Sie nehmen jede Misshandlung sehr persönlich (wie alle Iberer) und erdulden keine Deppen im Sattel oder am Kutschbock. Wer sagt, er hätte einen Lipizzaner ausgebildet und der hätte nun diese oder jene Untugenden, der sollte zuerst über sich selber nachdenken. Mit einem Aristokraten muss man umzugehen lernen, wenn man selber keiner ist. Buchautor Martin Haller bringt es über die Lipizzaner auf den Punkt.

Ich zwar nicht blaublütig, aber blauäugig auch nicht. Und so kam es, dass ich mir in den letzten Jahren sehr viele Pferde angesehen habe. Da ich durch meine Schüler auch sehr viele unterschiedliche Pferderassen betreuen darf, hat sich in den letzten Jahren eine ganz klare Präferenz herauskristallisiert. Irgendwie haben sich die Lipizzaner mehr und mehr in mein Herz geschlichen. Ganz besonders einer – mein kleiner Conversano Aquileja – ein waschechter Steirer, so wie ich.

„Aqui“ wurde im Bundesgestüt Piber gezogen – dort wo die Lipizzaner für die spanische Hofreitschule in Wien gezüchtet werden. Diese Tatsache weckte bei vielen Interessierten doch einige Fragen – kann man tatsächlich ein Pferd in Piber kaufen? Ja, man kann 😉

Ich habe Ines Hubinger vom Lipizzanergestüt Piber nachgefragt:

Seit wann werden die Pferde in Piber zu Verkauf angeboten? Ist das ein Novum? 

Ines Hubinger: Nein, den Pferdeverkauf gibt es schon immer. Ich habe hier Unterlagen aus 1930 von Verkäufen. Wurden früher noch Briefe geschrieben und nur ein gewisser Kennerkreis wusste von der Möglichkeit einen Lipizzaner aus Piber zu erwerben, hat sich die Kommunikation durch das Internet und Soziale Medien sehr gewandelt. Pro Jahr bekommen wir rund 40 Fohlen und können eben nicht immer  alle Pferde behalten. Man findet bei uns ein liebes Familienpferd, aber natürlich auch sehr talentierte Pferde für Reit- und Fahrsport.

Warum sind Lipizzaner aus Piber etwas so Besonderes? 

Ines Hubinger: (Schmunzelt) Vermutlich weil sie auch für uns, die in Piber arbeiten so Besonders sind. Aber im Ernst: Wir können hier nur Gestüte mit ähnlichen Bestandszahlen vergleichen. In Italien beispielsweise wachsen die Lipizzaner im Staatsgestüt eher wild lebend (vorallem die Stuten) auf. Bei uns kommen sie aber zur Welt und lernen das gesamte Gestütsteam von der ersten Sekunde an kennen. Wir putzen die Fohlen ab dem ersten Tag, wir führen sie. Zwischen Fohlenstation und Absetzerstation herrscht ein reger Austausch, da wir während der Arbeit auch Zeit haben die Pferde zu beobachten und die Charaktere kennen zu lernen, wissen wir unheimlich viel über „unsere“ Schützlinge. Wir haben ein riesiges Archiv und eine Datenbank, wo wir viele Aufzeichnungen über unsere Pferde führen. So wissen wir bescheid, wann die Stute tatsächlich fohlen wird, wer im Laufstall von den Jährlingen sofort um Streicheleinheiten buhlt, oder wer frech wie Oskar ist. Und natürlich wissen wir auch über die Elterntiere so genau bescheid. Dieses Interessse für die Pferde, das genaue Beobachten – das ist auch etwas, was wir unseren Lehrlingen am Gestüt mitgeben wollen. Diese Aufzeichnungen sind auch bei den Musterungen für die Hofreitschule dienlich. Oft zeigt sich das Talent für die Schulquadrille oder für die Hohe Schule bereits in der Kindheit. .

Wie funktioniert denn die Aufzucht in Piber? 

Ines Hubinger: 

Am Hauptgestüt finden die Geburten statt, die Fohlen bleiben dann mit den Müttern vor Ort, ehe sie zwischen 6 bis 8 Monate alt von den Müttern getrennt und in die Aufzuchtstation gebracht werden. Am Aufzuchthof kommt die erste Gruppe gemeinsam mit den Müttern an. Wir haben also die Möglichkeit einige Tiere an die neue Umgebung im Beisein der Mütter zu gewöhnen, ehe die nächste Gruppe nachkommt. Die zweite Gruppe kommt ohne mütterlichen Begleitschutz, dafür aber mit einem großen Spieltrieb, der mit den neuen Freunden sofort ausgelebt wird, Zu diesem Zeitpunkt stehen Hengst- und Stutfohlen noch zusammen. Ich bin immer sehr erleichtert, wenn ich von den Kollegen höre, dass die Absetzer ohne ihre Mütter so gut zurecht kommen. Spätestens am Ende des Jahres müssen wir die Tiere aber nach Geschlecht trennen, denn die jungen Hengste fangen an die Geschlechterrollen wahrzunehmen. Die Stuten übersiedeln dann auf den Reinthalerhof und die Buben auf die Station Wilhelm. Dort leben immer drei Jahrgänge gemeinsam. Das ist quasi ein ewiger Kreislauf. Wenn heuer der nächste Jahrgang nachrückt, dann kommen die ältesten Stuten am Außenhof zu uns nach Piber zur Leistungsprüfung, das heißt sie werden angeritten und angefahren, die ältesten Buben von Wilhelm überstellen wir roh nach Wien bzw. ins Ausbildungszentrum am Heldenberg.

Davor gibt es aber noch den Sommer auf der Alm, das ist fixer Bestandteil unserer Aufzucht – Anfang Juni gehen wir mit beiden Gruppen auf zwei getrennte Almen – die Burschen bleiben bis Anfang September und die Mädchen dürfen sogar länger bleiben bis Mitte oder Ende September.

Sind die Pferde auf der Alm sich selbst überlassen oder weiterhin betreut? 

Ines Hubinger: Nein, unsere Betreuuer ziehen mit den Pferden auf die Alm. Sie sind rund um die Uhr für sie da und dokumentieren und überwachen weiterhin alles, was so passiert. Morgens werden die Pferde angehängt im Stall, geputzt und gefüttert, auf Verletzungen hin kontrolliert. Tagsüber gehen sie auf die Weiden bzw. auf die Hochalm, abends wieder in den Stall. Unsere Aufzucht bedeutet drei „Alpungen“während der Aufzuchtszeit. Das gilt auch für die jungen Verkaufspferde. Wenn es Zeit für den Almauftrieb ist, gehen auch diese mit auf die Alm. Sie kommen nicht etwa in eine Verkaufsbox, sondern dürfen weiterhin ihr normales „Piberaner“ Leben genießen. Für Interessenten heißt das: Rauf auf den Berg, in aller Hergottsfrüh, schließlich wollen wir die Almzeiten für unsere Pferde nicht unnötig abkürzen. Das gilt auch für Besichtigungen auf den Außenhöfen für die Stuten und Hengste. Zeitig in der Früh kann man die Verkaufspferde besichtigen, das Wohl der Pferde steht für uns an erster Stelle, daher wird von der Koppelzeit nichts abgezwackt – Besichtigungen der Verkaufspferde sind aber ausschließlich nach rechtzeitiger vorheriger Terminabsprache möglich, es soll ja alles reibungslos funktionieren.

In Piber wird vorrangig für Zuchterhalt und Spanische Hofreitschule gezüchtet. Bekommt man dann überhaupt ein gutes Pferd? 

Ines Hubinger: Natürlich haben wir eine klare Zuchtbuchordnung und es gibt ein Zuchtziel, wie denn der barocke Lipizzaner im Idealfall auszusehen hat. Das sind Vorgaben, an die wir uns halten müssen, schließlich wollen wir keinen 1,70 großen oder 1,40 kleinen Lipizzaner. Alles Extreme muss für die Zucht ausgeschlossen werden. Ramskopf ja, aber Hechtkopf – eher nein. Es stehen also durchaus tolle Pferde bei uns zum Verkauf, deren Ausscheidungskriterien einem größeren oder kleinerem Reiter überhaupt kein Dorn im Auge sind. Ein Pferd mit zum Beispiel einer Neigung zum Sommerekzem würden wir auch nicht in die Murauen verkaufen, sondern einen Käufer in Norddeutschland oder Holland dafür suchen. Uns ist schon auch wichtig, wo die Pferde hinkommen. Und Probleme wie eben beispielsweise Sommerekzem legen wir dem Kaufinteressenten auch klar auf den Tisch.

Wenn man sich für ein Pferd aus Piber interessiert – wie geht man dann vor? 

Ines Hubinger: Einfach anrufen/mailen, Termin ausmachen, herkommen und aber auch unsere Fragen über sich ergehen lassen. Manchmal kommen auch Leute mit falschen Vorstellungen, die einen Lipizzaner haben wollen – unsere Gestütsmeister und Mitarbeiter auf den Höfen haben auch ein Gespür dafür, ob Mensch und Pferd zusammenpassen können. Grundsätzlich kann natürlich jeder ein Pferd kaufen, aber wir befragen auch unsere Käufer, denn unser Hauptanliegen ist es, dass die Pferde ein zu Hause haben, wo sie auf einen langen Zeitraum (möglichst für immer) bleiben können.

Kann man sein Pferd in Piber zur Aufzucht einstellen? 

Ines Hubinger: Nein, das ist nicht möglich. Unsere drei Standorte Piber, Wien und Heldenberg sind ein geschlossener hygenischer Betrieb. Wenn uns ein Pferd verlässt, weil es verkauft ist, dann ist es örtlich gesehen weg. Es gibt auch kein externes Decken. Wir sind kein Zuchtbetrieb, wo man mit seiner Stute einfach vorbei fährt. Wenn Hengste aus Wien zum Decken kommen, dann stehen sie aus weiteren Vorsichtsmaßnahmen trotzdem zuerst in Quarantäne innerhalb des Betriebs, bevor sie mit den Vierbeinern in Piber in direkte Berührung kommen. Da passen wir sehr auf!

Warum die Stuten in Piber erst mit sechs Jahren gedeckt werden, das erzählt Gestütsleiter
Harald Neukamm in folgendem Clip:

Im Sommer gibt es übrigens Almführungen, wo man mehr über die „Alpung“ der jungen Lipizzaner sowie deren Herdenleben erfahren kann. Weitere Highlights: Die Herbstparade und der Almabtrieb im September. Mehr darüber auf der Homepage

Conversano Aquilejas Eingewöhnung am „Horse Resort am Sonnenhof“ war super unkompliziert. Kein Streit mit den anderen Buben auf der Koppel, sofort wurden Freunde gefunden. Ich bin sehr glücklich, dass ich dieses tolle Pferd weiterhin auf seinem Weg begleiten darf und werde natürlich laufend im Blog darüber berichten,

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