Zum Treiben kommen

Zum Treiben kommen

Vorwärts ist eine der wichtigsten Zutaten in der Reitkunst. Darin sind sich die Meister der Reitkunst aus vergangenen Tagen einig. Warum ist aber das „zum Treiben kommen“ so wichtig? 

Waldemar Seunig beschreibt in seinem Werk „Von der Koppel zur Kapriole“ die Bedeutung des Treibens. 

„Ist das Pferd in der Bewegung stellt es seine Muskeln widerstandslos zum Gehen und Tragen zur Verfügung, kann erst der Reiter durch Verteilung seines Gewichts vortreiben, verhalten, Richtungsänderungen vornehmen“. 

Seunig beschreibt, wie durch das Vorwärts und das Treiben als erstes Losgelassenheit erreicht wird, die er als höhere Stufe der Zwanglosigkeit definiert. Aus heutiger Sicht ließe sich Losgelassenheit sicherlich mit dem menschlichen „Flow“ vergleichen. 

Flow bedeutet einen Zustand völliger Vertiefung, den wir als beglückend erleben. Wir gehen in einer Tätigkeit auf, die dann wie von selbst von sich geht.

„Wenn es einmal läuft, dann läufts aber…“. (Sprichwort) 

Seunig legt hier besonderen Wert auf die Unterscheidung zwischen Zwanglosigkeit und Losgelassenheit. 

Zwanglos könne ein Pferd schon gehen, ohne die Verbindung zur Reiterhand gefunden zu haben. Die Losgelassenheit entstehe aber erst dann, wenn das Pferd durch die treibenden Hilfen animiert seine Muskelketten aktiviert, Rückenschwung von der Hinterhand über das Becken in die Wirbelsäule bis zum Genick übertragen wird und so durch die Dehnungshaltung das Suchen zur Reiterhand hin von Statten geht. 

„Die Anfangs in der Zwanglosigkeit des natürlichen Trabes schlummernde Losgelassenheit, bei der das Pferd keinen Muskel gegen das Reitergewicht spannt, wird durch das Sichtreibenlassen zum restlos und energischen Indienststellen eben dieser Muskeln im Sinne der durch die Hilfen ausgelösten Bewegungen, also zu energischem An- und Abspannen sowie Federn bei williger Aufnahme der Last. Da Zwanglosigkeit eine Vorstufe der aus ihr entstehenden Losgelassenheit ist, kann diese ohne erstere nicht erreicht werden; wohl aber ist ein mit seinem Reiter zwanglos dahinpendelndes Pferd ohne reiterliche Losgelassenheit denkbar.“ Waldemar Seunig. Von der Koppel zur Kapriole

Wann komme ich überhaupt zum Treiben? 

Waldemar Seunig nennt die Durchlässigkeit als wichtigste Zutat, damit der Reiter überhaupt zum Treiben kommen kann. Er nennt aber auch einige Symptome, die dem Wunsch zum Treiben zu kommen entgegen stehen: Das Pferd versteift sich, man erkennt einen falschen Knick, das Pferd rotiert im Unterkiefer falsch oder sperrt das Mail aus. Auch die Hinterhand entzieht sich, sie weicht nach hinten aus. Sichtbar wird dies durch kurze und eilende oder matte und schleppende Tritte. Die Hufe scheinen am Boden zu kleben, das Pferd „pflügt“ durch den Hallenboden. Die Hinterbeine können auch seitlich ausweichen. 

Sind die Hinterbeine steif, verhalten sich die Pferde ebenso. Der Rücken ist angespannt und festgehalten, Seunig beschreibt diesen Moment auch ein mentales Festhalten des Pferdes, wenn die Pferde nicht genügend mit dem Hinterbein untertreten

„…..Täten sie das, so müssten sie ihren gespannten, festgehaltenen Rücken und damit ihr ganzes Muskelsystem der Einwirkung des Reiters preisgeben und über zwangloses An- und Abspannen zur Losgelassenheit das heitß zum widerstandslosen Herangehen der Hilfen gelangen“. Waldemar Seunig. Von der Koppel zur Kapriole. 

Eine gemeinsame Sprache finden

Wie man es also betrachtet und wendet. Egal ob es das Thema Versammlung oder Vorwärts betrifft, die wichtigsten Zutaten, damit wir zum Treiben können sind 

  • Balance 
  • Losgelassenheit
  • Durchlässigkeit
  • Formgebung
  • Tempo
  • Takt 
  • Schwung 
  • Geraderichtung 

Und natürlich Timing. Timing bedeutet, dass wir das Hinterbein im richtigen Moment auffordern nach vorne zu treten – und das wäre natürlich in dem Moment, wo das Hinterbein abfusst. Wenn wir von der Ausbildungsleiter der Akademischen Reitkunst ausgehen – und somit in der Bodenarbeit angelangt sind, lernt zuerst unser Auge wahrzunehmen, wann welches Hinterbein in der Luft ist. In der Bodenarbeitsposition vor dem Pferd können wir in Richtung Schenkellage mit der Gerte zeigen, wir können durch unsere Vorarbeit mit der Energie auch Energie in diese Richtung schicken und nach vorne zu uns lenken. Als Werkzeug steht uns die Gerte als verlängerter Arm zur Verfügung. Im Abfussmoment kann sie Energie an das Pferd fächern oder es durch Touchieren berühren und die Botschaft: „Jetzt vorwärts“ schicken. 

Was können wir also tun, um eine gemeinsame Sprache zu finden? Aus dem Werkzeugkoffer der Akademischen Reitkunst stehen uns folgende Mittel zur Verfügung: 

  • Bodenarbeit
  • Longenarbeit
  • Handarbeit von innen und außen geführt
  • Langer Zügel
  • Crossover 
  • Arbeit vom Sattel aus

In der Bodenarbeit legen wir den Grundstein für Energie und Bewegung. Wichtig ist mir hier vor der Gymnastik vor allem zu Beginn die Freude auf die Bewegung zu lenken. Wir lassen uns viel zu oft von defizitären Gedanken leiten. Wir sehen, dass die Bewegungsqualität der Hinterbeine noch nicht optimal ist, wir sehen alle möglichen Fehler. Wichtig ist jedoch die Energie des Pferdes durch all diese Kritik nicht im Keim zu ersticken. Zum Treiben zu kommen heißt nicht, das Pferd durch Technik vorwärts zu schicken – wir brauchen auch Freude am Mitmachen. Jegliche Sportart die bei mir persönlich nicht auch die Freude an Bewegung ganz spielerisch integriert hat, war auf lange Sicht nichts wofür ich gebrannt habe. Ähnlich kann es unserem Pferd gehen. 

Zuerst steht also immer die Beziehung, gemeinsame Freude – dann folgt der Umgang mit den Werkzeugen, wobei wir in der Bodenarbeit dem Pferd den inneren und den äußeren Schenkel sowie innere und äußere Zügelhilfen erklären (der Sekundarhilfen). 

„Die Bewegung der Hinterfüße ihr Vortreten hervorzurufen ist alleine der Reiterschenkel imstande, nachdem ihn die Gertenhilfe dem Pferd verständlich gemacht hat. Später erst tritt die vortreibende Hilfe des Sitzes in seiner Gesamtheit hinzu….“ Waldemar Seunig. Von der Koppel zur Kapriole.

 

„Unter den vortreibenden Hilfen sind diejenigen die wichtigsten, die der Reiter mit dem Unterschenkel auszuüben vermag, weil es die wirksamsten und natürlichsten sind.“ Gustav Steinbrecht. Das Gymnasium des Pferdes

Waldemar Seunig beschreibt eingehend in „Von der Koppel zur Kapriole“ die Qualität der vortreibenden Schenkelhilfe. Wenn sich das Pferd vorwärts bewegt und zum Schwingen kommt, holt es sich die weiteren Hilfen von selbst ab, da der Schenkel genau im richtigen Moment zur Fühlung kommt. Hier hilft uns die Bodenarbeit den korrekten Moment zu erkennen. Wir schulen bereits hier unser Gesäß, dass später zur Informationsaufnahme und Abgabe dient. 

Wenn das Pferd nicht auf die Schenkelhilfe reagiert und der Reiter mit Bein oder sogar Sporn zu Klemmen beginnt, wird sich das Pferd wie oben  beschrieben in der Muskulatur nur noch mehr verhalten und diese anspannen. Auch der Einsatz der Gerte führt nicht immer zum Erfolg – es sei denn man hat das richtige Timing 

„Solche Pferde macht ein rechtzeitiges im Takt des Ganges angewandtes mehr oder weniger leichtes, wechselseitiges Antippen mit dem Sporn knapp hinter der Gurtlage hellhörig. Ein lebhaftes frisches Abfußen ist das Ergebnis das in wenigen Minuten eine Blindschleiche zum energisch tretenden elastisch dahinfedernden Reitpferd wandeln kann“. Waldemar Seunig von der Koppel zur Kapriole. 

Mit Musik den Takt finden 

Seunig geht in seinem Werk zu einem Großteil auf die gerittene Arbeit ein, zumindest beziehen sich die oben genannten Zitate auf eben diese. Im Unterricht greife ich gerne auf ein Instrument aus der Musik zurück. Metronome waren schon beim früheren Geigenspielen nicht unbedingt mein Freund, da sie mich immer wieder beim „Hudeln“ entlarvt haben. Sind wir also zu flott oder zu langsam unterwegs kann uns eine Taktvorgabe helfen den korrekten Takt zu halten. Natürlich gibt es hier auch ein zu schnell und zu langsam. Deswegen ist uns auch das Feedback des Pferdes wichtig. Wer nicht unbedingt ein Metronom zur Hand hat, kann sich auch gute Musik mit gleichbleibendem Rhythmus ins Ohr stöpseln. Das entlarvt nicht nur den eigenen Tempomat (vor lauter „Blickschulung“ bei der Bodenarbeit laufen wir immer langsamer) sondern hilft auch dem Pferd das Tempo kontinuierlich und damit auch einen kontinuierlichen Takt zu halten. 

Mit dieser Hilfe kurbeln wir unsere eigene Energie an, sprich wir arbeiten nicht nur mit Technik (zeigende Gertenhilfe) wenn wir das Pferd in der Bodenarbeit ausbilden. 

Hören wir manchmal auf unseren inneren Takt, dann reiten wir Einfach 😉 

Energie und die Freude an Bewegung 

Energie und die Freude an Bewegung 

Gustav Steinbrecht sagte einst: „Vorwärts ist die Losung in der Reitkunst wie im ganzen Weltall“. Seiner Meinung nach müssten dem Reiter daher mehr Mittel zum Vorwärtstreiben als zum Verhalten zu Gebote stehen. 

Will ich überhaupt Treiben? 

Mein Alltag besteht aus dem Heute und dem Gestern. Im Heute erfahre ich viel über die Wünsche, Sorgen und Probleme, aber natürlich auch über viele Highlights jener Menschen, die ich mit ihren Pferden begleiten darf. In der Vergangenheit suche ich in Punkto Literatur und Reitkunst das Vermächtnis weiser Reiter von Damals, die uns ihre Interpretationen und Gedanken hinterlassen haben. 

Was mir heute auffällt: Jeder Reiter wünscht sich eigentlich ein Pferd, das er nicht treiben möchte. Sehr häufig kommen Menschen zu mir in den Unterricht, die sich ein Pferd voller Energie wünschen, ein Pferd, das man eigentlich nicht mehr treiben muss. 

Umgekehrt habe ich auch Schüler, die angeben, jeglichen Schenkelkontakt zum Pferd meiden zu wollen, ansonsten „gehe der ab, wie Schmidts Katze“. 

Schauen wir in die Vergangenheit dann hinterlassen uns die Alten Meister unisono, aber jeder in seiner Interpretation und mit seinen eigenen Worten ausformuliert den Ratschlag, zum Treiben zu kommen, das Pferd auf jeden Fall ins Vorwärts zu arbeiten. 

Sechsmal Schenkel

Insgesamt haben wir es mit sechs wichtigen Schenkelhilfen zu tun: 

  • Der innere Schenkel liegt am Gurt an und biegt das Pferd um sich herum
  • der äußere Schenkel liegt etwas weiter hinter dem Gurt – das liegt vor allem auch daran, dass der Reiter seine eigene innere Hüfte etwas nach vorne verlagert, die äußere Hüfte etwas nach hinten setzt. Wenn also der innere Schenkel so um sich herum biegt, dann biegt der äußere Schenkel von sich weg
  • Wenn wir vorwärts reiten wollen und den linken oder rechten Hinterfuß zum vorwärts treten auffordern wollen, dann brauchen wir dazu den direkten Schenkel, der das jeweilige Hinterbein anspricht. Der linke Schenkel würde also direkt das linke Hinterbein ansprechen, der rechte Schenkel das rechte Hinterbein. Der um sich herum biegende innere Schenkel und der von sich weg biegende äußere Schenkel bekommen mit dem direkten Schenkel also eine weitere Funktion dazu. 
  • Der verwahrende Schenkel soll verhindern, dass ein Hinterbein breit von der Masse weg tritt. Fußt unser inneres Hinterbein links gut, dann wäre der rechte Schenkel der von sich weg biegende und verwahrende Schenkel unisono. 
  • Der umrahmende Schenkel ist schon etwas komplizierter: Nehmen wir an das innere Hinterbein links fällt diagonal aus, tritt also zu wenig vorwärts, aber sehr deutlich seitwärts am Schwerpunkt vorbei – dann hilft uns der umrahmende äußere Schenkel (in diesem Fall der rechte Schenkel), der das linke Hinterbein von der gegenüberliegenden Seite korrigiert. 
  • Der direkte Schenkel wird zum versammelnden Schenkel, wenn der linke Schenkel das linke Hinterbein dazu auffordert, doch etwas früher vom Boden abzufußen, der rechte Schenkel animiert das rechte Hinterbein auf gleiche Weise. 

Im Fall des triebigen Pferdes denkt man in erster Linie daran, den direkten Schenkel als Hilfe für das Pferd verständlich zu machen. Da aber oft Steifheit das Problem für die Trägheit ist, brauchen wir ebenso eine Auseinandersetzung mit den weiteren fünf Schenkelhilfen. Schließlich verhelfen uns die Arbeit an der Biegung sowie erste vorsichtig ausgeführte Seitengänge an der Geschmeidigkeit, Balance und Durchlässigkeit des Pferdes. 

Wenn wir an unser „heißes“ Pferd denken, wobei der Reiter in diesem Fall am besten gar nicht zum Treiben kommen will, würde dies ja bedeuten an gar keine Schenkelhilfe denken zu dürfen – vor allem wenn die Antwort des Pferdes immer in einer Explosion mündet. Wer an Versammlung, Biegsamkeit und Geraderichtung arbeiten möchte, wird aber ebenso die Auseinandersetzung mit allen sechs Schenkelhilfen brauchen. 

Die Tunnelkette und die Energie 

Bevor ich mich dem Thema „zum Treiben kommen“ widme, ist mir in der Ausbildung der Pferde die Auseinandersetzung mit „Energie“ sehr wichtig. 

Das beginnt – wie immer beim Reiter. 

Wir sind uns oftmals unserer eigenen Energie überhaupt nicht bewusst. Wie kommen wir überhaupt im Stall an? Geladen von einer Autofahrt und üblen Schleichern auf der Straße? Völlig aus der Puste lassen wir uns vom Drahtesel fallen und hetzen in den Stall? Kommen wir erholt und entspannt im Stall an oder sitzt uns der eigene Termindruck ständig im Nacken? 

Dass wir uns am besten mit einer guten Energie den Pferden nähern ist nicht DIE Neuigkeit. Auch dass es uns sehr schwer fällt Herr seiner eigenen Gefühle insbesondere der Gelassenheit zu sein. 

Achtsamkeitstraining, Meditation oder fixe Abläufe, die uns zu einer ruhigen Routine führen können uns helfen den Alltag abzustreifen und wirklich „da“ zu sein. Mir ist auch wichtig, dass uns die Pferde ihre Meinung über unsere Energie mitteilen können. Durch die Freiarbeit bzw. durch das „Abholen“ meiner Pferde auf dem großen Paddock Trail kann ich genau analysieren, wie meine Pferde auf mich reagieren. Hier kann es wirklich spannend sein, Tagebuch zu führen, über die Reaktionen der Pferde auf uns. Habe ich es eilig oder einen ganz fixen Plan für den Tag im Kopf sind meine Pferde eher misstrauisch. Wenn ich aber  in meiner „Wir haben alle Zeit der Welt“ – Stimmung bin, sind meine Pferde kaum zu bremsen. 

Die eigene Energie bezieht sich aber nicht nur auf die Stimmung, sondern auch auf das Tun mit dem Pferd. Sind wir hektisch beim Putzen? Auch hektisch in der Arbeit? Viele Reiter sind einen recht rüden Ton im Umgang mit Pferden aus der früheren Kinderreitschule gewohnt (zum Glück ändert sich das heutzutage und es gibt so viele Initiativen, die Kinder in aller Ruhe und mit viel Liebe ans Pferd führen – ein Beispiel ist Yvonne Heynckes). 

Wenn ich Schülern im Unterricht einen Vorschlag mache, dann erlebe ich oft super schnelle Reaktionen, fast schon ein vorauseilender Gehorsam meiner zweibeinigen Schüler. Energie sollte aber mit Bedacht gewählt werden. Nimmt man sich für den aktuellen Tag in der Trainingseinheit ein spezielles Ziel vor, dann sollte jede Hilfe immer fließend, mit Bedacht und in Ruhe ausgeführt werden. Auch Pferde brauchen Zeit, um auf unsere Hilfen zu reagieren. 

Gustav Steinbrecht beschriebt in seinem Gymnasium des Pferdes sehr genau, warum er so viel Wert auf eine korrekte Biegung legt. Ich beschreibe die Wirbelsäule des Pferdes gerne in Bauklötzen. Passen die Klötze zueinander, dann kann Energie von hinten nach vorne, aber auch eine Parade von vorne nach hinten durch den Pferdekörper fließen. Passen die Klötze nicht zueinander bleiben Energie oder Parade stecken. 

Das wäre kurz gesagt die Biomechanik. Aber was wäre das Reiten ohne das Gefühl. Technik ist das eine, die mentale Verbundenheit zwischen zwei Lebewesen die andere Sache. 

Es gibt viele passende Vergleiche zwischen Tanz- und Reitkunst. Ich liebe es, wenn ich gute Tanzpartner beobachten kann. Die Harmonie in der fließenden Bewegung ohne Absprachen, wann welcher Schritt gesetzt wird – das ist vergleichbar mit dem Moment, wo man die reiterlichen Hilfen nicht mehr wahrnehmen kann. 

Abseits aller technischen Hilfengebung versuche ich daher immer wieder – egal ob vom Boden oder vom Sattel aus lediglich durch Energieübertragung mein Pferd in verschiedene Richtungen oder Bewegungen zu schicken. Das Ergebnis – gemeinsame Freude an der Bewegung. 

In den Basisführübungen habe ich meinem jungen Lipizzaner alle Hilfen erklärt – was bedeutet es, wenn ich den Körper vorneige? Was bedeutet es, wenn ich quasi mit gebeugten Hanken eine Aufforderung zum Halten einleite. Ich habe viel vorgemacht – er hat viel gespiegelt. Heute muss ich eigentlich nicht mehr viel in meinem eigenen Körper „vormachen“ – der Gedanke alleine reicht aus.

Ein Vergleich noch aus der Musik. Wenn der Dirigent ein Orchester anleitet, dann hat er zwar einen Taktstock (vergleichbar mit unserer Gerte), natürlich kann er beispielsweise den Cellisten nicht an der Hand nehmen und den Bogenstrich energischer machen – er schickt durch seinen Körper Energie an seine Musiker. Ich stelle mir die Pferdebeine gerne wie einzelne Musiker vor, die ich erreichen möchte. Hinter dem Pferd sitzt die faule Pauke, die ich auch manchmal aufwecken muss, auch wenn mein übriges Orchester brav gearbeitet hat. Schon früher hat man Begriffe wie das „Konzert der Hilfen“ verwendet. Und ja, wenn man im Orchester spielt, kann die Energie des Dirigenten tatsächlich die wichtigste Hilfe sein, wenn die Buchstaben (die gesamte Technik: Noten, Fingertechnik usw) gelernt ist. 

Wenn Konrad und ich heute ein wenig mit Energie spielen, dann sieht das so aus: 

Wir bleiben in den nächsten Artikeln dran, am Thema „Zum Treiben kommen“

Wer eine gemeinsame Energie findet, der Reitet übrigens Einfach 😉 

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Französisch motiviert

Französisch motiviert

Positive oder negative Verstärkung war für François Robichon de la Guérinière (1688-1751) und Antoine de Pluvinel (1555-1620) kein Thema – und das obwohl ihr Konzept einer positiven Pädagogik für die zwei- und vierbeinigen Schüler nicht nur in Frankreich Schule machte!

Wie hätten sich die zwei großen Pädagogen wohl zum Thema Motivation in einem Interview ausgetauscht? Für Ausgabe Nr. 22 der Feinem Hilfen habe ich die Herren fiktiv befragt.

Feine Hilfen: Meine Herren, warum ist es so schwer, ein Pferd für die gemeinsame Arbeit zu motivieren?

Guérinière: Widersetzlichkeit und Ungelehrigkeit, die besonders bei jungen Pferden häufig zu beobachten ist, rührt noch von dem Gefühl der Freiheit her, mit dem sie auf der Weide  herumgelaufen und ihren Müttern zu folgen gewohnt waren. Ungern unterwerfen sie sich zu Beginn der Ausbildung dem Willen des Menschen, der die Herrschaft über sie zu haben glaubt und diese zu weit ausnützt und ausdehnt. Auch gibt es kein Tier, das sich so lebhaft an die erste zu Unrecht erhaltene Strafe erinnert wie das Pferd.

Pluvinel: Strafe mit Maß und Ziel; ich würde behaupten, dass man Pferde überhaupt nicht schlagen darf, weder zu Beginn noch während der Ausbildung, ja sogar bis zum Schluss, wenn es sich vermeiden lässt. Es ist vielmehr nötig, Pferde mit Güte auszubilden und nicht mit Gewalt, wenn es dazu einen Weg gibt. Denn ein Pferd, das seine Lektionen gern ausführt, strahlt viel größere Anmut aus, als eines, das mit Gewalt dazu gezwungen wird. Außerdem kommt es durch Anwendung von Gewalt sehr häufig zu Unfällen bei Mensch und Pferd.

Guérinière: Früher hatte man für den ersten Umgang mit Jungpferden,  spezielle Fachleute. Sie zeichneten sich durch besondere Geduld, Geschicklichkeit, Unerschrockenheit und Fleiß aus. Niemals wendeten sie dabei Strenge und Gewalt an, bevor sie nicht das letzte milde Mittel versucht hatten, das sie sich ausdenken konnten. Durch diese wohlüberlegte Geduld erreichten sie bei den jungen Pferden Vertrauen und Freundschaft zum Menschen, erhielten ihren Arbeitseifer und ihr Selbstvertrauen, machten sie gelassen und von Anfang an gehorsam.

Feine Hilfen: Was ist denn der erste Schritt, um ein Pferd zu motivieren?

Pluvinel: Der Reiter muss zuerst einmal wissen, wer da vor ihm steht. Manche Reiter nehmen keine Rücksicht darauf, wie die Pferde veranlagt sind, ob ihnen Stärke, Geschicklichkeit oder guter Charakter fehlen. Sie werden trotzdem zum Reiten ausgebildet.

Wenn sich ein Pferd weigert zu gehorchen, wird der kluge Ausbilder überlegen, was es davon abhält. Und das kann eben auch eine mangelnde Fähigkeit sein, die vielleicht niemals erkannt werden wird.

Guérinière: Die Ursache der Mehrzahl aller Widersetzlichkeiten bei Pferden ist aber nicht auf schlechte Veranlagung zurückzuführen. Weit häufiger verlangt man Dinge von ihnen, die sie noch nicht leisten können.

Feine Hilfen: Und wenn wir nun ein begabtes Pferd vor uns haben, das prinzipiell „kann“?

Pluvinel: Ich halte es für sehr gut, mit dem Pferd als Erstes Dinge zu üben, die ihm schwer fallen und so eine Vorgehensweise zu finden, bei der es mehr seinen Geist anstrengen muss als seinen Körper. Dabei muss man Acht geben, ihm nicht den Arbeitseifer zu nehmen und seine Gutwilligkeit zu ersticken, denn die Anmut eines jungen Pferdes ist wie der Duft einer Blüte, der – einmal verflogen – nie wiederkehrt. Verloren gegangene Gutwilligkeit kann bei Pferden mit leichtem Körperbau und viel Temperament nur mit großen Schwierigkeiten zurück gewonnen werden. Es ist die unausbleibliche Folge einer unüberlegten Vorgehensweise, dass das freundliche Wesen des Pferdes verloren geht oder es in unverbesserliche Untugenden verfällt.

Guérinière: Von den fünf Sinnen, mit denen alle Tiere genauso wie der Mensch von der Natur ausgestattet worden ist, gibt es drei, mit denen man bei der Ausbildung eines Pferdes arbeitet. Der Gesichtssinn, das Gehör und das Gefühl. Man motiviert und lobt das Pferd, wenn es in der Schulung des Gesichtssinns sich erschreckenden Gegenständen mutig nähert. Kein Tier ist so empfindlich, wie das Pferd. Fahren wir weiter behutsam mit viel Lob für jeden richtigen Schritt fort, können wir auch den Gehörsinn abrichten, indem man es an laute Geräusche gewöhnt. Aber auch auf den Zungenschlag lässt sich das Gehör und somit die Motivation hin richten. Den sanften Ton der Stimme, die ein Reiter zur Liebkosung anwendet, oder auf einen raueren Ton, dessen er sich als Strafe bedient – auch diese Geräusche lernt das Pferd als wichtige Hilfe kennen. Und natürlich spricht der Reiter somit auch das Gefühl des Pferdes an, bestätigt es durch Schmeicheln, korrigiert es durch Tadel. Wichtig ist jedoch, dem vierbeinigen Schüler stets ein gutes Gefühl im gemeinsamen Arbeiten zu geben.

Feine Hilfen: Und diese Hilfen werden durch viel Lob gelehrt?

Pluvinel: Richtig, man muss das Pferd jedes Mal loben, wenn es gehorcht, oder wenn der Ausbilder sieht, dass es ansatzweise eine Lektion oder Übung auszuführen versucht.

Die Pferde können uns nur dadurch verstehen und gehorchen lernen, dass wir sie sofort belohnen, wenn sie tun oder zu tun versuchen, was wir verlangen – durch Loben mit der Hand, der Stimme, oder indem wir ihnen Leckereien wie Gras, Brot, Zucker und dergleichen geben. Aber auch wenn sie etwas falsch machen, muss die Zurechtweisung sofort erfolgen, entweder mit der Stimme, der Gerte, den Sporen oder der Peitsche, mit einem oder höchstens zwei Schlägen – wenn möglich soll man geizig mit Strafen und verschwenderisch mit Lob sein, um zu erreichen, wie ich schon erwähnt habe und immer wieder betone, dass Pferde mehr aus Freude statt unter Zwang mitzuarbeiten lernen.

Gibt der Reiter Hilfen und ist die Reaktion des Pferdes zufriedenstellend, so sollte er es in den Stall zurück führen, um es besonders zu belohnen, auch wenn es nicht mehr als eine halbe Volte beispielsweise gemacht hat. Ich möchte unsere Leser darauf aufmerksam machen, dass es niemals die Quantität sein sollte, die einen wahren Reiter begeistert, sondern die freudige Mitarbeit des Pferdes. Die Anzahl und Dauer von Lektionen nämlich dient nur dazu, dem Pferd ein Ausdauertraining zu verschaffen und man darf sie nicht einsetzen, so lange das Pferd noch nicht willig gehorcht, aberauch nur dann allmählich und mit Vorsicht, um das Pferd nicht zu überfordern.

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Und Action…Sommerakademie 2018

Und Action…Sommerakademie 2018

Die Sommerakademie 2018 hatte es wieder in sich. Aus zahlreichen Ländern Europas kamen Mitglieder nach Dänemark um gemeinsam am Brainpool zu arbeiten, sich auszutauschen, spannenden Vorträgen zu lauschen und vor allem: Eine gute Zeit miteinander zu haben! 

„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt”. Friedrich Schillers Gedanken zur „ästhetischen Erziehung des Menschen”

Drei Workshops – ein Gedanke

Maja Caspersen, Janna Behrens und ich hatten bereits im Vorfeld zur Sommerakademie geplant einen „beweglichen“ Workshop in das Programm zu integrieren. 

Maja arbeitete mit Achtsamkeit, wobei sie kleine Bewegungen ins Bewusstsein rückte, Janna forderte die Teilnehmer zum Kizomba Tanzen auf. 

Maja und Janna haben ein besonderes Programm ausgearbeitet – ich bin dankbar Teil dieser Gruppe zu sein.

Ich lud meine Teilnehmer zum Schauspielen ein. 

Wie kann Schauspiel uns Reitern helfen? Nun da gibt es eine ganze Menge. Als ich die Filmschule Wien besuchte, war ich wirklich zuerst sprachlos. Wer glaubt, zu Beginn einer Schauspielausbildung werden Texte gebüffelt – der irrt. Schauspiel zu lernen bedeutet Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Körper zu entwickeln, Kreativität zu wecken, Bewegung zu spüren, Ausdruck zu schärfen. 

Wie oft hören wir als Reiter, dass wir für Pferde wie Raubtiere wirken. Aber wann sind wir denn Raubtiere, wenn wir in unserem Alltag ein versteinertes „Gut“ auf die Frage, wie es uns geht erwidern. Bloss keine Emotion im alltäglichen Business zulassen. Bloss nicht zeigen, wie es wirklich in uns aussieht. Unsere Pferde entlarven uns natürlich sofort, denn sie können Körper lesen. Durch unseren „verhinderten“ Ausdruck können wir ihnen aber auch oft nicht genau das sagen, was wir sagen möchten. 

Ich möchte euch nun drei Übungen vorstellen, die ich auch im Rahmen der Sommerakademie präsentiert habe. 

Spiegeln von Energie

Bei dieser Übung stellt man sich gegenüber voneinander auf – das heißt also, man braucht dafür unbedingt einen Partner. Die Handflächen werden nun exakt gespiegelt – ohne sich selbst an den Handflächen zu berühren. Jede Bewegung kann gespiegelt werden, die Hand kann sich langsam heben oder senken, oder einen Kreis beschreiben. Wichtig ist, den Augenkontakt zu Beginn nicht zu verlieren und sich gänzlich auf die Energie zwischen den Partnern zu verlassen. Wem dies schon gut gelingt, kann die Augen schließen. Oft ist man sehr überrascht, dass dieses Folgen und Spiegeln von Bewegung auch mit geschlossenen Augen (nach ein wenig Übung) sehr gut funktioniert. 

Was wir bei dieser Übung lernen? 

  • Energie spüren
    • Wer führt? Oft ist man selbst sehr überrascht, dass die Bewegung ohne sich abzusprechen eingeleitet wurde. Wer hat die Führung übernommen, wer ließ sich führen? Oder gab es in der Führungsrolle viel Abwechslung? 
    • Gelingt das Spiegeln auch noch ohne sich anzusehen? Dies ist ja gerade bei der Arbeit mit den Pferden ein großes Thema, da wir sehr intensiv auf unser Pferd schauen, Pferde jedoch mit unserem „Anstarren“ relativ wenig anfangen können. 

Bewegungsraten

So funktioniert`s: Für dieses Spiel brauchen wir mindestens zwei bis vier Teilnehmer. 

Ein oder mehrere Teilnehmer (je nach Gruppengröße) müssen den Raum verlassen. Auf der Sommerakademie haben wir uns dafür entschieden, dass diese kleine Gruppe der größeren Gruppe ein Element aus dem Groundwork Test zeigen muss. In unserem Fall waren vier Personen aus dem Raum gegangen, sie konnten sich überlegen, ob sie Pferd und Mensch darstellen wollten, oder nur als Mensch/ oder nur als Pferd einen Bewegungsablauf zeigen wollten. Der Rest der Gruppe entscheidet sich bereits vorab welche Bewegung er sehen möchte. In unserem Fall war es ein Schulhalt. Je eher die Darsteller dieser Bewegung näher kamen, sie also richtig erraten hatten, umso deutlicher wurden sie positiv bestärkt. 

Was wir bei dieser Übung lernen? 

  • Schult das Teamwork
  • Schult unsere Kreativität
  • Zeigt uns wie sich positives Verstärken anfühlt – einerseits für die Darsteller – denn es kann sehr frustrierend sein kein Feedback zu bekommen, andererseits für die große Gruppe, das Publikum, das Feedback gibt. 

Die Brücke

Dieses Spiel klappt auch nur zu Zweit. Wir stellen uns mit etwas Distanz (2 bis 3 Meter) gegenüber auf. Zwischen uns stellen wir uns eine sehr schmale Brücke vor. Jeder muss die Brücke aus einem sehr dringenden Grund passieren. Nur einer von beiden kann die Brücke passieren – soll heißen: Einer kann vorwärts, der andere MUSS rückwärts. Diese Übung soll uns helfen eine Intention zu behalten. Das Gegenüber darf nicht mit den Händen berührt werden, auch Tritte sind verboten. Ausdruck, Körpereinsatz, Stimme – all das ist erlaubt. 

Bei dieser Übung ist es sehr spannend herauszufinden, wie es sich anfühlt, wenn man sich sehr nahe kommt. Verliert man dann sein eigenes Ziel aus den Augen? Wie fühlt sich diese körperliche Nähe als Druck auch an? Lassen wir uns verunsichern? Es geht bei dem Spiel weniger um Dominanz, als um das Erhalten einer bestimmten Intention. 

Sich nicht auf den Blaubeeren ausruhen…

ja manchmal kann die Sommerakademie schon im internationalen Sprachgefecht neue Worthülsen und Sprichwörter fördern ;-). Gemeint sind natürlich die berühmten Lorbeeren – aber bei über 30 Grad waren wir trotzdem fleissig und haben uns wahrlich nicht ausgeruht. 

Bent Branderup und Kathrin Branderup-Tannous zeigten die Arbeit mit ihren Pferden und wie immer gab es Inspiration, Momente, in denen man sich selbst erkennt, Momente wo man entdeckt – egal ob in Dänemark, Schweden, Norwegen oder Österreich – überall gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Mitgliedern, eine ähnliche Entwicklung, ähnliche Gedanken. Besonders spannend waren Kathrins Erzählungen bezüglich Anspannung und „Schreckmomenten“: Wer kennt das nicht? Das Pferd hat eine besondere „Schreckecke“ in der es immer wieder zusammen zuckt. Kathrin hatte ihre Pferde mit einem Pulsmesser ausgestattet, um auch der emotionalen Anspannung auf die Schliche zu kommen. Ihr Fazit: Wir haben es wie immer in der Hand, wir müssen kreativ sein, wenn wir mit der Anspannung unserer Pferde zurecht kommen und den Pferden mehr Entspannung bieten wollen. 

Donnerstag Nachmittag stand dann noch eine Präsentation von Stine Larsen am Programm. Stine hat die Obduktion einer Pferdevorhand für uns dokumentiert und uns auf eine biomechanische Reise entführt. Besonders spannend ist natürlich auch hier der Austausch, schließlich sitzen ja viele Ostheopathen, Physiotherapeuten oder auch Tierärzte im Publikum, deren Ergänzungen ebenso spannend wie „nachhaltig“ bis in die frühen Abendstunden zum Barbecue reichten. Beim Barbecue wurde Christofer Dahlgren wie immer zum Chorleiter, der die gesamte Ritterschaft dirigierte. Traditionell erheben wir dann das Glas und singen eine schwedische Ode an das Pferd. Den Text können wir übrigens trotz jahrelanger Übung immer noch nicht wirklich gut. Bis in die späten Abendstunden wurde dann diskutiert, geplaudert, gelacht und um das (aus Gründen der extremen Hitze und Trockenheit) nicht vorhandene Lagerfeuer getanzt. 

Freitag wurde es extrem. Der Brainpool hätte ob des hitzigen dänischen Sommers tatsächlich eher einen Pool, als eine heiße Halle gebraucht. Am Vormittag wurden sehr spannende Beispiele aus der Praxis präsentiert. Zwei Quarter Horses wurden live, wie auch per Film präsentiert. Es war schön zu sehen, wie die Arbeit die Vorhandlastigkeit der Pferde, deren Rückenschwung und Lastaufnahme in der Hinterhand verbessern konnte. 

Kathrin Branderup-Tannous und Lucie Klaasen vertieften in ihren Vorträgen das Thema „Vorhand“. Einerseits ging es um korrekte Schwungübertragung, um die Elemente der Akademischen Reitkunst (Balance, Schwung, Tempo, Takt, Losgelassenheit und Durchlässigkeit sowie Versammlung) um das korrekte Anheben des Brustkorbes. Lucie sprach über ihre Erfahrungen mit der Masterson Methode und demonstrierte ein paar Handgriffe am Pferd. 

Besonders stolz war ich natürlich am Samstag, da ich heuer zwei meiner Schüler nach Dänemark mitgebracht hatte. Sonja Grätz und Viktoria Portugal wurden als Wappenträger in die Ritterschaft der Akademischen Reitkunst aufgenommen.

Vielen Dank an CÉLINE RIECK PHOTOGRAPHY – DEDICATED TO HORSES, die uns fotografisch auf der Sommerakademie begleitet hat! (Titelbild, Foto 3 und 5) Foto 1, 2, und und 4: Anna Eichinger und Viktoria Portugal

Es ist immer sehr schön, alte und neue Freunde in Dänemark auf der Sommerakademie zu treffen. Und wie immer kam mit einigen von ihnen der Austausch leider viel zu kurz – umso größer ist d ie Vorfreude auf Dänemark 2019 🙂 

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Kann man auch zu positiv/ zu negativ sein? 

Kann man auch zu positiv/ zu negativ sein? 

Irgendwann bin ich auf Facebook über ein Video gestolpert, das mich schwer beeindruckt hat. Da wurde quasi ein Fisch „geklickert“. Der kluge Fisch musste verschiedene Gegenstände bzw, Symbole wieder erkennen. Die Art und Weise, wie das Tier die Herausforderung gemeistert hat, hat mich sehr schwer beeindruckt.

Die Reise in die Vergangenheit

Ich hatte großes Glück Tür an Tür quasi neben einem Trakehnergestüt aufzuwachsen. Die Pferde waren von klein  auf an Menschen gewöhnt, sehr zugänglich, freundlich und neugierig. Keines der Tiere hatte negative Erfahrungen gemacht, sie waren sehr easy zu handeln. Im Teenageralter durften meine Freundin Kati und ich dann auch die jungen Pferde reiten. Gleicht das erste Aufsteigen auf ein Jungtier heute scheinbar einem Staatsakt, war die Sache damals so unspektakulär, dass wir uns auch überhaupt nicht groß Gedanken darüber machten, was es denn eigentlich heißt innerhalb kürzester Zeit mit einem so lieben und gutmütigen Pferd Schritt, Trab und etwas Galopp – freilich auf noch nicht vollendet rund gebogener Linie – zu reiten.

Wir hatten unseren Spaß, Leckerli gab es damals als exotische Besonderheit zu Weihnachten, vielleicht manchmal ein Stück Karotte. So viel zum Thema Lob, wobei ich hier die emotionale Komponente nicht unerwähnt lassen möchte.Selbstverständlich wurde nämlich vieles positiv bestätigt. Waren die Pferde brav, dann wurden sie ausgiebig gekrault, gestreichelt und mit sanften Worten in ihrem Verhalten bestärkt. Irgendwie war alles ganz locker und ich habe in dieser Zeit den Pferden auch irrsinnig viel zu sagen gehabt.

Später als ich diesen – für mich schon sehr behüteten und geschützten Rahmen – verlassen habe, hatten die Pferde auch viele Botschaften für mich. Allerdings habe ich diese nicht mehr so wahrgenommen. Mein Gehör war verstopft von Ambitionen, von Konzentration und Nebengeräuschen, wie einem Studium, Freundschaften, erste berufliche Erfahrungen.

Positiv und negativ – lässt sich das alles in einen Topf werfen?

Ich habe lange gebraucht, um mit Pferden wieder das für mich bekannte Gefühl aus der Kindheit zu entwickeln. Kaum hatte ich meine geschützte Blase verlassen, war in eine andere Stadt gezogen, verstärkte sich bei mir das Gefühl in einer gänzlich anderen Welt der Pferde zu sein. Ich las viel, ich besuchte diverse Veranstaltungen und wunderte mich über Methoden, die man plötzlich benötigte, um Pferde zu erziehen. Ich möchte nichts aus diesen Jahren als gut oder schlecht bewerten – es war mir nur einfach sehr fremd und ich konnte auch irgendwie nicht damit warm werden. Mir fehlte meine Mitte.

Ich lernte zwei so unterschiedliche Seiten kennen. Auf der einen Seite hörte ich: „Endlich haben wir das Pferd geknackt“; man hatte oft den Eindruck, Pferde würden nur 23 Stunden darauf warten, ihrem Menschen eine Stunde lang am Tag das Leben zur Hölle zu machen. Jegliches Nicht-Funktionieren hätte eine klare Absicht. Auf der anderen Seite lernte ich später einen überdeutlich positiven Zugang zum Pferd. Alles, was vom Pferd kommt ist zu loben. Und stehen 500 Kilo auf meinem Fuß, dann war es meine Schuld.

Das ist jetzt eine deutliche Abkürzung meiner Eindrücke, mir geht es auch nicht um eine Bewertung. Ich beobachte aber, dass wir uns selbst in unserer eigenen Mitte so schlecht finden.

Die Mitte finden?

Erinnern wir uns an meine Geschichte aus meiner Kindheit und Jugendzeit. Wo wir an manchen Tagen den Pferden beim Heufressen stundenlang zuhören konnten. Wo stundenlanges Schmusen mit den Fohlen an der Tagesordnung stand. Ja und es war eine Zeit ohne Social Media, es gab in meiner Kindheit auch noch keine Mobiltelefone. Wenn ich mir ansehe, wie mein junger Lipizzaner auf der Alm nahe Piber aufwachsen durfte, so natürlich, so geerdet, so frei, dann bin ich auch froh, dass ich selbst ähnliche Erfahrungen machen konnte. Vom Barfusslaufen durch den Wald, Schwarzbeeren sammeln im Sommer und dem ewigen Konzert der Grillen bei uns draußen. Vielleicht ist es genau diese Erdung, die heute so fehlt, wenn alles in Extreme abdriftet.

Ich habe Menschen erlebt, die die Beschwichtigungssignale ihrer Pferde nicht deuten konnten und deswegen weiter Druck gemacht haben. Ich habe aber auch Menschen erlebt, die trotz durchaus positiver Haltung und ohne Hintergedanken gar nicht gemerkt haben, dass zu viel Futterlob ihre Pferde ebenso unter Druck oder Zugzwang gebracht hat. Ich bin mit Menschen groß geworden, die niemals etwas über Beschwichtigungssignale erzählten, oder auch nicht mit Futter gelobt haben. Weil sie beides nicht mussten. Weil sie einfach mit dem Pferd waren.

Nochmal: Wer hier ein Plädoyer gegen Horsemanship oder positive Verstärkung herauslesen möchte, liegt falsch.

Wenn ich jedoch zunehmend feststelle, dass uns die Signalerkennung in punkto Kommunikation fehlt, dass wir nicht im Hier und Jetzt sein können, dann lautet die Frage nicht, wovon gibt es Zuviel, sondern wovon haben wir Zuwenig.

Zuviel und Zuwenig?

Ich denke, dass wir in unserer schnelllebigen Zeit auch viel zu viel auf uns einprasseln lassen. Wir hören nicht mehr genau hin. Unser Bauch würde uns nämlich schon verraten, was Zuviel und was Zuwenig ist. Wir würden uns auch wieder trauen mit unserem Körper zu sprechen. Ein Grund, warum ich so gerne auch auf Schauspielübungen für Reiter zurückgreife, weil diese uns auch ein wenig mehr in unseren Körper bringen, Bewusstsein schaffen und Achtsamkeit fördern.

Wir müssten dann auch nicht so stark und vehement über die vielen Pros und Contras streiten, die uns in der Reiterwelt scheinbar trennen. Finden wir unsere Mitte, dann sind wir vermutlich auch für die Pferde erträglicher – und das in vielerlei Hinsicht.

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Mehr zu den Schauspielübungen für Reiter gibt es im nächsten Blog….seid gespannt!

 

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