamter Fokus. Durch die Garrocha kann ich für mich persönlich noch besser empfinden, wie sich die Arbeit um den Pilaren für ein Pferd anfühlen könnte. 

Später in meiner zweiten Einheit auf Flamenco wiederhole ich die Basics die mir Indio beigebracht hat. Indio, ein sehr strenger Lehrmeister, der in Punkto Schulterführung noch mehr von meinem Sitz angesprochen werden möchte, als von den Zügeln hat mich bestens auf den kleinen, wendigen Flamenco vorbereitet. Hanna möchte nun, dass ich die Garrocha mittig fasse und in der Luft vor dem Pferd halte. So weise ich Flamenco den Weg. In unserer Fantasie treiben wir ein Rind durch die Halle, separieren es von seiner Herde und bewegen es von A nach B. Dabei verwende ich spielerisch Schulterherein, Kruppeherein und Renvers. Flamenco ist mit mir sehr zufrieden. Ich freue mich über die sehr gelungenen Einheiten, man kann die Garrocha nicht festhalten und einfach darum zirkeln. Verspannungen im eigenen Körper sind sofort fühlbar . 

Am nächsten Tag wiederhole ich auf Flamenco und Indio die Garrocha Basis. Auf Indio stelle ich mir einen Ritt mit Garrocha vor, ohne diese mitzuführen. Ich fühle mich selbst ohne Garrocha mit dem Zirkelzentrum viel besser verbunden. Wendungen, Versammlung, und das Leichtermachen aus der Leiste machen die Sache absolut rund. Später auf Flamenco kommt die Garrocha wieder hinzu und wir üben uns spielerisch in den verschiedenen Wendungen. Hannas Tipp an den “alten Portugiesen” auf dem Pferd zu denken, der einfach Platz nimmt und sich über komplizierte Wendungen nicht den Kopf zerbricht zeigt Wirkung. Manchmal muss man sich auch einfach etwas trauen. Eine Sache, die gerade unter den Tüftlern in der Akademischen Reitkunst oftmals zu kurz kommt. Vor lauter Spüren-Denken-Fühlen-Körper sortieren-Hilfen sortieren kommt Spontaneität oftmals zu kurz. Ich bin über die engen und gesetzten Wendungen, die der kleine Flamenco unter mir locker schafft überrascht. Flamenco ist eher überrascht, dass ich seine Fähigkeiten angezweifelt habe. Am Ende der Einheit brummelt – oder eher qietscht er zufrieden. Schön, wenn wir gemeinsam Spaß hatten. 

Gemeinsam Spaß – das ist mir auch für alle Daheimgebliebenen wichtig. Da mein Vater erst kürzlich an der Schulter operiert wurde ist er aktuell etwas bewegungseingeschränkt. Ich schildere Hanna die Situation und sie entwickelt prompt ein Coaching Programm für Rudi und Pina. Ich halte meinen Arm wie in einer Schlinge und bekomme alle möglichen Sitz-Inputs aus ihrem Sitzprogramm, Teil 1. Gemeinsam erkunden wir, welche Übungen zielführend sein könnten, um wieder zurück zur alten Form zu kommen. Ich selbst habe Hannas Sitzbasis noch nicht am eigenen Leib erfahren, es ist sehr spannend Bewegungsübungen im Sattel durchzuführen. Mal fühle ich mich wie ein Spieß beim Barbecue, mal wie ein Schweizer Messer, mal wie eine Ente mit ausgestrecktem Hintern oder in der berühmten Titanic Pose. Hannas Assoziationen klingen lustig, gehen aber richtig unter die Haut. Der Efffekt ist sofort spürbar. Mal fühlt man sich im Sattel leichter, mal tiefer und besser gesetzt, mal werden die Schambeinknochen, mal die Sitzbeinhöcker deutlicher spürbar. Eine ungemein spannende Angelegenheit – wieder etwas für die Tüftler unter uns 😉 

Freitag ist dann unser letzter Tag, bevor es auf eine hoffentlich stressfreie Heimreise geht. In der ersten Einheit wiederhole ich mit Indio einige Sitzübungen, die das Bewusstsein des Reiters für seinen Körper verbessern sollen. Ich bin überrascht wie leicht sich nach wenigen Minuten einzelne Körperteile besser wahrnehmen lassen. 

Danach steht noch etwas Action am Programm. Flamenco und ich tanzen um Hanna und die Garrocha – die beiden haben sich in der Mitte des Zirkels als Pilar platziert. Auf einem sehr kleinen Zirkel wird sofort spürbar, wenn ich das äußere Hinterbein im Schulterherein verliere oder Flamenco auf die Schulter fallen sollte. Flamenco nimmt jede Herausforderung von Hanna motiviert an. Handwechsel versal, traversal oder renversal – alles kein Problem. Die korrekte Handhabe der Garrocha ist mir erstaunlich schnell vertraut geworden. War die Stange vor zwei Tagen noch schwer wirklich an einem fixen Punkt im Zirkel zu positionieren läuft es nun wie geschmiert. Wir wagen unser Programm mit Seitengängen auf dem Zirkel, Handwechsel und – Stichwort “Leiste” – neue Biegungsrichtung, Erleichterung der neuen inneren und äußeren Schulter zunächst im Schritt, dann im Trab und zum krönenden Abschluss sogar im Galopp. 

Flamenco bedankt sich für meine gute Mitarbeit (ich habe versucht möglcihst wenig zu stören) mit seinem fröhlichen “Jauchzer” als ich absteige. 

Was bedeutet es wirklich im Sattel Platz zu nehmen? Was meinte Antoine de Pluvinel seinen Anspruch, das Pferd ausschließlich aus der Hüfte heraus zu dirigieren.Diesen Leitsatz verstehe ich durch die Tage bei Hanna neuerlich ein Stück besser. 

Ich bin heuer bereits zum dritten Mal bei Hanna Engström vor Weihnachten. Ich habe einen Kurs von Hanna in Österreich als Theorieteilnehmer besucht und einen weiteren Kurs organisiert und mitgeritten. Was ich an Hanna so wertvoll finde ist, dass es immer etwas Neues gibt, Hanna wird nicht müde den Sitz bis ins letzte Detail zu erforschen und die Hilfengebung noch feiner für das Pferd zu machen. Sie erinnert ihre Schüler immer wieder ohne Erwartungen ans Pferd und ohne Erwartungen an den eigenen Körper an die Sache zu gehen. Ein wunderbarer Zugang. Das Lernen ohne sich dabei unwohl fühlen zu müssen steht im Vordergrund. Für jeden Wunsch und jeden Schüler hat sie ein passendes Rezept in der Schublade. 

Ich freue mich bereits riesig Hanna erneut im März 2019 bei uns am “Horse Resort am Sonnenhof” begrüßen zu können. 

Möchtet ihr dabei sein? Dann klickt diesen Link und seid dabei!

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