Wenn Pferde glücklich machen

Wenn Pferde glücklich machen

…oder wenn man Pferde glücklich macht!

Ein Zauberpferd aus dem Tierschutzprogramm „Lebenspferd“. Kea hat uns in den letzten Wochen bereichert. Wir wünschen diesem Pferd eine ganz besonders schöne Zukunft!

Ende November 2018 steigt Kea aus dem Hänger. Sie erkundet sofort mutig die Halle am „Horse Resort am Sonnenhof“ und ihre neue Box, teilt uns nach zwei Tagen mit, dass sie genug Eingewöhnung hinter sich hat und nun mit der Herde raus will. Gesagt getan. Kea quietscht zwar laut, wenn sie auf neue Pferde trifft, bleibt aber immer höflich und eher auf Abstand. Generell ist sie sehr vorsichtig. 

In den ersten Tagen „beschnuppern“ wir uns im Team. Meine Kollegin Julia Kiegerl ist mit im „Team Kea“, so verbringen wir die ersten Tage mit Putzen, kleine Blessuren pflegen, ausgiebiger Fell- und vorsichtiger Hufpflege. Kea trägt vorne Megasus Horserunner, hinten ist sie barhuf. Charly Forstner, Chef des Aktiven Tierschutz Steiermark hat uns bereits im Vorfeld über Keas schwierige Hufsituation aufgeklärt. Keas Hufe sind in keinem guten Zustand, hinten links hat Kea Hufkrebs, wenn Charly die Sache – oder anders gesagt die Hufe selbst in die Hand nimmt, dann hilft Kea mit, tapfer lässt sie Spülen, Ausschneiden, Feilen usw. über sich ergehen. 

Anna und Kea from Einfach Reiten Lernen on Vimeo.

Bei den ersten Führübungen wird mir klar: Kea ist blitzgescheit. Sie reagiert so sensibel und fein auf meinen Körper, wie ich es bislang von meinem Nachwuchspferd Conversano Aquileja aka Konrad kenne. 

Kea soll durch das Projekt „Lebenspferd“ ein neues zu Hause finden. Sie wurde sehr lange nicht geritten und bekommt natürlich regelmässig während der Zeit der Ausbildung bei uns die Hufe versorgt. Bald ist sie schon in so guter Balance, dass sie die Hinterhufe länger für uns heben https://www.youtube.com/watch?v=KL1HgDIXbYEkann und dabei nicht ins Wanken kommt. Wir entschließen uns, die ersten 8 Wochen primär vom Boden aus mit Kea zu arbeiten.

Kea versteht die Hilfen irrsinnig schnell. Im Hinterkopf habe ich immer, dass wir ja einen schönen Lebensplatz für sie suchen, wo jemand eine gute Zeit mit ihr verbringen möchte. Für Kea sind die acht Wochen Bodenarbeit quasi Reha.

Sie lernt ihren Körper besser zu spüren, sie verlagert ihren Schwerpunkt mal mehr in Richtung Hinterhand, mal mehr in Richtung Vorhand. Die Arbeit mit dem äußeren oder inneren Hinterbein, sprich Kruppeherein oder Schulterherein ist zu Beginn noch etwas verwirrend, aber Kea gewinnt mit jeder gemeisterten und verstandenen Aufgabe an Selbstvertrauen. Immer wieder habe ich jedoch auch im Kopf: Kea soll ja auch als Reitpferd vermittelt werden – aber in der Ausbildung gibt natürlich das Pferd vor, wie schnell oder langsam etwas passiert.

Mental wäre Kea in jeder Trainingseinheit für neue Aufgaben zu haben. Körperlich müssen wir nach langer Pause zuerst Muskeln, Sehnen und Bänder wieder in Form bringen. Kea geht es nicht schnell genug. Sie möchte gefordert werden.Nach acht Wochen Reha- und Bodenarbeit steigt zuerst Julia in den Sattel, ich bleibe noch als Support am Boden und unterstütze die beiden an der Longe mit allen bereits bekannten Übungen. 

Und dann zeigt unser plüschiges Einhorn, dass es tanzen kann: 

Kea wird uns nun bald verlassen. Wir werden sie vermissen…aber wir freuen uns sehr, denn Kea hat in Punkto „künftiges Zuhause“ wahrlich den Lottosechser gezogen. 

Das Projekt Lebenspferd wurde übrigens 2018 ins Leben gerufen. Martina Klünsner von Tricky Horse war die erste Trainerin, die ein Pferd zu sich in Beritt und Ausbildung genommen hat. Fuchsstute Wakanda wurde nach drei Monaten erfolgreich vermittelt. Ziel des Projekts ist es, Pferden aus dem Tierschutz in ein schönes neues zu Hause zu vermitteln. Das nächste Pferd ist bereits ab März bei Martina zur Ausbildung.  Weitere Infos zum Projekt gibt es hier

Wenn`s nicht weiter geht?

Wenn`s nicht weiter geht?

Ewiger Stillstand, es gibt keinen Fortschritt – was tun, wenn es in der Pferdeausbildung nicht weiter geht. Ein Erfahrungsbericht und ein paar Gedanken. 

Ich sitze mitten in meinem Bürochaos und miste aus. Unterlagen, die ich nicht mehr brauche, Werbung, Unterlagen, die ich nie gebraucht habe, Aufzeichnungen und Notizen. Dazwischen „stolpere“ ich in meiner Zettelwirtschaft auf ein gefaltetes liniertes Blatt. Es ist datiert. März 2013 steht in der ersten Zeile. Trainingsnotizen Tarabaya. Ich überliege die Zeilen. Das, was damals nicht klappte und Kopfzerbrechen bereitete, ist heute absolut in Vergessenheit geraten. Aber beim Lesen der Zeilen entführen mich meine Worte in die Vergangenheit. Ich kann fühlen, wie sehr ich mich damals sorgte, alles richtig zu machen. Ich spüre meine Unzufriedenheit vergangener Tage. Unzufriedenheit, weil man immer wieder das Gefühl hat, auf der Stelle zu treten. Unzufriedenheit, weil man es doch besser machen könnte. Unzufriedenheit, weil ich ständig das Gefühl hatte, nicht genug zu wissen oder nicht genug zu tun. 

Heute kann ich über diese Zeilen schmunzeln, denn ich weiß, dass wir wenige Wochen später mit Beharrlichkeit und Übung den Takt verbessern konnten. Und was wir in den folgenden Monaten noch geschafft hatten! So ein Rückblick macht dann doch plötzlich Spaß 

Mein Rezept gegen den Stillstand

„Bei dir geht es ja leicht. Du hast Talent“. 

diverse Reiter..

Wer hat diesen Satz schon mal gehört oder gedacht? Sehr oft gehen wir davon aus, dass Kreativität und Brillanz quasi aus dem Nichts erscheinen. Das Schicksal liegt aber nicht in den Sternen und Talent ebenso wenig. Um etwas zu schaffen, liegt viel Arbeit vor uns. Wir werden uns oft fühlen wie Sysyphos. Den schweren Stein ewig auf den Berg rollen, um erneut am Ziel zu scheitern. Die große Gefahr liegt darin aufzugeben, sich am Stillstand zu langweilen, zu fürchten oder den Stillstand eben nicht für sich zu nutzen. 

Wenn wir etwas lernen, dann durchlaufen wir grundsätzlich 3 Stufen, auf dem Weg ein wahrer Meister unseres Fachs zu werden. In der ersten Stufe werden wir gute Handwerker, in der zweiten Stufe nutzen wir unsere Kreativität, in der dritten können wir Handwerk und Kreativität kombinieren. 

„Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“. Echt nicht. Viele, hunderte, gar tausende Stunden verbringen spätere Meister voll der Hingabe, wenn sie sich mit „ihrer“ Materie auseinandersetzen. Sei es Sport, Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft – was auch immer. 

Zwei Damen – meine Lehrmeister 

Immer wieder bin ich mit meinen zwei Stuten Tabby und Pina an ein bestimmtes Plateau gekommen und musste dann mal gehörig meine grauen Zellen bemühen. 

Was hat mir geholfen? 

  1. Frag Gustav. Sehr oft hat mir Gustav Steinbrecht weitergeholfen. Nein, ihr wollt kein Foto meiner Ausgabe sehen, voller Post It und Notizen zu meinen eigenen Pferden oder Schülerpferden
  2. Wälze die Biomechanik. Manchmal gibt es eine ganz einfache biomechanische Erklärung, warum etwas nicht klappen kann. Selbst, wenn einige Dinge noch nicht funktionieren und es wohl noch länger dauern wird, bis dieses Etappenziel erreicht ist – es ist allemal ein Trost und man kann mit dieser Art von „Stillstand“ auch leichter umgehen, wenn man weiß, warum man gerade an einer Sache scheitert. 
  3. Frag Kollegen. Ich bin froh, Teil einer internationalen Trainergruppe zu sein. Wir arbeiten unausgesprochen und unabhängig voneinander oft in unserer eigenen Reiterei an ähnliche Themen – hier ist der Austausch ungemein hilfreich. Und natürlich organisiere ich Kurse mit Kollegen auch, um guten Unterricht zu bekommen. Auf meinem Computer hängt beispielsweise ein Post It mit einem Zitat von Christofer Dahlgren aus einem Kurs, den wir 2014 organisiert hatten. Dieser ist ein kleiner Leitspruch geworden für mich und meine Fuchsstute. 
  4. Denk an das Gegenteil. Wenn ich darüber nachgedacht hatte, dass es unbedingt eine bestimmte Sache sein müsste, die mir bei einem akuten Problem helfen könnte, habe ich auch oft genau durch das Gegenteil eine Lösung bekommen, wenn der ursprüngliche Plan nicht funktioniert hat. Beispiel: Der äußere Brustkorb sinkt in der Biegung  ab, ich werde vom Pferd außen tiefer hingesetzt. Anstelle auf der inneren Seite unbedingt „tiefer“ sitzen zu wollen, hebe ich außen meinen Sitzknochen an und lade das Pferd ein, mir entgegen zu kommen. Wieder an das Gegenteil denken: Diesmal nehme ich die Belastung deutlich auf die äußere Seite mit, verstärke beim Pferd das Gefühl und nehme den Sitzknochen erst dann wieder ein wenig nach oben. Oder: Ich dachte Versammlung wäre der Schlüssel zur Lösung des spezifischen Problems. Vielleicht war aber Versammlung gar nicht dran, sondern mal ein bisschen mehr Dehnung und ein bisschen frischeres Vorwärts. Vielleicht war es nicht die Arbeit im Viereck dran, sondern Qualitiy Time zu Zweit. 

Einhörner und pädagogische Zauberwesen 

Wir haben alle unsere Grenzen. Wir stoßen an ihnen an, wir merken, es geht nicht weiter.
In jedem seiner Kurse erwähnt Bent Branderup grüne oder gelbe Bereiche und rote, die ganz sicherlich zu meiden sind. Wir fühlen uns wohl bei grün. Gelb ist schon so eine Grenzsache und bei rot, da wollen wir ja natürlich gar nicht ankommen. Ein bisschen eintauchen in den gelben Bereich müssen wir aber, sonst geht natürlich nichts weiter. Das Stimmungsbarometer muss aber bei gelb nicht gleich in den Keller sinken. Natürlich liegt es auf der Hand, dass man sich über Erfolge mehr freut, als über Misserfolge. Dabei sind es aber die Misserfolge aus denen wir tatsächlich etwas lernen.

Mein Lipizzaner Conversano Aquileja aka Konrad ist für mich mein ganz persönliches Einhorn. Er versteht mich scheinbar blind und immer mühelos. Freilich. Er kann gut zuhören. Freilich. Er bringt alle körperlichen Voraussetzungen mit. Und er will. Aber meine klare Sprache ihm gegenüber, meine pädagogischen Fähigkeiten habe ich meinen Stuten zu verdanken. Zwei Pferde, bei denen mental und körperlich nicht immer alles so einfach gelaufen ist. 

Wenn der Frust über den Stillstand groß ist, dann hilft es vielleicht in Erinnerung zu rufen, dass man sich über die selbst genommenen Hürden viel eher freuen kann, als über die Hürden, die das Wunderpferd nahm und einen einfach „mitgenommen“ hat. 

Von Tellerrändern, vom „Wir Gefühl“ und Werten 

Meinen Blog poste ich in sozialen Medien und natürlich verfolge ich ab und an auch, was in diesen vorgeht. So wird natürlich auch das kollektive Wissen auf Facebook angezapft, wenn`s nicht mehr weiter geht. Was in akademischen Gruppen auffällt: Manchmal werden gänzlich „fremde“ Konzepte angeboten – was gerne auch in einer Diskussion ausartet, was nun akademisch sei und was nicht. 

Was ist akademisch? Nun, abgesehen von der Reitlehre, die Bent Branderup unterrichtet – mit der für die Akademische Reitkunst nach Bent Branderup typische Bodenarbeit, Longenarbeit, Handarbeit von außen geführt und dem Crossover – Akademisch bedeutet für mich, dass man sich Gedanken macht, Ziele setzt und Forschungsfragen formuliert. 

Wenn ich also stillstehe, etwas schaffen und lernen möchte, dann formuliere ich meine Forschungsfrage und leite daraus eine passende Hypothese ein. Diese Hypothese kann ich natürlich dann im Selbstversuch überprüfen, empirisch spannender ist die Sache natürlich, wenn es mehr Erfahrungen und Meinungen dazu gibt. 

Wenn also verschiedene Dinge vorgeschlagen werden, die auf den ersten Blick nicht typisch „akademisch“ erscheinen, dann wäre es allerdings der akademische Zugang zu sagen: Spannend, was passiert da, was kann ich daraus lernen? Wie könnte ich eine Hypothese formulieren? Welche Erfahrungswerte anzapfen. 

Eine pauschale Verurteilung a la: Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht, hat mit den Werten der Akademsichen Reitkunst nichts zu tun – es sei denn das Wohl des Pferdes steht zweifelsohne nicht im Vordergrund – bzw. der Grundsatz: Die Dressur für das Pferd und nicht das Pferd für die Dressur findet grobe Missachtung. 

Man muss über verschiedene Methoden nachdenken – aber wie heißt es so schön: zu viele Köche verderben den Brei. Oder anders gesagt: den so viel zitierten und gerühmten Blick über den Tellerrand muss man mit Vorsicht genießen. 

Mit Vorsicht, da man als Reisender oft nur schwer vorhersagen kann, wie das Wetter am Ziel sein wird. Man kennt ohne genaue Planung und Vorbereitung den Weg nicht – und so kann es viellicht auch mit der einen oder anderen Empfehlung für die Pferdeausbildung sein.

Viele (Um)wege führen nach Rom, aber noch viel mehr Wege führen irgendwo anders hin. 

Kathrin Branderup-Tannous

Im Zweifel frage ich also immer nach. Und probiere nicht unbedingt alles selbst aus.

Wenn es nicht weiter geht, dann gehe ich die oben genannten vier Schritte durch – und einen Zusatztipp hab eich auch noch: Manchmal braucht es einfach auch andere Worte, um einen Zusammenhang besser zu verstehen. 

Ich schaue mir Videoaufnahmen von meinen Ritten bei Kursen mit Christofer Dahlgren und Bent Branderup an und komme dahinter, dass beide im Prinzip die gleiche Botschaft an mich hatten. Jeder jedoch mit seinen Worten und vielleicht differenzierten Blickwinkel. Manchmal muss man einfach alles, was schon gesagt wurde, nochmal verdauen, analysieren und hinterfragen. Dann stellt man manchmal schmunzelnd fest: Oh, die Lösung gab es doch schon vor Monaten. Aber ich habe nicht so genau hingehört. 

Wenn`s nicht weiter geht, dann geht es später mit Riesenschritten weiter. 

Alles in Balance?

Alles in Balance?

Es rauscht ein wenig, aber die moderne Technik macht es möglich. Die Verbindung via Skype zwischen Dänemark und Österreich ist quasi in Balance, der Unterricht kann losgehen. Ich sitze auf Tarabaya (Tabby) und habe Bent im Ohr…

Wir analysieren die Bewegungsqualität meiner Fuchsstute an diesem Montag Morgen. Egal welche Themen später folgen, als erstes wird überprüft, wie Tabbys Hinterbeine nach vorne schwingen und wie gut es um die Balance steht. 


„…In der Bewegung sollen die Hinterbeine des Pferdes genau unter den Schwerpunkt fußen, wenn das Pferd gut ausbalanciert ist. Tut es das nicht, dann trägt das Pferd die Hauptlast mit der Schulter und die Schwingungen der Wirbelsäule werden gestört. Seine Muskeln werden sich verkrampfen und die Losgelassenheit in der Form wird unmöglich“.

Bent Branderup, Akademische Reitkunst

Waldemar Seunig schlägt in Punkto Balance in dieselbe Kerbe. Seiner Meinung nach, ist Balance nur dann vorhanden, wenn: 

„…das Pferd zur Schwerlinie tritt. Reiterlich gesprochen geht ein PFerd im Gleichgewicht, wenn es das Tempo oder die Gangart nicht verstärkt oder erhöht, sobald man die Zügel soweit nachlässt, dass gar keine Verbindung zwischen Hand und Maul mehr stattfindet. Es darf im Zügel keine Stütze finden.“ Waldemar Seunig. Von der Koppel zur Kapriole

Waldemar Seunig, Von der Koppel zur Kapriole

Wir streben beim Reiten aber nicht nur nach körperlicher Balance, auch die innere Balance ist wichtig, denn sie bedingt Losgelassenheit und Durchlässigkeit – wenn man es technisch ausdrücken möchte. Wenn das Pferd mental in Balance ist, dann ist es mit uns zufrieden und erfreut sich ebenso an der gemeinsamen Zeit. 

„Im Streben nach Balance liegt der Sinn aller reiterlichen Übungen, es ist Anfang, Weg und Ziel der reiterlichen Grundschule. In der Balance führt der Weg zur Kunst wie zur Leistung. ….Das Pferd soll lernen sich selbst und später den Reiter auszubalancieren. Es genügt nicht über das Wesen der Balance nachzudenken und darüber zu diskutieren. Man muss sie erleben, zuerst am eigenen Körper und dann auf dem Pferde. Wir Menschen sind weit davon entfernt, von Natur aus ohne Selbstschulung gut ausbalanciert zu sein“.

Udo Bürger, Vollendete Reitkunst

Den Sandsack auffangen

Rückblende: Vor einiger Zeit habe ich ein spannendes Training entdeckt, das sich um Mobilität, Stabilität und Kraft dreht. Was mir beim ersten Probetraining gut gefallen hat? Spielerisch haben wir uns an Balance geübt. Es ging einen Hürdenlauf auf und ab. Auf einem schmalen Holzbrett entlang balancieren, oder von Stein zu Stein springen. Das Training gab mir einen aktuellen Statusbericht über meine eigene Balance. Rückwärts mal die Treppe rauf und runter laufen – diesen Tipp hatte ich von meiner lieben Kollegin Annika Keller erhalten, als ich sie zu ihrem Equestrian Movement Konzept interviewte. (Nachhören könnt ihr den Podcast hier). Durch dieses Interview war ich auch motiviert, etwas für meinen Körper zu tun. Auf einer wackeligen Stange zu stehen und einen Sandsack aufzufangen – mich mit der Bewegung des Sackes wieder selbst ins Gleichgewicht zu bringen – das hat mir natürlich auch sehr viel zu Denken gegeben, was unsere Pferde und Balance anbelangt. 

Wer versucht, über ein Cavaletti zu balancieren wird bemerken, dass die Übung umso besser gelingt, je mehr man die Hanken beugt. Andererseits kann es auch mal helfen an Tempo zuzulegen, um die Balance auf zwei Beinen nicht zu verlieren. 

Zurück in den Sattel. Das Ziel bleibt Balance, akribisch arbeiten wir daran, ein gleichmässiges Vorschwingen beider Hinterbeine in Richtung Schwerpunkt zu bekommen. Aber warum tritt eigentlich ein Hinterbein zum Schwerpunkt, das andere nicht? 

„Diese Gehtechnik, die bei allen ungeschulten Tieren, ganz besonders deutlich beim Hund zu sehen ist, entspricht ungefähr dem Auswärtsstellen der Fußspitzen des Menschen, der damit auch seine Standfestigkeit auf Kosten seiner Beweglichkeit und Wendigkeit erhöht. Diese Technik schont die Muskeln auf kosten der Gelenke. Gerittene Pferde setzen oft nur ein Hinterbein als Balancestütze aus der Spur heraus nach außen.“

Udo Bürger, Vollendete Reitkunst

Die gesamte Unterrichtswoche spielen wir also mit der Balance. Aber das Alpha und Omega der Balance bleibt das Vorschwingen der beiden Hinterbeine. Dann und nur dann können wir mit der Balance in verschiedenen Schwungrichtungen spielen. Gemeinsam Tanzen, bis die Musik verstummt. Sobald ich das Gefühl habe ich muss treiben, das Pferd „verhungert“ ist schon wieder was in Punkto Balance passiert. Da fällt mein Pferd mal auf die Schulter, dort ist es ein Hinterbein, das nicht so gut nach vorne kommt. In dieser Woche zeigt sich die Arbeit überhaupt etwas knifflig. Mittwoch haben wir eine schöne freie äußere Schulter auf der rechten Hand, Donnerstag ist die Sache schon wieder andersrum. 

Oder anders gesagt – warum reiten wir all diese Seitengänge? Antoine de Pluvinel verrät es:

„Um gerade zu richten“

Manchmal ist der Vorgriff eines Hinterbeins nur marginal geringer. Ein wahrer „Lügendetektor“ sind die Paraden. Bent lässt mich jeweils auf das innere oder das äußere Hinterbein und dann später auf beide Takte hin versammeln. 

„Aus einer gut gemachten Parade zieht man verschiedene Vorteile: sie vereinigt die Kräfte des Pferdes, verschafft ihm Anlehnung, bringt Kopf und Hanken in die richtige Stellung und macht es leicht in der Hand. So nützlich aber auch die Paraden sind, wenn sie im richtigen Augenblick gegeben werden, ebenso schädlich sind sie, wenn man sie zum falschen Zeitpunkt macht….Die besten Übungen, die ja nur erfunden werden, um die natürlichen Veranlagungen eines Pferdes zu vervollkommnen, wirken sich negativ aus, wenn man sie durch Anwendung zur falschen Zeit missbrauscht“.

Francoise Robichon de la Guérinière, Barockes Reiten

Wenn ein Hinterbein also beim Versammeln schlechter drunter kommt, fahre ich mit dem Thema nicht weiter fort. Es wäre sinnlos, denn das Hintebrein presst gerade in den Boden und kann nicht besser drunter kommen und beugen. Ich lasse das betroffene Hinterbein wieder etwas mehr nach vorne und versuche es von Neuem. Hier ist die Arbeit mit der Schulparade auch eine gute Sache, um herauszufinden, ob das Pferd unsere Paraden versteht und in der Bewegung nicht umsetzen kann, da es an physischen Gegebenheiten scheitert, oder die Pädagogik einfach zu kurz kam. 

Je besser die Balance umso besser kann ich mit den verschiedenen Schwungrichtungen spielen, am Mittwoch nehme ich die Schwingung etwas mehr ins aufwärts mit und habe ein wunderbares Gefühl im Sattel. Donnerstag testen wir, wie die Balance nur aus der Schwerpunktverlagerung in Kruppeherein oder Schulterherein, mal mit mehr oder weniger Versammlung verändert werden kann.

Ich denke in dieser Woche viel über Gleichgewicht nach. Auch über den Themenschwerpunkt und dass Balance ja ein Gleichgewicht zweier Komponenten sein kann. Nach der Versammlung muss also unweigerlich der Test erfolgen, wie gut das Pferd nun vorschwingen kann und im Vorwärts die Balance hält.

„Abschließend sein noch zu bemerken, dass Balance keine reiterliche Lektion ist, welche man als Einzelübung schult und bewertet. Sie gehört wie Losgelassenheit, Haltung und Stil zu den elementaren Grundlagen der Körperbeherrschung. An ihrer Vollkommenheit arbeiten Reiter und Pferd feilend das ganzeLeben, aber nur wenigen ist es vergönnt, sich von aller technischen Erdenschwere zu lösen und wie auf Flügeln getragen zu werden.“                

Udo Bürger. Vollendete Reitkunst     
Kunst versus Sport?

Kunst versus Sport?

Wer hat nicht schon mal den Satz gehört: 

„Wirkt Reiten schwierig ist es Sport, sieht es leicht aus, ist es Kunst“. 

Mein primärer Gedanke dazu – zustimmend nicken. Bei näherer Betrachtung und vielen Fragen aus er Praxis, sieht die Sache jedoch ein wenig anders aus. 

Kunst oder Sport? 

Der begeisterte Reiter und Tierarzt Udo Bürger befasst sich in seinem Werk „Vollendete Reitkunst“ (1959)  eingehend mit der Frage, ob Reiten denn nun Sport oder Kunst sei. Kurz gesagt: Udo Bürger findet für beide Seiten der Medaille eine Daseinsberechtigung. 

Er sieht Reitkunst als etwas Besonderes:

„….und zwar hat sie von den bildenden Künsten das Formen, das Modellieren des anderen lebenden Wesens, des Pferdekörpers, über Jahr und Tag – von den musischen Künsten und dem Rhythmus, den Tanz“. 

Vollendete Reitkunst, Udo Bürger


Reitkunst lebt eben durch das formende Element der Ästhetik. Daher sieht Bürger Ästhetik und Kunst untrennbar miteinander verbunden. Für den Sport hat er eine andere sehr schöne Definition: 

„Die Routine ohne Gesetze gehört in den Sport“.

Das klingt jetzt beinahe schroff. Ich begegne vielen Reitern auf meinen Kursen und im Unterricht, die sich lieber der Kunst als dem Sport zuwenden wollen. Nicht zuletzt, weil sie keine Wettkämpfe bestreiten wollen und oftmals aus der Sportreiterei kommend, enttäuscht sind von der „Kraftreiterei“ die ihnen dort begegnete. 

Sind wir akademisch aber unsportlich? 

Udo Bürger fasst einige wichtige Merkmale des Sports zusammen: 

Ehrenhaftigkeit, Fairness und Kameradschaftlichkeit, die Anerkennung gleicher Chancen und die Verachtung von Neid und Missgunst. Das wären die Eckpfeiler von Sportsgeist, so wie ihn auch der olympische Gedanke zusammen fasst: Fairness steht an oberster Stelle, Pierre de Coubertin, der Gründer der Spiele formulierte es so:

„Das Wichtigste im Leben ist nicht der Sieg, sondern das Streben nach einem Ziel. Das Wichtigste ist nicht erobert zu haben, sondern gut gekämpft zu haben“. 

Pierre de Coubertin

Das erklärt auch das Motto: Dabei sein ist alles. 

Auch bei Udo Bürger finden wir hier eine schöne Passage: 

„Das Glück des gesunden, starken Menschen liegt immer in einem Tun, in einer Energie, in der Anstrengung und in einer Mutprobe. Die glückhaften Betätigungen sind also nicht nur Vergnügen, es sind die Anstrengungen und Anstrengung ist der wahre Sport. Reizvoll ist aber die Tätigkeit selbst“. 

Vollendete Reitkunst, Udo Bürger

Wie wir zum Reiten kamen? 

Warum reiten wir überhaupt? Denken wir an Udo Bürgers Worte. Reizvoll ist die Tätigkeit selbst. Jeder kann die Frage wohl nur für sich selbst beantworten. Ich bin zum Reiten gekommen, da mich Pferde fasziniert haben. Ich war von Pferden als Kind magisch angezogen. In jeder Zeichnung gab es ein Pferd, auf dem Weihnachtswunschzettel stand natürlich „Pferd“ und natürlich drehte sich jedes Spiel nur um Pferde. Ich hatte das Glück neben einem Trakehnergestüt groß zu werden, also verbrachte ich rasch meine gesamte Freizeit in Kindheit und Jugend im Stall. Es war nicht nur das Reiten, das ich beseelte, sondern das Zusammensein mit Pferden und auch die Stallarbeit. 

Später habe ich dann – so wie die meisten Reiter auch – erfahren, was ich wollte – und vor allem – was ich in der Reiterei nicht wollte. Das Streben nach Harmonie, nach einem wunderbaren Zusammensein mit dem Pferd, das war mein Ziel. 

Aber geht das gänzlich ohne Anstrengung? Im Rahmen meiner Unterrichtstätigkeit erlebe ich oft, dass meine Schüler ins Schnaufen kommen. Das fängt schon bei der Bodenarbeit an, wenn wir rückwärts vor dem Pferd her laufen und die Übersicht behalten müssen (und oftmals auch überhaupt unseren Blick schulen). Weiter geht es im Sattel, wenn sämtliche Körperteile zu Beginn noch nicht so wollen, wie der Kopf es ihnen mitteilt. Körperbeherrschung will gelernt sein. 

In der Theorie lernen wir, dass ein Pferd mit dem Hinterbein in Richtung Schwerpunkt treten muss, denn nur wenn das Pferd dort aufaßt, wird die Kraft – vorausgesetzt, das Pferd fußt gerade, ohne ein Drehen in den Gelenken – korrekt in das Becken und von dort über die Wirbelsäule in Richtung Vorhand übertragen. Beobachten wir, ob Kopf und Ohren eher nach vorne unten federn oder nach hinten oben wippen – werden wir der Qualität der Bewegung gewahr und können unterscheiden, ob das Pferd ein Rückengänger oder Schenkelgänger ist. 

Auch in der Reitkunst lernen wir nie aus und je besser wir unser Handwerk verstehen, umso eher wachsen vielleicht auch die Ambitionen. Nicht selten kam die Frage: „Wie lange dauert das denn nun, mit dem Schulhalt?“ Kunst folgt also auch Gesetzen – nämlich jenen der Biomechanik, wenn es um das Formen des Pferdekörpers geht. Je besser die Tiefenmuskulatur ausgebildet ist, die mit zahlreichen sensorischen und propriozeptiven Nervenzellen ausgestattet ist, umso besser haben wir die Pferde am Sitz, umso eher verstehen sie eine minimale Gewichtsverlagerung. Je besser die Tiefenmuskulatur ausgebildet ist, die besondere Eigenschaften in Punkto Statik hat, umso besser wird auch die Tragkraft, wobei das Beugen der Gelenke natürlich auch abhängig ist von der Bewegungsqualität. Jede Bewegung eines Gelenks ist eingerahmt und gestützt durch Muskulatur. Je nach Art und Beschaffenheit des Gelenks findet Bewegung statt, deren Rahmen vorgegeben ist durch die Zugrichtung der jeweiligen Muskulatur und die Straffheit der umgebenden Bandsysteme. 

Klingt sportlich, oder ? Wollen wir also Tragkraft, einen Schulhalt – was auch immer – dann bedeutet das Training. 

Nur schön sitzen reicht nicht

Erst jüngst formulierte es eine Schülerin ganz treffend: Einfach nur da sitzen und nichts tun und darauf zu warten, dass die Kunst passiert – das ist nicht. 

Meine Stute Tarabaya, von Natur aus in den Vorderbeinen zeheneng und schwankend in der Hüfte, dadurch auch breitbeinig am Schwerpunkt vorbei fußend musste einiges an Mühen auf sich nehmen, um ein Bewegungskonzept zu erlernen, dass die Gelenke schont und der Gesundhaltung dient. 

Für Tabby war das Krafttraining sicherlich auch einigermaßen „sportlich“ zu bewerten. 

Wir lernen auf den Kursen mit Bent Branderup den grünen Bereich unserer Pferde einschätzen zu können, im gelben an der Umfärbung zu grün zu arbeiten und rot zu vermeiden. 

Auch hier gilt es unser Köpfchen zu bemühen, das richtige Konzept für unser Pferd zu finden und nicht nur den Körper in den Vordergrund zu stellen, sondern auch mal den Geist. 

Ja, Schubkraft, damit ist meine Fuchsstute wahrlich ausgestattet. Natürlich war die Verbesserung der Tragkraft unser Thema. Anders gesagt: Ich habe Tabby dadurch viel zeigen müssen, was noch nicht geht, woran sie nicht glaubt und was eben noch besser werden kann. Hier liegt natürlich die Gefahr für Mensch und Pferd, die Motivation zu verlieren. Also haben wir auch, um die mentale Stärke des Pferdes nicht zu vernachlässigen – an Dingen gearbeitet, die Tabbys körperlichen Stärken entgegen kamen. Tabby sollte sich stets großartig fühlen. Und das tut sie – wenn sie mal ein bisschen zulegen darf. Wenn sie nicht gegen Freundin Pina bei einem zünftigen Galopp auf der großen Wiese Zweite ist (Pina mit dem großen Vollblutanteil „lässt“ Tabby dann schon mal gewinnnen). 

In der Reitkunst bekommen wir einen riesigen Werkzeugkoffer geschenkt. Jedes Werkzeug lernen wir kennen und erarbeiten es gemeinsam mit unserem Pferd um später ein wahres Konzert der Hilfen zur Verfügung zu haben. Nicht immer gelingt das ohne einen Tropfen Schweiß (sowohl beim Menschen, wie auch beim Pferd). 

Darf man bei Kunst mal schwitzen und sich anstrengen? Ich finde, man darf. Tabby und Lipizzaner Conversano Aquileja aka „Konrad“ sind auch eher die Sorte „Barocker Typ“. Auf unseren Weiden brauchen sie das Gras quasi nur anzusehen und legen zu. Von daher gibt es natürlich Tage, wo ich beispielsweise an der Kräftigung der oben angesprochenen Tiefenmuskulatur arbeite, es gibt auch Tage, wo wir im Gelände unterwegs sind – und es gibt Tage, wo wir explizites Konditionstraining machen. 

Ja, manchmal gibt es Diskussionen über „zu wohl genährte, akademische Rösser“. Und sehr oft haben die Kritiker recht. Einige Schülerpferde sowie meine Fuchsstute Tabby bekamen daraufhin einen neuen Trainings- und Diätplan, schließlich bedeutet körperliche Fitness auch Wohlbefinden. Ich denke, deswegen üben wir Menschen auch gerne Sport aus. Bewegung macht einfach glücklich. 

Bewegung darf also auch mal ruhig anstrengend sein und an die Grenzen des grün-gelben Bereichs gehen. Der Sportgedanke ist allerdings vom Wettkampfgedanken heutzutage kaum zu trennen: 

„Das bloße Vorführen einer Kunst ist kein Sport. Das war schon bei den Ritterturnieren im Kampf so. Damals entschied die Gewandtheit des Pferdes oft über die Kraft des Mannes im Wettkampf. Heute fehlt diesem Kampf Mann gegen Mann der praktische Hintergrund. In unserem Sport entscheidet letzten Endes das Pferd.“

Udo Bürger, Vollendete Reitkunst

Den Gedanken um die viel zitierte Materialschlacht möchte ich jetzt nicht weiter spinnen. 


Im Sport entscheidet also die Qualität des Pferdes. Auch für die Reitkunst gab es Auswahlkriterien für Pferde. So empfahlen sich bei Antoine de Pluvinel etwa jene Jungtiere, die im ausgelassenen Spiel auf der Hinterhand bremsten und wendeten für die Reitkunst.

Fakt ist, wir müssen heute keine Turniere gewinnen, aber einen gewisser Grad an Fitness benötigt auch die Kunst. Und fit zu werden ist manchmal anstrengend, fit zu bleiben ist dann die Kunst. 

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