Sekundäre und Primäre Hilfen

Sekundäre und Primäre Hilfen

Eine Hilfe ist nur dann eine Hilfe, wenn sie tatsächlich hilft. Anders gesagt unterscheiden wir in der Akademischen Reitkunst zwischen p

Primärer und Sekundärer Hilfengebung. Welche Hilfen das sind, und wozu wir sie brauchen, darüber heute mehr: 

Ein voller Werkzeugkoffer

In der Akademischen Reitkunst steht uns eine Bandbreite an Hilfen zur Verfügung. Anders gesagt erarbeiten wir uns Schritt für Schritt einen vollen Werkzeugkoffer. Die Basis für alles ist unsere Primärhilfe. Vom Sattel ausgesehen ist die Primärhilfe der Reitersitz – vom Boden aus betrachtet unser Körper, der freilich beabsichtigt oder unbeabsichtigt eine große Menge an Information an das Pferd weiter gibt. 

Mit dem Körper sprechen

Das fällt uns in unserem Alltag wahrlich schwer. Lassen wir unsere Phantasie rund um unser Privatleben spielen: Stellen wir uns vor, unsere Beziehung wäre gerade mal vor drei Tagen gescheitert. Oder das andere Extrem: Wir haben im Lotto gewonnen! Wie würden wir mit beiden Szenarien in unserem beruflichen Alltag umgehen? Poker Face ist gefragt. Wir können im Umgang mit Kunden oder Kollegen nicht einfach so Emotionen teilen, auch wenn es quasi der Höflichkeit geziemt, das Gegenüber nach dem Befinden zu fragen. Wir sagen also salopp „Gut“, auch wenn es uns innerlich vor Traurigkeit oder Freude zerreisst. 

Ich erlebe oft, dass wir im Alltag unseren Körper nicht mehr zum Sprechen benutzen, kommen wir dann aber zum Pferd, dann überschwemmen wir es möglicherweise mit Information. Wir möchten unser Pferd führen und ein paar mal gemeinsam angehen und miteinander anhalten. Unmöglich, denn wir lassen uns weder für eine adäquate Distanz Zeit, noch drückt unser Körper tatsächlich aus, was wir möchten. 

Anna Eichinger

Wir treffen, frisch aus unserem hektischen Alltag auf ein Wesen, das IST. Das Pferd lebt im Moment. Wir sind noch halb im Büro, halb schon bei der Arbeit mit dem Pferd, ohne mal durchzuatmen und uns zu erden. 

Um unsere Primärhilfe vom Boden aus adäquat zu schulen, hilft ein wenig Achtsamkeit. Oder auch Meditation. Klar sprechen wir auch durch unsere Stimme mit dem Pferd – wer sich der Wirkung des eigenen Körpers klar bewusst ist, der ist in Punkto Kommunikation nicht Passagier, sondern hat Wortwahl und Ausdruck selbst in der Hand. 

Was wir zu sagen haben? 

Unser Körper kann dem Pferd eine ganze Menge sagen. Wir können Energie hoch und runter fahren. Wir können uns in verschiedenen Qualitäten bewegen – langsam oder schnell, ruhig oder im Stakkato. Wir drücken auch unsere Gefühle aus – ob wir uns freuen oder nicht, ob wir unser Pferd motivieren können – all das gehört zur Kommunikation dazu. Unser Körper ist nicht nur der Sitz. Und freilich können wir sehr viel von dem, was wir unserem Pferd zeigen wollen durch Spiegeln erleichtern. Nehmen wir das Beispiel Schulterherein in der Bodenarbeitsposition. 

Vom Sattel aus gesehen würden wir – ganz vereinfacht gesagt in der Hilfengebung die äußere Schulter ein wenig nach vorne nehmen, die innere Schulter etwas hinter die innere Hüfte. Der innerer Schenkel lädt das Pferd ein, etwas mehr in Richtung Schwerpunkt zu treten. Das geht auch von „unten“ aus der Bodenarbeitsposition. 

Nun stehen wir vor dem Pferd. Die linke Schulter ist außen, die rechte innen. Ich stelle mir gerne vor, auf den Schultern des Reiters wären Zügel montiert, die ein imaginärer Reiter in der Hand hält. Um den Außenzügel zu benutzen, nimmt der Mensch vor dem Pferd die linke Schulter etwas zurück, die rechte Schulter neigt sich zum Pferd. Die rechte Hüfte bzw. das rechte Bein laden das innere Hinterbein des Pferdes ein, nach vorne zu fußen. 

Und vom Sitz? 

Der Mensch denkt, der Körper…nun ja. Der Sitz ist Verschmelzung. Das dachte man sich nicht nur bei Lego, als Reiter und Pferd förmlich ineinander verschmolzen. Antoine de Pluvinel setzte es sich zum Ziel, das Pferd aus der Hüfte heraus zu dirigieren. 


Egal ob wir diese Primärhilfe von unten oder oben ein“setzen“ – die Herausforderung ist: Der Sitz ist immer da. Er kann missverständlich sein? Der Reiter kann seinen Körper nicht unter Kontrolle haben? Der Reiter kann zu fest, zu weit vorne, zu weit hinten, zu tief, zu hoch. Nun ja – auf viele Weisen „zu viel“ sitzen – oder eben das Gefühl haben – alles was man tut ist definitiv zu wenig. 

Einfach drauf sitzen und machen – leider nein. Der eigene Körper benötigt, um mit dem Pferd in Einklang zu kommunizieren sowohl vom Boden wie auch vom Sattel ein gutes Bewusstsein und Achtsamkeit. 

Erst dann kommt die technische Komponente. Eines sei gesagt: So wie man sich im Alltag bewegt, so ist man meist vor und auf dem Pferd! 

In der Akademsichen Reitkunst unterscheiden wir weiter zwischen physischem, statischem und fühlenden Sitz: 

Der Physische Sitz greift also die Bewegung auf – es geht um die dreidimensionale Schwingung der Wirbelsäule des Pferdes. Unser Wunsch und Ziel ist es, diesen Bewegungen gleichsam wie Pluvinel es definierte aus den Hüften heraus folgen zu können und  bestenfalls die Schwingungen zu beeinflussen, ohne die Hand zu benutzen, die völlig unabhängig vom Sitz sein muss. 

Der Statische Sitz befasst sich mit dem Gleichgewicht. Ziel ist ein Pferd zu haben, das mit beiden Hinterbeinen in Richtung Schwerpunkt fußen kann. Der Statische Sitz bedeutet für den Reiter: Sein Gleichgewicht finden und mit dem Gleichgewicht spielen, so dass das Pferd den vom Reiter vorgegebenen Gleichgewichtsrichtungen folgen kann. 

Was wäre der Sitz ohne Gefühl? 

„Nur einen denkenden Reiter kann man einen fühlenden Sitz lehren, denn der Reiter muss verstehen, was er fühlt“.

Bent Branderup

Anders gesagt – ohne Theorie keine Praxis und ohne Praxis keine Theorie – das ganze wäre aber nur halb so schön, wenn wir das, was wir unter uns oder neben uns wahrnehmen nicht in Gefühle und kleine Details packen könnten. Erst dann wird Reitkunst lebendig. 

Sekundarhilfen

Zu den Sekundarhilfen zählen wir die Hand, die Gerte, das Bein und die Stimme. 

Die Gerte

Gerade in der Bodenarbeit benutzen wir die Gerte als zeigende Hilfe, um in der Ausbildung dem Pferd die Funktion und Bedeutung des inneren Schenkels, des äußeren Schenkels, des inneren Zügels und des äußeren Zügels begrifflich zu machen. 

Die Holzgerte findet aus Respekt vor dem Pferd Verwendung. Sie würde bei Missbrauch zerbrechen – und heute kann man noch in Punkto ökologischer Nachhaltigkeit die Verwendung von Plastik ausschließen. 

Die Gerte ist also ein wichtiges Hilfsmittel, um dem Pferd die Führung zwischen den Schultern sowie Schulterherein und Kruppeherein in der Bodenarbeit zu erklären. Hand und Bein gehören ebenso zu den Sekundarhilfen dazu. Die Hand wird vor allem in der Handarbeit geschult, denn dann ist der Reiter genauso neben dem Pferd positioniert, als ob er im Sattel säße. Die einhändige Führung über dem Widerrist macht klar, was aus der Hinterhand an Information an die Hand getragen wird – oder eben nicht. 

Sechs Schenkelhilfen runden das Spektrum der Sekundarhilfen ab – nur um einen kurzen Überblick zu geben unterscheiden wir:

  • den inneren, um sich herum biegenden Schenkel
  • den äußeren, von sich weg biegenden Schenkel
  • der direkte Schenkel wirkt auf das gleichseitige Hinterbein ein und animiert es zum Vorgriff, 
  • der verwahrende Schenkel wacht darüber, ob ein Hinterbein zu breit tritt
  • der umrahmende Schenkel sorgt für Ordnung, wenn ein Hinterfuß zur gegenüberliegenden Seite ausfällt
  • und dann gibt es natürlich noch den versammelnden Schenkel. 

Neben diesem Kammer-Orchester an Hilfengebung haben wir natürlich noch den Sopranisten zur Verfügung – also unsere Stimme. Aber bitte nicht hoch und laut 😉

Stimmhilfen

Mit dem Pferd zu sprechen, es aufzumuntern, zu beruhigen und es zu bestätigen hat sich immer noch bewährt. Gerade bei den Alten Meistern finden wir auch viele Hinweise, wie man mit dem Pferd sprechen soll: 

Von den fünf Sinnen, mit denen alle Tiere genauso wie der Mensch von der Natur ausgestattet worden ist, gibt es drei, mit denen man bei der Ausbildung eines Pferdes arbeitet. Der Gesichtssinn, das Gehör und das Gefühl. Man motiviert und lobt das Pferd, wenn es in der Schulung des Gesichtssinns sich erschreckenden Gegenständen mutig nähert. Kein Tier ist so empfindlich, wie das Pferd. Fahren wir weiter behutsam mit viel Lob für jeden richtigen Schritt fort, können wir auch den Gehörsinn abrichten, indem man es an laute Geräusche gewöhnt. Aber auch auf den Zungenschlag lässt sich das Gehör und somit die Motivation hin richten. Den sanften Ton der Stimme, die ein Reiter zur Liebkosung anwendet, oder auf einen raueren Ton, dessen er sich als Strafe bedient – auch diese Geräusche lernt das Pferd als wichtige Hilfe kennen. Und natürlich spricht der Reiter somit auch das Gefühl des Pferdes an, bestätigt es durch Schmeicheln, korrigiert es durch Tadel. Wichtig ist jedoch, dem vierbeinigen Schüler stets ein gutes Gefühl im gemeinsamen Arbeiten zu geben. 

François Robichon de la Guérinière 


Hilfengebung Live 

Wer sich näher mit Primär- und Sekundarhilfen beschäftigen möchte, der kann sich auf die Kurse mit Bent Branderup freuen. Am 20. und 21. April 2019 referiert Bent Branderup in Sandberg nahe Wien über die Sekundarhilfen, die Fortsetzung gibt es dann am letzten 29. und 30. Juni Wochenende in Hart bei Graz zum Thema Primärhilfe


ERP-26: Der magische Knopf

ERP-26: Der magische Knopf

Und bist du nicht willig – dann brauche ich einen magischen Knopf. Wie oft haben sich Reiter bereits einen Knopf zur Lösung aller reiterlichen Probleme gewünscht?
In der heutigen Podcast Folge denke ich nach, über häufig gehörte Aussagen am Reitplatz, über die Frage von Geduld und Ungeduld – und über das Genießen eines gemeinsamen Weges.

Viel Spaß beim Reinhören!

Das Megasus Update

Das Megasus Update

Ein Hufschutz – ein Kartenspiel – und die Frage nach dem Warum? 

Erinnert ihr euch noch an meinen Erfahrungsbericht mit den Megasus? Den blitzblau-orangen Hufschutz zum Kleben oder Kletten? Das Feedback meiner Pferde war überwältigend. Umso heftiger war die Nachricht kurz vor Weihnachten: Megasus ist insolvent. Platzt der Traum von der Entwicklung eines Hufschutzes, an den so viele Erwartungen geknüpft waren? 

Kickstarter hauchte dem Konzept des Megasus vor drei Jahren erstmals Leben ein. Ausgerechnet Kickstarter soll die Horserunners erneut vor dem Aus retten? Ich habe mich darüber mit Louisa aus dem Gründerteam von Megasus unterhalten. 

Louisa, wie ist aktuell die Lage? 

Louisa: Nach der Fernsehsendung „zwei Minuten, zwei Millionen“ hatten wir viele Gespräche. Es war aber auch klar, dass wir eine höhere Summe gebraucht hätten, als die von Herrn Haselsteiner avisierten 500.000 Euro. Wir hatten zwar sehr auf eine Lösung gehofft – aber ich musste dann doch Insolvenz anmelden – kurz vor Weihnachten. Das war natürlich extrem bitter!

Ich kenne euer „Mastermind“ Charly seit mehr als 20 Jahren – immer bemüht eine Lösung für die Pferde in Punkto Beschlag zu finden. Als ich die erste Kampagne und den ersten Youtube Film im Internet gesehen habe war ich restlos begeistert und mit mir viele tausende Andere. Provokant gefragt – wie kann bei einer solch großen Unterstützung ein so tolles Produkt Schiffbruch erleiden? 

Louisa: Ein Produkt wie der Megasus kostet viel Geld. Warum das so ist, erkläre ich gleich noch ausführlich. Fakt ist, wir hatten durch die Kickstarter-Kampagne insgesamt rund 151.000 Euro lukriert – also es waren 170.000 US Dollar. Die Werkzeuge alleine kosten allerdings 700.000 Euro, um den Megasus serienmässig auf den Huf zu bringen. 

Warum ist das so aufwendig, wenn ich es mit anderen Hufschuhen oder Klebebeschlägen vergleiche? 

Louisa: Das liegt an den zwei Komponenten des Megasus. Man könnte quasi sagen: Raue Schale, weicher Kern. Sein Herz macht den Megasus so einzigartig. Das heißt, der Megasus ist einerseits mit einer gewissen Härte ausgestattet, andererseits verfügt er über einen optimalen Stoßdämpfer. Das macht ihn einzigartig im Vergleich zur Konkurrenz – einzigartig aber auch in der Herstellung. Zusätzlich ist er durch die individuelle Anpassung der Klips tatsächlich wie ein maßgeschneiderter Turnschuh – und nicht wie ein Produkt von der Stange. Das macht die Unterstützung für den Huf so einzigartig, die Produktion aber eben besonders aufwendig. 

Aufwendig war auch die erste Kickstarter-Kampagne und oft lese ich noch Kommentare auf Facebook, wo kritisiert wird, dass Unterstützer ihr Produkt nicht bekommen hätten? 

Louisa: Ja das ist auch vorgekommen – allerdings wurde uns in dem Fall bei der Kampagne die Adressdaten nicht mitgeteilt – sprich online wurden nicht alle Angaben korrekt eingegeben. In solchen Fällen haben wir natürlich auch nachgefasst, aber trotzdem haben wir auf die Bitte um fehlende Daten nicht immer Antwort bekommen. Das waren aber nur ein paar wenige Kickstarterunterstützer, die allermeisten haben ihren Reward erhalten. Zusätzlich hatten wir auch ein Crowdinvesting von Green Rocket…

Was ist Greenrocket? 

Louisa: Das ist ein Crowdinvesting. Kickstarter ist ja ein Crowdfunding und zwar „reward based“, das bedeutet, dass man sich einen „reward“ aussuchen kann, also eine Belohnung, die man dann, sollte die Erfindung umgesetzt werden, auch bekommt. Beim Crowdinvesting investiert man Geld in eine Idee in Form eines Nachrangdarlehens. Bei positivem Geschäftserfolg erhält man Zinsen, einen Gewinnanteil und einen Anteil an der Unternehmenswertsteigerung. Bei einer Insolvenz wird man allerdings ganz hinten in der Gläubigerliste gereiht, so dass ein hohes Risiko besteht, leer auszugehen. Das sieht man allerdings erst, wenn der Kaufpreis für die Konkursmasse feststeht.

Wie geht es dir, wenn du solche Kommentare liest? 

Louisa: Ich bin riesig dankbar über die vielen Unterstützer, die unseren Weg begleitet haben. Viele haben uns gefragt, warum wir nicht von Anfang an einen Investor genommen haben. Bei unseren Vorgängerprodukten hatten wir bereits Erfahrung mit Investoren gesammelt und dieses Mal sollte es wirklich ein Produkt werden, dass für unsere Pferde gebaut ist und nicht andere Interessen verfolgt werden. So lautete der Auftrag früher, ein Produkt zu bauen, mit dem der Hufschmied gut umgehen kann.– bei Megasus hatten wir von Anfang an eine Mission im Kopf: Nämlich tatsächlich den Umstieg von Eisen auf Barhuf zu ermöglichen oder die Hufeisen zu ersetzen. Wir wollten uns nicht daran orientieren was ein Hufschmied braucht, sondern daran, was ein gesunder Huf braucht. 

Es gab auch Stimmen, die sich enttäuscht zeigten über die Mängel bei der Klettvariante? 

Louisa: Wir haben während der Kickstarter-Kampagne natürlich nicht Däumchen gedreht, sondern weiterentwickelt. Und Kickstarter bedeutet ja auch, dass man nicht ein fertiges Produkt kauft, sondern gemeinsam mit uns etwas entwickelt. Jedes Feedback unserer Kunden war wichtig. 

Leider hatten wir dann den Fall, dass der Lieferant der Klebeverbindung zwischen Klettband und Side-Clip Mängel in der Produktion aufwies. Mal war diese Klebeverbindung super, doch dann gab es immer wieder Chargen mit außerordentlichen Mängeln. Das war wirklich Pech für uns, denn wir mussten viele Side-Clips ersetzen, was viel Geld und Zeit gekostet hat.

Was wir noch gelernt haben? Nicht immer war die gewünschte Klettvariante dann tatsächlich die beste Lösung für das betreffende Pferd. Wie schon gesagt – wir wollten immer das Pferd mit seinen Bedürfnissen in den Vordergrund stellen. Dann kommen freilich die Bedürfnisse des Reiters dazu, der möchte gerne länger ausreiten gehen, vielleicht springen, benötigt Stollen usw.; All das ist mit dem so genannten „Run’n’Fun“ Modell – also der Klebevariante problemlos möglich. Wir hatten eingefleischte Barhuf-Fans, die dann sehr happy waren mit der Run’n’Fun Variante, die mehrere Wochen am Pferd bleiben konnte. Der Vorteil – nach der Demontage des Megasus – man kann sofort barhuf reiten – das ist bei anderen Modellen vielleicht auch nicht immer so easy möglich. Wir haben mit der Zeit eben erst gemerkt, für wen sich welches Modell tatsächlich im Alltag am besten eignet und dementsprechend auch die Produktnamen gewählt. Demnach ist der „Med’n’Rehab“ ein Modell, das vor allem in einer akuten Reha-Phase optimal ist, wenn öfter am Huf was gemacht werden muss – das Pferd aber trotzdem einen Hufschutz braucht. 

Warum sollte man jetzt noch überhaupt in Megasus investieren und euch unterstützen? 

Louisa: Kaiser Wilhelm II. hat in Deutschland zu Carl Benz gesagt, dass er nicht an die Erfindung des Automobils glaube. Pferde seien die Zukunft. Na wenn der Kaiser das sagt, dann hat das Projekt Auto ordentlich Gegenwind, nicht wahr?

Mein Pitch an alle ist daher: Wir brauchen natürlich Durchhaltevermögen. Unsere Mission ist tatsächlich das Eisen abzulösen. Wenn ich Leute gefragt habe, ob sie sich Pferde mit Eisen in 10, 20 oder 30 Jahren vorstellen könnten, dann habe ich meist die Antwort erhalten: Nein – das ist doch nicht die Zukunft. Große Erfindungen – große Veränderungen brauchen ihre Zeit. Wir sind dran. Wir haben uns nicht entmutigen lassen. Wir haben auch jetzt genügend Material aus Langzeitstudien – wir konnten Vorurteile widerlegen und konnten nachweislich zeigen, dass der Megasus weder den Huf einengt noch auf Dauer abhängig macht von einem Hufschutz. Ob man uns unterstützt, das darf zum Glück jeder selbst für sich entscheiden – aber in erster Linie verliere ich auch nicht den Glauben an die Sache durch unser Team, das vom Megasus überzeugt ist und uns auch trotzdem weiter unterstützt – auch wenn wir quasi nicht mehr unter normalen Voraussetzungen miteinander weiterarbeiten konnten. 

Louisa, Team Megasus

Ich muss nochmal fragen – warum soll man euch unterstützen, wenn es doch viele andere klebbare Varianten von Hufschutz gibt oder eben auch Hufschuhe? 

Louisa: weil Megasus der einzige Hufschutz ist, der das Eisen tatsächlich ablösen kann. Es gibt viele klebbare Hufschuhe, die allerdings vom Material zu weich sind. Man kann auch keine Stollen eindrehen, oder auf jedem Terrain unterwegs sein. Möglicherweise ist das Material auch zu hart und dann rutscht das Pferd weg. Es handelt sich durchweg um einkomponentige Produkte, die natürlich in der Herstellung um ein Vielfaches günstiger sind. Der Megasus mit seinen zwei Kunststoffkomponenten ist halt wirklich ein Premiumprodukt mit der Härte des Hufs, aber der Stoßdämpfung für die Gelenke – sowie gutem Grip. Man kann vom Hufeisen nicht unbedingt auf jeden Klebebeschlag umsteigen, weil manche eben zu weich sind. Der Huf stößt dann vom starren Gefühl des „Eingegipst“ seins zu viel zu viel Bewegung im Huf. Das schmerzt, es kommt zu Abszessen. 

Es gibt Lösungen mit Metallkern – dann ist man aber wieder mit Metall unterwegs – alternative Hufbeschläge sind in den letzten Jahren auf 10 Prozent Marktanteil gestiegen. Also alle Alternativen im Vergleich zum Eisen. 90 Prozent der Reiter sind mit Hufeisen unterwegs – und das ist halt unsere Mission – tatsächlich einen machbaren Übergang und Umstieg zu bieten. 

Und vergleichbare Modelle zum Kleben oder Kletten? 

Louisa: Diese haben durch die beweglichen Klipps einen Vorteil nicht, den der Megasus hat: Der Megasus kann jede Hufform abbilden, jeder Clip passt sich individuell an die Begebenheiten an. Durch diese individuelle Anpassbarkeit kann man orthopädisch gut auf die Situation eingehen. Hier sind zwei weitere Begriffe wichtig, nämlich Pronation und Supination. Unter Pronation beschreibt man die Einwärtsdrehung einer Gliedmaße – das ist damit die Gegenbewegung zur Supination. Bei der Pronation des Hufs handelt es sich um eine natürliche Dämpfungsbewegung nach innen – aber es kann auch zuviel sein. Sprich eine Überbewegung wirkt sich schädlich auf Sehnen, Bänder und Gelenke aus. Laufschuhe werden heutzutage auch genau an die individuelle Bewegung angepasst. So werden die meisten Laufschuhe im Außenbereich abgenutzt. Durch mehr Hufschutzüberstand innen haben wir beispielsweise bei deiner Stute Tabby versucht, das Ungleichgewicht der Hufwände auszugleichen. Damit wurde eine Stabilisation der Hufsituation erreicht. Wir wollten somit ein Abkippen nach innen verhindern. Dies passiert bei uns Menschen beispielsweise, wenn wir zu weiche, instabile Schuhe tragen – zum Beispiel bequeme Plastiklatschen im Sommer. Wir kippen dann mit den Füßen über den Schuh hinaus. Der Megasus kann eben hier durch das Clip-System eine orthopädische Verbesserung schaffen. Mittlerweile haben wir nach vielen Tests auch hier zahlreiche Dokumentationen, die den Erfolg dieses Systems bestätigen.

Was habt ihr noch durch eure Dokumentationen herausgefunden? 

Louisa: Eine Frage lautete: Wird der Huf durch den Megasus geweitet? Da können wir jetzt ganz klar sagen – Nein, er bekommt eine ursprüngliche, stabile Hufform, selbst im Dauereinsatz.

Themenwechsel – das liebe Geld. Natürlich hat das Megasus-Probetragen meiner Pferde auch für Interesse gesorgt und viele Fragen erreichten mich auch über Facebook oder direkt Face to Face. Oft wurde hier aber die Preisfrage genannt, wenn es um die Frage ging: Megasus oder eben doch eine andere Variante. War bzw. wäre der Megasus einfach zu teuer? 

Louisa: Wenn man an Preise denkt, haben die Pferdebesitzer das Intervalldenken des Hufeisens im Kopf. Der Megasus durchbricht dieses Denken, weil man nach sechs Wochen Montage in der Regel noch 1-3 Wochen Barhuf weiterreiten kann, weil so viel gesundes Hufhorn nachgewachsen ist. Es kommt natürlich darauf an, wo die Pferde gehalten werden, welcher Untergrund vorhanden ist und wie man reitet. Tester haben berichtet, dass sie – da sie den Megasus mal montiert hatten und dann wieder eine Barhuf-Phase eingelegt hatten – eben auf die gleichen Kosten wie mit einem Hufeisen gekommen wären. Auch Sommer und Winterverhältnisse machen da sicherlich einen Unterschied. Grundsätzlich kostet der Megasus das 1,5 oder 2-fache eines Hufeisens. Allerdings können die Sohlenplatten mehrfach verwendet werden. 

Bei der berittenen Polizei in Houston hat man eine spannende Sache festgestellt – die Pferde wurden auf barhuf umgestellt und einige Pferde, die man eigentlich schon in Pension schicken wollten, konnten sich wieder besser bewegen. 

Für mich ist es eine gewisse Logik, dass ein Eisen Schaden verursachen muss. Ein Orthopäde würde uns Menschen ja auch keinen Eisenschuh bei einem Senkfuß verordnen. Die Frage ist – gebe ich für spätere Behandlungen mehr aus oder lasse ich es gar nicht so weit kommen?  

Ihr wollt nochmal durchstarten mit einer völlig verrückten Idee – noch bevor die Idee konkret präsentiert wurde, gab es schon Postings zu lesen mit dem Tonus: „Die haben es vergeigt, nochmal kriegen die meine Unterstützung nicht“. Was sagst du dazu? 

Louisa: Wir haben versucht mit wenigen Mitteln das Unmögliche zu schaffen. Eine Sache abzulösen, zu der es tausende Jahre keine Alternative gab. Bislang hat das ja auch noch niemand geschafft, das Hufeisen nachhaltig abzulösen. Stillstand bringt uns ja nicht weiter. Es hätte sein können – und wir sind extrem weit gekommen – deswegen stecken wir den Kopf nicht in den Sand und geben nicht auf. Ab heute gibt es auf Kickstarter das lustige Kartenspiel. Das Spiel macht einfach Spaß und du kannst ein Kartenspiel bekommen – oder eben nicht. 

Erzähl mal mehr über das Kartenspiel?

Louisa: Die Mutter meiner Freundin hat jahrelang in einer Sockenfabrik gearbeitet. Irgendwann hat die Firma das Gehalt in Socken bezahlt, als alles eingestellt wurde – also bekam jeder jahrelang quasi Socken verschenkt, die allerdings im Schuh rutschten und eine Rolle gebildet hat. Und dann kam der Hemdhalter. Eine Erfindung, die es wirklich gibt – also ein Elastikband, wie Hosenträger, aber für Socken und Hemd. Und diese verborgene Erfindung (die übrigens von der US Army etabliert wurde, damit auf der Parade auch tatsächlich alles dort sitzt, wo es sitzen soll) – diese Erfindung wurde eben Inspiration für ein Kartenspiel, das Freunde und Familie zusammenbringt und Spaß macht. Konkret geht es darum Paare zu bilden und diese seinen Mitspielern abzujagen. Ein Heidenspaß für eine gesellige Runde. 

Über Kickstarter kann man also ein lustiges Kartenspiel bekommen…

Louisa: …und damit gleichzeitig Megasus unterstützen. Ja genau. 

Das Kartenspiel ist null Risiko. Du hast es – oder du hast es nicht. Du kannst Kartenspielen – oder eben nicht. Und wenn man die Karten bestellt, dann gibt man auch gleichzeitig eine Unterstützung an Megasus. 

„Straps Collapse“ ist ab heute online – wer es mag auch in einer Megasus Edition. 

Megasus ist ja insolvent und wird von einem Masseverwalter betreut. Steht er hinter der aktuellen Idee? 

Louisa: Ja. Denn es kommt so auch wieder frischer Wind in die Verhandlungen. Die Aktion ist freilich mit ihm akkordiert. Ich bin jedenfalls sehr dankbar für die ersten positiven Reaktionen, nachdem wir unseren Newsletter am Wochenende ausgeschickt hatten. Ich bin dankbar, dass nach wie vor so viele Menschen an unser Produkt glauben. 

Vielen Dank für das Gespräch. 

Straps Collapse zum Spielen findet ihr unter diesem Link

PS: Warum ich dieses Interview mit Louisa geführt habe? Einerseits verfolge ich die Entwicklung von Megasus schon länger. Natürlich habe ich auch die vielen Diskussionen in Social Media verfolgt und wollte nun selbst auch ein paar kritische Fragen stellen. Meine Pferde fanden die Megasus gut, aber die interessieren sich natürlich nicht für wirtschaftliche Fragen, Forschung und Entwicklung. Ich selbst wurde nicht selbst und ständig geboren – aber mit einem Traum. Hätte es nicht eine Hand voll Menschen gegeben, die an mich geglaubt haben – ich hätte es wohl selbst nicht geschafft – schließlich waren mir selbst auch einige: „Das geht nicht“, „Das kannst du nicht“-Hürden in den Weg gelegt. Megasus wird einige Handvoll Menschen mehr brauchen, um tatsächlich weiter in der Umsetzung zu bleiben. Unternehmen und nicht Unterlassen – das habe ich vor ein paar Jahren gelernt 😉 

Kursbericht Hanna Engström

Kursbericht Hanna Engström

Vier Tage mit Hanna Engström. Das bedeutet einen herzlichen Gruß an Leiste, Schambein und Sitzknochen und ein Feedback aus dem eigenen Körper – inklusive Wahrnehmung gewisser Körperstellen, die sich bislang chronisch verschwiegen zeigten. 

Dass uns unser Körper und unsere Pferde einiges zu sagen haben, das erkundeten wir am ersten Tag einer viertägigen Tour mit Hanna. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zum Barockpferdehof Schoderlee, wo wir uns darin schulten vorbehaltlos zu lauschen. 

Mit dem Körper zuhören

Was passiert unter uns? Wie bewegt sich unser Pferd? Kann ich die gesamte Wirbelsäule des Pferdes spüren, liegen Teile der Wirbelsäule im Dunkeln oder spüre ich alles gut? Wie ist die Balance wahrnehmbar? Wie ist die Balance zwischen den Schultern verteilt? Kann man als Reiter genau feststellen, auf welcher Schulter mehr Kilo Belastung liegen? Können wir richtig tippen, wo die Zehenspitzen der Vorder- und Hinterbeine auf dem Zirkel hinzeigen, wenn sie in den Sand fußen? Wo schaut das Pferd hin? Nach innen oder nach außen? Wie fühlt sich die Bewegung aus den Hüften an? Rund oder eckig? Mehr nach oben oder nach unten? Mehr nach vorne oder zurück? 

Zunächst ging es einmal darum, vorbehaltlos zu fühlen. Wir Reiter haben ja quasi die Berufskrankheit sofort und immer auf das Pferd einwirken zu wollen, bevor wir überhaupt erkundet haben, was wir beeinflussen möchten. 

Oft steigen wir aufs Pferd und legen gedankenlos voller Eifer los mit Korrekturen, die möglicherweise gar nicht notwendig wären, wenn wir mit unserem eigenen Körper achtsamer umgegangen wären. In den meisten Fällen sitzt der „Fehler“ im Sattel – nicht nur weil er etwas verursacht, sondern weil wir auch unsere eigene Schiefe und Verspanntheit in den Sattel mitnehmen. 

Wenn wir auf unser Pferd hören, dann hören wir auch zwischen den Zeilen Vorschläge. Das Pferd kann uns auch Informationen über unsere Schiefe geben, Informationen, wo im eigenen Körper etwas klemmt und nicht rund läuft. Hier könnten wir durch unsere Atmung einladen, gemeinsam doch etwas mehr in einen bestimmten Körperteil zu atmen. Unser Pferd ist unser bester Coach wenn es darum geht, die Formgebung von Mensch und Pferd zu verbessern. 

Manchmal sitzen wir auch tatsächlich schief – dann kann es hilfreich sein, genau zu beobachten, in welche Richtung der Sattel driftet und uns ganz bewusst gerade zu richten. Auch auf einer Zirkellinie. Ein weiterer Tipp von Hanna, der in den vier Tagen mit ihr immer wieder Erwähnung fand: Sitze ruhig auf drei Punkten zwischen Schambein und beiden Sitzknochen. 

Die Sache mit dem Schambein und der Leiste

Unser Schambein kann so unfassbar viel – es kann unser Pferd tatsächlich zur Mitarbeit aufrufen, wenn der neugierige Jungspund lieber mal aus dem Klassenzimmer schaut. Es kann das Pferd dazu einladen, sich im Widerrist zu heben. Und vom Schambein aus gehts weiter zur menschlichen Leiste. Auch so ein Wunderwerk der Biomechanik – die Leiste macht doch glatt Pferdeschultern leichter und unterstreicht wichtige Mitteilungen in Punkto Stellung und Biegung. 

Mit Conversano Basilika habe ich erstmals Übergänge nur aus der Leiste geritten. Anhalten, wenn das innere Vorderbein gebeugt und gehoben ist und im Stand die innere Schulter mit Hilfe der Leiste leichter machen und so zur Bewegung einladen. Das Wunderwerk der „Leiste“ hatte ich auch bereits bei der Arbeit mit der Garrocha bei Hanna auf Gotland im Dezember 2018 kennen gelernt. 

Was ist schon Zeit? 

Sich wirklich Zeit zu nehmen und in den eigenen Körper zu spüren. Hanna war immer mit großer Geduld bei der Sache. Im Sattel fühlt sich das Hinspüren und Hinhören für viele Reiter an wie eine Ewigkeit – großartige Veränderungen passieren jedoch in Sekundenschnelle. Da reicht es die eigene Wirbelsäule mit der Wirbelsäule des Pferdes gedanklich zu verbinden und schon gibt das Pferd ein zufriedenes Feedback, leckt seine Lippen und findet wie von Zauberhand in die korrekte Biegung. 

Die Köpfe rauchten und einmal mehr bin ich von Hannas schneller und treffsicherer Analyse für Mensch und Pferd begeistert. 

Sitzen wie eine Prinzessin

Am zweiten Kurstag waren wir im Equimotion bei Sandberg/ Mannersdorf in Niederösterreich. Zuerst wurden die Reiter in Punkto Achtsamkeit aufgewärmt – im Zentrum war dabei unser eigener Körperschwerpunkt. 

Den Schwerpunkt bzw. die Ruhe zu finden, das war dann in den Praxiseinheiten wichtiger Bestandteil. Immer wieder brachte Hanna quasi Ruhe in den Sattel. Die Pferde gaben sofort zufriedenes Feedback – Reiter und Pferd fanden Harmonie und Stabilität. 

Einige Reiter hatten den Wunsch auch auf einem flotten Pferd sitzen bleiben zu können. Hanna erinnerte immer wieder an den Drei Punkte Sitz, an die Plattform zwischen Schambein und Sitzbeinknochen, die auch bei höherem Tempo nicht verloren gehen soll. Den einen half das Bild vom sich ausbreitenden Keksteig, den anderen wiederum die Verbindung zum Pferd über das Schambein und anschließend über die Sitzknochen zu suchen und zu behalten. Zur natürlichen Schiefe fiel auf, dass die meisten Pferde auf der rechten Hand deutlich größere Probleme hatten, den Sattel mittig auf dem Rücken platziert zu behalten. 

Sitzen wie eine Prinzessin – das war vor allem beim Thema Versammlung das Motto. Nicht immer ist der Wunsch nach mehr Aktivität aus der Hinterhand der Weisheit letzter Schluss. Die Hinterhand soll versammeln, die Schultern frei und leicht werden. Was aber, wenn die Schultern blockieren? Mit Hannas Hilfe gelang es Teilnehmerin Katharina sowohl vom Boden, als auch vom Sattel aus den Fokus mehr auf eine Unterstützung der Schulterfreiheit aus dem Sitz heraus zu lenken. 

Wer in der Versammlung quasi mehr Aufwand betreibt als sein Pferd – der hat schon verloren. 

Angst vor der Geschwindigkeit

Viele Reiter kennen dieses Thema. Die Angst vor einem höheren Tempo lässt uns im Sattel verspannen. Hanna rät in solch einem Fall das Gefühl mal einfach so zu nehmen wie es ist. 

Es braucht einfach Zeit und den meisten Druck macht man sich ja häufig selbst. Gerade wenn man sich unsicher auf einem Pferd fühlt, kann der tägliche Bewegungscheck – die Analyse, was der Reiter, wie erfühlt immens unterstützen. 

„Macht der Körper einen Vorschlag, in welches Körperteil man genau seinen Atem schicken kann? Dann atme genau dort hin“

Hanna Engström

Hanna regt an, die Bilder von Eleganz und Bequemlichkeit gleichzeitig parat zu halten. 

Dieses Bild konnten wir auch am Wochenende am Kurs in Graz für die Arbeit mit den Nachwuchspferden gut gebrauchen. Vor allem, da wir unsere jungen Pferde häufig vor einer Überbelastung schützen möchten, sitzen wir nicht ordentlich im Sattel. Wir nehmen nicht richtig Platz. Die Folge: Ein übertriebenes Lehnen nach vorne belastet die Vorhand und Schultern noch mehr. Hanna zeigte den aktiven Teilnehmern, wie sie nach und nach aus einem leichteren Sitz deutlich mehr auf die Sitzknochen kommen konnten. Das Wichtigste ist jedoch: Tu nicht zuviel im Sattel. Je ruhiger wir im Sattel auf unserem Dreieck zwischen Schambein und Sitzknochen bleiben, umso zufriedener ist unser Pferd. 

Das Thema Schulterbelastung blieb quasi präsent – jeder Reiter sollte immer wieder angeben, welche Pferdeschulter mehr Gewicht zu tragen hatte – und Hanna fragte hier auch exakt nach einer gefühlsmässigen Kiloangabe. Zu Beginn mögen diese Detailfragen zwar überraschen – aber es zeigte sich immer wieder – die bloße Auseinandersetzung und Achtsamkeit mit kleinen Details verbesserte den Bewegungsablauf von Pferd und/oder Reiter erheblich. 

Bewegung – marsch

Nach zwei Tagen im Auto und den noch frischen Märztemperaturen waren wir Samstag früh auch sehr froh über die Theorieeinheit, die Hanna am Horse Resort am Sonnenhof in der Steiermark recht praktisch ausfallen lies. Jeder Teilnehmer konnte sich bewegen, dabei war es wichtig, ob wir individuell ein schnelles oder langsameres Tempo vorzogen. Schnell zeigte sich – nicht immer ist die ursprüngliche Wahl tatsächlich für uns geeignet. Einige von uns marschierten also rasch, andere wiederum eher langsam. Hanna fügte nach und nach verschiedene Bewegungsvorschläge hinzu. So kann jeder auch mal ausprobieren, wie es ist, wenn wir in schneller oder langsamer Bewegung auch unsere Arme diagonal vorwärts – oder auch mal rückwärts kreisen lassen. Wie sich unsere Balance verschiebt, wenn wir den Schwerpunkt tiefer oder höher nehmen. Wir haben natürlich auch ausprobiert, wie es ist, wenn wir  uns einrollen und wie der Glöckner von Notre Dame unterwegs sind – oder wie es sich anfühlt, wenn wir unsere Arme ausbreiten, unser Brustbein heben und uns richtig nach oben strecken. Wie fühlt sich Balance dann an? Wie sicher sind unsere Bewegungen und welches Bewegungsmuster gefällt uns tatsächlich besonders gut? 

Es ist eine herrliche Sache Bewegungen auszuprobieren und zu testen, wie sich kleine Änderungen im eigenen Körper anfühlen. 

Wie geht es wohl unseren Pferden? 

Eine große Anregung von Hanna ist dabei sich tatsächlich Zeit zu nehmen, alles zu observieren und zu erfühlen. Nicht immer müssen wir sofort eingreifen – nicht immer können wir auch alle Punkte sofort korrigieren. 

Gab es Schmerzpunkte beim Reiten, dann lies Hanna den Schmerz zuerst in der Bewegung ohne Pferd genau erkunden, später gab es dann die richtigen Übungen vom Sattel aus. Und siehe da – mit ein paar Übungen konnten die Schmerzpunkte verbessert, wenn nicht sogar aufgehoben werden. Besonders freue ich mich über die Teilnahme meines Vaters am Kurs. Nach einer Sehnenverletzung an der Schulter inklusive Operation war der Weg zurück in den Sattel kein leichter – die Übungen von und mit Hanna haben erneut geholfen Achtsamkeit und Körperbewusstsein zu stärken – und was mich besonders freut – unsere „Pina“, als vierbeiniger Begleiter nimmt die Verantwortung für ihren Reiter besonders gern war und hilft auch durch ihr Feedback mit, dass sich beide wohl fühlen in der Bewegung. 

Neben den Jungpferden gab es auch besondere Bewegungskonzepte am Kurs. So kann es sein, dass unsere Pferde sehr schmal, wie eine Ballerina zum Schwerpunkt treten oder auch sehr breit. In beiden Fällen haben sowohl Bodenarbeit als auch kreative Arbeit den Pferden geholfen sich besser in ihrem Körper zu koordinieren. Das kann sogar schon über Gedanken erfolgen. Dass es manchmal tatsächlich reicht, das Pferd zu einer Bewegung einzuladen zeigten Austria und Tabby. Austria konnte in der Bodenarbeit erfühlen, wie schön es ist mit der Hinterhand in die Spur der Vorhand zu fußen – meine Tabby versuchte sich an der Garrocha und konnte es manchmal kaum selbst glauben, dass sie ihre Füße auf einem kleinen Zirkel trotzdem gut sortieren kann. 

Sortieren war auch das Stichwort, wenn unsere Pferde mit zu viel Kraft unterwegs waren. Hanna wollte hier in der Arbeit den Pferden auch mehr Bewusstsein geben, wie sie ihren Körper einsetzen, wie Bewegung stattfindet. Diese Idee werde ich in Punkto Versammlung bei meiner Stute Tabby weiter nutzen können. Aber auch für Isländer Sleipnir war das Spiel mit kleineren, sortierten und größeren, raumgreifenden Tritten eine große Hilfe auf dem Weg zur Versammlung. 

Unseren Pferden und uns selbst Mut zu machen – das ist überhaupt ein wichtiges Thema. So wertschätze ich Hannas Einstellung bezüglich Problemdenken sehr. Wer ständig an das Defizit seines Pferdes denkt, der hat quasi ein Handicap. Man kommt nicht voran und wird eher gehemmt. Denken wir lieber an das Gute, an das, was wir schon geschafft haben und wälzen nicht jedes Defizit als großes Problem. Man muss die Dinge einfach nehmen wie sie sind. Dann reiten wir quasi Einfach 😉 

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