Einfach nachgefragt bei Annika Keller

Einfach nachgefragt bei Annika Keller

„Das könnte jetzt eine ganz blöde Frage sein – aber ich trau mich mal“….beim Kurs mit Annika Keller vor zwei Wochen gab es viele Fragen rund ums Biegen, Gymnastizieren, Geraderichten und vorwärts Reiten. Im Dialog mit Annika fanden wir schnell heraus: es gibt keine blöden Fragen.

Manchmal scheint es mir, als ob sich Reiter oder Pferdebesitzer schon gar nicht mehr trauen, Fragen zu formulieren. Schließlich reitet man x Jahre und sollte es ja wissen. Auf der anderen Seite heißt es so schön: Reiten und der Umgang mit Pferden bringt uns auch menschlich weiter. Dafür müssen wir aber auch immer Lernende sein dürfen. In einer herzlichen Atmosphäre wurde daher jede Frage von Annika ausführlich beantwortet – und wie heißt es so schön – ein Leben reicht nicht aus um Reiten zu lernen – aber vielleicht kommen wir ganz gut hin, wenn wir uns trauen viele Fragen zu stellen, in einer wertfreien und wertschätzenden Atmosphäre.

Die wichtigsten Fragen an Annika habe ich heute – tatkräftig unterstützt von Simone Garnreiter noch mal für alle in diesem Blogeintrag zusammengefasst:

Vorwärts ja, aber wenn man nicht zum Treiben kommt?

Annika referierte beispielsweise über „vorwärts Reiten“. Dabei kam die Frage auf: Was tun, mit Pferden, die immer zu schnell unterwegs sind und der Reiter dadurch gar nicht zum Treiben kommt?

Pferde, die immer zu schnell sind und vor den treibenden Hilfen förmlich weglaufen sind laut Annika am Schwierigsten auszubilden. Das Problem kann man sich quasi in Zeitlupe genau ansehen – die Pferde machen hektische kurze Tritte, der Reiter hätte aber eigentlich ja lieber große Schritte. Das ist die Ursache für das „nicht zum Treiben kommen“, da das Pferd auf treibende Hilfen mit „Gas geben“ anstelle einer ruhigen Dehnung der Oberlinie reagiert. Auf diese Weise würde auch die Gesamtbewegungsamplitude aus der faszialen Sicht nicht ausgenutzt.

Faszien sind eine bindegewebsartige Struktur, die den ganzen Körper umfassen und somit jeden Muskel, jedes Organ, Sehnen und Bänder an „ihrem Platz“ halten aber auch für die Gleitfähigkeit untereinander sorgen.

Annika riet dazu bei „hektischen Pferden“ das Tempo zu reduzieren, um dann viel großen Schritt zu reiten oder in der Bodenarbeit zu erarbeiten. Zunächst wird die Qualität des Vorgriffs nicht unmittelbar verbessert werden – was bei den kurzen, hektischen Tritten aber auch nicht der Fall ist. Unter dem Reiter oder in der Bodenarbeit streben wir also zunächst ein mittleres Tempo an, wobei das Pferd nun zunehmend zur Dehnungshaltung eingeladen wird, ohne erneut schneller zu werden.

Das Lernziel für das Pferd ist wie folgt formuliert: Es soll lernen, sich selbst mit einem vorgreifenden Hinterbein aufzufangen, um längere Schritte zu machen, ohne vorwärts zu fallen. Das Ziel ist die Erarbeitung einer Dehnungsbereitschaft.

In der Akademischen Reitkunst gibt es einen großen Werkzeugkoffer, der dem Pferd hilft das Gleichgewicht zu finden, allerdings darf uns bei dieser Arbeit die „Eigenverantwortung des Pferdes“ nicht verloren gehen. Ein Pferd, das also quasi permanent nur durch Einrahmung durch Hilfen in Balance bleibt, ist nicht reell in Balance. Unser „Trippelpferd“ wird in vielen Etappen und einer längeren Ausbildungsperiode das Vorgreifen der Hinterbeine erlernen, um in einen guten Zustand von Balance zu kommen.

Gemütlich und faul?

Analog dazu gibt es natürlich auch die Problemzone der gemütlicheren, oder „faulen“ Pferde?

Auch bei diesen Pferden legte Annika für die Ausbildung die Schulung des Gleichgewichts ans Herz. Natürlich muss auch das gemütlichere Pferd ein fleißiges Grundtempo erarbeiten. Es gibt dabei aber immer ein momentanes ideales Tempo – das mittlere Tempo, in dem der Vorgriff der Gliedmaßen nicht kürzer ist als der Rückschub. Das Tempo wird sich allerdings mit zunehmender Balance und Geschmeidigkeit auch ändern können. Genau wie das eilige Pferd sollte das zu erarbeitende Ziel mit einer Dehnungshaltung, in der ein korrektes Durchschwingen der Hinterbeine möglich ist formuliert werden.

Die Sache mit dem Sitz

Es gib Grundregeln wie: Kopf parallel zu Kopf, Schultern parallel zu Schultern, Hüfte parallel zu Hüfte…aber lernen wir durch diese Regeln tatsächlich korrekt zu sitzen?

Zunächst ging Annika auf die Wünsche der Reiter ein: Salopp gesagt heißt das: Wer das Sitzgefühl eines Spaniers möchte, darf sich nicht wundern, wenn es sich am Warmblüter anders anfühlt.

Wir können durch einen funktionalen Sitz natürlich das Pferd unterstützen – oder andernfalls behindern. In jedem Fall werden wir Menschen vom Pferd bewegt. Im Idealfall – und da waren wir schon wieder bei Steinbrecht sollte der Mensch den Sitz auf einem ausgebildeten Pferd spüren lernen.

Dabei gilt es aber auch pferdegerechte Grundsätze zu beachten: Das Pferd ist kein Gymnastikball und sollte auch nicht in diesem Sinne „benutzt“ werden. Da schon Steinbrecht den Mangel an gut geschulten Schulpferden zur Ausbildung der Reiter kritisierte bleibt uns auch heute die Möglichkeit Bewegungskompetenz erstmal ohne das Pferd zu erarbeiten. Das heißt: Der Reiter kann seine Geschmeidigkeit und Balance außerhalb des Sattels schulen. Da gibt es viele Möglichkeiten wie Feldenkrais, Yoga, Pilates, auch Joggen oder gezieltes Beckenbodentraining, um den Sitz für das Reiten zu schulen.

Unser Hauptmanko bleibt heute aber: Wir müssen durch den (meist ungeschulten) Reiter das Pferd ausbilden und durch das (ungeschulte) Pferd den Reiter. Lektionen lernen ist eine schwierige Sache, wenn der Reiter eigentlich noch nicht weiß, wie wie sich der Sitz korrekt beispielsweise im Schulterherein anfühlen soll.

Das geht am besten mit einem guten Trainer, der im richtigen Moment vermitteln muss. Beim Erarbeiten des Schulterhereins lernen wir also nur in Sekundenbruchteilen, wenn Reiter und Pferd sich dem korrekten Ergebnis nähern. Es heißt also nicht umsonst: Wir müssen fühlen lernen!

Trageerschöpfung

Von Fragen rund um den korrekten Sitz ging es gleich weiter zur Trageerschöpfung:

Das Wort Trageerschöpfung ist ein Begriff der Moderne, die Symptomatik des trageerschöpften Pferdes gibt es aber schon immer – so Annika Keller.

Die Trageerschöpfung ist eine Art Kettenreaktion, d.h. man kann nicht sagen welcher der betroffenen Bereiche im Pferdekörper die Ursache gewesen ist.

Die sichtbar betroffenen Körperteile der Trageerschöpfung sind der Hals-, Schulter-Brustbereich, das Genick und der lumbosakrale Übergang bzw. der Übergang vom letzten Lendenwirbel zum Sakrum.

Wie die Trageerschöpfung entsteht hat mehrere Faktoren:

Das Pferd ist nicht in Balance und trägt sich nicht selbst. Wie soll es dann den Reiter korrekt tragen, der nahe der Vorhand sitzt und den Brustkorb zwischen den Schultern nun noch vermehrt nach unten drückt. Möglicherweise ist in dieser Variante auch noch ein unpassender Sattel beteiligt, der den Reiter stark nach vorne setzt. Die Schwerkraft sorgt dafür, dass der Brustkorb runterfedert und der Schulterbereich der nur muskulär aufgehängt ist nun als Stoßdämpfer wirken muss. Dieser wird aber bei jedem Schritt noch mehr gestaucht, wenn die Hinterhand „ihren Job“, als das Tragen nicht übernimmt.

Druck auf den Brustkorb bedeutet unweigerlich auch Druck auf das Brustbein und weiter in der Kette auf das Zungenbein. Dieses ist mit dem Unterkiefer verbunden. Man kann ein Pferd nicht in Einzelscheiben betrachten, denn ist ein Bereich betroffen, dann leidet ein verbundener Bereich natürlich mit. Blockaden können sich also quasi wie eine Kettenreaktion auf mehrere Bereiche im Pferdekörper auswirken.

Wege aus der Trageerschöpfung führen immer über das vermehrte Vorschwingen der Hinterbeine. Wenn das Hinterbein weit nach vorne schwingt, stützt es den Rumpf oder die Hängebrückenkonstruktion auf positive Art und Weise.

So kann das Pferd lernen mit der Arbeit der Hinterhand den Brustkorb anzuheben und korrekt über den Rücken zu gehen.

Koppen kann die oben genannten Problemzonen ebenso in Mitleidenschaft ziehen. Dabei unterscheidet man zwischen Luft- oder Aufsetzkoppern. Das Koppen verspannt den Genick-Hals-Brust-Widerrist-Bereich und somit natürlich auch den Rücken.

Es ist unbedingt Physiotherapeutische Unterstützung nötig, um die Verspannungen einigermaßen im Griff zu bekommen. Für den Reiter ist es immer wichtig zu wissen: Eine negativ genutzte Muskulatur ist nur sehr schwer zu trainieren – hier braucht es eben auch professionelle Unterstützung, um vor dem Training Verspannungen zu lösen. Eine Verbesserung der Bewegungsqualität wieder zur korrekten Tätigkeit der Muskulatur gebracht werden können.

Es gab noch viele weitere Fragen an Annika…aber zum Glück wird es auch eine Fortsetzung geben. Und da werden wir auch garantiert wieder nachfragen! Denn durchs Fragen, reiten wir Einfach 🙂

PS: Wer den Kursbericht von Annika verpasst hat findet die Zusammenfassung hier.

Die Logik hinter den Biegungen mit Annika Keller

Die Logik hinter den Biegungen mit Annika Keller

Annika Keller hat im heurigen Jahr gemeinsam mit Bent Branderup „Die Logik hinter den Biegungen“ – Gustav Steinbrechts Gymnasium des Pferdes – neu übersetzt. Nachdem uns Annika mit ihrer sympathischen und kompetenten Art bereits letztes Jahr zum Thema „Geraderichten“ begeisterte, wollten wir nun auch etwas tiefer in das Thema „Biegungen“ eintauchen.

Biegen oder Schieben?

Viel Schub hatte es wohl auch auf Annikas Anreise gegeben, aber trotz turbulenter Flugreise führte uns Annika sogleich geschickt in das Thema Biegungen ein. Wichtig ist der Ostheopathin und Physiotherapeutin für Pferde immer die Gesunderhaltung des Tieres im Fokus zu behalten. So müsse der Reiter nicht nur die Möglichkeiten des Bewegungsspektrums analysieren, sondern auch hinsichtlich der Gesunderhaltung überprüfen. Bewegungen können zwar durchführbar, aber nicht zwingend gesund sein. Daher ist es für Reiter wichtig überhaupt zu wissen, wie eine gesunde Biegung aussieht.

Dabei unterschied Annika deutlich zwischen dem „Privatleben“ des Pferdes und der Biegung des gerittenen Pferdes.

Wenn ein Pferd ohne Reiter durch eine Kurve läuft, dann wird es seine innere Schulter vermehrt belasten und den Kopf nach außen nehmen. Also das komplette Gegenteil von dem tun, was wir Reiter überhaupt wollen. Ohne Reiter und ohne zusätzliches Gewicht, das den Brustkorb des Pferdes belastet – kein Problem – mit Reiter sieht das ganze aber dann schon anders aus. Wenn Pferde sich stundenlang grasend vorwärts bewegen, trägt die Vorhand die Hauptlast, die Hinterhand ist quasi „Anhängsel“- dabei schiebt oder rollt das Pferd seine Gesamtlast über die beiden Vorderbeine. Auch hier – für das Pferdeleben ohne Reiter kein Problem – mit Reiter wäre die Kopf-Halsposition viel zu tief, das Pferd kann so keinen Reiter tragen.

Annika erläuterte ausführlich eine gesunde Dehnungshaltung mit einem positiven Spannungsbogen und zeichnete wichtige Eckpfeiler, die bei der Blickschulung ebenso eine große Rolle spielen. Dabei ließ sie auch die Zusammenarbeit zwischen Brustbein, Zungenbein und Genick nicht außer Acht. Bei Stellung und Biegung ist zunächst für eine gute Dehnungsbereitschaft, sowie eine gute Ganaschenfreiheit zu sorgen. Weiter ging es in eine Reise durch die Wirbelsäule des Pferdes. Dabei erklärte Annika wo viel Biegung (Halswirbelsäule) und weniger Biegung (Brustwirbelsäule) im Pferdekörper stattfindet.

Gerade der sehr bewegliche Hals lade zum Verbiegen ein. Die lizensierte Bent Branderup Trainerin empfahl bei übermäßiger Biegung im Hals mit gleichzeitig fehlender Biegung im restlichen Pferdekörper den Hals wieder soweit gerade zu stellen, bis die Biegung des Halses zur Körperbiegung passe. Da wir sehr auf die Arbeit mit unseren Händen fixiert sind – gerade auch in unserem Alltag müssten wir auch aufpassen, da der Reiter gerne ein stärkeres Einwirken am Pferdekopf als ultimative Lösung empfindet.

Die Sache mit der Schubkraft

Gustav Steinbrecht riet in seinem Gymnasium des Pferdes: „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade“, warnte zugleich aber vor einem zu schnellen Tempo.

Zunächst wanderten wir wieder zum „Privaten Pferd“ auf der Koppel im Vergleich zur gewünschten Bewegung des Reitpferdes. Ein Pferd, dass sich beispielsweise schreckt und auf der Flucht ist, wird den Kopf heben, den Unterhals herausdrücken und seine Wirbelsäule in Extension bringen. Der Rücken wird also nicht aufgewölbt, die Hinterhand drückt sich kräftig ab und schiebt nach hinten hinaus. Natürlich kein Verhalten, das wir von einem Pferd, das über den Rücken geht haben wollen.

Annika erzählte nun aus ihrer eigenen Erfahrung, was gutes Vorwärts sein kann. Hier zeigte sich einmal mehr die Bedeutung der Akademischen Reitkunst. Akademische Reitkunst bedeutet für mich ganz persönlich, wo ich diese Zeilen verfasse: Teil einer Gemeinschaft sein, die laufend über Prozesse nachdenkt. Hypothesen aufstellt und diese in der Praxis auch überprüft. So hat sich Annika vermehrt auch mit dem Thema „Schub“ befasst.

Natürlich braucht ein Pferd eine gute Tragkraft, um seinen Reiter ohne Schaden zu tragen. Wie schaut es aber mit der Schubkraft aus, wo prinzipiell die gleichen Muskelpartien angesprochen werden können?

Annika zeichnete uns verschiedene Möglichkeiten auf – mal genügend Vorgriff und überwiegend Rückschub, mal wenig Vorgriff bei zuviel Rückschub – und mal genügend Vorgriff ohne viel Rückschub.

Und aus Steinbrechts Empfehlung erarbeiteten wir im Dialog eine spannende Conclusio. Wir müssen dem Pferd ein gutes Vorwärts beibringen, das aber das „Schnellwerden“ unterbindet. Wir müssen zum Treiben der Hinterhand kommen, damit wir dem Pferd auch Mitteilung geben können, wo wir diese Hinterhand im Idealfall platzieren wollen. Erst wenn wir den Vorgriff aus der Hinterhand nicht verlieren und dem Pferd eine Formgebung durch die Wirbelsäule beigebracht haben, wird auch eine Beugung der Hanken möglich – in Zusammenarbeit mit Durchlässigkeit und Losgelassenheit.

Das Fazit: Biegen ist gesund, aber der Reiter muss in erster Linie Bescheid wissen, wie gesunde Biegung auszusehen hat damit er dem Pferd nicht schadet. Und: an einem Wochenende hat man noch lange nicht über das Thema ausgelernt. Eine Wiederholung beispielsweise zum Thema Schubkraft ist bereits in Planung.

Auch bei den Praxiseinheiten konnten wir uns viel Inspiration aus Annikas Wissen mitnehmen.

Diesmal habe ich mit Tarabaya teilgenommen. Dabei arbeiteten wir an der Qualität der Versammlung im Schritt, sowie Übergänge zwischen Schulparade, Schulschritt und gelöstem Vorwärts-Abwärts, wobei Annika stets großen Wert auf das „Suchen zur gebenden Hand hin“ legte. Auch im Trab haben wir an den Übergänge zwischen Versammlung und Dehnungshaltung, ohne dabei schneller zu werden, gearbeitet. Und auch der Galopp kam in der Arbeit nicht zu kurz – hier war ich besonders über den (uns beide) geraderichtenden Input am ersten Tag dankbar, der uns in der fortsetzenden Arbeit bestimmt weiterhelfen wird. Am zweiten Tag konnte ich noch einige Möglichkeiten in Richtung Piaffe für Tabby mitnehmen.

Für Pina hatte Annika am zweiten Tag noch ein wenig Wellness parat. Wie bereits im Vorjahr konnte uns Annika ein paar Griffe zeigen, die die Halsmuskulatur lösen und entspannen.

Für die Winter-Kurspause hat uns Annika einen ordentlichen (Motivations-)Schub dagelassen. Wir freuen uns bereits auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr!

 

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5 Herzschläge zur Hufbearbeitung..

5 Herzschläge zur Hufbearbeitung..

„Hufe? Da muss ich mich nicht auskennen, das macht mein Experte für Hufbearbeitung“. Gut, dass es Experten gibt. Noch besser aber, wenn wir ein paar Fragen parat haben, um unsere Experten zu löchern oder den richtigen Experten zu finden.

Als Reiter haben wir die Verantwortung für unsere Pferde übernommen. Das heißt, dass wir uns nicht nur mit dem Thema „Reiten“ beschäftigen müssen. Rund ums Pferd gibt es so viel zu wissen und zu entdecken. Müssen wir also für alles Experte werden? Nein. Aber wir können uns mit einem geeigneten Repertoire an Fragen ausstatten. Viele Fragen und Antworten rund um die Hufgesundheit, Barhufbearbeitung, Barhufpflege, Hufschutz, Ernährung und Haltung gab es vergangenes Wochenende beim zweitägigen Hufkurs auf dem „Horse Resort am Sonnenhof“ mit Ursula Sündermann.

Vier Hufe – was nun?

Uschi startete mit viel Elan und guter Energie in den Hufkurs. Im beheizten Stüberl legten wir mit der Theorie los. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde sammelte Uschi von allen Teilnehmern sämtliche Fragen rund ums Thema ein. Der Platz auf dem Flipchart wurde rasch rar, als Uschi die von uns gewünschten Themengebiete einsammelte.

„Vor einigen Jahren begann unser Interesse an der Hufthematik zu wachsen, weil eben NICHT alles optimal war. Unsere Pferde waren unbeschlagen. Sie liefen „okay“, aber so richtig toll war es nicht. Als sich schließlich eine deutliche Lahmheit auf harten Böden und in engen Wendungen abzeichnete, wurde uns von allen Seiten empfohlen, die Pferde beschlagen zu lassen. Wir wollten aber wissen, warum sie lahmten. Mögliche Ursachen wurden tierärztlich abgeklärt. Eine befriedigende Antwort gab es nicht. Es gäbe eben Pferde, die einfach nicht barhuf laufen könnten“. Eine Kursteilnehmerin

Gibt es wirklich Pferde, die nicht barhuf laufen können?

Ein Patentrezept, wie Uschi sagt, gibt es wohl nicht, denn jedes Pferd ist individuell und so sollte es auch die Hufbearbeitung sein.

Fünf Herzen

Ein Pferd hat nicht nur ein Herzen, sondern fünf, glaubt man einem indianischen Sprichwort. Das ist aber auch durchaus plausibel, wenn man sich die vielfältigen Aufgaben, die ein Huf für das Pferd übernehmen muss vor Augen führt.

So leicht ließe sich die Formel umlegen: Gesunder Hufmechanismus – gesundes Pferd. Neben dem Schutz der inneren Strukturen, bieten Hufe Halt auf unterschiedlichen Untergründen, arbeiten als Stoßdämpfer und sorgen über den Hufmechanismus für eine ausreichende Durchblutung des gesamten Hufes.

Außen und innen?

Wo ist was am Huf, was bezeichnet man als äußere Strukturen und was sind die inneren Strukturen. Mit einer großen Bandbreite an Bildern lernten die Theorieteilnehmer den Huf zu lesen, was vor allem wichtig ist, wenn man für die Bearbeitung später auch Fragen formulieren möchte.

Hufmechanismus und das richtige Fußen

Was passiert nun, wenn sich das Pferd bewegt? Ein Pferdehuf soll sich bei jedem Schritt auseinander dehnen und wieder zusammenziehen können. Durch diese Bewegungen kann der Huf auch als Stoßdämpfer fungieren, was wiederum wichtig ist für die Gesundheit von Gelenken, Sehnen und Bändern. Außerdem erleichtert ein funktionierender Hufmechanismus dem Herz seine Arbeit. Wir kommen also zurück auf das Sprichwort der fünf Herzen. Bewegung mit Herz – so das Motto. Was aber, wenn das Pferd Fehlstellungen am Huf aufweist? Auch hier konnte Uschi sämtliche Fragen kompetent und ausreichend beantworten. Uschi erklärt die unterschiedlichen Arten des Pferdes zu Fußen, sowie Vor- und Nachteile, die damit verbunden sind.

Wenn Pferde nicht korrekt fußen, kann das auch verschiedene Ursachen haben. Dazu können Schmerzen im hinteren Bereich des Hufes zählen, wie zu schwach ausgebildete Strukturen, zu hohe Trachten, zu hohe Zehen. Und natürlich gab es sofort auch viele Fragen aus dem Publikum über unterschiedliche Bearbeitung der Eckstreben…

Bis es allerdings an die Eckstreben – oder besser gesagt an die Praxis ging, wurden wir in der korrekten Werkzeugkunde geschult. Welche Werkzeuge brauchen wir tatsächlich für die Hufbearbeitung, wie setzt man sie korrekt ein und wie prüfen wir hier die Qualität. Zum Abschluss des ersten Seminartages präsentierte Uschi eine Palette an Hufschuhen, wobei natürlich auch die Pro und Contra Diskussion nicht zu kurz kam.

Ernährung – Haltung – und Bearbeitung

Am zweiten Tag ging es zunächst weiter mit Theorie rund um Haltung und Fütterung. Das kurze Fazit: Den ersten Schritt zum gesunden Huf macht das Heu! Als Pferdebesitezr sollten wir also Wert legen auf qualitativ hochwertige Heufütterung. Zusätzlich gibt es eine Menge an Mineralfuttern, die nicht nur qualitativ sondern auch preislich hohe Unterschiede ausmachen.

Und hier muss nicht immer das teuerste Produkt das Beste sein. Ein Blutbild oder eine Haaranalyse macht deutlich, welche Mineralstoffe und Spurenelemente dem Pferd fehlen könnten – auch eine Heuanalyse ist ebenso möglich, wenn es um die Recherche des richtigen Mineralstoffes geht. Optimale Ernährung geht aber nur Huf in Huf mit der Pferdehaltung. Stichwort „Gehen“. Wer für viel Bewegung und „Outdoor“-Momente im Beisein von Herdenfreunden sorgt, hat ebenso wichtige Punkte zum gesunden Barhuf gesammelt.

Und wenn das Pferd dann doch einen Hufschutz braucht?

Hier hatten wir das Glück eine exklusive Vorstellung des neuen „Megasus-Horse-Runners“ zu bekommen. Klaudia vom Megasus Team stellte uns die Produktentwicklung vor und beantwortete alle Frage rund um Handhabe, Anpassung, Wetterfestigkeit, Verformbarkeit, Nutzbarkeit, Haltbarkeit und und und…

Die Einfache Hufbearbeitung

Wir hatten Glück mit dem Wetter. Die letzten Oktobersonnenstrahlen nutzten wir dann im Freien bei der Hufbearbeitung. Unter der fachkundigen Anleitung von Uschi und Klaudia machten sich die Teilnehmer ans Werk und setzten das in der Theorie gehörte (teilweise) erstmalig in die Praxis um – natürlich nicht gleich am lebenden Pferd. 😉

Das Fazit aller Teilnehmer: Es gab viele: „Das hatten wir noch nicht gewusst“-Momente. Die Faszination für die Welt der Hufe ist jedenfalls ordentlich gewachsen.

Der Besuch eines Hufbearbeitungsseminars ist für jeden Pferdebesitzer eine große Empfehlung wert. Ich bin sicher beim nächsten Termin wieder mit dabei !

Ein riesiges Dankeschön an Ursula Sündermann, die das Thema Hufe an zwei Tagen sehr spannend und lebendig referierte und praktisch begleitete!

Alle Informationen rund um Ursula Sündermann, sowie ihre Seminare findet ihr auf ihrer Website.

Lassen wir fünf Herzen schlagen, dann reiten wir Einfach 😉

Man kann nicht den Stuhl heben, auf dem man sitzt!

Man kann nicht den Stuhl heben, auf dem man sitzt!

Themenseminar „Vorwärts-abwärts“ in Ainring bei Salzburg

Warum brauchen wir eigentlich ein Vorwärts-abwärts und wie sollte es korrekt geritten werden?
Darüber sprach Bent Branderup beim Themenseminar im Oktober 2016 in Ainring.

„Das richtige Vorwärts-Abwärts“?

Gibt es denn ein richtiges „Vorwärts-abwärts“, das alle reiterlichen Probleme löst?

Bent Branderup musste die gleich zu Beginn gestellte Eingangsfrage verneinen.

Die wichtigste Essenz der Reitkunst: Auf die Individualität des Individuums einzugehen! (Bent Branderup)

Den Anfang allerdings macht dazu die Theorie. So erklärte uns Bent wie Energie überhaupt ins Pferd kommt. Dabei müssen wir bei der Hinterhand ansetzen:

Die Hinterhand wird tätig und überträgt beim Übergang vom Becken ins Sakrum den Schwung auf die gesamte Wirbelsäule des Pferdes. Schwung bzw. Schwingungen dürfen nicht interpretiert werden wie etwa in der Musik. Schwung in der Reitkunst meint die dreidimensionale Schwingung der Wirbelsäule des Pferdes.

Schwingt die Wirbelsäule, wird der Brustkorb in Rotation versetzt. Wenn das linke Hinterbein nach vorne greift wird diagonal die rechte Schulter frei – eine solche Übertragung aus der Hinterhand auf die Vorhand wäre ideal.

Was, wenn aber Schwingungen aus der Hinterhand nicht korrekt übertragen werden?

Dann geht das Pferd nicht mehr korrekt über den Rücken, es wird zum so genannten Schenkelgänger.

Wie hoch und wie tief?

Das ist die spannende Gretchenfrage. Bent Branderup erklärte den Teilnehmern zunächst die Beweglichkeit der gesamten Wirbelsäule des Pferdes.
Im Halsbereich finden wir hier am meisten Beweglichkeit, daher gelingt es den meisten Reitern auch hier die größte Manipulation umzusetzen. (Und das eben nicht immer zum Wohl des Pferdes!)

Das Ziel der gesamten Reiterei sollte jedoch nicht lauten: Schädel tief – sondern: Brustkorb rauf! Schließlich kann uns ein Pferd nicht auf dem Rücken tragen, wenn es ohne Reiter seinen Brustkorb nicht von selbst anheben kann. Da das Pferd über kein Schlüsselbein verfügt, sind die Schultern relativ frei im Gewebe aufgehängt.

Das Fazit: Der Schwerpunkt von Mensch und Pferd müssen also übereinstimmen, wenn uns das Pferd korrekt tragen soll.

Und wenn die Hinterhand nicht trägt, dann muss es die Vorhand tun. Daher: Arbeite die Hinterhand deines Pferdes! Je weiter die Hinterfüße nach vorne greifen können, umso tiefer könne das Pferd sich nach vorne dehnen, ohne auf die Schulter zu fallen.

Der größte Fehler liegt bei den meisten Reitern dann aber im Tempo, denn Vorwärts ist nicht schnell. Davor warnte bereits Gustav Steinbrecht im „Gymnastium des Pferdes“:  „Ich meine nicht das Schnelle…“.

Ein weiterer Fehler kann sein, wenn das Pferd zu tief kommt. Sinkt der Brustkorb tiefer als der Ansatz der Halswirbelsäule, ist das Buggelenk nicht mehr in der Lage den Arm nach vorne zu setzen. Deswegen sollte die Unterhalslinie nicht tiefer kommen als das Buggelenk – das wäre eine Grundsatzregel – die aber je nach Halsansatz (und da gibt es auch rassespezifische Unterschiede) differenziert betrachtet werden muss.

Einfach den Kopf und Hals anheben?

Können Sie den Stuhl anheben, auf dem Sie sitzen?

Mit einem wunderbaren bildhaften Vergleich erklärt Bent Branderup, warum ein manuelles Heben des Halses durch den Reiter zu keiner gesunden Bewegung führen kann. Der Brustkorb kann nur mit Hilfe der Hinterhand gehoben werden, der Hals kann den Brustkorb nicht heben.

Warum kann bei der Arbeit im Stand doch tiefer als das Buggelenk gedehnt werden?

Diese Arbeit diene beim jungen Pferd vor allem der geistigen Arbeit und Entspannung.

Und auch das erste Herantasten an Stellung und Biegung wird wohl im Stand passieren. Bent Branderup erklärt anschaulich welche Gelenke an Stellung und Biegung beteiligt sind und macht auf die Verbindung zwischen Hüfte und Genick aufmerksam.

Die Sache mit der Hinterhand

Wie weit kann nun ein Hinterfuß nach vorne, ohne das Pferd auf die Schulter zu werfen? Dort wo die Nase des sich abwärts streckenden Pferdes hinzeigt, dort soll das Vorderbein hin schwingen. Diese Daumenregel könne jederzeit – außer im Schulterherein befolgt werden – hier stimmen Nasenposition und Auffußungspunkt nicht überein.

Bent Branderup referierte am Nachmittag nicht nur über die Beweglichkeit von Gelenken, über die Schulparade und das Gefühl, das wir in der Parade vom Pferd empfangen. Es ging auch durchaus „zwischenmenschlich“ zur Sache.

Er verglich den Segelsport und das Reiten. Wer mit seinem Boot im Hafen anlege, der könne sich vor fleißigen Helfern nicht mehr retten – im Reitstall sieht das mit der Hilfsbereitschaft oft anders aus. Da erlebe man sogar das Phänomen, dass man (oder vorwiegend Frau) sich mehr über den Misserfolg des anderen freue, als über den Erfolg.

Das zustimmende Nicken aus dem Publikum machte eindeutig klar: Diese Erfahrung ist kein Klischee, sondern findet wohl sehr häufig statt.

Und ganz besonders: Wer vor Publikum reitet, spürt möglicherweise auch das Feedback aus dem Publikum, das sich ganz unterschiedlich manifestiert. Manchmal wird man beflügelt – und manchmal ist es genau umgekehrt.

Dabei teilen wir doch gerade in der Akademischen Reitkunst die Begeisterung für das Lernen, es geht um das Tüfteln an Problemen und nicht um die perfekte Show.

Ein guter Reiter möchte in den Augen seines Pferdes glänzen. Und ein gutes Pferd ermöglicht uns die Entwicklung unserer Fähigkeiten und Werkzeuge als Reiter und Ausbilder.

Alle müssen?

Müssen wir denn jetzt alle vorwärts-abwärts? Und muss das alles quasi maßstabsgetreu nachgeritten werden?

„Alle müssen – das bedeuet ja fast schon eine Religion. Dabei haben wir es mit Anatomie zu tun – und die ist nun mal immer unterschiedlich und zutiefst individuell“.

Individuell ging es dann eben auch im Unterricht weiter. Für das Publikum gab es unterschiedliche Pferde und Ausbildungsstände zu sehen.

Da kam das schwere Kaltblut ganz leichtfüßig zum Tanzen, die früher sehr „heiße“ Paso Stute Mariquita hörte in der Cross-Over Arbeit am Boden wunderbar zu und zeigte schöne Hankenbeugung. Junge Spanier in der Grundausbildung und die ältere Dame „Swirre“ mit einem ganz und gar nicht idealen Rücken zeigten, was durch schonende Gymnastizierung möglich ist.

Ich war diesmal mit „Pina“ mit dabei. In der ersten Einheit waren unsere zwei Geister noch nicht wirklich in Einklang. Wir redeten da doch ein wenig aneinander vorbei – dafür bin ich Pina unheimlich dankbar für die zweite Einheit am Samstag und unseren tollen Abschluss am Sonntag. Wir konnten wieder viel Input mit nach Hause nehmen.

Wie unterschiedlich die Pferde des Kurses an ihre Hausübung gehen – das betonte Bent Branderup im letzten Theorievortrag. Er betonte noch einmal, dass man zwar ein paar goldene Regeln aufstellen könnte, allerdings könne die eine Herangehensweise für Pferd A vollkommen korrekt sein, für Pferd B aber nicht zum gewünschten Ziel führen.

Theorie ist nur sinnvoll, wenn sie eine Praxis begleitet.

Ist Bent Branderup uneinig mit Reitweisen? Nein, denn er sagt, es geht nicht darum nach welcher Reitweise man nicht reiten kann. Es geht darum Werkzeuge zu sammeln.

Und sammeln kann eine echte Leidenschaft werden, denn das Sammeln hört nie auf.

Sammeln wir also unsere Werkzeuge, dann Reiten wir Einfach. 🙂

 

Ich möchte mich an dieser Stelle sehr herzlich bei Bent Branderup für den einmaligen Unterricht bedanken. Danke an Andrea Harrer für die großartige Organisation vor Ort 🙂 Wir kommen sehr gerne nächstes Jahr wieder!

 

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Magische Meetings mit dem Pferd

Magische Meetings mit dem Pferd

Muss es immer Arbeit sein? Wissen wir eigentlich wo wir sind? Und was unser Körper sagt? Sind wir anwesend? Jossy Reynvoet brachte uns aus Belgien eine Menge „Awareness“ mit. Ein Kurswochenende, das wohl vielen eine Auszeit von der eigenen Kopflastigkeit brachte und das Zusammensein mit unseren Pferden nachhaltig verbesserte.

Was heißt denn eigentlich Freiheit oder Liberty?

Ich hocke im Sand im Roundpen. Meine Fuchsstute Tabby steht vor dem Ausgang und weiß nichts mit mir anzufangen. Ich gehe nicht drauf ein. Es ist absolut ok.

Sie ist. Ich bin. Wir sind.

Aber in diesem Moment noch nicht gemeinsam.

Dann plötzlich bewegt sie sich auf mich zu. Ich strahle über das ganze Gesicht. Tabby beschnuppert mich sanft. Ich betrachte den Wirbel auf ihrer roten Stirn. Das Abzeichen. Ihre neugierigen Augen. Mir wird bewusst, wie sehr ich diese aufgeweckten, immer neugierigen und auf ihre Art amüsierten Augen liebe.

Ich kann es nicht lassen. Vor lauter Freude strecke ich den linken Zeigefinger nach ihrer Nase aus. Und da ist es schon vorbei. Unser Zusammensein wird von mir kaputt getreten.

Tabby schreckt zurück. Nicht vor Angst. Ich weiß es ja eigentlich ganz genau.

„Berühre mich nicht im Gesicht“. Sie mag es nicht – und ich mag es eigentlich auch nicht. Ich bin kein Mensch, der sich plötzlich und überfallsartig gerne von anderen umarmen lässt. Tabby tickt da eigentlich ganz gleich. Und obwohl wir uns da so ähnlich sind vergesse ich vor lauter Freude ihre Intimzone zu respektieren.

Tabby entfernt sich. Jossy steht am Zaun und schickt mich durch das Roundpen. Ich soll meine Positionen wechseln. Tabby kann und soll selbst entscheiden was sie machen möchte – und ob sie überhaupt Lust hat etwas mit mir zu unternehmen.

Sie hat. Ich sitze auf der Brüstung des Roundpen und es dauert nur ein paar Sekunden, da steht mein schlaues Füchslein wieder neben mir und beschnuppert mich. Diesmal soll ich fragen, ob ich mich auf Tabbys Rücken schwingen darf. Das mit dem Einparken klappt nicht auf Anhieb. Die Gerte als mein verlängerter Arm soll helfen. Tabby kennt diese Hilfe – aber heute – wo wir nicht an Arbeit denken, wo sie tun und lassen kann, was sie möchte zeigt sie mir deutlich, was sie von meiner Frage hält. Und Tschüss; ist die Antwort. Tabby entfernt sich wieder von mir.

Es waren spannende Momente mit Tabby im Roundpen. In den letzten Monaten haben wir viel an der Bewegungsqualität getüftelt.

Und manchmal, ja manchmal kam dann doch vor lauter Kopfarbeit die Beziehungsarbeit – das einfach Sein zu Zweit zu kurz.

 

Liberty heißt für Jossy Reynvoet also, dass das Pferd die Freiheit hat zu entscheiden.

Für den Menschen heißt das: Keine Erwartungshaltung. Meetings nennt der sympatische Belgier diese Treffen mit dem Pferd.

Wie viel Freude ein solches Meeting machen kann, zeigen Jossy und Pasjo in folgendem Film.

 

Ein Kurs oder ein Meeting

Schnell wurde den Teilnehmern am Samstag und Sonntag klar, nachdem sie die einfühlsame Theorie rund um Körpersprache und Achtsamkeit von Jossy gehört hatten –wir wünschen uns alle ein Meeting mit dem Pferd.

Anton der Bewegungskünstler

Jeder kennt sie – die bekannten Vorher–Nachher Bildvergleiche. Egal ob es um Diäten oder Trainingserfolge geht. Spannend sind aber auch die Vorher – Nachher Beschreibungen. „Sparsam mit Energie“ – so hatte Eva ihren Warmblut-Wallach Anton vor dem Kurs beschrieben. Sparsam? In der Freiarbeit mit Jossy geizte Anton nicht mit Energie. Jossy und Eva forderten Anton einfach zum Herumtollen auf. Immer wieder folgte der dunkelbraune Wallach der Einladung bis Eva schließlich Seite an Seite schwungvollen, energetischen Trab und gesetzte, aufwärts getragene Galoppsprünge von Anton abfragen konnte. Ohne Kappzaum, ohne Longe. Nur gespiegelt. Und Anton zeigte, dass er wirklich Spaß an Bewegung hatte.

Binnen wenigen Minuten gab es so große Veränderungen in Mensch und Pferd – Gänsehautfeeling pur.

Aber nicht nur für dieses Paar.

Mikado, der Hengst und die Stute

Anja brachte überraschend und Last Minute ihren Youngster Mikado mit zum Kurs. Mikado ist ein dreijähriger Welsh Cob. Bislang hat er Anja und ihren Oldie Maybe im Gelände als Handpferd begleitet, hat uns am Reitplatz bei der Arbeit mit Maybe zugesehen oder war mit seiner Anja einfach mal im Gelände am Strick spazieren. „Eingeschult“ ist Mikado also noch nicht. Durch Maybes Verletzung war es für ihn also nicht nur Kurspremiere. Überhaupt: Sein erstes Mal in einer Halle – und dann schon ein paar Führübungen. Jossy unterstützte die beiden mit vielen spielerischen Elementen. Dabei simulierten Jossy und Anja gemeinsam Bewegung in der Herde. Das Ziel: Spaß an der Bewegung mit dem Menschen, Spaß am Zusammensein und am Lernen. Am Ende der Einheit wälzte sich Mikado zufrieden neben seiner Anja im Sand. Nähe und Verbindung waren deutlich spürbar. Mikado meisterte seine erste Aufgabe also ganz toll und wurde durch sein charmantes Auftreten zum Herzensbrecher des Kurses.

Zita, die magische Weise und Picasso der Malerische

Andrea und Lipizzanerstute Zita sind erst seit wenigen Monaten „zusammen“. Dass die beiden sich erst seit Jänner kennen, war für das Publikum bei Weitem nicht zu sehen. Besonders schön zu sehen: Andrea konnte sich mit Zita über Kleinigkeiten freuen und so wuchs Zita auf ihrem ersten Kurs „in der Fremde“ auch über sich hinaus. Aufmerksam lauschte sie Jossy und Andrea, als diese mit Hilfe von Körpersprache an „Intention Line“ und „Parallel Line“ arbeiteten. Das Ziel dabei: Verbesserung der Konzentration, der gemeinsamen Bewegung, der Achtsamkeit und des Bewusstseins. Dass die Zwei sich einfach gut verstehen und harmonisch miteinander Freude am Zusammensein und der Bewegung haben wurde in der letzten Einheit mit „Liberty“ deutlich.

Diese Harmonie zeigten auch Jana und Picasso im freien Spiel. Auch hier war dann das Thema – können wir auch frei reiten? Picasso und Jana haben einen so guten Draht zueinander – man konnte spüren, dass Picasso dieses Zusammensein nicht als „Arbeit“ empfand. An der Empfindung und am Gefühl tüftelte Jana dann auch mit Picasso an der Longe. Bilder im Kopf – die gab es nicht. Jossy verband Jana die Augen und so ging es um das Spüren – wann vergrößert Jana den Zirkel und schickt Picasso über die äußere Schulter? Wann klappt es mit der parallelen Linie zwischen den Beiden und kann man Paraden wirklich nur durch das Gefühl geben? Ja. Man kann. Und sah aus wie gemalt. Ein echter Picasso eben 😉

Kannst du mich spüren?

Unter diesem Motto wurde dann im Sattel gearbeitet. Jossy ging es um keine Lektionen, sondern um das Gefühl. Wie fühlen sich Haltparaden an. Wie können wir diese verfeinern? Was passiert, wenn man sich vom Pferd in der Bewegung einfach mal mitnehmen lässt? Und schaffen wir eine Parade aus dem Galopp zum Schritt nur über den Sitz. Ich war hier vor allem sehr fasziniert von unseren easy – Isi-Teilnehmern, die mit feinen Hilfen durch die Halle getanzt haben.

Und von den Ideen, die Jossy aus der Körpersprache heraus in den Sattel transportierte.

Einen Fotorückblick aus diesen Einheiten hat Pascale Reynvoet zusammengestellt – vielen Dank dafür.

Gemeinsam auf der Insel

Der Kurs ist vorbei. Die Begeisterung aber noch lange nicht. Nach der langen Fahrt zurück vom Flughafen möchte ich einfach Zeit mit Tabby verbringen. An diesem Sonntag möchte sie das auch mit mir. Gemeinsam sind wir im Roundpen. (Das Roundpen befindet sich übrigens im Pferdeschwimmteich auf einer Insel – wir haben also Inselzeit).

Ich spaziere herum. Es ist kalt geworden, die Herbstabendsonne wärmt nicht mehr. Ich ziehe meine Kreise durch den Sand. Und plötzlich ist Tabby hinter mir. Ich trabe an, laufe immer schneller und lache laut vor Freude. Hinter mir ein Quietschen und dann galoppieren wir beide nebeneinander. Ich bleibe stehen und lächle. Tabby steht neben mir. Ich berühre sie nicht. Sie legt die Nase auf meine rechte Schulter.

Ja. So schön ist Liberty.

Ich bedanke mich bei Jossy und Pascale Reynvoet für ein wunderbares Wochenende mit so viel Input, Herzlichkeit, Motivation und Freude.

Wir freuen uns auf die Fortsetzung 2017.

Treffen wir uns doch öfter mit unseren Pferden, dann reiten wir später Einfach

 

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„ Es geht darum, die Wahl zu haben..“

„ Es geht darum, die Wahl zu haben..“

Zum letzten Themenseminar auf dem Gestüt Moorhof mit Bent Branderup in diesem Jahr lud Marius Schneider, Meister der Akademischen Reitkunst nach Lüdinghausen im Münsterland ein. Das Thema: „Facetten der Bodenarbeit“. Teilnehmerin Stefanie Niggemeier hat die Highlights aus dem Seminar für uns zusammengefasst:

Welches Ziel hat die Bodenarbeit in der Akademischen Reitkunst?

Wenn wir mit dem Pferd vom Boden aus arbeiten, befinden wir uns in bester Gesellschaft mit den Alten Meistern. Auch sie haben vom Boden aus dem Pferd das erklärt, was wir „reiterliche Hilfen“ nennen . Mit Hilfe dieser Werkzeuge kann man dann Wichtiges erarbeiten.

  1. Es kann eine Kommunikation mit dem Pferd hergestellt werden
  2. Es kann ein Verständnis für Gleichgewichtszustände im Körper des Pferdes, mit jetzt in diesem Moment gearbeitet wird, erworben werden. Der Mensch hat die Chance, Probleme zu erkennen und zu definieren, er lernt zu sehen, was für ein Pferd er hier vor sich hat, wo zum Beispiel seine Abweichungen zum Ideal eines geschulten Reitpferdes sind und wie und wo man dann entstehende Probleme zu lösen hat. Es geht also um die Schulung der Wahrnehmung.
  3. Dann wird Gleichgewicht im Körper des Pferdes hergestellt. Das Pferd lernt, sich in einer „Selbsthaltung“ zu tragen: es ist in der Lage, den Brustkorb aus der Hinterhand im Takt der entsprechenden Gangart zu stabilisieren und in ein horizontales Gleichgewicht zu kommen. Kann es sich selber tragen, kann es auch mit zusätzlichem Reitergewicht belastet werden. „Es ist derselbe Brustkorb, auf dem man sitzt“, so Bent Branderup. In diesem Punkt der Ausbildung geht es also um die Formgebung des Pferdes.
  4. Hat man das Pferd nun schon so weit ausgebildet, ist auch der Mensch mit der Zeit in seinen Bewegungen immer koordinierter und seiner Wahrnehmung immer feiner. Jede
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    Stefanie Niggemeier mit ihrem Finn in der Handarbeit von außen geführt. Foto von Martina Glahe

    Bewegung, die er ausführt, wird beim Pferd eine Reaktion hervorbringen, so dass man sagen kann, dass die Körpersprache und die Körperwahrnehmung nun zu Primarhilfen geworden sind. Primär deshalb, weil der Mensch nicht aufhören kann, dem Pferd Informationen mit seinem Körper zu übermitteln, sei es durch Atmung, Muskelspannung, Stimmlage oder sogar Hormonausstoß. Die Sekundärhilfen , die Hilfen, die man bewußt an- und abschalten kann, wie Hand-, Zügel-, Schenkel-, Gerten-, oder Stimmhilfen sind zu diesem Zeitpunkt so geschult und können mit so viel Gefühl für das Pferd gegeben werden, dass sie mit in den Sattel genommen werden können.

Das Ziel der Bodenarbeit ist also ein Pferd in horizontaler Balance, das ein umfassendes Verständnis von Hilfen hat – selbst wenn es aufgrund verschiedener Faktoren niemals geritten wird , wie zB ein Shetlandpony.

„Die Bodenarbeit hat keinen Selbstzweck, sie ist vielmehr eine Art Reise. Zum Pferd, vor allem aber zu unserem Ich. Ich lerne schon am Boden, mich zu entscheiden, was für ein Mensch ich sein will. Wie gehe ich mit Konflikten um? Was braucht es, damit ich die beste Version meines Selbst leben kann? So gestalte ich meine tägliche Arbeit mit dem Pferd, um Zeit schön miteinander zu verbringen.“ (Bent Branderup)

Es wird also nicht nur eine körperliche Fähigkeit beim Menschen geschult, sondern eine gewisse Souveränität im Zusammensein mit dem Pferd erreicht.

Welche Techniken gibt es denn ,die in der akademischen Reitkunst für die Ausbildung des Pferdes vom Boden aus genutzt werden?

Die Alten Meister nutzten schon vor 400 Jahren den Doppelpilaren, zwei in den Boden der Reitbahn eingelassene Pfeiler, zwischen denen die Pferde fixiert und so geschult wurden.

Bent Branderup weiß, warum diese Methode heute nicht Sache für Jedermann sein sollte:

„ Zum Einen ist diese Technik mit großem Gefahrenpotential verbunden, wenn das Pferd sich aufregt. Es kann sich, aber auch den Menschen schwer verletzen. Zum Anderen hat sich durch züchterische Einflüsse auch die Biomechanik des Pferdes über die Jahrhunderte verändert. Durch Einkreuzung von Pferden, die viel Schub entwickeln und damit sehr geeignet als Fahrpferde sind hat sich nicht nur die Funktion vom Reitpferd zum Fahrpferd gewandelt. Dadurch haben sich auch die Gelenke der Hinterhand verändert – unter Spannung gesetzt, würden sie schnell verschließen. Daher müssen wir andere Wege gehen, um zur Geschmeidigkeit und Gymnastizierung zu kommen .“ (Bent Branderup)

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Marius Schneider zeigt wie fein Verbindung und Kommunikation sein können.

Hier bietet die Akademische Reitkunst eine Palette an Möglichkeiten an: 

In der Regel beginnt man die Ausbildung des Pferdes aus der sogenannten „Bodenarbeitsposition“: der Mensch geht rückwärts vor dem Pferd her, das er am Kappzaum führt, während er so das gesamte Pferd im Blick hat und beobachten kann, was im und mit dem Pferd passiert. Dann kann man beginnen, die Position zu verändern und zB ein wenig auf Distanz zum Pferd gehen, in die Longenposition.

„Wenn man nun bemerkt, dass das Pferd zusätzlich zu den Hilfen, die man von innen geben kann, auch äußere Hilfen bräuchte, arbeitet man sich langsam vor in das, was wir avanciertes Longieren und Cross-over nennen“, führt Bent Branderup aus. Hierzu läßt sich der Mensch in eine Langzügelposition zurückfallen, kann so mit der Gerte als Schenkelersatz das äußere Hinterbein unterstützen oder sogar nach außen-hinten wechseln und mit seinem Körper zum äußeren Schenkel werden. Braucht das Pferd mehr Unterstützung an der äußeren Schulter, kann dies mit Hilfe der Gerte oder des Körper geschehen- wir befinden uns in der Handarbeitsposition, in der wir einhändig die Reiterhand simulieren können.

„Es kommt nicht darauf an, sich auf eine Technik zu versteifen, sondern genau zu beobachten, wo das Pferd Hilfe braucht. Dann kann ich dort gezielt Unterstützung anbieten. Es gibt nicht die eine gute Technik, bin ich außen, sind die Hilfen von innen schwierig, bin ich innen, sind äußere Hilfen weniger stark. Es geht also um die Frage: wo kann ich Hilfen weglassen? Wo kann ich mich zurücknehmen und das Pferd ist trotzdem so unterstützt, dass es Lösungen finden kann?“ (Bent Branderup)

Wie sah das dann in der Praxis aus?

Marius Schneider und einige Schüler setzten die Theorie im Anschluss in die Praxis um. Die gespannten Zuschauer konnten so mit den Teilnehmern von und durch verschiedene Pferde mit unterschiedlichem Ausbildungsstand und Problemen lernen. Dem Publikum wurde schnell klar, dass die Ausbildung des Pferdes eine völlig individuelle sein muß. Denselben Weg? Den kann es unmöglich zweimal geben.

So machten Unterschiede beim Exterieur, aber auch die verschiedenen Persönlichkeiten der Pferde, wie auch der Menschen es absolut unmöglich, eine Vorgehensweise nach Schema „F“ abzuspulen.

„Ausbildung darf zu keiner Religion werden, sondern muß eine Reise durch ein Haus mit vielen Räumen sein. In diesen Räumen gibt es Türen, die man öffnet. Sieht der Raum dahinter gut aus, ist das, was ich in dem Raum finde sinnvoll für mich und mein Pferd in diesem Moment, dann trete ich ein und kann weitere Türen öffnen. Manchmal verirre ich mich – das gehört dazu und ist menschlich. Manchmal finde ich etwas, was mir zwar jetzt nutzt, aber in 14 Tagen vielleicht nicht mehr. Dann muß ich weiterziehen – oder zurückgehen. Es geht in der Reitkunst nicht ums Finden, sondern ums Suchen.

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Stefanie Niggemeier mit „Nyx“ in der Arbeit am langen Zügel. Foto: Martina Glahe

Ebenso verhält es sich mit den Schriften der Alten Meister: Welche Dinge waren in der Pferdeausbildung in der Vergangenheit nützlich und sind es heute noch? Genau diese Punkte soll sich der geneigte Leser herauspicken, von allen Seiten kritisch betrachten und schließlich in die Arbeit integrieren – oder eben auch verwerfen. Akademische Reitkunst wird so zu einem Stück gelebter Archäologie.“ (Bent Branderup)

 

Die Wahl zu haben, verschiedenen Dinge auszuprobieren, Techniken, Lektionen, Führpositionen zu nutzen oder sie wieder zu verwerfen, sich frei entfalten zu dürfen, die eigene Persönlichkeit entwickeln zu dürfen, gemeinsam mit dem Pferd; das Pferd stolzer, schöner, gesünder zu arbeiten „ so, dass das Pferd von anderen Pferden als schön befunden wird“, zitiert Branderup die unvergessenen, bereits  2400 Jahre alten Gedanken Xenophons.

Diese Wahl sei ein Privileg, welches nicht leichtfertig verschenkt werden solle; Nicht das, was andere Menschen über das denken, was sie in unserer Arbeit sehen, kann hier zählen, sondern das Ziel solle stets sein, sich so gut zu schulen wie nur möglich und so in den Augen unserer Pferde so kompetent und interessant zu sein, dass sie sich uns gerne zuwenden mögen. Verständnis, Wahrnehmung und respektvoller Umgang, sowie klare Aussagen der uns zur Verfügung stehenden Hilfen bringen uns dann in den Genuß, mit dem Pferd einen Paartanz zu erleben, „in dem der Mensch als Herr die Musik hört und in seinem Körper fühlen und umsetzen gelernt hat und das Pferd als Dame nicht dominiert werden muß, sondern sich gerne führen lassen möchte, weil es so angenehm ist.“

Dieses Seminar war ein runder Abschluß eines gelungenen Jahreszirkels von Themenseminaren auf dem Gestüt Moorhof  von Marius Schneider.  Meine Pferde und ich waren dankbar für dieses Kursjahr voller Inspiration und vieler großer und kleiner schöner Momente. Wir freuen uns schon auf eine Fortsetzung im kommenden Jahr.

 


Ein Herzliches Dankeschön an Stefanie Niggemeier für die Zusammenfassung des letzten Themenseminars bei Marius Schneider.
Das macht doch wirklich Vorfreude auf unser Seminar mit Bent Branderup in Ainring bei Salzburg am 15. und 16. Oktober 2016.

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