ERP-26: Der magische Knopf

ERP-26: Der magische Knopf

Und bist du nicht willig – dann brauche ich einen magischen Knopf. Wie oft haben sich Reiter bereits einen Knopf zur Lösung aller reiterlichen Probleme gewünscht?
In der heutigen Podcast Folge denke ich nach, über häufig gehörte Aussagen am Reitplatz, über die Frage von Geduld und Ungeduld – und über das Genießen eines gemeinsamen Weges.

Viel Spaß beim Reinhören!

Das Megasus Update

Das Megasus Update

Ein Hufschutz – ein Kartenspiel – und die Frage nach dem Warum? 

Erinnert ihr euch noch an meinen Erfahrungsbericht mit den Megasus? Den blitzblau-orangen Hufschutz zum Kleben oder Kletten? Das Feedback meiner Pferde war überwältigend. Umso heftiger war die Nachricht kurz vor Weihnachten: Megasus ist insolvent. Platzt der Traum von der Entwicklung eines Hufschutzes, an den so viele Erwartungen geknüpft waren? 

Kickstarter hauchte dem Konzept des Megasus vor drei Jahren erstmals Leben ein. Ausgerechnet Kickstarter soll die Horserunners erneut vor dem Aus retten? Ich habe mich darüber mit Louisa aus dem Gründerteam von Megasus unterhalten. 

Louisa, wie ist aktuell die Lage? 

Louisa: Nach der Fernsehsendung „zwei Minuten, zwei Millionen“ hatten wir viele Gespräche. Es war aber auch klar, dass wir eine höhere Summe gebraucht hätten, als die von Herrn Haselsteiner avisierten 500.000 Euro. Wir hatten zwar sehr auf eine Lösung gehofft – aber ich musste dann doch Insolvenz anmelden – kurz vor Weihnachten. Das war natürlich extrem bitter!

Ich kenne euer „Mastermind“ Charly seit mehr als 20 Jahren – immer bemüht eine Lösung für die Pferde in Punkto Beschlag zu finden. Als ich die erste Kampagne und den ersten Youtube Film im Internet gesehen habe war ich restlos begeistert und mit mir viele tausende Andere. Provokant gefragt – wie kann bei einer solch großen Unterstützung ein so tolles Produkt Schiffbruch erleiden? 

Louisa: Ein Produkt wie der Megasus kostet viel Geld. Warum das so ist, erkläre ich gleich noch ausführlich. Fakt ist, wir hatten durch die Kickstarter-Kampagne insgesamt rund 151.000 Euro lukriert – also es waren 170.000 US Dollar. Die Werkzeuge alleine kosten allerdings 700.000 Euro, um den Megasus serienmässig auf den Huf zu bringen. 

Warum ist das so aufwendig, wenn ich es mit anderen Hufschuhen oder Klebebeschlägen vergleiche? 

Louisa: Das liegt an den zwei Komponenten des Megasus. Man könnte quasi sagen: Raue Schale, weicher Kern. Sein Herz macht den Megasus so einzigartig. Das heißt, der Megasus ist einerseits mit einer gewissen Härte ausgestattet, andererseits verfügt er über einen optimalen Stoßdämpfer. Das macht ihn einzigartig im Vergleich zur Konkurrenz – einzigartig aber auch in der Herstellung. Zusätzlich ist er durch die individuelle Anpassung der Klips tatsächlich wie ein maßgeschneiderter Turnschuh – und nicht wie ein Produkt von der Stange. Das macht die Unterstützung für den Huf so einzigartig, die Produktion aber eben besonders aufwendig. 

Aufwendig war auch die erste Kickstarter-Kampagne und oft lese ich noch Kommentare auf Facebook, wo kritisiert wird, dass Unterstützer ihr Produkt nicht bekommen hätten? 

Louisa: Ja das ist auch vorgekommen – allerdings wurde uns in dem Fall bei der Kampagne die Adressdaten nicht mitgeteilt – sprich online wurden nicht alle Angaben korrekt eingegeben. In solchen Fällen haben wir natürlich auch nachgefasst, aber trotzdem haben wir auf die Bitte um fehlende Daten nicht immer Antwort bekommen. Das waren aber nur ein paar wenige Kickstarterunterstützer, die allermeisten haben ihren Reward erhalten. Zusätzlich hatten wir auch ein Crowdinvesting von Green Rocket…

Was ist Greenrocket? 

Louisa: Das ist ein Crowdinvesting. Kickstarter ist ja ein Crowdfunding und zwar „reward based“, das bedeutet, dass man sich einen „reward“ aussuchen kann, also eine Belohnung, die man dann, sollte die Erfindung umgesetzt werden, auch bekommt. Beim Crowdinvesting investiert man Geld in eine Idee in Form eines Nachrangdarlehens. Bei positivem Geschäftserfolg erhält man Zinsen, einen Gewinnanteil und einen Anteil an der Unternehmenswertsteigerung. Bei einer Insolvenz wird man allerdings ganz hinten in der Gläubigerliste gereiht, so dass ein hohes Risiko besteht, leer auszugehen. Das sieht man allerdings erst, wenn der Kaufpreis für die Konkursmasse feststeht.

Wie geht es dir, wenn du solche Kommentare liest? 

Louisa: Ich bin riesig dankbar über die vielen Unterstützer, die unseren Weg begleitet haben. Viele haben uns gefragt, warum wir nicht von Anfang an einen Investor genommen haben. Bei unseren Vorgängerprodukten hatten wir bereits Erfahrung mit Investoren gesammelt und dieses Mal sollte es wirklich ein Produkt werden, dass für unsere Pferde gebaut ist und nicht andere Interessen verfolgt werden. So lautete der Auftrag früher, ein Produkt zu bauen, mit dem der Hufschmied gut umgehen kann.– bei Megasus hatten wir von Anfang an eine Mission im Kopf: Nämlich tatsächlich den Umstieg von Eisen auf Barhuf zu ermöglichen oder die Hufeisen zu ersetzen. Wir wollten uns nicht daran orientieren was ein Hufschmied braucht, sondern daran, was ein gesunder Huf braucht. 

Es gab auch Stimmen, die sich enttäuscht zeigten über die Mängel bei der Klettvariante? 

Louisa: Wir haben während der Kickstarter-Kampagne natürlich nicht Däumchen gedreht, sondern weiterentwickelt. Und Kickstarter bedeutet ja auch, dass man nicht ein fertiges Produkt kauft, sondern gemeinsam mit uns etwas entwickelt. Jedes Feedback unserer Kunden war wichtig. 

Leider hatten wir dann den Fall, dass der Lieferant der Klebeverbindung zwischen Klettband und Side-Clip Mängel in der Produktion aufwies. Mal war diese Klebeverbindung super, doch dann gab es immer wieder Chargen mit außerordentlichen Mängeln. Das war wirklich Pech für uns, denn wir mussten viele Side-Clips ersetzen, was viel Geld und Zeit gekostet hat.

Was wir noch gelernt haben? Nicht immer war die gewünschte Klettvariante dann tatsächlich die beste Lösung für das betreffende Pferd. Wie schon gesagt – wir wollten immer das Pferd mit seinen Bedürfnissen in den Vordergrund stellen. Dann kommen freilich die Bedürfnisse des Reiters dazu, der möchte gerne länger ausreiten gehen, vielleicht springen, benötigt Stollen usw.; All das ist mit dem so genannten „Run’n’Fun“ Modell – also der Klebevariante problemlos möglich. Wir hatten eingefleischte Barhuf-Fans, die dann sehr happy waren mit der Run’n’Fun Variante, die mehrere Wochen am Pferd bleiben konnte. Der Vorteil – nach der Demontage des Megasus – man kann sofort barhuf reiten – das ist bei anderen Modellen vielleicht auch nicht immer so easy möglich. Wir haben mit der Zeit eben erst gemerkt, für wen sich welches Modell tatsächlich im Alltag am besten eignet und dementsprechend auch die Produktnamen gewählt. Demnach ist der „Med’n’Rehab“ ein Modell, das vor allem in einer akuten Reha-Phase optimal ist, wenn öfter am Huf was gemacht werden muss – das Pferd aber trotzdem einen Hufschutz braucht. 

Warum sollte man jetzt noch überhaupt in Megasus investieren und euch unterstützen? 

Louisa: Kaiser Wilhelm II. hat in Deutschland zu Carl Benz gesagt, dass er nicht an die Erfindung des Automobils glaube. Pferde seien die Zukunft. Na wenn der Kaiser das sagt, dann hat das Projekt Auto ordentlich Gegenwind, nicht wahr?

Mein Pitch an alle ist daher: Wir brauchen natürlich Durchhaltevermögen. Unsere Mission ist tatsächlich das Eisen abzulösen. Wenn ich Leute gefragt habe, ob sie sich Pferde mit Eisen in 10, 20 oder 30 Jahren vorstellen könnten, dann habe ich meist die Antwort erhalten: Nein – das ist doch nicht die Zukunft. Große Erfindungen – große Veränderungen brauchen ihre Zeit. Wir sind dran. Wir haben uns nicht entmutigen lassen. Wir haben auch jetzt genügend Material aus Langzeitstudien – wir konnten Vorurteile widerlegen und konnten nachweislich zeigen, dass der Megasus weder den Huf einengt noch auf Dauer abhängig macht von einem Hufschutz. Ob man uns unterstützt, das darf zum Glück jeder selbst für sich entscheiden – aber in erster Linie verliere ich auch nicht den Glauben an die Sache durch unser Team, das vom Megasus überzeugt ist und uns auch trotzdem weiter unterstützt – auch wenn wir quasi nicht mehr unter normalen Voraussetzungen miteinander weiterarbeiten konnten. 

Louisa, Team Megasus

Ich muss nochmal fragen – warum soll man euch unterstützen, wenn es doch viele andere klebbare Varianten von Hufschutz gibt oder eben auch Hufschuhe? 

Louisa: weil Megasus der einzige Hufschutz ist, der das Eisen tatsächlich ablösen kann. Es gibt viele klebbare Hufschuhe, die allerdings vom Material zu weich sind. Man kann auch keine Stollen eindrehen, oder auf jedem Terrain unterwegs sein. Möglicherweise ist das Material auch zu hart und dann rutscht das Pferd weg. Es handelt sich durchweg um einkomponentige Produkte, die natürlich in der Herstellung um ein Vielfaches günstiger sind. Der Megasus mit seinen zwei Kunststoffkomponenten ist halt wirklich ein Premiumprodukt mit der Härte des Hufs, aber der Stoßdämpfung für die Gelenke – sowie gutem Grip. Man kann vom Hufeisen nicht unbedingt auf jeden Klebebeschlag umsteigen, weil manche eben zu weich sind. Der Huf stößt dann vom starren Gefühl des „Eingegipst“ seins zu viel zu viel Bewegung im Huf. Das schmerzt, es kommt zu Abszessen. 

Es gibt Lösungen mit Metallkern – dann ist man aber wieder mit Metall unterwegs – alternative Hufbeschläge sind in den letzten Jahren auf 10 Prozent Marktanteil gestiegen. Also alle Alternativen im Vergleich zum Eisen. 90 Prozent der Reiter sind mit Hufeisen unterwegs – und das ist halt unsere Mission – tatsächlich einen machbaren Übergang und Umstieg zu bieten. 

Und vergleichbare Modelle zum Kleben oder Kletten? 

Louisa: Diese haben durch die beweglichen Klipps einen Vorteil nicht, den der Megasus hat: Der Megasus kann jede Hufform abbilden, jeder Clip passt sich individuell an die Begebenheiten an. Durch diese individuelle Anpassbarkeit kann man orthopädisch gut auf die Situation eingehen. Hier sind zwei weitere Begriffe wichtig, nämlich Pronation und Supination. Unter Pronation beschreibt man die Einwärtsdrehung einer Gliedmaße – das ist damit die Gegenbewegung zur Supination. Bei der Pronation des Hufs handelt es sich um eine natürliche Dämpfungsbewegung nach innen – aber es kann auch zuviel sein. Sprich eine Überbewegung wirkt sich schädlich auf Sehnen, Bänder und Gelenke aus. Laufschuhe werden heutzutage auch genau an die individuelle Bewegung angepasst. So werden die meisten Laufschuhe im Außenbereich abgenutzt. Durch mehr Hufschutzüberstand innen haben wir beispielsweise bei deiner Stute Tabby versucht, das Ungleichgewicht der Hufwände auszugleichen. Damit wurde eine Stabilisation der Hufsituation erreicht. Wir wollten somit ein Abkippen nach innen verhindern. Dies passiert bei uns Menschen beispielsweise, wenn wir zu weiche, instabile Schuhe tragen – zum Beispiel bequeme Plastiklatschen im Sommer. Wir kippen dann mit den Füßen über den Schuh hinaus. Der Megasus kann eben hier durch das Clip-System eine orthopädische Verbesserung schaffen. Mittlerweile haben wir nach vielen Tests auch hier zahlreiche Dokumentationen, die den Erfolg dieses Systems bestätigen.

Was habt ihr noch durch eure Dokumentationen herausgefunden? 

Louisa: Eine Frage lautete: Wird der Huf durch den Megasus geweitet? Da können wir jetzt ganz klar sagen – Nein, er bekommt eine ursprüngliche, stabile Hufform, selbst im Dauereinsatz.

Themenwechsel – das liebe Geld. Natürlich hat das Megasus-Probetragen meiner Pferde auch für Interesse gesorgt und viele Fragen erreichten mich auch über Facebook oder direkt Face to Face. Oft wurde hier aber die Preisfrage genannt, wenn es um die Frage ging: Megasus oder eben doch eine andere Variante. War bzw. wäre der Megasus einfach zu teuer? 

Louisa: Wenn man an Preise denkt, haben die Pferdebesitzer das Intervalldenken des Hufeisens im Kopf. Der Megasus durchbricht dieses Denken, weil man nach sechs Wochen Montage in der Regel noch 1-3 Wochen Barhuf weiterreiten kann, weil so viel gesundes Hufhorn nachgewachsen ist. Es kommt natürlich darauf an, wo die Pferde gehalten werden, welcher Untergrund vorhanden ist und wie man reitet. Tester haben berichtet, dass sie – da sie den Megasus mal montiert hatten und dann wieder eine Barhuf-Phase eingelegt hatten – eben auf die gleichen Kosten wie mit einem Hufeisen gekommen wären. Auch Sommer und Winterverhältnisse machen da sicherlich einen Unterschied. Grundsätzlich kostet der Megasus das 1,5 oder 2-fache eines Hufeisens. Allerdings können die Sohlenplatten mehrfach verwendet werden. 

Bei der berittenen Polizei in Houston hat man eine spannende Sache festgestellt – die Pferde wurden auf barhuf umgestellt und einige Pferde, die man eigentlich schon in Pension schicken wollten, konnten sich wieder besser bewegen. 

Für mich ist es eine gewisse Logik, dass ein Eisen Schaden verursachen muss. Ein Orthopäde würde uns Menschen ja auch keinen Eisenschuh bei einem Senkfuß verordnen. Die Frage ist – gebe ich für spätere Behandlungen mehr aus oder lasse ich es gar nicht so weit kommen?  

Ihr wollt nochmal durchstarten mit einer völlig verrückten Idee – noch bevor die Idee konkret präsentiert wurde, gab es schon Postings zu lesen mit dem Tonus: „Die haben es vergeigt, nochmal kriegen die meine Unterstützung nicht“. Was sagst du dazu? 

Louisa: Wir haben versucht mit wenigen Mitteln das Unmögliche zu schaffen. Eine Sache abzulösen, zu der es tausende Jahre keine Alternative gab. Bislang hat das ja auch noch niemand geschafft, das Hufeisen nachhaltig abzulösen. Stillstand bringt uns ja nicht weiter. Es hätte sein können – und wir sind extrem weit gekommen – deswegen stecken wir den Kopf nicht in den Sand und geben nicht auf. Ab heute gibt es auf Kickstarter das lustige Kartenspiel. Das Spiel macht einfach Spaß und du kannst ein Kartenspiel bekommen – oder eben nicht. 

Erzähl mal mehr über das Kartenspiel?

Louisa: Die Mutter meiner Freundin hat jahrelang in einer Sockenfabrik gearbeitet. Irgendwann hat die Firma das Gehalt in Socken bezahlt, als alles eingestellt wurde – also bekam jeder jahrelang quasi Socken verschenkt, die allerdings im Schuh rutschten und eine Rolle gebildet hat. Und dann kam der Hemdhalter. Eine Erfindung, die es wirklich gibt – also ein Elastikband, wie Hosenträger, aber für Socken und Hemd. Und diese verborgene Erfindung (die übrigens von der US Army etabliert wurde, damit auf der Parade auch tatsächlich alles dort sitzt, wo es sitzen soll) – diese Erfindung wurde eben Inspiration für ein Kartenspiel, das Freunde und Familie zusammenbringt und Spaß macht. Konkret geht es darum Paare zu bilden und diese seinen Mitspielern abzujagen. Ein Heidenspaß für eine gesellige Runde. 

Über Kickstarter kann man also ein lustiges Kartenspiel bekommen…

Louisa: …und damit gleichzeitig Megasus unterstützen. Ja genau. 

Das Kartenspiel ist null Risiko. Du hast es – oder du hast es nicht. Du kannst Kartenspielen – oder eben nicht. Und wenn man die Karten bestellt, dann gibt man auch gleichzeitig eine Unterstützung an Megasus. 

„Straps Collapse“ ist ab heute online – wer es mag auch in einer Megasus Edition. 

Megasus ist ja insolvent und wird von einem Masseverwalter betreut. Steht er hinter der aktuellen Idee? 

Louisa: Ja. Denn es kommt so auch wieder frischer Wind in die Verhandlungen. Die Aktion ist freilich mit ihm akkordiert. Ich bin jedenfalls sehr dankbar für die ersten positiven Reaktionen, nachdem wir unseren Newsletter am Wochenende ausgeschickt hatten. Ich bin dankbar, dass nach wie vor so viele Menschen an unser Produkt glauben. 

Vielen Dank für das Gespräch. 

Straps Collapse zum Spielen findet ihr unter diesem Link

PS: Warum ich dieses Interview mit Louisa geführt habe? Einerseits verfolge ich die Entwicklung von Megasus schon länger. Natürlich habe ich auch die vielen Diskussionen in Social Media verfolgt und wollte nun selbst auch ein paar kritische Fragen stellen. Meine Pferde fanden die Megasus gut, aber die interessieren sich natürlich nicht für wirtschaftliche Fragen, Forschung und Entwicklung. Ich selbst wurde nicht selbst und ständig geboren – aber mit einem Traum. Hätte es nicht eine Hand voll Menschen gegeben, die an mich geglaubt haben – ich hätte es wohl selbst nicht geschafft – schließlich waren mir selbst auch einige: „Das geht nicht“, „Das kannst du nicht“-Hürden in den Weg gelegt. Megasus wird einige Handvoll Menschen mehr brauchen, um tatsächlich weiter in der Umsetzung zu bleiben. Unternehmen und nicht Unterlassen – das habe ich vor ein paar Jahren gelernt 😉 

Kursbericht Hanna Engström

Kursbericht Hanna Engström

Vier Tage mit Hanna Engström. Das bedeutet einen herzlichen Gruß an Leiste, Schambein und Sitzknochen und ein Feedback aus dem eigenen Körper – inklusive Wahrnehmung gewisser Körperstellen, die sich bislang chronisch verschwiegen zeigten. 

Dass uns unser Körper und unsere Pferde einiges zu sagen haben, das erkundeten wir am ersten Tag einer viertägigen Tour mit Hanna. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zum Barockpferdehof Schoderlee, wo wir uns darin schulten vorbehaltlos zu lauschen. 

Mit dem Körper zuhören

Was passiert unter uns? Wie bewegt sich unser Pferd? Kann ich die gesamte Wirbelsäule des Pferdes spüren, liegen Teile der Wirbelsäule im Dunkeln oder spüre ich alles gut? Wie ist die Balance wahrnehmbar? Wie ist die Balance zwischen den Schultern verteilt? Kann man als Reiter genau feststellen, auf welcher Schulter mehr Kilo Belastung liegen? Können wir richtig tippen, wo die Zehenspitzen der Vorder- und Hinterbeine auf dem Zirkel hinzeigen, wenn sie in den Sand fußen? Wo schaut das Pferd hin? Nach innen oder nach außen? Wie fühlt sich die Bewegung aus den Hüften an? Rund oder eckig? Mehr nach oben oder nach unten? Mehr nach vorne oder zurück? 

Zunächst ging es einmal darum, vorbehaltlos zu fühlen. Wir Reiter haben ja quasi die Berufskrankheit sofort und immer auf das Pferd einwirken zu wollen, bevor wir überhaupt erkundet haben, was wir beeinflussen möchten. 

Oft steigen wir aufs Pferd und legen gedankenlos voller Eifer los mit Korrekturen, die möglicherweise gar nicht notwendig wären, wenn wir mit unserem eigenen Körper achtsamer umgegangen wären. In den meisten Fällen sitzt der „Fehler“ im Sattel – nicht nur weil er etwas verursacht, sondern weil wir auch unsere eigene Schiefe und Verspanntheit in den Sattel mitnehmen. 

Wenn wir auf unser Pferd hören, dann hören wir auch zwischen den Zeilen Vorschläge. Das Pferd kann uns auch Informationen über unsere Schiefe geben, Informationen, wo im eigenen Körper etwas klemmt und nicht rund läuft. Hier könnten wir durch unsere Atmung einladen, gemeinsam doch etwas mehr in einen bestimmten Körperteil zu atmen. Unser Pferd ist unser bester Coach wenn es darum geht, die Formgebung von Mensch und Pferd zu verbessern. 

Manchmal sitzen wir auch tatsächlich schief – dann kann es hilfreich sein, genau zu beobachten, in welche Richtung der Sattel driftet und uns ganz bewusst gerade zu richten. Auch auf einer Zirkellinie. Ein weiterer Tipp von Hanna, der in den vier Tagen mit ihr immer wieder Erwähnung fand: Sitze ruhig auf drei Punkten zwischen Schambein und beiden Sitzknochen. 

Die Sache mit dem Schambein und der Leiste

Unser Schambein kann so unfassbar viel – es kann unser Pferd tatsächlich zur Mitarbeit aufrufen, wenn der neugierige Jungspund lieber mal aus dem Klassenzimmer schaut. Es kann das Pferd dazu einladen, sich im Widerrist zu heben. Und vom Schambein aus gehts weiter zur menschlichen Leiste. Auch so ein Wunderwerk der Biomechanik – die Leiste macht doch glatt Pferdeschultern leichter und unterstreicht wichtige Mitteilungen in Punkto Stellung und Biegung. 

Mit Conversano Basilika habe ich erstmals Übergänge nur aus der Leiste geritten. Anhalten, wenn das innere Vorderbein gebeugt und gehoben ist und im Stand die innere Schulter mit Hilfe der Leiste leichter machen und so zur Bewegung einladen. Das Wunderwerk der „Leiste“ hatte ich auch bereits bei der Arbeit mit der Garrocha bei Hanna auf Gotland im Dezember 2018 kennen gelernt. 

Was ist schon Zeit? 

Sich wirklich Zeit zu nehmen und in den eigenen Körper zu spüren. Hanna war immer mit großer Geduld bei der Sache. Im Sattel fühlt sich das Hinspüren und Hinhören für viele Reiter an wie eine Ewigkeit – großartige Veränderungen passieren jedoch in Sekundenschnelle. Da reicht es die eigene Wirbelsäule mit der Wirbelsäule des Pferdes gedanklich zu verbinden und schon gibt das Pferd ein zufriedenes Feedback, leckt seine Lippen und findet wie von Zauberhand in die korrekte Biegung. 

Die Köpfe rauchten und einmal mehr bin ich von Hannas schneller und treffsicherer Analyse für Mensch und Pferd begeistert. 

Sitzen wie eine Prinzessin

Am zweiten Kurstag waren wir im Equimotion bei Sandberg/ Mannersdorf in Niederösterreich. Zuerst wurden die Reiter in Punkto Achtsamkeit aufgewärmt – im Zentrum war dabei unser eigener Körperschwerpunkt. 

Den Schwerpunkt bzw. die Ruhe zu finden, das war dann in den Praxiseinheiten wichtiger Bestandteil. Immer wieder brachte Hanna quasi Ruhe in den Sattel. Die Pferde gaben sofort zufriedenes Feedback – Reiter und Pferd fanden Harmonie und Stabilität. 

Einige Reiter hatten den Wunsch auch auf einem flotten Pferd sitzen bleiben zu können. Hanna erinnerte immer wieder an den Drei Punkte Sitz, an die Plattform zwischen Schambein und Sitzbeinknochen, die auch bei höherem Tempo nicht verloren gehen soll. Den einen half das Bild vom sich ausbreitenden Keksteig, den anderen wiederum die Verbindung zum Pferd über das Schambein und anschließend über die Sitzknochen zu suchen und zu behalten. Zur natürlichen Schiefe fiel auf, dass die meisten Pferde auf der rechten Hand deutlich größere Probleme hatten, den Sattel mittig auf dem Rücken platziert zu behalten. 

Sitzen wie eine Prinzessin – das war vor allem beim Thema Versammlung das Motto. Nicht immer ist der Wunsch nach mehr Aktivität aus der Hinterhand der Weisheit letzter Schluss. Die Hinterhand soll versammeln, die Schultern frei und leicht werden. Was aber, wenn die Schultern blockieren? Mit Hannas Hilfe gelang es Teilnehmerin Katharina sowohl vom Boden, als auch vom Sattel aus den Fokus mehr auf eine Unterstützung der Schulterfreiheit aus dem Sitz heraus zu lenken. 

Wer in der Versammlung quasi mehr Aufwand betreibt als sein Pferd – der hat schon verloren. 

Angst vor der Geschwindigkeit

Viele Reiter kennen dieses Thema. Die Angst vor einem höheren Tempo lässt uns im Sattel verspannen. Hanna rät in solch einem Fall das Gefühl mal einfach so zu nehmen wie es ist. 

Es braucht einfach Zeit und den meisten Druck macht man sich ja häufig selbst. Gerade wenn man sich unsicher auf einem Pferd fühlt, kann der tägliche Bewegungscheck – die Analyse, was der Reiter, wie erfühlt immens unterstützen. 

„Macht der Körper einen Vorschlag, in welches Körperteil man genau seinen Atem schicken kann? Dann atme genau dort hin“

Hanna Engström

Hanna regt an, die Bilder von Eleganz und Bequemlichkeit gleichzeitig parat zu halten. 

Dieses Bild konnten wir auch am Wochenende am Kurs in Graz für die Arbeit mit den Nachwuchspferden gut gebrauchen. Vor allem, da wir unsere jungen Pferde häufig vor einer Überbelastung schützen möchten, sitzen wir nicht ordentlich im Sattel. Wir nehmen nicht richtig Platz. Die Folge: Ein übertriebenes Lehnen nach vorne belastet die Vorhand und Schultern noch mehr. Hanna zeigte den aktiven Teilnehmern, wie sie nach und nach aus einem leichteren Sitz deutlich mehr auf die Sitzknochen kommen konnten. Das Wichtigste ist jedoch: Tu nicht zuviel im Sattel. Je ruhiger wir im Sattel auf unserem Dreieck zwischen Schambein und Sitzknochen bleiben, umso zufriedener ist unser Pferd. 

Das Thema Schulterbelastung blieb quasi präsent – jeder Reiter sollte immer wieder angeben, welche Pferdeschulter mehr Gewicht zu tragen hatte – und Hanna fragte hier auch exakt nach einer gefühlsmässigen Kiloangabe. Zu Beginn mögen diese Detailfragen zwar überraschen – aber es zeigte sich immer wieder – die bloße Auseinandersetzung und Achtsamkeit mit kleinen Details verbesserte den Bewegungsablauf von Pferd und/oder Reiter erheblich. 

Bewegung – marsch

Nach zwei Tagen im Auto und den noch frischen Märztemperaturen waren wir Samstag früh auch sehr froh über die Theorieeinheit, die Hanna am Horse Resort am Sonnenhof in der Steiermark recht praktisch ausfallen lies. Jeder Teilnehmer konnte sich bewegen, dabei war es wichtig, ob wir individuell ein schnelles oder langsameres Tempo vorzogen. Schnell zeigte sich – nicht immer ist die ursprüngliche Wahl tatsächlich für uns geeignet. Einige von uns marschierten also rasch, andere wiederum eher langsam. Hanna fügte nach und nach verschiedene Bewegungsvorschläge hinzu. So kann jeder auch mal ausprobieren, wie es ist, wenn wir in schneller oder langsamer Bewegung auch unsere Arme diagonal vorwärts – oder auch mal rückwärts kreisen lassen. Wie sich unsere Balance verschiebt, wenn wir den Schwerpunkt tiefer oder höher nehmen. Wir haben natürlich auch ausprobiert, wie es ist, wenn wir  uns einrollen und wie der Glöckner von Notre Dame unterwegs sind – oder wie es sich anfühlt, wenn wir unsere Arme ausbreiten, unser Brustbein heben und uns richtig nach oben strecken. Wie fühlt sich Balance dann an? Wie sicher sind unsere Bewegungen und welches Bewegungsmuster gefällt uns tatsächlich besonders gut? 

Es ist eine herrliche Sache Bewegungen auszuprobieren und zu testen, wie sich kleine Änderungen im eigenen Körper anfühlen. 

Wie geht es wohl unseren Pferden? 

Eine große Anregung von Hanna ist dabei sich tatsächlich Zeit zu nehmen, alles zu observieren und zu erfühlen. Nicht immer müssen wir sofort eingreifen – nicht immer können wir auch alle Punkte sofort korrigieren. 

Gab es Schmerzpunkte beim Reiten, dann lies Hanna den Schmerz zuerst in der Bewegung ohne Pferd genau erkunden, später gab es dann die richtigen Übungen vom Sattel aus. Und siehe da – mit ein paar Übungen konnten die Schmerzpunkte verbessert, wenn nicht sogar aufgehoben werden. Besonders freue ich mich über die Teilnahme meines Vaters am Kurs. Nach einer Sehnenverletzung an der Schulter inklusive Operation war der Weg zurück in den Sattel kein leichter – die Übungen von und mit Hanna haben erneut geholfen Achtsamkeit und Körperbewusstsein zu stärken – und was mich besonders freut – unsere „Pina“, als vierbeiniger Begleiter nimmt die Verantwortung für ihren Reiter besonders gern war und hilft auch durch ihr Feedback mit, dass sich beide wohl fühlen in der Bewegung. 

Neben den Jungpferden gab es auch besondere Bewegungskonzepte am Kurs. So kann es sein, dass unsere Pferde sehr schmal, wie eine Ballerina zum Schwerpunkt treten oder auch sehr breit. In beiden Fällen haben sowohl Bodenarbeit als auch kreative Arbeit den Pferden geholfen sich besser in ihrem Körper zu koordinieren. Das kann sogar schon über Gedanken erfolgen. Dass es manchmal tatsächlich reicht, das Pferd zu einer Bewegung einzuladen zeigten Austria und Tabby. Austria konnte in der Bodenarbeit erfühlen, wie schön es ist mit der Hinterhand in die Spur der Vorhand zu fußen – meine Tabby versuchte sich an der Garrocha und konnte es manchmal kaum selbst glauben, dass sie ihre Füße auf einem kleinen Zirkel trotzdem gut sortieren kann. 

Sortieren war auch das Stichwort, wenn unsere Pferde mit zu viel Kraft unterwegs waren. Hanna wollte hier in der Arbeit den Pferden auch mehr Bewusstsein geben, wie sie ihren Körper einsetzen, wie Bewegung stattfindet. Diese Idee werde ich in Punkto Versammlung bei meiner Stute Tabby weiter nutzen können. Aber auch für Isländer Sleipnir war das Spiel mit kleineren, sortierten und größeren, raumgreifenden Tritten eine große Hilfe auf dem Weg zur Versammlung. 

Unseren Pferden und uns selbst Mut zu machen – das ist überhaupt ein wichtiges Thema. So wertschätze ich Hannas Einstellung bezüglich Problemdenken sehr. Wer ständig an das Defizit seines Pferdes denkt, der hat quasi ein Handicap. Man kommt nicht voran und wird eher gehemmt. Denken wir lieber an das Gute, an das, was wir schon geschafft haben und wälzen nicht jedes Defizit als großes Problem. Man muss die Dinge einfach nehmen wie sie sind. Dann reiten wir quasi Einfach 😉 

Wenn Pferde glücklich machen

Wenn Pferde glücklich machen

…oder wenn man Pferde glücklich macht!

Ein Zauberpferd aus dem Tierschutzprogramm „Lebenspferd“. Kea hat uns in den letzten Wochen bereichert. Wir wünschen diesem Pferd eine ganz besonders schöne Zukunft!

Ende November 2018 steigt Kea aus dem Hänger. Sie erkundet sofort mutig die Halle am „Horse Resort am Sonnenhof“ und ihre neue Box, teilt uns nach zwei Tagen mit, dass sie genug Eingewöhnung hinter sich hat und nun mit der Herde raus will. Gesagt getan. Kea quietscht zwar laut, wenn sie auf neue Pferde trifft, bleibt aber immer höflich und eher auf Abstand. Generell ist sie sehr vorsichtig. 

In den ersten Tagen „beschnuppern“ wir uns im Team. Meine Kollegin Julia Kiegerl ist mit im „Team Kea“, so verbringen wir die ersten Tage mit Putzen, kleine Blessuren pflegen, ausgiebiger Fell- und vorsichtiger Hufpflege. Kea trägt vorne Megasus Horserunner, hinten ist sie barhuf. Charly Forstner, Chef des Aktiven Tierschutz Steiermark hat uns bereits im Vorfeld über Keas schwierige Hufsituation aufgeklärt. Keas Hufe sind in keinem guten Zustand, hinten links hat Kea Hufkrebs, wenn Charly die Sache – oder anders gesagt die Hufe selbst in die Hand nimmt, dann hilft Kea mit, tapfer lässt sie Spülen, Ausschneiden, Feilen usw. über sich ergehen. 

Anna und Kea from Einfach Reiten Lernen on Vimeo.

Bei den ersten Führübungen wird mir klar: Kea ist blitzgescheit. Sie reagiert so sensibel und fein auf meinen Körper, wie ich es bislang von meinem Nachwuchspferd Conversano Aquileja aka Konrad kenne. 

Kea soll durch das Projekt „Lebenspferd“ ein neues zu Hause finden. Sie wurde sehr lange nicht geritten und bekommt natürlich regelmässig während der Zeit der Ausbildung bei uns die Hufe versorgt. Bald ist sie schon in so guter Balance, dass sie die Hinterhufe länger für uns heben https://www.youtube.com/watch?v=KL1HgDIXbYEkann und dabei nicht ins Wanken kommt. Wir entschließen uns, die ersten 8 Wochen primär vom Boden aus mit Kea zu arbeiten.

Kea versteht die Hilfen irrsinnig schnell. Im Hinterkopf habe ich immer, dass wir ja einen schönen Lebensplatz für sie suchen, wo jemand eine gute Zeit mit ihr verbringen möchte. Für Kea sind die acht Wochen Bodenarbeit quasi Reha.

Sie lernt ihren Körper besser zu spüren, sie verlagert ihren Schwerpunkt mal mehr in Richtung Hinterhand, mal mehr in Richtung Vorhand. Die Arbeit mit dem äußeren oder inneren Hinterbein, sprich Kruppeherein oder Schulterherein ist zu Beginn noch etwas verwirrend, aber Kea gewinnt mit jeder gemeisterten und verstandenen Aufgabe an Selbstvertrauen. Immer wieder habe ich jedoch auch im Kopf: Kea soll ja auch als Reitpferd vermittelt werden – aber in der Ausbildung gibt natürlich das Pferd vor, wie schnell oder langsam etwas passiert.

Mental wäre Kea in jeder Trainingseinheit für neue Aufgaben zu haben. Körperlich müssen wir nach langer Pause zuerst Muskeln, Sehnen und Bänder wieder in Form bringen. Kea geht es nicht schnell genug. Sie möchte gefordert werden.Nach acht Wochen Reha- und Bodenarbeit steigt zuerst Julia in den Sattel, ich bleibe noch als Support am Boden und unterstütze die beiden an der Longe mit allen bereits bekannten Übungen. 

Und dann zeigt unser plüschiges Einhorn, dass es tanzen kann: 

Kea wird uns nun bald verlassen. Wir werden sie vermissen…aber wir freuen uns sehr, denn Kea hat in Punkto „künftiges Zuhause“ wahrlich den Lottosechser gezogen. 

Das Projekt Lebenspferd wurde übrigens 2018 ins Leben gerufen. Martina Klünsner von Tricky Horse war die erste Trainerin, die ein Pferd zu sich in Beritt und Ausbildung genommen hat. Fuchsstute Wakanda wurde nach drei Monaten erfolgreich vermittelt. Ziel des Projekts ist es, Pferden aus dem Tierschutz in ein schönes neues zu Hause zu vermitteln. Das nächste Pferd ist bereits ab März bei Martina zur Ausbildung.  Weitere Infos zum Projekt gibt es hier

Wenn`s nicht weiter geht?

Wenn`s nicht weiter geht?

Ewiger Stillstand, es gibt keinen Fortschritt – was tun, wenn es in der Pferdeausbildung nicht weiter geht. Ein Erfahrungsbericht und ein paar Gedanken. 

Ich sitze mitten in meinem Bürochaos und miste aus. Unterlagen, die ich nicht mehr brauche, Werbung, Unterlagen, die ich nie gebraucht habe, Aufzeichnungen und Notizen. Dazwischen „stolpere“ ich in meiner Zettelwirtschaft auf ein gefaltetes liniertes Blatt. Es ist datiert. März 2013 steht in der ersten Zeile. Trainingsnotizen Tarabaya. Ich überliege die Zeilen. Das, was damals nicht klappte und Kopfzerbrechen bereitete, ist heute absolut in Vergessenheit geraten. Aber beim Lesen der Zeilen entführen mich meine Worte in die Vergangenheit. Ich kann fühlen, wie sehr ich mich damals sorgte, alles richtig zu machen. Ich spüre meine Unzufriedenheit vergangener Tage. Unzufriedenheit, weil man immer wieder das Gefühl hat, auf der Stelle zu treten. Unzufriedenheit, weil man es doch besser machen könnte. Unzufriedenheit, weil ich ständig das Gefühl hatte, nicht genug zu wissen oder nicht genug zu tun. 

Heute kann ich über diese Zeilen schmunzeln, denn ich weiß, dass wir wenige Wochen später mit Beharrlichkeit und Übung den Takt verbessern konnten. Und was wir in den folgenden Monaten noch geschafft hatten! So ein Rückblick macht dann doch plötzlich Spaß 

Mein Rezept gegen den Stillstand

„Bei dir geht es ja leicht. Du hast Talent“. 

diverse Reiter..

Wer hat diesen Satz schon mal gehört oder gedacht? Sehr oft gehen wir davon aus, dass Kreativität und Brillanz quasi aus dem Nichts erscheinen. Das Schicksal liegt aber nicht in den Sternen und Talent ebenso wenig. Um etwas zu schaffen, liegt viel Arbeit vor uns. Wir werden uns oft fühlen wie Sysyphos. Den schweren Stein ewig auf den Berg rollen, um erneut am Ziel zu scheitern. Die große Gefahr liegt darin aufzugeben, sich am Stillstand zu langweilen, zu fürchten oder den Stillstand eben nicht für sich zu nutzen. 

Wenn wir etwas lernen, dann durchlaufen wir grundsätzlich 3 Stufen, auf dem Weg ein wahrer Meister unseres Fachs zu werden. In der ersten Stufe werden wir gute Handwerker, in der zweiten Stufe nutzen wir unsere Kreativität, in der dritten können wir Handwerk und Kreativität kombinieren. 

„Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“. Echt nicht. Viele, hunderte, gar tausende Stunden verbringen spätere Meister voll der Hingabe, wenn sie sich mit „ihrer“ Materie auseinandersetzen. Sei es Sport, Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft – was auch immer. 

Zwei Damen – meine Lehrmeister 

Immer wieder bin ich mit meinen zwei Stuten Tabby und Pina an ein bestimmtes Plateau gekommen und musste dann mal gehörig meine grauen Zellen bemühen. 

Was hat mir geholfen? 

  1. Frag Gustav. Sehr oft hat mir Gustav Steinbrecht weitergeholfen. Nein, ihr wollt kein Foto meiner Ausgabe sehen, voller Post It und Notizen zu meinen eigenen Pferden oder Schülerpferden
  2. Wälze die Biomechanik. Manchmal gibt es eine ganz einfache biomechanische Erklärung, warum etwas nicht klappen kann. Selbst, wenn einige Dinge noch nicht funktionieren und es wohl noch länger dauern wird, bis dieses Etappenziel erreicht ist – es ist allemal ein Trost und man kann mit dieser Art von „Stillstand“ auch leichter umgehen, wenn man weiß, warum man gerade an einer Sache scheitert. 
  3. Frag Kollegen. Ich bin froh, Teil einer internationalen Trainergruppe zu sein. Wir arbeiten unausgesprochen und unabhängig voneinander oft in unserer eigenen Reiterei an ähnliche Themen – hier ist der Austausch ungemein hilfreich. Und natürlich organisiere ich Kurse mit Kollegen auch, um guten Unterricht zu bekommen. Auf meinem Computer hängt beispielsweise ein Post It mit einem Zitat von Christofer Dahlgren aus einem Kurs, den wir 2014 organisiert hatten. Dieser ist ein kleiner Leitspruch geworden für mich und meine Fuchsstute. 
  4. Denk an das Gegenteil. Wenn ich darüber nachgedacht hatte, dass es unbedingt eine bestimmte Sache sein müsste, die mir bei einem akuten Problem helfen könnte, habe ich auch oft genau durch das Gegenteil eine Lösung bekommen, wenn der ursprüngliche Plan nicht funktioniert hat. Beispiel: Der äußere Brustkorb sinkt in der Biegung  ab, ich werde vom Pferd außen tiefer hingesetzt. Anstelle auf der inneren Seite unbedingt „tiefer“ sitzen zu wollen, hebe ich außen meinen Sitzknochen an und lade das Pferd ein, mir entgegen zu kommen. Wieder an das Gegenteil denken: Diesmal nehme ich die Belastung deutlich auf die äußere Seite mit, verstärke beim Pferd das Gefühl und nehme den Sitzknochen erst dann wieder ein wenig nach oben. Oder: Ich dachte Versammlung wäre der Schlüssel zur Lösung des spezifischen Problems. Vielleicht war aber Versammlung gar nicht dran, sondern mal ein bisschen mehr Dehnung und ein bisschen frischeres Vorwärts. Vielleicht war es nicht die Arbeit im Viereck dran, sondern Qualitiy Time zu Zweit. 

Einhörner und pädagogische Zauberwesen 

Wir haben alle unsere Grenzen. Wir stoßen an ihnen an, wir merken, es geht nicht weiter.
In jedem seiner Kurse erwähnt Bent Branderup grüne oder gelbe Bereiche und rote, die ganz sicherlich zu meiden sind. Wir fühlen uns wohl bei grün. Gelb ist schon so eine Grenzsache und bei rot, da wollen wir ja natürlich gar nicht ankommen. Ein bisschen eintauchen in den gelben Bereich müssen wir aber, sonst geht natürlich nichts weiter. Das Stimmungsbarometer muss aber bei gelb nicht gleich in den Keller sinken. Natürlich liegt es auf der Hand, dass man sich über Erfolge mehr freut, als über Misserfolge. Dabei sind es aber die Misserfolge aus denen wir tatsächlich etwas lernen.

Mein Lipizzaner Conversano Aquileja aka Konrad ist für mich mein ganz persönliches Einhorn. Er versteht mich scheinbar blind und immer mühelos. Freilich. Er kann gut zuhören. Freilich. Er bringt alle körperlichen Voraussetzungen mit. Und er will. Aber meine klare Sprache ihm gegenüber, meine pädagogischen Fähigkeiten habe ich meinen Stuten zu verdanken. Zwei Pferde, bei denen mental und körperlich nicht immer alles so einfach gelaufen ist. 

Wenn der Frust über den Stillstand groß ist, dann hilft es vielleicht in Erinnerung zu rufen, dass man sich über die selbst genommenen Hürden viel eher freuen kann, als über die Hürden, die das Wunderpferd nahm und einen einfach „mitgenommen“ hat. 

Von Tellerrändern, vom „Wir Gefühl“ und Werten 

Meinen Blog poste ich in sozialen Medien und natürlich verfolge ich ab und an auch, was in diesen vorgeht. So wird natürlich auch das kollektive Wissen auf Facebook angezapft, wenn`s nicht mehr weiter geht. Was in akademischen Gruppen auffällt: Manchmal werden gänzlich „fremde“ Konzepte angeboten – was gerne auch in einer Diskussion ausartet, was nun akademisch sei und was nicht. 

Was ist akademisch? Nun, abgesehen von der Reitlehre, die Bent Branderup unterrichtet – mit der für die Akademische Reitkunst nach Bent Branderup typische Bodenarbeit, Longenarbeit, Handarbeit von außen geführt und dem Crossover – Akademisch bedeutet für mich, dass man sich Gedanken macht, Ziele setzt und Forschungsfragen formuliert. 

Wenn ich also stillstehe, etwas schaffen und lernen möchte, dann formuliere ich meine Forschungsfrage und leite daraus eine passende Hypothese ein. Diese Hypothese kann ich natürlich dann im Selbstversuch überprüfen, empirisch spannender ist die Sache natürlich, wenn es mehr Erfahrungen und Meinungen dazu gibt. 

Wenn also verschiedene Dinge vorgeschlagen werden, die auf den ersten Blick nicht typisch „akademisch“ erscheinen, dann wäre es allerdings der akademische Zugang zu sagen: Spannend, was passiert da, was kann ich daraus lernen? Wie könnte ich eine Hypothese formulieren? Welche Erfahrungswerte anzapfen. 

Eine pauschale Verurteilung a la: Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht, hat mit den Werten der Akademsichen Reitkunst nichts zu tun – es sei denn das Wohl des Pferdes steht zweifelsohne nicht im Vordergrund – bzw. der Grundsatz: Die Dressur für das Pferd und nicht das Pferd für die Dressur findet grobe Missachtung. 

Man muss über verschiedene Methoden nachdenken – aber wie heißt es so schön: zu viele Köche verderben den Brei. Oder anders gesagt: den so viel zitierten und gerühmten Blick über den Tellerrand muss man mit Vorsicht genießen. 

Mit Vorsicht, da man als Reisender oft nur schwer vorhersagen kann, wie das Wetter am Ziel sein wird. Man kennt ohne genaue Planung und Vorbereitung den Weg nicht – und so kann es viellicht auch mit der einen oder anderen Empfehlung für die Pferdeausbildung sein.

Viele (Um)wege führen nach Rom, aber noch viel mehr Wege führen irgendwo anders hin. 

Kathrin Branderup-Tannous

Im Zweifel frage ich also immer nach. Und probiere nicht unbedingt alles selbst aus.

Wenn es nicht weiter geht, dann gehe ich die oben genannten vier Schritte durch – und einen Zusatztipp hab eich auch noch: Manchmal braucht es einfach auch andere Worte, um einen Zusammenhang besser zu verstehen. 

Ich schaue mir Videoaufnahmen von meinen Ritten bei Kursen mit Christofer Dahlgren und Bent Branderup an und komme dahinter, dass beide im Prinzip die gleiche Botschaft an mich hatten. Jeder jedoch mit seinen Worten und vielleicht differenzierten Blickwinkel. Manchmal muss man einfach alles, was schon gesagt wurde, nochmal verdauen, analysieren und hinterfragen. Dann stellt man manchmal schmunzelnd fest: Oh, die Lösung gab es doch schon vor Monaten. Aber ich habe nicht so genau hingehört. 

Wenn`s nicht weiter geht, dann geht es später mit Riesenschritten weiter. 

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