Eine Woche Ekeskogs. Da gibt es viel zu sagen. Und es wird persönlich. Eine Sitzschulung bei Hanna Engström ist wesentlich mehr als zu lernen, besser auf dem Pferd zu sitzen. Nicht nur auf dem Pferd, sondern auf den eigenen zwei Beinen kann sich Bewegung deutlich verbessern.

Samstag früh. Ich sitze in Flugzeug Nummer eins. Sechs Uhr morgens, es ist kalt, ich habe einen Polster mitgebracht und schaffe es doch irgendwie im Flieger zu schlafen. Zum Glück habe ich einen Fensterplatz zum Anlehnen. Aber trotzdem habe ich danach ein steifes Genick. Zwei weitere Flüge später spüre ich Schmerzen in der Brustwirbelsäule und mein Genick fühlt sich nun komplett versteift an. Nichtsdestotrotz landen wir spät am Abend auf Gotland. Ich bin gespannt auf den ersten Tag bei Hanna Engström und bin doch irgendwie quasi dankbar für die vielen Versteifungen in meinem Rücken, da werden wir doch einiges zu tun haben.

Erde, Wind und Feuer

Gemeinsam starten wir in den ersten Tag mit Hanna Engström.

Wir treffen uns bei der Reithalle und besprechen zunächst mal alle Wünsche und Erwartungen für die kommende Woche. Ich möchte gerne etwas mehr Stabilität in meinen Sitz bekommen, denn ichhabe aufgrund einer gewissen Überbeweglichkeit oftmals das Gefühl zu viel im eigenen Körper zu schwingen.

Bevor es ans Reiten geht, haben wir alle das Bedürfnis nach Erdung. Hanna selbst war das ganze Wochenende im Flieger unterwegs. Wir schnappen uns warme Overalls und turnen zwischen den großen Bäumen zwischen den Wohnhäusern von Ekeskogs. Zunächst geht es gleich mal abwärts. Am Boden liegend schnuppern wir an der Erde. Ich rieche Moos, Flechten, Erde. Ein unglaublich intensives Aroma.
So geht es den Pferden, wenn sie ihre Nase zum Boden strecken. Wir atmen uns in Entspannung, spüren ganz tief in unseren Körper. Ich spüre noch immer mitten in der Brustwirbelsäule Schmerzen. Ein Schmerz, der seit meinem Unfall mit Kobold eigentlich immer latent da ist. (Der Unfall ist nun rund 20 Jahre her, Kobold war bergab ausgerutscht und ist rücklings mit mir drauf in einen Bach gestürzt).
Ich atme tief ein. Hanna begleitet unseren Atem und führt uns durch die nächsten Übungen mit einer großen Sensibilität.

Zu Hause hatte ich in den letzten Wochen einen sehr straffen Zeitplan. Ich spüre, wie ich meine innere Uhr langsam abschalten kann und alles einfach mal passieren lasse. Wir sollen uns am Boden bewegen wir ein Wurm. Ohne Muskelkraft. Vielleicht schaffen wir es am Boden liegend ein wenig vorwärts, ein wenig rückwärts. Jeder „kriecht“ ganz für sich und ganz im Stillen lassen wir eine Transformation in eine „Schlange“ passieren. Nun rollen wir uns am Boden hin und her, vorwärts und rückwärts. Die Bewegungen fühlen sich gut an. Ich rolle mich über meinen Körper, versuche wirklich nur über die Bewegung meiner Wirbelsäule irgendwie weiter zu kommen. Es macht Spaß. Wir kommen langsam zur Ruhe und sollen in den Himmel schauen. Ich habe das Gefühl endlos den weiterziehenden Wolken nachschauen zu können.
Der Wind lässt die Zweige der großen Bäume über mir sanft schaukeln. Zeit spielt keine Rolle mehr. Wir wollten doch noch reiten? Ganz egal. An Aufstehen ist irgendwie nicht zu denken. Nur weil die Anweisung von Hanna kam, schaffe ich es doch irgendwie mich aufzurichten. Der Schmerz ist schon bessser. Ich atme ganz bewusst in Richtung meiner Brustwirbelsäule. Der Boden unter meinen Füßen fühlt sich nun anders an. Intensiver. Ich spüre meinen Fußballen und merke, wo in meinem Körper mehr Belastung stattfindet. Wir wandern auf der Wiese umher und sammeln uns langsam auch wieder mental ein. Ich atme ruhig.

In dieser angenehmen Ruhe spazieren wir zu den großen Koppeln von Hanna und holen die ersten Pferde ab. Ich werde eine der braunen Lusitano Stuten reiten.
Es fühlt sich ungewohnt an, ein Pferd zu putzen und zu satteln, das ich nicht kenne. Irgendwie fühle ich mich wie ein Eindringling, obwohl wir die Zeit haben quasi stillstehen lassen, obwohl wir so viel für Erdung getan haben am Vormittag. Mein gefühltes „Überfallskommando“ steigt in den Sattel und soll sofort mal kräftig hinführen. Hanna will alles wissen: Ob ich die Wirbelsäule von Genick zum Schweif spüre. Ich spüre alles sehr gut unter mir, den Hals vor mir würde ich noch gerne etwas deutlicher wahrnehmen, gebe ich zur Antwort. Wo verlagert das Pferdchen mehr Gewicht hin? Welches Vorderbein ist mehr belastet? Wo fußt das innere Hinterbein auf und wie? Wo fußt das äußere Hinterbein auf? Belastet das Pferd mehr am Ballen oder an der Zehe den Fuß? Wo zeigt die Zehe hin? Fragen über Fragen. Im Endeffekt habe ich alles richtig gespürt. Hanna betont außerdem:

Gefühle haben immer recht. Denn wem soll man vertrauen, wenn an sich selbst nicht vertrauen könnte?

Nun beginnt die Arbeit mit dem eigenen Körper. Hanna ist mein „Reiseleiter“ durch meinen verspannten Körper. Stute Viviane und ich sind an der Longe auf dem Zirkel unterwegs. Ich soll nun die Bewegungen meiner Hüfte erfühlen und beschreiben. Ein eigenartiges Gefühl, mal nur hin zu spüren und nicht sofort Einfluss zu nehmen. Ist es rund oder gerade, weich oder steif? Hanna stellt sämtliche Optionen zur Verfügung. Meine Hüften fühlen sich miteinander verbunden an, ich spüre einen Kreis, aber irgendwo steckt es auch. Runde um Runde fokussiere ich auf einen anderen Körperteil – und es zeigt sich – Bewegungsqualität lässt nicht erhalten, wenn man sich leicht ablenken lässt.
Nicht nur Hanna gibt Feedback, auch unter mir gibt es richtig viel Info. Viviane reagiert auf die kleinste Änderung in meinem Körper, wenn sie mit mir zufrieden ist schnaubt sie laut und lässt ihre Bewegungen noch feiner werden. Ein Handwechsel macht die Harmonie zunächst mal gleich zunichte. Ich muss mich völlig neu sortieren – und ich stelle fest: Mit extremer Achtsamkeit auf meinen Körper fühlt sich dieser Zirkel nun völlig anders an. Hanna entlarvt die Hausübung der kommenden Tage: Eine Diagonale in meinem Körper ist quasi super soft und sehr durchlässig, aber eben nur eine. Es gilt also die zweite Diagonale in meinem Körper zu finden und ebenso geschmeidig zu machen. Hier wäre auch die Ursache für mein „instabiles Gefühl“.

Tag eins wird mit einem wundervollen Sonnenuntergang beendet. Farbenspiele auf Gotland. Das hat was. Sehr zufrieden und in uns ruhend stehen wir am Strand und lauschen den Wellen. Unnötig zu sagen, dass hier viel los war in meinem Kopf.

Tag Zwei

Am zweiten Tag stehen die nächsten Sitzeinheiten am Programm. Hanna findet für jeden Moment die richtigen Worte. „Melt down“! „Breath“! „Feel the movement in your spine“, „Do you feel the movement of your shoulder blades“?

Ich reite erneut Viviane, die mir erneut ganz wunderbar Feedback gibt. Rechts herum fühle ich mich super wohl, links herum merke ich, wie meine linke Schulter und meine linke Hüfte gerne im Gleichklang nach vorne schwingen würden. Ich bin beinahe schon entsetzt. Dieses Bewegungsmuster hatte ich in meinem Körper recht gut kaschiert könnte man sagen. Doch Hanna entgeht nichts.

Aber, wie sie selbst sagt ist sie nicht auf der Suche nach Fehlern, vielmehr stellt sie auch an diesem Tag Fragen über mein Gefühl im Sattel.

Wer sich von Hanna strikte Anweisungen erwartet, a la „Kopf hoch“, „Absatz tief“, „Ellenbogen anlegen“ oder ähnliches – der wird völlig überrascht sein vom feinfühligen Unterricht auf Ekeskogs. Hanna arbeitet sich Frage für Frage durch meinen Körper und schickt mich auf eine Reise des Bewusstseins. Ich spüre meine eigenen Blockaden. Und keine Anweisung, sondern eine weitergehende Frage trägt dazu bei, dass ich meinen Sitz ganz selbstständig verbessern kann. Nun wird auch die Wahrnehmung über meine Hüftbewegung immer klarer. Ich habe ein immer „runderes Bild“ vor Augen. Die Bewegugen aus er Hüfte lassen sich immer feiner über meine Wirbelsäule in die Schultern übertragen. Jetzt weiß ich wirklich – oder besser gesagt spüre an mir sehr deutlich, wie das mit dem freien Schwingen der Vorhand gemeint ist.

Ein Außenstehender würde möglicherweise sagen: ist doch nicht viel passiert. Ihr seid auf jeder Hand ein wenig Schritt an der Longe geritten. Richtig. Viel Action war da rein äußerlich nicht. Aber innerlich tut sich so einiges. Deswegen ist auch Stärkung und Erholung der nächste Programmpunkt.

Dank Simone Garnreiter wird die Reise auch zum kulinarischen Genuss. Die schwedische Sitzschulung wird durch indische Köstlichkeiten mit viel Gemüse auch zum Gaumenschmaus.

Kurz mal ganz persönlich: Wer mich gut kennt, der weiß, dass ich nicht sonderlich Freude am Kochen habe. Wohl aber am Genießen. Als Simone mir erklärt, warum sie welches Gewürz in den heißen Topf mischt, wird mir klar, dass es ähnlich mit unseren Reiterhilfen sein muss. Jede Zutat kann ihren optimalen Geschmack nur dann entfalten, wenn sie zur rechten Zeit hinzugefügt wird. Sekundarhilfen können somit auch durch das richtige Timing zum Geschmacksverstärker werden.

Ein Geschmacksverstärker ist auch Indio – oder anders gesagt – ein PRE Hengst ganz nach meinem Geschmack. Indio besticht durch Höflichkeit und Sanftheit – und durch ganz wunderbare Bewegungen. Mit ihm tauche ich am Nachmittag in den nächsten Schwung: den Trab. Hier wird nun auch klar, wie vielfältig ich meine Hüfte einsetzen kann. Ich fühle wunderbar runde Bewegungen von Indio unter mir, aber nur so lange meine Hüfte die Hinterbeine auch kontinuierlich unter sich behält. Hanna achtet sehr genau darauf, ob ich die Hinterhand von Indio bewege, oder ob Indio durch seine Hinterhand mich bewegt. Im zweiten Fall fühle ich mich im Oberkörper wieder ein wenig instabil und zu „weich“.

Das Gefühl von Stabilität durch korrektes diagonales Schwingen in meinem Sitz zeigt mir nochmal Chavall. Meine linke Seite hat sich bereits so verbessert, dass ich hier wesentlich besser zum Sitzen komme – nun wird meine ursprünglich bessere Seite – also rechts herum in der Piaffe ein wenig zu weich. Hanna korrigiert, macht mich darauf aufmerksam über die Größe meiner Hüftbewegung die Schwingung in meiner Wirbelsäule zu observieren – und schon habe ich wieder ein besseres Gefühl.

Von der Piaffe gehts zur Pasta. Ich habe viel zu Verdauen – in diesem Fall nicht Simones herrliche Bolognese, sondern das Gefühl kleiner Bälle in meiner Hüfte, kleiner Bälle in meinen Schultern und die Sache mit der Verschmelzung.

Ich habe gemerkt, dass mir bei Hannas Sitzschulung ein kleiner Appetithappen gereicht hat, um viel zu verdauen zu haben. Aber es lag nichts schwer im Magen. Darum ist mein Reisebericht auch zweigeteilt – nächsten Mittwoch folgt daher für alle Neugierigen die Fortsetzung….

 

 

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PS: Ein riesiges Dankeschön an Simone Garnreiter für die schöne Reisebegleitung, den konstruktiven Austausch, die kulinarische Weiterbildung und die vielen Fotos! Simones Gotland Album gibts hier

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