Die Sache mit der Schubkraft

Die Sache mit der Schubkraft

Schubkraft und Tragkraft – was brauchen wir in der Reitkunst tatsächlich für ein gesundes, über den Rücken gehendes Reitpferd? Diese Fragen bespreche ich an einem nebligen Jännernachmittag mit Bent Branderup, nachzulesen im heutigen Blogbeitrag:

Bent, du hast mal gesagt: ein Pferd bleibt immer ein Pferd, ein Mensch muss halt erst zum Reiter werden. Ein Pferd an sich wäre ja nicht unbedingt zum Reiten gemacht. Wir müssen, wie es so schön heißt, seine Tragkraft stärken. Die Tragkraft ist in den letzten Jahren quasi zum „Nonplusultra“ geworden. Ist die Schubkraft gänzlich zu vernachlässigen? 

Bent Branderup: Zunächst müssen wir uns überhaupt einig werden, woher die Begrifflichkeiten „Schubkraft“ und „Tragkraft“ kommen und was sie bedeuten. Die Schubkraft entsteht durch die Tätigkeit der großen Muskeln in der Hinterhand, die für das Öffnen der Gelenkwinkel zuständig sind. Die richtige Tätigkeit des vorgreifenden Hinterfußes hängt zusammen mit der aktiven Rumpfmuskulatur.Der Hinterfuß, der die Schubkraft erzeugt, bewirkt eben ein Öffnen der Gelenke, sowie eine Abkürzung der Rückenmuskulatur. Schubkraft wirkt also auf das Standbein ein, der Fuß am Boden ist aber auch die Basis des Spielbeins und für dessen Aktivität zuständig – dies aber nur in Zusammenarbeit mit einer tätigen Bauchmuskulatur. Somit wäre es auch ein Irrtum, dass Schubkraft alleine einer Trageerschöpfung entgegen wirken könnte.

Brauchen wir denn die Schubkraft? 

Bent Branderup: Jein, aber ergänzen wir die Frage durch ein „wann“. Eine Passage, die braucht einen vermehrten Druck in den Boden vom stehenden Hinterfuß. Dies kann man aber meines Erachtens nicht wirklich als Schubkraft bezeichnen. Die Kräfte müssen schon immer ihre richtige Benennung haben.

Der heutige Turnierreiter benennt jeden Druck vom Hinterfuß in den Boden hinein als Schubkraft. An sich muss man aber Kräfte ihrer Wirkung entsprechend benennen. Daher ist eine Kraft, die in den Boden reingeht um das Pferd zu heben auch eine Tragkraft. Am deutlichsten ist das bei einem Übergang von einer Levade zu einer Croupade sichtbar. Wie könnten wir es besser benennen? An sich findet auch hier ein Öffnen der Gelenke statt, allerdings ist die Kraft, die im Brustkorb des Pferdes ankommt eine ganz andere, als die Kraft, die wir messen, wenn der Brustkorb des Pferdes sich beim Kutschenfahren ins Geschirr stemmt.

Eine Levade ist aber nicht zwingend ein positives Beispiel für Tragkraft. So sehen wir auch Levaden, bei denen die Kraft unphysiologisch über den Rücken übertragen wird. Oder wir sehen Levaden, die sogar einen langen Hängerücken, wie bei meinem Tyson, wirklich anheben können. Nur weil ein Hinterfuß in den Boden hineindrückt, heißt das noch lange nicht, dass die Bauchmuskulatur auch wirklich aktiviert wird. Es geht immer um das Zusammenspiel und die Verkettung von Muskelgruppen. So kann die selbe Übung einmal einen Katzenbuckel beim Pferd auslösen, den Rücken dabei runden, aber gleichzeitig das Pferd im Brustkorb nach unten drücken. Dann entsteht eine Trageerschöpfung im Schulterbereich. Auch durch den Einsatz von Sporen, die die Bauchmuskulatur vermeintlich aktivieren sollen, finden wir trotz angehobenem Rücken – oder deutlicher gesagt – angehobener Lende und angespannter Bauchmuskulatur (durch den Katzenbuckel) eine Trageerschöpfung beim Pferd.

Wir hätten also gerne Kräfte, die das Pferd dazu befähigen ein Reitergewicht zu tragen. Daher sind diese Kräfte richtigerweise mit „Tragkraft“ bezeichnet. Würden wir gerne ein Kutschpferd ausbilden, dann muss das Pferd ja lernen mit seinem Brustkorb in das Geschirr hinein zu drücken. Das ist dann die richtige Definition von Schubkraft. Um zu unserem Beispiel mit der Levade zurück zu kommen: den Unterschied zwischen einer richtigen Levade und einer falschen sieht man am besten in der Pesade. Hier kürzt sich die Rückenmuskulatur deutlich ab. Deswegen führt eine richtige Levade auch immer zu einer Verbesserung der Grundgangarten, während bei einer Pesade das Gegenteil der Fall ist.

Anders und aus Sicht der Akademischen Reitkunst gesagt: wenn der Hinterfuß in den Boden drückt, so dass das Pferd vorne in die Hand des Reiters drückt oder hinter der Hand geht, dann sind es falsche Muskelverkettungen, die von hinten nach vorne aktiviert wurden.

Manche Reiter wollen aber das Gewicht in der Hand spüren. Das was diese Reiter als Schwung bezeichnen, nennen wir in der Akademischen Reitkunst Spannung. Und wie schon die Alten Meister sagten: Spannung und Schwung schließen sich gegenseitig aus.

Bleiben wir beim Thema Begriffe und Definitionen: was sagst du zur Bezeichnung der „positiven Körperspannung“? 

Bent Branderup: Leider gibt es sehr viele verschiedene Auffassungen davon, was eine positive Körperspannung ist. Der Begriff wird ja auch benutzt um eine extrem spannungsgeprägte Reiterei zu rechtfertigen. Was wir brauchen, um eine wirklich effektive Kraftübertragung von einer aktiven Hinterhand durch das ganze Pferd nach vorne zu erzielen ist eine aktive Rumpfmuskulatur, denn mit einer völlig entspannten Muskulatur kann man nicht arbeiten. Was wir dagegen brauchen ist Losgelassenheit, d.h. jede Muskelgruppe muss sich in ihrem Rhythmus anspannen, aber sie muss eben zwischenzeitlich aus loslassen können.

Begriffe und Definitionen sind für mich Arbeitstitel. Aber man muss immer hinterfragen, wer welche Definitionen zu welchem Zweck benutzt. Ehe man eine Diskussion beginnt, ist es sinnvoll, die Begrifflichkeiten zu klären.

Schadet oder nutzt die Schubkraft den Pferden? 

Bent Branderup: Das was wir heute als Schubkraft beim Pferd sehen, das musste eigentlich erst gezüchtet werden. Die ursprünglichen Pferde, die Wildpferde, hatten und haben diese Schubkraft nicht. Der Mensch hat dem Pferd einen Zweck vor der Kutsche gegeben und somit nach und nach das Pferd hinsichtlich seiner Schubkraft selektiert. Ochsen hatten damals zwar weit mehr Schubkraft, das Pferd war aber schneller. Für größere Kutschen hat man dann später landwirtschaftliche Stuten und Vollbluthengste miteinander gekreuzt. Das heutige Warmblut hat auch deswegen so viel Schubkraft. Wenn wir ein Pferd aber reiten wollen, dann braucht es Tragkraft – und zwar umso mehr, je eher wir es durch unser Gewicht noch zusätzlich belasten wollen. Haben wir ein Pferd, das auf viel Rückschub gezüchtet ist, dann fällt es diesem Pferd viel schwerer zu tragen, das Pferd möchte viel lieber seine Gelenkwinkel öffnen, anstatt die Gelenke zu beugen. Natürlich muss ein Vollblut beides haben: Schubkraft und Tragkraft – hätte es keinen Vorgriff, wäre es nicht schnell, den Rückschub braucht es aber dennoch.

Heute finden wir auch Pferde, die zum Tragen sehr ungünstig gebaut sind – und somit auch zum Gerittenwerden. Wir finden lange Hängerücken oder eine überbaute Hinterhand. Wenn wir aber reiten wollen, dann macht es Sinn, sich nach einem Pferd mit einer guten Tätigkeit der Hinterhand, einem guten Vorgriff, also wiederum Tragkraft, umzusehen. Schubkraft ist für den Kutscher interessant, eine gewisse Schubkraft braucht man aber auch wenn man größere Strecken bei hohem Tempo reiten will.

Wenn man wissen möchte, wie das einzelne Pferd geritten werden sollte, der muss sich seine natürlichen Bewegungen anschauen. Zwar werden die wenigsten Pferde in Freiheit Bewegungsabläufe zeigen, mit denen sie einen Reiter gut tragen könnten, aber hier finden wir die Ausgangslage. Wenn das Pferd in der freien Bewegung durch die Ausbildung zum Reitpferd Geschick und Ausdruck gewinnt, dann ist ein guter Kompromiss zwischen Natur und Kultur gelungen. Wenn es dagegen anfängt, sich im Freilauf zu verletzen, vermehrt auf zurückgestellten Vorderbeinen steht und Ausdruck verliert, läuft etwas verkehrt.

Wie bei einem flotten Ausritt? Lässt sich das überhaupt mit der Akademischen Reitkunst vereinbaren? 

Bent Branderup: Ja, natürlich. Wenn aber der Hinterfuß nur mehr nach hinten rausschiebt und der entsprechende Vorgriff gar nicht mehr vorhanden ist, dann werden Pferde auf der Vorhand zu stark belastet. Wir sehen dann schwache Karpalgelenke, Pferde, die buglahm sind oder Probleme mit der Hufrolle haben. Das sind dann Pferde, die nur auf der Vorhand über Tempo geritten werden. Manche Pferde haben eine gigantische Vorhand und schaffen diese Arbeit 30 Jahre, andere wiederum nicht.

Warum kommt es deiner Meinung nach immer wieder zu den Vorwürfen, in der Akademischen Reitkunst fehlte das Vorwärts? 

Bent Branderup: Präzisiere: in wessen Augen fehlt das Vorwärts? Wenn ich Rennreiter wäre, dann würde ich ja noch deutlicher sagen, da fehlt noch mehr Vorwärts. Für das Gewinnen eines Rennens macht unser Schritt auf der Volte natürlich wenig Sinn. Wir müssen also ein bisschen schauen, was die Akademische Reitkunst überhaupt ist und was ihre Aufgabe ist. Akademische Reitkunst kommt von den damaligen Reitakademien und nicht von der Campagnereiterei. In der Campagnereiterei mussten plötzlich mehr Reiter auf die Pferde gebracht werden. Das war der Unterschied der modernen Armee im Vergleich zu den Berufssoldaten, die auf den Akademien ausgebildet wurden. Die Akademien hatten die Ausbildung des Menschen im Zentrum, die Campagnereiterei die Nutzbarkeit des damals in Deutschland vorhandenen Pferdes. Diese war zu Zeiten der Kavallerie eine ganz andere. Deswegen funktioniert die Campagneschule bei den Pferden mit den entsprechenden Qualitäten auch so einwandfrei. Heute treffen wir aber auf eine Vielzahl von Pferden, wo die deutsche Campagnereiterei gar nicht mehr so gut passt. Wir finden auch wenige Warmblüter aus dem großen Dressurviereck, die heute eine große Strecke zurücklegen könnten, weil der Reiter das Pferd unter Spannung setzt. Wenn er da wirklich eine große Strecke reiten wollte, würden ihm quasi die Nieren aus den Ohren kommen. Man kann nicht Kilometer über Kilometer mit Gewicht in der Hand reiten, fragen Sie mal einen Gebrauchsreiter!

Kraft, Stabilität und Mobilität sind drei wichtige Säulen für Pferde, wenn es um die Gesunderhaltung als Reitpferd geht. Wie siehst du das mit dem Ausdauertraining? Brauchen Pferde das auch? 

Bent Branderup: Die Frage ist wofür? Wie viel Ausdauer braucht ein Pferd, gemessen an unseren Zielen. Worin wollen wir überhaupt eine Ausdauer haben? Wir wollen keine Ausdauer in ungünstigen Muskelaktivitäten aufbauen. Das Pferd muss erst in eine gute, losgelassene Form kommen, um in dieser Form Ausdauer zu finden. Auch wenn man eine Piaffe macht, kann man nicht am Anfang 10 Minuten durchpiaffieren. Man begnügt sich mit einem Tritt oder zweien. Wer aber einem Pferd mit Spannungen und Verspannungen Ausdauer in ungünstigen Muskelaktivitäten gibt, der hat dem Pferd nichts Gutes getan.

Was ist mit übergewichtigen Pferden? 

Bent Branderup: Nun ja, was nicht das Maul passiert, macht nicht dick. Dick macht also das, was man schluckt. Unsere Pferde werden heute auf Weiden gehalten, die besät sind mit Mastgras. Pferde nehmen von diesem Gras sehr leicht an Gewichtsmasse zu. Wir füttern also in erster Linie zu viel.

Der Alltag des Pferdes muss abgestimmt werden auf das Futter und umgekehrt. Hier geht es um Gewohnheiten; Diäten und begrenzte Zeiten intensiven „Fitnesstrainings“ sind nicht nachhaltig. Wenn man häufig und ausgiebig ins Gelände geht, muss man dementsprechend füttern. Natürlich kann man auch nur zur Abwechslung mal ausreiten gehen, aber alles was ungewohnt ist, macht auch beim Pferd einen Muskelkater. Ausreiten zu gehen schadet nicht, wenn es für das Pferd regelmäßig vernünftig gemacht wird. In der Gymnastizierung bringen wir dem Pferd gute Gewohnheiten bei, die wir auch im Gelände nicht vergessen sollten.

Was hältst du von Trainingsplänen mit Warm up und Cool down? 

Bent Branderup: Daran finde ich grundsätzlich nichts verkehrt. Man muss aber berücksichtigen wofür man aufwärmt und daraus schließen, wie ein sinnvolles Aufwärmen aussehen kann. Ein Baletttänzer und ein Marathonläufer werden dies auch unterschiedlich angehen. Was ist „Aufwärmen“ überhaupt?

„Warm“ bezieht sich einerseits auf die Rolle von zwei Sorten von Flüssigkeit. Zum einen geht es um die Blutzirkulation, zum anderen um die Gelenkflüssigkeit. Das Dümmste also, was man machen kann, sind schnelle Dehnungen von kalten Muskeln. Muskeln, die aufgewärmt werden sollen, müssen gezielte, langsame Dehnungen erfahren. Diese Dehnungen müssen vorsichtig sein und erst mit mehr und mehr Durchblutung kommt dann auch mehr Gleitfähigkeit der einzelnen Fasern und somit Dehnung. Durch die schnelle Dehnung von kalten Muskeln riskiert man Zerrungen. Bei den Gelenken bildet sich erst durch Stimulus, also durch die Bewegung, Flüssigkeit. Daher ist eine anfangs starke Belastung der noch unaufgewärmten Gelenke nicht zielführend und deswegen ist uns die Arbeit in der Ruhe auch so wichtig. Da haben wir wieder das Problem mit der Schubkraft. Viele glauben, die meiste Belastung auf den Gelenken wäre in der Levade. Haben wir also 600 Kilo Pferd, lasten dann 300 Kilo auf jedem Hinterbein, wenn das Gewicht gleichmäßig und in Ruhe verteilt wird. Bei der Schubkraft haben wir es aber mit Masse X Beschleunigung zu tun. Dann wirkt eine Kraft von mehreren Tonnen auf die Gelenke.

Aufwärmen bezieht sich aber auch auf die Verbesserung der Koordinationsfähigkeit im Laufe des Trainings. Dieser Aspekt ist für den Aufbau des Training aus meiner persönlichen Sicht viel interessanter. Ein Klavierspieler z.B. muss sich auch „warmspielen“, bevor seine Finger so schnell und geschickt sind, wie sie es eben sein können. Das hat aber nichts mit „heißen Händen“ und Stoffwechselvorgängen zu tun, sondern mit der Steigerung der Geschwindigkeit der Reizleitung.

Darum kann ich erst nach einer gewissen Aufwärmzeit eine 100%ige Koordination vom Pferd erwarten, dasselbe gilt allerdings genauso für den Reiter.

Die Notwendigkeit eines korrekten Aufwärmens kann man nicht diskutieren, das ist biologisch vorgegeben. Wer dieser Anforderung nicht gerecht wird, wird kurz und mittelfristig nicht die Trainingserfolge erzielen, die er erzielen könnte, und langfristig Schäden riskieren. Die Vorstellung, dass ein Voraneilen in zügigem Tempo zum „Warmwerden“ schon genügen würde, ist falsch.

Das Abwärmen, wenn ein Pferd zu viel gearbeitet hat, bezieht sich ja auf den Abtransport von „Abfällen“ durch den Stoffwechsel. Ich empfehle nie mehr als das zu arbeiten, was das Pferd in 23 Stunden nochmal leisten kann. Wenn sich das Pferd nach 23 Stunden nicht erholt hat, dann war dies die falsche Arbeit.

In der Akademischen Reitkunst kann eigentlich die ganze Arbeit als Aufwärmen gesehen werden. Die Dauer des Trainings ist optimal, wenn das Pferd am Ende mit sehr guter Koordination, Balance und Konzentration die Bahn verlassen kann, ohne erschöpft zu sein.

Warum gibt es in der Akademischen Reitkunst keine Verstärkungen? 

Bent Branderup: Ich habe die Verstärkungen aufgegeben, das habe ich auch in der letzten Ausgabe meines Buches „Akademische Reitkunst“ im Cadmos Verlag erklärt. Weil ich mit Hugin Verstärkungen reiten konnte, die bis heute als als vorbildlich bezeichnet werden, nehme ich mir das Recht heraus die Sinnhaftigkeit dieser Lektionen in Frage zu stellen. Bei Hugin konnte ich beobachten, wie der Verzicht auf diese Lektionen zu einer eklatanten Verbesserung der Gesundheit seiner Hinterhandgelenke beitrug.

Wenn ich heute in einer praktischen Situation den Trab beschleunigen möchte, nutze ich eine Rahmenerweiterung, d.h. ich lasse den Rückschub proportional zum Vorgriff zu.

Der sehr fortgeschrittene Reiter könnte auch eine „fliegende Passage“ ausbilden, dabei geht es aber eher um die Nutzung der Federkräfte als um die Schubkraft. Federkräfte…ein schwieriges Thema und auch verwandt mit dem Thema Schwung.

Federkraft – ein spannendes Thema, wozu wir das Gespräch sicher fortsetzen werden. 🙂
Vielen Dank Bent Branderup für das Gespräch. 

 

Die Hand, Kappzaum, Trense und Kandare

Die Hand, Kappzaum, Trense und Kandare

Für viele Reiter ist die Positionierung des Pferdekopfes das „Nonplusultra“. Thoerie und Praxis zielen nur auf ein Thema ab: Der Kopf muss runter. So gesehen wäre es ein leichtes, der Reiterhand eine einzige Aufgabe zuzuschreiben. Doch dem ist nicht so.

Wo und wie wirkt die Hand?

Im folgenden werden drei Möglichkeiten beschrieben, auf den Schädel des Pferdes Einfluss zu nehmen.
Aber ACHTUNG: Die Reiterhand ist nicht die vorherrschende Hilfe, wenn es um Formgebung geht. Nicht umsonst wird der „Sitz“ die primäre Hilfe in der Akademischen Reitkunst genannt. Die Hand ist eine Sekundarhilfe – was für den sehr „handlastigen“ Menschen mit dem Ziel „weniger ist mehr“ oft eine große Herausforderung darstellt.

  1. Über den Kappzaum
  2. Über die Trense
  3. Über die Kandare

Kappzaum

Der Kappzaum hat vielerlei Vorteile. Zum einen schulen wir in der Bodenarbeit unseren Blick für die einzelnen Reaktionen im Pferdekörper, zum anderen entwickeln wir auch ein Gefühl für unsere Hand. Diese wirkt freilich in der Bodenarbeit vor dem Pferd geführt ganz anderes ein, als später aus der Position des Sattels – allerdings lernen wir Reiter bereits jetzt ein Fingerspitzengefühl für „zu viel“ oder „zu wenig“ zu entwickeln.

In der Bodenarbeit fragen wir das Pferd erstmals nach einer Dehnungshaltung. Ist die Antwort auf ein vorsichtiges Lösen nach abwärts am Kappzaum „Nein“ und spüren wir einen deutlichen Widerstand, dann müssen wir erstmals die Bereitschaft des Pferdes wecken sich von der Reiterhand überhaupt formen zu lassen.

Nicht immer ist das Lösen nach abwärts daher die erste Wahl um ein Pferd mit der Wirkung der Hand bekannt zu machen. Die Longe oder das Führseil ist im mittleren Kappzaumring eingehängt, die Hand wird nun den Kopf des Pferdes zur Seite führen. Pferde folgen dieser Aufforderung oftmals bereitwilliger, als der Anfrage, den Kopf nach unten in Richtung Boden zu senken. Sobald das Pferd den Kopf zur Seite nimmt, geben wir nach und loben. Somit lernt das Pferd auch sofort das Prinzip der nachgiebigen Hand kennen.

Die Wirkung des Kappzaums auf den Schädel pflanzt sich weiter fort in die Wirbelsäule des Pferdes. Dies erklärt, warum wir aus einer ersten Dehnungshaltung, Stellung und in weiterer Folge Biegung erarbeiten können.

Die Trense

Wenn wir die „Stationen“ der Einwirkung im Pferdekörper durch ein Gebiss aufzeichnen wollen, dann beginnt die Wirkung am Unterkiefer, setzt sich über die Kiefermuskulatur fort in den Schädel und schließlich wiederum zur Wirbelsäule des Pferdes. Es wäre nun verführerisch einfach am inneren Zügel zu ziehen, um eine korrekte Stellung und Biegung hervorzurufen. Vermehrter Zug oder vermehrtes Annehmen am inneren Zügel führt jedoch nur zu einer Verspannung der Muskulatur in der äußeren Oberlinie. Jene Muskeln, die eigentlich zur Dehnung gelangen sollten kürzen sich somit ab, dies führt zum (vielen Reitern bekannten) Gegenhalten. Wird nun noch mehr Gewicht am inneren Zügel aufgenommen, bringt der Reiter zwangsläufig die innere Hüfte (die in der Biegung etwas weiter nach innen-vorne gelagert sein sollte) zum Ausfallen nach außen.

Die Kandare

Die Stationen der Einwirkung der Kandare verlaufen über die Hebelwirkung der Kinnkette zum Kiefergelenk und weiter auf den Schädel des Pferdes.

Der Vorteil des Stangengebisses, also der Kandare ist die Symmetrie im Pferdemaul und damit die Anpassung an die extrem feinfühlige Zunge des Pferdes.

Stichwort Babykandare: Ein langer Unterbaum verkleinert Handfehler, er wirkt sanfter. Die vermeintliche „Babykandare“ mit kürzerem Unterbaum verursacht eine deutlich größere Winkeländerung, wenn die Zügel angenommen werden. Fazit: ein langer Unterbaum verlangsamt und verkleinert somit die Bewegungen der Reiterhand. Ein Stangengebiss mit großer Auflagefläche verringert außerdem den Druck im Maul. Ein mit viel Zungenfreiheit angepriesenes Gebiss hingegen hat eine schärfere Wirkung durch den erhöhten Druck an den Zungenrändern.

Kommen wir zurück zur Symmetrie im Pferdemaul: Weil ein Kandarengebiss also keine Gelenke wie eine Trense besitzt, soll eine blanke Kandare niemals in beiden Zügelhänden geführt werden. Beidseitige Führung bedeutet ein Kippen der Kandare auf den Zungenrand, wobei eine schiefe Belastung im Pferdemaul entsteht.

Dies verdeutlicht allerdings, dass die Kandare nicht bei der Erarbeitung von Stellung und Biegung eingesetzt werden kann. Die Kandare ist aber auch kein Mittel, um den Kopf in einer bestimmten Position zu halten. Wer die Kandare einsetzt, um den Kopf des Pferdes „nach unten“ zu dirigieren und den Hals rund zu machen, hat die eigentliche Wirkung – die Oberlinie lang und leicht zu halten nicht verstanden.

Jedes Werkzeug ist nur so scharf, wie die Hand, die es bedient.

Es braucht also mehrere Komponenten, um eine gewisse Leichtigkeit in der Reitkunst zu bekommen. Das Pferd muss Schritt für Schritt Sekundarhilfen und Primärhilfe „Sitz“ erlernen, der Reiter muss verstehen die Informationen aus dem Pferdekörper richtig zu interpretieren, um für jede Situation das richtige Werkzeug parat zu haben. Erst dann kann ihm die Hand als Sekundarhilfe überhaupt nützlich sein. Auch aus diesem Grund empfiehlt es sich jeden Schritt einzeln und ordentlich in der Ausbildung des Pferdes zu beschreiten. In der Bodenarbeit lernen Pferd und Reiter eine gemeinsame Sprache, der Kappzaum ist das vorherrschende Werkzeug. In der Handarbeit kann vom Boden aus die Reiterhand sowie die Reaktion des Pferdes auf die Reiterhand geschult werden. Vom Sattel aus bleibt der Kappzaum oder ein eingeschnallter Semikappzaum ein verbindendes Element – schließlich soll für den vierbeinigen Schüler nun auch die Kommunikation in einer Verlässlichkeit erfolgen, die bereits am Boden zum guten Ton gehörte.

Lernen wir gemeinsam Schritt für Schritt, dann Reiten wir Einfach 😉

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Jahresrückblick 2017

Jahresrückblick 2017

2018 ist erst wenige Tage alt, daher lohnt sich noch ein kurzer Rückblick auf das vergangene Jahr.
2017 war ein Jahr mit vielen Höhen, aber auch vielen Tiefen. Es gab einige traurige Momente, aber auch ein paar Anlässe zum Feiern.
Aber schauen wir doch mal zurück:

Jänner: Die erste Reise des heurigen Jahres führt mich nach Dänemark zum Treffen der lizenzierten Bent Branderup Trainer. Es ist natürlich auch heuer ein wunderbares Treffen, auf das ich mich gerade zum Jahresbeginn sehr freue.
2017 stand eine besondere Präsentation auf dem Programm: Geplant ist ein Magazin über die Akademische Reitkunst, zweisprachig und mit zahlreichen Beiträgen aus der Ritterschaft. Möglichst ohne Werbung gleichzeitig aber sehr hochwertig. Was im Jänner sozusagen aus der “Taufe” gehoben wird, erblickt mit Jahresende 2017 schließlich das Licht der Welt. In der ersten Ausgabe der “Akademischen Reitkunst – Beziehungspflege” widmen wir uns dem Begriff “Horsemanship”.

Februar: Schon wieder ein eiskalter Februar. Und schon wieder halten meine Schüler sehr wenig von einer Winterpause. Ich freue mich sehr, dass die Motivation trotz verschärfter “Kältebedingungen” immer anhält. Insgeheim wünschte ich mich jedoch in den Süden ;-).

März: Die Kurssaison am Sonnenhof beginnt.2017 eröffnet wieder Christofer Dahlgren aus Schweden unsere Workshops. Er widmet sich einmal mehr der Frage, wie wir das Training möglichst individuell auf unsere Pferde abstimmen können. Einen Kursbericht zum Nachlesen gibt es hier
Ich selbst gebe im März vier Tageskurse.

April: Der April, der April, der macht was er will. Ich gebe insgesamt zwei Wochenend- und zwei Tageskurse. Ende April stolpere ich nach einem Tageskurs über eine Website. Ich stöbere rein zufällig, ob in Piber schöne Lipizzaner zum Verkauf stünden. Nun ja. Eigentlich wollte ich noch kein drittes Pferd, zumindest noch nicht jetzt, aber während die “vernünftige Seite” in mir streng schaut, schreibt meine “verrückte Seite” bereits eine Mail an Ines Hubinger, die den Verkauf der Pferde in Piber abwickelt. Am Ostersonntag Ende April schließlich lerne ich Conversano Aquileja I kennen und freue mich ein paar Wochen später über die endgültige Zusage und eine positive Ankaufsuntersuchung. Nun wird also ein Schimmel meine zwei Damen verstärken. Mehr über “Konrad” gibt es hier

Mai: Auf dem Pfernetzt Event in Fulda lerne ich zahlreiche wunderbare Pferdemenschen kennen. Ich bin begeistert, da diesem Event ein besonderer Zauber inne wohnt. Außerdem gebe ich den ersten Wochenendkurs in Bratislava. Eine Nachlese von Pfernetzt findet hier….

Juni: Eine Anekdote aus dem Leben:
Mitten in den Arbeiten am Buch, einen sehr intensiven Vormittag im Büro hinter mir, habe ich es sehr eilig in den Stall zu kommen. Beim Aufstehen verheddert sich mein kleiner Zeh am Tischbein (ob der bereits sommerlichen Temperaturen hält man es bereits bar”huf” sehr gut aus) und ich gehe im Büro zu Boden. Dabei wische ich die Heftklammermaschine vom Tisch, die meiner linken kleinen Zehe quasi den Rest gibt. Beim Besuch im Unfallkrankenhaus ist man überrascht, dass man sich als Pferdetrainer doch tatsächlich im eigenen Büro dermaßen blöd verletzen kann. Trotzdem schaffe ich es mit luxierter Zehe noch in die Schweiz auf den zweiten Kurs im heurigen Jahr bei meiner lieben Najat Zinbi. Mehr über die Kurse in der Schweiz in Graubünden gibt es hier:

Juli: Der Juli beginnt mit dem Grazer Kurshöhepunkt. Bent Branderup ist bei uns in Graz und ich freue mich riesig für meine Schülerinnen Viktoria Portugal, Sonja Grätz und Jana Fuchsberger über die bestandenen Boden- und Longenarbeitsprüfung. „Konrad“ hat seinen ersten “Auftritt” beim Kurs und benimmt sich wie ein alter Hase.

August: Widrige Umstände (ein Hoch auf eine inzwischen nicht mehr existente Airline) lassen mich die Sommerakademie verpassen. Wer ebenso nicht dabei war: Die Kollegen haben zum Glück ein Video gemacht:

September: Im September fahre ich erstmals in den Süden Italiens, um auch dort eine Woche zu unterrichten. Mein Italien Abtenteuer zum Nachlesen.
Außerdem geht es bereits zum dritten Mal im heurigen Jahr für einen Wochenendkurs in die Schweiz.

Oktober: Jossy Reynvoet kommt nach Niederösterreich und Graz. Neben gebissloser Reitkunst stehen “Meetings” mit dem Pferd am Programm. Es ist sehr gut u wissen, dass man nicht immer mit dem Pferd etwas “tun” muss. Die kleinen Momente machen das Leben mit Pferden magisch. Einen großen Moment hingegen erlebt meine liebe Schülerin Sonja Grätz beim Kurs mit Bent Branderup in Ainring. Gratulation zur bestandenen Wappenträgerprüfung, liebe Sonja!

November: Mein persönliches Novemberhighlight? Der aufkommende Winter wurde einfach durch permanenten Einsatz „weggearbeitet“. Ich war jedes Wochenende unterwegs, in Österreich habe ich die letzten beiden Kurse für das heurige Jahr gegeben, einen Tageskurs habe ich außerdem in Slowenien absolviert, wo mich – wieder mal – einige Lipizzaner verzaubert haben. Aber: Es gibt jetzt kein viertes Pferd. Nein, nein :-)….vorerst……

Dezember: Gotland, Gotland. Das Jahr habe ich einmal mehr mit einer Reise zu Hanna Engström nach Gotland ausklingen lassen. Diesmal waren drei Schülerinnen von mir mit von der Partie. Gemeinsam konnten wir von- und füreinander lernen. Eine wunderbare Sache, gerade kurz vor Weihnachten ist Gotland wirklich eine Reise wert, um inne zu halten und stille Momente zu genießen.

Ich bedanke mich bei allen Schülerinnen und Schülern, die mir auch im heurigen Jahr ihr Vertrauen geschenkt haben. Ich werde mich auch für 2018 bemühen, ein spannendes Kursprogramm am Sonnenhof sowie in ganz Österreich und seinen Nachbarländern, wo ich unterwegs sein werde auf die Beine zu stellen.

Ich wünsche ich allen Bloglesern, Schülerern, Pfernetzten Pferdemenschen und Freunden einen guten Start im neuen Jahr mit viel Glück und Gesundheit und schönen Stunden mit euren Vierbeinern! 

Klebstoff, Lucia und die Sache mit dem Wurm

Klebstoff, Lucia und die Sache mit dem Wurm

Eigentlich wollte ich ja in Gotland ein wenig “relaxen”. Wir hatten durchaus eine beschauliche Zeit auf Ekeskogs bei Hanna Engström.

Aber in Punkto Sitz haben wir uns die Weihnachtspause redlich verdient. Gerade Hannas Youngster “Flamenco” hat mir viele Dinge gezeigt, die ich so auf meinen Damen noch nicht erlebt habe (Sorry, Ladies, aber der kleine Portugiese hat eben ein ganz anderes Bewegungskonzept als meine beiden Warmblutstuten).

Er hat mir durch seine extreme Beweglichkeit gezeigt, was es wirklich heißen kann, den Sitz im Sattel auszukleiden (Hanna sprach von Klebstoff, ich hab mich passend zu Weihnachten als Keksteig auf dem Sattel ausgebreitet) und das Pferd darum zu bitten, niemals den Schwerpunkt unter dem Reiter zu verlieren. Dies war schon eine schwierige Aufgabe im Schritt auf dem Zirkel, denn Hannas Anweisungen kamen quasi im Stakkato.
Ruhe und Beschauligkeit, von wegen? Es wurde rasant zwischen Richtungswechseln, Seitengängen, Zirkel verkleinern und vergrößern, Haltparade, Bewegung auf der Stelle und zack in den Galopp.

Flamenco machte mir diese Aufgabe sehr einfach, PRE Hengst Indio war hier das krasse Gegenteil. Hier hat mir Hanna in dieser Woche zwei ganz unterschiedliche Lehrmeister zur Verfügung gestellt, die nicht nur den physischen Aspekt des Reitens spannend machten, sondern auch die Pädagogik in den Vordergrund stellten.
Jedes Pferd ist individuell: Auch die Art und Weise, wie man ein Pferd um eine Aufgabe bittet, unterscheidet sich doch ganz wesentlich.

Santa Lucia

Am Mittwoch lud uns Hanna zu einem leckeren Frühstück ein. In Schweden findet am 13. Dezember “Santa Lucia” statt. Dabei handelt es sich um ein einen Brauch, der vor allem in Schweden, sowie in Dänemark, Norwegen und Teilen Finnlands verbreitet ist. Das Fest fällt auf den Gedenktag der heiligen Lucia, die das Licht in die dunkle Jahreszeit bringen soll. Hanna hat uns auch ein traditionelles Safrangebäck (lussekatter) gebacken.

Neben selbstgemachtem Gebäck gab es also ordentlich Kerzenschein, um die Dunkelheit zu vertreiben. An diesem Tag hat es geholfen, denn es war leider unser einziger sonniger Tag auf Gotland in dieser Dezemberwoche.

Sonnig waren auch die Gemüter beim Singen. Schließlich gibt es genügend bekannte Weihnachtslieder, die man gemeinsam auf deutsch, englisch, finnisch und schwedisch singen kann. 🙂

Danach ließ Hanna in einer ausführlichen Theorieeinheit den Schwerpunkt aus dem Reiterbauch heraus eher in die Reiterhüfte wandern. Der Schwerpunkt sinkt also noch tiefer in das Pferd, der Oberkörper bleibt stabil und zwischen den Oberschenkeln wird das Pferd bewegt. Sehr anschaulich konnten wir selbst bei Drehungen aus dem Oberkörper spüren, was mit unserem Steißbein passiert, wo sich quasi der “Schweif” im Reiter hinwendet, wenn wir uns aus dem Oberkörper, oder aus der Hüfte heraus in eine Richtung drehen, dann die Bewegung in ein Kruppeherein oder in ein Schulterherein steigern oder geraderichten. Diese Übungen machten sehr deutlich, warum der Reiter in der Versammlung im Kruppeherein mehr in Richtung innerer Hüfte des Pferdes sitzen sollte und im Schulterherein den Schwerpunkt in Richtung Schweif mitnimmt.

In der Praxis wurden wir ebenso kreativ. Auf Mona, Indio und Flamenco ritt ich dann im Schritt nicht nur Schritt, sondern auch Trab und Galopp. Richtig gehört, man kann im Schritt über alle Gangarten nachdenken und diese auch reiten, ohne dass das Pferd schneller oder im Takt unsauber wird. Im Gegenteil.

Ohne uns abzusprechen, “ritt” ich also alle Gangarten auf dem Zirkel im Schritt – Hanna lag jedesmal richtig und erkannte die jeweilige Gangart.

Letztendlich haben wir auch an der Achtsamkeit für Handwechsel im Schritt gefeilt, um mein Timing für die fliegenden Wechsel zu verbessern. Mona war mit mir offenkundig sehr zufrieden. Die gemeinsame Arbeit wurde stets mit einem ordentlichen “Brummelwiehern” belohnt.

Die Sache mit dem Wurm

Donnerstag Morgen ging es auf den Boden der Tatsachen. Wir verwandelten uns in Würmer und versuchten uns am Boden zu bewegen. Diese Übung kannte ich bereits aus dem Vorjahr. Es war aber auch heuer wieder wunderbar einfach schwer und unbeweglich sein zu dürfen. Zu akzeptieren, dass es mal einfach nicht hektisch und geschäftig sein muss. Ich habe hier einmal mehr wahrgenommen, dass ich ebenso zwischen Kursen, Unterrichtstouren, Buchprojekten und “daily business” ein “Wurmdasein” gut gebrauchen kann, um mich zu erden und einfach mal “liegen zu bleiben”.

Wie man seinen Hintern aber wieder in die Gänge bekommt – das zeigten mir Hanna und Indio, der an diesem verregneten, kalten Tag wohl auch lieber einen faulen Lenz vorgezogen hätte. Wir beide waren sehr “würmelig” unterwegs, Hanna heizte uns jedoch mit Galopp-Halt-Galopp Übergängen ordentlich ein.

Donnerstag Abend haben wir gemeinsam mit Hanna in Visby bei einem wunderbaren Dinner verbracht und auf unsere “Erfolge” angestoßen. Ich denke, all unsere Wünsche wurden mehr als erfüllt. Ich konnte feststellen, dass ich einige Schmerzen in meiner Wirbelsäule als unnötigen Ballast bereits vor einem Jahr in Visby gelassen hatte. Klar, immer wieder gibt es mal wo Verspannungen, die Rückenschmerzen vom Vorjahr waren jedenfalls kein Thema mehr, umso eifriger konnten wir uns in eine Vielzahl von Themen vertiefen. Ich freue mich auch riesig für Andrea, Najat und Viktoria, die in dieser Woche unheimlich viel mitnehmen konnten.

Ein riesiges Dankeschön an Hanna Engström und ihr Team von Ekeskogs! Ich freue mich vor allem sehr, dass wir gemeinsam Santa Lucia und die Buchpremiere der “Akademischen Reitkunst – Horsemanship/ Beziehungspflege” feiern konnten.

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PS: Nächstes Jahr geht es sicher wieder nach Gotland – wer meine Reiseberichte von 2016 noch nachlesen möchte:

Teil 1: Eat-pray-ride

Teil 2: Magic Movements

Hanna gibt es auch zum Nachhören im Podcast

Wenn einer eine Reise tut…..

Wenn einer eine Reise tut…..

Dann tut er sie nicht alleine. Und zum Glück kommen auch alle an. Von verlorenen Gepäckstücken, die zum Sinnbild für das Abwerfen von unnötigem Ballast wurden, Würmern und Pferden.

Der lange weg nach Gotland

Sonntag, 10. Dezember 2017. 4 Uhr früh morgens. Es geht los. Ich bin überaus froh, dass ich direkt von Graz aus aufbrechen kann nach Gotland. Aber von Anfang an ist da irgendwie der Wurm drin. Ein Wurm für den ich ein paar Tage später wieder mehr Verständnis entwickeln werde. Dazu aber später. Während wir in Graz verspätet abheben (“Etwas am Flieger ist kaputt, aber wir haben einen Techniker hier”), begeben sich in Zürich meine liebe Schülerin Najat und in Wien meine lieben Schülerinnen Andrea und Viktoria ebenso auf die Reise. Wenn also einer nach Gotland geht, dann eben nicht alleine.

In Frankfurt habe ich einen etwas längeren Aufenthalt und plane nun mal so richtig durch zu schnaufen. Gönne mir einen riesigen Cafe Latte. Werde ich später bereuen, aber nun ja. Wir haben ein pünktliches Boarding, gleichzeitig beginnt es aber sehr stark zu schneien. Innerhalb weniger Minuten ist alles rund um den Flieger weiß und wir müssen den Flieger nochmal enteisen. In der Zwischenzeit erlebe ich eine Weihnachtsquadrille der anderen Art. Ein Haufen Schneepflüge steht in wunderbarer Formation bereit, aber es tut sich nichts. Mittlerweile hätten wir seit über einer Stunde in der Luft sein müssen.

Nun ja, wer mich kennt weiß: ich bin sehr organisiert, ich kann sehr schlecht stillsitzen und der große Cafe Latte macht die Sache nicht besser. Irgendwie schaffen wir es dann aber doch weiter nach Stockholm. Dort wartet schon Najat, wir beide müssen den späteren Flieger nach Gotland nehmen. Aber immerhin: An dem Tag wurden in Frankfurt 300 Flüge gestrichen, ich bin eine der wenigen, die Glück hatte und noch raus kam.

Irgendwann um Mitternacht nach einer spannend rutschigen Taxifahrt im verschneiten Gotland kommen wir dann an. Ich bin “mehr als durch” und das mit dem Abschalten hat nicht ganz geklappt.

Warum ich nicht gleich in Medias Res in Punkto Reiten gehe? Auch die Erlebnisse auf der Reise gehören dazu. Die Erwartungshaltung war: Ich entspanne mich ab Frankfurt, treffe die Mädels in Stockholm und freue mich auf ein Wiedersehen in Visby mit Hanna Engström. Erwartungshaltungen spielen uns auch im Zusammensein mit unseren Pferden diverse Streiche und letztendlich stellen uns solche Ereignisse vor spannende Aufgaben.

Ich gebe zu, Najat aus der Schweiz hat in einer stoischen Ruhe die Tatsache gemeistert, dass sie verspätet und ohne Koffer in Visby angekommen ist. Ein Hoch auf Najat, die dafür dann auch in den kommenden Tagen sehr reich belohnt wurde.

Diverse Wünsche?

Hanna hatte die Woche mit uns sehr gut strukturiert und geplant. Bereits im Vorfeld wurden die Wünsche aller Weekstudents besprochen und demnach ein kleiner Plan erstellt. Im Vorjahr hatte ich mich besonders über Hannas “bodywork” gefreut. Nach einer Woche auf Gotland kam ich ohne Rückenschmerzen zurück nach Hause und war selig. Die Vorfreude auf Bewegung und Achtsamkeit in den eigenen Körper war somit groß.

Und schon wieder eine Überraschung: Nach einer ersten Analyse auf dem Pferd, “befundete” mich Hanna für schmerzfrei. Klar gibt es mal wo Verspannungen, aber meinen großen Schmerzrucksack habe ich tatsächlich von mir geworfen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass ich meine Achtsamkeit auf dem Pferd getrost ausschalten konnte – im Gegenteil – jetzt wurde so richtig gearbeitet, jedoch stets vom Sattel aus.

Mona, Flamenco und Indio

Hannas Pferde sind quasi Lügendetektoren. Jedes Pferde-Reiterpaar hat natürlich “altbekannte” Muster und Gewohnheiten.

“Mein Pferd will nicht wenden”, “Mein Pferd hat wenig Energie”, oder: “Mein Pferd lässt mich nicht Sitzen”….

…das Problem sitzt halt immer im Sattel. Und so legen Hannas Vierbeiner auf Ekeskogs ganz genau den Huf in die Reiterwunde und machen unmissverständlich klar:

“Wenn du so sitzt, dann kann ich nicht wenden, …dann habe ich keine Energie, ….oder ich kann dich als Reiter einfach so nicht sitzen lassen”.

Pferde sind jedoch wunderbare Pädagogen, sie sind ehrlich, schonungslos, wenn etwas richtig läuft, dann geben sie aber auch unmittelbar ein brummelndes Feedback. Hannas Pferde im Dialog mit der “Chefpädagogin” sind schon alleine eine Reise wert und laden mit Sicherheit dazu ein, auch zu Hause etwas öfter auf den eigenen vierbeinigen Pädagogen zu hören.

Für uns als Weekstudents ist es natürlich herrlich, sich ganz auf sich selbst und den Sitz fokussieren zu können. Das Feedback der Pferde ist sofort da, sie atmen mit uns gemeinsam tief aus, schnauben ab, brummeln und wiehern leise, wenn sie mit ihren Reitern zufrieden sind. Es lohnt sich sicherlich, diese Anzeichen zu “kultivieren”, sie achtsamer und bewusster wahrzunehmen – nämlich als unmittelbares Feedback an uns Reiter.

Meine drei vierbeinigen “Reisebegleiter” in dieser Woche waren Stute Mona, Alter Real Flamenco und Hannas PRE Indio.

Mit Mona hat mich Hanna zum Gehirnjogging eingeladen: Wenn sich das innere Pferdebein nach vorne bewegt, dann senkt sich die innere Hüfte des Pferdes ab. Der Brustkorb rotiert in diesem Moment nach innen-unten, die äußere Oberlinie dehnt und hebt sich. Soweit der Pferdekörper, bei dem sich der Schwung aus der Hinterhand im Idealfall auch in der Tätigkeit der Vorhand widerspiegelt.

Soweit so gut, aber wie sieht die Sache beim Reiter aus? Wie sehr müssen wir beispielsweise im Oberkörper rotieren? Reicht es schon aus, in der eigenen Hüfte die korrekte Rotation zu finden? Wie überall im Leben macht die Dosis das Gift: und so führt eine übertriebene Rotation aus der Schulter heraus dazu, dass der Reiter im Oberkörper zu sehr kippt und dann stark nach einer Seite lehnt. Dieses unbeabsichtigte Lehnen wirkt sich natürlich auch auf das Pferd aus (meist nicht unbedingt zum Positiven), was die Reiterhand wiederum korrigieren möchte (sich dabei aber natürlich relativ schwer tut).

Ich hatte alle Zeit der Welt in den ersten Einheiten meine Verbindung zur Wirbelsäule des Pferdes zu spüren und natürlich auch die Bewegung in der eigenen Wirbelsäule achtsam vom Steißbein bis zum Nacken wahrzunehmen. Dabei haben wir uns auch auf die Bewegung des Kopfes konzentriert, wobei das Anziehen und Loslassen des Kinns auch helfen kann, die eigene Rumpfspannung zu verbessern.

Am Nachmittag lernte ich dann “Flamenco” kennen und verliebte mich dann sofort. Klein, freundlich und sehr beweglich. Flamenco wurde in dieser Woche eigentlich zu meinem wichtigsten Lehrmeister.

Mehr darüber gibt es nächste Woche im zweiten Teil meines Reiseberichts…

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