Die Fortsetzung hat alle Erwartungen erfüllt. Am vergangenen Wochenende beim Kurs mit Jossy Reynvoet kamen wir mit unseren Pferden so richtig ins Gespräch: Und zwar ganz still: Mit Körpersprache und ohne das Maul voll zu haben. Eine weitere Fortsetzung? Wird es aufgrund großer Begeisterung garantiert 2015 geben!

Nicht nur der Sommer gab letztes Wochenende ein Comeback in Graz – Jossy und Pascale Reynvoet kamen erneut nach Graz und brachten neben sommerlichen Temperaturen Cavesal, Cavemore und „The Moveable Core“ – das Ausbildungsprogramm von Jossy – mit nach Graz.

Jossy lässt sich zwar mittels Fragebogen über alle Praxisteilnehmer, deren Wünsche, Ziele und Anregungen vorab informieren, in der ersten Theorieeinheit fühlt er aber jedem Reiter noch einmal auf den Zahn und stellte fest, was es in diesem Kurs nicht geben würde: Einen quick win oder quick fix zur Beseitigung aller reiterlichen Probleme (Den Magischen Knopf gibt es halt leider wirklich nicht). Seiner Meinung liegt die Ursache für viele Probleme im Sattel an der Kommunikation:

„We want to explain too many things in one lesson to the horse. So it would be better to seperate the BIG explanation into small steps!“

Abgesehen davon sei nicht jedes Problem auf das Verhalten des Pferdes zurück zu führen. Viele Probleme wären leichter zu lösen, wenn man sich mit der Biomechanik des Pferdes auseinandersetze und mit der richtigen Gymnastik arbeite.

Von der Krabbelstube bis zum Gymnasium

MG_0938bcJossy hat für die Pferde ein Schulprogramm erarbeitet. Das Fohlen lernt bis zu seinem fünften Lebensjahr die Arbeit am Boden und an der Longe. Die Körpersprache wird bereits hier geschult, wenn es darum geht, dem Menschen zu folgen und auf den Körper des Menschens achtend anzuhalten lernt. Mit steigendem Alter steigen auch die Herausforderungen am Boden. Beim „Basic Riding“ käme es bereits sehr auf die Körpersprache an. Ein einfacher Test: Wie leicht lässt sich das Pferd am durchhängenden Zügel in Schritt, Trab und Galopp reiten?  So kommt dann die Arbeit in Biegung und Stellung dazu, sowie die lateralen Bewegungen, die Arbeit mit dem inneren und äußeren Hinterbein, bis hin zu Traversalen und Pirouetten. Mit Fünf Jahren sollte der Nachwuchs quasi den Longen und Groundwork Test der Akademischen Reitkunst bestehen. Zwischen 5 und 7,5 Jahren wird dann an den Anforderungen für den „Squire Test“ gearbeitet. Wenn das Pferd 10 Jahre halt ist, sollte es das „Knight-Level“ erreicht haben.

Von der Theorie zur Praxis…

9 Reiterpaare stellten sich Jossys Augen. Ich war wieder mit Tabby und Pina dabei. In der ersten Einheit arbeiteten wir mit Tabby am Boden – Stichwort Schulterkontrolle. Jossy zeigte mir deutlich, wie ich Tabbys innere und äußere Schulter noch besser mit Hilfe meines Körpers, der Gerte bzw. der Longe unter Kontrolle halten kann.

MG_9618bcJossy mahnte davor, sich ausschließlich auf das Vorschwingen des inneren Hinterbeines zu konzentrieren. Wenn die innere Schulter nach innen fällt, wird die innere Hüfte blockiert und die Biegung kann nicht mehr bis zum Schweif durchschwingen. Daher übten wir vor allem mit Tabby die innere Hüfte mehr und mehr nach vorne zu holen!

Je besser sich Tabby zwischen den Schultern führen ließ, umso besser kam sie in Balance und auch ihr breitbeiniges Auffußen sah am Ende der Einheit schon viel besser aus. Durch meine verbesserte Körpersprache konnte ich die Biegung vom ersten Halswirbel bis hin zum Schweif korrigieren. Ein großes AHA-Erlebnis, wie man das nur mit dem Körper und feinen Gertensignalen umsetzen kann!

Auch für Tabbys Körpersprache hatte Jossy jede Menge Hinweise parat. So konnte ich besser zwischen der zornigen und der unsicheren Tabby unterscheiden lernen. Da Jossy nicht mit Lob und motivierenden Worten geizte, ließ sich diese Stimmung schnell auf  Tabby übertragen und auch in die zweite Einheit gut mitnehmen. Mit Pina übte ich mich in der seitlichen Führposition und in der Handarbeit. Dafür gab es gleich wieder eine „Tanzeinheit“ mit Jossy, um meine Körpersprache für das Schulterherein noch deutlicher zu fühlen. In Schritt und Trab arbeiteten wir am Zirkel im Schulterherein und Kruppeherein, sowie in Richtung Versammlung. Der Mensch denkt, aber der Körper will nicht. Wie sehr man sich selbst manchmal im Wege steht, wurde für mich im Schulterherein auf der rechten Hand deutlich spürbar. Hier mahnte Jossy zu mehr Achtsamkeit und Bewusstseinsbildung über den eigenen Körper.

10 basic steps of gymnastic work

In der zweiten Theorieeinheit erklärte uns Jossy seine „10 basic steps of gymnastik work“:

  1. Das Pferd auf dem Zirkel führen und die innere Schulter von sich weg senden!
  2. Das Pferd wird an der Bande mit ein wenig Stellung geführt, die Kontrolle der inneren Schulter soll beibehalten werden. Das Innere Hinterbein, sowie die innere Hüfte wird nach vorne geschickt. Fällt die innere Schulter vermehrt nach innen, wird das Vorkommen der inneren Hüfte erschwert!
  3. Schulterherein entlang der Bande
  4. Wechsel zwischen Schulterherein und Geraderichten abwechselnd reiten
  5. Kruppeherein
  6. Wechsel zwischen Kruppeherein und Geraderichten abwechselnd reiten
  7. Abwechselnde Wechsel zwischen Kruppeherein – Geraderichten – Schulterherein und umgekehrt
  8. Traversale auf der Diagonalen
  9. Renvers
  10. Pirouette

Jossy zufolge ist die Schulter der Anker für Biegung und Stellung. Wir müssen daher unbedingt die äußere und die innere Schulter des Pferdes kontrollieren, um das Pferd später auch zwischen den Schultern führen zu können.

Ein weiteres Credo des belgischen Trainers, dessen Englisch im Kurs übrigens leicht zu verstehen ist:

„Use the natural gates for the horse. Wee need the natural forward of the horse“

Neben dem natürlichen Vorwärts stehen Charakter und Temperament bei Jossy ebenso im Vordergrund. Am Temperament lässt sich arbeiten, der Charakter dürfe aber nicht beeinflusst werden. In der täglichen Arbeit solle man stets „strikt, relaxed and consequent“ sein, so Jossy Reynvoet.

Das gute an vielen Problemen

Was uns Reitern an Jossy besonders gut gefallen hat? Seine positive Einstellung, gekoppelt mit ständiger Motivation für unsere Arbeit. Während einige beim Finden und Lösen von Problemen in Verzweiflung verfallen, sieht Jossy stets das Positive:

„…so we have to solve a Problem. The more difficult it is, the more possibilities you have to solve the problem“.

Kommt in der Ausbildung ein Problem auf uns zu, gibt es also möglicherweise mehrere Wege, die Sache zu lösen.

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Jossys Ausbildungsweg lässt sich als Waage darstellen, deren zwei Arme Respekt und Sympathie in ständiger Balance sein sollen.

Während man Respekt durch Kommunikation und Konzentration gewinnt, arbeitet man an Sympathie durch Verbindung mit seinem Pferd und indem man eine „Wohlfühl“-Atmosphäre für sein Pferd schafft.

 

Das Fundament der Waage nennt sich Konsequenz, Entspannung ist der Ast, auf dem die beiden Arme Sympathie und Respekt ruhen.

„Expect nothing, repeat much and reward as much as possible“
Jossy Reynvoet

Jossys Hausübung für Reiter und Zuschauer: Wir sollen insgesamt mehr auf unser Gefühl beim Reiten und beim Sein mit dem Pferd vertrauen. Auch das Gefühl für den eigenen Körper gilt es zu schulen. Denn wer selbst nicht in Balance ist, wird auch das Pferd nicht in Balance bringen können!

The Moveable Core…

Jossy kombiniert das Wissen der Alten Meister und der Akademischen Reitkunst mit dem gebisslosen Reiten. Die zwei Tools dazu: Cavesal und Cavemore sollen dabei auf dem Weg bis zur Versammlung unterstützen.Dabei teilt er sein Konzept auf dem Weg zur Reitkunst in einzelne Meilensteine:

  1. Eine IntentionMG_9630bc_fb
  2. Zwei Wege der Kommunikation: Physische Kommunikation und Optische Kommunikation.
    bei der physischen Kommunikation soll das Pferd durch die Reiterhilfen. also durch beispielsweise eine Berührung mit dem Bein bewegt werden. Bei der optischen Kommunikation geht es um die Bewegung oder durch die Haltparade durch die Körperhilfen – also die Körpersprache. So kann auch der Reiter vom Boden wie vom Sattel aus die Schultern bewegen oder den Schwerpunkt mal nach vorne, mal nach hinten verschieben.
  3. Drei Techniken:
    1. Fokus Technik (Das Pferd soll den Reiter beachten, wenn dieser rückwärts vor dem Pferd hergeht, soll es dem Reiter folgen)
    2. Führungs-Technik: Der Reiter steht nun am Boden mit seinen Schultern auf Köpfhöhe des Pferdes. Das Pferd soll auf die Körpersprache des Reiters achten, sich in Bewegung setzen, bzw. zum Halten kommen, je nachdem was der Körper des Reiters erzählt.
    3. Zirkel Technik: Der Reiter ist nun mit etwas Distanz zum Pferd nach wie vor am Boden unterwegs. Er befindet sich nun auf Höhe des Sattels. Dies ist auch die Position zum Longieren.
  4. Vier Positionen. Die ersten drei Positionen findet man bei den drei Techniken erklärt. Die vierte Position ist vom Sattel aus.
  5. Fünf Handlungen (3 plus 1 plus 1) Die ersten drei Handlungen sind vorwärts, halten und rückwärts. Diese Handlungen lassen sich aus den oben genannten Führpositionen erarbeiten. Mit plus 1 sind einerseits die Handwechsel  gemeint, um das Pferd auf jeder Hand in Richtung Durchlässigkeit und vor allem Losgelassenheit zu arbeiten.
  6. Sechs Laterale Bewegungen
    1. Geradegerichtet
    2. Inneres Hinterbein zum Schwerpunkt
    3. Äußeres Hinterbein zum Schwerpunkt
    4. Diagonale
    5. Renvers
    6. Pirouette
  7. Sieben Reiterhilfen
    1. Ganze Parade
    2. Stellung
    3. Biegung
    4. Innere Zügel
    5. Äußerer Zügel
    6. Inneres Bein
    7. Äußeres Bein
  8. Acht Übungen für das Pferd (Anti-Schrecktraining usw)
  9. Neun Übungen um das Leben mit dem Pferd leichter zu machen (Verladeübungen usw.)
  10. Zehn Übungen für den Reiter, um geschmeidig und losgelassen zu werden und sein Pferd in eine gute Form zu bringen

Do not watch your horse…

MG_1734bcMein persönliches Fazit: es gibt wieder viel Hausübung zum Spüren und Fühlen – und vor allem für die Arbeit mit dem eigenen Körper. Wieder einmal hat mich sehr erstaunt, wie fein und klar die Reaktionen meiner Pferde werden, je feiner und klarer ich mit meinem Körper reagiere. Die von Jossy entwickelten Produkte Cavesal und Cavemore sind bei mir nicht mehr aus der Ausrüstung zu streichen. Vor allem das Cavesal hat mich nun restlos überzeugt, da man sich quasi selbst Longieren kann, gleichzeitig aber auch die Schultern unter Kontrolle behält.

Eine Fortsetzung für 2015 ist daher auf jeden Fall geplant. Interessierte, die einmal gerne in Graz mitmachen wollen, sollten sich daher rasch melden. Die Reiterplätze sind erfahrungsgemäß sehr schnell vergeben!

Heuer ist Jossy noch in Deutschland und in der Schweiz unterwegs: Auf Jossys Website findet ihr alle Termine!

Sagen wir es mal mit dem Körper – dann Reiten wir Einfach 🙂

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PS: Hier gibt es mehr Infos zu Cavesal und Cavemore!

Ein riesiges Dankeschön wieder an Katharina Gerletz für den Foto-Support!

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