Heute geht es um den „Magic Button“ der alle Probleme beim Dressurreiten beseitigt. Dieser liegt – Überraschung – im Kopf des Reiters. Man kann die Dinge beschönigen, man kann die Dinge aber auch auf den Punkt bringen: Das Problem sitzt immer im Sattel. Zur Problembeseitigung kann man also absteigen, oder sich fragen, warum man denn eigentlich überhaupt Dressur reiten will!

Warum reiten wir Dressur?

Der gibt nicht nach, der ist so steif und sitzen kann ich ihn auch nicht mehr“. Wenn man sich die Klagen mancher Reiter, verbunden mit dem Anspruch – das Pferd MUSS doch können – anhört, fragt man sich unweigerlich: Wenn es nicht schön ist und sich nicht schön anfühlt – warum tut man sich das dann überhaupt an?

Im Grunde ist das Reiten heute keine Notwendigkeit. Es ist unser Vergnügen und unsere Freizeit. Allerdings haben die Äußerungen einiger Reiter mit Vergnügen nicht mehr viel zu tun.

Es ist leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Daher erzähle ich die Geschichte einfach mal aus meiner Sicht. Ich wollte vor zehn Jahren auch einmal etwas „Können“. Ich wollte fliegende Galoppwechsel reiten oder eine Piaffe. Das Pferd in einer schönen Haltung präsentieren und mit meinem Können ernst genommen werden. Mein Können habe ich mir aufgrund der Tatsache zugeschrieben, bereits mehr als zehn Jahre lang (irgendwas) mit Pferden erlebt und getan zu haben.

Wenn ich „Dressur“ ritt, dann war die Bestätigung von Seiten der Bande enorm wichtig. Aber für wen reite ich eigentlich Dressur? Irgendwie ging es eher um die anderen, als um das Pferd.

Die Dressur ist für das Pferd da….

Wie sagt Bent Branderup so schön:

„Die Dressur ist für das Pferd da – nicht das Pferd für die Dressur“

Heute können wir Zeit mit unseren Pferden schön verbringen – und als pflichtbewusster Reiter reiten wir die Dressur FÜR unser Pferd! Denn selbst wer einfach Ausreiten möchte, der braucht eine sinnvolle Gymnastizierung für sein Pferd – denn einfach nur „oben sitzen“ und am langen Zügel dahinspazieren ist ebenso wenig sinnvoll!

Ohne ausreichendes Training, das den gesamten Körper des Pferdes kräftigt und das Pferd ins Gleichgewicht bringt, kann kein Pferd einen Reiter ohne Schaden tragen. Hier ist vor allem die Geraderichtung des Pferdes zu nennen, sowie die gleichmäßige Arbeit mit dem Pferd auf beiden Seiten.

Darf man heute nicht mehr üben?

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Neulich beim Christofer Dahlgren Kurs: Schulterkontrolle in Bodenarbeit: Erst muss ICH verstehen, dann kann ich es dem Pferd erklären!

Der Weg ist das Ziel – das sagt sich so leicht. In der Realität erlebe ich aber häufig Ungeduld und manchmal auch Unverständnis für das Pferd. Über gewisse Dinge lässt sich ja ganz einfach „drüber reiten“, oder nicht?

Für François Robichon de la Guérinière, der bis 1751 den königlichen Stall in Paris leitete, war das Ziel seiner Ausbildung, durch systematische Arbeit ein Reitpferd zu erziehen, das ruhig, gewandt und gehorsam ist, angenehm in seinen Bewegungen und bequem für den Reiter. Alois Podhajsky kritisierte 1965 diesbezüglich:

„Leider ist aber in den letzten Jahrzenten eine bedauerliche Vernachlässigung des theoretischen Wissens festzustellen; in allen Sparten des Reitsports nimmt die Oberflächlichkeit in erschreckendem Maße zu“.

Im Gegensatz zu  Guérinière haben viele Reiter heute ganz andere Ziele: Mit Wendigkeit war Versammlung gemeint und das hatte durchaus Sinn! Ruhe ist scheinbar egal. Heutzutage werden sogar im Turniersport erfolgreiche Pferde entweder von zwei Pflegern zur Siegerehrung geführt, oder man reitet gleich auf einem ruhigeren Pferd ein, das die Ehrenrunde ruhig packt. Und auf Bequemlichkeit wird ebenso verzichtet. Man macht es sich gerne sogar schwerer, weil größere Bewegungen zählen, die das menschliche Becken aber nicht mehr sitzen kann. Wir wissen weniger von der Reitkunst, gleichzeitig haben wir Bilder im Kopf, die wir zunehmend JETZT, SOFORT und ohne den Weg zu kennen reproduzieren wollen.

Und besonders traurig: Manchmal hab ich das Gefühl, dass viele den Weg gar nicht kennen lernen wollen und sich lieber auf ein paar Erklärungen verlassen, ohne diese zu hinterfragen.

Wenn eine Übung mal nicht gelingt, wird pausenlos wiederholt. Nuno Oliveira empfahl zwar ebenso viele Wiederholungen, allerdings folgte er dabei dem Credo „Weniger ist mehr, lobe viel“! 

Das Können eines Pferdes kann durch täglich weniges, aber gezieltes Training verbessert werden.  Für Bent Branderup stehen Freude und Motivation an erster Stelle:

„Ich habe nur Freude am Reiten, wenn sich die Pferde mit mir über ihre Fähigkeiten freuen können. Deswegen versuche ich von Anfang an, das Pferd für unsere Arbeit zu interessieren, denn diese wird von jetzt an sein Lebensinhalt sein. Sie sollte niemals aus den Augen verlieren, ob Ihr Pferd Freude an der Zusammenarbeit hat“.

Wenn der Reiter keine Freude hat?

Vielleicht steckt man sich die falschen Ziele? Vielleicht will man zuviel?

Ein paar Grundsätze können die Freude wieder zurück bringen:

  1. Beharrlichkeit: Was heute nicht funktioniert, klappt vielleicht morgen. Man darf sich selbst gegenüber ebenso nicht zu ungeduldig sein!
  2. Offenheit: Vielleicht hilft der Blick über den Tellerrand, oder am besten eine Recherche in der Vergangenheit. Ich lese beispielsweise bei Problemstellungen immer wieder mal gerne bei Gustav Steinbrecht im „Gymnasium des Pferdes“ nach, wenn mir Ideen ausgehen!
  3. Geduld!
  4. Schlussmachen: Manchmal ist es am besten, aufzuhören wenn`s am schönsten ist! Gerade dann haben Reiter und Pferd wohl das Meiste gelernt!
  5. Vorbilder: Reiterliche Vorbilder prägen und schulen!

Wir reiten Dressur also für unser Pferd. Wenn`s nicht Spaß macht, dann läuft etwas schief. Die magische Lösung durch einen „geheimen Knopf“, Hilfszügel etc. gibt es NICHT. Wer hier einen leichteren Umweg gehen will, liegt schlichtweg falsch.

Bent Branderup betont, dass wir den Pferden nichts beibringen müssen. Wir können aber abrufen, was Pferde von Natur aus in sich tragen und auch mitbringen können!

Wenn wir Einfach Reiten wollen, müssen wir also in erster Linie uns selbst schulen und den Rollentausch vollziehen: Nicht wir sind die Lehrmeister, sondern unsere Pferde!  🙂

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