Sitz-Inspirationen

Sitz-Inspirationen

Stimmen aus der Vergangenheit

Wie sollte man auf dem Pferd sitzen? Auf einem jungen oder auf einem ausgebildeten Pferd? Als Anfänger oder als erfahrener Reiter? Welches Vermächtnis hinterlassen uns die Stimmen aus jüngster und älterer Vergangenheit? Für unseren Kurs mit Bent Branderup Ende Juni 2019 lautet das Motto: „Primäre Hilfengebung“ – also alles rund um das Thema „Sitz“. 

Welche Ratschläge vergangener Tage können wir auch noch heute nutzen? 

Antoine de Pluvinel (1555 bis 1620) war der Reitlehrer von Ludwig XIII in Frankreich. Pluvinel wusste, dass die Arbeit mit dem Sitz praktisch nie aufhört: 

„Tatsächlich ist es auch so, dass man, um in der Reitkunst seine Sache gut zu machen und Perfektion zu erreichen, mit der korrekten Haltung zu Pferde den Anfang machen und ständig bis zum Schluss daran weiterarbeiten muss. Schließlich bereitet es mehr Vergnügen, einem Reiter zuzusehen, der nichts von der Kunst versteht, aber gut zu Pferde sitzt, als einem Könner, der keine Eleganz ausstrahlt“. 

Antoine de Pluvinel

Für Pluvinel war die aufrechte Haltung im Sattel praktisch gleichgesetzt mit der eigenen Haltung auf zwei Beinen. 

Dr. Udo Bürger war leitender Veterinäroffizier an der berühmten „Kavallerieschule Hannover“. In seinem Werk „Vollendete Reitkunst“ aus dem Jahr 1959 prangert er vor allem mangelnde Fitness beim Menschen an: 

„Die meisten Menschen tragen sich miserabel, ohne es zu wissen. Das Leidenskreuz der Menschheit ist das Hohlkreuz. Dazu gehört der vorgedrückte Bauch. Da müssen wir mit der Korrektur an uns selbst anfangen, wenn wir mit dem Kreuz Einwirkung auf das Pferd erzielen wollen. Und ohne diese geht es nun mal nicht. Aber wir sollten nur versuchen, uns im Sattel gerade zu halten. Wir sollten immer daran denken und uns richtig tragen“. 

Udo Bürger

Tragkraft, also Stabilität und Kraft, benötigen wir Reiter. Aber auch Mobilität. Der Herzog von Newcastle (1592 bis 1676) wusste bereits zu seiner Zeit um die Bedeutung von Körperbeherrschung, denn er attestierte dem Reiter einen beweglichen und einen unbeweglichen Teil. Beweglich darf man im Oberkörper bis zur Taille, Newcastle spricht vom „Gürtel“, sein, auch die Schenkel von den Knien bis zu den Füßen dürfen nicht regungslos verharren. Zwischen Taille und Knie definiert der Herzog von Newcastle den unbeweglichen, „mit dem Pferd verschmolzenen Teil“. Der Reiter darf also Kopf, Schultern und Arme bewegen – heute eine oft unbewegliche und festgehaltene Problemzone für Reiter. 

Ein Tipp von Newcastle hat sich bis heute ebenso gehalten: 

„Die Arme müssen am Ellenbogen abgewinkelt und ungezwungen an den Körper gelegt werden und natürlich auf die Hüften heruntersinken“. 

William Cavendish, Herzog von Newcastle

Wenn der Mensch denkt und der Körper aber nicht folgt, ist alle Ungezwungenheit von dannen. 


François Robichon de la Guérinière(1688 bis 1751) betonte ebenso die Losgelassenheit und Entspanntheit des Sitzes. Um das Unmögliche möglich zu machen, erlaubte er dem Reiter sich vorübergehend etwas fester zu machen und anschließend wieder zu entspannen. Er betonte Gleichgewicht und Balance, wobei jedoch die Bewegungen des Reiters solltenaber so gering bleiben sollten, dass sie die Haltung des Reiters einerseits verschönerten, andererseits aber legte er Wert auf einen brauchbaren Sitz mit Hilfen, die für das Pferd tatsächlich auch als solche erkannt werden. 

Die (Unter) Schenkel sind seiner Meinung nach in der richtigen Haltung, wenn sie locker vom Knie gerade und locker nach unten fallen, so dass sie am Pferd liegen, ohne es jedoch zu berühren. Der Reiter müsste dann Oberschenkel und Knie etwas nach innen drehen, damit die flache Seite der Oberschenkel wie „angeleimt“ an den Sattelpauschen zum Liegen kommt. 

Hier die nächste, noch heute aktuelle Problemzone für viele Reiter: Guérinière forderte von seinen Schülern lockere, jedoch ruhig gehaltene Schenkel, die das Pferd nicht durch ständige Berührung in der Hilfengebung verwirren.

Werden sie zu weit abgespreitzt, kann man nicht rechtzeitig auf das Pferd einwirken, nämlich genau in dem Augenblick, in dem das Pferd einen Fehler begeht. Sind sie zu weit nach vorne gestreckt, können sie nicht am Bauch einwirken, wie es die Schenkel sollen. Liegen sie jedoch zu weit hinten, trifft die Schenkelhilfe auf die Flanken, einen Körperteil, der kitzelig und zu empfindlich ist, um die Sporen einzusetzen. 

François Robichon de la Guérinière

„Ferse tief“ – das kannte auch Guérinière, betonte jedoch auch hier nicht zu stark den Absatz nach unten zu drücken, da sonst der Schenkel zu beweglich werde. Noch heute gilt, mit dem Fuß, Absatz und Sporn Vorsicht walten zu lassen. Guérinière kam dem Ursprung der Drehbewegung jedoch auf die Schliche – die richtige Drehung vollführt nämlich der Oberschenkel aus der Hüfte heraus – dadurch werden dann Unterschenkel und Fuß in die richtige Lage gebracht. 

Auch betonte der französische Reitmeister, dass das Wissen und die Theorie um den korrekten Sitz nicht ausreichten. Übung auf dem sich bewegenden Pferd war das Um und Auf – besonders im Trab und ohne Steigbügel. Spätestens nach fünf bis sechs Monaten Sitzübungen ohne Bügel, fände man die anderen Gangarten leicht. Guérinière empfahl außerdem das Piaffieren zwischen den Pilaren als ausgezeichnete Sitzschulung. 

Dieselbe Empfehlung kommt auch von Gustav Steinbrecht (1808 bis 1885). Für den Schüler von Louis Seeger war der Reiter nur dann richtig auf dem Pferd platziert, wenn der Schwerpunkt des Reiters mit dem des Pferdes zusammenfälllt. 

Nur dann ist er mit seinem Pferde in vollkommener Harmonie und gleichsam eins mit ihm geworden. Eine Hauptregel für diesen auf richtiger Schwerpunktsverlegung beruhenden Balancesitz ist die, dass das geradegerichtete Rückgrat des Reiters auf dem des Pferdes stets senkrecht ruhen, also mit ihm einen rechten Winkel bilden soll. 

Gustav Steinbrecht

Auch Steinbrecht schreibt über die korrekte flache Lage des Oberschenkels – für ihn übrigens ein Hauptgrundsatz in der Lehre vom Sitz. Nur die korrekte Positionierung des Oberschenkels garantiere die Stabilität und Mobilität aus der Reiterhüfte, erweitere die Gesäßfläche und sichert Halt und Balance, ohne das Pferd zu stören. 

Das Fußgelenk müsse dabei elastisch bleiben. Auch Steinbrecht sieht einen Fehler darin, den Schüler unbedingt zum Abwärtsdrücken der Ferse zu zwingen. Dadurch versteife sich der Unterschenkel, die vorwärtstreibenden und versammelnden Hilfen wären dadurch nicht mehr in ihrer Qualität garantiert. 

Überhaupt – wenn es um die ständige Korrektur des Schülers geht, gibt Waldemar Seunig (1887 bis 1976) uns bis heute einen weiteren wertvollen Hinweis: 

„Es muss betont werden, dass Bauart von Pferd und Reiter die Schenkellage beeinflussen und nichts schädlicher ist, als alle Reiter in ein Sitzschema hineinpressen zu wollen. Mutatis mutandis wird ein kurzbeiniger Reiter auf einem kurz und flachgerippten Pferde geschlossener sitzen wie ein langbeiniger, der um mit dem Unterschenkel einwirken zu können, diesen so weit zurücklegen müsste, dass seine Knie sich öffnen. Viele Reitlehrer verlangen, dass die Füße des Reiters vollkommen parallel zur Längsachse des Pferdes gerichtet sein sollen. Befolgt der Schüler gewissenhaft diese Anweisung, so steht er vor dem Dilemma, entweder seine Knie zu öffnen, um mit dem inneren Teil des Unterschenkels in Fühlung mit dem Pferdeleib bleiben zu können – oder diese aufzugeben, um das Knie am Sattel behalten zu können. Die Richtung des Fußes soll dieselbe sein wie beim Gehen, die Fußspitzen also etwas vom Pferde abgewendet, wie es sich ja aus der gespreizten Grätschstellung von selbst ergibt“. 

Waldemar Seunig

Wir müssen also an unserem Sitz arbeiten – dürfen aber weder unseren, noch den Körper des Pferdes in eine bestimmte Form hinein pressen. Und hier hilft uns die Erfahrung, die wir –  früher wie heute – auf gut ausgebildeten Pferden am ehesten sammeln können.

„Der Reiter muss lernen, die Bewegungen des Pferdes im Schritt, im Trab, im versammelten und im freien Galopp und in allen Arten von Lektionen zu fühlen, ebenso die richtige und feine Anlehnung an die Hand, die Dosierung der Hilfen, wozu sie anzuwenden sind und – wann es nötig ist – zu strafen. Zuerst ist der Schüler auf ein ausgebildetes Pferd zu setzen, danach kann er leichter unterschieden, ob ein noch nicht ausgebildetes Pferd unter ihm etwas richtig, oder falsch macht“.

Antoine de Pluvinel

Richtig oder Falsch – ein gutes Schlusswort fand ich bei Udo Bürger: 

Vom Sitz wird primär nur solange gesprochen, bis der Schüler nicht mehr bei jeder Gelegenheit herunterfällt. Danach interessieren mehr die Einwirkungen. Mit der Einsicht, diese richtig anzubringen und – entsprechend einleuchtenden Ermahnungen – kommt der Sitz mit der Zeit von allein.

Udo Bürger

Zum Glück müssen wir jedoch nicht alleine üben und haben auch Unterstützung in der Gegenwart. Lernen wir von- und miteinander – dann Reiten wir Einfach 😉 

Kochrezepte und Puzzleteile

Kochrezepte und Puzzleteile

Ein Bekenntnis. Ich koche nicht. Oder sagen wir, kaum. Mein Lebensgefährte kriegt  regelmäßig Lachkrämpfe, wenn ich ins Telefon säusle: „Muss Schluss machen, denn ich koche gerade“, und eigentlich einen Salat richte. Gut, das soll jetzt kein Blogbeitrag werden über die Frage: Wann ist es Kochen und wann richtet man einen simplen Salat. Ich koche also selten, aber WENN, dann brauche ich ein Rezept. Und das Befolgen und vor allem das Nachdenken über die Vorschriften in den Rezepten, das hilft uns auch in der Reitkunst. 

Die Zutaten für Versammlung 

Versammlung bedeutet, die Hinterhand des Pferdes vermehrt zu belasten, das Pferd soll sich in Hüft-, Knie- und Sprunggelenken beugen, ohne den korrekten Vorgriff aus der Hinterhand zu verlieren. Paraden helfen uns bei der Geschmeidigkeit. Sie können sanft in die Wirbelsäule des Pferdes spüren, sie können sich von minimalen Paraden (auch Achtel-Paraden genannt) bis hin zu ganzen Paraden steigern und ihre Krönung in einer gesetzten Schulparade finden. 

Gerne wird auf den Kursen von Bent Branderup Xenophon zitiert, der uns aus Griechenland bereits vor sehr, sehr langer Zeit das Rezept für Versammlung liefert: 

„Reite die Hinterbeine des Pferdes nach vorne und gib ihm eine Parade, so dass es die Gelenke der Hinterhand beugt und man das Geschlecht des Pferdes sieht“. 

Bent Branderup fügt dann gerne hinzu: 

„Wer diesen Satz verstanden hat, hat im Grunde die gesamte Reitkunst „in a nutshell“ verstanden. Ja wenn es so einfach wäre. So einfach, wie ein einfaches Reisgericht. Oder ein Salat. 

Die Elemente-Küche und ihre Werkzeuge

An allererster Stelle steht Kommunikation. Ja eh, werden die meisten nun sagen. Kommunikation liegt in aller Munde, aber tatsächlich müssen Reiter und Pferd das gleiche Verständnis aufbringen. Beide müssen gleichermaßen wissen, was gemeint ist. Weiters benötigen wir die Elemente Balance, Durchlässigkeit, Formgebung, Tempo, Takt und Schwung. 

Besprechen wir nun im Detail welche Werkzeuge wir für unsere Elemente-Küche auf dem Weg zur Versammlung benötigen: 

  1. KommunikationEs reicht nicht, wenn beide versuchen miteinander zu sprechen, Pferd und Reiter müssen einander verstehen.  
  2. Balance ist die Voraussetzung für das Spiel mit dem Schwerpunkt. Wer einer Eiskunstläuferin ständig ein Bein stellt, macht atemberaubende Pirouetten für sie zur Unmöglichkeit 
  3. Durchlässigkeit:Das gilt für Reiter und Pferd. Wenn Hilfengebung den Reiter versteifen lässt, dann ist er auch nicht mehr durchlässig genug, die Informationen vom Pferd aufzunehmen.  
  4. Erst wenn das Pferd durchlässig ist, ist Formgebungmöglich. Manchmal „überformen“ wir das Pferd jedoch, es wird überbogen und steif – verliert dadurch die Balance.  
  5. Sind die ersten vier Bausteine aber gegeben, dann können wir Tempo, Taktund Schwungbeeinflussen. In einer Piaffe trachten wir eindeutig nach einem Zweitakt, jetzt fügen wir jedoch unterschiedliche Rhythmen hinzu. Ein ruhigerer Rhythmus bedeutet ruhigeren Rückenschwung. Dieser Schwung lässt sich auch vergrößern, dann wird der Rhythmus gesteigert.  
  6. Alle Elemente an sich brauchen Zeit in der Ausbildung! 

Über die Zutaten nachdenken 

Leider verhalten sich die wenigsten Pferde genau nach der Rezeptanleitung nach Xenophon – oder besser gesagt die Reiter. Hinterbeine vorwärts reiten. Damit beginnt ja die erste Hürde. Aber Hürden sind gut. Verbrennt der Reis, dann lernt man daraus, dass es nicht sehr sinnvoll ist, die Dinge in der Küche einfach sich selbst zu überlassen. Zuerst ist zu wenig Salz drin, dann viel zu viel. Durch Versuch und Irrtum lernt man. 

Was sind also die gängigsten Irrtümer und was lernen wir daraus? 

  • Versammlung ist keine Sache, die die Reiterhand erzeugt 
  • Versammlung darf den Vorgriff der Hinterbeine nicht „abwürgen“ 
  • Der Sitz darf den korrekten Rückenschwung nicht blockieren 
  • Der Reiter darf den Sitz aber auch nicht übertrieben benutzen, um das Pferd in Gang zu halten 
  • Versammlung bedeutet nicht, das Pferd auf die Vorhand zu stellen und die Kruppe hüpfen zu lassen 
  • Versammlung bedeutet nicht, dass es ausreicht mit der Gerte die Kruppe des Pferdes zu touchieren 
  • Die Hüfte des in Aktion befindlichen Spielbeins senkt sich, sie hebt sich nicht. Dadurch schwingt der Brustkorb auf der Seite des Spielbeins abwärts und wird nicht gehoben.  
  • Versammlung bedeutet aber auch nicht, einfach drauf los zu probieren 
  • Jede einzelne Zutat an sich muss genau ausgebildet werden  

Und Versammlung lässt sich in einem Satz definieren, das Timing der Hilfen, das Gefühl, das Verständnis für das korrekte Vorwärts – es ist nicht mit einem Erlebnis im Schnellimbiss zu vergleichen 

Kommen wir zurück zu Xenophon. Ja, in Wahrheit ist mit seinem Satz über die Reitkunst tatsächlich alles gesagt, aber wie in der guten Küche gilt: Die Menge und Qualität der anZutaten, abgestimmt aufeinander, die macht es aus. 

Welche Begabungen und Eigenschaften bringt unser Pferd mit? 

Welche Begabungen und Eigenschaften bringen wir mit? 

Welche Zutaten für Versammlung haben wir bereits auf der Haben-Seite und welche nicht? 

Die Möglichkeiten der Football Strategie nutzen

Was hat nun American Football mit Koch- und Reitkunst zu tun? Auf den ersten Blick hätte ich spontan gesagt: „Nicht viel“. Bis ich auf einen Artikel über Nick Saban stieß. Dieser Trainer hat sein Team durch außerordentliche Strategien zum Erfolg geführt. In „The Process“ schlägt er vor, das „Große Ganze“ zu ignorieren und sich auf alle kleinen Dinge wirklich gut zu konzentrieren. Im Grunde zerlegt Saban den gesamten Spielprozess und lässt seine Spieler jedes einzelne Detail fokussiert trainieren. Wenn wir also die richtigen Zutaten in die richtige Reihenfolge bringen und diese eine nach der anderen ausüben, dann werden wir auch erfolgreich kochen – oder eben Einfach Reiten. 

Gehen wir unsere Fehlerquellen also nochmal durch: 

Versammlung ist keine Sache, die die Reiterhand erzeugt. Das ist richtig. Trotzdem braucht die Hand aber eine akribische Ausbildung und das Pferd muss die Reiterhand verstehen. Ein Beispiel: Wir longieren unser Pferd und versammeln es. Wir nutzen Körpersprache und Sekundarhilfe Gerte. Wir merken, dass wir mit unseren Paraden nicht mehr so richtig kommunizieren können. Die Hand – zuvor noch vor dem eigenen Oberkörper positioniert, wandert sukzessive in Richtung Schlüsselbein. Wir versuchen mit der Longe unsere Paraden zu kommunizieren, kommen aber nicht mehr so richtig durch. Gleichzeitig verpufft die Energie, die wir an die Hinterhand senden. Der Motor des Pferdes stirbt ab oder das Pferd beschleunigt entgegen unserer Intention. 

Die Hand ist also akribisch auszubilden. Ehe wir an der Longe versammeln, müssen wir ohne Probleme jeden Übergang, vom Trab in den Schritt, vom Trab in den Halt und bestenfalls vom Galopp in den Halt übertragen können. Natürlich nutzen wir hier auch unseren Körper – aber auch die Hand muss ihre Paraden locker und verständlich aus dem Ärmel schütteln können – und das Pferd muss ihre Bedeutung auch tatsächlich verstehen. 

Nehmen wir das Pferd zu versammelnden Übungen auf, dann darf der Motor nicht absterben. Bedeutet Aufnehmen für unser Pferd jedoch sofort den Anker raus zu werfen und langsamer zu werden? Dann müssen wir Übergänge innerhalb einer Gangart üben. Wenn wir einen bestimmten Takt und Rhythmus eingeleitet haben, dann sollten wir diesen permanent erhalten. Egal ob wir vorwärts-abwärts dehnen lassen oder vorwärts-aufwärts aufnehmen. Bis wir diesen Rhythmus verändern wollen, müssen die Hinterbeine unentwegt in Richtung Schwerpunkt arbeiten. 

Der Sitz muss wissen , wie er Schwerpunktverlagerungen vorschlägt und umsetzt. Der Sitz muss mit verschiedenen Rhythmen umgehen können, ohne zu verkrampfen. Und der Sitz wird (gerade zu Beginn, bei steigender Ausbildung nicht mehr so intensiv) von der Sekundarhilfe des versammelnden Schenkels unterstützt. Der versammelnde Schenkel ist dafür zuständig, die Hinterbeine beständig und fleißig zu behalten und den Rhythmus zu verändern. Der versammelnde Schenkel schlägt dem Pferd vor, vorzeitiger mit dem Bein den Boden zu verlassen, ohne Rhythmus und Takt zu verlieren. 

Mein besonderer Tipp: Helfen wir uns durch Musik. Ich reite mal zu einer sehr ruhigen Musik, mal zu kraftvoller Musik, die mir den Takt sehr deutlich vorgibt. Diese Methode zeigt auch auf, wie schwer es ist, einen bestimmten Rhythmus einzuhalten. Es wird dabei klar, wie oft wir selbst aus dem Rhythmus kommen und den Takt verlieren. Ja, auch wir Reiter brauchen dann eine gewisse Kondition.

Nutzung der Gerte auf der Kruppe, Hüpfende Kruppe, aus der Hüfte breit tretende Hinterbeine. Viele dieser Symptome lassen sich verhindern, wenn wir den versammelnden Schenkel ordentlich und akribisch ausbilden. Manche Pferde reagieren sofort auf die Bitte, das angesprochene Hinterbein früher vom Boden zu nehmen – andere Pferde jedoch haben den um sich herum biegenden Schenkel, den von sich weg biegenden Schenkel, den direkten Schenkel, den rahmenden und den verwahrenden Schenkel hervorragend verstanden, können diese Hilfen auch separieren, aber mit dem versammelnden Schenkel tun sie sich schwer.  

Die Zutaten vermischen. Jede Zutat an sich ist oft gut geübt. Aber die Kombination macht die Sache so schwer. Beugen im Stand sowie ordentlicher Vorgriff der Hinterhand. Das sind und waren zwei Komponenten die meiner Fuchsstute Tabby an sich und separat leicht fallen. Frage ich nach der Kombination, schleichen sich Fehler ein – auch mental ist das Zusammenrechnen der einzelnen Ingredienzen schwer. Bedarf aber, einfach gesagt, der Übung, der Wiederholung und der Zuversicht. Jede Zutat muss also an sich einzeln ausgebildet und verstanden werden – dann geht es um die gelungene Kombination. Gehen wir auch in Gedanken die Übung vorher durch. Gute Musiker üben viel ohne Instrumente – einfach im Kopf!

In der Kochkunst werde ich vermutlich nie so akribisch über einzelne Zutaten nachdenken. Hier genieße ich einfach. In der Reitkunst macht es jedoch Spaß über alle Einzelheiten zu grübeln und die kleinsten Details zu perfektionieren. 

Wenn es mal nicht so klappt wie gewünscht, dann hilft es immens, sich über jede kleinste Zutat Gedanken zu machen. Und sei sie noch so klein. Dies hilft in der Analyse, was Pferd und Reiter bereits gut können und wo eben noch Trainings – und vor allem Verständnisbedarf besteht. 

Formulieren wir Rezepte – dann Reiten wir Einfach. 

Von Opern und Lipizzanern

Von Opern und Lipizzanern

Die beste Inspiration für die Reiterei bietet oft – das Leben. Und ganz aktuell das Radio. Warum uns die Weisheiten von Opernsängern für die Ausbildung von Jungpferden dienlich sein können – darum geht es in diesem Blogbeitrag. 

Der Erfolg der Nein-Sager

Autofahrt Mitte Juni nach einem langen Unterrichtstag von Niederösterreich zurück nach Graz. Wie üblich nutze ich die Zeit zum Telefonieren – aber auch zum Radiohören. Auf dem Kultursender „Ö1“ läuft ein sehr spannendes Gespräch mit der Sopranistin Marina Rebeka

Rebeka erzählt in einem Interview wie sie mit „La Traviata“ 2007 den Durchbruch geschafft hat. Was hat das nun mit Reitkunst und Reiten zu tun? 

Ganz einfach. Rebeka erzählt genau, wie sie ihre Rollen anlegt. Wann immer möglich studiert sie die Originalaufzeichnungen der Komponisten und hinterfragt: Was hat Puccini für seine Sopranistin verändert? Oft war es so, dass die Sänger dem Komponisten Feedback gegeben haben und noch einige Wünsche – der Stimme des Sängers entsprechend – in die Werke eingearbeitet wurden. 

Erinnert uns dies an das Studium von Reitliteratur? Wenn wir Steinbrecht, Bürger, Pluvinel oder Guérinière studieren – fragen wir uns, ob sie manche Passagen für gewisse Schüler geschrieben haben? Vertiefen wir uns nicht in die Themen, die uns am meisten beschäftigen? Welche Inhalte könnten die Alten Meister ausgelassen und nicht in ihr Werk gepackt haben, da dieser eine Punkt für sie ohnehin essentiell und selbstverständlich war? Wo hat sich die „Stille Post“ der Reitkunst eingeschlichen? Was war gerade „Trend“ und warum? 

Mit den Augen eines Detektivs – oder eben eines Künstlers, der eine bestimmte Rolle anlegen muss zu  lesen, das kann wirklich spannend sein. 

Marina Rebeka fährt in ihrem Interview fort und spricht nun über die Grenzen und Möglichkeiten ihrer Stimme. Ich höre gespannt zu, als der Journalist die Sopranistin nach ihrem Repertoire fragt. Aktuell ist Rebeka im „Belcanto“ zu Hause. Ein Gesangsstil, der in Italien Ende des 16. Jahrhunderts entstand. Weichheit im Ton, ausgeglichene Stimmregister über den gesamten Umfang der Stimme und die Ausschmückung des Gesangs durch Höhen, Triller und Verzierungen zeichnen das Belcanto aus. Rebeka wird nach möglichen Rollen gefragt und überraschenderweise setzt sich die gefeierte Opersängerin Grenzen. 

„Karriere macht man beim Neinsagen“ – gibt sie an. Interessant. Was versteht sie darunter? Rebeka erklärt, dass gewisse Rollen für ihre Stimme zwar sofort möglich wären, allerdings auch weitreichende Konsequenzen hätten. Ein Stück von Wagner singen: Ja. Eine gesamte Oper anlegen: Nein. Diesen Schritt weist sie zum Zeitpunkt des Interviews zurück. 

Nein-Sager für den Ja-Sager? 

Sofort muss ich an meine Lipizzaner Buben Conversano Aquileja (Konrad) und Maestoso Amena (einfach genannt Amena) denken. 

„Konrad“ ist aktuell fünf Jahre alt. Ich kann die Male, die ich auf ihm saß noch immer gut abzählen. Akribische Bodenarbeit ging den ersten Reitversuchen freilich voraus. Immer wieder  muss ich darüber nachdenken Konrads Begeisterung zu erhalten, gleichzeitig aber seinen guten Willen und sein Talent nicht auszunutzen und zu verschleißen. Ja, für Konrad sind sehr viele Dinge möglich. Sein Talent und Potenzial für Schulsprünge hat er schon mehrfach unter Beweis gestellt, er hat das unglaubliche Talent Energie anzuknipsen und sofort wieder auszuschalten. Konrad hat viele Ideen, die in die richtige Richtung gehen – aber nur, um zu imponieren und zu gefallen benutzt er dann manchmal auch nicht die richtigen Muskelverbindungen. Der Wille zu gefallen, kann auch in Stress ausarten. Muss ich also immer zum Nein-Sager für meinen lieben Ja-Sager werden. Ich sage mal „jein“. Die Wahrheit liegt dazwischen. 

Die Alten Meister haben eindringlich vor einer zu frühen Ausbildung (und Ausbeutung) junger Pferde gewarnt. Selbst wenn Konrad so „spendierfreudig“ ist. Ich muss einerseits versuchen, die Qualität meines Pferdes nicht als Selbstverständlichkeit zu nehmen, mich immer über seine Ideen zu freuen. Egal ob es um das Verständnis für den „um sich herum biegenden, inneren Schenkel“ geht oder um versammelnde, erste Tritte. Ich möchte Konrad immer ein gutes Feedback geben. 

Dazu gehört aber auch zu manchen Ideen vorsichtig „Nein“ zu sagen. Oder noch besser – die gute Idee von Konrad sehr wohl zu loben, aber nicht zu stark an diesen Angeboten zu feilen. 

Eines Tages saß ich auf Konrad in der Halle. Ich wollte anreiten und Konrad wollte fünf Schulparaden mit mir drauf machen. Ich war Passagier, Konrad fleissig am Hanken biegen. Meine liebe Freundin und Kollegin Julia Kiegerl hat uns aus unserem Stüberl beobachtet. 

„Wahnsinn, war das Absicht“, lautete ihre prompte Reaktion auf Konrads Ideenreichtum. 

„Nein“ sagte ich: „Ich will eigentlich nur Schritt reiten“. 

In einer solchen Situation werde ich künftig auch an die Opernsängerin denken. „Die Partitur ist aktuell machbar, aber die Konsequenzen für die Stimme nicht unerheblich“. 

Wenn ich Konrads gute Ideen „abwürge“ indem ich sie negiere, werde ich auch seine Kreativität und Motivation „killen“. Daher nutzen wir den Ideenreichtum einfach anders. Wir haben Stunden, da steht genaues Feilen am Stundenplan (findet Konrad eher öde), wir haben Stunden, da dürfen wir in Freiarbeit oder im Spiel mit mir alles ausprobieren und uns austoben (liebt Konrad sehr). Und selten aber doch, da reiten wir, wobei ich hankenbiegende Angebote von Konrad toll finde, auf meinem Lehrplan steht jedoch Schritt, Trab und Galopp – und das gleichmässig! Und ganz viel Seele baumeln lassen und im Wald spazieren gehen – das steht aktuell auch auf dem Stundenplan. 

Opernsänger haben die Wahl, ob sie eine Rolle annehmen oder nicht. Mein Vater – Opernliebhaber durch und durch hat mir prompt von einer Opernsängerin erzählt, die mit Anfang 20 große und bekannte Rollen gesungen hat. Später hat man nicht mehr viel von ihr gehört. Opernsänger haben freilich die Wahl. Sie können sich entscheiden. Hier liegt die Verantwortung bei uns – bei einer maßhaltenden und passenden Ausbildung. 

Vom Maßhalten zum Maßband

Maestoso Amena wächst und wächst und wächst. Mit seinen drei Jahren ist er schon größer als Konrad. Und auch mental möchte Amena über sich hinaus wachsen. Seit einem halben Jahr ist Amena nun bei uns und hat sich gut am „Horse Resort am Sonnenhof“ eingelebt. Vorgewarnt durch Konrads leichtfuttriges Wesen zog er zu Beginn zu ebendiesem in den Offenstall. Hat nicht funktioniert. Amena hat mehrfach nachgefragt: „ob Konrad denn wirklich der Chef ist“. Die beiden haben nie wirklich schlimm gestritten, Konrad war ob des Nebenbuhlers beinahe schon depressiv und Amena ist im Gegensatz zu Konrad nicht so sehr mit der Futteraufnahme beschäftigt – er nahm also nach den Strapazen der Kastration und Umsiedelung nicht wirklich gut zu. Also durfte er eine Paddockbox bei den „Nordwallachen“ beziehen. Große Weiden, viele Spielkameraden – Amena hat ein unbeschwertes Wesen, eckt mit niemandem an (so lange kein zweiter Lipizzaner in der Nähe ist, mit dem man über die Weltherrschaft diskutieren könnte). Konrad ist ebenso erleichtert, muss er den schrecklichen Nebenbuhler nicht ständig vor der Nase haben. Amenas Einzug hat Konrad wirklich etwas besorgt, man muss sich – so habe ich gelernt an ein paar Regeln halten, damit man es sich mit beiden Herren nicht verscherzt. So hat Amena viele Freunde – unter anderem auch Julia Kiegerl, die intensiv bei der Ausbildung von Amena dabei ist. 

Amena und Konrad haben in dieser Hinsicht viel gemeinsam. Geduld ist nicht ihre Stärke, sie möchten am Liebsten alles auf einmal lernen. Also auch hier ist ein maßvoller Stundenplan von Nöten. Auch hier? Nein, diese Regel gilt bei so ziemlich jedem jungen Pferd. Die meisten Jungpferde sind unheimlich wissbegierig, sie möchten etwas tun, sie möchten etwas lernen. So macht Ausbildung wirklich Freude. Vor allem, wenn man von den Pferden so viel Feedback  bekommt. Amena und Konrad kommen IMMER angelaufen oder begrüßen uns schon vom Paddock aus, wenn wir am Parkplatz anhalten. Demnächst werde ich sie mal fragen, was sie von Mozart und Puccini halten. Wer weiß, was die Beiden über die Weisheit aus der Oper denken?  

ERP-27: Schulterherein

ERP-27: Schulterherein

Schulterherein wird als das Aspirin der Reitkunst beschrieben. Gleichzeitig bereitet es aber auch viel Kopfzerbrechen. In Podcast-Folge 27 habe ich mir ein paar Gedanken über das Schulterherein gemacht.

Viel Spaß beim Reinhören

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