Zeit schön verbringen

Zeit schön verbringen

Wie schaffen wir es, dass zwei Geister wollen, was zwei Körper können?

In der dritten Theorieeinheit bei unserem Kurs mit Bent Branderup Anfang Juni rund um das erste und zweite Descente stellte dieser die Pädagogik in den Vordergrund:

(Französisch Experten sehen mir in meiner Zusammenfassung bitte nach, dass ich la descente (verlangt einen weiblichen Artikel) eher mit „das“ Nachgeben übersetzt habe)

„In der Theorie haben wir zuerst das erste und zweite Descente   durchgemacht und auch die physischen Voraussetzungen diskutiert, damit wir diese Inhalte im Pferdekörper überhaupt umsetzen können. Egal ob in der Boden- Longen-  und Handarbeit, oder auch der gerittenen Arbeit – es ist wichtig, dass Mensch und Pferd eine gemeinsame Balance finden. Das ist der Grund warum wir die Pferde überhaupt zuerst vom Boden ausbilden. Mensch und Pferd – jeder für sich können sich in einer Balance bewegen, die die Teilnahme des Anderen für sich ausschließt. Wir wollen aber eine gemeinsame Mitte. Ein Miteinander. Dies wird zu unserem Hauptmotto: Zwei Geister müssen wollen, was zwei Körper können.“

Alles auf Automatik?

Unsere Hilfengebung ist keinesfalls eine Mechanik, es gibt keine Zahnräder, die ineinander greifen und einen raschen Erfolg versprechen. Wir haben keine Hebel für unsere Mitteilung an das Pferd, es sind pädagogische Aufgaben, die wir dem Pferd stellen. Das Pferd muss also nach und nach unsere Hilfen verstehen, wie ein Kind, das das Alphabet lernt, bringen wir dem Pferd eine gemeinsame Sprache bei.

„Wir können dem Pferd allerdings nur eine gemeinsame Sprache beibringen, wenn wir eine Erstsprache beherrschen.“

Die Schwierigkeit für uns Menschen liegt besonders darin, Lehrender und Lernender zugleich zu sein. Wir müssen also zuerst etwas ganz klar und deutlich visualisieren können. Was ist für uns eigentlich ein innerer Schenkel, was bedeutet es, wenn wir mit der Gerte in der Bodenarbeit in eine bestimmte Position zeigen? Bekommen wir vom Pferd später eine positive Antwort auf unsere Frage, wenn wir dem Pferd dieses Signal zeigen? Wenn wir generell von Schenkelhilfen sprechen, dann muss das Pferd später genau interpretieren lernen, ob wir einen direkten, einen umrahmenden, einen verwahrenden, um sich herum biegenden, von sich weg biegenden oder versammelnden Schenkel meinen.

„Wir scheitern jedoch oft an unseren eigenen pädagogischen Fähigkeiten. Also müssen wir lernen, wie wir dem Pferd eine Mitteilung geben können. Die erste Hürde heißt in Wirklichkeit, eine Beziehung zu dem Pferd aufzubauen. Das Pferd muss in uns einen Lehrer sehen. Wer bist du in den Augen deines Pferdes in welchem Moment. Das ist die erste Frage, die uns beschäftigt!“

Viele Menschen scheitern nicht nur an der Rückwärtsbewegung im eigenen Körper in der Bodenarbeitsposition. Schwierig wird es auch, wenn das Pferd schnappt und den Reiter vor sich her treibt. Dann sieht das Pferd meist nicht den Lehrer in seinem Menschen, sondern beispielsweise bei Hengsten, die Lieblingsstute, die das Pferd gerne vor sich hertreibt. Wechselt der Mensch dann in eine seitliche Führposition, um das Treiben zu verstärken, erntet er ein klares „Nein“ von seinem Pferd, das mit der Rolle des Getriebenen durchaus nicht einverstanden ist.

Wie verschaffen wir uns aber den Respekt und das Ansehen eines guten Lehrers in den Augen des Pferdes?
Abgesehen von den klaren Bildern, die wir im Kopf haben müssen, wenn wir Inhalte an unser Pferd vermitteln, geht es laut Bent Branderup um eine große Sache:

Sympathie

Wenn wir an unsere eigene Schulzeit zurück denken? Wer war ein guter Lehrer für uns? Ich hatte beispielsweise in der Unterstufe eine Mathematiklehrerin, für die ich nur wenig Sympathie aufbringen konnte. Damit war einer potenziellen Leidenschaft für Mathematik bereits der Garaus gemacht (unabhängig davon, meine Leidenschaft galt von jeher schon Worten und Sprache). In der Oberstufe änderte sich das Ganze: Ich hatte eine Professorin, die es verstand, dass die ganze Klasse ihr wohlwollenden Respekt entgegen brachte. Schließlich brachte sie auch uns Teenagern, mitten in der schwierigsten Phase unseres Lebens eine Portion Respekt entgegen. Die Sympathie zu ihr war es, die mir ein „Überleben“ in Mathematik ermöglichte.
Immer, wenn Bent Branderup diesen Teil in seinem Theorievortrag erwähnt, muss ich an meine Matheprofessorinnen denken, die mein eigenes Lernverhalten nachhaltig prägten.

Sympathie alleine reicht aber nicht aus, um Inhalte zu vermitteln. Wenn wir unserem Pferd etwas beibringen wollen, müssen auch die Inhalte stimmen. Es reicht nicht sympathisch zu sein.
Mit Augenzwinkern erwähnt Bent Branderup:

„Die größten Schwindler sind oft die sympathischen Menschen. Nur weil jemand sympathisch ist, heißt das noch lange nicht, dass die Inhalte stimmen, die uns erzählt werden. Denken wir beispielsweise an die eine oder andere Geschichte vom erfolgreichen Gebrauchtwagenhändler, der die Leute reingelegt hat….“.

Neben der notwendigen Sympathie habe ich bereits den zweiten Faktor aus meiner eigenen Schulzeit erwähnt, der einen Lernerfolg ermöglichte:

Respekt

„Im deutschen Sprachgebrauch hat Respekt für meinen Geschmack zuviel mit Disziplin zu tun. Daher fange ich immer an mit Sympathie, Respekt ist für mich nur auf Gegenseitigkeit begründet. Wenn zwei Hirsche miteinander kämpfen, dann schlagen sie die Geweihe zusammen. Sie könnten das Geweih ja auch in den Bauch des anderen schlagen. Das tun sie aber nicht, denn sie haben weit mehr Respekt vor dem Leben des anderen, als wir Menschen. Wenn wir von Menschlichkeit sprechen, dann ist das oft den Menschen weniger eigen, als den Tieren“.

Pferde wachsen im Idealfall in einer bestimmten Herdenstruktur auf und werden durch die anderen Tiere sozialisiert. Das Pferd steckt uns also später in eine bestimmte Rolle, die es in Relation zu seinen vorangegangen Erfahrungen stellen kann. Wir müssen in jeder Situation erkennen lernen, was das Pferd in uns sieht und wie wir unser Verhalten an Einschätzung des Pferdes anpassen. So müssen wir dem Pferd eine klare Mitteilung geben, wenn es uns vor uns hertreibt, ohne Sympathie und Respekt füreinander zu verlieren.

Wir müssen dem Pferd den Unterschied begreiflich machen: Handelt es sich um eine Situation mit anderen Pferden oder kommuniziert es nun mit einem Menschen? Die verschiedenen Führpositionen, die wir vor, neben, seitlich hinter dem Pferd und auf weitere Distanz in der Akademischen Reitkunst einnehmen stellen uns immer wieder vor neue Herausforderungen.

Was sagt mein Pferd?

Was wir als Pädagogen lernen müssen ist außerdem auch die verschiedenen Gesichtsausdrücke des Pferdes zu deuten:

„Pferde haben mindestens genauso viele Gesichtsausdrücke wie Schimpansen. Wir Menschen können diese jedoch beim Schimpansen leichter ablesen, da die Gesichtsausdrücke dem Menschen ähnlicher sind. Die Emotionen der Pferde sind mit ganz anderen Gesichtsausdrücken verbunden. Wir sind dann, wenn wir das Pferd nicht lesen können sehr reduziert in den Fähigkeiten, die wir haben“.

Welche Kommunikation und Möglichkeiten wir haben, hängt auch von der Vielseitigkeit des Akademsichen Werkzeugkoffers ab. Alle pädagogischen Elemente sind in diesem Werkzeugkoffer enthalten. Jedes Werkzeug an sich nutzt aber nichts, wenn wir nicht die richtigen Werkzeuge der jeweiligen Situation und Hilfengebung entsprechend wählen.

„Ich bin ausreichend stolz, wenn ich von einem Schüler sagen kann, er ist ein guter Handwerker“.

Wenn es um die Reitkunst geht, dann geht es auch um das Automatisieren von Vorgängen. Sicherlich erinnern sich einige noch an die ersten Fahrstunden, als man noch zur Kupplung blicken musste, zum Schaltknüppel und die Gänge regelrecht suchen. Heute können wir uns auf unser Gehör verlassen, dass uns ohne große Gedanken die Information weiterleitet, jetzt wäre das Wechseln in einen anderen Gang von Vorteil. Ebenso vergleicht Bent Branderup die Musik mit der Reitkunst. So lange ein Pianist vom Blatt spielen kann ist er ein guter Handwerker, erst wenn alle Handgriffe ohne Nachzudenken fließen ist Platz für Interpretation und somit auch Platz für die Kunst. Kunst beginnt, wenn wir uns über die Technik hinweg setzen können.

„Daher gibt es viele Dinge, die wir förmlich bis zum Erwürgen üben müssen, damit alles vollautomatisch läuft. Das ist der Unterschied zwischen Lernen und Können, wenn die Hilfe vollautomatisch da ist, dann ist man technisch so weit, dass man sich vom Handwerker zum Künstler bewegen kann. Egal auf welchem Niveau wir in der Reiterei unterwegs sind: Ich empfehle immer meinen Schülern genau auf der Stufe, auf der sie stehen alle Handgriffe zu automatisieren,bis man nicht mehr nachdenken muss. Dann sind wir auf unserem Weg bereit für die nächste Etappe“.

Voller Emotion

„Kunst ist, eine reelle Emotion zu erleben. Hoffentlich eine positive. Ist die Fähigkeit sich zu freuen, nicht mehr vorhanden, dann wird alles belanglos, wenn wir keinen Inhalt mehr haben. Wir müssen heute nicht reiten. Wir dürfen. Es ist heute keine Notwendigkeit mehr eine Kutsche zu ziehen, oder über bunte Stangen zu hüpfen. Es gib keinen Grund zu reiten, außer Zeit schön zu verbringen. Erinnern wir uns an die Freude, die wir hatten, als wir als Kinder mit Pferden zusammen waren. Wenn diese Freude verschwindet, dann hat sich die ganze Sache überlebt, dann gibt es keinen Inhalt mehr dafür.

Ich sehe in die Gesichter der Zuschauer und ahne, dass wir alle ganz ähnliche Erinnerungen teilen. Die Ruhe Abends im Stall, wenn wir den Pferden beim Fressen gelauscht haben. Das Beobachten der Pferde auf der Koppel. Das stundenlange Putzen und einfach Zusammensein mit den Pferden.“

Bent fragt uns: Wo ist die Freude geblieben? 
Einige Zuschauer schütteln verständnislos den Kopf. Ja, in dieser Gruppe, so fügt auch Bent hinzu, hat er ganz und gar nicht den Eindruck, als würde es an Freude am Zusammensein mit dem Pferd fehlen. Beim nächsten Satz stimmen dann wieder einige Zuschauer nickend und murmelnd zu:

„Manchmal wenn ich in eine Halle schaue, habe ich nicht das Gefühl, dass die Menschen ihre Pferde wirklich mögen“.

Auch ich stoße auf meinen Unterrichtstouren immer wieder auf solche Bilder. Wo ist die Freude geblieben? Was ist passiert, dass Pferde scheinbar das Schlechteste in uns hervorbringen. Wer sind wir dann in den Augen unserer Pferde?

Bent Branderup konstatiert, dass natürlich Erwachsene Schuld seien, wenn die Freude der Kinder verloren geht. Ich muss unweigerlich an den „kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry und „die großen Leute“ denken, die die Fantasie des kleinen Prinzen nicht verstehen. Wenn aber die naive Fähigkeit verloren geht, am bloßen Zusammensein Genuss zu empfinden, dann geht auch die Kunst verloren.

„Dann wird die Kunst ein leeres Abrufen von Exerzizien. In der Kunst wollen wir aber die Emotion in unser Schaffen zu integrieren. Das kann man übrigens nie vor Publikum üben. Um eine Emotion auszulösen, brauchen wir eine aussergewöhnlich gute Situation. Sich freuen ist im Grunde ja ein chemischer Zustand. Das will heißen, wenn ihr auf einer Ebene der Ausbildung seid und alles aus dem Ärmel schütteln könnt, dann löst das keine Emotion mehr aus. Daher brauchen wir auch immer wieder die Herausforderung, um es auf einer noch höheren Ebene wieder zu können“.

Bent Branderup rät in diesem Sinne seinen Schülern die Ausbildung Schritt für Schritt voranzuschreiten. Treppchen für Treppchen zu nehmen. Zuerst kommt die Arbeit an der Technik, dann wird man nicht so frei sein für den gefühlsmässigen Austausch, aber sobald man sich in der Technik sicher ist, kann man die Emotion integrieren.

„Technik ist das, was ich euch beibringen kann. Ich kann euch das Gefühl nicht beibringen. Ich kann euch nicht zeigen, wie eine Rose duftet und wie sich die Farbe rot anfühlt. Denkt immer zurück, was war der Anlass, warum ihr mit Pferden zusammen sein wolltet. Dies ist der Gedanke, der uns davon abhält uns zu stark in der Technik zu verheddern.
Die Technik alleine wird uns nicht weiterbringen. Erst in dem Moment, wo das Pferd interpretiert aus unseren Mitteilungen wird uns die Intelligenz des Pferdes in ihrer Gänze gewahr. Pferde sind klug und unsere Mitteilungen sind kein Verstärkung einer Hilfe, sondern wir verstärken das Verständnis und die Aufmerksamkeit bei unserm Pferd.“

Und wie lange dauert es das gegenseitige Verständnis und die Reitkunst zu schulen? Auch hier hat Bent Branderup natürlich eine Anekdote parat:

„Ein Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule wurde vor vielen vielen Jahren im Alter von 65 Jahren befragt, wie lange es dauert reiten zu lernen. Er ritt bereits das Solo einhändig und stellte das Pferd in allen Schulen und Gängen vor. Er antwortete auf die Frage: „Ja, ich war das Talent meiner Zeit, ich saß auf dem bravsten und klügsten Pferd. Ich hatte die großartigsten Lehrmeister. Also ich meinem Fall würde ich sagen, es dauert 200 Jahre.“ Es geht also nicht darum fertig zu werden, es geht um das gemeinsame Erlebnis mit dem Pferd, es geht um Herausforderungen, die wir an uns als Team stellen und es geht um das Erreichen von Etappen und Meilensteinen.
Wenn ihr aber zu der Sorte Mensch gehört, die unbedingt gestern schon fertig sein möchte, dann kann ich euch garantieren, mit der Akademischen Reitkunst werdet ihr nicht glücklich werden, denn es gibt immer ein höheres Niveau, das erstrebenswert ist. Wir sind nie fertig. Werdet aber technisch gut, auf dem Niveau, wo ihr gerade seid. Werdet so gut, dass ihr nicht mehr über die Technik nachdenken müsst und legt dann den nächsten Schritt.“

Je sicherer unsere Ausgangslage, unser Niveau auf einer bestimmten Ausbildungsstufe ist, umso eher können wir uns an die nächsten Schritte wagen. Immer im Hinterkopf: Warum sind wir mit unseren Pferden zusammen und wer sind wir jetzt und heute in den Augen unseres Pferdes.

Wer sind wir in den Augen unserer Wegbegleiter?

Ich möchte mich sehr bei meinen Schülern bedanken, die diesen Kurs mit gestaltet haben und den Zuschauern auch immer sehr viel Inspiration und Wissen weiter geben. Danke, dass ihr mir Jahr für Jahr vertraut und unseren „geschützten“ Bereich verlässt, um vor Publikum euer Können zu zeigen und weiter zu verbessern.
Besonders stolz bin ich natürlich heuer auf Viktoria die ihre Wappenträgerprüfung geschafft hat, sowie Julia, die trotz vieler Verletzungen von Vollblüter Moon Hürde um Hürde genommen hat und sehr schöne Arbeit am Kurs zeigen konnte. Unsere jüngste Teilnehmerin Viktoria mit Avanti hat von Bent einige knifflige Aufgaben für den Reitersitz erhalten und konnte trotz ihrer ersten Kursteilnahme alles wunderbar umsetzen.

Danke auch an das Team meiner Schüler, die beim Auf- und Abbau des Kurses so wunderbar geholfen hat.

Eins noch in Punkto Kommunikation. Eigentlich wollte ich mit meinem Youngster „Conversano Aquileja“ am Kurs teilnehmen. Leider hatte sich mein braver Schimmel am Montag vor dem Kurs in der Box verlegt und musste genäht werden. Fuchs Tabby ist erst seit kurzem wieder im Einsatz, also musste ich für zwei Einheiten auf Pina ausweichen, die eigentlich seit Winter mit meinem Vater Rudi im Wald oder ein wenig in der Halle unterwegs ist.

Obwohl wir beide also derzeit keine gemeinsame Routine haben, hat die Kommunikation so unfassbar gut funktioniert. Abgesehen davon, dass wir an der Qualität der fliegenden Wechsel und an den Ansätzen zu Passage gearbeitet haben, war das Schönste eigentlich Pina so bei mir zu wissen, so dass wir uns ganz leise, still und heimlich unterhalten konnten. Es war tatsächlich so, wie Bent immer sagt: Zwei Körper, die sich aktuell nicht so gut kennen fanden eine geistige Übereinstimmung und ein gemeinsames Wollen. Pina hat mich einmal mehr zu Tränen gerührt. Meine großartige schwarze Stute, die eigentlich alles immer schon lange vor mir weiß.

Im Oktober wird unsere Seminarreihe übrigens forgesetzt – dann geht es um das dritte Descente, um die Versammlung. Der Kurs findet dann in Ainring bei Salzburg statt, organisier von Andrea Harrer.
Ich hoffe sehr, dass ich dann mit klein Conversano aka Konrad dabei sein kann.
Bis dahin üben wir uns in der mentalen Verbindung, schließlich sind wir noch eine Zeit lang in der Ausbildung vom Reiten entfernt.

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PS: Die schönsten Kursbilder von Katharina Gerletz gibt es hier

Die Bausteine zum mittleren Rahmen

Die Bausteine zum mittleren Rahmen

Warum das Nachgeben für den Reiter so schwer ist und worauf wir bei einer korrekten Dehnungshaltung in Punkto Biomechanik achten müssen – das erklärte Bent Branderup im ersten Teil unseres Seminars Anfang Juni.

Im zweiten Teil des Vortrags ging Bent Branderup verstärkt auf den mittleren Rahmen ein.  Das erste und zweite Descente – beim Kurs Themenschwerpunkt – wurde ursprünglich beschrieben vom berühmten französischen Reitmeister Francoise Robichon de la Guérinière. Als la descente de main et de jambes, wird das Nachgeben der Hand, (descente de jambes = das Aussetzen der Schenkelhilfen) beschrieben, als Überprüfung, ob das Pferd weiterhin ohne permanente Hilfengebung in der erarbeiteten Form und Haltung bleibt. (Im Französischen braucht „la descente“ einen weiblichen Artikel , ich bitte um Nachsicht, dass ich hier nicht „die Descente“ beschreibe sondern das Descente im Sinne von „das“ Nachgeben im Artikel verwende).

“Irgendwo im Pferdekörper gibt es einen Balancepunkt, den wir zu Beginn der Ausbildung etwas weiter nach vorne nehmen möchten”, eröffnet Bent Branderup die zweite Theorieeinheit an unserem Kurswochenende.

“Aber nicht immer kommen die Pferde unserer Aufforderung einer Balanceverschiebung nach. So würden wir gerne dem Pferd eine Parade beibringen, das Pferd mit einem leichten Schulterherein nach vorwärts-abwärts strecken lassen, dann verschiebt sich der Schwerpunkt weiter nach vorne, als im normalen Stand. Dann können wir durch den Einsatz von Körpersprache zum Pferd sagen: Nimm doch den Schwerpunkt wieder zurück, so dass wir das Pferd in seine ursprüngliche Position wieder zurück nehmen. Diesen Vorgang kann jedes Pferd lernen.”

Bent Branderup erklärt, dass diese Übungen eine Methode sein können, um auch einem weniger geschickten Pferd die Anfänge der Parade beizubringen.

Die Geschichte von der Hand von Bauklötzen und Tunnels

“Zuerst kommt unsere Körpersprache zum Einsatz, aber irgendwann wollen wir dem Pferd ja auch eine Geschichte durch die Einwirkung unserer Hand erzählen. Dafür muss aber der Weg zur Wirbelsäule frei sein. Je schöner die Formgebung der Wirbelsäule, umso leichter können wir die Parade durch den Pferdekörper schicken.“ (Bent Branderup)

Wenn wir Formfehler in der Wirbelsäule wahrnehmen, dann stellen wir fest – eine Parade durch die Hand ist nicht mehr in DER Leichtigkeit möglich. Die erste Parade zum abwärts lösen versucht jeden Körperteil in Position zu bringen.

“Stell dir vor, du baust einen Tunnel mit Bauklötzen, je besser die einzelnen Teile aufeinander ausgerichtet sind, umso eher kann man Energie von vorne nach hinten und von hinten nach vorne schicken. Genauso verhält es sich mit der Parade. Hat man das Gefühl die Parade geht beispielsweise zwischen den Schultern verloren, dann war dort vermutlich eine Panne in der baulichen Tunnelkette passiert”. Anna Eichinger

In den Praxiseinheiten konnte sich Bent von jedem Pferd-Reiterpaar ein Bild machen, dabei wurde auch an der – in der ersten Theorieeinheit besprochenen – korrekten Becken- und Hüfttätigkeit gearbeitet. Bent führte Zuseher und Praxisteilnehmer wie immer gekonnt und informativ durch die Einheiten. So wurde durch etwas vermehrte Versammlung die Tätigkeit aus Becken und Hüfte bei zwei Pferden deutlich verbessert, der Vorgriff der Hinterhand gewann dadurch ebenso mehr Raum. Brauchte das eine Pferd deutlich mehr Unterstützung im ersten Descente, um zur Mittelpositur zurück zu gelangen, musste ein anderes Pferd zuerst ein wenig mehr versammelt werden, um dann in einer korrekten Mittelpositur oder Dehnungshaltung den Vorgriff aus der Hinterhand überhaupt korrekt umzusetzen.

Das Vermächtnis der Alten Meister an uns

“Wenn das Pferd auf der Schulter ist, dann wird der Schwung im Brustkorb natürlich von der Schulter blockiert, was sich wiederum auf die „Vor-und runter-Bewegung“ der Hüfte auswirkte. Die Hüfte kam nicht nach vorne, wenn das Pferd nicht versammelt war. Durch Versammlung wollen wir die positive Hüfttätigkeit in anderen Übungen erhalten. Wenn wir falsche Muskeltätigkeiten vom Pferd bekommen, müssen wir dies sehen, daher ist die Schulung des Auges so unabdingbar. Manchmal sieht man Reiter, die ihrem Pferd völlig falsche Muskelverkettungen abverlangen und diese Tätigkeiten noch steigern, Dann werden die Pferde ihrer natürlichen Gangart beraubt. Nach ein paar Jahren kann man die Pferde nicht mal mehr auf der Wiese lassen, denn sie schlagen sich selbst kaputte Beine, da der natürliche Gang dermaßen zerstört wurde. Wir können daher nur etwas Ausbildung nennen, was die Qualität der Bewegung der Pferde tatsächlich steigert, die Natur des Pferdes nicht zertrümmert”.

Die erste Parade schult unser Auge in Punkto korrekter Formgebung und legt die Basis für das spätere Projekt “Reiten”.
Nur wenn das Hinterbein des Pferdes genau unter jenen Punkt fußt, wo wir als Reiter später drauf sitzen, nur dann ist das Pferd korrekt aufs Reiten vorbereitet.

“Unser eigentliches Ziel in der Akademischen Reitkunst hatte bereits Antoine de Pluvinel vor 1620 definiert. Er sagt, mein Hauptziel alleine ist es, das Pferd aus der Hüfte zu dirigieren.”

In weiterer Folge erklärt Bent Branderup, wie aktuell Pluvinels Anweisungen für den Reiter von heute sind, der nach einer feinen Kommunikation mit dem Pferd strebt: Verschiedene Bereiche aus dem Sitz geben dem Pferd eine Mitteilung. Die erste Mitteilung versucht also Balance herzustellen, die Balanceverschiebungen sollen dafür sorgen, dass der jeweilige Hinterfuß in verschieden Richtungen folgt. Dafür brauchen wir aber einen physischen Sitz.

Gustav Steinbrecht schreibt, das Pferd soll eine Hohlheit in der inneren Hüfte finden. Sehen wir das Becken des Reiters auf dem Pferd, dann stellen wir uns vor, dass wir das Becken innen etwas tiefer nehmen. Dann will Steinbrecht, dass das Pferd durch den Einsatz des inneren Sitzknochens den Brustkorb rotiert. Der Brustkorb soll dann auf der inneren Seite des Pferdes nach unten gehen und dementsprechend an der Außenseite hochkommen. In dem Moment geht die Rotation weiter zur Hand des Reiters, das Pferd kann zur Hand des Reiters hin gestellt werden. Können wir das Pferd mit dem Sitz zur Hand formen, dann haben wir eine primäre Hilfe entdeckt, die eine sekundäre Hilfe ersetzen kann”.

Wie immer entführt uns Bent Branderup weiter in die Lehren der Alten Meister. Weiter ging es mit Guérinière:

Guérinière setzt den inneren Oberschenkel ein, er beschreibt einen größeren Hebel bei der Einwirkung auf rundrippige Pferde, wenn man den Oberschenkel etwas weiter draußen auf den Rippenbogen einsetzt. Der Oberschenkel lässt sich abwärts und bei schmalen Pferden einwärts bewegen, um die Hohlheit um den inneren Schenkel zu verstärken”.

Von Frankreich ging es weiter nach England zum Lord von Newcastle:

Newcastle beschreibt das Phänomen der korrekten Brustkorbrotation folgendermaßen, so dass der innere Steigbügel länger erscheinen soll, als der äußere. Wenn Sie das Buch von Newcastle durchblättern, dann müssen Sie wissen: Die Bilder sind gar nicht von Newcastle selbst. Es gibt wunderbare Kupferstiche von einem Schüler von Rubens, die Newcastle abgesegnet hatte. Die Holzstiche aus Newcastles Buch hatte er selbst aber nie gesehen. Diese wurden vom Verleger nach Newcastles Tod abgenommen. Darauf zu sehen sind Pferde, die stark überbogen sind. Wenn man ein Pferd aber stark überbiegt, dann kommt der Brustkorb außen nach unten. Nur in der richtigen Stellung und Formgebung kann sich der Brustkorb außen wie gewünscht heben. Wenn Newcastle die Pferde so dermaßen überbogen hätte, wie es in den Bildern dargestellt war, dann würde er nicht zum Resultat kommen, wie er es mit dem längeren, inneren Steigbügel beschrieben hatte.”

Das Erbe von Newcastles Ausführung erklärt auch, warum der Reitlehrer heute noch die Anweisung gibt: “Absatz tief”. Zieht der Reiter den inneren Schenkel nach oben, dann sitzt er den Brustkorb außen tiefer. Nur wenn der innere Schenkel etwas tiefer eingesetzt wird kann er optimal zur Erarbeitung von Stellung und Biegung dienen.

Der Oberschenkel und seine Wirkung

Bent Branderup erklärt nun, wie der Reiter seinen Schwerpunkt nach vorne nehmen und vermehrt auf die Oberschenkel kommen soll:
“Ich darf die Damen im Publikum trösten, der leichte Sitz macht uns leider nicht leichter”. Das Pferd lässt sich aber nicht im leichten Sitz entlasten, wenn der Druck in die Steigbügel zunimmt, der Reiter muss vermehrt auf die Oberschenkel kommen, um den Gesäßknochen aus den Rückenmuskeln zu nehmen. Eine nuancierte Schenkelhilfe wird jedoch erschwert, denn der Reiter im Knie klemmt und dadurch dem Schwung des Pferdes nicht mehr optimal folgen kann.
Im Vortrag wird nun der Unterschied zwischen dem offenen und dem geschlossenen Sitz nach Steinbrecht erklärt. Im offenen Sitz mit entspannten Oberschenkeln auf dem Pferd gelingt es uns am besten, die Hinterbeine des Pferdes zum vermehrten Vorgreifen zu animieren.

Nur ist es dem Oberschenkel nicht immer möglich, flach und entspannt auf dem Pferd zu liegen. Bent erklärt nun die unterschiedliche Beschaffenheit von Sätteln und ihre Vorteile. In der Praxiseinheit haben viele Reiter übrigens schon den Schulungssattel von Bent Branderup ausprobiert. Da Ralf Schmitt von Barock Flair auch bei unserem Kurs vor Ort war, konnte der mitgebrachte Schulungssattel unter den Augen von Bent für jeden Reiter optimal angepasst werden. Viele Sitzprobleme ließen sich im Handumdrehen verbessern, die Reiter konnten mit Unter- und Oberschenkeln leichter einwirken.

Das Zusammenspiel der Hilfengebung aus dem Oberschenkel kann die Bewegungsqualität verbessern. Bent Branderup faßt auch hier noch einmal die gesehenen Praxiseinheiten vom Vormittag zusammen. Ein Pferd war immer wieder mit dem Brustkorb nach außen gefallen, dabei war das innere Vorderbein in die äußere Richtung geschwungen.

“Der Brustkorb bekommt seine Schwungrichtung aus der Hinterhand des Pferdes. Daher habe ich der Reiterin geraten, die Vorderseite des äußeren Oberschenkels nach innen zu drehen, die Ferse das Unterschenkels außen dabei nach außen. Fühlt es sich für die Reiterin so an, als falle der Brustkorb förmlich auf den äußeren Zügel, dann ist das äußere Vorderbein zurück unter den Bauch gefallen. Nicht durch Druck, sondern durch den Drehmoment der äußeren Hüfte muss sich der Schwungmoment umkehren, um Balance und Schwungrichtung in die gleiche Richtung zu bringen. Wenn wir damit erfolgreich sind, wird der Widerrist unter und vor uns mehr nach innen zeigen. Dann haben wir die Sekundarhilfe Zügel auch erfolgreich durch unseren Oberschenkel ersetzt. Bei diesem Schritt kann uns auch die Gerte den äußeren Zügel verstärken.“

Je weiter das Pferd ausgebildet ist, umso eher können wir auch die Rückseite des Oberschenkels für die Hilfengebung einsetzen.
So schaffen wir durch unsere Sitzhilfen einen Rahmen, den wir dem Pferd auch vom Boden beibringen können, in dem wir uns aller Positionen bedienen. Von der Bodenarbeitsposition vor dem Pferd, in die Handarbeit, einhändig geführt von innen und von außen, in die Langzügel- oder Longenposition – kurz – alle Positionen des Crossover lassen sich später auf die Position aus dem Sattel übertragen. Dann muss das Pferd aber bereits gelernt haben, die Parade zu verstehen, wenn man die Paraden zuerst auf das äußere, später auf das innere Hinterbein und schließlich abwechselnd auf die einzelnen Takte setzt.

Die Magie der Hinterbeine

Wenn das Pferd von Natur aus sein Hinterbein gut nach vorne bringt, kann auch das stehende Hinterbein gut lernen eine Beugung auszuführen.

„Der Unterschied zwischen Versammlung und einem „Langsam“ liegt darin, dass die rückwärts wirkende Hand den Vorgriff geraubt hat. Der stehende Hinterfuß soll so weit wie möglich nach vorne kommen. In diesem Moment senkt sich auch das Becken ab, die Hinterhand kommt unter das Pferd, die Brustwirbel richten sich mit auf und die Schulterfreiheit nach oben entsteht. Im Idealfall 😉

Die Kandare ist dafür da, den Hals in der Versammlung lang zu halten. Viele Reiter ziehen aber mit der Trense den Hals kurz und mit der Kandare dann noch einmal mehr. Wir wollen allerdings den Hals lang haben. In der ersten Parade fragen wir nach einer Dehnung, in der zweiten Parade geht es uns um das horizontale Gleichgewicht in guter Mittelpositur. In der dritten Paraden müssen wir die komplette Hankenbiegung ausbilden. Die zweite Parade schult unser Gefühl, um herauszufinden, ob wir einen Hinterfuß so unter das Pferd gebracht haben, dass die Gelenke zwischen Huf und Hüfte gut beugen können. Ich muss den Huf unter mir haben, um ihn heben und beugen zu können. Das ist einfache Physik“.

Bent erklärt weiter, dass es nicht darum geht, den Vorgriff des Hinterbeins weg zu drücken, sondern den Rückschub weg zu treiben. Daher macht es auch Sinn, wenn wir das Pferd zu Beginn dieser Arbeit das Pferd durch die Sekundarhilfe Gerte unterstützen und ihm zeigen, in welchen Gelenken wir gerne eine Beugung erfragen möchten.
Fragen wir diese Hilfe zu früh in der Ausbildung des Pferdes, dann drückt das Pferd eventuell gegen unsere Hand oder weicht mit einem Katzenbuckel der Versammlung aus. Bent schärft dem Publikum ein, jedoch stets nach der richtigen Reaktion zu streben, daher steckt in der Ausbildung der Hinterbeine jahrelange Arbeit mit der ersten und zweiten Parade, bevor die dritte Parade die Versammlung vervollkommnen kann.

„Die Qualität der Versammlung sehen wir am ehesten in der Passage, wenn die Federkräfte zum Einsatz kommen und die Kraftübertragung aus der Hinterhand in die Wirbelsäule majestätisch und kadenziert weiter gegeben wird. Dann führt die Federkraft auch zu einer vermehrten Dehnung der Oberlinie. Wir sehen heute leider keine echten Passagen mehr. Dafür brauchen wir eine komplette Ausbildung der Rumpfmuskulatur. Die meisten Passagen, die wir heute sehen, sind entweder Spanischer Trab oder Spanntritte gegen die Reiterhand. Der Reiter macht dann diese ruckartige Bewegung mit der ganzen Hand und man sieht ihn auf dem Pferd schunkeln. Passage kommt aus dem Italienischen: Passeggiare. Das bedeutet: Spazieren gehen. Früher ist damit der König zu seiner Krönung geritten. Auf dem Haupt trug er eine Krone des Vorfahren, die zumeist nicht für seinen Kopf angefertigt wurde. Mit den heutigen Passagen, die wir vermehrt sehen, wäre die Krone herunter gefallen. Das Gefolge des Königs wäre nur schwer mitgekommen, meist wurde der König ja auch unter einem Baldachin begleitet, wenn er gemütlich zur Krönung ritt. Der König ritt in einer Gangart, die imposant, aber für ihn sehr angenehm war. Das Tempo beschrieben die Alten Meister mit ein bis zwei Schuhen vorwärts. Eine echte Passage ist also eine Piaffe mit vermehrtem Schwung.“

Bent Branderup konstatiert, das Problem der Reitkunst heute, sei es einen gewissen Minimalismus im Gesäß des Reiters auszubilden. Minimalismus sei das Privileg des Meisters. Der Anfänger müsse zu Beginn seines Weges etwas übertreiben, damit er spüren kann, was er tut. Wie der Springreiter, der einmal vor dem Sprung nicht in Bewegung sitzt – er wird rasch merken, dass dieser Strategie nicht gerade sinnvoll war.

„Heute müssen wir Wege finden, um den modernen Freizeitreiter zum Lernenden und Ausbilder seines Pferdes gleichzeitig zu machen. Früher waren die Bereiter ja quasi billigere Kräfte als die Pferde selbst. Dem modernen Reitausbilder fehlt auch oft die Kunde darüber, was für eine Ausbildung möglich – und ganz wichtig ist – nicht möglich ist. So wie der Tischler dem Kunden sagen kann, was mit dem ausgewählten Holz eben möglich ist und was nicht. Es geht also darum, Wissen zu entwickeln und sich nach und nach einen Werkzeugkoffer zu füllen. Wenn wir immer nur den Nagel und den Hammer sehen, dann werden wir das Problem des tropfenden Wasserhahns nicht lösen können. So ist es mein Ziel, gute Handwerker auszubilden, also Reiter, die um die Bedeutung der einzelnen Werkzeuge und ihr Einsatzgebiet bescheid wissen. Es kann erst Reitkunst werden, wenn es in unserem Körper anfängt und auf das Pferd übertragen wird. So unterscheide ich in Punkto Sitz in mehren Phasen: Erste Phase: Oben bleiben, zweite Phase: Analysieren, was unter dem Reiter stattfindet und Phase drei die Schwingungsarten vorgeben und Tempo und Richtung bestimmen. Das ist die Phase, wo die Reitkunst anfängt. Und da definieren wir dann die Kunst als den Moment, wenn zwei Geister wollen, was zwei Körper können“.

Vielen Dank an Bent Branderup für den wunderbaren Kurs und die vielen wunderbaren Momente, die wir mit unseren Pferden erleben konnten!

 

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PS: BILDER BILDER BILDER: Eine Auswahl der schönsten Kursbilder wie immer von der wunderbaren Katharina Gerletz gibt es hier

PPS: Nächste Woche gib es den dritten Teil zum Nachlesen – dann widmen wir uns dem Thema Pädagogik

Der Weg zum ersten Descente

Der Weg zum ersten Descente

“Guérinière beschreibt, das Schwierigste ist das Nachgeben und zwar aus einem Grund. Wenn man nachgibt und das Pferd weiß nicht, was es mit dieser Hilfe machen soll, dann kann man die Hilfe nicht verstärken. Man kann einen Schenkel verstärken, man kann auch eine Parade verstärken. Aber das Nachgeben, das kann man nicht verstärken”.

Mit diesen Worten eröffnet Bent Branderup unser Theorieseminar rund um das erste und zweite Descente, ursprünglich beschrieben vom berühmten französischen Reitmeister Guérinière und wichtige Grundlage, wenn wir uns heute über Paraden unterhalten wollen. Das Descente solle beim Pferd, so Bent Branderup die richtige Reaktion auslösen. Als la descente de main et de jambes, wird das Nachgeben der Hand, (descente de jambes = das Aussetzen der Schenkelhilfen) beschrieben, als Überprüfung, ob das Pferd weiterhin ohne permanente Hilfengebung in der erarbeiteten Form und Haltung bleibt. (Im Französischen braucht „la descente“ einen weiblichen Artikel , ich bitte um Nachsicht, dass ich hier nicht „die Descente“ beschreibe sondern das Descente im Sinne von „das“ Nachgeben im Artikel verwende).

“Man kann es aber auch umdrehen und sagen, dass das Descente eher eine Überprüfung ist, ob das Pferd an den Hilfen steht, denn eine HIlfe selbst”.

Von Pferden, Fischen und Schwungübertragung

Bent Branderup betont, dass wir als Reiter zuallererst eine Reise in die Hinterhand des Pferdes machen müssen. Wir müssen verstehen, was die Hinterhand erzeugt und auf die Oberlinie des Pferdes überträgt:

“Ein Pferd hat Hinterfußantrieb, ebenso wie ein Fisch – von hinten komm die Bewegung und überträgt sich durch den Körper nach vorne.”

Bent Branderup zeichnet auf das Flipchart und wir machen eine Reise durch Becken, Hüftgelenk, Knie, Sprunggelenk bis hin zum Fesselkopf und Huf. Nun kommt das berühmte Steinbrecht Zitat: “Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade” – aber Bent erinnert zugleich an Steinbrechts eigene Warnung: “Aber ich warne davor, reite das Pferd nicht zu schnell”.

Geht das Pferd nur schnell, dann schiebt der Hinterfuß nach hinten raus. In diesem Fall öffnet das Pferd die Gelenke der Hinerhand, dabei werden Muskeln tätig, die das Öffnen, also das Auseinanderziehen der Gelenke vermehrt unterstützen. Guérinière und Steinbrecht meinten aber mit einem Vorwärts oder Vorgriff unisono ein vermehrtes Affußen der Hinterbeine unter den Bauch des Pferdes.

“Dann sind Muskeln tätig, die beim Schließen der Gelenke, auch zum vermehrten Beugen der Gelenke beteiligt sind”. Richten wir unser Augenmerk auf die Biomechanik des Vorwärts, so erklärt Bent, dann hat nicht nur die korrekte Tätigkeit aus der Hüfte ihren Anteil am Vorwärts, sondern auch die Tätigkeit des Beckens selbst. Das Becken bewegt sich vor und runter, dann setzt das Hüftgelenk das Bein vorwärts. Bent demonstriert uns wie sich das menschliche Becken bewegt, wenn er sein Knie beugt. Das Becken geht dann tatsächlich auch in einer Bewegung nach vor und runter. Die Hüfte wird aktiv und setzt in der Bewegung das Bein vorwärts.

Wenn wir als Reiter jedoch das Pferd durch unseren Sitz und unsere Hand steif machen, wirkt sich das natürlich auch auf die korrekte Tätigkeit des Beckens aus. Steifheiten machen sich bemerkbar, das Pferd hebt das Becken, dadurch wird auch der Vorgriff aus der Hinterhand dramatisch reduziert. Nur bei korrekter Tätigkeit aus dem Becken und der Hüfte sehen wir im Brustkorb eine dreidimensionale Tätigkeit der Wirbelsäule (Schwingungen nach oben und unten, seitlich und in Rotation).“

Was ist Schwung?

“ Viele Reiter verstehen heute unter Schwung als eine Schwebephase oder beschreiben damit das Niveau an Energie. Schwung meint aber die dreidimensionale Tätigkeit der Wirbelsäule”.

Der Schwung wird aus dem Becken heraus in die Wirbelsäule übertragen und landet schließlich an der Vorhand. Das Spannende dabei ist: Pferde haben keine Schlüsselbeine wie wir Menschen. Die Verbindung der Vorhand mit der Wirbelsäule ist also nicht durch Knochen sondern durch Gewebe gegeben. Unregelmässigkeiten der Schwungübertragung sehen wir oft in der Tätigkeit der Vorhand.

“Takt kommt aus dem Schwung und wenn wir den Schwung erwürgen, dann werden wir auch bei den allermeisten Pferden den Takt erwürgen. Viele Reiter sind eben eher taktlos.”

Im Schritt ist der Schwung am Größten, daher ist es laut Bent Branderup ein Irrtum den Schritt als eine schwunglose Gangart zu bezeichnen. An den Nickbewegungen des Kopfes können wir ablesen, ob das Pferd tatsächlich über den Rücken geht oder falsch federt.

“Jetzt nähern wir uns dem Thema, mit der Hand spüren zu können, was in der Hinterhand los ist”.

Gustav Steinbrecht habe hier, so konstatiert Branderup in präziser Reitersprache die Biomechanik beschrieben wie kein anderer: “Über den Rücken gehen und an die Hand herantreten” – das bezeichnet die korrekte Schwungübertragung, die wir in der Reiterhand erfühlen können aufs Wesentliche herunter gebrochen.

Da die Muskeln des Pferdes miteinander verkettet sind und mit dem Zentralnervensystem verbunden sind ist es wichtig, genau zu verstehen welche Konsequenzen unsere Handlungen für den Pferdekörper haben. Wenn wir den Kopf in eine bestimmte Position zwingen, dann ist das nicht richtig. Wir hätten die korrekte Formgebung gerne aus einer aktiven Arbeit der Unterlinie, die in einer Dehnung der Oberlinie mündet.

“In dem Moment wo die Hinterfüße aktiv nach vorne greifen, da haben wir die Dehnung der Oberlinie und unser erstes Descente, wenn wir nachgeben und spüren, dass die Nase den Weg zur Reiterhand sucht. Egon von Neindorff hätte früher dazu gesagt: Hand vor, Bauch vor. Geht aber der Bauch des Reiters vor und die Hinterhand folgt dieser Verlagerung des Schwerpunkts nicht, dann werfen wir das Pferd auf die Schulter. Der Hinterfuß des Pferdes muss dieses Vorgeben schon mitmachen. Er muss unter die Gewichtsmasse des Pferdes treten wollen. Will der Hinterfuß der Masse ausweichen, dann brauchen wir eine entsprechende Ausbildung”.

Wie wir die Hinterhand ausbilden

Bent Branderup ermahnt das Auditorium dazu, bei jedem einzelnen Pferd zu analysieren, warum die Hinterhand nicht nach vorne unter die Masse treten könne.

“Haben wir einen Traber, der breit fußt? Ein Kutschpferd, das die Gelenke zu stark, entsprechend der Schubkraft öffnet? Haben wir ein Pferd das in einem bestimmten Gelenkbereich Probleme hat”?

Woran liegt es also, dass ein Pferd nicht korrekt unter die Masse treten kann? Das ist die erste Frage, die wir uns als Ausbilder unserer Pferde stellen müssen. Wir müssen also als erstes unser Auge schulen, um zu sehen, was das Pferd von alleine kann und wo der Reiter möglicherweise den Fluß der Bewegung behindert oder im Weg sitzt. Orten wir ein Problem an der Muskulatur, dann könne wir in mühevoller Kleinarbeit nach ein paar Monaten die ersten Veränderungen feststellen. Die Arbeit mit Sehnen und Bändern dauert jedoch jahrelange Arbeit. Ist eine Problematik an den Gelenken festzustellen, stoßen wir bei der Ausbildung des Pferdes an fixe Grenzen; hier ist die Konsultation von Spezialisten gefragt.

“Erst wenn der Hinterfuß unter den Punkt unter dem Bauch greift, wo wir später weiter oben drauf sitzen, dann haben wir das Pferd auf das Gerittenwerden vorbereitet. Sehe ich also beim Pferd, das jung ist in der Ausbildung, dass der Auffußpunkt und der Schwerpunkt des Reiters (auch in der Vorstellung) nicht übereinstimmen, dann ist das Pferd noch nicht bereit dazu geritten zu werden.”

Kein Hinterbein ohne Pferdehuf

Von der korrekten Tätigkeit der Hinterhand entführte uns Bent in den Hallensand. Dort konnten wir Hufabdrücke beobachten. Wie das Pferd seine Hufe verschleißt, verrät uns schließlich auch eine ganze Menge über die Abnützung der Gelenke darüber. Belastungen werden beim Auffußen sichtbar – und das eben im Hallensand. So konnten wir anhand der Hufabdrücke im Sand ein Pferd aufspüren, dass mit seinen Zehen offenbar geschaufelt hatte und ein Pferd, das seine Hufe korrekt in den Sand setzte.

Weiter ging es mit praxisnaher Theorie. Von der Ausbildung im Stand, vom korrekten abwärts-strecken:

“In der Bewegung habe wir die Faustregel, das Pferd nicht tiefer dehnen zu lassen, als das die Beweglichkeit des Buggelenks eingeschrenkt würde. Wenn die Buggelenke in der Beweglichkeit blockiert sind, kann die Vorhand nicht frei raus schwingen, das Pferd würde sich dann über diese schieben und den Platz für den korrekten Vorgriff aus der Hinterhand limitieren”.

Stellung und Biegung

Ist beispielsweise die linke Hüfte etas nach vorne gestellt, kommt die Rotation des Brustkorbes korrekt aus dem Becken und setzt sich in die Halswirbelsäule fort, dann sind wir beim Thema der korrekten Stellung.

“Das erste Gelenk am Übergang Schädel Halswirbelsäule ist das “Ja-Sager Gelenk”, das zweite Gelenk bezeichne ich als das “Nein-Sager-Gelenk”. Beide sind geringfügig an der korrekten Stellung beteiligt. Das “Nein-Sager-Gelenk” ist oft beteiligt, wenn sich das Pferd im Genick verwirft. Wird der Brustkorb durch das Reitergesäß nach außen runter gesetzt, dann kann man zwar durchHeben der Reiterhand das Genick in scheinbar korrekte Position bringen, die Ursache für die falsche Rotation des Brustkorbes ist jedoch noch immer vorhanden.“

Im Theorievortrag geht es nun um die Bedeutung von Ganaschefreiheit und die Unterschiede zwischen menschlichem und equinem Kiefer. Nur wenn die Ganschefreiheit gegeben ist, kann der Unterkiefer des Pferdes beispielsweise bei einer Linksstellung nach rechts außen unter den Atlas rotieren. An dieser Stelle ist der Vorteil der Trense zu erwähnen, die auf einer Seite des Pferdes stellen, auf der anderen durch die Gelenkverbindung des Gebisses quasi unabhängig von der anderen Seite lösen könnte. Könnte, wie Branderup betont, denn der sachgemäße Einsatz der Trense sei mittlerweile äußerst selten.

Vom Leckerli und Zupferle, um das Pferd das Abwärts dehnen schmackhaft zu machen,  geht es wieder zu einem Exkurs in Punkto Muskulatur.
Der Weg zum ersten Descente ist geebnet wenn sich das Pferd vorwärts abwärts strecken kann und wir im Stand bzw. später in der Bewegung die äußere Schulter des Pferdes, das äußere Vorderbein des Pferdes “leichter” machen können. Dies unterstreicht auch die lösende Wirkung des Schulterherein, gerne auch Aspirin der Reitkunst geannnt. Wird der Muskelbereich außen im Brustkorb entlastet, dann kann der Brustkorb außen leicht nach oben rotieren, die äußere Oberlinie dehnt sich, der innere Hinterfuß nimmt mehr Last auf und tritt unter den Schwerpunkt, die Bauchmuskulatur zieht sich zusammen und arbeitet.

Von der Theorie zur Praxis

Im Anschluss an die Theorie unterrichte ich meine liebe Schülerin Heike mit ihrer jungen Lipizzaner Stute “Austria”. Austria bewegt sich nach dem typischen Seiltänzer-Muster, das heißt die Hinterbeine kreuzen stark, sie vollführen ein  so genanntes Balancè. Mit Austria arbeiten wir an der Losgelassenheit, am entspannten Annehmen der Gertenhilfen. Austria hat garantiert keine schlechten Erfahrungen mit der Gerte gemacht, sie ist aber sehr skeptisch, goutiert keine schnellen Bewegungen mit der Gerte, somit machen ihr mental Wechsel zwischen den Zügel- und Schenkelhilfen, die wir ihr mit der Gerte zeigen noch zu schaffen. Permanent überprüfen wir ihre Dehnungsbereitschaft. Am Ende können wir dann noch im Stehen am ersten Descente arbeiten, am Strecken nach vorwärts-abwärts zur nachgiebigen Hand hin. Diese Übung hat Austria schnell verstanden und dann sehr rasch vorweg genommen. In dieser Einheit arbeiten wir am Zuhören. Ich bin sehr zufrieden mit der kleinen Austria, die gemeinsam mit ihrer Heike starke Nerven vor großem Publikum bewahrt hat.
Von Bent bekomme ich später ein sehr schönes Feedback über unsere ruhige Unterrichtseinheit, die sich sauber mit den ersten Schritten der Basis befasste.

Danke Heike und Austria für euer Vertrauen.

Als Kursorganisatorin hat man grundsätzlich immer viel zu tun. Und an diesem Kurs waren ausnahmslos Schüler von mir “am Start”. Natürlich bin ich auch hier nervös – vor allem wenn eine von ihnen die Wappenträgerprüfung reitet. Die Rede ist von Viktoria Portugal, die mit ihre Amira heuer ganz wunderbar reüssieren konnte. Jetzt heißt es daher nach der bestandenen Prüfung: Packen für die Sommerakademie. Gemeinsam mit Sonja Grätz und Marion Ernst, die ihre Prüfung im letzten Oktober noch ablegen konnten und Viktoria freue ich mich auf “Zuwachs” in der Österreichischen Ritterschaft und auf eine schöne Zeit bei der Sommerakademie in Dänemark.

Ein riesiges Dankeschön geht natürlich auch an Katharina Gerletz, der wir wie immer das Festhalten unserer magischen Kursmomente verdanken. Zu ihrer Fotoseite gehts hier…

Lernen wir Nachgeben, dann Reiten wir Einfach 🙂

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PS: In der nächsten Woche folgt Teil zwei des Kursberichts.

Innere Bilder in der Akademischen Reitkunst

Innere Bilder in der Akademischen Reitkunst

Alles Urdenken geschieht in Bildern:

Darum ist die Phantasie ein so notwendiges Werkzeug desselben, und werden phantasielose Köpfe nie etwas Großes leisten – es sei denn in der Mathematik.

Arthur Schopenhauer (1788-1860) deutscher Philosoph

Um Erfolg zu haben, greifen sie alle auf Bilder im Kopf zurück: egal ob Sportpsychologie, Kommunikationswissenschaft, Meditation oder Coachings in der Welt des Business.
Sämtliche Disziplinen machen sich die „Macht der Bilder im Kopf“ zu Nutze. Und vermutlich hatten doch auch kreative Köpfe in der Mathematik durchaus mehr Erfolg. Für die Ausgabe der Feinen Hilfen Nr. 21 habe ich ein paar Visualisierungen aus der Akademischen Reitkunst zusammengestellt:

Der visuelle Pädagoge

Wie fühlt sich Balance an? Wie soll eine gute und losgelassene Formgebung aussehen? Wie stellt sich das geistige Auge Stellung und Biegung vor? Wie sieht ein gutes Tempo bei gleichmäßigem Takt aus? Und wie beurteilt man korrekten Schwung?
Wer dem Pferd ein guter Pädagoge sein will muss zuerst wissen, was er abfragen möchte. Bent Branderup bringt es in seinen Theorievorträgen regelmäßig auf den Punkt:

„Die Menschen wissen eigentlich nicht was sie wollen, aber sie wollen es jetzt“.

Wenn du weißt, was du kannst, kannst du tun, was du willst!

Was wollen wir eigentlich von unserem Pferd?

In dieser Fragestellung beginnt also unsere erste Zieldefinition für unsere Basisarbeit.

Die Erarbeitung einer gemeinsamen Kommunikation mit dem Pferd beginnt immer zuerst vom Boden aus. Ist die grundlegende Beziehungsarbeit, die Erziehung und Führarbeit mit einschließt, absolviert, steht sodann die erste Erarbeitung einer Formgebung auf dem Stundenplan. Dabei sollte man noch vor dem tatsächlichen Abfragen von Stellung und Biegung natürlich über die einzelnen Komponenten Bescheid wissen. Was soll eigentlich mit dem Unterkiefer in Stellung passieren? Und warum brauchen wir Ganasche-Freiheit? Wenn der Reiter sich zuerst im Kopf vorstellen kann, wie sich das Pferd der lösenden Hand folgend abwärts streckt und schließlich durch leichte Einwirkung am Kappzaum der Unterkiefer bei geöffnetem Ganaschenwinkel unter den Atlas rotiert – der weiß wie er eine pädagogische Aufgabe formuliert und das Ergebnis schließlich auch messbar kontrollieren kann.

Gerade unter diesem Aspekt ist die Bodenarbeit, die Longenarbeit, die Handarbeit, die Arbeit am Langen Zügel und der Crossover aller Elemente in der Akademischen Reitkunst von großer Bedeutung, da der Reiter nicht nur seinen Blick, sondern auch sein Gefühl immens schulen kann.

Warum Gefühle beim Reiten so wichtig sind

Visualisierung heißt „Reiten mit Köpfchen“. Der Denkende Reiter muss nicht nur Theorie, sondern auch sämtliche Sinneseindrücke verarbeiten.

„Nach genauen Vorschriften und toten Buchstaben kann der Reiter ein Pferd wohl zur Maschine machen, aber nicht dressieren. Dies vermag er nur, wenn er sich von seinem Gefühl und seinem eigenen Urteil leiten lässt“. (Gustav Steinbrecht)

Der denkende Reiter analysiert, überlegt und handelt. Denn schließlich verhält sich auch nur ein einziges Pferd wie im Lehrbuch. Das Pferd, das im Lehrbuch drin steht. Somit ist der denkende Reiter lieber kein Pauschaltourist, sondern ein Entdecker, dem die Reise und der Weg zur Reitkunst mehr Spaß machen, als das vermeintliche Endergebnis. Aber nicht nur über unsere Sinne empfangen wir vom Pferd Informationen, auch über die Hand und den Sitz werden wichtige Informationen weiter gegeben.

„Gerade aber die richtige und schnelle Wahrnehmung der Wirkungen, die die Bewegungen des Pferdes auf uns ausüben, ist die so überaus wichtige Eigenschaft, die wir mit dem Worte „Reitertakt“ oder feines Gefühl zu Pferde bezeichnen. Der Reiter kann die Fußbewegung seines Pferdes mit dem Auge nicht beobachten, wenigstens nicht ohne seine ganze Haltung aufzugeben. Er ist gewissermaßen im Fall des Blinden, der durch hohe Ausbildung des Gefühlssinns das fehlende Augenlicht, so gut es geht ersetzen muss“. (Gustav Steinbrecht)

Was der fühlenden Hand und dem fühlenden Sitz gerade am Anfang (auch der reiterlichen Ausbildung) der größte Assistent ist, ist das innere und äußere Auge – das Spüren und das Sehen. Gerade weil wir am Gesäß keine Augen haben, später aber die gesehenen Erfahrungen genauer erfühlen müssen – schließt sich hier wieder der Kreis zur Bodenarbeit.

„Nur einen denkenden Reiter kann man einen fühlenden Sitz lehren, denn der Reiter muss verstehen, was er fühlt!“ (Bent Branderup).

Gefühl braucht man aber nicht nur für die Gymnastik. In erster Linie wollen wir ja den Geist des Pferdes erreichen. Wir wünschen uns schließlich ein Pferd, das gerne mit uns arbeitet und gerne Zeit mit uns verbringt. Diesen Geist wollen wir auch später in der Gymnastizierung ansprechen, Fragen stellen können und klare Antworten erhalten.

Innere Bilder zur besseren Kommunikation

Somit ist die allererste Visualisierung für uns Menschen als Pädagogen:

Was möchte ich von meinem Pferd und was möchte ich nicht!

Nicht immer müssen wir dabei gleich das Endprodukt vor dem inneren Auge haben. Wenn wir also zu unserem Beispiel der Erarbeitung von Stellung und Biegung im Stand zurückkehren, könnten wir bei den kleinsten Einzelheiten anfangen. Fragt man den Schüler in der Unterrichtsstunde, was er sich vorstellen würde, fängt er gleich mit der korrekten Technik an. Das artet gerne gleich in einen Fachdialog aus, anstelle an elementare Dinge zu denken, wie ein ruhig stehendes Pferd. Wir sollten beim Visualisieren also auch komplett auf Kleinigkeiten achten. Und nicht nur auf das technische Endprodukt: ein gestellt und gebogenes Pferd.

Denken wir dann auch überhaupt über unsere eigene Körperposition nach? Meist fällt es uns gar nicht auf, dass wir ein Bein entlastend, lässig vor dem Pferd stehen. Wenn wir uns selbst auch in Gedanken eine Haltung geben, die wir vor dem Pferd einnehmen, setzen wir diese in der Praxis auch leichter um. Es gibt also immens viele Kleinigkeiten, die wir auf eine visuelle Checkliste setzen können: wo halte ich bei der Bodenarbeit meine Hand am Kappzaum? Sind die Finger geschlossen oder offen? In welcher Hand halte ich sämtliche Schlaufen der Longeleine oder des Führseils? Wo zeigt die Gerte hin? Wie ist meine eigene Balance?

Wenn man sich ein Endbild vor Augen hält, geht es nicht nur um das Pferd, sondern auch um den Menschen. Wie soll der Mensch einwirken und vor dem Pferd stehen und wie nicht.

Haben wir hier ein klares Bild vor Augen, werden wir unsere Frage an uns selbst und an das Pferd eben zuerst in Gedanken formulieren und dann in der Praxis. Mit ein wenig Übung stellen sich rasch Feinheiten in der Kommunikation ein.

Der schlechteste Schauspieler auf der ganzen Welt

Stellen Sie sich vor, Sie stehen als Schauspieler auf einer Bühne. Sie sollen auf der Bühne im Kreis marschieren und abrupt stehen bleiben.

Jedoch: sie sind der schlechteste Schauspieler auf der Welt. Das Publikum ahnt schon längst, dass sie gleich eine Bremsung einlegen werden.

Für das Pferd kann es von Vorteil sein, dass Sie ein schlechter Schauspieler sind.

Pferde kommunizieren über ihren Körper. Wir Menschen tun das aber kaum. Echte Freude spiegelt sich nur selten in unserem Körper wider. Das was für uns sehr leicht zu lesen ist: „…dem Menschen da gegenüber geht es schlecht.“ Nach vorne gefallene, festgehaltene Schultern, ein starrer Blick. So pendeln wir meist in der Früh zur Arbeit, wobei Emotionen dort natürlich auch keine Rolle spielen (dürfen).

Wir brauchen aber echte Freude, denn wir wollen ja auch die Freude in unserem Pferd wecken, das sich gemeinsam mit uns über seine Fähigkeiten freut. Wir müssen aber mit unserem Körper verschiedene Mitteilungen bzw. Hilfen kommunizieren.

Kommen wir zurück zur Sache mit der Haltparade. Wenn wir quasi für unser Publikum so leicht vorhersehbar sind, dann sind wir es auch für unser Pferd. Wir befinden uns also am Boden vor oder neben unserem Pferd. Wir laufen rückwärts oder neben dem Pferd. Eine Übung aus der Schauspielkunst kann tatsächlich sein, den geplanten Halt genau zu visualisieren, im eigenen Körper vorab zu fühlen. Atmet man eher aus, wenn die Haltparade geplant ist? Sackt der eigene Körperschwerpunkt nach oben oder unten? Wie verändert sich die eigene Schrittfolge? Und dann spielen wir den Halt mal ganz übertrieben schlecht. Wer sein Pferd mit einem plötzlichen Stopp nicht mehr überfällt, bekommt plötzlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Schließlich ist Kommunikation mit ein wenig Vorhersehbarkeit angenehmer, als Aufgaben, die ständig aus dem Nichts herausgebrüllt werden.

Das innere Bild von Balance

Warum wir Reiter so gerne aneinander vorbei sprechen? Harmonie ist etwas zutiefst Subjektives, wobei jeder Reiter und jede Reiterin wohl eigene Gedanken und Vorstellungen haben, wie sich Harmonie anfühlen muss.

Meine Trainerkollegin Annika Keller hat es einmal bei einem Zusammentreffen sehr schön formuliert:

„Harmonie ist die Abwesenheit jeglichen Widerstands.“

Jeder hat seine subjektive Vorstellung – diese aber auch auszuformulieren ist ebenso ein erster Schritt zum Bild im Kopf.

Ähnlich ist es auch mit Balance. Hier gibt es viele Möglichkeiten für einen bildhaften Vergleich.

Meinen Schülern rate ich im Unterricht gerne dazu, sich das „Pferd aus Glas“ vorzustellen. Wir verwandeln unser Pferd also in ein Glaspferdchen, dessen Körper nicht zur Gänze gefüllt ist mit Wasser. Ist das Pferd in seiner Mitte? Ist das Wasser gleichmäßig verteilt, oder haben wir das Gefühl das Wasser schwappt zunehmend in Richtung des äußeren, rechten Vorderbeins?

Wenn wir dann durch leichte Arbeit im Stand im Schulterherein und Kruppeherein, sowie mit den Paraden die Balance, also das Gleichgewicht des Wassers wieder herstellen wollen, denken wir weniger an die Technik, als an das Gefühl das Wasser durch die Verschiebung des Gleichgewichts wieder in die Mitte des Pferdes bringen zu wollen. Oft hilft schon der Gedanke an das Wasser, um eine ungleiche Belastung an den Vorderbeinen des Pferdes leichter auszumachen. Wollen wir eine Parade durch den Pferdekörper schicken, spüren wir, wo das Wasser möglicherweise eine Engstelle nicht passieren kann – wir wissen also, wo die Parade nicht durchkommt.

Auf dem Pferd können wir als Reiter ebenso wahrnehmen, ob wir unsere Mitte gefunden haben – oder was das Wasser mit uns macht. Dies hilft auch dem Statischen Sitz. Der Statische Sitz bedeutet im Grunde „gerade zu sitzen“, das heißt im Gleichgewicht und in der Bewegung. Dieses Gleichgewicht sollen wir in unserer Mitte, in unserem Bauch finden und spüren.

Unser Physischer Sitz bedeutet, den dreidimensionalen Schwingungen des Brustkorbes des Pferdes und somit seinen Bewegungen zu folgen und diese zu beeinflussen. Wenn wir uns beispielsweise auf der linken Hand befinden und spüren, dass der Brustkorb des Pferdes innen nach oben rotiert und uns das Pferd so nach außen gesetzt hat, bemühen sich viele Reiter unbedingt wieder nach links unten zu sitzen. Dabei knickt dann möglicherweise nicht nur die rechte Hüfte ein – der Oberkörper wird stark nach innen verdreht.

Um wieder die Statik in Ordnung zu bringen und gerade zu sitzen kann der Hinweis auf einen gläsernen Menschen auch hier helfen – oder andere Reiter helfen sich gerne mit der Vorstellung einer verschluckten Billardkugel.

Die Billardkugel

… beschreibt unsere Mitte. Wir können unseren Schwerpunkt auf dem Pferd nach vorne oder auch wieder etwas zurücknehmen – je nachdem ob etwas Dehnungshaltung oder Versammlung gefragt wird. Wenn wir unseren Schwerpunkt nach vorne nehmen, können wir uns vorstellen, die Billardkugel in unserem Bauch nach vorne in Richtung Nabel zu rollen. Wir müssen aber aufpassen, dass die Kugel nicht aus unserem Bauch heraus über den Widerrist des Pferdes nach unten kullert. Diese „Begrenzung“ hilft Reitern, die nach vorne gerne „Übergewicht“ bekommen und sich dann auch zu stark in die Bügel stemmen.

Die Billardkugel kann ich dann auch in Richtung innerer Hüfte des Pferdes rollen, wenn ich beispielsweise im Kruppeherein versammeln möchte. Oder ganz vorsichtig in Richtung innere Schulter rollen, wenn ich das Pferd im Kruppeherein wieder mehr nach vorwärts schwingen lassen möchte.

Versuch es mal mit Bequemlichkeit

Meine Fuchsstute Tarabaya ist mit enorm viel Schubkraft ausgestattet. Als wir endlich die Hinterbeine sortiert hatten, wurde sie für mich – da der Schwung auch besser über den Rücken übertragen wurde freilich auch bequemer zu sitzen. Anfangs nur für wenige Momente. Um diese Momente zu verlängern habe ich mir zwei Bilder visualisiert.

Ich habe sie mir einfach wieder „bequem vorgestellt“, andererseits konnte ich auch die Vorstellung von einem bequemen Pferd auf das unbequeme mitnehmen. Freilich war mein physischer Sitz auf dem bequemen Pferd geschmeidiger. Mit Fantasie konnte ich mein unbequemes Pferd ein wenig bequemer reiten.

Pfeile in den Boden schießen

In der Bodenarbeit haben wir den Vorteil, dass wir das Pferd vor uns observieren können, wenn wir rückwärts laufen. Wir sehen, ob das Pferd zum Schwerpunkt fußt oder nicht.

Wenn wir oben drauf sitzen und unser Gefühl noch nicht so weit ist, die Qualität des Vorgriffs aus der Hinterhand konkret zu beurteilen, kann uns zur Sicherheit folgende Vorstellung helfen: wenn der Brustkorb unter uns nach rechts und links, nach oben und nach unten, sowie in Rotation schwingt, dann bewegen sich unsere Sitzknochen im Schritt auf und ab. Wenn der linke Hinterfuß nach vorne schwingt, sinkt auch der linke Sitzknochen nach vorne unten. Wenn wir uns in dem Moment vorstellen, der Sitzknochen würde einen Pfeil in den Boden schicken als Signal für den Hinterfuß – dort musst du hin steigen – kann dies einerseits unser Gefühl weiter schulen, andererseits auch tatsächlich helfen, den Hinterfuß etwas besser nach vorne zu holen.

Eines meiner Lieblingsbilder von Bent Branderup bezieht sich auf das Vorwärts reiten und die rückwärts wirkende Hand. Dieses Bild zeigt ganz logisch, warum wir mit „Hinten treiben -vorne gegenhalten“ weder eine weiche Verbindung noch ein korrektes Vorwärts erreichen können:

„Was wir in der Hand spüren ist bereits Vergangenheit. Wir können uns also nur bemühen, die Zukunft positiv zu beeinflussen. Das Leben muss ebenso vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden. Genauso ist es mit dem Reiten, wir müssen vorwärts reiten und Informationen an die Hand als Nachricht aus der Vergangenheit verstehen.“

Was wir also in der Hand spüren ist ja schon passiert – oder eben auch nicht. Es hat also keinen Sinn mit der Hand irgendeine Formgebung zu beeinflussen, die aus dem Vorwärts der Hinterhand hätte passieren müssen. Daher quasi die Reise in die Vergangenheit: erneutes, korrektes Vorwärts und erneute Informationsaufnahme durch die Hand.

Eine wunderbare Visualisierung hat Bent Branderup auch auf seinen Kursen bezüglich der Lastaufnahme der Hinterhand parat:

„Kann ich selbst einen schweren Eimer heben, wenn ich mit meinen Beinen nicht senkrecht sondern nach hinten raus stehe? Man kann auch keinen Stuhl heben, auf dem man sitzt. Ähnlich ist es mit dem Pferd. Denn wenn wir drauf sitzen, drücken wir Gewicht über den Brustkorb auf die Schultern. Deswegen ist gutes Reiten, wenn man die Vorderbeine leicht machen kann und gleichzeitig die Schulter beweglich hält. Nicht das Vorderbein in der Luft, sondern das stehende Vorderbein klärt uns über die Schulterfreiheit auf.“

Die Alten Meister

… können uns ebenso beim Visualisieren unterstützen. Wir können beispielsweise ihre Meinung zu einem Thema einholen – Stichwort Innensitz:

Steinbrecht spricht hier von einem sanften Hang in der Hüfte nach innen. Guérinière sagt, das Pferd macht sich hohl um den inneren Schenkel und Newcastle sagt der Steigbügel erscheint 4 Inches länger. Alle drei sprechen von der gleichen Sache, anders ausformuliert. Manchmal kann es lohnen mehrere Formulierungen zu einem Thema zu lesen, um ein klareres Bild vor Augen zu haben. Denn nicht immer ist das, was Schriftsteller A sagt für mein inneres Auge sofort hilfreich. Schriftsteller B kann mir aber helfen, Schriftsteller A möglicherweise sogar noch besser zu verstehen.

Umgekehrt ist es auch eine wunderbare Übung Inhalte aus der Reitkunst für sich selbst in verschiedenen Varianten zu formulieren. Hier malen wir eventuell selbst Bilder, die uns helfen Fragen an das Pferd besser zu visualisieren.

Fazit

Visualisierung hilft. Und manchmal hilft es auch auf eigene Erfahrungen zurück zu greifen: Erfahrungen, die auf den ersten Blick mit dem Reiten nichts zu tun haben.

Jeder kennt die Situation aus der Tanzschule: mit dem Tanzlehrer konnte man sich entspannen und gut führen lassen. Reiten ist ein Paartanz, es geht nicht um Dominanz, sondern um zwei Geister und zwei Körper, die in Einklang kommen wollen. (Bent Branderup)

Nutzen wir innere Bilder, dann Reiten wir Einfach 😉

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Ruka jezdce nemůže nikdy ohýbat koně

Ruka jezdce nemůže nikdy ohýbat koně

Pro časopis Feine Hilfen vydání č. 20 jsem vedla rozhovor s Bentem Branderupem a Annikou Kellerovou na téma „ohnutí“. Celý článek si lze přečíst v mém blogu:

„Logika ukrytá v ohýbání“: tak se nazývá nový překlad Gymnázia koně od Gustava Steinbrechta od Benta Branderupa a Anniky Kellerové. Steinbrecht se narodil roku 1880 nedaleko Magdeburgu. Až do své smrti byl stále aktivní i v sedle – a byl již v jeho době, ač platil za obhájce vysoké jezdecké školy a jezdeckého umění, považován za „staromódního“.

Myšlenka Gustava Steinbrechta a zásady výcviku jsou přesto dnes modernější než kdy jindy. Autorka časopisu Feine Hilfen Anna Eichinger vedla s autory následující rozhovor:

Feine Hilfen: Je pro dnešní jezdce těžké pochopit Steinbrechta – nebo co je cílem Vašeho přepracování?

Bent Branderup: Já bych dokonce řekl, že je to jednodušší, protože dnešní jezdci se chtějí mnohem více dozvědět a vzdělávat než spousta jezdců tenkrát. Sice měli lidé z doby Steinbrechta více zkušeností s koňmi, ale tenkrát už existoval fenomén „tiché pošty“. Jde o předávání informací od člověka ke člověku, při kterém se však vytratí část obsahu. Když si dnes hrajeme na „tichou poštu“ se jménem Anna, pak z toho nakonec pravděpodobně zase vyjde „Anna“, protože tomu bez problémů rozumíme. Kdybychom ale chtěli napsat nebo přeposlat ruské jméno, a to navíc napsané v ruské azbuce, pak by výsledek vypadal asi jinak. Dřívější jezdec tedy měl sice více zkušeností, ale to neznamená, že také opravdu rozuměl více obsahu, protože tenkrát se i hodně experimentovalo.

Annika Keller: Chceme se v naší knize určené pro jezdce naší doby ještě jednou podívat pod povrch a zjistit, co se biomechanicky v jakém momentě ohnutí děje. Jaký pohyb je vůbec možný? S touto otázkou vyvstává nutně i druhá: „Je-li tento pohyb možný – je to zároveň i zdravé?“ Kupříkladu, když se kůň nechá výrazně ohnout. Je-li v tomto přílišném ohnutí na levou ruku, pak klesne jeho hrudní koš doprava. To je sice proveditelné, ale při ježdění na koni nezdravé. Musíme si stále připomínat biomechanické procesy.

Feine Hilfen: Je ohnutí všeobecně zdravé?

Branderup: Všechny svaly jsou při ohnutí nebo flexi a natažení zapojeny. Tělo, které nemůže udělat jedno nebo druhé, bude zatuhlé. Jedná se tedy o gymnastickou průpravu koně – a pružný kůň má i bez jezdce delší kvalitu pohybu a tím i života.

Keller: Když se kůň naučí korektně ohýbat, pak lze dosáhnout minimalizace křivosti koně a postupně se vylepší jeho rovnováha. To se týká, jak již Bent zmínil, i „privátního života“ koně. Přesto nesmíme u ohýbání koně zapomínat na to, že veškeré cviky potřebujeme i pro naši práci pod sedlem.

Feine Hilfen: „ Jezdi svého koně dopředu a narovnej ho – ale nemyslím tím rychlost “. Zde vyslovil Steinbrecht doslova varování, aby zabránil chybným interpretacím. Bylo by potřeba v originále víc takových varování?

Branderup: Zůstaňme u ohýbání: I zde lze přehánět, tedy příliš ohýbat. To je ale u každého koně jiné. Je kůň spíš kulatý nebo naopak? Kulatý kůň vypadá ohnutější než kůň s opačnou stavbou těla. Sklon pánve bude ale u kulatého koně výraznější. Dalším tématem je: kmih. Podle typu koně, ale i dle stupně výcviku bude mít kmih jiný výraz. Bez nasvalení trupu nebude mít kůň potřebný kmih – o to méně při zatížení jezdcem. A i u kmihu existovala tichá pošta, která vedla k vzrůstajícímu napětí svalů. Oba pojmy by si měly v jezdectví přitom odporovat! Podíváme-li se na hudbu, zjistíme, že je tu kmih interpretován zcela jinak než v jezdectví, stejně je tomu tak i u tempa a taktu – jako jezdec můžu mít tříčtvrteční takt v různém tempu, jako hudebník ne.

Keller: Spousta jezdců se opírá o Steinbrechtovo vysvětlení poslušnosti na holeň, zmíním jen ostruhy. Když člověk pozorně čte, jak velmi Steinbrecht nabádal k opatrnému zacházení s mladým koněm, je jasné, že slova z minulosti mají na čtenáře dnešní doby zcela jiný efekt. O to pozorněji musíme číst pokyny a doporučení týkající se biomechaniky.

Feine Hilfen: Co bylo Vašim nejpřekvapivějším poznáním při studování Steinbrechta?

Branderup: Někdy to bylo tak, že jsem díky Steinbrechtovi lépe pochopil větu od Guérinièra a naopak. Když jsem byl studentem u Egona von Neindorffa, byl samozřejmě Steinbrecht mým „spolujezdcem“ na mém knabstrupském hřebci Huginovi. Von Neindorff byl přímým následovníkem Steinbrechta a činil ho pro mě v době, kdy jsem se učil, velmi živým. Moje práce se sestavením a ohnutím pramení tedy z učení Steinbrechta, a kdyby se nikdy nezmínil o Baucherovi, nikdy bych se tímto tématem nezabýval.

Keller: Část, ve které Steinbrecht píše o školním zastavení, že je kůň teprve tehdy podsazený, když v této pozici vydrží několik sekund – to mi znovu připomnělo můj pocit z praxe. Když si člověk ještě jednou velmi pozorně prostuduje teorii, přijde někdy k důležitému poznání, ač má za sebou i praxi.

Feine Hilfen: Jen namátkou- Baucher, přílišné ohnutí nebo zalomení v krku. To bývá akademickému ježdění někdy vyčítáno – oprávněně?

Branderup: Několik let jsem studoval rozdíl mezi přehnaným ohnutím a korektním ohnutím. Hrudní koš rotuje u příliš ohnutého koně k vnější straně, přitom vnější plec klesne níže. Kůň se silným, ale zato korektním ohnutím zvedne vnější stranu hrudního koše nahoru a bude mít volnější lopatku. Míra ohnutí musí vycházet z vnitřní kyčle, která se pohybuje dopředu dolů. Zohlednění individuálních schopností koně vyžaduje ze začátku v jednotlivých případech i větší protahování vnější strany, abychom vůbec jisté schopnosti mohli rozvíjet. Koneckonců může pouze zadní noha pracující dopředu pozitivně ovlivnit pánev koně, ohnutí a rotaci hrudníku. Jako žák Egona von Neindorffa a Nuno Oliveira jsem tímto dál praktikoval dědictví Steinbrechta a Bauchera. Speciálně u Oliveira existovala řada koní s odpovídajícími tělesnými problémy –  koně se zatuhlým a krátkým svalstvem na krku, kteří tímto protahováním profitovali.

Nebezpečné se to může stát, pokud by člověk používal metody nepodloženě, tedy pokud to není třeba. Porozumění pro ohnutí rostlo i u mě postupem času, nechci tvrdit, že jsem od začátku dělal vše správně.

Keller: Měli bychom připustit, že učitelé smějí zůstat také žáky. Samozřejmě si nepřejeme přehnané ohnutí, ale u hledání střední cesty musí být dovoleno dělat také omyly, aby bylo možné se něco naučit. Myslím, že bychom se měli zbavit myšlenky, že stále očekáváme konečný produkt.

Branderup: Toto očekávání také učení moc neprospívá. Ruka a sed jakož i všechny ostatní pomůcky mohou koně pouze „pobídnout“ k ohnutí, udělat to musí však svaly koně. Vynucené ohnutí je vždy špatné – a tady stojí možná to očekávání v cestě.

Feine Hilfen: Co se dá udělat proti zalomenému krku, když je krk sice ohnutý, ale zbytek těla ohnutí nenásleduje?

Keller: Kůň musí být v krku narovnán natolik, aby ohnutí krku pasovalo k ohnutí těla. Když se v trupu žádné ohnutí neuskutečnilo, pak nemůže být řešením silnější působení v oblasti hlavy, což koresponduje se silnějším ohnutím krku, protože si kůň v tomto příliš silném ohnutí, přičemž krk je velice ohebný, najde únikovou cestu.

Branderup: Tento fenomén lze pozorovat i tehdy, když se zádrž ztratí někde v krku a neprojde dále páteří. To stejné platí u příliš zatuhlého krku, kde zádrž zatlačí koně na plece a nepůsobí na klouby zadních nohou.

Feine Hilfen: A co by se mělo korektně v ohnutí u zádrže stát?

Branderup: Zádrž není to, co dělá ruka, nýbrž to, co děla kůň. My chceme koně vyzvat k tomu, aby se více podsadil, aniž by ztratil dosah zadní nohy pod sebe. Proto je počáteční výcvik a formování páteře tak důležité, jinak totiž působení ruky koně z ohnutí vyvede nebo ho hodí na předek.

Keller: I nadále rozlišujeme mezi vertikálním a horizontálním ohnutím, jakož i ohnutím kloubů. Pro mě osobně je důležité prověřit kvalitu ohnutí zádržemi v pohybu. Měřitelná bude na základě plynulosti pohybu, podkročení a analýzy, jak je rozložená váha a kde se kůň cviku snaží vyhnout. Také takt a rytmus zde hrají velkou roli.

Feine Hilfen: Vidíte hodně příliš ohnutých koní, a čím by to mohlo být způsobeno?

Branderup: Vídáme příliš ohnuté koně i koně neohebné kvůli přirozené křivosti. Prvně jde o chyby, které se během výcviku mohou vyskytnout, a mladí neohební koně se musí ohnutí teprve naučit.

Keller: V hodině vídám příliš ohnuté koně i koně, kteří jsou při ježdění zatuhlí – a obojí je spojené s učením.

Feine Hilfen: Předpisy HDV 12 radí nechat mladé koně chodit jeden rok stále rovně. Co si o tom myslíte?

Branderup: Co znamená rovně? Rovně na rovině- s tím souhlasím, tak jsme to na Islandu také dlouhá léta dělali, aby si koně na dlouhých vyjížďkách zvykli na jezdce – ale jen v krátkých dávkách. V našich moderních halách s čtyřmi oblouky to ale nejde. Člověk se koneckonců musí dostat přes rohy. A projíždět rohy jeden rok fyziologicky nesprávně na předku nepovažuji za dobrou radu, protože většina koní by celý rok padala po plecích a byla zatuhlá. Kdybychom se ale vrátili v čase zpátky, pak by tato rada měla pro práci v terénu a pracovní jezdectví smysl, avšak jen v krátkých intervalech.

Keller: Dlouhé rovné linie mohou podpořit chuť koně jít dopředu. V ohraničené jízdárně musíme dbát na to, aby kůň příliš netuhl a neničil si předčasně klouby a záda.

Feine Hilfen: Co jsou nejčastější chyby při ohýbání z pohledu jezdce?

Branderup: Mezi týlem a krkem často vzniká cikcak: Krk je ohnutý doleva, sestavení v týlu je ale doprava. Pak existuje zalomení v týlu, nebo rozdílná pozice hlavy a hrudníku, to jsou časté chyby. Všechna chybná ohnutí jsou způsobena jezdcovou rukou. V zásadě musí ohnutí vzniknout na základě aktivity vnitřní kyčle koně. Jedná se však o chyby, kterým se lze jen těžko vyvarovat, protože někde musíme začít a ne všichni koně mohou být od prvopočátku ježděni odzadu. Proto můžeme při práci ze země ukázat koni na obnosku dobrou cestu k ohnutí.

Keller: Silnější působení rukou nemůže prostě vyvolat žádné ohnutí trupu. Jezdec má korektní působení doslova v rukou, nebo taky ne!

Feine Hilfen: Nehledě na ruce jezdce, které chyby se často objevují v sedu?

Branderup: Člověk se pokouší přistavit koně k levé ruce, sedí ale na pravé sedací kosti. Existuje jen jedna páteř, s kterou chceme komunikovat, když si ruka a sed protiřečí, má to vliv na kmih, tvar, statiku….

Keller: Vždy, když jezdec koně tlačí od sebe, například v traverzu na levou ruku zasedne pravou sedací kost, pak kůň z ohnutí utíká, místo aby se ohnul vlivem sedu. Většina koní v podstatě nedělá nic špatně, jen reaguje na to, co děláme špatně my!

Feine Hilfen: Děkuji za rozhovor!

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