Best of Branderup rund um die Parade

Best of Branderup rund um die Parade

Der Weg von der Parade zur Hankenbeugung

Was ist eine Parade und wie führt sie zu korrekter Hankenbiegung? Diese und viele weitere Fragen beantwortete Bent Branderup beim Kurs in Ainring bei Salzburg, organisiert von Andrea Harrer Mitte Oktober. 

Ich babe ein „Best of“ – Paradezitate von Bent Branderup aus dem Kurs für euch zusammen gefasst: 

„Die Parade ist nicht das, was die Hand macht, sondern das, was das Pferd macht. Die Parade kann vom Boden aus durch die Körpersprache ausgelöst werden, später auch vom Sitz. Die Handeinwirkung an sich ist ja noch keine Parade. Es soll ja auch nicht der Reiter piaffieren, sondern das Pferd – die Parade ist somit auch nicht das, was der Reiter macht, sondern die Antwort des Pferdes auf die Einwirkung des Reiters.“

Arbeit im Stand:

„Wir beginnen mit der Arbeit im Stand. Wir können so gut sehen, wie die Parade auf das Pferd übertragen wird und wie die einzelnen Gelenke auf die Parade hin reagieren. Durch die Bewegung können wir aber verstehen lernen, was wir im Stehen nicht falsch machen dürfen. Im Stand muss man also auch immer an das Vorwärts denken“. 

Korrektes Vorwärts?

„Was macht ein korrektes Vorwärts aus? Zum einen ist die Tätigkeit aus dem Hüftgelenk ein ganz entscheidender Faktor. Aus der Hüfte heraus wird der Fuß nach vorne gehoben – Hüft- und Beckentätigkeit in Kombination machen dann das Vorwärts aus. Wenn ein Hinterfuß nach vorne geht, dann geht das Becken auf der einen Seite nach vorne und runter – auf der gegenüberliegenden Seite geht es hinten hoch. Wenn wir also eine Parade geben, dann müssen wir danach trachten, die Beckentätigkeit nicht zu reduzieren. Werden Ausbinder verwendet, dann kann das Becken seine spezifische vor- und runter Bewegung nicht mehr korrekt ausführen. Die Wirbelsäule wird steif, die Beckentätigkeit reduziert. Die Hüfte wackelt zwar wahrnehmbar, allerdings ist die natürliche Bewegung reduziert. Wenn ich meine Arme verschränke bin ich zwar nicht besonders steif, aber mein Rückenschwung ist nicht mehr ein Trab Rückenschwung, sondern ein Pass Rückenschwung. Ich muss die Arme also locker halten, damit ich als Mensch eine diagonale Schwungrichtung zwischen beispielsweise linkem Bein und rechtem Arm im Gehen habe. Wir müssen also immer überdenken, wie Schwungrichtungen natürlich im Körper übertragen werden“. 

Vorne oder hinten beginnen? 

„ Schwung wird aus der Hinterhand ins Becken und dann über die Wirbelsäule übertragen. Wen wir also am Kappzaum und am Schädel Einfluss auf das Pferd nehmen gibt es von Natur aus eigentlich so gar keine Logik, warum das Pferd hinten reagieren soll. Deswegen müssen wir uns im Klaren sein, dass es hierfür keine natürliche Hilfe gibt. Es ist nirgends am Pferd ein Hebel angeschraubt und wenn man diesen Hebel zieht, dann greifen die Zahnräder ineinander und dann geschieht das Gewünschte garantiert.“

Worum geht es eigentlich?

„Beim Projekt Reitkunst geht es darum, den Schwerpunkt von Reiter und Pferd in Übereinstimmung zu bringen“.

Was haben Beschleunigung und Entschleunigung mit Tragkraft und Schubkraft zu tun?

Entschleunigung und Vorhand: „Wenn die Hinterhand nicht am Abbremsen, an der Entschleunigung beteiligt ist, dann muss die Vorhand das alleine erzeugen und das ist für uns Reiter sehr unbequem. Wo ist die Tragkraft nach der Entschleunigung? Gehen wir von einer Croupade aus: Das wären dann eine Levade, also absolute Tragkraft und der Sprung in die Croupade – hier finden wir Federkraft. Diese Federkraft kann sich auch in Schubkraft umwandeln. Wenn das Pferd also in der Hand leicht bleibt, sind Federkraft und Tragkraft überwiegend, wird das Pferd schwer in der Hand wissen wir um die Dominanz der Schubkraft. Darum ist die korrekte Formgebung der Wirbelsäule für eine korrekte Kraftübertragung von großer Bedeutung. Dies betrifft natürlich auch die Parade. Ich vergleiche es gerne mit einem Wasserschlauch: Wenn dieser schön und sauber liegt, dann kann Wasser durchlaufen. Wenn ein Knick im Schlauch ist, dann ist das wie zwei Knochen die nicht zueinander passen und die Bandscheiben dazwischen. In einer falschen Form kann sich also weder Schwung noch eine korrekte Parade übertragen.“ 

Wie man beginnt Paraden zu schulen: 

„Gefühlsmässig muss die Parade da anfangen, wo wir das Pferd spüren. Am Anfang stehen wir in der Ausbildung vor dem Pferd und überblicken seinen gesamten Körper. Die erste Etappe auf dem Weg zur Parade ist die Erarbeitung einer korrekten Stellung. Verwirft sich das Pferd im Maul und rotiert mit dem Unterkiefer nicht wie gewünscht bei korrekter Stellung nach außen, ist das Verwerfen ein Symptom, die Ursache können wir im Brustkorb des Pferdes suchen. Im Genick kann ich also Symptome erkennen, die aus der Hinterhand kommen. Wenn man beim Verwerfen nach innen also das Genick wieder senkrecht stellt mit Hilfe des Außenzügels, dann hat man zwar das Symptom gelindert, die Ursache ist aber noch nicht weg. Was man also in der Hand hat, das hat man „hinten“ nicht getan. Der Schädel spiegelt die Tätigkeit, die aus dem Becken kommt“. 

Warum ist Schulterherein also eine lösende Lektion?

„ Wir treiben den inneren Hinterfuß nach vorne und aktivieren damit eine Muskelverbindung. Wir möchten gerne die Bauchmuskulatur aktivieren, das Becken soll sich mit dem inneren Hinterfuß im Vorgriff vor und runter bewegen. Wir haben also einen Brustkorb, Wirbel mit Dornfortsätzen und Rippen. Pferde haben aber keine knöcherne Verbindung zwischen Schulter und Wirbelsäule – ihnen fehlt das Schlüsselbein. Daher ist die thorakale Muskelschlinge von so großer Bedeutung. Das Schulterblatt ist relativ lose in der Muskulatur aufgehängt. Wir wollen nicht, dass sich die Muskulatur des Brustkorbes „feststellt“  der Brustkorb soll außen hoch und innen runter rotieren. Wir nehmen in der Bodenarbeit die Gerte unter den Hals und später über den Hals und locken den Brustkorb nach innen. Genau deswegen ist Schulterherein eine lösende Lektion. Die meisten Reiter verwechseln aber Schulterherein mit Schulterheraus. Dann wird das Pferd quer zur Wand gestellt, das äußere Vorderbein geht rückwärts unter den Bauch und mit den Brustkorb außen runter. Geht der Brustkorb außen herunter, dann geht die innere HÜfte nicht nach vorne. Es ist also alles miteinander verknüpft. Im Stehen können wir daher Anfangs unser Auge schulen, ob die äußere Schulter tatsächlich entlastet wird. Der äußere Zügel fordert das Pferd auf zur Dehnung der Oberlinie, das kann es aber eben nur, wenn sich die innere Unterlinie abkürzt – und hier ist der innere Schenkel eben gefragt.“ 

Warum das Nachgeben so schwer ist?

„Guérinière sagt, das Schwierigste ist das Nachgeben, das Sinkenlassen der Hand. Wenn man nachgibt und das Pferd weiß nicht wie es reagieren soll, kann man diese Hilfe ja nicht unbedingt verstärken. Man kann nur einmal nachgeben. Daher ist das abwärts strecken ein so wichtiger Teil der Aufgabe „Parade“. Der typische Fehler ist, wenn der Reiter vor dem Pferd steht und den Schädel am Kappzaum in die Tiefe zieht. Dann fange ich lieber mit einem Leckerli an. Das Pferd streckt sich zum Leckerli hin abwärts. Die Verwendung von Hilfszügeln, beispielsweise Schlaufzügeln würde jene Muskeln trainieren, die wir eigentlich nicht ansprechen wollten, das Pferd bildet einen Unterhals.“

Warum sollen die Vorderbeine dort auffußen wo die Nase hinzeigt? 

„Der Oberarm sollte in der Dehnungshaltung nach vorne schwingen, das Vorderbein sollte unter der Nase auffußen. Die Hinterhand gibt dem Brustkorb eine Schwungrichtung, die Tätigkeit aus dem Rücken wird auf die Vorderbeine übertragen. Jeder kennt den Spruch, dass die Vorderbeine dort auffußen sollen, wo die Nase hinzeigt, aber die Wenigsten wissen eigentlich warum: Das Pferdeauge unterscheidet sich vom Menschenauge. Wir Menschen haben eine runde Pupille, bei der Katze ist sie senkrecht. Was uns aber mit der Katze verbindet ist, dass wir eine Beute mit beiden Augen sehen wollen. Wir wollen die Beute auch mit Abstand erkennen und sehen wollen.  Das Pferd sieht mit den Augen nur ein relativ kleines gemeinsames Bild. Die Pupille ist eher horizontal. Das will heißen, dass ein Pferd mit korrekter Neigung des Kopfes bei starkem Sonnenlicht den Punkt unter der Nase sehen kann. Das hat die Evolution so eingefädelt, damit das Pferd so sehen kann, wo es mit den Vorderbeinen auffußt. Es soll mit den Hinterfüßen in die Spuren der Vorderfuße hinein treten und nicht darüber hinweg. Die Wahrscheinlichkeit zu stolpern ist so minimal.“

Ist das Pferd immer steif im Maul? 

„Wir müssen unsere Hände schulen. Man darf das Pferd doch nicht im Maul für eine Steifheit strafen, die eigentlich aus der Schulter kommt. Dafür kann das Maul ja nichts. Wo könnte also jegliche Steifheit in meiner Hand herkommen? Dies gilt es zu analysieren. Wir geben eine Parade und spüren eine Steifheit. Kommt sie aus dem Genick, oder aus den Schultern? Ist der Unterkiefer fest und die Zunge steif? Dass immer das Maul eine Quelle für Steifheiten ist, ist sehr unwahrscheinlich. Wenn man dann mit dem Gebiss diese vermeintliche Ursache bearbeitet, dann macht man wieder aus Symptomen Ursachen. Es ist relativ selten, dass ein Pferd von Anfang an im Maul steif ist. Wir haben schon viel zu viele deformierte Mäuler gesehen, daher ist die Schulung der Hand alles. Im Idealfall soll das Gebiss den Kiefer gar nicht berühren, sondern die Weichteile.“

Negatives Feedback über das eigene Pferd vom Trainer?

„Das Pferd ist nicht gut genug? Ich würde es eher anders formulieren. Der Ausbilder ist vielleicht nicht gut genug, um das Pferd zu fördern. Es gibt Ausbilder, die brauchen ein gigantisches Pferd, das er nur mittelmässig arbeitet. Die Fähigkeiten des Ausbilders werden von unseren Pferden gespiegelt“. 

Rückengänger versus Schenkelgänger und die Sache mit dem Schwung 

„Ist der Schritt eine schuwnglose Gangart? Der Schritt hat keine Schwebephase, das ist richtig. Allerdings entstehen die größten Nickbewegungen des Pferdes im Schritt. Der Schwung kommt im Schritt einen halben Takt später an. Dominiert der vorgreifende Hinterfuß, dann schwingen die Ohren nach vorne runter, die Nickbewegung zeigt an, ob das Pferd über den Rücken geht, was beim dominierenden Rückschub aus der Hinterhand anders aussieht, das Pferd federt im Kopf nach hinten oben. Wir müssen mit der Hand lernen den Schwung zu erspüren und nicht ihn zu erwürgen. Wenn man glaubt mit Gewicht in der Hand reiten zu müssen, dann wird der Schwung erwürgt, das ist dann kein „am Zügel“, sondern auf dem Zügel. Wenn der Vorgriff aus der HInterhand nicht gesichert ist, dann können wir keine konstante Anlehnung haben.“

Über das Leichttraben

„Leichttraben macht man deswegen, weil man beim Aufstehen eine Vorwärtsverlagerung des Schwerpunktes macht. Wenn man den Hinterfuß korrekt nach vorne lockt, dann kann man das Pferd im Anschluss wunderbar sitzen. Kann man aber nicht gut sitzen, dann hat das Leichttraben nicht geklappt. Wenn man das Pferd durch Leichttraben aber nur hilflos auf die Schultern donnert und danach nicht mehr aussitzen kann, dann ist das Projekt Reitpferd gescheitert. Wenn der Schwerpunkt von Reiter und Pferd übereinstimmt, kann ich beginnen mit dem akademischen Sitz zu arbeiten. Der pyhsische Sitz arbeitet mit der Rotation des Brustkorbes, der statische Sitz platziert das Gleichgewicht. Wenn das Pferd diese Form des Reiters spiegelt, dann stimmt alles überein. Fällt das Pferd aber mit dem Brukstorb über ein VOrderbein, dann spüren wir das in der Hand am Zügel. Dieses Gewicht ist aber auch mit dem Oberschenkel spürbar – dann dreht man den Absatz raus und versucht dem Brustkorb wieder den korrekten Schwung zu geben“. 

Über den Sitz

„Wenn wir das Gesäß öffnen können, also einen offenen Sitz haben, dann sitzen wir in einer guten Mittelpositur, Kopf parallel zu Kopf, Schultern parallel zu Schultern. Beide HInterbeine schwingen nach vorne. Nehmen wir nun den Oberkörper in eine kleine Parade in Richtung innerern Hüfte, kann es bei manchen Pferden sogar reichen, den eigenen Kopf ein bisschen zu senken und zu heben. Bei manchen ist es nur mein Schulterblatt, das mit der Hand zurück geht. Hat das Pferd auf den Sitz korrekt reagiert optimal – passiert das Gegenteil kommt automatisch die Hand, dafür muss aber das Pferd die Einwirkung der Hand verstanden haben. Ich kann mit meiner Hand kein Gewicht erzeugen, ich muss aber immer zuerst und weiterhin den Hinterfuß daran erinnern, seine Arbeit korrekt auszuführen. Das heißt im Umkehrschluss muss analysiert werden, ob die Parade den HInterfuß kurz oder breit treten hat lassen. Wir müssen also die Fähigkeit entwickeln, dem Hinterfuß eine Mitteilung zu geben. Wenn der Hinterfuß ausweicht? Worin besteht der Fehler? Daher ist es so wichtig, dem Pferd niemals beizubringen vom Schwerpunkt weg zu treten.“

Warum tun wir das alles überhaupt ?

„Wir können Pferde für einen Zweck ausbilden – über bunte Stangen zu springen ist kein Zweck. Es gibt heute eigentlich keinen Zweck mehr, da wir das Pferd nicht mehr für eine Gebrauchsreiterei benötigen. Es gibt nur einen Zweck: Das ist Zeit schön zu verbringen. Wenn aber meine schön verbrachte Zeit zu seinem Verderben führt, dann ist die Zeit nicht schön verbracht. Wenn man das Pferd nach der Arbeit wieder auf die Weide lässt, so kann es später vielleichit schöner traben in den Augen einer anderen Pferde. Der Mustang Hengst wird sich aber über den Weltmeister der Dressur totlachen.“

Reiten wir also zu unserer und zur Freude des Pferdes, dann Reiten wir Einfach 😉

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Wenn es klemmt, dann suche Symptome und Ursachen!

Wenn es klemmt, dann suche Symptome und Ursachen!

Schulterherein wird gerne – zitiert nach Nuno Oliveira – als Aspirin der Reitkunst bezeichnet. Der Beipackzettel des Schulterherein verspricht viel, von den Nebenwirkungen und Hirnverknotungen für den Reiter mal abgesehen. Für manche Inhalte und Übungen bräuchten Reiter aber häufig selbst ein Aspirin – wenn es denn mal klemmt.

Im Inteview mit Bent Branderup für die Ausgabe Nr. 23 der Feinen Hilfen habe ich einige Stolpersteine  zusammengefasst und mit einem neuen Beipackzettel aus Sicht der Akademischen Reitkunst versehen.

Was würde denn ein Beipackzettel für ein korrektes Vorwärts aus Sicht der Akademischen Reitkunst enthalten?

Bent Branderup: Wenn wir uns auf Gustav Steinbrecht berufen, dann wird das Vorwärts in erster Linie definiert vom Unterschied zwischen einem nach rückwärts rausschiebenden Hinterbein und einem vorgreifenden Hinterbein. Mit seinem Leitsatz „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade“ nimmt Steinbrecht also deutlichen Bezug auf den vorwärts greifenden Hinterfuß, der stets dominieren muss. In der Hinterhand des Pferdes stehen die Gelenke in einem bestimmten Winkel zueinander. Diese sorgen für eine Kraftübertragung aus der Hinterhand in das Becken und weiter in die Wirbelsäule des Pferdes. Überwiegt der Vorgriff der Hinterhand, kommt die Wirbelsäule in eine dreidimensionale Schwingung. Der Reiter kann dies vor sich, aus dem Sattel am Genick des Pferdes beobachten. Dieser Schwung ist bereits im Schritt am Größten, das Auge kann hier bereits geschult werden, indem es überprüft, ob die Schädelbasis in der Bewegung nach vorne-unten oder nach hinten-oben federt. Im ersten Fall überwiegt der Vorgriff, im zweiten Fall der Rückschub. Die Bewegung der Schädelbasis nach hinten-oben ist ein wichtiges Indiz für den inkorrekten Rückenschwung, wobei wir als als Reiter das gewünschte „an die Hand herantreten“ dann auch sogleich deutlich vermissen. Dieses an die Hand herantreten und somit ein angenehmes Gefühl in der Reiterhand, welches sich in Lockerheit und Losgelassenheit äußert, kann nur über den korrekt gearbeiteten Rückenschwung entstehen.

Nach welcher Ursache müssen wir suchen, wenn wir das Vorwärts im Pferd vermissen?

Bent Branderup: Rein physiologisch ist das Hüftgelenk am meisten am Vorgriff des Hinterfußes beteiligt. Wenn sich das Hüftgelenk aber eher öffnen möchte, also in eine Extension kommt, wie es bei einem Kutschpferd durch kräftigen Rückschub der Hinterhand der Fall  wäre, dann haben wir bei unserem Reitpferd diesbezüglich ein Problem – denn hier suchen wir nach einem Schließen der Gelenke, besonders in der Versammlung. Der Grund für eine vermeintliche „Faulheit“ beim Pferd ist also auch oft im Hüftgelenk zu suchen, wenn sich das Gelenk nach hinten raus öffnet, fällt das Pferd auf die Schulter. Das Phänomen des blockierten Rückenschwungs äußert sich dann – je nach der Besonderheit des einzelnen Individuums in einem hibbeligen oder einem trägen Pferd.

Steinbrechts meist zitiertem Leitsatz lässt er auch gleich eine Warnung folgen: Ich meine mit vorwärts nicht zu schnell. Wie erkennt der Reiter denn, wann das Tempo zu schnell oder zu langsam wird?

Bent Branderup: Man erkennt ein „zu schnell“ ebenso in der Tätigkeit des Hüftgelenks – wenn sich in der Bewegungsphase des Abschubs eine deutliche wahrnehmbare Linie zwischen Hüftgelenk und Kniescheibe abzeichnet, dann war der Rückschub zu dominant, das Hüftgelenk wurde zu sehr geöffnet. Vom Sattel aus muss sich der Reiter aber auf sein Gefühl und seine Wahrnehmung verlassen: Hier zeigt uns erneut die Bewegung aus der Schädelbasis den korrekten Rückenschwung. Daher gibt es in den Turnieraufgaben auch das Überstreichen, wobei der Reiter kontrollieren kann, ob das Pferd bei deutlich nachgebender Hand unter dem Reiter bleibt oder davon eilt. Hält die Hand das Pferd fest, dann kann auch der Rückenschwung festgehalten sein. Wer also nicht loslassen kann, weil das Pferd sonst davon stürmt, wird leider feststellen, dass das Pferd nicht im Gleichgewicht vorwärts unterwegs ist.

Ist ein Pferd für uns unbequem, dann muss es das auch für sich selbst sein – wenn der Reiter also nicht zum Sitzen kommt, dann spüren und hören wir den harten Niederschlag der Vorderbeine, meist verursacht durch zu hohes Tempo.

Für den Anfänger bedeutet das, wenigstens ein so ruhiges Tempo zu wählen, dass er durch die Beschleunigungskräfte die Gelenke des Pferdes nicht in Mitleidenschaft zieht. Daher rate ich gerne aus gesundheitlichen Gründen sehr vorsichtig unterwegs zu sein. Vorsichtig kann aber auch „zu langsam“ bedeuten. Hier müssen wir lernen „Langsam“ von Versammlung zu unterscheiden. Sind wir also unsicher, ob unser Tempo zu langsam gewählt wurde, dann können wir den Blick am stehenden Vorderbein schulen. Ist das stehende Vorderbein in der Stützbeinphase rückständig, also weit unter die Körpermasse geschoben besteht keine Schulterfreiheit. Man darf sich also nicht blenden lassen vom gehobenen Vorderbein, welches eben nicht der Indikator für gute Schulterfreiheit ist.

Ein niederes Tempo macht also die Kräfte, die auf die Gelenke wirken „milder“,  sowohl bei „zu schnell“, als auch „zu langsam“ blockiert jedoch eine vermehrte Belastung der rückständigen Vorhand die Schulterfreiheit. Treibende Hilfen sind nur dann effektiv, wenn das hinten raus schiebende Hinterbein tatsächlich im Vorgriff verbessert werden kann. Ständig treibende Hilfen bedeuten jedoch, dass der Hinterfuß eigentlich permanent nach hinten herausraus geschoben hat. Bei korrektem Vorgriff aus der Hüfte heraus muss der Reiter nicht mehr dauerhaft nach dem Vorwärts fragen.

Wenn das Vorwärts fehlt, wie kann man es erneut erarbeiten?

Bent Branderup: Erst muss man sich klar machen, ob der Fehler vom Reiter im Sattel ausgeht: Drückt eine rückwärts einwirkende Hand die Hinterhand nach hinten raus? Ist es der Sitz, der dem korrekten Rückenschwung im Weg ist? Wurde die Halsformgebung übertrieben? Oder finden wir gar einen Mangel in der Bewegungsqualität des Pferdes? In 80 Prozent der Fälle können wir von Reiterfehlern ausgehen. Die restlichen 20 Prozent können wir meist einer mangelnden Fähigkeit des vorher erwähnten Hüftgelenks zurechnen. Da das Hüftgelenk ein Kugelgelenk ist, können wir hier zum Glück mit durchdachter Arbeit einiges mobiler machen. Auch muskuläre Dysbalancen können wir durch schonende Gymnastizierung verbessern, bei Problemen mit Sehnen und Bändern stellt sich die Arbeit langwieriger dar.

In der Praxis bilden wir unsere Schüler zunächst in der Bodenarbeit aus – wir schulen also zunächst das Auge des Reiters und schließen damit aus, dass der mögliche Rückschub der Hinterhand von Hand und Sitz verschuldet wird. Durch die Entwicklung einer gemeinsamen Kommunikation mit dem Pferd lernen wir den Vorgriff eines inneren Hinterbeins – das wäre dann im Schulterherein, sowie den Vorgriff des äußeren Hinterbeins im Kruppeherein anzusprechen. Können wir beide Hinterbeine nach vorne arbeiten, dann haben wir in der Versammlung Hinterbeine, die mehr in Richtung Schwerpunkt arbeiten. In besonders schwierigen Fällen müssen wir also erst über die Versammlung die Gelenke geschmeidig machen, dann kann unser Pferd auch mehr vorwärts zulassen.

Wir haben nun über den ersten Teil des Steinbrecht Zitats gesprochen. Nun zur Geraderichtung: Was tun, wenn es hier klemmt?

Bent Branderup: Wir brauchen zunächst auch hier eine Definition von „Gerade“. Hier konzentriert sich Steinbrecht auf das Auffußen der Hinterbeine. Dieser Definition nach werden nur bei korrektem Auffußen die Kräfte über die Fessel-, Sprung,- Knie- und Hüftgelenke an das Becken weiter gegeben. Nur bei korrekter Formgebung der Wirbelsäule kann der Schwung dann von der Hinterhand an die Vorhand übertragen werden – wir sehen dann ein Rausschwingen der Vorderbeine aus dem Brustkorb, so dass diese parallel zur Halsformung schwingen. Das Vorderbein setzt dann dort auf, wo die Nase des Pferdes hinzeigt (außer beim Schulterherein, da schwingen die Vorderbeine etwas außerhalb an der Nase vorbei). Steinbrechts Definition von „Gerade“ liefert  gleichzeitig eine Erklärung der Übertragung der Kräfte der Hinterhand an die Vorhand. Daher darf man „gerade richten“ nicht mit „geradeaus reiten“ verwechseln.

Wenn es also klemmt, muss man erst erkennen, warum der Hinterfuß seinen gewünschten Auffußpunkt nicht erreicht. Hier haben wir unzählige Möglichkeiten – der Hinterfuß kann zu breit fußen, zu schmal oder zu kurz. Mit dieser Analyse alleine ist es allerdings noch nicht getan – wir müssen weiterführend erkennen, wo die Ursache liegt. Ist es das Hüftgelenk, das nicht korrekt nach vorne-unten seine Bewegung ausführt, oder werden Knie und Sprunggelenk, die ja zusammenhängen nicht korrekt gehoben? Wir müssen also das Symptom erkennen und die Ursache bestimmen.

Das klingt nach keiner einfachen Aufgabe für den Reiter?

Bent Branderup: Wenn Kunst leicht wäre, dann wäre sie nicht begehrenswert. Das trifft auf alle Kunstformen zu. Es gibt ja auch kein „bisschen schwanger“. Man ist schwanger- oder man ist es nicht. Soll heißen: Reiten ist keine Sache die im Hauruck-Modus funktioniert. Ich sage aber immer: Die Zeit vergeht. Wir können sie aber sinnvoll vergehen lassen. Weg ist sie ohnehin – also lohnt es sich doch eher Zeit schön zu verbringen und in spannende Lernbereiche zu investieren, auch wenn diese zunächst sehr kompliziert anmuten.

Wie bekommen wir also mit der Zeit eine korrekte Geraderichtung?

Bent Branderup: Ludwig der XIII. fragt seinen Lehrmeister Pluvinel: Warum reiten wir all diese Seitengänge. Er sagt darauf: Damit wir gerade richten können. Wenn die Hinterhand rausfällt und man kann kein Kruppeherein, dann kann man nicht geraderichten. Wenn die Schulter rausfällt und wir können nicht durch Schulterherein korrigieren, dann können wir ebenso wenig geraderichten. Allerdings: Die Dosis macht das Gift. Nur ein korrektes Schulterherein, wobei der Brustkorb nicht über das stehende Vorderbein geschoben wird macht die gesundheitsfördernde Essenz.

Die Empfehlung ist daher zuerst das Auge zu schulen – dementsprechend muss der Reitschüler zunächst den Unterschied mit dem Auge erfassen können, um korrekt gerade zu richten.

In der Akademischen Reitkunst wird dann im Stand auch die Schulung der Parade weitergeführt – wo klemmt es denn hier im Regelfall?

Bent Branderup: Zum Zeitpunkt, zudem ich eine Parade gebe, fordere ich das Pferd auf, das Gewicht  nach hinten zu verlagern. In diesem Moment geht es auch darum die Reiterhand zu schulen, damit diese spürt, ob und wo Widerstände entstehen. Eine Parade ist das Gefühl der Abwesenheit jeglichen Widerstandes. Wenn man allerdings mit den Händen nach hinten drückt, dann zwingt man die Gelenke des Pferdes förmlich zum Gegendruck. Diese öffnen sich dabei anstatt sich zu schließen. Nur bei richtiger Formgebung wird das Pferd nicht auf die Schulter drücken oder im Lendenbereich einen Katzenbuckel zeigen.

Eigentlich gibt es seit 2.400 Jahren einen Satz von Xenophon, der die Reitkunst zusammenfasst: „Wir müssen die Hinterbeine des Pferdes nach vorne reiten und dem Pferd eine Parade geben, so dass es sich in den Gelenken der Hinterhand beugt.“ Alle „Verklemmungen“ die wir nun beschrieben haben, sind quasi in diesem Satz enthalten, den wir heute dem modernen Reiter neu erklären möchten.

Vielen Dank für das Gespräch

Sei immer du selbst

Sei immer du selbst

…oder du kannst ein Einhorn sein. Dann sei ein Einhorn. Über diesen lustigen Spruch bin ich im letzten Jahr immer wieder gestolpert. Könnte man jetzt sagen, eine Begleiterscheinung des Einhorn Booms. Warum aber ein Einhorn sein, wenn man einfach man selbst sein kann? 

Zen und die Kraft des Loslassens

Vor zwei Wochen habe ich mir wieder eine wirklich gute Auszeit für mich gegönnt. Ich habe erfahren, warum Menschen, die Zen praktizieren in Wahrheit zu den ausgesprochenen Genießern gehören. Und wie wichtig es ist, man selbst zu sein. Aber alles der Reihe nach. 

Wie und warum ich meditiere, das habe ich ausführlich in diesem Artikel zusammen gefasst. Ich gestehe ich komme nicht so regelmässig, wie ich mir das aktuell wünschte dazu, mich auf meinen Meditations-Schemel zu setzen und einfach zu „sein“. Wenn es aber nicht klappt – immerhin: Ein ähnliches Gefühl geben mir die Pferde im Zusammensein. Sie bringen mich ganz strikt dazu im Hier und Jetzt zu sein. Mein Lipizzaner Konrad ist da mein Zen Meister schlecht hin. Er merkt tatsächlich sogar wenn meine Gedanken abschweifen und beschwert sich in indem er sein linkes Vorderbein hebt und damit in der Luft herumfuchtelt. Das tut er im Übrigen auch, wenn ich mich ablenken lasse und mitten in unserer gemeinsamen Zeit mit einem Menschen ein paar Worte wechsle. Wie kann das sein? Schließlich verbringe ich ja gerade eine gute Zeit mit ihm? 

Konrad möchte also unbedingt, dass ich die Anna bin. Die Anna, die ihr Handy weg legt. Die Anna, die nicht an die letzten Termine denkt. Wenn ich nicht gut drauf bin, dann ist das auch okay. Ich bin schließlich auch „echt“ wenn ich nicht gut drauf bin. Aber wenn wieder alles in Ordnung ist, dann habe ich tatsächlich das Gefühl, mein kluger Schimmel erkennt den Unterschied. 

Ich habe also ein paar Tage in Stille verbracht. Stille. Meditation. Gedanken lassen sich wie Wolken weiter schieben. Bewusst atmen, bewusst aufnehmen. Bewusst sein. Es war wunderbar. Und manchmal gab es vor Beginn der Meditations Sitzungen auch eine schöne Einleitung, in der unser Seminarleiter ein paar Gedanken mit uns teilte. Gedanken zum Leben. Zu Beziehungen. Zu Erinnerungen. Zum Loslassen. 

Eine Einleitung ist mir in Punkto Pferde ganz fest im Kopf geblieben:

Sei immer du selbst – dann wirst du erfolgreich! 

Ja, das klingt so einfach. Man selbst sein. Man ist doch eigentlich eh immer? Oder nicht? 

Ja wir sind. Aber sind wir auch frei von Konventionen und Erwartungen? Von Druck, der uns von außen auferlegt wird? 

Unsere Pferde erwarten, dass wir ganz bei uns sind, wenn wir mit ihnen zusammen sind. Wenn wir vielleicht auch einen gemeinsamen Inhalt erarbeiten. Nächstes Wochenende ist es soweit. Conversano Aquileja I aka Konrad und ich werden unsere erste gemeinsame Kursreise antreten. 

Gerade die Kurssituation ist so eine, in der wir nicht „wir selbst“ sein können. Manchmal scheitern wir an uns selbst – wir sind nicht konzentriert, wir sind aufgeregt und nervös, wir wollen glänzen und unser Können präsentieren. Wir spüren beinahe schon den Atem der Zuschauer in unserem Nacken. 

Ich sag mal ganz gerade heraus: Als ich mich mit Pferden selbstständig gemacht habe, ist auch mir eine Folge von Druck untergekommen. Ich war schließlich nicht mehr privat mit meinen Pferden auf einem Kurs. Ich fühlte mich unter Beobachtung. Sicher. Das ist auch Teil meines Jobs. Aber es ist schwer, dann unter Beobachtung einfach „man selbst“ zu bleiben. Ich habe mich immer wieder dabei ertappt, dass ich nicht mehr für meine Augen, sondern auch mal für die Augen des Publikums ritt. 

Wie ich aus der Falle getappt bin? 

Ich habe mir das Pferd für Kurse ausgesucht, mit dem ich tatsächlich grad ein Thema hatte.

Nächstes Wochenende werde ich Konrad mit nach Ainring zum Kurs mit Bent Branderup nehmen. Wir waren noch nie auswärts auf einem Kurs unterwegs. Konrad und ich sind grundsätzlich ein sehr gutes Team.
Wir waren aber eben noch nie ein Wochenende für uns und das soll für uns das Thema an diesen Tagen sein. Es geht mir weniger um eine perfekte Performance als um eine gute Zeit. Ich bin einfach sehr gespannt darauf zu sehen, wie unsere gemeinsame Kommunikation vor Publikum funktioniert. Ob alle Hilfen auch noch in einer fremden Halle „sitzen“ und wir trotz Anleitung von außen den Spaß an der Sache nicht verlieren. 

Wenn es nicht klappt? 

Was soll denn nicht klappen? Wenn Konrad und ich aneinander vorbei reden dann reden wir aneinander vorbei. Meine Challenge für mich: Herausfinden, wie sich Konrad in der Fremde fühlt, ob ich Zeichen von Unwohlsein oder vielleicht sogar einer Hyper-Übermotivation (wie es Konrad gerne tut) übersehe oder trotz Ablenkung von außen (auch für mich) wahrnehme und darauf korrekt reagiere.

Es kann nichts schief gehen. Außer das Heu geht aus. Aber das wird nicht passieren. 

Mit Konrad fühlt sich alles prinzipiell immer ganz leicht an. Er ist mein kleiner Strahlemann. Wesentlich schwieriger ist es dafür manchmal mit meinem roten Feuerpferd

Tabby und die Sache mit dem Loslassen

Wir hatten Leichtigkeit und es fühlte sich super an. Es fühlte sich auf dem richtigen Weg an. Wir haben manchmal dann eine Sackgasse eingeschlagen, sind mal falsch abgebogen und mal haben uns rückblickend Verletzungen auf die falsche Fährte geführt. Mit Tabby bin ich aktuell (im Oktober 2018) auf dem Weg zurück zur Leichtigkeit. Es wäre durchaus „fluffiger“ Pina zu satteln, wenn Christofer Dahlgren am 20. und 21. Oktober 2018 nach Graz kommt. Ich könnte relativ easy mit ihr an den Galoppwechseln feilen, ein bisschen mit den Schwingungen im Trab spielen – mal in Richtung Piaffe, mal in Richtung Passage. Wäre easy. Und jeden Moment würde ich genießen. Diesmal ist aber Tabby dran. Mit ihr muss ich in den Momenten sehr genau hinfühlen. Noch fühlt es sich „eckig“ an und nicht immer so „rund“. Tabby gibt sich riesige Mühe, es kann aber auch sein, dass sie sich überfordert fühlt, glaubt eine Herausforderung nicht so zu schaffen und sich dann verweigert. 

Recht hat sie. Sie darf schließlich auch sie selbst sein. Natürlich darf Tabby sagen: „Das trau ich mir nicht zu“. Und natürlich werde ich drauf einwirken und sagen: „Ich weiß ja selbst nicht immer, was der Typ aus Schweden meint, aber ich weiß, gemeinsam können wir es versuchen“. Und dann sind da die Momente, wo wir etwas gemeinsam schaffen. Die Versammlung, der Galopp – was immer es war. Ich möchte diesen Moment gerne länger haben, ausdehnen, darin baden und genießen. Und prompt fällt mir hier aus Beispiel aus der Meditation ein, wo unser Seminarleiter die Geschichte einer Biene erzählt, die mitten in den Honigtopf fällt, mitten ins Zentrum der Begierde und natürlich nicht mehr aus der süßen Falle herauskommt. Hätte sie sich doch am Rand mit weniger zufrieden gegeben. Kann es sein, dass ich manchmal zu viel am Thema Versammlung gefeilt habe? Ja. Das kann absolut sein. Kann sein, dass ich am „Rand“ zur Versammlung bereits zufrieden sein hätte können. Ja absolut. 

Tabby lässt mich so sein wie ich bin. Aber sie wird mir auch sehr deutlich sagen, was sie davon hält. Wir sind aktuell wirklich am Tüfteln und Basteln. Wir arbeiten uns mühsam nach vielen Verletzungen und einer ohnehin biomechanisch schwierigen Ausgangslage (Vorne zeheneng, O-beinig, hinten ebenso breitbeinig, drehend in den Gelenken durch eine schwankende und instabile Hüfte) zurück. Und wir fühlen uns momentan sehr wohl miteinander. Wir geben mal im Galopp zünftig Gas, wir traben auch mal über Stangen oder nehmen sie im Galopp. Wir feilen aber auch daran Hankenbiegung und Vorwärtsbewegung miteinander zu verknüpfen. Ich habe losgelassen und eingesehen, dass ich Ergebnisse, die ich vor ein paar Jahren mit Tabby erarbeitet hatte – SO nicht mehr spüren werde. Das ist auch in Ordnung. Vielleicht sind manche Sachen besser, andere schlechter geworden. Insgesamt sind wir heute anders. Aber wir sind wir und gemeinsam sind wir gut.

Reiten ist mein Beruf. Und oft ist es nicht so einfach eine Grenze zu ziehen – eine Grenze zwischen Beruf und eigener Weiterentwicklung, dem eigenen Sein. Ich habe meine Ziele – für mich und für meine Pferde. Ich habe beschlossen, dass ich mir selbst aber – trotz allem – nicht mehr untreu werden möchte. An erster Stelle steht das Ich sein – das Wir-sein. Tabby ist Tabby und ich bin ich. Wir lassen uns inspirieren und anleiten. Wir gehen an unsere Grenzen und vielleicht können wir diese verschieben. Wichtig ist jedoch: Wir bleiben uns treu und verbiegen uns nicht. 

Ich freue mich jedenfalls auf die kommenden zwei Wochenendkurse. Für Kurzentschlossene  gibt es Zuschauertickets unter folgenden Links: 

Kurs mit Bent Branderup

Kurs mit Christofer Dahlgren 

Zurück in die Stille 

Ich meditiere inmitten einer Gruppe von Menschen, die ich nicht kenne. Freilich, man ist neugierig und fragt sich: Warum sind die anderen hier? Woher kommen sie? Welchen Beruf üben sie aus? Im Grunde ist das alles aber ganz egal. Es ist egal, wer woher kommt, wer was macht und warum er gerade hier ist. Wir sind gemeinsam. Wir achten einander, wir nicken uns höflich zu und begrüßen einander wohlwollend zur Meditation. Diese Höflichkeit erlebe ich als äußerst angenehm und bereichernd. Jeder lässt jeden so sein wie er ist. 

Diese besondere Achtsamkeit und Höflichkeit möchte ich gerne in die Reithallen mitnehmen. Wenn die Kritik an der Bande immer lauter wird. Wenn Vergleiche gemacht werden, wenn man einfach nicht so sein darf, wie man ist. Ja, mancherorts ist es gut den Finger in die Wunde zu  legen und sich für Tiere einzusetzen, wenn Kritik gerechtfertigt ist. Allerdings handelt es sich bei vielen Reitern um Lernende, die gerade dabei sind etwas besser zu machen. Dieses Thema ist alles andere als still. Und je lauter die Sache wird – vor allem in den sozialen Medien – umso weniger losgelassen, durchlässig, taktvoll, in Balance, geradegerichtet und gesammelt sind wir. Spannend, wie viele Parallelen wir für das Reiten aus der Meditation ziehen können. 

Bleiben wir losgelassen bei uns selbst, dann Reiten wir Einfach 😉

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Mr. Play, Smile and Practice – Christofer Dahlgren 

Mr. Play, Smile and Practice – Christofer Dahlgren 

Sommer 2016. Christofer Dahlgren und sein Saxo reiten in Dänemark ihre Höhepunkte aus der Meisterprüfung. Noch nie habe ich so etwas gesehen: Croupade Sprünge und danach Schritt, am hingegeben Zügel, taktklar – unaufgeregt – relaxed. Die Harmonie zwischen den beiden hat jedem Zuschauer Gänsehaut beschert – und ziemlich vielen auch „Pipi in den Augen“. 

Heuer kommt der sympathische Trainer aus Schweden bereits zum vierten Mal zu uns nach Graz. 

Wer Christofer noch nicht kennt – heute eine Vorstellung von Mr. Play, Smile and Practice. 

Der wichtigste Schlüssel im Training? 

Entspannung. Denn ohne sie kann man nicht kommunizieren. Für den einen ist Entspannung eine Sache, die nur in der Ruhe entstehen kann – für Christofer gibt es hier keine Grenzen – wenn sich das eine Pferd im Stehen entspannen kann, muss das andere möglicherweise in Bewegung bleiben. Christofer findet sehr rasch heraus, welcher Ansatz für welches Pferd hilfreich sein kann. 

Wofür steht „Smile“ im Motto? 

Christofer rät dazu, immer mit einem Lächeln im Gesicht zu trainieren. Der Reiter soll herausfinden, was sein Pferd gerne macht und lächeln. Lächeln als positive Verstärkung für Reiter und Pferd. Die Arbeit soll immer mit einem Lächeln begonnen werden – das nimmt den mentalen Druck vom Pferd. 

Die wichtigsten Punkte in Christofers Training? 

  • Entspannung
  • Leichtigkeit zwischen den Hiflen
  • Balance und „more roundness“
  • Energie herstellen, Energie steigern bis hin zur Versammlung

Weniger ist mehr? 

Am Anfang in Christofers Training befindet sich die Entspannung, Leichtigkeit, Baance und Durchlässigkeit. Ein Detail nach dem anderen wird hinzugefügt. Wir können ja schließlich nicht alles auf einmal haben. Um ein ausbalanciertes Pferd zu bekommen, müssen wir an Geraderichtung und Biegung arbeiten. Der erste Schritt ist aber herauszufinden, wie wir überhaupt auf das Pferd zu gehen – wenn wir beispielsweise nach einer Biegung fragen. Wer nach weniger fragt, wird mehr ernten. Wir sollten das Pferd nicht ständig unter Druck setzen. Seien wir auch mit einem guten Ergebnis für den Moment zufrieden. Wenn wir auch nach weniger fragen, haben wir auch mehr Gelegenheit dem Pferd den Zweck der Hilfen und Übungen zu erklären. 

Weniger zu machen ist sehr wichtig, allerdings neigen wir eher dazu ständig mehr zu tun. Wenn ein Pferd beispielsweise zu viel Schulterherein anbietet, korrigieren wir eher mit einem Kruppeherein, anstelle einfach weniger Schulterherein abzufragen. Das Ergebnis mag jetzt das gleiche sein, allerdings ist der Zugang für das Pferd ein deutlich anderer.

Mach dem Pferd ein Geschenk

Die goldene Regel von Christofer Dahlgren? Mach dem Pferd ein Geschenk. Man muss seinem vierbeinigen Partner immer etwas anbieten. Aber welche Geschenke braucht welches Pferd? Hier lässt sich Christofer nach einem Konzept der Pferdepersönlichkeiten leiten, das ursprünglich von Pat Parelli entwickelt wurde. 

Was brauchen left brain Pferde? Sie sind selbstsicher, mutig, vertrauensvoll, ruhig und tolerant. Was brauchen right brain Pferde, die zurückhaltend, ängstlich und misstrauisch sind, zu Überreaktionen neigen, umgekehrt aber auch sehr folgsam sein können? Christofer möchte dem Pferd keinen Stempel aufdrücken – aber ein wenig mehr Beschäftigung mit der Psyche des Pferdes bringt uns auch für das tägliche Training viel Kreativität: Lässt sich das eine Pferd mit einer längeren Pause bei der Arbeit belohnen, möchte das nächste unbedingt ein Leckerli und lässt sich auch dadurch rasch wieder motivieren. 

3 Schritte beim Lernen

  • Zuerst soll das Pferd eine Hilfe verstehen. 
  • Kontinuität schafft Entspannung
  • Regulierte und gleichmäßige Grundgangarten in den Übungen. 

Reaktion und Antwort? 

Für Christofer ist es ganz wichtig, dass das Pferd wirklich eine Antwort gibt und nicht einfach nur auf uns reagiert. Ein Beispiel: Das Pferd hat die Übung „Kruppeherein“ verstanden, die Hilfen des Menschen dafür in der Bodenarbeitsposition allerdings noch nicht. Sobald der Mensch die Gerte hebt, um in Richtung Hinterhand zu zeigen, „wirft“ das Pferd förmlich seine Kruppe nach innen. Das Pferd erinnert sich an die Übung, hat diese aber noch nicht mit der entsprechenden Hilfengebung in Verbindung gebracht. Der Mensch lobt trotzdem, die Reaktion des Pferdes, da ihm nicht bewusst war, ob das Verhalten des Pferdes tatsächlich eine Reaktion oder eine Antwort war. 

Esel, Maximus oder Timon? 

Wie uns Disney Figuren bei der Einschätzung unserer Pferde helfen können? Christofer hat 2017 dazu einen sympathischen Vortrag gehalten und uns mehrfach zum Lachen gebracht. Welche berühmte Comic Figur wäre wohl unser Pferd? Und wie würde es sich in dieser Rolle verhalten? Was macht die Rolle so typisch? Diese Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit unseres Pferdes kann so eine Menge Spaß bereiten und oft zu sehr treffsicheren Aussagen über das Pferd und die Beziehung zum Pferd führen. 

Galopp und Vorwärts

Tja, es gibt so ein lustiges Sprichwort über die Akademische Reitkunst: Im Stehen über Schritt, im Schritt über den Trab und im Trab über den Galopp nachdenken. Böse Zungen würden sogar behaupten, manchmal fehle das Vorwärts. 

Nun, da wurde die Rechnung nicht mit Christofer Dahlgren gemacht. 

Im heurigen Kurs wird der Kursschwerpunkt am korrekten Vorwärts, bei Losgelassenheit und Entspannung liegen, um die Enerige so zwischen Schub- und Tragkraft für die Reitkunst nutzbar zu machen! 

Neugierig geworden? Weitere Informationen gibt es unter:

Ich freue mich auf ein Wiedersehen und Kennenlernen beim Kurs mit Christofer Dahlgren 🙂

Kurs mit Christofer Dahlgren

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