Esel, Maximus oder Timon?

Kursbericht

Christofer Dahlgren

Graz, 25./26. März 2017

Schule ist der Ernst des Lebens. Studieren bedeutet Disziplin, Ordnung und Konsequenz. Ja aber…da gibt es noch Christofer Dahlgren, der gar nicht still sitzen kann. Und auch nicht will. Wie es der sympathische Trainer zum Meister der Akademischen Reitkunst brachte und gleichzeitig vierbeinige und zweibeinige Schüler mit Fun-Faktor unterrichtet. Das gab es kürzlich in Graz zu sehen.

Worin bist du gut?

Wenn man Christofer Dahlgren nach seinen Stärken befragt, dann gibt er ohne mit der Wimper zu zucken an: „Ich bin gut darin, meine vierbeinigen Schüler einzuschätzen und das Training an die Persönlichkeit des Pferdes anzupassen“. Wie er das gelernt hat? Durch jahrelanges Reiten von Berittpferden. Allerdings wurden diese ihm nicht geschniegelt und gestriegelt vor die Nase gestellt – nein Christofer holte sich die Pferde – und das waren schon mal 15 pro Tag selbst von der Weide und beobachtete sie im Verhalten beim Wegführen von der Herde, im Stall, beim Satteln und beim Reiten.
Der schwedische Meister der Akademischen Reitkunst hat sich auf die Entwicklung eines maßgeschneiderten Trainingsplans spezialisiert. Wie er Pferde und Menschen hier analyisert hat er in der Theorie grob umrissen – mit Hilfe der Disney Figuren stellte er uns den „Esel“ aus Shrek, den schnellen „Timon“ aus König der Löwen, den „sicheren“ „Maximus“ aus Rapunzel und das nette Pferd aus „Die Schöne und das Biest vor“.

Kursfotos von Katharina Gerletz

Der Esel

Der Esel ist sehr verspielt und „happy“. Er kann auch für andere Pferde recht anstregend sein, denn er beißt gerne in andere Decken und erkundet auch mal gerne Halfter der anderen Pferde mit seinem Maul. Er ist einfach wahnsinnig neugierig. Wenn er sich erschreckt, dann nur ein bisschen – er sagt sofort: „Oh das war gefährlich, nun werde ich es beißen und mit meinem Maul erkunden“. Er wird also beißen, ungewohnte Gegenstände mit dem Huf erkunden, er will sich alles sehr genau anschauen. Wenn man ihn in den Stall bringt, dann wird er die Box ebenso neugierig erkunden. Keine anderen Pferde im Stall? Macht nichts, auch ohne Gesellschaft kann sich der Esel gut beschäftigen. Bis der Mensch kommt. Der wird dann laut begrüßt, schließlich ist er schon in den Startlöchern, etwas mit seinem Menschen gemeinsam zu unternehmen. Putzen, satteln, alles kein Problem. Der Esel ist sehr kommunikativ, Lob wird mit einem selbstsicheren Wiehern kommentiert, nach dem Motto: Ich weiß, ich bin sehr großartig. Beim Ausritt ist das Pferd voller Energie und möglicherweise macht er auch ein paar Bocksprünge. Egal ob eine halbe Stunde Arbeit oder ein drei Stunden langer Ausritt. Wenn du den Esel zurück in die Koppel bringst, wird er sich umdrehen und fragen: Was sind wir schon fertig? Wir haben doch gerade erst angefangen, Zeit miteinander zu verbringen. Die Arbeit mit ihm ist leicht, denn durch seine Verspieltheit möchte der Esel gerne mit dem Reiter zusammen arbeiten.  Der Esel ist sehr selbstsicher und extrovertiert.

Maximus

Maximus ist auf der Koppel mit Fressen beschäftigt. Andere Pferde werden akzeptiert, aber wehe sie geraten an sein Futter. Wenn man seinen Maximus von der Koppel abholt, dann kommt er nicht sofort. Halftern lässt er sich ohne Probleme, aber am Wegrand zurück zum Stall bleibt er gerne stehen und….frisst. Er fühlt sich recht sicher, er ist selbstsicher, aber introvertiert. Im Stall frisst er wieder, oder schläft. Maximus ist nicht super gestresst, zu viel Bewegung muss in seinen Augen nicht sein. Beim Satteln und putzen steht er still. Beim Ausreiten ist er recht sicher, ruhig und langsam. Er lässt sich von unbekannten Objekten nicht sehr beeindrucken. Zweige von Büschen im Weg – die werden einfach niedergewalzt. Viel Bewegung kommt auch nicht auf, wenn man ihn zurück auf die Koppel bringt. Auf zu den ersten Grashalmen, dort bleibt er in Ruhe stehen. Im Grunde ist Maximus sehr selbstsicher aber eben etwas introvertierter als der Esel.

Timon

Timon als Pferd? Das wäre wohl ein sehr aktives Pferd, das sich liebend gerne bewegt. Oft sind sie nicht sehr interessiert am Fressen, sie nehmen viel lieber ihre Umgebung und ihre Kumpel wahr. Wenn der Mensch Timon von der Koppel abholt, dann geht er lieber nicht mit. Nicht, weil er seinen Menschen nicht mag, sondern weil er die Veränderung nicht so schätzt. Es kann also sein, dass Timon sogar vor seinem Menschen davon läuft. Seine Strategie zur Lösung von Problemen lautet also: Ich gehe mal lieber woanders hin. Schreiend und plärrend führt man ihn also von der Herde weg. In der Box wiederholt sich das Spiel. Er wird nach den anderen rufen. Ein rohes Pferd kann dann schon den Menschen umrennen, um wieder zurück zu seiner Herde zu kommen, zu der es eine sehr starke Bindung hat. Beim Putzen und Satteln steht er nicht so gerne still. Equipement könnte ja auch spooky sein. Bewegung hilft Timon aber in einen aufnahmebereiten Zustand zu kommen, um zu lernen. Beim Ausreiten sind sie flott unterwegs. Sie schauen sich alles gerne an und springen bei Gefahr auch mal gerne rasch zur Seite. Als Reiter muss man immer auf alles gefasst sein. Zurück zur Koppel: Timon rast zurück zur Herde. Er ist unsicher und bleibt dabei aber eher extrovertiert.

Welche Ambitionen hast du und welcher Charakter passt am besten zu dir?

Die Herzblattshow

So liebe Barbara, jetzt musst du dich entscheiden. Welche Ambitionen hast du und welcher Charakter passt am besten zu dir? Du liebst lange Ausritte und die Geschwindigkeit, dann wähle Timon, denn er ist wie du ein Adrenalin-Junkie. Du liegst lieber gemütlich auf der Couch und hältst wenig von Bewegung, suchst aber einen Partner mit hoher Toleranzgrenze? Dann entscheide dich für Maximus. Er passt auch gerne auf deine Kinder auf (Reitschule!!!), aber übertreibe es nicht mit seiner Gutmütigkeit. Du stehst auf Wiederholungen und feilst gerne am Detail? Dann nimm den „Liebevollen“, gemeinsam meistert ihr viele Aufgaben in der Dressur. Und wenn du ständig etwas Neues, etwas zum Spielen und Schokolade brauchst – dann nimm Esel. Er spielt anderen auch gerne Streiche, also stell sicher, dass du ein großes Herz für Humor hast. Nun liebe Barbara, jetzt musst du dich entscheiden…..

 

Das maßgeschneiderte Training

Welche und wie viele Übungen für welches Pferd? In seinem Vortrag geht Christofer von drei Übungen bzw. Aufgaben aus, die wir den Pferden stellen möchten.

… für den Esel

Esel möchte gerne viele Variationen. Schulterherein und das mit fünf Wiederholungen? ZU langweilig – nach zwei Wiederholungen sagt der Esel: Ich habe doch schon zweimal alles gut gemacht, jetzt will ich nicht mehr. Bei drei Übungen langweilt sich unser Eselchen rasch, also nehmen wir noch drei weitere Aufgaben in unsere Übungsfolgen mit. Und: Viele Variationen und viel Abwechslung – so bleibt das Pony, äh der Esel motiviert. Sobald das Pferd verstanden hat und alles richtig macht – Übung wechseln. Mit diesem Pferd darf man nicht zu kritisch sein, es muss außerdem gut bezahlt werden. Die Arbeit muss sich nach dem Leistungsprinzip auch unbedingt lohnen – sonst geht der Esel zur Gewerkschaft und tritt in Streik.

… für Maximus

Seine Belohnung? Still stehen, natürlich. Er liebt es, den anderen Pferden zuzuschauen, die sich bewegen müssen. Seine Aufgabe und die Herausforderung für seinen Trainer: Mach ihn für die Bewegung verantwortlich. Statt drei Übungen reichen zwei, dafür aber reichlich konstruktive Kritik. Wenn du Schritt reiten willst, dann willst du es als Reiter JETZT und nicht morgen. Ständig jeden Schritt rauszutreiben, macht die Sache nicht besser. Hier arbeitete Christofer auch in der Praxis mit den Teilnehmern. Lieber einmal konsequent nach Vorwärts fragen, dafür aber häufiger zum Loben kommen mit einer Pause. So konnte man unsere „Maximusse“ motivieren. Und wir hatten erstaunlich viele „Maximusse“ beim Kurs dabei.

… für Timon

Wenn er sich bewegen kann, dann ist alles in Butter. Für diese Pferde ist die sofortige Arbeit im Stand erstmal ein Desaster und großer Stress. Sein Schlüssel zur Motivation ist und bleibt Bewegung. Mit zunehmender Ausbildung und Verständnis der Hilfengebung kann man freilich die Arbeit im Stand dann auch erweitern. Hier unterschiedet Christofer aber zwischen Bewegung erlauben und das Pferd zu jagen. Oft würde man im Horsemanship auch Bilder sehen, wo die Pferde Runde um Runde laufen müssten. Das wäre dann die falsch verstandene Motivation. Drei Übungen reichen für Timon – aber diese bitte in Bewegung.

… für Kind, oder Liebevoll

Wiederholung ist der Schlüssel zum Erfolg und zur Motivation. Hier beschreibt Christofer seinen Weg mit Saxo. Dieser habe sich gerne wie eine Schildkröte verhalten. Ein paar Schritte vorwärts – und sofort den Kopf wieder in seinen Panzer gesteckt. Die Aufgabe: Ein Zirkel auf der linken Hand. Bald schon kommt der Kopf dauerhaft aus dem Panzer, das Pferd wird stolz. Handwechsel: Der Kopf schnellt zurück in den Panzer, obwohl die Aufgabe gleich geblieben ist. Diesen Pferden müsse man durch viel Ruhe und Wiederholung beibringen, dass es sich lohnt, sich nicht ständig in seine Blase zurück zu ziehen. Vorsicht, wenn man gar nichts verlangt, dann wird die „Blase“ oder der Panzer durch nicht vorhandene Reize immer größer und der kleinste Funke reicht, um das Faß zum Explodieren zu bringen. Selbst wenn die Pferde ruhig scheinen, sie sind es nicht immer. Ruhe und Konsequenz – und statt drei Übungen reicht für den Anfang eine Übung, dafür aber viele Wiederholungen. So wird das Pony glücklich.

Kursfotos von Katharina Gerletz

Fails and Errors

Unsicher, ob du mit den Pferdetypen einen Fehler begangen hast? Unsicher, ob du die Bedürfnisse deines Pferdes nicht verstanden hast?  Nun, folgende Reaktionen können darüber Aufschluss geben

Esel: Der Esel wird statt „happy“ zu „naughty“. Er wird nichts mehr zärtlich mit dem Maul erkunden, sondern bissig und buckelig.

Maximus: Er bleibt nun ganz stehen und verweigert sich. Im worst case kann es auch sein, dass er sich losreist und auf Nimmerwiedersehen verschwindet (meist geht er dann essen).

Timon: Er überrennt dich und haut ab. Das passiert vor allem dann, wenn du unzählige Zeichen ignoriert hast, dass er sich so gerne bewegen möchte.

Unser liebevolles Pferd wird explodieren. Du hast übersehen, dass das Pferd eben NICHT ruhig war, sondern super angespannt. Du musst den Unterschied zwischen Entspannung und Hochexplosiv erkennen.

Gibt es nur vier Persönlichkeiten?

Nein, Christofer möchte auch keine Pferde in Schubladen stecken. Er hat uns nur vier Extreme gezeigt, wie ein Pferd sein „kann“ – aber dies ist ja auch unsere Arbeit – das Pferd immer mehr durch physische und mentale Herangehensweise in seine „Mitte“ zu bringen.

Kursfotos von Katharina Gerletz

Und der Mensch?

Auch wir haben diese vier Extremen in uns – und wir sind auch Lernende, das sollten wir beim Pferdetraining nicht vergessen.

Es gibt selbstsicherere und unsichere Leute.

Der Mensch als Esel: Liebt Herausforderungen und Challenges. Oft sind diese Menschen in ihrem Beruf selbstständig, sie kommen gut aus sich heraus. In einer Menschenmenge sind sie glücklich und hören sich selbst gerne sprechen. Sie stehen gerne im Mittelpunkt und übernehmen in Verhandlungen gerne die Führung. Der Esel als Reitschüler lernt am besten im „Tun“ und mit vielen Aufgaben und Übungsfolgen.

So ähnlich geht es „Timon“ als zweibeiniger Reitschüler. Mit viel Theorie und Vorträgen kann er nicht viel anfangen. Er muss es „tun“ und sich bewegen können.

Maximus ist gerne im Berufsleben sowas wie Polizist. Bei der Interaktion in Gruppen können sie gut zuhören und warten mal ab, was andere zu sagen haben. Dann treffen sie eine Entscheidung – nach dem Motto: gesagt, getan! Konstruktive Kritik vertragen sie sehr gut und kommen mit wenigen Übungen sehr gut zurecht, die sie unbedingt verbessern wollen.

Introvertiere und unsichere Typen brauchen viel Ruhe. Achtung mit den Wiederholungen. Wenn man ihnen eine Hausübung gibt, dann wiederholen sie diese, bis es „sitzt“. Vergessen aber gerne, dass es beispielsweise neben Schulterherein ja auch das Kruppeherein gegeben hätte, was man noch verbessern könnte.

Zum Abschluss seines Vortrages erinnerte uns Christofer aber an die wichtigste Sache, im Zusammensein mit dem Pferd:

Have fun with your Pony!!!!

Und das hatten wir dann in der Praxis in der Tat.

Unsere Maximusse wurden zur Bewegung animiert und fanden plötzlich für wenige Aufgaben viel Lob. Waren unsere Pferde entspannt, dann gingen wir weiter zur Versammlung. War das Pferd dabei in einer „runden“ Formgebung? Wenn nein, dann haben wir wieder an Dehnungshaltung und Entspannung gearbeitet, bei gleichbleibendem Schwung und Takt. Keine Leichtigkeit vorhanden, dann haben wir wieder an Balance gearbeitet.

Christofer hielt die Dinge für uns so leicht wie möglich, somit blieben wir im Fokus von Versammlung, Balance, Leichtigkeit und Formgebung und bekamen durch diesen konstruktiven Input extrem viel „Output“ von unseren Pferden – mit viel Spaß auf beiden Seiten.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen mit Christofer im Oktober 2018 🙂

Der nächste Kurs steht allerdings schon vor der Türe – nachdem wir uns mit dem maßgeschneiderten, mentalen Programm beschäftigt haben, wird uns Bent Branderup das maßgeschneiderte physiologische Programm für jeden Pferdekörper im Juli präsentieren.

Mehr Infos zum Kurs mit Bent Branderup und weiteren Kursen im heurigen Jahr bekommt ihr unter folgendem Links:

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