Fairness für Pferde – Der Weg ist das Ziel!
Kursbericht

Fair zum Pferd 2017

Lüdinghausen, 26. bis 28. Mai 2017
Der Geist der alten Meister wie Grisone, Pluvinel , Gueriniere und Co war an diesem Wochenende ganz bestimmt anwesend, als Marius Schneider, Meister der Akademischen Reitkunst zum Seminar „Fairness für Pferde“ auf sein Gestüt Moorhof, Deutsches Zentrum für akademische Reitkunst nach Lüdinghausen im Münsterland einlud. Stefanie Niggemeier fasst für uns zusammen:

Wer war mit dabei?

Über 400 Zuschauer folgten seiner Einladung um nicht nur seine Arbeit mit dem Pferd, sondern erstmalig in dieser Kombination auch die Arbeit der extra mit ihren Pferden angereisten Meister der Akademischen Reitkunst, Sabine Oettel und Christopher Dahlgren erleben und genießen zu können. Großmeister und Gründer der Akademischen Reitkunst, Bent Branderup, unterstützte das Seminar durch informative und erhebende Vorträge rund um das Thema Reitkunst.

Rund wurde das Seminar nicht nur durch die Teilnahme von Rebecca Dahlgren, die einen Einblick in ihre Arbeit mit ihrem Pferd zum Thema Liberty, Trick Training und Riding gab, sondern auch durch die Teilnahme der Familie Krischke von der Hofreitschule Bückeburg, die mit dreien ihrer Pferde angereist waren, um das Seminar zu bereichern.

Kursfotos von Marius Schneider

Öffentliche Abendarbeit

Am Freitag begann das perfekt organisierte Event mit einer öffentlichen Abendarbeit, bei der die Trainer ihre Pferde ein wenig an die Halle gewöhnten. Bent Branderup ließ es sich währenddessen nicht nehmen, dem Publikum Hintergrundwissen zu vermitteln, so dass nicht nur erste wunderschöne Schaubilder von Pferd und Mensch entstanden, sondern auch Wissenswertes erfahren werden konnte.

Christofer und Rebecca Dahlgren

Bei sommerlichem Wetter konnte dann am Samstag das Event so richtig losgehen: angefangen mit einem Vortrag zur Lernpsychologie des Pferdes durch Bent Branderup stand der Samstag hauptsächlich unter dem Thema „Kommunikation mit dem Partner Pferd“. So zeigten alle Teilnehmer mit ihren Pferden, wie sie in einen Dialog kommen. Ganz unterschiedlich waren hier die Techniken, wie zB. Reitkunst, Libertyarbeit, Langzügel oder Longenarbeit, Ausrüstungsgegenstände und Zäumungen. Die Fragestellung an das Pferd :

„Was brauchst Du, um mich verstehen zu können? Wie kommen wir zusammen?“, war der rote Faden, der sich durch die Arbeit aller Ausbilder zog.

Besonderen Fokus legten alle darauf, das Wohl des Pferdes im Auge zu haben und immer wieder zu reflektieren. „Auch dann, wenn das Pferd mit abgesenktem Hals still steht, muss es nicht zwangsläufig entspannt sein“, erklärt die extra aus Schweden angereiste Rebecca Dahlgren, die die ersten Schritte der Freiarbeit mit ihrem Connemara Eamonn für das interessierte Publikum erklärt.

„Mimik und Ohrenspiel geben uns Auskunft über die Gemütsverfassung des Pferdes und wir müssen das Pferd genau anschauen und beobachten, damit wir mit ihm und nicht gegen das Pferd arbeiten“, betont sie.

Das Hinsehen ist auch ihrem Mann Christopher Dahlgren besonders wichtig: „Nur dann, wenn ich weiß, mit wem ich es zu tun habe, weiß ich auch, wie ich das Individuum ansprechen und lehren kann. Pferde können ganz verschiedene Temperamente haben und sich in der Arbeit ganz unterschiedliche Komfortzonen haben. Ein introvertiertes Pferd entspannt sich vielleicht lieber beim Stillstehen und fühlt sich so sicher. Ein extrovertiertes Pferd braucht die Bewegung, um in seinem Element zu sein. Man muss auf die individuelle Natur des Pferdes Rücksicht nehmen und auf sie eingehen, ansonsten bildet man das Pferd gegen seine Natur aus, was niemals geschehen darf“, erklärt er mit Engagement.

Dass das keineswegs eine todernste Sache sein muss, sieht man in beider Arbeit mit ihren Pferden. Ihre Begeisterung und Liebe für das, was sie tun, reisst das Publikum schnell mit.

 

Sabine Oettel

Sabine Oettel, mit ihrem Knabstrupper Theodor und ihrem Fredericksborger Jarl aus Wendelmuth in Bayern, hat den Fokus auf der Überprüfung ihrer Arbeit in der Anwendbarkeit.

„Ein Pferd, das in der hohen Schule ausgebildet ist, sollte auch immer ein gutes Gebrauchspferd sein“, so Sabine Oettel.

Die Erarbeitung von Hilfen, das Geben und Empfangen von Informationen zwischen Pferd und Mensch ist elementar in ihrer Arbeit mit dem Pferd und bildet die Basis für ein gutes Vertrauensverhältnis. Dazu kann es gehören, auch mal zu experimentieren:

„Jarl hat sich mit dem Thema Zäumung immer sehr schwer getan. Es hat Jahre gebraucht, bis wir das Richtige gefunden hatten und er sich nun wohlfühlen kann mit der Zäumung auf Cavesal. Ich musste immer wieder meine Ideen loslassen, weil er sich nicht komfortabel gefühlt hat. Seine Antworten zu diesem, wie auch jedem anderen Thema sind für mich extrem wichtig, nur so können wir als Team funktionieren.“

 

So kann dann ein Pferd-Mensch Team Großes erreichen:

Sabine und Jarl zeigen in verschiedenen Techniken wie Langzügel und Damensattel nicht nur Lektionen der hohen Schule wie einen kraftvollen Mezair und sogar einen Schulsprung, die Croupade, eine der Schulen über der Erde.

Xenophon

 „ Das Pferd soll sich stolz und schön fühlen, wie es sich in den Augen anderer Pferde stolz und schön fühlen würde.“ 

Präsentation Marius Schneider

Gastgeber Marius Schneider führt mit Rassemix Aramis ein Crossover an verschiedenen Techniken von Longen-, Boden-und Handarbeit vor.

Deutlich wird hier:

Bodenarbeit hat keinen Selbstzweck, sondern soll das tun, was schon Xenophon vor 2400 Jahren in Worte fasst:

„Das Pferd soll sich stolz und schön fühlen, wie es sich in den Augen anderer Pferde stolz und schön fühlen würde.“

Marius Schneider erklärt während seiner Arbeit, warum er seine Führposition verändert, wie er Sekundarhilfen wie Zügel-, Hand und Gerte nutzt, um sich dem Pferd verständlich zu machen und wie er dem Pferd so helfen kann, zu mehr Balance und Fähigkeit zu gelangen.

„Seht man wie wunderschön das Pferd während der Schulparade an der Longe aussieht. Genau dafür ist unserer Arbeit da“, begeistert sich Bent Branderup.

Auch die Arbeit mit dem jungen Pferd an der Longe und unter dem Sattel ist ein Thema, welchem Marius Schneider an diesem Wochenende mit dem erst fünfjährigen Knabstrupper Tizian Zeit widmet. Das Publikum kann sehen, wie ein vom Boden geschultes Pferd ganz selbstverständlich Hilfenveständnis und Balancegefühl in die Arbeit unter dem Sattel transportieren und für sich nutzen kann.

„Alles muss immer für das Pferd logisch sein, ein Baustein auf den anderen aufbauen. Dann wird das Pferd vor Aufgaben gestellt, die es mit Leichtigkeit lösen kann und man hat mehr und mehr Momente der Harmonie“, kommentiert Bent Branderup die Reitvorführung von Marius und Tizian, die vom Boden von Carina Dörfler unterstützt werden. 

 

Hofreitschule Bückeburg

Christin, Diana und Wolfgang Krischke von der Hofreitschule Bückeburg haben den Fokus ihrer Arbeit vor allem auf der Motivation des Pferdes.  

„Wir suchen nicht nach Perfektion, sondern Motivation“, erklärt Christin Krischke.

„Das Pferd darf nicht das Gefühl haben, ein Leben lang die Schulbank drücken zu müssen“, ergänzt Wolfgang Krischke.

Es ist ganz wichtig für die Motivation des Pferdes, das Können und die Möglichkeiten des eigenen Körpers auch mal in Aktion umzusetzen.

Neben Theorievorträgen zu verschiedenen Themen rund um die Reitkunst hatte das Team aus Bückeburg als Abschluss des Seminars am Sonntag Requisiten des Waffengartens aufgebaut. Ziel dabei:  die Reiter sollten mit Hilfe der angewandten Reitkunst eine konkrete, gemeinsame Zielsetzung für Pferd und Reiter suchen und natürlcih durften Spaß und Zufriedenheit nicht zu kurz kommen.

Unter begleitender theoretischer Hilfe von Wolfgang Krischke über Tradition und Bedeutung des Waffengartens zeigten Diana Krischke mit dem spanischen Wallach Bonmot im Damensattel, Christin Krischke mit dem ebenfalls 25jährigen Berberhengst Raisulih und Wolfgang Krischke mit dem erstmalig in dieser Disziplin gearbeiteten Lusitano Clarim kraftvoll und mit Feuer wie so etwas dann in der Praxis aussehen kann. Auch Sabine Oettel mit Jarl, ebenfalls im Damensattel und Christopher Dahlgren mit seinem Ikaros nahmen an diesem traditionell höfischen Reiterspiel mit Begeisterung teil.

… Resümee

„Fairness für Pferde- der Weg ist das Ziel! Doch welche Wege kann man gehen?“

Das war der Titel des Seminars am letzten Wochenende. Gerade das Plädoyer für Individualität und Toleranz war wohl der Spirit des gesamten Wochenendes.

„Ein jeder soll nach seiner Fasson seelig werden“, dieses berühmte Zitat des „Alten Fritz“ , Friederich II von Preussen war offenbar der Leitspruch dieses absolut gelungenen Events.

Dieser Gedanke wurde gelehrt und gelebt! Neben dem tollen Wetter sorgte natürlich auch die Stöbermeile mit vielen tollen Artikeln für Pferd und Mensch und die gute Versorgung mit Speis` und Trank für eine tolle Urlaubsatmosphäre auf dem Gestüt Moorhof.

Wenn man das Wohl des Pferdes im Fokus hat und nie verliert, dann ist es ganz egal, welchen Weg man in seiner Arbeit geht – das war ganz deutlich und sehr wertvoll zu erfahren. Denn dann kann man ganz individuell nach der eigenen Fasson selig werden- und das Pferd selig machen! So war dieses Wochenende ein beeindruckender Apell an jeden Pferdebesitzer, sich zu bilden, sich zu schulen, sich zu reflektieren und dem pferdischen wie auch menschlichen Gegenüber mit Respekt und Anerkennung gegenüberzutreten und das Hinhören genauso zu schätzen wie das Mitteilen.

Stefanie Niggemeier

Barocke Pferdeausbildung

www.barocke-pferdeausbildung.de

 

Kursfotos von Marius Schneider

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