Ein Lipizzaner geht zur Schule

Ein Lipizzaner geht zur Schule

Führübungen, erste Bodenarbeit und das Kennenlernen der Zügel- und Schenkelhilfen. Ein Lipizzaner lernt das Reitpferde ABC.

Mehrmals im Monat muss ich mich losreißen und die schöne gemeinsame Zeit mit meinem Connversano Aquileja I – oder Konrad – wie er nun von allen gerufen wird unterbrechen.

Konrad ist nun seit Ende Mai bei uns auf dem Sonnenhof in Hart bei Graz und hat sich seit seinem Umzug aus Piber rasch eingelebt. Wie man Türen aufdrückt oder das Gitter an den Heuraufen hebt, um gemeinsam mit dem spanischen Kumpanen „Idolo“ möglichst viel Heu aus der Raufe zu werfen – all das hat der kleine graue Herr bereits intus. Und natürlich wie man mich um den Finger wickelt.

Im September gab es für uns richtig gute Nachrichten: Nach der Kastration im Mai kam es zu einer Entzündung. Diagnostiziert wurde die mögliche Bildung einer Samenstrangfistel. Nach der Gabe von Antibiotika machte uns die Tierärztin wenig Hoffnung, ein zweiter Operationstermin wurde bereits für Oktober geplant. Konrad ließ sich die Wunde jedoch sehr artig versorgen. Ob Bestrahlung mit Rotlicht, Wundsäuberung, Spritzen und Kühlung – er ließ alles über sich ergehen, obwohl die Begeisterung enden wollend war. Die Entzündung führte auch dazu, dass er mit einem Hinterbein kürzer getreten war.

Meine liebe Kollegin Andrea Harrer aus Salzburg versorgte uns in dieser Zeit mit homöopathischen Tipps – und scheinbar hat es geholfen: Im September konnte dann Entwarnung gegeben werden. Keine Entzündung. Keine Fistel. Nun wurde noch ein „Wellness-Termin“ für Konrad vereinbart, um etwaige Blockaden und Muskelverspannungen zu lösen.

Die Einschulung beginnt

Im Sommer waren wir viel spazieren aber wir haben auch schon ein wenig Bodenarbeit gestartet. Bei den ersten Führübungen zeigte sich bereits, wie gut der kleine Lipizzaner auf mich und meinen Körper achtet. Gemeinsames Losgehen, Anhalten, Rückwärts und wieder Vorwärtslaufen – all das war sehr rasch kein Problem. Diese Übungen haben wir dann auch aus der Halle mit ins Gelände genommen. Auf der stalleigenen Hausrunde haben wir bergauf und bergab getestet, wie gut die Kommunikation gelingt. Ich muss gestehen, Konrad überraschte mich durch seine Konzentrations- und Aufnahmefähigkeit jedesmal aufs Neue.

Schulterkontrolle

Konrad lernte zunächst also die seitliche Führposition kennen. Dass er es nicht gewohnt war, von rechts geführt zu werden, zeigte er durch einen skeptischen Blick – danach war die Sache aber schon weniger unheimlich und wir konnten unser Programm in gleicher Qualität auch von rechts geführt ausprobieren. Auch Handwechsel waren kein Problem. Bei den Handwechseln aus seitlicher Führposition gehe ich folgendermaßen vor: Wenn ich neben dem Pferd vorwärts laufe, gehe ich nun die gleiche Strecke rückwärts in Richtung Schweif zurück und lade das Pferd zu einer Wendung auf mich zu ein. Während ich rückwärts laufe wechsle ich bereits Gerte und Strick in der Hand, bleibe dann einen Moment stehen und zeige auf die neue innere Schulter des Pferdes. Konrad verstand sofort auf das Zeigen der Gerte hin, die innere Schulter etwas nach außen zu nehmen. Sobald wir uns wieder auf gleicher Höhe befanden konnte es wieder nebeneinander weitergehen.

Bei allen neuen Anfragen an das Pferd, sei es ein Handwechsel, ein gemeinsames Halten oder vorwärtsgehen, achte ich sehr darauf, das Pferd nicht zu überrumpeln. Es gibt Trainer, die sich wünschen, dass das Pferd auf Knopfdruck funktioniert. Ich möchte auch durch leise Signale eine relativ prompte Reaktion des Pferdes erreichen, allerdings möchte ich auch für das Pferd gut vorhersehbar sein – soll heißen – ich bin gerade zu Beginn der Ausbildung einer der „schlechtesten Schauspieler“ auf der Welt. Ich mache mir große Gedanken darüber, wie beispielsweise ein Anhalten in meinem Körper aussehen muss. Dafür zerlege ich alle Schritte in Einzelteile: Wie die Energie in meinem Körper abnimmt, wie ich mich vielleicht sogar ein wenig sinken lasse, meine „Hanken“ beuge, ausatme und sehr bewusst anhalte. Je besser ich mir der Bewegungsabläufe bewusst bin, umso eher kann ich meinem Pferd zeigen, was ich von ihm möchte. Manchmal gehe ich auch ein gemeinsames Angehen in Zeitlupe durch. Ich stehe neben dem Pferd und verlagere meinen Schwerpunkt langsam nach vorne – das Pferd hat dann auch Zeit darauf zu reagieren. Wir stellen dem jungen und unausgebildeten Pferd eine Frage und erwarten eine sofortige Antwort. Von einem Kind in der Grundschule würden wir bei den ersten Rechenversuchen ja auch keine Antwort, wie aus der Pistole geschossen erwarten. Wir geben unserem Schüler Zeit, unsere Frage aufzunehmen, darüber nachzudenken und die Antwort gut zu formulieren.

Von der seitlichen Führposition ging es dann in die Bodenarbeitsposition, wobei ich noch keinen Kontakt direkt zum Kappzaum aufgenommen habe. Das Bodenarbeitsseil hielt ich locker in meiner rechten Hand, in der linken Hand die Gerte. Nun lief ich erstmals rückwärts auf der rechten Hand. Ich rechnete damit, dass Konrad auf der einen Seite möglicherweise in den Zirkel hinein, auf der anderen Seite aus dem Zirkel heraus vergrößern würde. Seine Balance zwischen den Schultern war jedoch so gut, hier musste ich fast keine Korrekturen vornehmen. Konrads Kopf blieb parallel zu meinem Oberkörper, ich fühlte mich nie geschoben oder bedrängt – wenn er mir für meine Begriffe zu nahe kam, konnte ich rechtzeitig durch ein „Größermachen“ oder ein sanftes Schütteln des Bodenarbeitsseils zu erkennen geben, dass ich mir mehr Abstand wünschte.

Nach und nach konnte ich den inneren Schenkel hinzufügen. Zunächst aus der Schulterkontrolle in Bewegung, dann auch im Stand. Konrand lernte auf eine Berührung des inneren Schenkels – in dem Fall durch die Gerte den Kopf zu senken und sich zu entspannen. Diese Übung gelang auch bald ohne Gerte. ich konnte mich vor seinem Kopf oder neben seiner Schulter positionieren. Wenn ich ausatme und mich entspanne, dann senkt Konrad ebenso den Kopf und manchmal schnaubt er sogar dabei ab.

In der Bewegung ließ sich Konrad ebenso sehr rasch vom inneren Schenkel lösen und bald konnten wir auch ein paar Schritte leichtes Schultervor erarbeiten.

Eines Tages stellte ich mich mitten in der Halle auf und zeigte mit der Gerte in Richtung äußerer Hüfte meines braven Schimmels. Hier kommt mir sein aufgeschlossenes Wesen und seine extreme Ausgeglichenheit auch sehr entgegen – egal wo ich die Gerte zeigend einsetzte – Konrad war nie misstrauisch oder nervös. Ich zeigte also diesmal über den Rücken in Richtung äußerer Hüfte und berührte ihn leicht mit der Gerte. Ich selbst war auf der Höhe der Schulter positioniert. Zu Beginn Ratlosigkeit, als ich mich jedoch selbst auf der Stelle bewegte, bewegte Konrad seine Kruppe ein wenig auf mich zu.

Tolles Ergebnis – vor Freude ausflippen – viel Lob und zurück auf die Koppel.

Wir haben oft nur zehn Minuten in der Halle miteinander gespielt – Konrad versteht so schnell und ich habe es wirklich nicht eilig. Mit dem Herbst kam dann endlich auch die kühlere Jahreszeit und so konnten wir unsere Spaziergänge ein wenig ausdehnen.

Ende Oktober war dann mein lieber Kollege Jossy Reynvoet bei uns. Wir haben uns dann mit verschiedenen Longenpositionen gespielt. Für Konrad, der inzwischen den inneren und äußeren Schenkel durch Zeigen mit der Gerte verstanden hat ist es keine große Sache, ob ich vor oder neben ihm für diese Hilfen stehe. Aus der Longenposition haben wir uns dann beim Kurs mit den Wechseln zwischen Schulterherein in Dehnungshaltung und etwas Kruppeherein gespielt.

Im Oktober hatten wir im Stall auch Besuch vom Sattler. Diese Gelegenheit haben wir gleich am Schopf gepackt und Konrad einen Sattel gezeigt. Er kennt ja bereits Regendecken oder Dualgassen auf seinem Rücken – fand er alles nicht sonderlich beeindruckend. Ich bin von der Ruhe und Gelassenheit des kleinen Lipizzaner nach wie vor extrem begeistert. Daher liegt mir auch seine Begeisterungsfähigkeit sehr am Herzen. Eigentlich hören wir für Konrads Geschmack immer viel zu früh mit der „Arbeit“ auf.

Obwohl Freund Idolo schon längst am Zaun steht und auf Konrad wartet, bleibt mein kleiner Lipizzanerbub lange am Zaun stehen und brummelt mir nach.

Ich möchte mir in der Ausbildung und den nächsten Schritten weiterhin viel Ruhe und Zeit lassen. Daher haben wir auch die sonnigen Novembertage für viele Spaziergänge genutzt – oder ich habe mir die letzten Sonnenstrahlen auf der Koppel auf den Buckel scheinen lassen – und Konrad auch. Wir haben also schon mal ein gemeinsames Hobby – das heißt: Zeit gemeinsam in der Sonne schön verbringen.

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PS: Konrad ist übrigens nicht der einzige Lipizzaner, der mich begeistert. Mittlerweile darf ich einige tolle Menschen mit ihren Lipizzanern  begleiten – auch in Slowenien wo ich am Hof der Lipizzaner von Angelika Pristov und auch bei Nina Peternel vom Hause Barbana einige Rohdiamanten kennen lernen durfte 🙂

Dehnungshaltung – Ja oder Nein

Dehnungshaltung – Ja oder Nein

Dehnungshaltung – Ja oder Nein? Oder: warum bilden wir nicht gleich individuell aus?
Für das Bookazin „Feine Hilfen“, Ausgabe Nr. 19 habe ich zu dieser Frage einen Artikel geschrieben.

„Während der ersten Ausbildung im Trab darf man weder versuchen, dem Pferd ein gutes Maul zu machen, noch seinen Kopf in eine bestimmte Stellung zu bringen. Hiermit muss man warten, bis es sich gelöst hat und die Leichtigkeit erlangt hat, mühelos auf beiden Händen zu wenden. Dadurch wird man ihm die Empfindlichkeit im Maul erhalten, weswegen auch der Gebrauch der Trense am Anfang besonders vorteilhaft ist, denn sie liegt sehr wenig auf den Laden und wirkt überhaupt nicht auf das Kinn, einem sehr zarten Teil ein“…

So schreibt François Robichon de la Guérinière im 18. Jahrhundert. Erst neulich habe ich den Spruch gehört: Wer schreibt, bleibt. Und ja, die Schriften der alten Meister haben in so vielen Belangen heute noch ihre Gültigkeit. Wer sich durch Xenophon, Pluvinel, Guérinière und Steinbrecht „büffelt“ bekommt genügend Ideen für Leichtigkeit, Balance und Reitkunst.

Vom Leichten zum Schweren

Wir Reiter neigen allerdings auch ganz gerne dazu, uns Vorschriften machen zu lassen. Hinterfragen wir diese! Warum haben die alten Meister welche Inhalte wie formuliert?

Ein Pferd ist ein Pferd? Mitnichten. Denn schon bei der Selektion zu Reitpferden machte man etwa zu Pluvinels Zeiten große Abstriche. Die jungen Pferde wurden in der Reitbahn freigelassen und beobachtet. Ein Pferd, das nicht von Haus aus im leichten Kruppeherein durch die Ecken lief und mit dem Gewicht auf der Hinterhand bremsen konnte, hatte keine Karriere als Reitpferd vor sich. Und die Pferde, die bei Pluvinel zum Reitpferd auserkoren wurden? Der französische Meister bildete seine Pferde vorwiegend am, um und zwischen den Pilaren aus. Ein Vorwärts-abwärts im Sinne, wie wir es heute verstehen, wurde nicht erarbeitet, wohl aber wurde auf die Leichtigkeit an der Hand bzw. die Bereitschaft der gebenden Hand zu folgen Wert gelegt.

Pluvinel hinterlässt uns vor allem eine großartige Pädagogik, mit mehrfacher Betonung die Individualität des vierbeinigen Schülers in den Vordergrund zu stellen:

„Es bleibt dem klugen und erfahrenen Reiter überlassen, die wichtigsten Grundlagen nach Bedarf mit Vorsicht und Einfühlungsvermögen bei seinem Pferd anzuwenden. Er wird dabei die Übungen verlängern, verkürzen oder verändern, je nachdem, was er als notwendig erkennt“. (Antoine de Pluvinel)

Zu tief? Zu hoch?

An wen ist also die Frage „Dehnungshaltung – ja oder nein“ gerichtet? An einen Ausbilder, der (so lautet zumindest unsere Annahme) sein Handwerk versteht, das junge Pferd somit ausreichend auf das Reiten vom Boden aus vorbereitet hat. Dieser Ausbilder wird sein Pferd kennen. Und zwar die physischen Voraussetzungen, wie auch seinen Geist.

Der kundige Ausbilder wird auf die Frage vermutlich antworten: Dehnungshaltung ja – oder anders gesagt: Erarbeitung einer Abkürzungsbereitschaft der Unterlinie und Dehnungsbereitschaft der Oberlinie, aber unter Beachtung aller biomechanischen Gesetzmäßigkeiten in Korrelation mit den körperlichen Voraussetzungen des auszubildenden Pferdes.

In der Praxis überwiegen jedoch die gemeinsam lernenden „Mensch-Pferdepaare“. Gustav Steinbrecht beklagt in seinem „Gymnasium des Pferdes“ bereits in der ersten Auflage von 1884 den Mangel an Reitakademien, in denen unerfahrene Reiter auf sehr erfahrenen Pferden den Sitz und vor allem das Reitergefühl schulen konnten.

Zwei Geister müssen wollen, was zwei Körper können – diesen Satz ruft Bent Branderup auf seinen Theorievorträgen immer wieder in Erinnerung.

 

„Jeder Reiter aber formt ja einmal in seinem Leben ein Pferd erstmals, das heißt, hierin noch ohne eigene Erfahrung. Je früher der Reitschüler also unter Anleitung mit der Wirkungsweise seiner Hilfen und ihrem eigentlichen Zweck vertraut gemacht wird, desto besser.“ (Egon von Neindorff)

Zumindest ein Geist muss also unbedingt wissen, was der auszubildende Körper überhaupt in dem Moment kann. Selten werden Pferde heute nach Pluvinels Methode hin selektiert. Meist entscheidet unser Herz oder der Bauch beim Pferdekauf. Das ist auch grundsätzlich in Ordnung, schließlich geht es ja darum, mit dem geliebten Pferd Zeit schön zu verbringen.

Das einzige Pferd, das sich bekanntlich nach dem Lehrbuch verhält, das steht im Lehrbuch drin und nicht auf unserer Koppel.

Wir kennen Diskussionen rund um das Bildungssystem. Wir kennen den Ruf nach Spezialisten, die Kinder möglichst früh und möglichst individuell fördern sollen. Wir müssen also jetzt zum Spezialisten für unser Herzenspferd werden. Vor allem dann, wenn unser ausgewähltes Pferd möglicherweise nicht der Spezialist für die Sparte der Reiterei ist, die wir für uns auserkoren haben.

Wir können die vielen Grundsätze aus der Geschichte der Reitkunst noch heute in Punkto Biomechanik und Pädagogik beachten. Wir müssen uns aber auch immer wieder in Erinnerung rufen – egal aus welcher Epoche die alten Meister zu uns sprechen: Sie hatten damals andere Pferde zur Verfügung und nutzten sie zu anderen Zwecken als wir heute. Auch der Zweck beeinflusst(e) die Methode stark.

Egal welchen Zweck wir also heute verfolgen, wir komme nicht umhin uns mit der Theorie zu beschäftigen. Natürliche Schiefe? Balance? Was bedeutet Losgelassenheit wirklich? Warum reiten wir eigentlich diese Seitengänge? All diese und viele weitere Fragen zu erörtern lohnt sich, bevor man die Frage nach pro und contra der Dehnungshaltung bearbeitet.

Ist mein Pferd zu stark auf der Vorhand, rollt es sich ein? Läuft es bereits über dem Tempo? Überwiegt der Schub?

 Das eine Pferd bringt vielleicht ein so gutes Vorschwingen der Hinterbeine unter die Körpermasse mit, dass ein korrektes Vorwärts-abwärts mit einer gedehnten Oberlinie sofort gelingt. Das nächste Pferd ist indessen so vorhandlastig und schiebt seine Masse schwer über die Vordergliedmaßen, so dass eine Arbeit im Vorwärts-abwärts in Bewegung eher weniger zielführend ist. Hier ist ein anderer Weg zu gehen.

 Weg vom Schema!

Sein oder nicht sein – dehnen oder nicht dehnen? Jede Möglichkeit zur Ausbildung muss wie ein einzelnes Werkzeug betrachtet werden. Es wäre daher nicht richtig, immer nach einem Schema F auszubilden. Pferde lassen sich nicht in Schubladen stecken – und wir auch nicht. Wer gedanklich in die eigene Vergangenheit reist und beim Turnunterricht in der Schulzeit innehält, wird sich vielleicht an die eigenen Stärken, aber auch an die Schwächen erinnern. Ein Schüler springt besser weit, der andere hoch, der dritte ist ein guter Sprinter, der vierte besser auf langen Strecken.

Wir pressen aber unsere Pferde gerne in Schemata. Wir sollten uns aber unbedingt fragen, warum was geschrieben wurde und in welchem Zusammenhang welche Ratschläge uns von den alten Meistern hinterlassen wurden.

Literatur studieren, den individuellen Weg wählen

Wir haben also eine Vielzahl an Werken, die wir studieren und hinterfragen können. Wo finden sich bei den alten Meistern die Gemeinsamkeiten – wo die Unterschiede? Wer liest, lernt, analysiert, fühlt und beobachtet, der hat einfach auch mehr Möglichkeiten, die korrekte Herangehensweise in der Ausbildung seines Pferdes zu wählen.

Auf Basis dieses Wissens heißt es dann: den Reitlehrer löchern, das Gefühlte in Fragen übersetzen. Wir können uns einen „Vokabelschatz“ zurecht legen, der uns als Dolmetscher für unser Pferd zur Verfügung steht. Pluvinels und Steinbrechts Pferde finden wir in den Büchern. Unser Pferd steht auf unserer Koppel. Lernen wir mit Hilfe der Alten Meister zu beurteilen, welche physischen Begebenheiten uns bei der Ausbildung erwarten werden. Was tun bei einem zu hoch oder tief angesetzten Hals? Steinbrecht liefert in seinem Gymnasium des Pferdes ein Sammelsurium an Erfahrungen und wertvollen Hinweisen. Setzen wir unser biomechanisches Puzzle mit dem Wissen der alten Meister zusammen, aber hinterfragen und analysieren wir jeden Schritt. Werden wir zum individuellen Pädagogen für unser Pferd!

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Was ihr wollt..

Was ihr wollt..

Die Pferdezucht im Wandel, wie oft habe ich diese Diskussion im Internet verfolgt. Erst kürzlich habe ich ein Gespräch rund um die Lipizzaner verfolgt. Ist die Zucht im Wandel oder sind es die Pferdefreunde, die der Zucht unter Diktat stellen? Ein paar kritische Gedanken dazu heute in meinem Blog.

Die Züchter züchten für den Sport?

Wie viele Reiter sind heute Freizeitreiter und möchten lediglich eine gute Zeit mit ihrem Pferd verbringen. Zeit, die auch sinnvoll verbracht werden soll; Zeit, in der wir gemeinsam Etwas lernen wollen. In der Statistik finden wir tatsächlich weit mehr Freizeitreiter, als Reiter, bei denen der sportliche Erfolg an erster Stelle steht. Ist es also tatsächlich der Sport, der hier den Ton angibt, oder warum sind die zahlreichen Freizeitreiter für die Zucht so „unscheinbar“ oder überhörbar?

Der Lipizzaner hat keinen Gang?

Erst kürzlich habe ich folgendes Statement in einer Diskussion auf Facebook gelesen. Ja wer gibt denn vor, was ein „Gang“ ist und was nicht? Als ich meinen Conversano Aquileja in Piber das erste Mal gesehen habe, wurde ich gleich darauf hingewiesen, dass dieses Pferd nur sehr wenig Schubkraft habe. „Ja, wunderbar“, war mein Gedanke, schließlich war ich ja gerade auf der Suche nach einem Pferd, das über mehr Tragkraft verfügte. Wenn ich die Bewegungen meines Lipizzaners mit den Bewegungen meiner Trakehnerstute vergleiche, dann lassen sich Bewertungen aus zwei verschiedenen Blickwinkeln feststellen. Nach dem Motto; Jedem das, was ihm gefällt. In meiner Brust schlagen zwei Herzen; Ich bin mit Trakehnern aufgewachsen, ihre Bewegungen, ihre Ausstrahlung – das alles fasziniert mich heute noch, da von Klein an liebgewonnen. Und ich habe auch die Entwicklung verfolgt, dass die Gänge der Pferde immer spektakulärer und eindrucksvoller wurden. Mit der Trakehner Brille könnte ich die Bewegungen meines Lipizzaners vielleicht sogar als „nicht spektakulär“ bezeichnen. Dies vielleicht auf den ersten Blick. Seine Bewegungen sind jedoch ruhig und korrekt. Braucht es immer strampelnde Vorderbeine in der Luft, um uns den Atem zu rauben? Mitnichten. Heute würde ich sagen, dass mich mein Lipizzaner in der Bewegung durch seine simple Korrektheit, durch die Einfachheit und das enorme Taktgefühl verzaubert. Es ist so einfach und ehrlich, ohne Tohuwabohu. Die Frage stellt sich also vielleicht nicht, ob diese oder jene Pferderasse „keinen Gang“ hätte, sondern aus welcher Perspektive und zu welchem Zweck heraus das jeweilige Pferd bewertet wird.

Zurück zum Ursprung

Genetische Untersuchungen bei Spanischen Pferden haben gezeigt: Da sind plötzlich auch Spuren sehr bekannter Warmblüter  Deckhengste versteckt im spanischen Blut. Ich habe auch schon gehört, dass für den Gang Traber in die Zucht mit einbezogen wurden. Wieso, frage ich mich, können wir nicht eine wunderbare Rasse mit all ihren positiven Eigenschaften so belassen, wie sie ist? Warum müssen wir überall etwas nach dem Motto „More of the same“ in Punkto Warmblut hinzufügen? Warum müssen wir uns in der Zucht ständig einem sportlichen Ideal annähern? Das gilt freilich nicht nur für das spanische Pferd, diese Frage lässt sich mittlerweile leider über sehr viele Rassen stülpen.

Zweckentfremdet

Erst vor kurzem wurde ich in einem Gespräch stutzig. Gesucht wurde nach einem Dressurpferd, gerne im iberischen Typ, aber bitte wenn möglich nicht mit diesen iberischen Gängen. Also im Grunde ein Warmblüter in spanischer Lackierung. Ich kann diese Entwicklung wirklich nicht nachvollziehen, ich finde es sehr bedauerlich, wenn Pferde „umlackiert“ werden, vielleicht eine ganze Rasse in ihrem ursprünglichen Ideal eines Tages nicht mehr existiert, nur weil eine Barockpferderasse in sportlicher Verkleidung gewünscht war.

Ich freue mich, dass sich so viele Menschen ein Pferd leisten können, ich spüre aber (auch ganz unabhängig vom Pferdesport) eine große Entwicklung in eine Richtung, die Bent Branderup in seinen Theorievorträgen ganz gut beschreibt:

Viele Reiter wissen nicht, was sie wollen, aber sie wollen es jetzt

Das oben genannte Zitat bezog sich in erster Linie nicht auf die Zucht, lässt sich aber auch hier sehr gut verwenden.

Was sind denn die Vorzüge einer bestimmten Pferderasse überhaupt? Jedes Pferd, jede Rasse hat ihre Vorzüge und Besonderheiten. Warum also einen exotischen Cocktail mischen, der eine vergleichsweise kurze Saison „in“ ist, gleichzeitig verbrauchen und vermischen wir aber die Zutaten?

Ich wünsche mir, dass sich nicht sämtliche Pferderassen dem sportlichen Ideal annähern. Ich wünsche mir, dass ursprüngliche Pferderassen erhalten bleiben. Ich wünsche mir, dass sich Reiter, die drauf und dran sind ein Pferd zu kaufen ihre eigenen Wünsche und Ziele genau analysieren und somit vielleicht sogar überrascht sind, dass ihre Wünsche und Ziele nicht deckungsgleich sind, mit der begehrten Pferderasse. Ich wünsche mir, dass sich Reiter bereits beim Pferdekauf mit der Frage beschäftigen: Was will ich?

Einige Rassen sind vielleicht auch nicht so populär und vielleicht wird es sie auch nicht mehr lange geben. Wenn mich meine Stute Pina mit ihrer Intelligenz, ihrer Feinheit und ihrem feinen Wesen beeindruckt, dann stimmt es mich traurig, denn ihre Rasse – das Przedswit ist beinahe schon in Vergessenheit geraten, ja die Rasse gehört sogar zu den „als gefährdete Rasse“ geförderten Tiere in Österreich. Ist diese Entwicklung jedoch die Zukunft für weitere Pferderassen? Ich fürchte es, wenn wir weiterhin „more of the same“ wollen und von der Zucht fordern.

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Frag Bent Teil 7

Frag Bent Teil 7

Einfach mal schnell eine Frage direkt an Bent Branderup stellen? Ja das direkt via Facebook!
In der Frageserie ist jeder herzlich eingeladen, seine Frage zu posten. Einmal im Monat gibt es eine kurze Videobotschaft. In meinem Blog liefere ich euch die Übersetzung:

Diesmal geht es in der Frage um möglichen Gangsalat: 

Wie würdest du den Tölt eines passigen Isländers verbessern? 

Normalerweise arbeiten wir ein Pferd in den Basisgangarten Schritt, Trab und Galopp. Theoretisch wollen wir den Tölt in der Akademischen Reitkunst einen „running walk“ nennen, also einen gelaufenen Schritt. Manchmal scheint der Tölt aber wie ein gebrochener Trab. Eine Gangart zu runinieren, um eine andere Gangart zu bekommen ist aber in meinen Augen keine Verbesserung. In vielen Fällen sprechen Reiter von einem Fünfgänger, allerdings hat ihr Pferd nur fünf Variationen von Pass. Bei der an mich gestellten Frage lese ich zwischen den Zeilen, dass das Pferd möglicherweise eine Tendenz hat, im Pass zu gehen. Die Wirbelsäule ist hier möglicherwiese steif, wir brauchen daher Durchlässigkeit, und die Fähigkeit für Dehnung und Biegung, Durchlässigkeit im Vorgriff der Hinterhand. Theoretisch wäre der Tölt genau in der Mitte zwischen Trab und Pass. Ein Pferd mit mehr Pass würde dann mehr Trab im Gang benötigen. Wenn der Pass aber  in der Realität durch Rückenschmerzen oder andere Probleme entsteht, dann stimmt diese Theorie nicht mehr ganz. Ich bevorzuge den Tölt also einen gelaufenen Schritt zu nennen, dann wäre es ein sauberer, kein gebrochener Gang. Man muss sich aber immer das individuelle Pferd ansehen.

Passend dazu ist auch die Frage nach dem Lizenzierten Branderup Trainer:

 

Was muss ich machen, um ein lizenzierter Bent Branderup Trainer zu werden?

Um ein lizenzierter Bent Branderup Trainer zu werden muss man zuallererst selbst ein guter Reiter sein. Das heißt, ich erwarte mir von der Person mindestens das Wappenträger-Leveln innerhalb der Ritterschaft; das wäre ein Level, wo ich denke, man ist selbst soweit einen Schüler bis zu dieser gleichen Stufe hin auszubilden. Vor dem Wappenträgertest muss man auch den Bodenarbeits- und Longentest absolviert haben; der Wappenträgertest ist dann eine Überprüfung der Entwicklung des Reitersitzes. Hier lautet die Frage, wie man den Sitz als ein Werkzeug einsetzen kann und ob man das Pferd in sämtlichen Lektionen tatsächlich vom Sitz aus führen kann. Die Longe ist ein Werkzeug, ebenso die Bodenarbeit und der Crossover zum Langen Zügel- Man muss all diese Techniken selbst beherrschen und einen Test darüber bestanden haben. Man muss aber natürlich auch gut darin sein, diese Inhalte anderen Personen zu erklären. Man braucht also auch eine Entwicklung als Lehrer, dafür muss man zeigen, dass man die Fähigkeit mitbringt, andere Menschen auf das gleiche Niveau zu hieven. Auch dann ist es aber noch nicht sicher, ob jemand in mein Team passt. Für mich ist es wichtig, ein Team zu haben, wo die Trainer gut zusammen arbeiten. In dem Team sind natürlich auch Leute mit speziellen Fähigkeiten, was ich sehr zu schätzen weiß. Die Trainer repräsentieren natürlich auch mich und meine Arbeit. Teamfähigkeit ist also eine wichtige Sache.

Wer daran interessiert ist, Trainer zu werden, muss seinen eigenen Weg gehen. Wir prüfen dann: Was fehlt noch in der Ausbildung des einzelnen, was müssen wir noch hinzufügen? Es ist wichitg, dass man selbst ein guter „Handwerker“ ist, aber auch die Pädagogik als „Handwerk“ versteht. Für viele Leute ist es eine lange Reise, aber es ist gut wenn man sich Zeit nimmt um zu lernen.

Warum gibt es keine Ausbildung auf Distanz beispielsweise via Internet? 

Ich habe keine Ausbildung auf größere Distanz, denn wenn man über das Internet und Filme arbeitet, dann sieht man ja nur ein kleines Bild vom großen Ganzen. Wenn wir die Reitkunst definieren, dass zwei Geister wollen, was zwei Körper können, dann fehlt mir ja im Film die Möglichkeit den Geist von Reiter und Pferd zu fühlen. Ich kann also nur die körperlichen Möglichkeiten beurteilen. Mittlerweile kann man mir ja Groundwork und Longework test schicken, um die Inhalte auf Distanz prüfen zu lassen. Dafür braucht man aber eine Empfehlung von einem Mitglied der Ritterschaft (mindestens Wapptenträgerniveau). Die Person, die die Empfehlung ausspricht, muss auch beim Filmen der Prüfung anwesend sein. Gefilmt wird aus jener Position, in der ich für gewöhnlich auch auf Kursen die Prüfung abnehme. So soll sicher gestellt werden, dass hier nichts manipuliert wird. Auf Lange Distanz – da wird es abgesehen von den Prüfungen also so schnell kein weiteres Angebot geben, da es so viele Details gibt, die ja gerade am Anfang der Ausbildung wichtig sind.

Als ich zu meiner Reise zur Reitkunst aufbrach, habe ich auch meine Familie und mein Land verlassen, um von meinen Meistern zu lernen. es war nicht nur eine mentale sondern auch eine körperliche Reise. Menschen, die sich körperlich nur sehr schwer bewegen, bewegen sich auch mental schwer. Später habe ich auch herausgefunden, es war nicht nur eine Reise nach außen hin, sondern eine Reise nach innen zu mir selbst.

Diese wunderbare Erfahrung zu machen – diesen Rat kann ich nur weiter geben. Einerseits ist es also Leidenschaft, die uns zu guten Reitern macht, andererseits ist es auch Geduld, um ein weiteres Schlüsselwort zu nennen.

Reitkunst ist noch immer nicht käuflich, im Gegensatz zu einem fantastischen Pferd, einer Reithalle oder einem Trainer, den man sich kaufen kann. Wir brauchen daher Leute, die uns direkt vor Ort unterstützen – es ist also auch noch ein altmodisches Handwerk, das man gemeinsam mit einem Lehrmeister im direkten Kontakt entwickeln muss.

 

Suchen wir uns also Hilfe – das kann eine Frage im Internet sein, die unser Interesse weckt, bis hin zum „live Unterricht“ bei Bent oder einem seiner Trainer – eine Liste aller Kollegen gibt es übrigens unter diesem Link.

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When you say nothing at all

When you say nothing at all

Kursbericht Jossy Reynvoet – Oktober 2017

Wenn wir mit Pferden zusammen sind, dann brauchen wir keine großen Worte. Wenn es eine Verbindung gibt, ein Band, dann liegt Magie in der Luft –  oder Jossy Reynvoet war wieder mal zu Besuch in Österreich.  Zum Lesen des Artikels gibt es außerdem noch eine musikalische Untermalung/Empfehlung.

You say it best….

Vier Tage lebendiger Austausch mit einem wunderbaren Kollegen – das brachte nicht nur einige gefahrene Kilometer, viele strahlende Gesichter und entspannte Pferde mit sich. Los ging es am Donnerstag Morgen in Wien. Vom Flughafen aus besuchten wir einige vierbeinige Schüler in Niederösterreich. Der Fokus des ersten Unterrichtstages lag ganz beim Thema Rotation und korrekter Biegung. Wir haben uns an diesem Tag mit verschiedenen Pferden beschäftigt: Vom Lipizzaner, zum Knabstrupper, bis hin zu PRE, Lusitanos und einem wunderbaren Cruzado. Das Thema war korrekter Rückenschwung, Erhaltung der Biegung, egal ob beim Longieren oder in der Bodenarbeit das innere oder das äußere Hinterbein verstärkt abgefragt wird.

Jossy, Pascale und ich haben am Barockpferdehof Schoderlee einen wunderbaren Tag gemeinsam mit „Hausherrin“ Verena und ihren „Einhörnern“ verbracht.

It’s amazing how you can speak right to my heart

Am Freitag standen einige Stunden auf dem Programm, darunter auch die erste richtige Kursteilnahme von Conversano Aquileja I. „Konrad“ zeigte sich von seiner besten Seite. Wir haben gemeinsam mit Jossy die Themenschwerpunkte des Vortages beim Jungpferd wiederholt.
Conversano reagiert bereits sehr gut auf die Körpersprache. In der Bodenarbeitsposition nehme ich meine eigene äußere Schulter beim Rückwärtslaufen zurück, das Pferd spiegelt dies in seiner eigenen äußeren Schulter und kommt somit ins Schulterherein, während ich mit der Gerte zeigend, weiterhin den inneren Schenkel des Reiters ersetze und somit den inneren Hinterfuß des Pferdes aktiviere.
Das klappte so gut, dass wir dazu übergehen konnten die Sekundarhilfe Gerte noch besser als äußeren Zügel zu erklären. Konrad verstand sofort, wenn ich mit der Gerte über den Hals in Richtung äußerer Halsoberlinie zeigte, das er das Gewicht von der äußeren Schulter in Richtung innerer Schulter verlagern sollte. Dies klappte dann sogar schon aus einer Cross Over Position, wenn ich meine Longenposition etwas weiter nach hinten in Richtung innerer Hüfte des Pferdes verlagerte.

Der Wechsel in der Longenposition zwischen dem inneren und dem äußeren Schenkel – vom Schulterherein ins Kruppeherein konnte ebenso durch Jossys Input verbessert werden. Im Gegenzug zeigte ich ihm unser gemeinsames Spiel mit der Energie.

Die Übung: Ich gehe neben Konrad und lege meine Hand auf den seinen Rücken in Sattellage. Wenn wir einen guten Tanzpartner haben, dann lassen wir uns ohne Zögern oder Stolpern in Richtungs- oder Taktwechsel führen. Mit Konrad habe ich bereits viel Zeit verbracht, die Energie verschiedener Takte über meine Hand in seinen Körper zu schicken, also ein gemeinsames Antraben und Durchparieren zum Schritt umzusetzen, ohne dass ich dabe selbst in den Trab oder Schritt wechseln muss und ohne eine Einwirkung der direkten Hand zum Kappzaum. Ich selbst bleibe dabei also immer im gleichen Schritt.

Meine Schüler Daniela und Kathi ließen sich an diesem Tag außerdem in Jossys Freiarbeit und seine so genannten Treffen mit den Pferden einführen. Bei diesen Treffen geht es Jossy nicht um eine spezielle Agenda, also um einen speziellen Plan. Wichtig ist nur, eine Bindung zwischen Mensch und Pferd aufzubauen. Auch in der Theorie am Samstag lud Jossy die Teilnehmer ein, doch ab und an einfach Zeit mit dem Pferd schön zu verbringen. Wer sich mit dem „Nichtstun“ und „einfach nur beobachten“ schwer tut, kann doch Lesestunden gemeinsam mit dem Pferd verbringen. Viele Pferde sind es gewohnt, dass ihre Reiter ständig etwas von ihnen wollen oder fordern. Stülpen wir diese Beziehungskonzept auf eine zwischenmenschliche Beziehung, dann würde diese Idee wohl eher auf Ablehnung stoßen. Vielleicht haben wir sogar schon die Erfahrung gemacht, wie es sich anfühlt, wenn eine Freundschaft im Bezug auf das Geben und Nehmen sehr einseitig verläuft und da Nehmen ständig im Vordergrund steht?

Wieder einmal war es sehr ergreifend zu beobachten wie sich innerhalb einer halben Stunde die Einstellung von Pferd und Mensch dem jeweils anderen gegenüber stark wandeln kann. und manchmal ist es einfach am besten, wenn man wirklich nichts will. Dann ergeben sich die magischen Momente doch fast schon wie von selbst. Beim Gemeinsamen Tanz (oder Lauf) mit dem Pferd kamen die Mädels ganz schön ins Schwitzen – wunderbar zu sehen, wenn sich Vier- und Zweibeiner jedoch im Einklang befinden und Freude an Bewegung teilen.

The smile on your face….

Samstag und Sontag stand dann unser Wochenendkurs mit Jossy am Horse Resort am Sonnenhof am Programm.

In der Theorie erklärte Jossy ausführlich seine Struktur, die bei den ersten Zusammentreffen mit dem Pferd ihren Anfang nimmt.

Jossys Idee von Freiarbeit bedeutet nicht Tricks oder diverse Übungen zu erarbeiten. Es gibt also keine Agenda. Der Mensch soll das annehmen lernen, was das Pferd zu sagen oder zu bieten hat. Sagt das Pferd „nein“, dann muss das ebenso okay sein. Diese Einstellung lässt sich auch in die weitere Arbeit mitnehmen. Jossy riet allen Teilnehmern ständig offen zu sein für die Vorschläge des Pferdes – das gemeinsame Wollen sollte also stets im Vordergrund bleiben, nicht das Müssen.

Die Kommunikation wird dann fortgesetzt mittels der optischen und der physischen Kommunikation. Zur optischen Kommunikation gehört unsere Körpersprache, bei der physischen Kommunikation weicht das Pferd beispielsweise einem gewissen Druck. Es geht hier also um eine direkte, körperliche Einflussnahme.

Sowohl bei der optischen, wie der physischen Kommunikation geht es stets darum sämtliche Signale auf ein Minimum, passend zum steigenden Ausbildungsstand zu reduzieren.

Die ersten Führübungen bestehen dann aus Folgen (Following), Fokus (Focus), Leading (Führung) und dem Zirkel (circle). Beim Folgen führt der Reiter das Pferd hinter sich. Dabei geht es darum, das Pferd tatsächlich hinter sich wahrzunehmen und zu spüren, ohne ständig über seine eigene Schulter nach hinten zu blicken. Beim Fokus wird erstmals frontal geführt, das heißt der Reiter läuft Rückwärts, das Pferd folgt dem Reiter und behält seinen Fokus. Diese Übungen können dann beständig ausgebaut werden. In der „Leading“ Position sollten die Vorderbeine des Pferdes jedenfalls vor den Beinen des Reiters bleiben. Die einzelnen Führtechniken wurden dann später in der Praxis genau überprüft, ebenso wie das gemeinsame Wenden, angehen und anhalten.

Ein Lächeln zauberte Jossy praktisch allen Teilnehmern ins Gesicht. Am Samstag blieben die meisten Reiter am Boden und zeigten den Status Quo ihrer Arbeit. Jossy gab Inputs und Tipps zur Verbesserung der Körpersprache, zu den Führtechniken, zu Stellung und Biegung. Unermüdlich und mit einer enormen positiven Energie strahlte er stets Begeisterung aus.

Ich freue mich für jeden einzelnen Schüler, der von dem Kurs so viel positives mitnehmen konnte.
Besonders stolz bin ich auf unsere jüngste Teilnehmerin Viktoria, die mit ihrem Haflinger „Avanti“ nicht nur einen schönen Ansatz zur Freiarbeit zeigen konnte, sondern auch als einzige nicht nur gebisslos, sondern auch zaumlos mit einem Halsring eine wunderbare Arbeit in Seitengängen, Übergängen und ein wenig Versammlung zeigen konnte. Jossy hatte viele Vorschläge um die Kommunikation der beiden noch feiner zu machen. Ich freue mich schon sehr auf die Fortschritte der beiden.

Aus Wien waren Andrea und ihre Lipizzanerstute Zita angereist, die ebenso wie Kati und Lipizzanerstute Betalka Jossy noch einmal von dieser Rasse deutlich überzeugten. (Sorry, Pascale ;-))

Beide Stuten – sehr unterschiedlich im Typ, aber sehr schnell im Lernen zeigten eine schöne Arbeit mit ihren Mädels.

Drei Isländische Reiter-Pferdeteams waren am Start, die vor allem an der Losgelassenheit und Entspannung sowie an schönen Übergängen feilten. Für Lisa und Sophia war es mit ihren Isis überhaupt Kurspremiere – Susi und Sleipnir waren bereits das zweite Mal dabei – diesmal sogar mit viel Galopp.

Besonders „cool“ waren auch Spanier Idolo mit Eva und Warmblutstute Serenade mit Jaana, die zeigten, was sorgsame Arbeit an der Entspannung bewirken kann.

All day long I can hear people talking out loud

Am Sonntag führte uns Jossy in der Theorie in die Vergangenheit – konkret ging es um die Entwicklung von Jossys Zäumungen Cavemore und Cavesal. Diese Begriffe sind quasi nicht geschützt, daher gibt es einige Kopien des Cavemore oder Cavesal auf dem Markt.

Wie in vielen Fällen zeigt sich: Es ist leicht etwas zu kopieren, aber nicht immer versteht eine Kopie das Original. 

Jossy hat viele Jahre Herzblut, Leidenschaft und Wissen in die Entwicklung gebissloser Zäumungen gesteckt. Beide Zäumungen sind sehr feine Werkzeuge, aber es kommt natürlich hinsichtlich der Anpassung auf das individuelle Pferd und dessen Maße an.

Es gib erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Cavemore-Varianten (Round Type und Stirrup-Type). Wer mehr über die Zäumungen wissen möchte, kann sein Cavesal oder Cavemore direkt auch bei Ralf Schmitt von barock-flair bestellen.

Ich freue mich sehr auf ein Wiedersehen im kommenden Jahr. Wir feilen bereits an den Terminen :-).

Jossy hat einmal mehr gezeigt, dass weniger oft mehr ist – und am schönsten ist die Harmonie, wenn man keine Worte mehr braucht, ein Lächeln aber ausreicht.

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