Vergangenes Wochenende war es soweit – ich habe in Graz den ersten Kurs mit dem lizensierten Branderup Trainer Jossy Reynvoet organisiert. Kursschwerpunkte waren Körpersprache, Horsemanship und Akademische (gebisslose) Reitkunst Hand in Hand.

Samstagfrüh, erste Theorieeinheit:

Jossy, der sich bereits sein ganzes Leben lang mit Pferden beschäftigt und die „Akademische Reitkunst“ als „Missing Link“ in seinem reiterlichen Werdegang bezeichnete, ging beim Thema „Kommunikation“ gleich in Medias Res.

Körpersprache vom Boden aus beigebracht bezeichnete Jossy als „Kindergarten“ in der Pferdeausbildung. So könne man Schritt für Schritt, sowohl Basiskommunikation, wie auch später die reiterlichen Hilfen vom Boden aus trainieren.

„Es ist dabei für ein Pferd nicht leicht, mit dem Menschen  umzugehen“. Jossy Reynvoet.

Jossys „Täglich Brot“ im Training: Schulterherein und Dehnungshaltung!

Und das wichtigste: Zurück zum Gefühl! Hier bemängelte der sympathische Belgier, dass man oftmals viel zu viel mit dem Kopf reite und nicht mehr mit dem Bauch. Dabei sagt die Intuition dem Reiter, was zu tun ist. „Wir wollen immer was zu tun haben, was in der Hand haben, aber sind wir dann eigentlich wirklich mit dem Bauch beim Pferd?“ fragte Jossy ins Publikum.

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Jossy erkärt mir das Prinzip des „Führen lassens“

Die Akademische Reitkunst beschreibt Jossy als ein System feiner Hilfen, für die man aber gerade viel Gefühl brauchte. Jede Hilfe sollte hier auch erfühlt werden. Was das genau für Jossy bedeutet, sollte ich in der Praxiseinheit noch sehr intensiv erfahren! Jossy nahm sich in der Theorieeinheit auch viel Zeit für die Reiter, die ihre Ziele, Probleme und Wünsche schilderten.

Mit etwas Verspätung, ging es zur Praxis, wobei ich auch hier als Organisatorin leider immer gezwungen war auf die Uhr zu schauen – schließlich nahm sich Jossy für jeden Reiter ausgiebig Zeit.  Jossy nahm auch hier bezüglich des Zeitmanagements sein eigenes Credo sehr ernst:

„Man kann Pferde nicht gestern oder morgen trainieren, sondern nur im Jetzt! Aber frage dich dabei: Ist es für morgen noch Okay, was ich im Heute tu?“

Sieben Reiterpaare nahmen an den Praxiseinheiten teil, ich selbst war mit Pina und Tabby dabei.

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Handwork von außen geführt

In der ersten Einheit mit Tabby haben wir „Handwork“ von außen geführt geübt. Das klappte soweit ganz gut, hier bekam ich viele Tipps, wie ich noch besser vor allem durch die Gertenhilfen den inneren Schenkel simulieren kann. Bei der Schulparade bekamen wir ebenso viele Inputs, um hier auch durch Körpersprache Tabby noch besser erkären zu können, dass wir eine Verlagerung des Schwerpunkts erarbeiten möchten.

Mit Pina war mein Kursthema fortgeschrittenes Longieren. In der ersten Einheit lernte ich durch Körpersprache das innere Hinterbein noch besser zum Scherpunkt zu bringen. Eigentlich ganz einfach: In der Akademischen Reitkunst lautet die Regel für den Reitersitz: Schulter parallel zu Schulter, Hüfte parallel zu Hüfte. Und gleiches gilt quasi auch am Boden. Ich war sehr begeistert, wie rasch Pina auf alle Signale reagierte und vor allem wie wenig eigentlich notwendig war, um ihr inneres Hinterbein noch aktiver zu bekommen. Manchmal genügt es wirklich zu flüstern, man muss nicht immer – ich sag`s mal auf steirisch: plärren. 🙂

Zweite Theorieeinheit: Haben Sie sich schon im Kino über ihren Sitznachbar geärgert?

Wer ein Pferd trainiert muss mit drei Dingen rechnen: Nämlich mit dem Pferd, der Umgebung und dem Menschen. Jossy brachte hier in Punkto „Umgebung“ ein lustiges Beispiel aus dem menschlichen Alltag. Wer im Kino einen Sitznachbarn hatte, der sich ständig ins Gesicht fasst, mal kratzt, was isst, in der Nase bohrt  – kann man ihn deuten? Ist man genervt? Ist man vom Film abgelenkt? Das erste und wichtigste Element der Arbeit mit dem Pferd generell heißt also:

Das Pferd muss den Reiter sehen!

Der Reiter aber natürlich auch sein Pferd. Hier gilt es zu fragen: Habe ich ein Pferd, dass sich sehr gern bewegt, oder ein Pferd, dass sich lieber im Stehen formen lässt. Wer sein Training danach ausrichtet, hat ein Pferd, das gerne bei uns sein will und mit uns arbeiten beginnt.

Jossys Trainingsstruktur lässt sich in sechs Teile aufsplitten:

  1. Zonen am Pferdekörper
  2. Handlungen
  3. Positionen (vor, hinter, neben, auf dem Pferd)
  4. Techniken, um Körpersprache zu entwickeln
  5. Wege zur Kommunikation
  6. Ziel

An sechs Zonen am Pferdekörper kann der Reiter nun Einfluss nehmen:

Kommunikation am:

  1. Kopf
  2. Genick
  3. Schultern und Vorderbeine
  4. Rücken
  5. Hinterbeine
  6. Schweif

Die Beweglichkeit zwischen den Schultern, sowie das korrekte Schulterherein bringen das Pferd immer mehr ins Gleichgewicht, Geraderichtung und Versammlung, die Hinterbeine bezeichnete Jossy als „Korrekturzone“, der Schweif ist eine „Infozone“, die über Durchlässigkeit, Gelassenheit und Komfort des Pferdes Aufschluss gibt.

Vertraust du mir blind?

In meiner zweiten Longeneinheit mit Pina wurden mir gleich mal die Augen verbunden. Ich sollte nicht aufs Pferd schauen, sondern spüren und fühlen. Zu meiner großen Überraschung konnten wir wirklich einen wunderbaren Zirkel in Stellung und Biegung longieren. Ich konnte tatsächlich auf die Hinterbeine einwirken – ja was soll ich sagen – ich war sehr ergriffen vom Vertrauen meines Pferdes, von der Kommunikation aus dem Bauch heraus, die tatsächlich möglich wird. Ich hätte nie zuvor daran gedacht, dass es für mich möglich ist, komplett auf das Gefühl zu vertrauen, ohne hinzusehen zu spüren, wo ein Hinterbein ausfällt, ob ich verwahrend einwirke oder treibend. Ich kann diese Erfahrung wirklich nur jedem empfehlen, der dies in einer sicheren Umgebung mit Hilfe ausprobieren kann!

Ohne Augenbinde haben wir dann weiter an der Hilfengebung des Schulterherein und Kruppeherein bei der Bodenarbeit gefeilt. Ich war sehr am sortieren meiner Beine und auch hier sehr erstaunt, wie gut dies alles durch Körpersprache klappte.

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Erster Testritt mit Jossys Cavemore

Mit Tabby haben wir in der zweiten Einheit Jossys Cavemore ausprobiert. Hier bekam ich viele Tipps fürs Einhändige Reiten mit dem Cavemore – nämlich auch für die Zügelführung in der rechten (!!!) Hand. Da Tabby ja mit breitbeinigem Hüftschwung ausgestattet ist, half mir hier die Korrektur durch Gerte, Sitz und Schenkel, sowie die Zügelführung mit permanent freier innerer Hand sehr, ihre Hinterbeine gut zum Schwerpunkt zu bringen, da auch hier mein Sitz eindeutiger bleiben konnte!

Sei kein Tourist – sei ein Entdecker

Am Sonntag gab es in der dritten Theorieeinheit viel Feedback von den Reitern für Jossy. Alle Einheiten wurden noch einmal genau besprochen. Jossy fand hier für jeden erneut ein offenes Ohr. In seinem Vortrag teilte Jossy seine Erfahrungen über die positiven Eigenschaften der gebisslosen Reitkunst. Er forderte die Teilnehmer auf, reiterlich kein Pauschaltourist zu sein, sondern selbst zum Entdecker zu werden!

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In den letzten Praxiseinheiten nahm ich mir das auch sehr zu Herzen – einmal mehr konnte ich bei Pina feststellen, wenn ich bei der Bodenarbeit in meinem Körper den Schwerpunkt finde, dann findet ihn auch Pinchen viel besser. Tabby bekam ihr eigenes Cavemore und ich viele Tipps für meine Körpersprache am Pferd für die Schulparade.

Für mich ging dieser Kurs viel zu schnell zu Ende.

Ich könnte noch Stunden darüber erzählen 🙂

Und: Aufgrund der großen Nachfrage wird eine rasche Fortsetzung in Graz organisiert!

Vielen Dank an Katharina Gerletz für die tollen Fotos!

Weitere Bilder gibt`s auch auf Facebook!

 

In diesem Sinne  – Spüren wir EINFACH 🙂

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