Rasseportrait, Teil 5 – diesmal nicht ganz typisch barock. Simone Garnreiters Herz schlägt für die Paso Finos. Da liegt es auf der Hand, Simone nach ihren Erfahrungen mit den Finos zu befragen.

Wie bist du denn auf diese Rasse gekommen und warum bis heute quasi „treu“ geblieben?

Simone Garnreiter: Diese Pferde gelten als die bequemst zu töltenden Pferde weltweit. Paso Fino heißt übersetzt „feiner Gang“. Die Gänge sind absolut erschütterungsfrei für den Reiter, der Paso Fino bewegt sich in einem leichtfüßigen Viertakt in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Die südamerikanische Gangpferderasse zeichnet sich durch enorme Wendigkeit, Feinheit, Lebendigkeit und Trittsicherheit aus. Finos sind intelligent und extrovertiert, sie sprühen vor Energie, jeder Charakter ist absolut einzigartig, extrem sensibel und reaktiv. Der Paso Fino ist sozusagen der Ferrari unter den Gangpferden. Paso Finos sind in Deutschland selten und teuer. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl einen Paso Fino zu tölten, man fühlt sich als hätte man die schnellsten Füße der Welt und bekommt eine Art Adrenalinrausch, gepaart mit Energie und Lebenslust. Was den Paso Fino ausmacht, ist seine absolute Sicherheit im Viertakt. Ein Paso Fino kann stundenlang ohne den Takt zu verlieren, durch den Wald tölten. Der größte Unterschied zu anderen töltenden Rassen ist die extrem hohe Frequenz – man nennt dieses Phänomen auch Quickness. Diese Energie zu kontrollieren ist aber sowohl für das Pferd als auch für den Reiter die größte Herausforderung an dieser speziellen Rasse. Man sagt auch der Paso Fino wurde gezüchtet, um so bequem und so spektakulär wie möglich von A nach B zu kommen. Oder wie Bent Branderup es mal treffend formuliert hat „Oh, ein Paso Fino, die kenne ich nur, wenn sie auf der Stelle durchgehen.“

Was sind die Besonderheiten dieser Rasse?

Simone Garnreiter: Das speziellste am Paso Fino ist sicher der Tölt als natürliche Hauptgangart. Der Charakter der Finos ist menschenfreundlich, intelligent und lernwillig, sie sind sehr aufmerksam und angenehm im Umgang. Ein wichtiges Zuchtziel ist diese gewisse Spritzigkeit unter dem Sattel und ein ausgeprägter Gehwille bzw. Temperament, auch „Brio“ genannt. Dieser Brio ist eine angeborene Eigenschaft und lässt sich nicht durch Ausbildung erzielen und auch nur bedingt wegtrainieren. Diese drei Hauptmerkmale, Gang und Charakter und Brio, machen die Vielseitigkeit dieser Pferde, aber eben auch die Komplexität in der Ausbildung aus.

Paso Finos sind extrem trittsicher und widerstandsfähig. Die Fähigkeit der schnellen Fußfolge gleicht Unebenheiten des Bodens in Bruchteilen von Sekunden aus, so dass es der Reiter gar nicht erst zu spüren bekommt.

Die besonderen Gangarten des Paso Fino?
Oder „Zeig mal, was für Gangverwirrungen die kleine Paso Fino Stute noch so auf Lager hat“ Zitat Bent Branderup

Simone Garnreiter: Der Paso Fino hat genetisch fixiert als Hauptgangart den Tölt, genauer genommen ist es eine Viertakt-Variante. Der Viertakt der Paso Finos kann in drei unterschiedlichen Tempi und „Versammlungsgraden“ geritten und ausgebildet werden: Paso Corto, vergleichbar mit der Geschwindigkeit im Arbeitstrab ist ein Viertakt im ruhigen gleichmäßigen Vorwärts mit mittlerem Raumgriff ohne übertriebene Aktion in den Beinen. Der Gang für Gelände und Gymnastik, der bei guter Kondition ohne Ermüdung über längere Zeitspannen geritten werden kann. Paso Largo, vergleichbar mit der Geschwindigkeit im Galopp, ist ein schneller Viertakt mit mehr Raumgriff und größerer Schrittlänge. Das Tempo variiert dabei von Pferd zu Pferd, da Taktreinheit, Rhythmus und Balance im Viertakt nie zu Gunsten der Geschwindigkeit verloren gehen sollten. Classic Fino, am besten zu beschreiben als Tölt auf der Stelle. Pferde mit dieser Fähigkeit sind sehr selten und die Show Stars schlechthin. Die höchste Versammlung zeichnet aus: viel Energie, sehr hohe Aufrichtung, ultrakurze Tritte bei rhythmischem 4-Takt mit rasant schneller Fußfolge und minimalstem Raumgriff. Classic Fino lässt sich nicht als Gangart antrainieren, das Pferd muss diese Veranlagung zur Quickness bereits von Geburt an in sich tragen. Der Paso Fino zeigt je nach Veranlagung aber auch Schritt, Trab und Galopp. Viele Pferde wählen zur Entspannung gerne auch Trocha, das ist ein trabverschobener Viertakt, d.h. das Aufsetzen der digonalen Beinpaare erfolgt schneller nacheinander als das der lateralen Beinpaare. Je nach Ausprägung der Trabverschiebung heben die diagonalen Beinpaare annähernd zeitgleich ab, sie setzen jedoch nacheinander auf. Und auch wenn mal ein bekannter Trainer zu mir gesagt hat, dass ein Paso Fino, wenn er Pass geht „nicht verwendet wird“, weiß ich, dass die extreme Mobilität und Gangveranlagung natürlich auch irgendwo eine Passveranlagung in sich trägt. Der Pass ist jedoch definitiv ein unerwünschter Taktfehler. Am liebsten bewegen sich die meisten dieser Pferde in der ihnen angeborenen Viertakt Gangart. Beim Paso Fino ist eine extreme und überzogene Aktion in Vor- oder Hinterhand nicht erwünscht. Sie werden speziell auf „Hock Action“ gezüchtet, dies lässt sich am besten als „Beugen der Sprunggelenke“ übersetzen und entspricht NICHT der Beugung der Hanken!

Warum eignet sich die Rasse für die Akademische Reitkunst?

Simone Garnreiter: Paso Finos sind nicht so typisch in der Akademischen Reitkunst zu finden, diese kann jedoch sehr bei der Ausbildung helfen, wenn auf die Besonderheiten der Paso Finos eingegangen wird, um die natürliche Gangart zu verbessern.

Das Ziel sollte sein, durch Gymnastizierung ein locker und gesund über den Rücken töltendes Pferd zu bekommen. Ich habe mit meiner Paso Fino Stute die Akademische Reitkunst für mich entdeckt und unendlich viel gelernt. Insbesondere die Arbeit am Boden ist für diese Art von Pferden eine Bereicherung und alle Mühen wert. Für Mariquitas Ausbildung gab es und gibt es nicht nur einen Schlüssel, sondern einen ganzen Schlüsselbund. Der Weg mit ihr war nicht geradlinig, es war vor, zurück, rechts, links, rauf, runter – ein ständiges Wechselbad der Gefühle für alle Beteiligten. Ein Schlüssel war beispielsweise ihr beizubringen, dass nicht eine Reaktion sondern eine Antwort auf eine gegebene Hilfe sinnvoll ist – sprich Ihre Initiative zur eigenständigen Lösung eines Problems mit viel Lob zu fördern. Und mit ganz viel Liebe, Geduld und jahrelanger Bodenarbeit ist es dann auch gelungen, korrekten Rückenschwung zu bekommen. An manchen Tagen besser, an anderen schlechter, das muss man mit diesen hochsensiblen Pferden in Kauf nehmen. Tiefer Boden oder äußere Einflüsse wie raschelnde Zuschauer, Wind oder kalter Regen über Nacht können das taktsichere Pferd von gestern in ein „ich habe 1000 Füße und kann sie alle auf einmal bewegen“-Pferd verwandeln. Es sind die Spannungszustände im Körper, über die die Gangarten entstehen, und ein wenig Grundspannung mehr, kann zur kompletten Verschiebung dieser führen. Für uns Gangpferdereiter völlig normal, das wir jeden Tag auf’s neue Gänge sortieren und trennen müssen. Umso wertvoller ist eben eine Rasse die quasi „immer töltet“.

Wir beschäftigen uns ja auch mit der Geschichte der Reitkunst, kannst du uns etwas über die Geschichte des Paso Finos erzählen?

Simone Garnreiter: Entstanden ist der Paso Fino aus den drei europäischen Rassen: Andalusier, Berber und der nicht mehr existierenden spanischen Genete. Die Vorfahren des heutigen Paso Fino wurden in der Neuen Welt (Kolumbien, Puerto Rico, Hispaniola) zunächst als Zuchtgrundlage für die Pferdewechselstationen der spanischen Konquistadoren eingesetzt. Sie trugen ihre Reiter tagelang über Gebirge, Ebenen, dichten Dschungel und ermöglichten somit den Spaniern die Eroberung Südamerikas.

Der Paso Fino war durch seine Ausdauer und Tritsicherheit, seine Menschenbezogenheit und vor allem den bequemen Gang ideal für die Bedürfnisse der damaligen Zeit. Pferde waren als Transportmittel und Arbeitstiere unabdingbar. Auch auf den großen Plantagen wurden diese Qualitäten geschätzt, weil der Paso Fino über den notwendigen „Cow Sense“ verfügt, der diese Pferde für den Einsatz bei der Rinderarbeit so wertvoll machte. Dazu kam, dass die stolzen Plantagenbesitzer mit dem Paso Fino zudem ein Pferd besaßen, das neben seinen anderen Vorzügen auch besonders edel und schön aussah und somit seinen Reiter ins rechte Licht setzte.

Die ersten Paso Finos wurden von Jean Claude Dysli in den 1970er Jahren in die Schweiz importiert. In den 80er und 90ern folgten engagierte Liebhaber dieser Rasse, die bei Wanderritten auf den unwegsamen Wegen der Anden aufmerksam auf diese außergewöhnlichen Pferde wurden und importierten weitere Paso Finos aus Kolumbien und den USA nach Europa. Die extreme Härte, Trittsicherheit, Ausdauer und Widerstandsfähigkeit gepaart mit der Bequemlichkeit beim Reiten hatte es Ihnen angetan. Heute haben wir ca. 2000 dieser Pferde in Europa, davon ca. 1300 in Deutschland. Der Paso Fino wird entsprechend seiner Veranlagung in drei verschiedenen Typen – Pleasure, Performance und Classic Fino unterteilt: Ein Paso Fino im Pleasure-Typ eignet sich als Freizeit-, Wanderreitpferd. (Nicht zu verwechseln mit dem Begriff Pleasure beim Westernreiten) Diese Pferde zeigen lockeren, taktklaren Viertakt am lockeren Zügel in entspannter, mäßig versammelter Manier. Diese Pferde zeigen Paso Corto (Arbeitstempo) und Paso Largo (verstärktes Tempo) bei wenig Aufrichtung und Aktion in den Beinen. Paso Finos im Performance -Typ sind gemacht für die Show und verfügen über viel Ausstrahlung, Temperament, Vorwärtsdrang und haben zuweilen auch ein etwas überschäumendes Temperament. Diese Pferde zeigen Paso Corto (Arbeitstempo) und Paso Largo (verstärktes Tempo) bei vermehrter Versammlung und Aufrichtung und Aktion in den Beinen. Ein Paso Fino im Classic-Fino-Typ ist eine Rarität. In den USA und Südamerika als Showstars sehr beliebt, in Deutschland gibt es nur eine Handvoll Classic Finos. Sie beweisen Ihr Können auf dem Fino Strip (ein langer Holzsteg zur akustischen Taktwahrnehmung, da man mit dem Auge die Frequenz nicht mehr wahrnehmen kann. Da nur ein geringer Prozentsatz eines Fohlenjahrgangs die natürlichen Voraussetzungen erfüllt, um später in Classic-Fino Klassen erfolgreich bestehen zu können, sind diese Pferde auch entsprechend teuer.

Die Begeisterung für die Rasse ist bei dir deutlich zu spüren. Logisch, dass man etwas gerne weitersagt oder empfiehlt, was man selbst sehr gern hat. Aber sind denn die Paso Finos Allrounder, die für jeden Reiter geeignet sind?

Simone Garnreiter: Es gibt gute und erfahrene Züchter in Deutschland, die unkomplizierte Freizeit Paso Finos (Pferde aus reinen Showlinien halte ich nicht für Freizeitreitertauglich) züchten, mit denen man sicher viel Spaß haben kann. Und ja klar profitieren diese Pferde, wie eigentlich alle Rassen, vom gymnastizierenden Effekt der Akademischen Reitkunst. Man muss sich nur bewusst sein, dass eine extreme Gangveranlagung auch eine große Herausforderung bedeutet, die viel reiterliches Feingefühl und lebenslanges Arbeiten an den Gangarten mit sich bringt! In meiner Brust schlagen zwei Herzen: das eine, das sich für diese Rasse und die Gangveranlagung immer und immer wieder begeistern kann und das andere Herz, das einen Dreigänger bevorzugt, da eben weniger Gänge auch weniger komplex sind. Ich werde wahrscheinlich immer ein Pferd zum Tölten haben wollen und auch immer gerne Tölter ausbilden, reiten und unterrichten. Das liegt daran, dass ich die Komplexität und auch die Herausforderung liebe und ich über 20 Jahre Erfahrung mit Gangpferden habe. Empfehlen würde ich diese Rasse guten Gewissens nur ambitionierten, erfahrenen Gangpferdereitern, die Spaß am Tölt haben und die die Ausdauer, das Temperament und die Vielseitigkeit dieser Pferde zu schätzen wissen. Wenn jemand neu ist in der Gangpferdethematik, ist ein Paso Fino schon eine sehr große Herausforderung. Es empfiehlt sich unbedingt auf die Erfahrung eines langjährigen Trainers zu vertrauen, der sich auf töltende Pferde und deren rassetypischen Besonderheiten spezialisiert hat, und sich dementsprechend begleiten zu lassen. Nicht alles was beim Dreigänger funktioniert lässt sich, auf den Paso Fino übertragen. Auch innerhalb der Rasse ist kein Pferd wie das andere, Gang, Interieur und Veranlagung können extrem unterschiedlich ausfallen und auch im Vergleich mit anderen Gangpferderassen ist der Fino ein Spezialfall. Gangpferd ist nicht gleich Gangpferd!

Gibt es ein Erlebnis, oder eine Geschichte, wo du sagen würdest: das war Typisch Paso Fino? 

 Simone Garnreiter: Typisch für die Rasse ist das zu viel an Energie, somit meine Erinnerung an diesen bestimmten Tag:

„Heute hatte ich zum allerersten Mal das Gefühl, dass wir etwas geschafft haben, was ein sehr weiser Ausbilder (Bent Branderup) vor ziemlich genau 7 Jahren zu mir gesagt hat. Sein Urteil damals über Mariquita lautete: „Die Energie, die die kleine Stute hat, ist ja gut (für die hohe Schule) – Sie muss nur lernen, diese Energie für und nicht gegen Dich zu verwenden“. Und heute war der Tag an dem ich unter mir gespürt habe, dass Sie Ihre Energie nur positiv eingesetzt hat und diese Energie für uns beide war, um gemeinsam Eins zu sein. WOW. Es hat sich so etwas von gelohnt für dieses eine kleine große Gefühl, das ich heute haben durfte.“

Steckbrief

Farben: alle Farben
Größe: 139 – 155 cm
Exterieur: Das Aussehen des Paso Finos erinnert oftmals an seine iberischen Urahnen, nur im Kleinformat: Das Pferd hat einen mittelgroßen Kopf mit geradem Profil, einen hoch aufgerichteten, geschwungenen Hals, und die Schulter ist gut geschrägt. Der Rücken ist kräftig und tragfähig, die Kruppe ist sehr muskulös und rund. Die Beine sind feingliedrig, dabei stark und stabil, die Hufe sind klein und hart. Er hat idealerweise einen korrekten Körperbau mit eher feinem, trockenem Fundament, kleinen harten Hufen und stabilen, kurzen Fesseln. Der sehr harmonische Körperbau, sowie die enorm hohe Knochendichte machen ihn zu einem äußerst belastbaren, langlebigen und gesundem Pferd, jedoch sind die Pferde auf Grund Ihrer Größe keine Gewichtsträger.

Vielen Dank an Simone Garnreiter für dieses spannende Interview

Fotocredit: Christiane Slawik

Auf dem Bild: Simone Garnreiter auf Mariquita del Gavilan im traditionell rassetypischen Outfit

Wer mehr über die Paso Finos erfahren möchte, oder auch Mariquita del Gavilan live mit Simone erleben möchte – hier ein Link zu einer spannenden Veranstaltung.

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