Kursbericht, Sitz, Teil III

Kursbericht, Sitz, Teil III

Niemals gegen die Natur

Sommer, Sitz und Bent Branderup – und selbstverständlich kam auch die Betonung der Individualität aller Pferde in der Ausbildung an unserem Kurs-Wochenende am Horse Resort am Sonnenhof nicht zu kurz. 

Eine Zusammenfassung aus Bents dritter Theorieeinheit bei unserem Themenseminar „Primärhilfe – Reitersitz“ gibt es zum Nachlesen: 

Die individuelle Herangehensweise

Pädagogik – das ist meist der Schwerpunkt im dritten Teil von Bent Branderups Theorievorträgen. Was braucht das jeweilige Pferd, welche Ziele haben wir uns für den gemeinsamen Weg gesteckt. Der Reiter, so Bent Branderup muss als erstes darüber nachdenken, was er als Pädagoge schon kann und was er für die Ausbildung seines Pferdes noch lernen muss. 

Bent Branderup kritisiert, dass weder Reiter noch Pferd heutzutage so genannte Minimalanforderungen erfüllen können. In der Akademischen Reitkunst stellen wir uns ja hohe Ziele und haben hohe Ansprüche. 

„Das was uns aber in erster Linie interessiert, ist die Ausbildung des Ausbilders, nicht die Ausbildung des Pferdes. Wie kompetent können unsere Ausbilder heute werden. Früher war es ein Qualitätsmerkmal wenn sich die Bereiter auf jedes Pferd setzen. Man kann aber auch von jedem Pferd runter fallen. Sattelfestigkeit alleine ist kein Qualitätsmerkmal“. 

Bent Branderup

Wie immer reist Bent mit uns in die Geschichte, diesmal zum römsichen Feldherrn Tacitus, der ausführlich beschreibt, dass ein Pferd ruhig stehen können bleiben muss. Sonst verletze es aus Nervosität gar mehr eigene Leute als den Feind, wenn es beim auf- und absteigen nicht stehen bleiben kann. Das Publikum schmunzelt, aber Bent betont: „Da ist man ein bisschen ungeschickt, das Pferd erschrickt, man bleibt im Steigbügel hängen und dann ist das Pferd schon weg“. 

Vor dem Reiten kommt die Beziehung

Was macht das Pferd, wenn man ihm ein Halfter anziehen möchte? Steht es still? Oder muss man lange damit rum wurschteln? Wie ist das Pferd beim Putzen und Hufe geben? 

„Kann man es nicht „schmiedefromm“ machen, dann muss man alle Dinge wie Piff, Paff und Blamage vergessen“. 

Womit beginnt man am Besten? 

Mit pädagogischen Aufgaben, die man auch visualisieren kann. Das Voderbein anzuheben, das klappt bei den meisten. Beim Hinterfuß muss man sich bereits darüber Gedanken machen, wie die Gelenke zueinander stehen und welche Funktionalität sie haben. Die natürliche Heberichtung des Pferdes ist nach vorne unter den Bauch. Wenn wir also den Hinterfuß sofort nach hinten raus ziehen, dann widerspricht dies der Natur des Pferdes. Was hinter jeder Aufgabe liegt, ist also die Ausbildung von Pädagoge und Schüler. 

„Die Aufgabe der Lehrer besteht nicht darin, das siebte Schuljahr zu unterrichten, sondern die Schüler bereit zu machen für die nächste Schulstufe“. 

Bent Branderup

Wo befindet sich also unser Pferd in der Ausbildung? Was können wir gut, was können wir nicht gut und wo wollen wir überhaupt hin? Fragen über Fragen, die sich jeder Pferdeausbilder unbedingt stellen sollte. Wer den individuellen Stundenplan für sich und sein Pferd nicht erstellen kann, wird es schwer haben. 

Die Bahn – das Klassenzimmer

Die Reitbahn, die Halle oder das Viereck sind unser Klassenzimmer. An dieser Stelle betont Bent Branderup – und das kann ich nur unterschreiben, dass das Klassenzimmer nicht dazu dienen kann die Haltungsform des Pferdes zu verbessern. Was ist damit gemeint? Akademische Reitkunst bedeutet für mich nicht nur, dass wir beständig dazu lernen wollen, wie wir die Ausbildung des Pferdes zunehmend individueller gestalten können. Es geht um Physis und Psyche des Pferdes. Ausbildung alleine sorgt aber nicht für ein ausgeglichenes Wesen. Meine eigenen Pferde stehen daher auf einem Paddock Trail mit 12 bis 14 Stunden Auslauf oder eben gänzlich im Offenstall, angepasst an ihre Bedürfnisse. 

Dem Pferd soll also abseits der Ausbildung ausreichend Bewegung angeboten werden. Das Klassenzimmer darf also nicht dazu dienen, dem Pferd Bewegung zu verschaffen. Wenn das Pferd Ausdauer Training braucht, dann niemals in der Bahn Ausdauer trainieren, denn hier verliert das Pferd seinen Vorwärtsdrang. Draußen auf dem Weg im Wald und auf dem Feld sieht das Pferd auch viel mehr Sinn darin vorwärts zu gehen. 

„Wir Bahnreiter haben am Typischsten den Verlust von Vorwärtsdrang durch die Bahnreiterei. Der Fehler liegt allerdings daran, dass wir glauben, dem Pferd dort Bewegung verschaffen zu müssen. Hat es einen Überschuss an Bewegung, soll das Pferd diesen draußen ausleben dürfen. Im Klassenzimmer wäre der Ausbilder zu ständigen Korrekturen gezwungen, was für das Pferd nicht fair ist“. 

Bent Branderup

Trotzdem müssen wir dem Pferd, wie Tacitus es beschreibt, beibringen, stehen zu bleiben. 

„Und dann kann das Pferd plötzlich nicht stehen, obwohl es dies stundenlang beim Grasen tut. Wo ist das Problem? Das Problem ist immer der Mensch. Ein Pferd steht völlig entspannt in der Box oder auf der Weide und wenn es seinen Menschen sieht, dann kriegt es alle Zustände“. 

Bent Branderup

Wieder erkennen wir – der Mensch ist in der Ausbildung des Pferdes besonders gefordert. Wir müssen derjenige werden, mit dem das Pferd gerne seine Zeit verbringt. 

„Ich wäre gerne der respektierte, geliebte Lehrer. Kann ich diese Rolle in der Welt des Pferdes einnehmen, ist der Rest einfach. Kann ich diese Rolle nicht spielen, wer  bin ich dann? Bin ich seine Lieblingsstute? Wer bin ich in den Augen meines Pferdes? Das Pferd wird aus seiner Welt assoziieren, deswegen wird es uns manche Rollen zuteilen, die der Mensch nicht spielen kann. Wir müssen natürlich eine Beziehung zwischen Mensch und Pferd schaffen. Sowohl Pferd, als auch Reiter müssen neue Situationen schaffen und daraus lernen. Wir sind ja auch nicht für Mensch-Pferd-Beziehungen gedacht, sondern für zwischenmenschliche Beziehungen.“

Bent Branderup

Vom Kindergarten zur Ausbildung

Ist also der Pferdekindergarten absolviert, das Pferd lässt sich putzen, überall anfassen, die Hufe machen, ist halfterführig – dann kann man in der Bahn mit dem Unterricht beginnen. Wir entwickeln und verfeinern eine gemeinsame Sprache mit dem Pferd. Am Anfang steht die Körpersprache – aber es ist ein Unterschied, ob wir die Körpersprache nutzen oder die Sekundarhilfen Hand, Schenkel, Stimme oder Gerte. 

„Wenn das Pferd beim Ausreiten durchgeht, können wir nicht vor das Pferd springen und „HO“ brüllen. Dann brauchen wir eine geschulte Sekundarhilfe, die Mensch und Pferd verstehen – in diesem Fall die Hand.“

Bent Branderup

Sekundarhilfen sollen den Sitz später unterstützen, auch wenn also eine breite Basis der Kommunikation durch Körpersprache geschaffen wurde, können wir nicht durch Körpersprache alleine ausbilden, wenn wir reiterliche HIlfen hinzufügen wollen, die im Idealfall auch tatsächlich helfen sollen. 

Mehr zu Sekundarhilfen könnt ihr hier nachlesen – wir hatten im April 2019 dazu ein Themenseminar mit Bent Branderup bei Wien: 

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Die stärkste Hilfe

Die Stärkste Hilfe, die beim Pferd ankommt sind laut Bent Branderup Schwerpunktverlagerungen. Jetzt erklärt er die Unterschiede der alten Reitweisen a la brida und a la gineta. 

Bei a la gineta will man sich als Bogenschütze umdrehen und in eine andere Richtung reiten. Das Pferd folgt dem Reiter. Dies war vor der Erfindung des Steigbügels eine große Kunst. Bei a la brida lehnt sich der Reiter aus dem Sattel und macht einen Hieb, eine Attacke, das Pferd reagiert und dispensiert quasi die Schwerpunktverlagerung des Reiters. Es kann also einmal mit dem Reiter folgen und einmal die Schwerpunktverlagerung des Reiters ausgleichen: Das ist heute freilich nicht mehr unser Ziel. 

Noch einmal betont Bent Branderup die Natur von Mensch und Pferd. Heute sind die Schwerpunktverlagerungen die intensivste Hilfe und sie werden unterschiedlich beim Pferd ankommen – von Reiter zu Reiter verschieden, denn die Gesäßknochen können unterschiedlich weit auseinander liegen, die Länge des Oberschenkelhalses spielt eine große Rolle, die Polsterung der Oberschenkel und vieles mehr, was uns individuell als Reiter ausmacht. Wie und in welcher Winkelung zum Pferderücken zeigen die Sitzknochen nach unten? Kippt man mit der Lende ab, begünstigt man unterschiedliche Schwungrichtungen?

„So ist es wichtig für mich, dass wir bei den Pferden auch reine Grundgangarten haben. Wir müssen uns an den Grundgangarten messen, ob und wenn wir diese zertrümmern, dann waren die Lektionen zuvor wertlos und falsch ausgeführt. Wenn die Dressur für die Pferde da sein soll, dann muss die Dressur so interpretiert werden, damit sie dem Pferd auch nutzt“. 

Bent Branderup

Bent betont das Problem der heutigen Sportdressur, die sich ein Ideal gesetzt hat und somit alle Pferde über einen Kamm schert. Das Norweger Pony wird die Dressur anders ausführen als ein Oldenburger. Von Zeit zu Zeit kamen immer verschiedene Typen in Mode – und die Mode ist, was der Richter sehen möchte. 

Wir sollten uns allerdings lieber mit Fragen beschäftigen wie:
Was sind die Fähigkeiten meines Pferdes und was sind die Ansprüche?Daher ist es wichtig, bei den verschiedenen Zielen, die wir haben, den individuellen Körperbau des Pferdes zu respektieren.

„Das gilt für einfache Dinge wie ein Schulterherein. Der Grad an seitwärts wird unterschiedlich sein, ob das Pferd lang oder schmal oder kurz und breit gebaut ist. Aus dem Hüftgelenk werden von Pferd zu Pferd unterschiedliche Bewegungen produziert. Auch die Balancepunkte der einzelnen Pferde werden sich unterscheiden. Dann sehen wir Seitengänge, wo die Pferde zur Dysfunktion der Hinterbeine gebracht werden. Die Gelenke sind dazu gebaut, auf die Körpermasse einzuwirken. Das Knie und Sprunggelenk hält eine Drehung aus dem Hüftgelenk nicht aus. Das ist leider aber sehr modern geworden, ein Pferd zur Dysfunktion zu bringen.“

Bent Branderup

An dieser Stelle betont Bent Branderup noch einmal, dass man NIEMALS einem Pferd beibringen sollte, mit der Hinterhand auszufallen und die Hinterhand nicht mehr in Richtung Schwerpunkt zu bringen. 

„Das Pferd ist dann nicht brav, es ist hilflos. Man hat ihm seinen Motor geraubt. Deswegen sind diese Methoden nicht so mächtig, wie sie erscheinen. Sie sind erfolgreich, weil das Pferd gewisse Bewegungen nicht mehr ausführen kann, aber nicht weil es nicht mag, sondern weil man ihm die Hinterhand geraubt hat. Dann sind wir wieder zurück am Anfang – und wir können auch hier betonen, warum es so wichtig ist, eine gute Beziehung zu seinem Pferd aufzubauen“. 

Bent Branderup

Die Akademische Reitkunst – oder besser gesagt generell die Dressur hat das Ziel das Pferd stolz und prächtig zu machen. Das bezieht sich nicht nur auf eine Stärkung des Körpers, sondern auch des Geistes. In diesem Sinne hätten wir natürlich lieber ein Pferd, das gerne mit uns zusammen arbeitet und seine Kraft nicht gegen uns verwendet. 

An dieser Stelle betont Bent Branderup einmal mehr, dass es uns als Ausbilder wichtig sein muss, dass sich das Pferd in den Augen anderer Pferde stolz und prächtig fühlen möchte – und nicht in den Augen anderer Menschen – das wiederum ist unser Bier – und oftmals Ursache dafür, dass wir ungerecht werden, unbedacht ausbilden und zum falschen Werkzeug aus der Werkzeugkiste greifen. 

Werkzeug Sitz

An diesem Wochenende drehte sich alles um den Sitz. Die Reiter wussten schon aus der Praxis – und viele Besucher des Themenseminars – und jetzt vielleicht auch viele Leser werden der gemeinsamen Erfahrung zustimmen: Wer in der Akademischen Reitkunst seine besondere Leidenschaft gefunden hat und lernt, das Pferd akribisch in sämtlichen Positionen vom Boden auszubilden, der wird bald feststellen: Meine eigene Ausbildung – meine Arbeit am Sitz – die ist noch lange nicht vorbei. 

Wir konnten uns wieder viele Anregungen mitnehmen und freuen uns auf die Fortsetzung mit Bent Branderup. 

Das nächste Themenseminar beschäftigt sich mit Seitengängen und findet am 12. und 13. Oktober 2019 in Ainring bei Salzburg, organisiert von Andrea Harrer statt. Anmeldung bei Eva Prax

Bent Branderup 2020

Die nächsten Termine stehen schon fest: 

18. & 19. April Bent Branderup in Mannersdorf/ Sandberg beim Reitstall Equimotion

4. & 5. Juli Bent Branderup am Horse Resort am Sonnenhof, Hart bei Graz 

Kursbericht: Sitz, Teil II

Kursbericht: Sitz, Teil II

Sommer am Sonnenhof. Das bedeutet traditionell Besuch von Bent Branderup. Der heurige Sommerkurs stand ganz unter dem Motto „Primäre Hiflengebung – Reitersitz“.

In der ersten Theorieeinheit ging es vor allem um Biomechanik von Mensch und Pferd. In der zweiten Einheit knüpfte Bent Branderup gleich an seinen Vortrag vom Vormittag an: 


„Wir haben heute Morgen über die Physiologie des Sitzes gesprochen. Wir haben uns auch die Biomechanik des Pferdes angeschaut. Im Bereich zwischen 14. und 16. Brustwirbel gibt es einen Wirbel der genau senkrecht steht – davor zeigen die Dornfortsätze nach hinten in Richtung Schweif und hinter dem so genannten Umkehrwirbel zeigen die Wirbel in Richtung des Schädels. Wir stellen uns also vor, dieser Wirbel würde im Idealfall immer zum Schwerpunkt des Reiterkörpers zeigen. In dem Moment, wo der Wirbel nicht mehr in Richtung Sitz zeigt, ist das Pferd aus dem Sitz des Reiters gefallen. Wir Reiter müssen also spüren, wo das Pferd aus dem Sitz fällt. Können wir hier mit der Vorder- oder Rückseite des Oberschenkels korrigieren? Ist das Pferd über die innere Schulter aus dem Sitz gefallen – dann kann die Hand über dem Widerrist als Korrektiv gesehen werden.“

Bent fasst hier nochmal die Praxiseinheiten des Vormittags zusammen. Mal haben wir mit dem  Bosalzügel die Balance korrigiert in der Handarbeit. Mal waren es Zehenspitzen-Drehnungen und Bügeltritte, die die Balance wieder hergestellt haben. Mal war es die Arbeit mit der Vorder- oder Rückseite des Oberschenkels, mal die Parade aus dem Oberkörper, mal die Parade von vorne geführt in der Bodenarbeit. 

Auf dem Pferd soll der Reiter immer als erstes Entspannung suchen und dann einzelne Übergänge im Sitz finden. Möchte der Reiter den Schwerpunkt mehr nach vorne, mehr nach hinten verlagern, mal eine versale Schwungrichtung erarbeiten, mal eine traversalartige Schwungrichtung erspüren – in all diese Übergänge muss das Pferd mitkommen, sonst hat der Sitz nicht geholfen. 

Vom Planen und Forschen 

„Wenn etwas nicht nach Plan klappt, dann greifen wir gerne zu Plan A oder Plan B. Das Problem mit Plan A und Plan B: beide erfordern vom Reiter, dass dieser das Endprodukt aus dem Sitz heraus kennt. Der Reiter muss also wissen, wie sich verschiedene Schwungrichtungen anfühlen müssen, er muss erkennen, ob der Plan überhaupt aufgeht. Wenn wir das Endprodukt nicht kennen und den nicht Sitz vorgeben können, dann können wir gar nicht spüren, ob wir mit Plan A oder Plan B erfolgreich waren.“

Bent Branderup lädt uns an diese Stelle ein, empirisch zu sein. Wir wecken den Forscher in uns, wenn es darum geht, herauszufinden, wie sich der richtige Sitz anfühlt, im Schulterherein, Kruppeherein, im Renvers, Travers, beim Zulegen und Versammeln. Unsere eigene Balancerichtung sollte immer gespiegelt werden durch das Pferd, mit dem Ziel die größt mögliche Harmonie zu schaffen. Wenn wir als Reiter die Balance verändern, dann soll der Hinterfuß des Pferdes „mitkommen“. Im Idealfall kürzt sich die Unterlinie ab, wenn wir den Schwerpunkt nach vorne nehmen und das Hinterbein somit einladen vermehrt nach vorne zu kommen. Die Oberlinie kommt zu einer Dehnung, wir nähern uns aus der Mittelposition durch das zitierte „Hand vor-Bauch vor“ von Egon von Neindorff dem vorwärts-abwärts. 

Wenn wir den Schwerpunkt nach vorne verlagern und der Hinterfuß des Pferdes kommt aber nicht mit, dann hat man das Pferd auf die Schulter geworfen. Bent Branderup schärft uns ein: 

„Daher ist es so wichtig den Unterschied zu verstehen zwischen vorwärts-abwärts und rückwärts abwärts. Das erste Descente bedeutet vorwärts abwärts. Dann kommt das eine oder andere Pferd zu tief, dann müssen wir am besten in der Bodenarbeit die ideale Formgebung der Wirbelsäule finden. In der Praxis ist es wichtig zu sehen, wenn ich eine Parade durch die Hand auslöse, wann diese tatsächlich auf die Hanken einwirkt und wann sie das Pferd auf die Schultern wirft. Daher sehen wir so viele Handstandpiaffen, da die Leute die Pferde mit rückwärts wirkenden Händen auf die Schulter drücken.  Das ist keine Parade sondern eine Blockade der Schulter.“

Sichtbar ist die Handstandpiaffe auch am rückständigen Vorderbein. Fühlbar wird dies auch, wenn das Pferd nicht mehr vorwärts gehen kann, da die Schulter blockiert ist und der Reiter starken Schenkeleinsatz nutzen muss, um überhaupt voran zu kommen aus der Versammlung. 

Bent Branderup kommt nun in seinem Vortrag zur Mittelpositur des Reiters zu sprechen. Diese ist bedingt von der horizontalen Balance des Pferdes. Haben wir ein Pferd im horizontalen Gleichgewicht, dann gehen wir nur mit dem Oberkörper ein wenig nach hinten und belasten das Gesäß nicht vollständig, um das Pferd zu Beginn nicht zu stark in der Lende zu belasten. Wenn wir nun unsere Balance mehr und mehr in Richtung innerer Hüfte des Pferdes nehmen, dann haben wir bei gleicher Formgebung eine Balanceverschiebung. Es geht also um Balanceverschiebungen und nicht um Formverschiebungen.

Hilfen sollen helfen


Wenn sich Hilfen widersprechen, dann zwingt man das Pferd allerdings zum Ungehorsam. Hier kommt die Ausbildung der Reiterhand ins Spiel. Am Besten, man kann das Pferd überhaupt aus dem Sitz versammeln – dann hat man keine Spannung und keinen Widerstand in der Hand. Kommt das Pferd aber in der Parade nicht mit, dann kann die Hand mit dem Pferd kommunizieren. Zuerst wird das Verständnis des Pferdes wieder vom Boden geschult. später auch vom Sattel. 

An dieser Stelle kritisiert Bent Branderup die aktuelle Mode, bzw. die Toleranz der Reiter, Gewicht in der Hand haben zu wollen. Augenöffnend war hier auch die Sektion eines Oldenburger Dressurpferdes in Oslo. Kandare und Trense hatten immense Schäden hinterlassen. Sogar die Backenzähne waren stark abgerieben. 

„Ich hab kein Problem mit Gebissen, ich hab ein Problem mit Händen. Das Gebiss kann keinen Schaden verursachen, aber die Hand schon. Manche Pferde sind klug und gehen hinter der Hand, um ihr Maul zu schonen. Für den Rückenschwung ist dies jedoch auch keinesfalls gesund. Ein großer Irrtum der Gegenwart ist, dass es legal wäre, Gewicht in der Hand zu haben. Der Unterkiefer kann das nicht aushalten. Ich bin also nicht gegen die Verwendung von Gebissen, ich bin für die Ausbildung der Hände. In dem Moment wo wir Gebisslos reiten und der Kappzaum ebenso Druck auswirkt, kann er die Wirbelsäule auch falsch formen. Der Halsring muss auch wo einwirken. Daher – man kann keinen Pfannkuchen machen, ohne ein Ei zu zerschlagen, aber es müssen ja nicht die Splitter in alle Richtungen fliegen und in den Pfannkuchen mit rein kommen.“

Daher legt Bent Branderup auch so viel Wert auf die besondere Schulung der Reiterhand vom Boden aus. Auch das Verständnis für die Hand muss beim Pferd eben erst entwickelt werden. Es muss die Mitteilungen verstehen. Wenn das Pferd die Parade nicht vom Sitz versteht, dann kann die Hand helfen. Zuerst der Sitz, dann die Sekundärhilfe. So die Vorgehensweise, wenn Sekundarhilfen den Sitz unterstützen sollen. 

Schwungrichtungen und Hinterbeine

Ein Hinterfuß kann am Boden stehen oder in der Luft sein. Wir haben also ein Standbein und ein Spielbein. Die Parade timen wir auf den Schwungmoment des HInterbeins. Der Stehende Hinterfuß verrichtet dabei eine Arbeit, die sehr schwer zu sehen ist. Wir müssen unseren Blick auf den Hinterfuß, der sich in der Luft befindet richten. Dieser zeigt vermeintliche Fehler des stehenden Hinterbeins an: Entzieht sich das Spielbein in eine bestimmte Richtung? Möchte es schnell vom Boden weg und schnell wieder zum Standbein werden? Der Fuß darf nicht kurz treten, dann hat die Hand den Hinterfuß abgestoßen, anstelle den Hinterfuß einzuladen, nach vorne zu treten. 

Fazit: Die Art, wie der Hinterfuß der Masse ausweicht, wo das Hinterbein also der Parade ausweicht – diese Art ist also die Entlarvung für den Fehler, der vom Standbein aus produziert wird. Die Ausbildung des Pferdes richtet sich dann individuell nach der Art auszuweichen – wir wissen also so, was wir in der weiteren Schulung verbessern. 

„Der innere Hinterfuß kommt also ach vorne, wir geben eine Parade wenn das Bein wieder auffusst, observieren wir genauer. Wenn das Bein richtig auffußst, dann ändern wir den Takt. Wenn die Paraden auf das innere Hinterbein schön klappen, dann nehmen wir den anderen Moment auf das äußere Hinterbein dazu. Dann können wir mit dem Oberkörper nach hinten gehen in dem Grad der Versammlung, die wir haben wollen. Das Pferd soll immer der Schwerpunktverlagerungen folgen.“

Bent lässt uns aufstehen und mit der Balance spielen. Wir stehen auf unseren Füßen und verschieben unseren Schwerpunkt in Richtung Zehe und wieder in Richtung Absatz. Mal nehmen wir den Schwerpunkt mehr auf den linken Absatz, mal auf den rechten und mal mehr in Richtung Zehenspitzen zu beiden Seiten. Wie wenig Verlagerung des Körperschwerpunkts ist nötig, um diese Balancverschiebung wahrzunehmen? 

„Das Dramatsiche, was ihr entdeckt habt ist Minimalismus. Der Anfänger muss leider so viel tun, damit er spürt, was sich rührt. Je fortgeschrittener man ist, umso kleiner wird alles.“ 

Die Kunst des Gleichgewichts

Bent fasst nun alle möglichen Steifigkeiten in der Hinterhand zusammen. Stimmt die Schwungrichtung und nimmt das Pferd die zweite Parade an, dann kann man langsam die Hankenbeugung zur dritten Parade steigern. In der Literatur erwähnt Bent Branderup, dass immer wieder davon geschrieben wurde „mit dem Gesäß die Hinterhand nieder zu drücken“. Branderup warnt hier jedoch davor, die Pferde in der Lende zu blockieren. Das Pferd geht dann nicht mehr über den Rücken, es macht einen Katzenbuckel und wird steif. Wir brauchen also enorm viel Ausbildung ehe wir eine Parade aus der Lende heraus tatsächlich geben können. 

Das Pferd braucht ebenso viel Ausbildung. Wenn die Wissenschaft konstatiert, dass das Pferd die Knie nicht bewusst beugen kann – dann widerspricht hier die Arbeit im Stand. Hier kommt nicht nur die physische Förderung zu Tage, sondern auch die mentale, die dem Pferd bei dieser ruhigen und langsamen Arbeit entgegen kommt und das Körpergefühl enorm fördert. 

Insgesamt muss sich jedoch die Aktivierung eines Hinterbeins immer nach vorne übertragen auf die Vorhand – besonders in der Versammlung. 

3 Punkte und 6 Schenkelhilfen

Bent Branderup erwähnt nun den 3-Punkte Sitz. er besteht aus den zwei Sitzknochen und dem Schambein. Im Idealfall befindet sich der Umkehrwirbel mittig zwischen den drei Punkten. Sitzt man allerdings zu weit vorne, dann wird es schwer für das Pferd, den Brustkorb hoch zu nehmen. Riskiert man, zu weit hinten zu sitzen, dann drückt man dem Pferd wiederum die Lende weg. 

Nun fasst Bent zum Ende der zweiten Theorieeinheit die 6 Schenkelhilfen für uns zusammen: 

Der innere Schenkel muss in eine abwärts Bewegung gelegt werden, der äußere Schenkel begleitet die aufwärts Bewegung des Brustkorbes. Innerer und äußerer Schenkel sollen sich nicht widersprechen. Der um sich herum biegende Schenkel führt als innerer Schenkel zur korrekten Biegung, unterstützt wird er vom „von sich weg biegenden Schenkel“. Im Stehen lernt das Pferd die ersten biegenden Schenkelhilfen gefolgt vom direkten Schenkel, der das innere und äußere Hinterbein  im Moment des Abfussens nach vorne einlädt. 

„Dann kann es passieren, dass ein äußerer Hinterfuß ausfällt – dann muss man ihn in der Luft befindlich wieder einfangen. Wenn der Hinterfuß in der Luft ist, können wir den Schenkel einsetzen – dann muss er als verwahrender Schenkel, den äußeren Hinterfuß zu seiner Funktion ermahnen. Verwahren kann man auch den inneren Hinterfuß, wenn der breit geht. Es kann aber passieren, dass ein Hinterfuß eng geht. Dass ein innerer Hinterfuß nach außen fällt – so muss der außere Schenkel als umrahmender Schenkel den ausfallenden Fuß in seiner Richtung anpassen. Hier spricht man nicht vom verwahrenden sondern vom umrahmenden Schenkel.“

In den Praxiseinheiten am Nachmittag wurde ausschließlich geritten. Besonders stolz bin ich auf meine Schülerin Julia Kiegerl, die souveräne Arbeit aus dem Sitz zeigte und so ihr Ticket zur heurigen Sommerakademie nach Dänemark lösen darf. Herzliche Gratulation zum „Squire“

Am Nachmittag sattelte ich meinen kleinen Conversano Aquileja I aka Konrad. Ich bin sehr stolz, wie gut Konrad schon einige Details aus dem Sitz versteht, obwohl ich bislang wirklich sehr selten auf seinem Rücken Platz genommen habe. Konrad findet so viel Freude an der gemeinsamen Kommunikation – und er liebt das Publikum. Viel Lob gab es beim Abendessen für meine fleissigen Schüler – und natürlich wurde auch nochmal auf Tanjas Boden und Longenprüfung angestoßen. Ein perfekter Sommerabend, bevor es am Sonntag nochmal ans Arbeiten ging! 

Genießen wir aber auch die schönen Momente, dann reiten wir Einfach 🙂 

Den Kurs zum Nachschauen gibt es hier:

Kursbericht: Sitz, Teil 1

Kursbericht: Sitz, Teil 1

Sommer, Sonne und die Sache mit dem Sitz. Am Horse Resort „am Sonnenhof“ hatten wir zum Tüfteln rund um das Thema „Primäre Hilfengebung“ geladen – unser Referent Bent Branderup sorgte dafür, dass Köpfe und Sitzknochen förmlich rauchten. 

Die Sache mit der Theorie

„Wenn wir das Pferd heute vom Boden ausbilden, dann verwenden wir Sekundarhilfen, um dem Pferd die primären Hilfen beizubringen. Später wollen wir herausfinden, welche Mittelungen können wir durch den Sitz geben und wie wirken sie auf das Pferd ein? Was im Pferd wollen wir überhaupt durch unsere Hilfengebung beeinflussen“, eröffnete Bent Branderup das heurige Sommerseminar. 

Biomechanik und Sitz

Die Auseinandersetzung mit der Theorie rund um den Sitz ist eng mit dem Brustkorb des Pferdes verbunden. Dieser hängt in den Schulterblättern aufgehängt, geführt wird der Brustkorb von den Vorder- und Hinterbeinen des Pferdes. Von vorne betrachtet zeichnete Bent Branderup einen Wirbel mit Dornfortsatz auf das Flichart, mittig durchgeschnitten, hinzugefügt wurden die Rippen und ein Brustbein. Das Schlüsselbein ist beim Pferd nicht vorhanden, die Aufhängung des Brustkorbes ist also eine rein muskuläre Sache, erläutert Bent Branderup

Wenn wir uns also auf das Pferd setzen, dann nehmen wir auf dessen Haltung selbstverständlich Einfluss. Wir drücken den Brustkorb nach unten – je weniger Belastung auf den Brustkorb kommt, umso besser. Hier ist das jeweilige Pferd natürlich individuell zu beurteilen. 

Individuell zu betrachten ist auch der jeweilige Sitz des Reiters. Jeder Reiter verfügt über seinen eigenen Sitz und seine eigene Biomechanik. Kein Sitzknochen gleicht dem anderen. Hier erzählt Bent Branderup aus einer Studie eines deutschen Herstellers von Rennfahrrädern. Tausende Kunden wurden hier ausgemessen. Das Fazit: Zwischen den zwei Sitzknochen der Männer gibt es durchschnittlich 8 cm Abstand, bei den Frauen betrug der Abstand ganze 12 cm. Alleine das macht ja auch einen ziemlich große Unterschied in der Art, wie man auf einem Pferd sitzt. Der kleinste gemessene Abstand zwischen den Sitzknochen war in der zitierten Studie 6 cm, der größte 17 cm.

Unsere eigene Biomechanik beeinflusst also natürlich unseren Sitz. Hinzu kommt die Frage, ob wir uns auf ein rundrippiges, flachrippiges, großes oder kleines Pferd setzen. 

„Es gibt keine zwei Menschen, die den gleichen Sitz haben können. Wie ist der Oberschenkel gepolstert? Bei einem langen Oberschenkelhals ist mehr Polster kein Problem, bei einem kurzen Oberschenkelhals ist mehr Polster dann schon im Weg. Die meisten haben davon gehört, dass ein Sattel dem Pferd passen sollte. Er sollte nach unten hin die Form des Pferdes haben, die wenigsten denken aber daran, dass dies nur die Hälfte der Geschichte ist. Der ideale Sattel passt nach unten hin dem Pferd und nach oben hin dem Reiter – und ermöglicht dem Oberschenkel frei nach unten zu hängen. Dann haben wir einen idealen Sattel“. 

Bent Branderup


Laut Bent Branderup ist das Problem auch unsere Körperkoordination. Können wir unseren Körper für den Sitz nicht wie gewünscht nutzen, dann werden wir auch nicht jedes Körperteil präzise einsetzen können. Manchmal ist eben auch ein Sattel im Weg. Im Idealfall soll der Sattel also den unterschied zwischen Pferderückenform und Menschenform ausgleichen. 
Bent Brandeurp fährt fort: 

„Dann haben wir die physische Einwirkung, wo wir das Pferd berühren, dann haben wir die statische Einwirkung, wo es um die Verlagerung des Schwerpunkts geht udn wir haben die Schwingungen, so dass wir in den Gangarten und den jeweiligen Schwingungen des Pferdes entsprechend einwirken“. 

Das Problem mit dem Sitz

Bent Branderup wird an dieser Stelle kritisch: 

„Dann haben wir in der Akademischen Reitkunst das Problem, dass der Sitz ja nur dann funktioniert, wenn das Gleichgewicht von Mensch und Pferd übereinstimmen. Wenn das nicht der Fall ist, dann müssen wir das Pferd erst vom Boden ausbilden. Das ist die Grundidee, wenn das Pferd nicht von Natur aus den Hinferfuss unter die Masse setzen kann. Dann braucht es eine entsprechende Ausbildung vom Boden aus, bevor der Akademische Sitz funktioniert“. 

Branderup mutmaßt, dass dies auch der Grund dafür sei, dass der Caprilli Sitz den Akademischen Sitz abgelöst hatte und in Vergessenheit geraten ließ. 

Beim Caprilli Sitz gehe man nicht von der Funktionalität des Hinterfusses aus. Nun zeichnet Bent Branderup Becken, Oberschenkel, Knie, Sprunggelenk, Fesselkopf und Hinterfuß auf das Flip-Chart. 

„Wenn wir drauf sitzen, zeichne ich die Wirbelreihe, dann sehen wir die Dornfortsätze sw. Dann haben wir einen Sitz und der Schwerpunkt kann sich innerhalb des Bereichs, wo wir sitzen bewegen. Der Schwerpunkt im Pferdekörper hat eine viel größere Beweglichkeit. Das Pferd kann das Gewicht auf die Schulter legen. Der Schwerpunkt soll aber mit dem Schwerpunkt des Reiters in Übereinstimmung kommen. Dafür muss der Hitnerfuß nach vorne greifen, unter den Punkt, wo der Reiter sitzt. Das ist die Voraussetzung, damit zwischen Reiter und Pferd Harmonie entstehen kann“. 

Balance und die Sache mit dem Weltall

„Balance ist die Grundlage für alles, was sich auf diesem Planeten bewegt. Wenn man einem Baum einen Ast abschneidet, dann muss er wieder so wachsen, dass der Baum wieder ins Gleichgewicht kommt. Die Evoltion ist Hand in Hand mit der Erdanziehungskraft entwickelt worden: Die Vorstellung, auf einen anderen Planeten zu ziehen ist ja nicht passend zur Balance, die die Evolution für uns geschaffen hat. Verschwindet die Erdanziehungskraft, dann verschwindet auch die Knochenmasse. Wir sind also an diesen Planeten gebunden und die Schwerkraft kann man auch nicht diskutieren – dieses Gesetz kann man nicht brechen.“

Bent zieht an dieser Stelle ein Resümee über die heutige Pferdezucht

„Nun haben wir Menschen durch züchterische Maßnahmen die Tragkraft der Pferde weggezüchtet. Ein landwirtschaftliches Pferd musste keine Tragkraft haben, sondern Schubkraft. Wir haben Pferde gezüchtet, wo die Fähigkeit der Muskeln weit entwickelt ist, das Öffnen der Hüftgelenke nach hinten raus zu begünstigen. Durch die Zucht sind auch unsere Rennpferde schneller, als sie jemals waren. Wir haben die Natur verändert. Spannend ist allerdings die Beobachtung der Mustangs. Dabei handelt es sich freilich um wild gewordene Zahmpferde. Ganz egal, welche Pferde wild geworden sind, sie suchen zurück zu ihrer Ursprungsform. Und bei genetischen Tests von Mustangs findet sich immer ein hoher Anteil von Sorraya Blut. Eine Rasse, die es in Portugal gibt und wo man sich darüber streitet, ob diese Pferde echt wild, oder halb wild sind“. 

Was wir von den Mustangs jedenfalls lernen können? Wir können beobachten wie sich diese Pferde die Hufe abnutzen, wenn keine Selektion für ein bestimmtes Zuchtziel vorhanden ist. Zum natürlichen Sein gehört auch eine gewisse Grundbalance – gerade für die Abnützung der Hufe. Was wir ein horizontales Gleichgewicht nennen, das brauchen wir später auch für den Grundsitz. In Nevada bei den Mustangs muss also dieSe Grundbalance ganz von selbst stafttfinden, damit alle Knochen die korrekte Belastung und Entlastung bekommen. Negatives Hufwachstum kommt – so Bent Branderup zustande, wenn der Huf falsch auffußt, dann kommt es zu einer Knochenbelastung und zu einem „falschen“ Knochenwachstum, das zu Arthrose führt. 

Man kann also auf einem Pferd, das sich nicht gut bewegt, nicht gut sitzen. 

„Es gibt auch Sitzschulungen, wo deutlich zu sehen ist, dass die Erfinder der Sitzschulung noch nie auf einem Pferd saßen, das sich korrekt bewegt hat“

Bent Branderup

Wir brauchen also zuerst die Herstellung von Gleichgewicht, bevor wir uns auf das PFerd setzen. Wenn wir also in der Bodenarbeit an Details tüfteln, ist das Reiten als späteres Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Daher müssen wir die Gewichtsmasse des Pferdes auch immer in ein korrektes Vorwärts arbeiten und nicht in ein falsches Seitwärts. Dann arbeitet man nämlich die Hinterhand weg von ihrer Funktion. 

„Wir sehen Seitengänge, wobei es für die Gelenke eine reine Glückssache ist, dass diese nicht kaputt gehen. Für starkes seitwärts kreuzen sind die Gelenke der Hinterhand nicht gemacht“. 

Bent Branderup

Die Sache mit dem Hinterfuß

Wir arbeiten also zuerst am Boden, um eine Kommunikation mit dem Pferd zu entwickeln und Balance zu schaffen. Der Hinterfuß greift nach vorne und hat zwei Grundbereiche, wie er überhaupt nach vorne gebracht wird. Einerseits erwähnt Bent Branderup nun das Hüftgelenk, welches den Fuß zwar nach vorne bringt, aber nicht für das korrekte Absetzen sorgt. Das Becken bewegt sich nach vor und runter und sorgt so ebenso für den korrekten Vorgriff. Knie und Sprunggelenke sind für das Heben und Senken zuständig. Wenn ein Pferd also die Zehen schleifen lässt, dann sind Knie- und Sprunggelenke nicht aktiv genug. 

Die Hinterhand erzeugt im Moment des Auffußens Entschleunigung. Beschleunigung und Entschleunigung müssen quasi Hand in Hand oder Hinterfuß mal Vorderfuß miteinander arbeiten. Wenn der Hinterfuß an der Entschleunigung teilnimmt, dann ist das Pferd bequem zu sitzen. Beschleunigt der Hinterfuß weiterhin und der Vorderfuß muss die Entschleunigung auffangen, dann spürt dies der Reiter durch harte Stöße. 

„Das Pferd kann für euch aber nicht unbequem sein, ohne für sich selbst unbequem zu sein“. 

Bent Branderup

Wenn der Hinterfuß allerdings auffußt und dabei Sprung- und Kniegelenke beugt, dann ist das Pferd bequem zu sitzen. 

Eine perfekte Parade zum Halten aus dem Galopp auf der Hinterhand oder Übergänge in den Schulsprüngen zwischen Croupade und Levade – das bezeichnet Bent Branderup als Perfektion der Anteilnahme von Dezeleration also Entschleunigung. 

Von der Entwicklung der Tragkraft hanteln wir uns also vor  zur Entwicklung der Federkraft und schließlich zur Entwicklung der Schubkraft. 

Von Fischen und Menschen 

Alle Tiere übertragen Schwung über die Wirbelsäule. Egal ob Mensch, Affe oder Fisch. Menschen sind Traber – schließt Bent Branderup und demonstriert, wie wir selbst locker aus den Schultergelenken heraus mit unseren Armen in der Bewegung schwingen. Was passiert, wenn wir die Arme verschränken? Wie geht es dem Pferd, wenn wir den Rückenschwung nehmen? 

Wenn wir aus der Hinterhand Schwung erzeugen, dann hätten wir ja gerne, dass dieser Schwung auch vorne im Pferd ankommt. Sichtbar wird das natürlich an den Nickbewegungen des Pferdes. Manchmal wird der Schwung, der natürlich auch den Reitersitz passieren muss vom Reiter förmlich weg geritten. Hier erklärt Bent Brandeurp den Unterschied zwischen dem physischen Sitz und dem Schwingungssitz. Um Teil an diesem Schwung haben zu können, muss auch der Sattel entsprechend gewählt sein. 

„ Wir haben eine Vorstellung von einer richtigen und einer falschen Kopfposition. Diese ist jedoch nur dann richtig, wenn sie in Übereinstimmung mit der Tätigkeit des gesamten Körpers ist. Wenn der Körper nicht mehr das tut, was die Körperposition bedingt, sehen wir eine falsche Kopfposition. Deswegen ist der ganze Kampf, den wir mit den Köpfen sehen ziemlich kontraproduktiv. Wir würden dem Pferd gerne sagen: Streck dich mal abwärts. Das Pferd kann in der Natur den Kopf runter nehmen und Gras fressen, wenn aber ein Reiter auf den Rückenmuskel drückt kommt es zu einem Anheben des Kopfes und damit ist die Abkürzung von Muskulatur in der Oberlinie verbunden. Wir hätten aber gerne, dass sich die Oberlinie dehnt, aber nicht nur im Halsbereich, sondern im gesamten Bereich der Oberlinie. Wir sprechen immer von Beugern und Streckern. Es kann aber keine Beugung aktiv sein, ohne dass die Strecke dementsprechend entspannen. Wenn die linke Bauchmuskaulatur daran beteiligt sein soll, das Becken nach vor und runter zu kippen, dann müssen sich die Muskelgruppen der rechten Oberlinie dehnen können. Wird Muskulatur zur kurz, dann kann sie den Hinterfuß und das BEcken nicht mehr nach vorne holen und das Pferd arbeitet nur noch aus dem Hüftgelenk aber nicht mehr aus dem gesamten Becken“. 

Bent Branderup

Das Auditorium denkt mit und zückt zum Thema vorwärts-abwärts die Stifte. Wir unterscheiden in der Theorie zwischen zu tief, vorwärts abwärts und rückwärts. Wenn das Pferd sich streckt, dann sehen wir ob ein Vorderbein frei wird und ob das Pferd mit dem vorgreifenden Vorderbein unter die Nase kommt. Fußt das Vorderbein nicht unter der Nase auf, sind bereits erste Fehler im Schwungbild festzustellen, der Schwung sollte aber nicht nur nach vorne sondern in eine bestimmte Richtung übertragen werden können. Wird das Vorderbein rückständig und kommt es unter den Reiter, dann ist das Schwungbild ebenso nicht korrekt. Bleibt ein Vorderbein rückwärts unter der Masse konstatiert Bent Branderup in Theorie und Praxis: 

„Dann sehen wir vermeintlich tolle Gangarten, der Reiter braucht zum Sitzen allerdings Kniekissen. Das Pferd wurde durch die Ausbildung auch nicht besser zu reiten.“

Uns interessiert aber der korrekte Schwung und da führt an Gustav Steinbrecht kein Weg vorbei.

„Steinbrecht sagt, das Pferd sollte sich um den inneren Sitzknochen hohl machen. Setzen wir uns also drauf und das Pferd wird hohl um den inneren Schenkel erzeugt der Brustkorb eine Rotation, die aus der Hinterhand kommt“. 

Bent gibt uns viel zu denken auf, in der Praxis wollen wir einerseits die Vorarbeit für den Sitz vom Boden begutachten und später die verschiedenen Formen des Sitzes vom Sattel aus spüren. 

Ich reite in der ersten Einheit meine Fuchsstute Tabby. Das weiter oben beschriebene Problem mit der korrekten Arbeit aus Hüfte und Becken, Vorgriff der Hinterhand…darüber könnten Tabby und ich wohl viel erzählen. Ich bin jedenfalls irrsinnig stolz, dass meine wilde Hummel sich nun so toll physisch und mental auf das Thema Hankenbeugung eingelassen hat. Ein Thema, das uns zu mehr Geschmeidigkeit und Durchlässigkeit – aber auch mehr Stolz und Selbstvertrauen verholfen hat.  In der ersten Einheit gelingt uns sogar ein schulmässiger Galoppwechsel. Ich bin stolz wie Oskar und freue mich irrsinnig über unsere Leistung, die auch mit einem Update unseres Status in der Ritterschaft später gefeiert wird. 

Ich bin irrsinnig stolz auf alle meine Schüler. Julia Kiegerl konnte mit unserem „kleinen“ Lipizzaner Jungspund „Amena“ am Vormittag reüssieren und mit ihrer Schülerin Tanja anstoßen, die bravourös den Boden- und Longenarbeitstest bei ihrem ersten Seminar mit Bent Branderup gemeistert hat. Kati zeigte schöne Handarbeit mit ihrer Beti, Jana erntete bereits in der ersten Einheit viel Lob für die Arbeit mit Picasso, hier war auch das Thema des korrekten Rückenschwungs im Vordergrund. Eva und Idolo zeigten sehr schöne Boden- und Longenarbeit, Jaana konnte sich durch die Arbeit mit dem Bügeltritt schon einiges am Vormittag mitnehmen für eine gleichmässige Arbeit im Schritt. Herzensbrecher Sleipnir hatte nach Christofer Dahlgren und Hanna Engström auch nach diesem Kurs einen neuen „Fan“, der Susi für die Stabilität in der Bodenarbeit einige Tipps mitgeben konnte. 

Nächste Woche gibt es den zweiten Teil zum Seminar mit Bent Branderup. Und wer es verpasst hat – eine filmische Nachschau gibt es hier: 

Und wer es versäumt hat? Bent kommt wieder. Am 12. und 13. Oktober 2019 widmen wir uns dem Thema Seitengänge in Ainring bei Salzburg. Anmeldung und Info für Zuschauer bei Eva Prax

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