Gibt es drei Dinge, die Reiter und Pferd wirklich gut können? Warum tun sich viele Reiter so schwer die eigenen Stärken und die des Pferdes hervorzuheben, Probleme wälzen fällt uns hingegen unendlich leichter? 

Ein Schwede mit Fun Faktor

Vor einigen Wochen war mein geschätzter Kollege Christofer Dahlgren aus Schweden bei uns zu Gast am Horse Resort „am Sonnenhof“. Am Stundenplan stand zunächst das korrekte Vorwärts, was uns Christofer aber zwischen den Zeilen präsentiert, ist eine unendlich feinfühlige Pädagogik für Reiter und Pferd. So diskutierten wir rund um den Theorievortrag über die Tatsache, dass es vielen Reiter eben schwerer fällt die Stärken des Pferdes zu analysieren, als dessen Schwächen. 

Stärken versus Schwächen und Albert Einstein 

Stärken-Schwächen Analysen werden heute fast überall angewandt – vor allem aber wenn es um Unternehmen geht. Gemessen werden die vorhandenen Ressourcen und deren Qualität, außerdem werden Vergleiche gezogen. Und da lauert schon die nächste Stolperfalle, denn Vergleiche lähmen oft den Fortschritt. Das wusste auch schon Albert Einstein (1879 bis 1955). 

Der berühmte Physiker und Wissenschaftler war nicht von Kindheit an ein Genie. Erst mit drei Jahren lernte er zu sprechen, in der Schule zeigte er zwar später eine gute Leistung, wurde aber als „aufrührerischer“ Schüler beschrieben. Seine größten Entdeckungen wurden durch zwei Entscheidungen, die er als junger Mann getroffen hatte geprägt: Einstein entschloss sich eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, gleichzeitig würde er seine Abscheu vor Konventionen als größte Stärke einsetzen. 

Einsteins Botschaft, auf dem Weg seine Ziele zu erreichen, lautet also: Beharrlichkeit zahlt sich aus, aber ein Schlüsselfaktor sind die eigenen Stärken. Nicht immer ist die eigene Stärke aber sofort als solche zu identifizieren. Einsteins Schwäche im Umgang mit Regeln und Konventionen, gerade in einer Welt der Wissenschaft wurde sicherlich mehrmals als Nachteil identifiziert. 

Nicht immer sind die „offensichtlichen“ Schwächen tatsächlich als solche zu bewerten. 

Denken wir doch mal nach: Wo könnte sich eine vermeintliche Schwäche bei uns doch als Stärke etablieren?

Alles nur perfekt? 

Klingt der vorherige Absatz gar so, als sollte man die Welt nur rosa und gut sehen? Wie soll man dann herausfinden, woran man üben soll? 

Nochmal: Schwächen zu identifizieren fällt uns deutlich leichter, daher soll uns das Beispiel von Albert Einstein zunächst inspirieren mal das Gegenteil zu versuchen. Natürlich stellen wir beim Reiten oder der Arbeit mit dem Pferd unmittelbar fest, was wir auf der „Haben“ Seite verbuchen können und woran wir noch feilen müssen. Ist das Pferd schief, kann es nicht zur gebenden Hand hin suchen, schleichen sich Taktfehler in der Versammlung ein, oder oder oder. 

Zunächst ist es wichtig den Inhalt, den es zu erarbeiten gilt zu definieren und nach Möglichkeit nicht in Lektionen zu sprechen. Also nicht: 

„Das Schulterherein auf der rechten Hand klappt nicht“. 

Sondern: 

„Ich spüre, wie der Brustkorb auf der rechten Hand außen nach unten kippt. Das fühlt sich für mich so an, als ob ich außen runter sitze. Ich habe schon ein Gefühl von seitwärts, aber irgendwie läuft mein Pferd eher über die äußere Schulter weg. Das Vorwärts bleibt dabei auf der Strecke, es fühlt sich klemmig an“. 

So ausformuliert wird auch rasch klar, welchen Inhalt wir erarbeiten wollen. 

Und vielleicht können wir uns die Stärken unseres Pferdes ja zu Nutze machen. 

Analyse – und zwar stärkenorientiert!

  1. Was unser Pferd besonders gut kann
  2. Was ich als Reiter gut kann
  3. Was ich als Ausbilder meines Pferdes gut kann
  4. Welche Botschaft mir mein Pferd sehr gut vermitteln kann
  5. Was können wir als Team sehr gut gemeinsam?

Was unser Pferd besonders gut kann

Wie lange müssen wir hier überlegen?
Mein Youngster Lipizzaner Conversano Aquileja (Konrad) kann sich besonders gut Inhalte merken und erinnern. Wenn das Timing für Lob und Bestätigung rechtzeitig von mir kommt, dann reicht es, eine neue Sache einmal auszuprobieren. Vier Tage später weiß er es noch immer. Konrad lernt auch sehr sehr schnell. Seine große Stärke: Er spricht Pferd und das sehr deutlich. Da Konrad in einer großen Herde Lipizzanerbuben auf der Alm groß geworden ist, ist er nicht nur physisch sehr ausbalanciert, sondern auch mental. Zuzuhören und meine Körpersprache zu verstehen, war für ihn eine wirklich leichte Sache. Da er ausschließlich gute Erfahrungen mit Menschen gemacht hat ist er immer motiviert und hat eine Freude am Zusammensein mit Menschen. Etwas lernen, gemeinsam etwas zu tun – das macht ihm tatsächlich Freude. 

Trakehnerstute Tarabaya (Tabby) kann sich Inhalte ebenso gut merken und erinnern. Wenn sie einmal etwas gelernt hat, dann ist das garantiert „da“. Wenn Tabby einmal etwas verstanden hat, dann kann sie es wirklich immer erinnern. Was sie noch gut kann? Traben. Trab ist Tabbys Stärke. Im Trab kann sie sich stolz präsentieren und zeigen. Das weiß sie auch ganz genau. Ihre dritte Stärke: Verlässlichkeit. Sie kann schon mal ein „verrücktes Huhn“ sein, wenn ich mit Tabby auswärts auf einen Kurs fahre, wir von einer Drohne verfolgt werden oder eine Prüfung bestreiten: Ich weiß ich kann mich auf meinen schlauen Fuchs verlassen. Und zwar immer. 

Przedswit Stute Pina hat eine Meinung und die äußert sie. Dadurch habe ich schon wirklich viel von ihr gelernt. Gepaart mit ihrer Sanftheit und Güte ist sie eine tolle Lehrmeisterin. Ein Beispiel: Pina hat zwei Schülern von mir in Punkto Bodenarbeit sehr auf die Sprünge geholfen. Während Pina sonst eher ruhig und introvertiert ist, erklärt sie mit mir mit Team Inhalte und vermittelt vor allem in Punkto „Gefühl“ Dinge, die ich nie so auf den Punkt bringen könnte. Sie spiegelt Menschen unfassbar gut, hält uns dann diesen Spiegel auch vor und tröstet und brummelt, wenns dann mal zu emotional werden könnte. Pina ist außerdem ein zuverlässiger Partner im Gelände. Ihre Ruhe und Unerschrockenheit machen sie zu einem herrlichen Pferd für meinen Vater, der mittlerweile in Pension seine Ausritte genießt. 

Was ich als Reiter gut kann?

Kann ich mich gut in das Pferd fühlen? Bringe ich genug Empathie mit? Genug Wissen über Biomechanik? Genug Wissen über Hilfengebung? Kann ich das den Pferden gut vermitteln? Unsere eigenen Stärken zu betonen ist dann ja nochmal eine ganz andere Herausforderung. Eine liebe Freundin sagte mal über mich: Anna macht Pferde wieder gut. Das war nicht auf eine Ausbildung bezogen, sondern vor allem auf die Psyche. Wenn sich unsichere, frustrierte oder missverstandene Pferde wieder gut fühlen, dann freut mich das ganz besonders. Ich denke, ich verstehe Pferde also ganz gut und kann Inhalte sehr fair erklären. Sowohl bei Mensch und Tier ist es mir wichtig, dass sich beide miteinander gut fühlen. Und Konsequenz und Genauigkeit sind sicher auch Stärken von mir persönlich. 

Also – was sind die eigenen Stärken? Und zwar ausschließlich Stärken. Was kann ein jeder im Umgang mit Pferden besonders gut? Ran ans Papier und Notizen machen! 

Was ich als Ausbilder meines Pferdes gut kann?

Diese Frage kann uns helfen in der Lernstruktur unsere Stärken noch mehr zu betonen. Können wir das Pferd gut einschätzen  und demnach den gemeinsamen Trainingsteil gut gestalten? Ist es eine besondere Einfühlsamkeit dem Schüler gegenüber? Habe ich viellicht viele abwechslungsreiche Ideen für mein Pferd oder macht meine besonders strukturierte Linie den Lernerfolg für mein Pferd leichter? Kann ich einzelne Inhalte sehr gut in die kleinsten Schritte zerlegen und diese meinem Pferd vermitteln? Was kann ich wirklich gut als Pädagoge. Auch diese Frage gilt es genau zu erörtern! 

Welche Botschaft hat mein Pferd an mich?

Kommunikation und Pädagogik sind keine Einbahnstraße. Nicht nur ich als Mensch habe meinem Pferd viel zu sagen, sondern auch das Pferd hat eine klare Botschaft an mich. Im Fall meiner Pferde wäre das: 

Konrad möchte viel Abwechslung, wenige Wiederholungen. Er fördert das Vertrauen in die Fähigkeiten des Pferdes. 

Tabby ist nicht immer sofort davon überzeugt, dass sie die gestellte Aufgabe bewältigen kann. Dementsprechend temperamentvoll äußert sie diese Überzeugung. Sie fördert damit aber auch das Selbstbewusstsein ihres Menschen. Denn wenn sie nicht vor Selbstbewusstsein strotzt, dann muss man dieses Gefühl ja auch für sie mit aufbringen. 

Pina würde für ihren Menschen alles tun. Sich immer zu übernehmen würde ihrem Körper jedoch nicht sonderlich gut tun, vor allem da es ein paar physische Besonderheiten gibt. Selbst also, wenn das Pferd viel bietet, schult sie den eigenen Ehrgeiz zu reduzieren und niemals den Gedanken zu verlieren: Die Dressur für das Pferd – und ja nicht umgekehrt. 

Welche Botschaft vermittelt also das eigene Pferd? 

Wir als Team?

Zuletzt gilt es, sich darüber Gedanken zu machen, ob Mensch und Pferd bereits ein Team sind und welche Herausforderungen gemeinsam bewältigt wurden. Wo und wie sind wir zusammen gewachsen, was bringt uns nicht aus der Bahn? Ich weiß, dass ich mich auf meine beiden Mädels, ebenso wie auf Konrad unheimlich gut verlassen kann. Und diese Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit gebe ich meinen Pferden nur zu gerne zurück. 

Wandeln wir unsere Schwächen in Stärken und bringen wir mindestens drei davon auf den Punkt, dann Reiten wir Einfach 😉 

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