Start der Lexikon-Serie rund um Begrifflichkeiten und Definitionen in der Reitkunst.
Und warum „Anlehnung“ oft zu falschen Schlüssen verleitet.

Lean on me?

Lean on me, when you’re not strong
And I’ll be your friend
I’ll help you carry on

Betrachtet man den Song von Bill Withers “Lean on me“ im Refrain genauer, mit einer rigorosen Erlaubnis zur Interpretation, dann fällt einem „carry“, also tragen (hier wird bei der Übersetzung ins Deutsche lediglich „carry“ also nicht „to carry on“ herangezogen) ins Auge.

Stichwort Tragkraft und Vorwärts

Viele Reiter sind fest davon überzeugt, dass Anlehnung lediglich auf Maul und Handeinwirkung beschränkt ist. Fälschlicherweise wird dann auch gleich Anlehnung mit „am Zügel gehen“ vermischt, oder das Ideal der Anlehnung mit „in die Hand ziehen“ beschrieben.

Hat hier etwa die „Stille Post“ in der Geschichte der Reitkunst zugeschlagen?

Der Begriff der Anlehnung kann eben die falsche Vorstellung forcieren, dabei soll sich das Pferd nicht auf die Hand lehnen oder stützen. Auch die Begriffe „ziehen“ oder „Zug“ haben nichts mit Anlehnung im Sinne klassischer Reitkunst gemein.

Wer sein Pferd in Anlehnung reiten möchte, muss sich in erster Linie mit dem Motor des Pferdes, der Hinterhand befassen. Gustav Steinbrecht bezeichnet die Zügel als Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul: „

Annehmen der Zügel erzeugt einen Druck des Gebisses auf die Laden und damit eine Einwirkung auf das Maul, die sich beim richtig gerittenen Pferde durch die ganze Wirbelreihe bis zum letzten Gelenk des Hinterbeins fortpflanzt“.

Dabei betont Steinbrecht aber das „leichte oder stete Ruhen des Mundstücks auf den Laden“ und gleichzeitig die Bedeutung des Vorwärts: „Weil aber diese erste Vorbedingung zur sicheren Führung, die Anlehnung nur durch die Schubkraft der Hinterbeine, also durch die Vorwärtsbewegung gewonnen werden kann, wird der verständige Reiter alles vermeiden, was dieser entgegenwirkt. Gleich dem klugen Feldherrn, der dem überlegenen Feind so lange auszuweichen sucht, bis er die nötige Verstärkung gewonnen hat, wird er daher vor allem die Vorwärtsbewegung unterhalten, unbekümmert darum, ob das Pferd dabei den Gang willkürlich wechselt oder von der beabsichtigten Linie abweicht. Er wird diesen Unregelmäßigkeiten zwar entgegenwirken und beides wieder abzustellen suchen, aber nicht durch aktives, sondern durch passives Verhalten, indem er das Pferd auf seine Bewegung weich eingehend, allmählich nur durch leicht andeutende Zeichen mit der Hand und geschickte Gewichtsverteilung auf die richtige Bahn zurückführt. Auf diese Weise bleibt das (junge) Pferd unbefangen, lernt seine Kräfte nicht zu Widersetzlichkeiten gebrauchen und gewinnt Vertrauen und Anlehnung“.

Steinbrechts Grundsatz: „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade“, darf nicht mit hoher Geschwindigkeit zu reiten verwechselt werden. Mehr dazu hier
Überwiegt die Schubkraft zu sehr, wird das Pferd sich auf das Gebiss legen und in der Reiterhand eine Stütze, suchen, die Bent Branderup in seinen Theorievorträgen „als fünftes Bein des Pferdes“ bezeichnet.

Probleme in der Anlehnung (Hinter der Senkrechten, hinter dem Zügel, falscher Knick, auf dem Zügel, gegen den Zügel oder über den Zügel) sind primär nicht immer im Maul zu suchen (freilich gehört aber die regelmäßige Zahnkontrolle beispielsweise ebenso zu den Pflichten eines Pferdehalters und Reiters).

Der Reitersitz ist auch in Punkto Anlehnung die wichtigste Reiterhilfe. Wenn der innere Hinterfuß des Pferdes (vorausgesetzt wird eine Links- bzw. Rechtsstellung) abfusst, ist der richtige Moment die treibenden Hilfen einzusetzen. Durch die Platzierung des inneren Hinterbeins in Richtung Schwerpunkt (idealerweise zwischen die Abdrücke der beiden Vorderbeine) kommt es zu einer Formgebung durch die gesamte Wirbelreihe bis hin ans Pferdemaul. Durch die Arbeit aus der Hinterhand dehnt sich das Pferd an das Gebiss heran. Es entsteht eine Verbindung zwischen Hinterhand, Pferderücken, Reiterhand und Pferdemaul, die weich, federnd und gleichmäßig sein soll.

Steinbrecht unterscheidet bei der Stärke der Anlehnung drei Abstufungen:

  1. die leichte Anlehnung
  2. die weiche Anlehnung
  3. die feste Anlehnung

Muss der Zügel für Anlehnung straff sein?

Klare Antwort: Nein. Vielleicht finde ich persönlich das Wort „Anlehnung“ unglücklich gewählt. Steinbrecht beschreibt die ersten zwei Abstufungen jedenfalls folgendermaßen: „Die erste entspricht der Richtung auf die Hanke oder der hohen Schule, die zweite der ins Gleichgewicht oder dem Kampagne Reiten und die dritte der Richtung auf die Schultern oder dem Jagd und Rennreiten. Diesen Abstufungen entsprechend muss das Zügelmaß, die Anlehnung des Armes am Körper und namentlich die Biegung der Faust gewählt werden. Bei der leichten Anlehnung sind die Zügel am längsten, da ihre Anspannung möglichst gering sein soll, der Reiter seinen Körper leicht zurückneigt und seine Hand mehr an den Leib richtet, weil er nicht so viel Raum für seine fernen Anzüge bedarf. Die Faust ist halb geöffnet, so dass nur Daumen und Zeigefinger das Ende der Zügel halten, kleiner und vierter Finger aber nicht geschlossen werden“.

Steinbrecht sieht hierin den Vorteil einer weichen Handeinwirkung, mit sanfter Hand ohne große Bewegungen im Handgelenk. Bei der weichen Anlehnung beschreibt er ein kürzeres Zügelmaß mit stärkerer Anspannung der Zügel und stärkeren Handbewegungen: „Die Faust ist zur weichen Hand geformt, nämlich so geschlossen, dass das letzte Gelenk der Finger gestreckt ist und eine hohle Faust gebildet wird. Diese weiche Faustbildung bedingt auch noch eine schwächere Wirkung und bildet gleichsam ein Mittelding zwischen der leichten und der festen Hand. Sie wird von vielen Reitern allein richtig und zulässig betrachtet und sie haben Recht, wenn sie sich auf die Ausbildung von Kampagneschulen beschränken. Gehen sie aber darüber hinaus oder wollen sie das Pferd damit in natürlicher Richtung führen, so werden sie deren Unzulänglichkeit bald erfahren“.

Betrachten wir Steinbrechts Schilderungen von der leichten Anlehnung, so widerlegt Steinbrecht die Annahme ganz klar, dass Anlehnung einen straffen Zügel bedingt. Anlehnung kann also – wie das Ziel in der Akademischen Reitkunst – durchaus am längeren Zügel geritten werden. Die Anlehnung kann dann als korrekt bezeichnet werden, wenn das Pferd auf die Handeinwirkung reagiert, bzw. antwortet.

Warten wir also auf diese Antwort des Pferdes – dann reiten wir einfach 😉

Ein besonderes Dankeschön an die Models Bliki und Thesi, sowie Katharina Gerletz-Fotografie für den immer tollen Foto-Support! 🙂

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PS: Am kommenden Wochenende ist der Kurs mit Bent Branderup in Graz – ich freue mich schon auf den Austausch mit einigen von Euch und viele Inputs! Nächste Woche gibt es dann einen ausführlichen Kursbericht! 🙂

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