Von Balance und ehrlichen Pferden

Von Balance und ehrlichen Pferden

Hanna Engström in Österreich

Viel zu oft neigen wir in der Ausbildung eines Reitersitzes dazu, den Reiter in Schablonen – oder anderes gesagt – in ein perfektes Bild zu pressen.

Steifheiten und Unsicherheiten im Sitz sind vorprogrammiert. Nicht jedoch wenn Hanna Engström ins Spiel kommt.

Im Dezember 2016 habe ich eine wunderbare Trainerfortbildung bei Hanna genossen – letzte Woche war ich in Oberösterreich „Mäuschen“ als Hanna dort erstmals zu einem Kurs geladen wurde.

Gleich zu Beginn bricht Hanna wie gewohnt das Eis. Kurssprache ist englisch, aber die lockere Art der schwedischen Trainerin lässt sämtliche Sprachbarrieren vergessen. Hanna fragt zunächst mal alle Teilnehmer nach ihren speziellen Wünschen und Zielen für den Zweitageskurs. Natürlich wünscht sich jeder der Teilnehmer am Sitz zu arbeiten, schließlich ist Hanna für ihr spezielles Sitzprogramm bekannt.

Warum sich die Pferde aber im Gelände gut sitzen und steuern lassen und im Viereck noch nicht – hier stellt Hanna einige Fragen, die auch zum Nachdenken anregen und erklärt warum wir überhaupt die Dressur nutzen.

„In der Akademischen Reitkunst stellen wir dem Pferd quasi seinen eigenen Körper nochmal vor. Es lernt sich neu kennen und soll als Reitpferd ein eigenes Körperbewusstsein entwickeln. Erst dann arbeiten wir mit der Schulung der Hilfengebung und der Verfeinerung dieser“, erklärt Hanna.

Für den Reiter ergibt sich durch die detailgenaue Arbeit die Fähigkeit den Pferdekörper zu „lesen“ um beispielsweise Balanceprobleme rasch und unproblematisch zu entschlüsseln.

Balance

Balance ist überhaupt das Stichwort für den ersten Teil in Hannas „Seat Program“. Dabei werden die Pferde im Unterricht geführt oder longiert, der Reiter kann den gesamten Fokus auf sich selbst legen und hat so die Möglichkeit sich voll und ganz auf seinen Sitz zu konzentrieren. Neben dem Kappzaum bevorzugt Hanna einen Ledersattel in Punkto Ausrüstung. Sinn dahinter ist die Vermeidung von Druck afu den Pferderücken. Die ersten Übungen betreffen schließlich den Reiter ganz alleine, daher möchte Hanna vor allem bei unbekannten Schülern den Rücken der Pferde entlasten.

In der ersten Einheit sitzen die Reiter also später auf und Hanna „interviewt“ den Reiter durch den gesamten Körper. Wo sitzen Verspannungen? Wie ist das Gefühl in den Füßen, in den Beinen, in den Waden, in den Oberschenkeln? Wie sitzt man auf? Was spürt man wo? Wie können wir Balanceunterschiede aufspüren? Wo möchten wir eventuell eigene Schiefen im Körper ausgleichen?

Bevor es aber auf die Pferderücken geht, lässt Hanna noch ein paar Körperübungen in der Halle erfühlen. AUch hier spüren wir in die Balance und fühlen, wie wir auf unseren Füßen stehen. Wie fühlt es sich an, auf Zehenspitzen oder auf der Ferse sein Gewicht auszubalancieren? Wann und wo verliert man eher die Balance? Einige Übungen werden auch noch für die Öffnung, Rotation und Beweglichkeit des Brustkorbs gemacht. Wie immer fragt Hanna alle Teilnehmer nach Schmerzen, Unsicherheiten und dem Gefühl.

Es ist sehr spannend später die einzelnen Reiter in der Praxis zu beobachten – vor allem da ich hier keinen der Teilnehmer kenne. Sind meine eigenen Schüler am „Start“ hört das Analysieren im Kopf auch nicht auf, so kann ich mich also quasi voll und ganz zurücklehnen und Hannas Analysen folgen.

Die Reiter fühlen sich teilweise beweglicher, nach der ersten Einheit sind bereits durch die ersten Übungen mit Achtsamkeit und Körperbewusstsein kleinere Blockaden verschwunden, einige Teilnehmer geben an, nun sicherer im Sattel zu sitzen, tiefer ans Pferd zu kommen bzw. leichter mit der Bewegung mitzuschwingen.

Nach der Mittagspause lässt uns Hanna Kreise ziehen. Ich stelle fest, dass meine Bewegungen noch immer im Herzrhythmus laufen. Was das bedeutet?

Bei meiner Weiterbildung bei Hanna habe ich herausgefunden, dass ich mich selbst lieber im Rhythmus meines Herzens, als im Rhythmus meines Atems bewege. Das erzeugt im Alltag gerne eine innere Unruhe, wenn ich stillstehen muss, in der Bewegung komme ich so in einen schönen Einklang mit mir selbst.

Daran hat sich jedenfalls nichts geändert. 😉

Das ehrliche Pferd

In der Nachmittagseinheit „interviewt“ Hanna nicht mehr den Reiter, sondern das Pferd. Hanna möchte über den Reiter jede einzelne Bewegung des Pferdes erfahren. Und das funktioniert so:

Hanna stellt verschiedene Fragen, der Reiter spürt ins Pferd hinein und gibt die Antwort.

So erfahren wir als Zuschauer quasi von den Pferden, wie sich die Wirbelsäule der Tiere bewegt, welche Biegung ihnen leichter fällt auf dem Zirkel, nämlich nach links oder nach rechts? Wo hat sich der Hals hinbewegt? Ist das Genick nachgiebig und fühlbar? Was spürt denn der Reiter vor oder hinter de m Sattel? Keine Antwort ist übrigens falsch – immer wieder ist es erstaunlich wie rasch Reiter Bewegungen erfühlen – oder anders gesagt – wie genau die Pferde unseren Fragen antworten.

Ich freue mich bereits auf einen erneuten Besuch bei Hanna im Dezember 2017. Und für alle, die nicht einen „magischen“ Besuch bei Hanna auf Gotland unternehmen können – im April 2018 kommt Hanna auch zu uns nach Österreich auf den wunderbaren Sonnenhof. 🙂

Mehr über Hanna gibt es in meinen Reiseberichten Teil 1 und Teil 2.

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Kursbericht Bent Branderup 2017

Kursbericht Bent Branderup 2017

Das ideale Pferd – Nur eine Illusion?

Kursbericht

Bent Branderup

Graz, 01./02. Juli 2017

Sommertage, Sonnenhof, sonnige Gemüter und 120 rauchende Köpfe. Der südlichste Bent Branderup Kurs steckte wie immer voller Inspiration und Motivation. Diesmal gab es auch das erste Themenseminar mit der Frage: „Welches individuelle Training für das individuelle Pferd?“.

Wie sieht es aus, das ideale Pferd?

Bent Branderup führte uns erneut auf eine Reise durch den Pferdekörper – und zwar von hinten nach vorne. Der Motor sitzt ja bekanntlich in der Hinterhand, also haben wir genau analysiert, wie die Hinterhand der Pferde aussehen muss. Bei einem idealen Körperbau spricht man im Spanischen von einer „Melonenkruppe“. Für Bent die nicht ganz korrekte Übersetzung, er zieht wegen der „Rinne“ in der Hinterhand eine Pfirsichkruppe vor. Es bleibt also nicht nur bei den Früchten sommerlich.

Der Schweifansatz ist am besten tief. Direkt unter der Hüfte sollte sich das Kniegelenk befinden, mit dem Sitzbein auf halber Höhe entsteht im Idealfall ein Dreieck mit gleich langen Seiten. Dieses Bild entspricht einer guten Fähigkeit zur Versammlung, welche durch die Positionierung der Sprunggelenke und Röhrbeine direkt unter dem Sitzbein komplettiert wird.

Kursfotos von Katharina Gerletz

Über Schubkraft und Hufabnützung

Was, wenn aber die Schubkräfte und damit der Rückschub aus der Hinterhand dominieren? Bent skizzierte vielerlei Möglichkeiten: das Pferd wird in der Hinterhand breit, der Brustkorb wird nach vorne gedrückt. Auch bei den Kutschpferden lernten wir, wie stark sich eine zu hohe Belastung auf beispielsweise nicht gerade gestellte Gelenke auswirkt, wenn der Hinterfuß nicht mehr gerade nach hinten schieben kann.

Weiter ging es in der Theorie um die Frage der Hufabnutzung, sowie die Auswirkung von weichen Fesseln und einer säbelbeinigen Stellung. Bent Branderup wurde hier kritisch:

Umwelteinflüsse wirken sich stark auf die Hufe aus. Es ist sehr wichtig, dass das Pferd gesunde Hufe hat, daher ist es für mich ein großes Problem, dass man Hengste bei der Körung vorstellen darf, die Hufeisen tragen. Meiner Meinung nach müsste man auf einer Betonfläche ein paar Kieselsteine rausschmeißen und dann müsste das Pferd barhuf drüber laufen können.

 

 

 

 

Kann der Hengst das nicht, raus aus der Zucht. Wir haben Pferde gezüchtet, die Hufe wie Dachpappe haben.

Ganz schlimm ist es bei bei den Vollblütern, 80 Prozent werden keine zwei Jahre alt. Aus einem sehr taffen Pferd wurde ein Porzellanpüppchen gemacht. Früher waren die Rennen „point to point“, das waren 11 km, heute werden nur noch 3.00 Meter zurückgelegt – das kann eine Omi mit einer Einkaufstasche laufen. Die Oma kommt aber die gleiche Strecke auch wieder zurück. Das schnellste Pferd der Welt muss sich nach einer solche Distanz aber erst erholen.

Über die Aufzucht

Was sollen unsere Reitpferde bringen – früher als die Vollbluter für mehr Kraft gezüchtet wurden und größeren Belastung ausgesetzt waren, waren sie interessante Veredler für die Reitpferdezucht. Ausgangspunkt waren landwirtschaftliche Stuten mit dem Ziel Kavalleriepferde zu züchten. Dabei ist es logisch, dass man etwas Leichteres brauchte. Besonders in Deutschland, wo man sehr viele Kavalleriepferde benötigte, war der Vollblüter der nahe liegende Gedanke, um ein solches Pferd zu züchten.

Prüfen Sie immer, ob die Hufe in Ordnung sind. Wir können viele Dinge ändern, aber schlechte Hufe per se sind ein Problem. Die Hufqualität kann natürlich auch mit der Fütterung zusammen hängen. Man sollte aber kein Pferd kaufen, das mit schlechter Fütterung aufgewachsen ist – das bedeutet immer Mangelerscheinungen und die kann man zum Teil auch am Huf erkennen. Hat man den Verdacht, dass die Hufe nicht in Ordnung sind, könnte auch die Darmkultur betroffen sein. Das Pferd kann keine Darmkultur bei schlechter Fütterung entwickeln. Durch einen aufgegasten Bauch scheint das Pferd gesund – sobald man die Fütterung ändert kommt es zu Problemen mit Koliken.

Ich sehe besonders in Spanien sieht man zwei bis dreijährige Pferde, die schauen aus wie 12jährige Schulhengste. Es geht nicht dass ein dreijähriges Pferd aussieht wie ein Schulhengst, dann sehen die Knochen aus wie Schweizer Käse, dann haben die Pferde mit großer Wahrscheinlichkeit Osteoporose. Ein Blender sieht dann aus, wie ein tolles Pferd.

Ein Beispiel aus Hollywood gab es auch über die Aufzucht:

Kennt ihr den Film Hidalgo? Da gewinnt der Mustang in der Wüste gegen arabische Pferde, die ja eigentlich in der Wüste aufgewachsen sind. Die Geschichte ist wahr und kein Hollywood Stoff. Der Grund warum der Reiter siegreich war – er ritt einen Mustang, der in der Wüste Nevadas aufgewachsen war. Gleich wie die Araber, aber diese Pferde wurden im Zelt gehalten, die Kamele haben ihnen außerdem noch das Wasser nachgetragen. Daher konnte der Held mit dem Mustang den Arabern davon laufen.

„Ein Forscherteam wollte die Hufe von Mustangs studieren. Die angefütterten Pferde bewegten sich aber nicht mehr, der Hufabrieb war nicht mehr gegeben. Das war keine logische Forschung.“

Von der Aufzucht zur Bewegungsqualität

In Österreich brauche ich die Lipizzaner ja eigentlich gar nicht zu erwähnen. Bessere Aufzuchtbedingungen kann ich ja gar nicht kriegen. Es spielt bei einem jungen Pferd doch eine relativ große Rolle, wie sich die Hufe und Knochen, Sehnen und Bänder entwickelt haben. Wir besprechen im Kurs eine ideale Winkelung der Gelenke. Wir können aber auch durch Röntgen nur begrenzt in die Gelenke schauen – eine gute Aufzucht ist in jedem Fall maßgeblich.

Von den Mängeln im Gebäude ging es in Bents Vortrag weiter zur Bewegungsqualität und zur Analyse, wie Hinterbeine korrekt ab- und auffußen. Dabei stellte der dänische Ausbilder zur Diskussion, ob man die einzelnen Kräfte, die auf die Gelenke und den Körper des Pferdes wirken nicht besser nach ihrer Effizienz benennen müsse. Das unterstreicht, warum wir an einer guten Tragkraft interessiert sind.

Die Hinterhand soll eine bestimmte Tätigkeit haben, betrachten wir nun Knie- und Sprunggelenk.  Diese beiden sind bei Pferden aneinander gekoppelt. Sie können sich nicht separat voneinander bewegen. Das ist beim Menschen so, dass wir beispielsweise Knie- und Fußgelenk separat bewegen können.

Pferde können das Knie schließen, um im Stehen zu dösen und daran ist auch das Sprunggelenk beteiligt.  Knie- und Sprunggelenk sind für das Heben des Fußes am meisten beteiligt. Auch das Hüftgelenk –  sprechen wir aber vom Heben des Beins, dann sind Knie und Sprunggelenk von besonderer Bedeutung. Haben wir ein Pferd, das die Zehe schleppt, dann brauchen wir für lange Strecken auf Asphalt bestimmt Eisen.

Wie sieht ein ideales Abfußen, Heben und Vorgreifen des Fußes aus? Wie sieht ein ideales Auffußen aus? Bei diesen Gedanken geht es nicht nur um die Abnützung der Hufe, sondern auch um die Abnützung der Gelenke darüber.

Wie bewegt sich das Pferd? 

Wir müssen uns genau fragen, wie Gelenke unterschiedlich belastet sind – auch die natürliche Form ist zu betrachten. Es kann sein, dass ein Gelenk von Natur aus schief ist. Wenn das Hüftgelenk die Zehe nach außen dreht, dann sind möglicherweise Probleme in Knie- und Sprunggelenk vorprogrammiert. Über die Arbeit mit den Muskeln schulen wir das Hüftgelenk zu einem geraderen Fußen. So wollen wir ein sauberes Ab- und Auffußen über den Boden erarbeiten. Der Vorgriff soll das Bein unter die Masse des Pferdes heben, dabei wird das Becken des beweglichen Hinterbeins gesenkt, alle Gelenke der Hinterhand sind in der Bewegung gebeugt.

Bewegt die Hinterhand den Huf nach vorne, wollen wir wie gesagt ein Auffußen unter der Masse des Pferdes haben. Gehen wir von Xenophon aus, dann reiten wir die Hinterfüße des Pferdes nach vorne und geben ihm eine Parade, so dass es in den Gelenken der Hinterhand beugt. Wenn das Pferd die Hilfen aber nicht versteht und die Hinterhand nicht beugt, dann helfen unsere Paraden nicht viel. Auch wenn die Hinterhand nicht nach vorne unter den Bauch gebracht wird, sind unsere Paraden zwecklos.

Hier sind wir beim mentalen Punkt, denn ich kann versuchen, dem Pferd zu erklären, was ich von ihm will, aber das Pferd muss schließlich seine Muskeln, Knochen, Sehnen und Bänder bewegen. Ich kann das Pferd also nur auffordern, ausführen muss es das Pferd selbst.

Würde ich ein Kutschpferd haben, dann kann der Fuß hinten raus schieben, um den Brustkorb ins Geschirr zu drücken. Das Reitpferd soll mit dem Hinterbein aber unter die Masse greifen, die es tragen soll. Wenn das Pferd auf dem exakt richtigen Punkt auffußt, hab ich aber noch keine Garantie, dass es mit dem Fuß die gewünschte Kraft erzeugt. Leider nennen wir das Schubkraft. Das ist für mich eine falsche Beizeichnung, denn Schubkräfte sind Kräfte, die den Brustkorbs ins Geschirr drücken. Wir müssen also Kräfte so definieren, wie wir uns auch ihre korrekte Ausführung wünschen.

Wird der Brustkorb nach vorne geschoben, dann können wir also nicht von Tragkraft sprechen. Wenn ich die Wirbelsäule nun aufzeichne – von hinten nach vorne – dann sieht man, dass die Wirbeln eigentlich nach vorne unten verlaufen. Ein „gerader Rücken“ wird erst durch die Dornfortsätze gebildet, zumindest unsere Idee eines geraden Rückens.Wir wünschen uns einen kurzen geraden Rücken.

„Der Grund ist erklärbar mit folgendem Beispiel. Nehmen wir an, Sie setzen sich auf einen Ast eines Baumes. Wo wird der Baum besser tragen? Nahe am Stamm trägt der Ast Sie besser als ganz weit vom Stamm entfernt. Je weiter man vom Stamm entfernt sitzt, umso eher drückt man den Ast herunter. Daher möchten wir auch einen kurzen Rücken haben, damit es dem Pferd leichter fällt, den Brustkorb zu heben.“

Kursfotos von Katharina Gerletz

Rücken und Schulter

Für das ideale Pferd wünschten wir uns einen kurzen, geraden Rücken. Dass Bents Frederiksborger Tysson nicht unbedingt das ideale Fundament aufweist überraschte dann bei Bents Schilderungen doch viele Hörer aus dem Publikum, die den Rappen lediglich aus Bents Buch „Akademischer Reitkunst“ in perfekter Formgebung (beispielsweise in einer Levade) kennen.

Tysson sieht aus wie ein Dackel; wir hätten gerne ein kurzes Pferd mit geraden Vorderbeinen. Der Nachteil beim kurzen Pferd: die Vorderbeine sind relativ nahe an den Hinterbeinen. So kann der Hinterfuß das Vorderbein möglicherweise verletzen. Ein Pferd, das quasi zu kurz ist, greift mit dem Hinterbein extrem nach vorne, der Vorgriff wird durch das Vorderbein begrenzt und so kommt es zu Verletzungen oder Überbeinen, die sich das Pferd selbst schlägt. Diese Probleme haben wir auch bei Pferden, die auf die Vorhand geritten werden.

Die Rechnung: Je kürzer das Pferd und umso langbeiniger kann auch nicht stimmen, je kürzer und langbeiniger umso besser, aber trotzdem nicht ganz wahr. Wir müssen alles genau im Verhältnis miteinander betrachten.

Gehen wir mit unserem Blick zur Schulter weiter – dann fangen wir mit unserer Analyse am Schulterblatt an. In der modernen Zucht ist eine lange, schräge Schulter erwünscht. Wir können fast sagen, wir wünschen eine horizontale Schulter mit Schräge nach oben. Warum dies ein Zuchtziel ist?

Im Grunde liegt dies an der Art und Weise wie wir heute reiten – nämlich wesentlich mehr auf der Vorhand. Der Brustkorb hat keine knöcherne Verbindung zur Wirbelsäule, Pferden fehlt das Schlüsselbein. Der Brustkorb ist relativ frei im Gewebe aufgehängt – je größer die Schultern sind, dann gibt es umso mehr Gewebe für die Aufhängung. Bei einem kleinen Schulterblatt ist das Gewebe entsprechend weniger. Die Größe eines Knochens ist für die Menge an Muskulatur ausschlaggebend. Wenn man also ein großes Jochbein hat, dann liegt viel Kaumuskulatur darüber. So kann man in der Kriminalmedizin auch an Skeletten die Muskeln nachzeichnen.

Wir brauchen heute viel Aufhängung, da wir die Pferdeschultern stark belasten. Daher brauchen wir die langen Schultern; wenn wir diese mit den alten Barockpferderassen vergleichen, die mehr auf die Hanken geritten waren, da sahen die Schultern noch anders aus.

Dass den Schultern nicht so viel Beachtung geschenkt wurde, lag früher daran, dass man die Pferde korrekt auf die Hanken gesetzt hatte – wichtig wäre heute daher die korrekte Lage bei guter Bemuskelung des Brustkorbs, vor allem rund um den Widerrist. Aber auch die beste Hinterhand nutze nichts, wenn man lediglich auf der Vorhand reite und die Hinterhand quasi „mitschleppe“.

Kursfotos von Katharina Gerletz

Sind wir in der Reitkunst taktlos?

Ja, kam es sehr kritisch von Bent:

„Es ist keine Reitkunst, wenn man dem Pferd die Natur nimmt. Wir brauchen saubere Schwungbilder in allen Gängen des Pferdes. Es lohnt sich daher auch den Takt in der Ausbildung voranzustellen. Dabei müssen wir das Pferd innerhalb seiner natürlichen Fähigkeiten fördern“.

Für viele Reiter zählt einzig die Kopfposition des Pferdes. Gerade bei Fohlen mahnte der dänsiche Ausbilder zur Vorsicht, denn durch unsachgemäßes Führen könne ein Halfter bereits Schäden an der Halswirbelsäule oder sogar am Kiefergelenk anrichten. So können erste Schädigungen bereits an das spätere Reitpferd weitergegeben werden. Kommt es dann in der weiteren Ausbildung zu einer erzwungenen Kopfposition verspannt sich die Oberlinie, dies zeigt sich dann auch in einer mangelhaften Hinterhandaktivität.

„Die Reiterhände können das Gleichgewicht des Pferdes nicht halten“.

Der Pferdehals ist im Idealfall hoch aufgesetzt, mit ausreichender Ganaschefreiheit. Der Pferdekopf muss ausreichend Platz für die Zähne haben, was bei einem Hechtkopf im Extremfall nicht möglich ist. Der Unterkiefer muss ausreichend beweglich bleiben.

„Die Dressur ist für das Pferd da, nicht das Pferd für die Dressur“

Vom Schulterblatt ausgehend analysieren wir den Oberarm, und auch hier haben wir einen Belastungsbereich zu beobachten, indem wir sehen, wie die Oberarme an sich in Relation zum Schulterblatt bewegen. So manche Pferde haben „kniehohe Bewegungen“, wobei damit das Karpalgelenk gemeint ist. Darunter wird fälschlicherweise oft Schulterfreiheit verstanden, echte Schulterfreiheit zeigt sich aber wie der Brustkorb aus der Hinterhand getragen wird.

Die Schulter ist nur dann frei, wenn sie frei ist von der Last des Brustkorbs und von der Last des Reiters, der den Brustkorb ja zwischen den Schultern des Pferdes nach unten drückt.

Die gute Ausbildung besteht also darin, dem Pferd beizubringen, den Brustkorb erneut zu entlasten.

Nur weil die Vorderbeine von Natur aus bei manchen Rassen stark nach oben gehen hat das Pferd noch keine Schulterfreiheit.

Die Position von Ellenbogen und Schulter hat eine größere Bedeutung als man denkt. Wenn der Brustkorb zwischen den Schultern absackt, sieht man wie der Ellenbogen in den Pferdekörper „hinweinwächst“  – scheint es so, asl würde der Ellenbogen quasi auf dem Bauch sitzen, dann wird die Beweglichkeit der Vorderbeine stark eingeschränkt, das kann auch beim Wenden ein Problem sein.

Der Brustkorb ist beim jungen Pferd erst ausgewachsen, wenn der Zahnwechsel vollzogen ist.

Das dauert meist bis zum sechsten Lebensjahr.

Wenn wir die Vorderbeine betrachten ist es bei einem jungen Pferd noch nicht so schlimm, wenn die Zehenspitzen nach außen zeigen. Der Brustkorb wird noch die Ellenbogen bewgen, die Zehen stehen dann beim ausgewachsen Pferd meist gerade. Zeigen die Zehen aber nach innen, dann wird dieses Problem nochmal verstärkt.

In der Praxis wurden die verschiedenen Pferde dann auch hinsichtlich ihres Gebäudes analysiert, die Einheiten auf die Pferde abgestimmt. Am Kurs mit dabei waren Vollblüter, Spanier, Lipizzaner, Warmblüter, ein Mix aus Kaltblut und Spanier.

Besonders freue ich mich auch über drei bestandene Boden- und Longenarbeitsprüfungen meiner Schülerinnen Viktoria Portugal und Amira, Jana Fuchsberger und Picasso und Sonja Grätz und Stormy. Gratuliere Mädels – ihr habt alles ganz wunderbar gemeistert! Danke auch an Silke Linhart und Lurko für ihren Besuch am Sonnenhof – schön, dass unser Austausch der Distanz trotzt. Auch Petra Lintner und Milo – Danke, dass ihr da ward! Ein Bravo auch an Jaana Freitag und ihre Serenade, die auch die Kurspremiere gemeistert haben! 

Vor dem Kurs ist bekanntlich nach dem Kurs. Das nächste Treffen mit Bent gib es im Oktober 2017 bei Andrea Harrer in Ainring bei Salzburg. Alle Infos für Interessierte gibt es unter folgendem Link

Der nächste Kurs in Graz wird auch langsam vorbereitet – nachdem wir uns mit dem maßgeschneiderten physischen Programm beschäftigt haben, wird uns Jossy Reynvoet mit Freiarbeit, Basisarbeit und Jungpferdearbeit im Oktober begeistern. 

Mehr Infos zu weiteren Kursen im heurigen Jahr bekommt ihr unter folgendem Links:

Kursbericht Schubkraft versus Tragkraft

Kursbericht Schubkraft versus Tragkraft

Welche Kräfte können wir uns als Reiter zu Nutze machen? Brauchen wir Tragkraft oder müssen wir die Schubkraft gleichermaßen ausbilden? Und wo werden auch Definitionen und unterschiedliche „Wordings“ zu möglichen Stolperfallen?

Die Definition von Schub- oder Tragkraft bezieht sich auf die Wirkung der Kräfte. (Bent Branderup)

Gustav Steinbrecht spricht von Federkraft. In seinem Werk „Das Gymnasium des Pferdes“ beschreibt er sehr genau, wie die Hinterbeine des Pferdes Kräfte auf die Wirbelsäule des Pferdes übertragen.

Auch wir Zweibeiner müssen uns mit Tragkraft beschäftigen. Kommen wir aus der Balance müssen wir uns auf zwei Beinen austarieren. Im Gegensatz zu uns Menschen kann das Pferd allerdings auf die Vorhand fallen.

In der Theorie erläuterte Bent Branderup genau, wie die Winkelung der Hinterhand aussehen muss, damit die Kraftübertragung in den gesamten Pferdekörper optimal verläuft. Was bedeutet eine weiche Fesselung für das Reitpferd? Generell wird diese ja als Schönheitsfehler für das Reitpferd bezeichnet, eine steile Fesselung kann das Pferd allerdings leichter beeinträchtigen – vor allem die Sehnen des Reitpferdes in Mitleidenschaft ziehen.

Spannend ging es bei Betrachtung von Schubkraft und Tragkraft weiter, wenn man sich die Abnützung der Hufe genauer betrachtet. So nutzen sich Kutschpferde durch das Übermaß an Schubkraft eher die Zehen ab, während ein Pferd, das sehr viel in der Levade gearbeitet wird und somit mehr Tragkraft entwickelt hat, vermehrt die Trachten im hinteren Hufbereich abläuft.

In der Bewegung lässt sich das Auge auch ganz gut schulen, wenn man Hufe und Fesselköpfe betrachtet. Wie fußt der Huf auf? Dreht der Fesselkopf des äußeren Hinterbeins nach außen? Dann wäre das Pferd nicht zirkulär unterwegs sondern linear.

Die Drehbewegung kann allerdings nur im Fesselkopf stattfinden – das Sprunggelenk bleibt „gerade“, allerdings wird es durch die falsche Kraftübertragung natürlich auch in Mitleidenschaft gezogen.

Dieser „Drehmoment“ gibt auch über die Dominanz der Schubkraft Aufschluss, das Pferd kann aber auch einfach steif bleiben ohne diese Drehbewegung zu zeigen. In jedem Fall gibt die Abnutzung des Hufes darüber Information, ob Schub- oder Tragkräfte vorherrschen.

Als Reiter müssen wir über die Anatomie der Hinterbeine bescheid wissen. Wir verstehen, das Sprunggelenk und Knie zusammen geschaltet sind – das heißt sie reagieren gleichzeitig. Bleibt das Sprunggelenk steif, bleibt es zumeist auch das Knie. Eine Beugung im Hüftgelenk muss sich nicht automatisch auf Knie und Sprunggelenk übertragen. Die „Zusammenarbeit“ der letzt genannten Gelenke macht auch das ermüdungsfreie Schlafen im Stand für Pferde möglich.

Für den Reiter, der die Hinterbeine zur Beugung animieren möchte ist es auch wichtig zu wissen, dass die Tätigkeit der Hüfte nach „vorne unten“ angestrebt werden muss. Ein Heben der Hüfte in Versammlung führt zur so genannten „Rüden Pinkel Piaffe“. Die Gymnastizierung von Muskeln ist langwierig, von Sehnen und Bänder jedoch noch länger.

Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade! Unter diesem Vorwärtsreiten verstehe ich nicht ein Vorwärtstreiben des Reiters in möglichst eiligen und gestreckten Gangarten, sondern vielmehr die Sorge des Reiters, bei allen Übungen die Schubkraft der Hinterbeine in Tätigkeit zu erhalten, dergestalt, dass nicht nur bei den Lektionen auf der Stelle, sondern sogar bei Rückwärtsbewegungen das Vorwärts, nämlich das Bestreben, die Last vorwärts zu bewegen, in Wirksamkeit bleibt. Man befähige das Pferd durch Übung, seine Schubkraft durch Belastung bis zum Äußerste zu beschränken, man unterdrücke sie aber niemals durch Überlastung!

Gustav Steinbrecht

Gelenke können sich jedenfalls in Beugung und Streckung befinden – werden die Gelenke bis zum Anschlag geöffnet, dann überwiegt die Schubkraft, die Fesselköpfe sind dann relativ stark belastet. Pferde fangen dann an in der Zehe über zu rollen.

Wir müssen die Gelenke geschmeidig machen, dass sie sich gut heben – fällt das Pferd auf die Vorhand, dann kann der Brustkorb nicht schwingen.
Wenn sich das Pferd nicht selbst tragen kann, dann kann es wohl kaum einen Reiter tragen.

Sehr anschaulich demonstrierte Bent Branderup wann das Pferd tragen kann und wann nicht. Aufgestützt auf einem Sessel, mit weit ausgestellten „Hinterbeinen“ war so deutlich sichtbar, wann Tragkraft unmöglich, wann eine Fehlbelastung für den Rücken spürbar wird.

In der Theorie legte Bent Branderup Hauptaugenmerk auf unsere Wahrnehmung. Denn erst wenn wir erkennen, was im Pferdekörper stattfindet oder eben nicht stattfindet, dann wissen wir auch überhaupt, was wir beeinflussen müssen.

Persönliches Kursfazit

Ich habe an diesem Kurs mit meiner Fuchsstute „Tarabaya“ teilgenommen. Tabby kam 2010 zu mir, damals sehr breitbeinig, stark in beiden Fesselköpfen drehend, das Hüftgelenk permanent in starker Streckung. Stark über die Schultern schiebend war es lange Detailarbeit beide Hinterbeine in Richtung Schwerpunkt zu lotsen.

Braucht man nur die Tragkraft? Für ein Reitpferd, das uns gesund tragen soll ist die Ausbildung der Tragkraft bestimmt oberstes Credo. Allerdings brauchen wir auch einen guten Vorgriff aus der Hinterhand, das Pferd muss mit der Hinterhand unter den Schwerpunkt schieben. Solchermaßen definiert macht es deutlich: Wir müssen immer genau aufpassen, wie die Kraftübertragung aus der Hinterhand definiert wird – daraus lässt sich auch unsere Basisarbeit definieren und genauer bestimmen, damit wir den Inhalt erarbeiten und keine Lektion per se.

In Tabbys Fall haben wir jahrelang die Tragkraft gestärkt, können aber jetzt sehr große Schwingungsamplituden in der Wirbelsäule fördern. Vor Jahren war ein Aussitzen mit den großen Bewegungen des Warmbluts kaum möglich – zu hart waren die Niederschläge auf die Vorderbeine, die beinahe wie Prellungen zu spüren waren.

Heute kann man Tabby sogar ein wenig zulegen lassen und sitzen bleiben.

Ich freue mich riesig über die Fortschritte von Tabby. Besonders berührt hat mich aber auch die erste Kursteilnahme von meiner lieben Schülerin Daniela mit ihrem Lipizzaner Maestoso „Ardanos“, die viel Zeit für die Beziehungspflege aufgebracht hat. Dass die beiden ein schönes Team, das in Feinheit miteinander kommuniziert geworden sind war beim Kurs extrem spürbar.

 Nach dem Kurs ist vor dem Kurs…

Am 1. und 2. Juli freuen wir uns auf unseren Kurs mit Bent Branderup zum Thema „Das maßgeschneiderte Training für das individuelle Pferd“.
In der Theorie gehen wir der Frage nach, wie das perfekte Pferd und seine Biomechanik aussieht. Allerdings: Wer hat schon das perfekte Pferd im Stall stehen?
Anhand zahlreicher Praxisbeispiele werden wir zum „personal Trainer“ für unser Pferd.

Alle Informationen zum Kurs gibt es unter folgendem Link

Fair zum Pferd Kursbericht

Fair zum Pferd Kursbericht

Fairness für Pferde – Der Weg ist das Ziel!
Kursbericht

Fair zum Pferd 2017

Lüdinghausen, 26. bis 28. Mai 2017
Der Geist der alten Meister wie Grisone, Pluvinel , Gueriniere und Co war an diesem Wochenende ganz bestimmt anwesend, als Marius Schneider, Meister der Akademischen Reitkunst zum Seminar „Fairness für Pferde“ auf sein Gestüt Moorhof, Deutsches Zentrum für akademische Reitkunst nach Lüdinghausen im Münsterland einlud. Stefanie Niggemeier fasst für uns zusammen:

Wer war mit dabei?

Über 400 Zuschauer folgten seiner Einladung um nicht nur seine Arbeit mit dem Pferd, sondern erstmalig in dieser Kombination auch die Arbeit der extra mit ihren Pferden angereisten Meister der Akademischen Reitkunst, Sabine Oettel und Christopher Dahlgren erleben und genießen zu können. Großmeister und Gründer der Akademischen Reitkunst, Bent Branderup, unterstützte das Seminar durch informative und erhebende Vorträge rund um das Thema Reitkunst.

Rund wurde das Seminar nicht nur durch die Teilnahme von Rebecca Dahlgren, die einen Einblick in ihre Arbeit mit ihrem Pferd zum Thema Liberty, Trick Training und Riding gab, sondern auch durch die Teilnahme der Familie Krischke von der Hofreitschule Bückeburg, die mit dreien ihrer Pferde angereist waren, um das Seminar zu bereichern.

Kursfotos von Marius Schneider

Öffentliche Abendarbeit

Am Freitag begann das perfekt organisierte Event mit einer öffentlichen Abendarbeit, bei der die Trainer ihre Pferde ein wenig an die Halle gewöhnten. Bent Branderup ließ es sich währenddessen nicht nehmen, dem Publikum Hintergrundwissen zu vermitteln, so dass nicht nur erste wunderschöne Schaubilder von Pferd und Mensch entstanden, sondern auch Wissenswertes erfahren werden konnte.

Christofer und Rebecca Dahlgren

Bei sommerlichem Wetter konnte dann am Samstag das Event so richtig losgehen: angefangen mit einem Vortrag zur Lernpsychologie des Pferdes durch Bent Branderup stand der Samstag hauptsächlich unter dem Thema „Kommunikation mit dem Partner Pferd“. So zeigten alle Teilnehmer mit ihren Pferden, wie sie in einen Dialog kommen. Ganz unterschiedlich waren hier die Techniken, wie zB. Reitkunst, Libertyarbeit, Langzügel oder Longenarbeit, Ausrüstungsgegenstände und Zäumungen. Die Fragestellung an das Pferd :

„Was brauchst Du, um mich verstehen zu können? Wie kommen wir zusammen?“, war der rote Faden, der sich durch die Arbeit aller Ausbilder zog.

Besonderen Fokus legten alle darauf, das Wohl des Pferdes im Auge zu haben und immer wieder zu reflektieren. „Auch dann, wenn das Pferd mit abgesenktem Hals still steht, muss es nicht zwangsläufig entspannt sein“, erklärt die extra aus Schweden angereiste Rebecca Dahlgren, die die ersten Schritte der Freiarbeit mit ihrem Connemara Eamonn für das interessierte Publikum erklärt.

„Mimik und Ohrenspiel geben uns Auskunft über die Gemütsverfassung des Pferdes und wir müssen das Pferd genau anschauen und beobachten, damit wir mit ihm und nicht gegen das Pferd arbeiten“, betont sie.

Das Hinsehen ist auch ihrem Mann Christopher Dahlgren besonders wichtig: „Nur dann, wenn ich weiß, mit wem ich es zu tun habe, weiß ich auch, wie ich das Individuum ansprechen und lehren kann. Pferde können ganz verschiedene Temperamente haben und sich in der Arbeit ganz unterschiedliche Komfortzonen haben. Ein introvertiertes Pferd entspannt sich vielleicht lieber beim Stillstehen und fühlt sich so sicher. Ein extrovertiertes Pferd braucht die Bewegung, um in seinem Element zu sein. Man muss auf die individuelle Natur des Pferdes Rücksicht nehmen und auf sie eingehen, ansonsten bildet man das Pferd gegen seine Natur aus, was niemals geschehen darf“, erklärt er mit Engagement.

Dass das keineswegs eine todernste Sache sein muss, sieht man in beider Arbeit mit ihren Pferden. Ihre Begeisterung und Liebe für das, was sie tun, reisst das Publikum schnell mit.

 

Sabine Oettel

Sabine Oettel, mit ihrem Knabstrupper Theodor und ihrem Fredericksborger Jarl aus Wendelmuth in Bayern, hat den Fokus auf der Überprüfung ihrer Arbeit in der Anwendbarkeit.

„Ein Pferd, das in der hohen Schule ausgebildet ist, sollte auch immer ein gutes Gebrauchspferd sein“, so Sabine Oettel.

Die Erarbeitung von Hilfen, das Geben und Empfangen von Informationen zwischen Pferd und Mensch ist elementar in ihrer Arbeit mit dem Pferd und bildet die Basis für ein gutes Vertrauensverhältnis. Dazu kann es gehören, auch mal zu experimentieren:

„Jarl hat sich mit dem Thema Zäumung immer sehr schwer getan. Es hat Jahre gebraucht, bis wir das Richtige gefunden hatten und er sich nun wohlfühlen kann mit der Zäumung auf Cavesal. Ich musste immer wieder meine Ideen loslassen, weil er sich nicht komfortabel gefühlt hat. Seine Antworten zu diesem, wie auch jedem anderen Thema sind für mich extrem wichtig, nur so können wir als Team funktionieren.“

 

So kann dann ein Pferd-Mensch Team Großes erreichen:

Sabine und Jarl zeigen in verschiedenen Techniken wie Langzügel und Damensattel nicht nur Lektionen der hohen Schule wie einen kraftvollen Mezair und sogar einen Schulsprung, die Croupade, eine der Schulen über der Erde.

Xenophon

 „ Das Pferd soll sich stolz und schön fühlen, wie es sich in den Augen anderer Pferde stolz und schön fühlen würde.“ 

Präsentation Marius Schneider

Gastgeber Marius Schneider führt mit Rassemix Aramis ein Crossover an verschiedenen Techniken von Longen-, Boden-und Handarbeit vor.

Deutlich wird hier:

Bodenarbeit hat keinen Selbstzweck, sondern soll das tun, was schon Xenophon vor 2400 Jahren in Worte fasst:

„Das Pferd soll sich stolz und schön fühlen, wie es sich in den Augen anderer Pferde stolz und schön fühlen würde.“

Marius Schneider erklärt während seiner Arbeit, warum er seine Führposition verändert, wie er Sekundarhilfen wie Zügel-, Hand und Gerte nutzt, um sich dem Pferd verständlich zu machen und wie er dem Pferd so helfen kann, zu mehr Balance und Fähigkeit zu gelangen.

„Seht man wie wunderschön das Pferd während der Schulparade an der Longe aussieht. Genau dafür ist unserer Arbeit da“, begeistert sich Bent Branderup.

Auch die Arbeit mit dem jungen Pferd an der Longe und unter dem Sattel ist ein Thema, welchem Marius Schneider an diesem Wochenende mit dem erst fünfjährigen Knabstrupper Tizian Zeit widmet. Das Publikum kann sehen, wie ein vom Boden geschultes Pferd ganz selbstverständlich Hilfenveständnis und Balancegefühl in die Arbeit unter dem Sattel transportieren und für sich nutzen kann.

„Alles muss immer für das Pferd logisch sein, ein Baustein auf den anderen aufbauen. Dann wird das Pferd vor Aufgaben gestellt, die es mit Leichtigkeit lösen kann und man hat mehr und mehr Momente der Harmonie“, kommentiert Bent Branderup die Reitvorführung von Marius und Tizian, die vom Boden von Carina Dörfler unterstützt werden. 

 

Hofreitschule Bückeburg

Christin, Diana und Wolfgang Krischke von der Hofreitschule Bückeburg haben den Fokus ihrer Arbeit vor allem auf der Motivation des Pferdes.  

„Wir suchen nicht nach Perfektion, sondern Motivation“, erklärt Christin Krischke.

„Das Pferd darf nicht das Gefühl haben, ein Leben lang die Schulbank drücken zu müssen“, ergänzt Wolfgang Krischke.

Es ist ganz wichtig für die Motivation des Pferdes, das Können und die Möglichkeiten des eigenen Körpers auch mal in Aktion umzusetzen.

Neben Theorievorträgen zu verschiedenen Themen rund um die Reitkunst hatte das Team aus Bückeburg als Abschluss des Seminars am Sonntag Requisiten des Waffengartens aufgebaut. Ziel dabei:  die Reiter sollten mit Hilfe der angewandten Reitkunst eine konkrete, gemeinsame Zielsetzung für Pferd und Reiter suchen und natürlcih durften Spaß und Zufriedenheit nicht zu kurz kommen.

Unter begleitender theoretischer Hilfe von Wolfgang Krischke über Tradition und Bedeutung des Waffengartens zeigten Diana Krischke mit dem spanischen Wallach Bonmot im Damensattel, Christin Krischke mit dem ebenfalls 25jährigen Berberhengst Raisulih und Wolfgang Krischke mit dem erstmalig in dieser Disziplin gearbeiteten Lusitano Clarim kraftvoll und mit Feuer wie so etwas dann in der Praxis aussehen kann. Auch Sabine Oettel mit Jarl, ebenfalls im Damensattel und Christopher Dahlgren mit seinem Ikaros nahmen an diesem traditionell höfischen Reiterspiel mit Begeisterung teil.

… Resümee

„Fairness für Pferde- der Weg ist das Ziel! Doch welche Wege kann man gehen?“

Das war der Titel des Seminars am letzten Wochenende. Gerade das Plädoyer für Individualität und Toleranz war wohl der Spirit des gesamten Wochenendes.

„Ein jeder soll nach seiner Fasson seelig werden“, dieses berühmte Zitat des „Alten Fritz“ , Friederich II von Preussen war offenbar der Leitspruch dieses absolut gelungenen Events.

Dieser Gedanke wurde gelehrt und gelebt! Neben dem tollen Wetter sorgte natürlich auch die Stöbermeile mit vielen tollen Artikeln für Pferd und Mensch und die gute Versorgung mit Speis` und Trank für eine tolle Urlaubsatmosphäre auf dem Gestüt Moorhof.

Wenn man das Wohl des Pferdes im Fokus hat und nie verliert, dann ist es ganz egal, welchen Weg man in seiner Arbeit geht – das war ganz deutlich und sehr wertvoll zu erfahren. Denn dann kann man ganz individuell nach der eigenen Fasson selig werden- und das Pferd selig machen! So war dieses Wochenende ein beeindruckender Apell an jeden Pferdebesitzer, sich zu bilden, sich zu schulen, sich zu reflektieren und dem pferdischen wie auch menschlichen Gegenüber mit Respekt und Anerkennung gegenüberzutreten und das Hinhören genauso zu schätzen wie das Mitteilen.

Stefanie Niggemeier

Barocke Pferdeausbildung

www.barocke-pferdeausbildung.de

 

Kursfotos von Marius Schneider

Total #Pfernetzt

Total #Pfernetzt

Pfernetzt – das heißt Pferde, Vernetzen, Austausch, Vorträge, Tüfteln, gemeinsame Leidenschaft….und das alles auf der „Fohlenweide“ in Fulda. 

Organisiert wurde dieser einzigartige Event von einem hinreißenden Team, das, genau wie ich über ein bestimmtes Pferdethema bloggt. Darunter Christina von Herzenspferd, Sarah von Verwandert, Petra von der Pferdeflüsterei, Miri von „Mein Faible“, Akki von Führpferd.de, Tanja von Tash Horse Experience und noch viele andere…

Übrigens: Ich glaube ich habe noch nie so viele Verlinkungen in einen Artikel gepackt – jedenfalls findet ihr alle Informationen zu den vorgestellten Personen direkt beim Namen verlinkt 😉 Schaut doch mal rein, es lohnt sich, denn in den Blogs steckt auch irrsinnig viel Herzblut und Leidenschaft.

Aber der Reihe nach….

Freitag ging es zunächst mit dem Zug nach Salzburg, wo ich bei Tanja Pöschl von „Tash Horse Experience“ zusteigen konnte. Gemeinsam ging es dann weiter nach Fulda. Schon die Reise brachte einen sehr wertschätzenden und offenen Austausch.

Und trotz mindestens sechs Stunden Fahrt gingen uns die Themen nicht aus (irgendwie logisch unter Pferdeleuten, oder)?

In Fulda angekommen wurden wir gleich herzlich von den restlichen Teammitgliedern begrüßt. 

Beim Abendessen habe ich mich auch gleich mit Ruth Katzenberger pfernetzt – oder ponynetzt…Ruth berichtete viel Spannendes aus dem Leben mit Shettys. Ihre Erfahrungen haben einmal mehr unterstrichen wie individuell man an das Training und Zusammensein mit den Vierbeinern gehen muss. Mehr über Ruth und ihre tolle Arbeit gibt es auf ihrer Blogseite

Samstag Morgen trudelten schön langsam an die 200 Zuseher ein, die sich ganz interessiert auf die einzelnen Vorträge aufteilten.

Nach einer Präsentation von Babette Teschens Longenkurs habe ich mir die Arbeit von Angelika Hutmacher angesehen. Angelika konzentriert sich auf Familienaufstellungen mit Pferden. Eine total spannende Sache – und ein Thema – das gänzlich neu- aber sehr spannend für mich war.  Vielleicht gelingt es mir ja auch durch Angelikas Tipps Erinnerungslücken an mein erstes Pferd „Kobold“ zu schließen, dessen für mich sehr tragischer Verlust einige Erinnerungen an ihn gänzlich ausgelöscht hat.

Im Anschluss hielt Kati Westendorf ihren Vortrag über gesunderhaltende Zusammenarbeit mit den Pferden. Ihr Saal war super gefüllt – ich habe auch über ihren Input ausschließlich positive Resonanz gehört. Kati war gleich nach ihrem Vortrag bei meiner Einheit mit dabei.

Ich war einigermaßen überrascht, als so ziemlich alle Hände in die Höhe schnellten, als ich in die Zuschauermenge fragte, wer denn schon mal Kontakt mit der Akademischen Reitkunst hatte. WOW!! Noch dazu gab es auch bei den anderen Referenten überall akademischen Einfluss. Angelika Hutmacher berichtete auch in ihrem Vortrag von Unterricht bei Marius Schneider, Kati Westendorf ist bekannte Wiederholungstäterin in Sachen „Dänemark Bildungsreisen“ und schreibt darüber ja auch auf ihrer Seite, Marc Lubetzki filmt zwar aktuell Wildpferde, früher jedoch zeichnete er sich für die Videokurse von Bent Branderup verantwortlich. Es gab also eine Menge bekannter Gesichter.

Kati jedenfalls war bei meinem Vortrag mit dabei – ich freue mich, da ich ein sehr schönes Feedback von ihr erhalten habe:

Da Anna und ich bereits im Vorfeld ein wenig über ihren Vortag gesprochen hatten, wusste ich bereits, dass es ein ganz besonderes Erlebnis werden würde.
Mit dem Virus der akademischen Reitkunst musste Anna mich persönlich nicht erst infizieren, jedoch fühlte sich die Energie im Raum für mich so an, als wäre jeder einzelne Mensch darin nun ein wenig angesteckt, ganz gleich welche Vorkenntnisse er mitgebracht hatte.
Anna hatte mit ihrer Einleitung über die akademische Reitkunst voll ins Schwarze getroffen und sicherlich einige skeptische Gedanken aus dem Raum gefegt.

Anschließend spielte ich Versuchskaninchen für Anna und durfte so am eigenen Körper erfahren wie detailliert sie die primäre Hilfe der Bodenarbeit unter die Lupe nimmt.
Unserer Körpersprache sind wir Menschen uns oft nicht mehr sehr bewusst, da wir selten achtsam in unseren Körper hineinspüren und die Auswirkungen auf unseren Gegenüber analysieren.
Genau dazu forderte Anna alle Teilnehmer auf, als sie uns auf zwei Zirkel schickte.
Welches Bein schiebt vermehrt?
Wo zeigen unsere Schultern dabei hin?
Wie verändert sich die Zirkelgröße, wenn das tragende Bein nicht mehr das Innere ist?
Welcher Seitengang könnte helfen, um die Schiefe auszugleichen?

Für mich war dieser Prozess außerordentlich aufschlussreich und ich denke, dass auch die anderen Teilnehmer das ein oder andere AHA-Erlebnis hatten.
Die Stimmung war so wunderbar locker und leicht, dass es mir besonders Spaß gemacht hat Pferd zu spielen und gemeinsam mit Anna zu demonstrieren, wie wichtig das Timing einer jeden treibenden Hilfe ist und welche Auswirkungen das widerrum auf das Pferd hat.
Gerne lasse ich mich wieder von dir durch den Raum schubsen, Anna. Danke für diese Erfahrung 🙂

Mein Highligh war das Hineinspüren in die Parade, da Anna mir hierbei ein fehlendes Puzzleteil mit auf meinen Weg gab. Mir kribbelte es direkt in den Fingern, meinen Pferden von dem neuen Input zu erzählen.
Die gute Stimmung im Raum schaffte eine unheimlich angenehme Lernatmosphäre – Spiele sind im Klassenzimmer manchmal eben doch erwünscht 🙂

Danke Anna, du hast uns mit deinen Ideen inspiriert, bereichert und natürlich auch #pfernetzt.

Einem so schönen Feedback kann ich mich nur anschließen: Sehr spannend war auch der Vortrag von Michaela Hempen. Die Tierärztin widmet sich nicht nur der Forschung, sondern auch der Kombination klassischer Dressur in Verbindung mit positiver Verstärkung mittels Clicker Training. Michaela hat einen äußerst spannenden Vortrag rund um diese Methode dargeboten – besonders spannend finde ich nun ihre Forschung zum Thema Koppen und die Auseinandersetzung mit besonderen Verhaltensweisen. Vielleicht kommt Michaela mit der Unterstützung von Mozarts „Alla Turca“ ja sogar auf eine Lösung oder Linderung für koppende Pferde. Ich halte ihr alle Daumen und bin super gespannt auf den Verlauf ihrer Forschung. 

Bei einem gemeinsamen Kinoabend mit Marc Lubetzki ließen wir den Abend ausklingen, bis sich Zusehr und Speaker übermüdet in die Betten fallen ließen.

Ich muss dem gesamten Organisationsteam ein riesiges Lob und Dankeschön aussprechen. Ich war sehr selten auf einer Veranstaltung, wo ein dermaßen positiver Austausch herrschte. Ich hatte auch das Gefühl, dass wir Speaker untereinander zu einem Thema völlig offen vor Publikum diskutieren hätten können. Und gerade das ist doch selten, schließlich will jeder in der Pferdewelt sehr gerne seine eigenen Überzeugungen an den Mann bringen. Der wertschätzende und offene Umgang unter Speakern, Organisationsteam und den vielen Zuschauern war einzigartig und ist auch in den zahlreichen Feedbacks auf der Facebook Seite spürbar. Dort findet ihr auch eine Foto Rückschau. 

Ich hoffe sehr, dass ein solches Event wieder zu Stande kommt. Ich bin stolz Teil dieser grandiosen Premiere gewesen zu sein!

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Kursbericht Christofer Dahlgren 2017

Kursbericht Christofer Dahlgren 2017

Esel, Maximus oder Timon?

Kursbericht

Christofer Dahlgren

Graz, 25./26. März 2017

Schule ist der Ernst des Lebens. Studieren bedeutet Disziplin, Ordnung und Konsequenz. Ja aber…da gibt es noch Christofer Dahlgren, der gar nicht still sitzen kann. Und auch nicht will. Wie es der sympathische Trainer zum Meister der Akademischen Reitkunst brachte und gleichzeitig vierbeinige und zweibeinige Schüler mit Fun-Faktor unterrichtet. Das gab es kürzlich in Graz zu sehen.

Worin bist du gut?

Wenn man Christofer Dahlgren nach seinen Stärken befragt, dann gibt er ohne mit der Wimper zu zucken an: „Ich bin gut darin, meine vierbeinigen Schüler einzuschätzen und das Training an die Persönlichkeit des Pferdes anzupassen“. Wie er das gelernt hat? Durch jahrelanges Reiten von Berittpferden. Allerdings wurden diese ihm nicht geschniegelt und gestriegelt vor die Nase gestellt – nein Christofer holte sich die Pferde – und das waren schon mal 15 pro Tag selbst von der Weide und beobachtete sie im Verhalten beim Wegführen von der Herde, im Stall, beim Satteln und beim Reiten.
Der schwedische Meister der Akademischen Reitkunst hat sich auf die Entwicklung eines maßgeschneiderten Trainingsplans spezialisiert. Wie er Pferde und Menschen hier analyisert hat er in der Theorie grob umrissen – mit Hilfe der Disney Figuren stellte er uns den „Esel“ aus Shrek, den schnellen „Timon“ aus König der Löwen, den „sicheren“ „Maximus“ aus Rapunzel und das nette Pferd aus „Die Schöne und das Biest vor“.

Kursfotos von Katharina Gerletz

Der Esel

Der Esel ist sehr verspielt und „happy“. Er kann auch für andere Pferde recht anstregend sein, denn er beißt gerne in andere Decken und erkundet auch mal gerne Halfter der anderen Pferde mit seinem Maul. Er ist einfach wahnsinnig neugierig. Wenn er sich erschreckt, dann nur ein bisschen – er sagt sofort: „Oh das war gefährlich, nun werde ich es beißen und mit meinem Maul erkunden“. Er wird also beißen, ungewohnte Gegenstände mit dem Huf erkunden, er will sich alles sehr genau anschauen. Wenn man ihn in den Stall bringt, dann wird er die Box ebenso neugierig erkunden. Keine anderen Pferde im Stall? Macht nichts, auch ohne Gesellschaft kann sich der Esel gut beschäftigen. Bis der Mensch kommt. Der wird dann laut begrüßt, schließlich ist er schon in den Startlöchern, etwas mit seinem Menschen gemeinsam zu unternehmen. Putzen, satteln, alles kein Problem. Der Esel ist sehr kommunikativ, Lob wird mit einem selbstsicheren Wiehern kommentiert, nach dem Motto: Ich weiß, ich bin sehr großartig. Beim Ausritt ist das Pferd voller Energie und möglicherweise macht er auch ein paar Bocksprünge. Egal ob eine halbe Stunde Arbeit oder ein drei Stunden langer Ausritt. Wenn du den Esel zurück in die Koppel bringst, wird er sich umdrehen und fragen: Was sind wir schon fertig? Wir haben doch gerade erst angefangen, Zeit miteinander zu verbringen. Die Arbeit mit ihm ist leicht, denn durch seine Verspieltheit möchte der Esel gerne mit dem Reiter zusammen arbeiten.  Der Esel ist sehr selbstsicher und extrovertiert.

Maximus

Maximus ist auf der Koppel mit Fressen beschäftigt. Andere Pferde werden akzeptiert, aber wehe sie geraten an sein Futter. Wenn man seinen Maximus von der Koppel abholt, dann kommt er nicht sofort. Halftern lässt er sich ohne Probleme, aber am Wegrand zurück zum Stall bleibt er gerne stehen und….frisst. Er fühlt sich recht sicher, er ist selbstsicher, aber introvertiert. Im Stall frisst er wieder, oder schläft. Maximus ist nicht super gestresst, zu viel Bewegung muss in seinen Augen nicht sein. Beim Satteln und putzen steht er still. Beim Ausreiten ist er recht sicher, ruhig und langsam. Er lässt sich von unbekannten Objekten nicht sehr beeindrucken. Zweige von Büschen im Weg – die werden einfach niedergewalzt. Viel Bewegung kommt auch nicht auf, wenn man ihn zurück auf die Koppel bringt. Auf zu den ersten Grashalmen, dort bleibt er in Ruhe stehen. Im Grunde ist Maximus sehr selbstsicher aber eben etwas introvertierter als der Esel.

Timon

Timon als Pferd? Das wäre wohl ein sehr aktives Pferd, das sich liebend gerne bewegt. Oft sind sie nicht sehr interessiert am Fressen, sie nehmen viel lieber ihre Umgebung und ihre Kumpel wahr. Wenn der Mensch Timon von der Koppel abholt, dann geht er lieber nicht mit. Nicht, weil er seinen Menschen nicht mag, sondern weil er die Veränderung nicht so schätzt. Es kann also sein, dass Timon sogar vor seinem Menschen davon läuft. Seine Strategie zur Lösung von Problemen lautet also: Ich gehe mal lieber woanders hin. Schreiend und plärrend führt man ihn also von der Herde weg. In der Box wiederholt sich das Spiel. Er wird nach den anderen rufen. Ein rohes Pferd kann dann schon den Menschen umrennen, um wieder zurück zu seiner Herde zu kommen, zu der es eine sehr starke Bindung hat. Beim Putzen und Satteln steht er nicht so gerne still. Equipement könnte ja auch spooky sein. Bewegung hilft Timon aber in einen aufnahmebereiten Zustand zu kommen, um zu lernen. Beim Ausreiten sind sie flott unterwegs. Sie schauen sich alles gerne an und springen bei Gefahr auch mal gerne rasch zur Seite. Als Reiter muss man immer auf alles gefasst sein. Zurück zur Koppel: Timon rast zurück zur Herde. Er ist unsicher und bleibt dabei aber eher extrovertiert.

Welche Ambitionen hast du und welcher Charakter passt am besten zu dir?

Die Herzblattshow

So liebe Barbara, jetzt musst du dich entscheiden. Welche Ambitionen hast du und welcher Charakter passt am besten zu dir? Du liebst lange Ausritte und die Geschwindigkeit, dann wähle Timon, denn er ist wie du ein Adrenalin-Junkie. Du liegst lieber gemütlich auf der Couch und hältst wenig von Bewegung, suchst aber einen Partner mit hoher Toleranzgrenze? Dann entscheide dich für Maximus. Er passt auch gerne auf deine Kinder auf (Reitschule!!!), aber übertreibe es nicht mit seiner Gutmütigkeit. Du stehst auf Wiederholungen und feilst gerne am Detail? Dann nimm den „Liebevollen“, gemeinsam meistert ihr viele Aufgaben in der Dressur. Und wenn du ständig etwas Neues, etwas zum Spielen und Schokolade brauchst – dann nimm Esel. Er spielt anderen auch gerne Streiche, also stell sicher, dass du ein großes Herz für Humor hast. Nun liebe Barbara, jetzt musst du dich entscheiden…..

 

Das maßgeschneiderte Training

Welche und wie viele Übungen für welches Pferd? In seinem Vortrag geht Christofer von drei Übungen bzw. Aufgaben aus, die wir den Pferden stellen möchten.

… für den Esel

Esel möchte gerne viele Variationen. Schulterherein und das mit fünf Wiederholungen? ZU langweilig – nach zwei Wiederholungen sagt der Esel: Ich habe doch schon zweimal alles gut gemacht, jetzt will ich nicht mehr. Bei drei Übungen langweilt sich unser Eselchen rasch, also nehmen wir noch drei weitere Aufgaben in unsere Übungsfolgen mit. Und: Viele Variationen und viel Abwechslung – so bleibt das Pony, äh der Esel motiviert. Sobald das Pferd verstanden hat und alles richtig macht – Übung wechseln. Mit diesem Pferd darf man nicht zu kritisch sein, es muss außerdem gut bezahlt werden. Die Arbeit muss sich nach dem Leistungsprinzip auch unbedingt lohnen – sonst geht der Esel zur Gewerkschaft und tritt in Streik.

… für Maximus

Seine Belohnung? Still stehen, natürlich. Er liebt es, den anderen Pferden zuzuschauen, die sich bewegen müssen. Seine Aufgabe und die Herausforderung für seinen Trainer: Mach ihn für die Bewegung verantwortlich. Statt drei Übungen reichen zwei, dafür aber reichlich konstruktive Kritik. Wenn du Schritt reiten willst, dann willst du es als Reiter JETZT und nicht morgen. Ständig jeden Schritt rauszutreiben, macht die Sache nicht besser. Hier arbeitete Christofer auch in der Praxis mit den Teilnehmern. Lieber einmal konsequent nach Vorwärts fragen, dafür aber häufiger zum Loben kommen mit einer Pause. So konnte man unsere „Maximusse“ motivieren. Und wir hatten erstaunlich viele „Maximusse“ beim Kurs dabei.

… für Timon

Wenn er sich bewegen kann, dann ist alles in Butter. Für diese Pferde ist die sofortige Arbeit im Stand erstmal ein Desaster und großer Stress. Sein Schlüssel zur Motivation ist und bleibt Bewegung. Mit zunehmender Ausbildung und Verständnis der Hilfengebung kann man freilich die Arbeit im Stand dann auch erweitern. Hier unterschiedet Christofer aber zwischen Bewegung erlauben und das Pferd zu jagen. Oft würde man im Horsemanship auch Bilder sehen, wo die Pferde Runde um Runde laufen müssten. Das wäre dann die falsch verstandene Motivation. Drei Übungen reichen für Timon – aber diese bitte in Bewegung.

… für Kind, oder Liebevoll

Wiederholung ist der Schlüssel zum Erfolg und zur Motivation. Hier beschreibt Christofer seinen Weg mit Saxo. Dieser habe sich gerne wie eine Schildkröte verhalten. Ein paar Schritte vorwärts – und sofort den Kopf wieder in seinen Panzer gesteckt. Die Aufgabe: Ein Zirkel auf der linken Hand. Bald schon kommt der Kopf dauerhaft aus dem Panzer, das Pferd wird stolz. Handwechsel: Der Kopf schnellt zurück in den Panzer, obwohl die Aufgabe gleich geblieben ist. Diesen Pferden müsse man durch viel Ruhe und Wiederholung beibringen, dass es sich lohnt, sich nicht ständig in seine Blase zurück zu ziehen. Vorsicht, wenn man gar nichts verlangt, dann wird die „Blase“ oder der Panzer durch nicht vorhandene Reize immer größer und der kleinste Funke reicht, um das Faß zum Explodieren zu bringen. Selbst wenn die Pferde ruhig scheinen, sie sind es nicht immer. Ruhe und Konsequenz – und statt drei Übungen reicht für den Anfang eine Übung, dafür aber viele Wiederholungen. So wird das Pony glücklich.

Kursfotos von Katharina Gerletz

Fails and Errors

Unsicher, ob du mit den Pferdetypen einen Fehler begangen hast? Unsicher, ob du die Bedürfnisse deines Pferdes nicht verstanden hast?  Nun, folgende Reaktionen können darüber Aufschluss geben

Esel: Der Esel wird statt „happy“ zu „naughty“. Er wird nichts mehr zärtlich mit dem Maul erkunden, sondern bissig und buckelig.

Maximus: Er bleibt nun ganz stehen und verweigert sich. Im worst case kann es auch sein, dass er sich losreist und auf Nimmerwiedersehen verschwindet (meist geht er dann essen).

Timon: Er überrennt dich und haut ab. Das passiert vor allem dann, wenn du unzählige Zeichen ignoriert hast, dass er sich so gerne bewegen möchte.

Unser liebevolles Pferd wird explodieren. Du hast übersehen, dass das Pferd eben NICHT ruhig war, sondern super angespannt. Du musst den Unterschied zwischen Entspannung und Hochexplosiv erkennen.

Gibt es nur vier Persönlichkeiten?

Nein, Christofer möchte auch keine Pferde in Schubladen stecken. Er hat uns nur vier Extreme gezeigt, wie ein Pferd sein „kann“ – aber dies ist ja auch unsere Arbeit – das Pferd immer mehr durch physische und mentale Herangehensweise in seine „Mitte“ zu bringen.

Kursfotos von Katharina Gerletz

Und der Mensch?

Auch wir haben diese vier Extremen in uns – und wir sind auch Lernende, das sollten wir beim Pferdetraining nicht vergessen.

Es gibt selbstsicherere und unsichere Leute.

Der Mensch als Esel: Liebt Herausforderungen und Challenges. Oft sind diese Menschen in ihrem Beruf selbstständig, sie kommen gut aus sich heraus. In einer Menschenmenge sind sie glücklich und hören sich selbst gerne sprechen. Sie stehen gerne im Mittelpunkt und übernehmen in Verhandlungen gerne die Führung. Der Esel als Reitschüler lernt am besten im „Tun“ und mit vielen Aufgaben und Übungsfolgen.

So ähnlich geht es „Timon“ als zweibeiniger Reitschüler. Mit viel Theorie und Vorträgen kann er nicht viel anfangen. Er muss es „tun“ und sich bewegen können.

Maximus ist gerne im Berufsleben sowas wie Polizist. Bei der Interaktion in Gruppen können sie gut zuhören und warten mal ab, was andere zu sagen haben. Dann treffen sie eine Entscheidung – nach dem Motto: gesagt, getan! Konstruktive Kritik vertragen sie sehr gut und kommen mit wenigen Übungen sehr gut zurecht, die sie unbedingt verbessern wollen.

Introvertiere und unsichere Typen brauchen viel Ruhe. Achtung mit den Wiederholungen. Wenn man ihnen eine Hausübung gibt, dann wiederholen sie diese, bis es „sitzt“. Vergessen aber gerne, dass es beispielsweise neben Schulterherein ja auch das Kruppeherein gegeben hätte, was man noch verbessern könnte.

Zum Abschluss seines Vortrages erinnerte uns Christofer aber an die wichtigste Sache, im Zusammensein mit dem Pferd:

Have fun with your Pony!!!!

Und das hatten wir dann in der Praxis in der Tat.

Unsere Maximusse wurden zur Bewegung animiert und fanden plötzlich für wenige Aufgaben viel Lob. Waren unsere Pferde entspannt, dann gingen wir weiter zur Versammlung. War das Pferd dabei in einer „runden“ Formgebung? Wenn nein, dann haben wir wieder an Dehnungshaltung und Entspannung gearbeitet, bei gleichbleibendem Schwung und Takt. Keine Leichtigkeit vorhanden, dann haben wir wieder an Balance gearbeitet.

Christofer hielt die Dinge für uns so leicht wie möglich, somit blieben wir im Fokus von Versammlung, Balance, Leichtigkeit und Formgebung und bekamen durch diesen konstruktiven Input extrem viel „Output“ von unseren Pferden – mit viel Spaß auf beiden Seiten.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen mit Christofer im Oktober 2018 🙂

Der nächste Kurs steht allerdings schon vor der Türe – nachdem wir uns mit dem maßgeschneiderten, mentalen Programm beschäftigt haben, wird uns Bent Branderup das maßgeschneiderte physiologische Programm für jeden Pferdekörper im Juli präsentieren.

Mehr Infos zum Kurs mit Bent Branderup und weiteren Kursen im heurigen Jahr bekommt ihr unter folgendem Links:

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