Ein „Paradeseminar“ mit Bent Branderup 

Ein „Paradeseminar“ mit Bent Branderup 

Mitte Oktober, Altweibersommer und ein spannendes Thema, das förmlich jedem Reiter irgendwie unter den Fingern brennt: Die Parade. Das dritte Themenseminar fand gleich in der Salzburger „Nachbarschaft“, organisiert von Andrea Harrer statt.

Was ist eine Parade?

Das ist doch ziemlich einfach. Die Reitkunst „in einer Nussschale“ serviert uns ja bereits der Grieche „Xenophon“ im vierten Jahrhundert vor Christus:

„Reite die Hinterbeine des Pferdes unter seinen Bauch und gib dem Pferd eine Parade, so dass es in den Gelenken der Hinterhand beugt“.

„Wer diesen Satz verstanden hat“– so konstatiert Bent Branderup„hat die gesamte Reitkunst verstanden.“
Bent füllte aber zum Glück die drei Theorieeinheiten mit einigen Sätzen mehr:
So führte er uns zunächst  akribisch in die Gelenke und Knochen der Hinterhand ein. In drei Hauptbereichen wünschen sich Reiter also eine Reaktion, wenn sie eine Parade korrekt durch den Pferdekörper schicken wollen. Das Pferd muss dann die Hüft-, Knie- und Sprunggelenke beugen. Bevor es aber an die Versammlung geht, müssen wir Reiter die Qualität der Bewegung aus der Hinterhand verstehen und bewerten können: Wie setzt das Pferd die Hinterhand ein, wenn es vorwärts gehen soll? Schließen dabei die Gelenke der Hinterhand und kommt es zu einer Dehnung der entsprechenden Muskulatur? Oder schiebt sich das Pferd mit geöffneten Gelenken und kürzt es dabei die Muskulatur ab? Dieses Pferd wäre dann zwar schneller unterwegs, allerdings nicht im korrekten Vorwärts nach der Definition von Gustav Steinbrecht.

Rückenschwung

Mit vielen bewegten Bildern demonstrierte Bent Branderup wie die menschliche Wirbelsäule schwingen kann und warum wir als Menschen auch eine Trabbewegung innehaben. Genau erklärte uns Bent Branderup welche Tätigkeit aus dem Becken zu einer korrekten, dreidimensionalen Schwingung der Wirbelsäule führt.

„Der Schritt hat den größten Rückenschwung. Er ist zwar ohne Schwebephase, die Gangart als schwunglos zu bezeichnen ist jedoch nicht korrekt. Der große Rückenschwung baut daher auch am meisten Rumpfmuskulatur auf“.

Fußt also das innere Hinterbein ab, senkt sich im Idealfall die innere Hüfte nach innen-vorne. Gleichzeitig kommt mit dem schiebenden Hinterbein die äußere Hüfte nach oben. Schwingt der Brustkorb außen nach oben, wird dafür gesorgt, dass das äußere Vorderbein angehoben wird.

„Der Schwung überträgt sich aus der Hinterhand über die Wirbelsäule in die Vorhand de Pferdes. Daher ist diese beim echten Rückengänger ein Spiegelbild für die Aktivität, die in der Hinterhand erzeugt wurde“.

Schulung der Parade

„Wir hätten gerne die Fähigkeit von der Hand ausgehend eine Parade auszulösen. Die Hand ist aber nicht die Parade, wir Reiter möchten nur gerne mit der Hand die Parade auslösen. Wir können das Pferd zwar im Maul mit einem Stück Metall schikanieren, eine korrekte Parade ist das aber noch lange nicht. Daher üben wir beim Akademischen Pferd die Parade zunächst mal im Stand“

Der Reiter steht hier frontal vor seinem Pferd, das zu Beginn der Bodenarbeit mit einem Kappzaum ausgestattet ist. Nun kann der Mensch die gesamten Konsequenzen seiner Handlung und Einwirkung auf das Pferd in der Wirbelsäule sehen.

Das erste Descente

Wenn sich das Pferd bei der Arbeit im Stand dazu auffordern lässt, nach vorwärts-abwärts zu strecken, dann wird diese Reaktion als 1. Descente bezeichnet.

„Das Schwierigste in der Reiterei ist für den Menschen wohl das Nachgeben. Das schreibt bereits de la Gueriniere. Eine Schenkelhilfe kann ich jederzeit verstärken. Das Nachgeben lässt sich aber nicht wirklich verstärken.“

Entspannung Marsch – das gibt es wohl nicht auf Kommando. Das Pferd muss also auch eine korrekte Reaktion auf die Frage aus der Hand erlernen. Im Grunde heißt das: Das Pferd lernt wie ein Kind  Stück für Stück oder Buchstabe für Buchstabe ein gesamtes Alphabet. Bloß: der Mensch ist oftmals kein geduldiger Pädagoge und nutzt dafür allerlei Hilfsmittel, die dem Pferd ein Strecken nach unten eher aufzwingen, denn als Frage formuliert werden.

Kopf runter und rauf auf die Vorhand?

es ist ein Unterschied, ob das Pferd zum Gras fressen den Kopf runter nimmt und die Vorhand belastet. Wir als Reiter müssen aber lernen zu verstehen, wie sich das Pferd gesund bewegt. Nicht das vordere Spielbein, sondern das Standbein ist für uns Reiter on Interesse. Ist es weit unter die Körpermasse geschoben? Wird ein Fesselkopf vermehrt belastet?

Natürlich gibt es auch eine zu tiefe Kopfposition. Das Vorderbein muss im Buggelenk raus schwingen können, so dass es dort auffußt, wo die Pferdenase hinzeigt. Die Hinterhand gibt dem Brustkrob eine Schwungrichtung.

Haben wir also ein korrektes vorwärts abwärts oder ein rückwärts abwärts – in diesem Falle würde die stehende Vorhand eben weit unter den Körper des Pferdes geschoben, der Rückschub dominiert.

Das erste Descente wäre also „Hand vor, Bauch vor“ – das Pferd dehnt sich dann zur gebenden Hand hin. Nur wenn es dies tut, können wir wieder zurück zur Mittelpsition gehen. Der Schwerpunkt wird zunächst also mal im Stehen etwas nach vorne verlagert und dann wieder zurück in Ausgangslage. Diese Theorie wurde dann später natürlich umgehend in der Praxis überprüft. Zunächst ein mal vom Boden, wobei sich schon in der Frage nach der Dehnung zeigte: Pferde können zwischen den Schultern festhalten, manchmal hindert eine Steifheit im Genick zur Losgelassenheit, oder das Pferd steht rückständig und möchte daher einer vermehrten Dehnung ausweichen. Es gab zahlreiche Beispiele, die deutlich zeigten: EIN Beispiel aus dem Lehrbuch ist zu wenig. Es gibt irrsinnig viel zu Lernen und zu Spüren.

Das zweite Descente und die dritte Parade.

Wenn man auf dem Pferd sitzend den Schwerpunk etwas zurück nimmt und das Pferd folgt, dann muss das Pferd einerseits auch wissen, was eine Sekundärfhilfe Hand bedeutet. Denn einerseits folgen die Hände ja automatisch mit, wenn der Reiter seine Körperpositon verändert, andererseits kann das Pferd auch der Aufforderung der Hand folgen.

Wir brauchen ein Pferd im Gleichgewicht. Gleichgewicht ist eine Vorasusetzung für Losgelassenhbeit, ohne Losgelassenheit keine Form. Wenn die Formgebung nicht zur Losgelassenheit fürht ist sie belanglos. Haben wir also das erste Grundgleichgewicht, eine Mittelposition erreicht, dann gehen wir über zur zweiten Parade. Das ist dann eine „Schwerpunkt Parade“. Hier wird überprüft, ob das Pferd der Schwerpunktverlagerung des Menschen folgt, oder ihr ausweicht. Bent Branderup erklärte in der Theorie alle Möglichken Richtungen von Balance und Schwerpunktverlagerung. So schickt der Reiter immer ganz individuell den Schwerpunkt beispielsweise in Richtung Schweif beim versammelnden Schulterherein oder in Richtung der inneren Hüfte beim versammelnden Kruppeherein. Bleibt das Pferd in der Bewegung beim Reiter, selbst wenn die Hand zum Nachgeben kommt? Bleibt das Pferd am Sitz?

Die Dritte Parade ist dann zuständig für die Steigerung der Versammlung. Ein Touchieren der Hinterhand auf der Position der Kruppe fordert die Hinterhand zum Beugen der Gelenke auf? Im Idealfall ja, aber in Theorie und Praxis haben wir auch hier die vielen Möglichkeiten und Fehlerquellen aus dem unendlichen Wissensschatz von Bent Branderup erfahren.

Zeit schön verbringen

Die Köpfe rauchten in Theorie und Praxis. Da in drei Theorieeinheiten und 24 Praxiseinheiten aber noch lange nicht alles über die Parade gesagt werden kann, gibt es 2018 im Oktober eine Fortsetzung in Ainring und auch in Graz werden wir uns schon im Juni vermehrt mit den verschiedenen Richtungen von Schwerpunktverlagerung und Schwung auseinander setzen.

Besonders freue ich mich über zwei bestandene Wappenträger-Prüfungen auf diesem Kurs. Ich gratuliere Marion und ihrer Noriker Stute Zsou Zsou, die ich auch in ein paar Unterrichtseinheiten begleiten konnte und natürlich meiner lieben Schülerin Sonja mit ihrem Quarter Stormy.
Sonja und Stormy kamen  vor zwei Jahren zu uns nach Graz, seitdem darf ich die Beiden regelmässig begleiten. Ich freue mich sehr, besonders da Sonja aus beruflichen Gründen leider schon bald wieder Graz verlässt. So konnten wir noch einmal ganz wunderbar eine tolle Zeit gemeinsam verbringen!

Zeit schön zu erinnern, daran erinnerte uns Bent wie immer in seinem Schlusswort.

„Wenn sich die Kunst der Kommunikation zwischen Mensch und Pferd entwickelt, dann ist es Poesie. Das Zwiegespräch zweier Lebewesen wird zur Kunst“.

Wie immer garnierte Bent seinen Vortrag mit vielen AHA-Effekten, in der Praxis gab es vielleicht zunächst die Erwartungshaltung, dass in einem Seminar zum Thema Parade vorwiegend die Hand geschult werde? Mitnichten. Es ging riesig ins Detail – oder in die Körperteile des Reiters, der aus dem Sitz heraus durch Drehung von Fußspitzen, Fersen, Knien und Oberschenkel plötzlich noch feiner die Schultern bewegen konnte oder verschiedene Bewegungsrichtungen noch besser bestimmen konnte. Die Stimmung in Ainring war wie immer herzlich und der Austausch ein sehr wertschätzender.

Danke an Bent Branderup für den inspirierenden und Ein großes Dankeschön an „Hausherrin“ Birgit Huber, die uns bis in die späteren Abendstunden mit „wortgewaltigen Schmankerln“ aus Niederbayern versorgt, sowie Andrea Harrer, die für uns immer einen tollen Kurs organisiert! 

Reite die Hinterbeine des Pferdes unter seinen Bauch und gib im eine Parade in der Art, dass es die Gliedmaßen seiner Hinterbeine beugt – eh ganz einfach, oder? 😉

Einfach Reiten in bella Italia

Einfach Reiten in bella Italia

Italien im Spätsommer. Die Zeit der Ernte, der Feste gewidmet den Kastanien, Pilzen und Käse in den zahlreichen Dörfern auf dem Land. Sonne, aber Wind, der das „Profumo“ des Landes über die sanften Hügel an der Adria trägt. „Bella Italia“, von Friaul über die Toskana bis in die nördlichen Abruzzen.

Verliebt in Italien

„Der Schöpfer hat Italien nach Entwürfen von Michelangelo gemacht.“

Ja, auf dieser Seite dreht sich alles um Pferde und die Reitkunst. Und ich wiederhole mich bestimmt, wenn ich an dieser Stelle betone, dass Pferde meine größte Leidenschaft sind. Meine zweite große Liebe: Italien. Wenn ich heute durch das Kanaltal heimwärts nach Österreich fahre, dann spüre ich ein bitteres Ziehen in meiner Kehle. Das war schon immer so. Und diese Sehnsucht bringt mich immer wieder zurück – nach Sardinien, wo ich das Glück hatte von Klein an bei sardischen Bekannten jeden Sommer zu verbringen und so auch von Klein an Italienisch zu lernen. Oder die Sehnsucht bringt mich nach Rom, wo ich eine Zeit lang studiert hatte. Oder nach Florenz.

Gutes Essen, guter Wein, schöne Künste und Kultur, La Moda – viele Puzzlesteine, die Italien so liebenswert machen. Ein wichtiger Grund für mich ist aber die Freude der Menschen an schönen Dingen. Eine Sache, die wir uns als Reiter unbedingt zum Vorbild nehmen können. Wie viele Reiter und Pferdefreunde kenne ich, die ein Bild betrachtend zuerst alles Negative aufzählen können? Wie oft gibt es ein großes „Aber“?

Die große Freude an der Schönheit unserer Pferde – auch wenn mal etwas nicht wie „geschmiert“ läuft – die nehme ich mir immer wieder gerne aus Italien mit, vor allem da uns Österreichern das „raunzen“ so gar nicht fremd ist.

Italien – ein Land mit Reitkultur- Geschichte

Wenn man die Geschichte der Reitkunst in einem Stammbaum nachzeichnet, taucht er bei den Wurzeln auf – Frederico Grisone (1505-1570) wird gerne als „Vater der Reitkunst“ bezeichnet.

Im Alter von 27 Jahren gründete er in Neapel die erste Reitakademie und läutete damit die Ära der großen Reitakademien ein. Das Revolutionäre daran war nicht alleine der Inhalt der Pädagogik, sondern das Wie. Wenn wir heute interaktiv via Skype oder Lernplattformen auf dem Datenhighway lernen, dann war es in der Vergangenheit so, dass vor allem adelige Schüler meilenweit auf dem Pferd unterwegs waren, nur um zu einer solchen Akademie zu gelangen.

Es kam zu einer großen Nachfrage an Studienplätzen – und für den Ausbilder ergab sich nun auch die Gelegenheit das Wissen gleich an mehrere Schüler und nicht an einen Auszubildenden weiter zu geben. Grisone hatte vor allem das Werk Xenophons genau studiert- vor allem in Punkto Sitz und Hilfengebung. Schüler von Grisone haben dann später weitere bedeutende Akademien gegründet, beispielsweise Cesare Fiaschi in Ferrara, ein weiterer bedeutender Schüler war Giovanni Pignatelli, bei dem widerum Antoine de Pluvinel Unterricht erhielt und seinerseits die französische Reitkunst vor allem durch seine sanfte Pädagogik prägte.

Stichwort Sanft:

Gerne wird der italienischen Schule nachgesagt, die gewaltsame Unterwerfung des Pferdes forciert zu haben.

„Dass Grisone die grausamsten Strafen kannte und beschrieb heißt nicht, dass er selbst alle von ihnen und schon gar nicht ständig anwendete. In einigen Passagen distanziert er sich sogar ausdrücklich von einigen Methoden“. (Aus: „Du entscheidest“ von Christin Krischke).

Wir können nicht mehr in die Vergangenheit reisen, um uns direkt vor Ort ein Bild zu machen. Ich denke es ist sehr schwer alte Schriften genau zu entziffern, der Gebrauch der Sprache war gänzlich anders als heute, auch wurde allüberall nur das Wichtigste aufgeschrieben, Selbstverständlichkeiten blieben häufig auf der Strecke.

Was jedoch unbestritten bleibt ist der Grundstein für die vielen Reitakademien, die nun in ganz Europa ihre Pforten öffneten.

Und das moderne Ausbildungssystem heute?

Heute brauchen wir nicht tausende Kilometer im Sattel überwinden, bevor wir als Eleve eine Ausbildung an den Reitakademien beginnen (Was jedenfalls für das Gefühl des Reiters und den Sitz nicht schlecht wäre). Heute lernen wir interaktiv im Internet, besuchen Kurse und laden mobile Trainer zu uns direkt auf den Hof ein.

Weil Trainer der Akademischen Reitkunst in Italien heute nicht mehr allzu leicht zu finden sind, hat Pia Müller-Romano daher auch zuerst mal per Videokurs gelernt. Durch die Videos von Bent Branderup wurde das Interesse immer größer und so verabredeten wir uns Anfang des Jahres für einen Austausch im September.

Auf meiner Reise in den Süden konnte ich meiner Lieblingsstadt Florenz einen ausgiebigen Besuch abstatten. In Cortona (Hier wurde der Film „Unter der Sonne der Toskana“ gedreht) entdeckte ich nicht nur eine wunderbare Altstadt sondern auch Skurriles (Ist dem Tourist der Hügel zu hoch, benutzt er einfach eine Outdoor-Rolltreppe, um ins Centro Storico zu gelangen).

Fünf Tage lang haben Pia und ich dann bei ihr am Hof mit zwei ihrer Pferde gearbeitet. Pia ist Physiotherapeutin für Pferde und bietet in den nördlichen Abruzzen wunderschön geführte Ausritte (nicht für Anfänger geeignet) an.

Reiter können dabei ein unbeschreibliches Panorama genießen. Damit die Pferde gesund bleiben ist Pia aber auch eine ausreichende Gymnastizierung wichtig. Ich war sehr begeistert von Pias Grundlagen in der Bodenarbeit, die sie ausschließlich durch Lehrvideos erarbeitet hatte.

So hatten wir eine schöne Basis, wobei wir Gefühl und Hilfengebung verfeinern konnten. Pias Feedback zu unserer Gemeinsamen Woche:

Das schönste an dieser Woche war für mich diese ungezwungene Atmosphäre. Es war alles echt. Ich hatte nicht das Gefühl irgendwie unter Druck zu stehen, weder zeitlich noch inhaltlich. So konnte ich mich voll auf das jeweilige Pferd konzentrieren!

Viva, der spanische Jungspund sollte vor allem ein Gefühl dafür bekommen, wie ihr Körper funktioniert.. Kleine, genaue Mini-Aufgaben, die aber meiner Meinung nach, zum Großen Ganzen führen werden. Dem Pferd hat es sofort geholfen mental bei uns zu bleiben, was für Viva wahrscheinlich die größte Aufgabe ist. Die Übungseinheiten haben mir sehr gut gezeigt, wo wir gerade in ihrer Ausbildung stehen und was jetzt, aktuell für das Pferd das Wichtigste ist.

Klio, das für die Reitkunst eher unvorteilhaft gebaute, und mittlerweile in die Jahre gekommene Vollblut hat ein Programm bekommen, was sich innerhalb weniger Tage wirklich sichtbar auf seine eigentlich schlechte Oberlinie ausgewirkt hat. Die genaue Abfolge der Seitengänge an der Hand haben sofort muskuläre Ergebnisse gebracht, auch an der Hinterhand. Das hat mich wirklich überrascht. Auch konnten wir offensichtlich eine Blockade lösen, da er am zweiten Tag viel deutlicher abgekaut hat.

Der Unterricht war die ganze Zeit über toll aufgebaut. Ein Teil passte immer zum nächsten, so dass am Ende mein eigenes Übungsprogramm dabei raus kam. Die vielen bildlichen Brücken helfen beim Verständnis und bleiben so auch im Kopf.

Für mich selbst ist das Bild des „verrosteten Robotors“ am wichtigsten gewesen. Dies hilft mir meine manchmal für das Pferd zu schnellen eigenen Manöver abzubremsen und somit mehr Ruhe in die Abläufe zu bekommen.

Ich hoffe sehr, dass Deine Italien-Liebe Dich nochmal zur Casa Norina bringt!! Feedback von Pia Müller-Romano

 

Pias Angebot für Ausreiter gilt übrigens noch bis November, ansonsten sind die Touren zwischen März und Juni, sowie September bis November buchbar.

Wer mitreiten möchte, sollte unbedingt ausreichend Erfahrung mitbringen. Pias Touren sind kein 20-Minütiger Ausritt, es kann dabei schon mal ein 2400 Meter hoher Gipfel erklettert werden.

Alle Infos findet ihr auf Pias Website.

Wer mit einem kleinen „che bello“ im Herzen reitet, der Reitet Einfach.

Von Balance und ehrlichen Pferden

Von Balance und ehrlichen Pferden

Hanna Engström in Österreich

Viel zu oft neigen wir in der Ausbildung eines Reitersitzes dazu, den Reiter in Schablonen – oder anderes gesagt – in ein perfektes Bild zu pressen.

Steifheiten und Unsicherheiten im Sitz sind vorprogrammiert. Nicht jedoch wenn Hanna Engström ins Spiel kommt.

Im Dezember 2016 habe ich eine wunderbare Trainerfortbildung bei Hanna genossen – letzte Woche war ich in Oberösterreich „Mäuschen“ als Hanna dort erstmals zu einem Kurs geladen wurde.

Gleich zu Beginn bricht Hanna wie gewohnt das Eis. Kurssprache ist englisch, aber die lockere Art der schwedischen Trainerin lässt sämtliche Sprachbarrieren vergessen. Hanna fragt zunächst mal alle Teilnehmer nach ihren speziellen Wünschen und Zielen für den Zweitageskurs. Natürlich wünscht sich jeder der Teilnehmer am Sitz zu arbeiten, schließlich ist Hanna für ihr spezielles Sitzprogramm bekannt.

Warum sich die Pferde aber im Gelände gut sitzen und steuern lassen und im Viereck noch nicht – hier stellt Hanna einige Fragen, die auch zum Nachdenken anregen und erklärt warum wir überhaupt die Dressur nutzen.

„In der Akademischen Reitkunst stellen wir dem Pferd quasi seinen eigenen Körper nochmal vor. Es lernt sich neu kennen und soll als Reitpferd ein eigenes Körperbewusstsein entwickeln. Erst dann arbeiten wir mit der Schulung der Hilfengebung und der Verfeinerung dieser“, erklärt Hanna.

Für den Reiter ergibt sich durch die detailgenaue Arbeit die Fähigkeit den Pferdekörper zu „lesen“ um beispielsweise Balanceprobleme rasch und unproblematisch zu entschlüsseln.

Balance

Balance ist überhaupt das Stichwort für den ersten Teil in Hannas „Seat Program“. Dabei werden die Pferde im Unterricht geführt oder longiert, der Reiter kann den gesamten Fokus auf sich selbst legen und hat so die Möglichkeit sich voll und ganz auf seinen Sitz zu konzentrieren. Neben dem Kappzaum bevorzugt Hanna einen Ledersattel in Punkto Ausrüstung. Sinn dahinter ist die Vermeidung von Druck afu den Pferderücken. Die ersten Übungen betreffen schließlich den Reiter ganz alleine, daher möchte Hanna vor allem bei unbekannten Schülern den Rücken der Pferde entlasten.

In der ersten Einheit sitzen die Reiter also später auf und Hanna „interviewt“ den Reiter durch den gesamten Körper. Wo sitzen Verspannungen? Wie ist das Gefühl in den Füßen, in den Beinen, in den Waden, in den Oberschenkeln? Wie sitzt man auf? Was spürt man wo? Wie können wir Balanceunterschiede aufspüren? Wo möchten wir eventuell eigene Schiefen im Körper ausgleichen?

Bevor es aber auf die Pferderücken geht, lässt Hanna noch ein paar Körperübungen in der Halle erfühlen. AUch hier spüren wir in die Balance und fühlen, wie wir auf unseren Füßen stehen. Wie fühlt es sich an, auf Zehenspitzen oder auf der Ferse sein Gewicht auszubalancieren? Wann und wo verliert man eher die Balance? Einige Übungen werden auch noch für die Öffnung, Rotation und Beweglichkeit des Brustkorbs gemacht. Wie immer fragt Hanna alle Teilnehmer nach Schmerzen, Unsicherheiten und dem Gefühl.

Es ist sehr spannend später die einzelnen Reiter in der Praxis zu beobachten – vor allem da ich hier keinen der Teilnehmer kenne. Sind meine eigenen Schüler am „Start“ hört das Analysieren im Kopf auch nicht auf, so kann ich mich also quasi voll und ganz zurücklehnen und Hannas Analysen folgen.

Die Reiter fühlen sich teilweise beweglicher, nach der ersten Einheit sind bereits durch die ersten Übungen mit Achtsamkeit und Körperbewusstsein kleinere Blockaden verschwunden, einige Teilnehmer geben an, nun sicherer im Sattel zu sitzen, tiefer ans Pferd zu kommen bzw. leichter mit der Bewegung mitzuschwingen.

Nach der Mittagspause lässt uns Hanna Kreise ziehen. Ich stelle fest, dass meine Bewegungen noch immer im Herzrhythmus laufen. Was das bedeutet?

Bei meiner Weiterbildung bei Hanna habe ich herausgefunden, dass ich mich selbst lieber im Rhythmus meines Herzens, als im Rhythmus meines Atems bewege. Das erzeugt im Alltag gerne eine innere Unruhe, wenn ich stillstehen muss, in der Bewegung komme ich so in einen schönen Einklang mit mir selbst.

Daran hat sich jedenfalls nichts geändert. 😉

Das ehrliche Pferd

In der Nachmittagseinheit „interviewt“ Hanna nicht mehr den Reiter, sondern das Pferd. Hanna möchte über den Reiter jede einzelne Bewegung des Pferdes erfahren. Und das funktioniert so:

Hanna stellt verschiedene Fragen, der Reiter spürt ins Pferd hinein und gibt die Antwort.

So erfahren wir als Zuschauer quasi von den Pferden, wie sich die Wirbelsäule der Tiere bewegt, welche Biegung ihnen leichter fällt auf dem Zirkel, nämlich nach links oder nach rechts? Wo hat sich der Hals hinbewegt? Ist das Genick nachgiebig und fühlbar? Was spürt denn der Reiter vor oder hinter de m Sattel? Keine Antwort ist übrigens falsch – immer wieder ist es erstaunlich wie rasch Reiter Bewegungen erfühlen – oder anders gesagt – wie genau die Pferde unseren Fragen antworten.

Ich freue mich bereits auf einen erneuten Besuch bei Hanna im Dezember 2017. Und für alle, die nicht einen „magischen“ Besuch bei Hanna auf Gotland unternehmen können – im April 2018 kommt Hanna auch zu uns nach Österreich auf den wunderbaren Sonnenhof. 🙂

Mehr über Hanna gibt es in meinen Reiseberichten Teil 1 und Teil 2.

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Kursbericht Bent Branderup 2017

Kursbericht Bent Branderup 2017

Das ideale Pferd – Nur eine Illusion?

Kursbericht

Bent Branderup

Graz, 01./02. Juli 2017

Sommertage, Sonnenhof, sonnige Gemüter und 120 rauchende Köpfe. Der südlichste Bent Branderup Kurs steckte wie immer voller Inspiration und Motivation. Diesmal gab es auch das erste Themenseminar mit der Frage: „Welches individuelle Training für das individuelle Pferd?“.

Wie sieht es aus, das ideale Pferd?

Bent Branderup führte uns erneut auf eine Reise durch den Pferdekörper – und zwar von hinten nach vorne. Der Motor sitzt ja bekanntlich in der Hinterhand, also haben wir genau analysiert, wie die Hinterhand der Pferde aussehen muss. Bei einem idealen Körperbau spricht man im Spanischen von einer „Melonenkruppe“. Für Bent die nicht ganz korrekte Übersetzung, er zieht wegen der „Rinne“ in der Hinterhand eine Pfirsichkruppe vor. Es bleibt also nicht nur bei den Früchten sommerlich.

Der Schweifansatz ist am besten tief. Direkt unter der Hüfte sollte sich das Kniegelenk befinden, mit dem Sitzbein auf halber Höhe entsteht im Idealfall ein Dreieck mit gleich langen Seiten. Dieses Bild entspricht einer guten Fähigkeit zur Versammlung, welche durch die Positionierung der Sprunggelenke und Röhrbeine direkt unter dem Sitzbein komplettiert wird.

Kursfotos von Katharina Gerletz

Über Schubkraft und Hufabnützung

Was, wenn aber die Schubkräfte und damit der Rückschub aus der Hinterhand dominieren? Bent skizzierte vielerlei Möglichkeiten: das Pferd wird in der Hinterhand breit, der Brustkorb wird nach vorne gedrückt. Auch bei den Kutschpferden lernten wir, wie stark sich eine zu hohe Belastung auf beispielsweise nicht gerade gestellte Gelenke auswirkt, wenn der Hinterfuß nicht mehr gerade nach hinten schieben kann.

Weiter ging es in der Theorie um die Frage der Hufabnutzung, sowie die Auswirkung von weichen Fesseln und einer säbelbeinigen Stellung. Bent Branderup wurde hier kritisch:

Umwelteinflüsse wirken sich stark auf die Hufe aus. Es ist sehr wichtig, dass das Pferd gesunde Hufe hat, daher ist es für mich ein großes Problem, dass man Hengste bei der Körung vorstellen darf, die Hufeisen tragen. Meiner Meinung nach müsste man auf einer Betonfläche ein paar Kieselsteine rausschmeißen und dann müsste das Pferd barhuf drüber laufen können.

 

 

 

 

Kann der Hengst das nicht, raus aus der Zucht. Wir haben Pferde gezüchtet, die Hufe wie Dachpappe haben.

Ganz schlimm ist es bei bei den Vollblütern, 80 Prozent werden keine zwei Jahre alt. Aus einem sehr taffen Pferd wurde ein Porzellanpüppchen gemacht. Früher waren die Rennen „point to point“, das waren 11 km, heute werden nur noch 3.00 Meter zurückgelegt – das kann eine Omi mit einer Einkaufstasche laufen. Die Oma kommt aber die gleiche Strecke auch wieder zurück. Das schnellste Pferd der Welt muss sich nach einer solche Distanz aber erst erholen.

Über die Aufzucht

Was sollen unsere Reitpferde bringen – früher als die Vollbluter für mehr Kraft gezüchtet wurden und größeren Belastung ausgesetzt waren, waren sie interessante Veredler für die Reitpferdezucht. Ausgangspunkt waren landwirtschaftliche Stuten mit dem Ziel Kavalleriepferde zu züchten. Dabei ist es logisch, dass man etwas Leichteres brauchte. Besonders in Deutschland, wo man sehr viele Kavalleriepferde benötigte, war der Vollblüter der nahe liegende Gedanke, um ein solches Pferd zu züchten.

Prüfen Sie immer, ob die Hufe in Ordnung sind. Wir können viele Dinge ändern, aber schlechte Hufe per se sind ein Problem. Die Hufqualität kann natürlich auch mit der Fütterung zusammen hängen. Man sollte aber kein Pferd kaufen, das mit schlechter Fütterung aufgewachsen ist – das bedeutet immer Mangelerscheinungen und die kann man zum Teil auch am Huf erkennen. Hat man den Verdacht, dass die Hufe nicht in Ordnung sind, könnte auch die Darmkultur betroffen sein. Das Pferd kann keine Darmkultur bei schlechter Fütterung entwickeln. Durch einen aufgegasten Bauch scheint das Pferd gesund – sobald man die Fütterung ändert kommt es zu Problemen mit Koliken.

Ich sehe besonders in Spanien sieht man zwei bis dreijährige Pferde, die schauen aus wie 12jährige Schulhengste. Es geht nicht dass ein dreijähriges Pferd aussieht wie ein Schulhengst, dann sehen die Knochen aus wie Schweizer Käse, dann haben die Pferde mit großer Wahrscheinlichkeit Osteoporose. Ein Blender sieht dann aus, wie ein tolles Pferd.

Ein Beispiel aus Hollywood gab es auch über die Aufzucht:

Kennt ihr den Film Hidalgo? Da gewinnt der Mustang in der Wüste gegen arabische Pferde, die ja eigentlich in der Wüste aufgewachsen sind. Die Geschichte ist wahr und kein Hollywood Stoff. Der Grund warum der Reiter siegreich war – er ritt einen Mustang, der in der Wüste Nevadas aufgewachsen war. Gleich wie die Araber, aber diese Pferde wurden im Zelt gehalten, die Kamele haben ihnen außerdem noch das Wasser nachgetragen. Daher konnte der Held mit dem Mustang den Arabern davon laufen.

„Ein Forscherteam wollte die Hufe von Mustangs studieren. Die angefütterten Pferde bewegten sich aber nicht mehr, der Hufabrieb war nicht mehr gegeben. Das war keine logische Forschung.“

Von der Aufzucht zur Bewegungsqualität

In Österreich brauche ich die Lipizzaner ja eigentlich gar nicht zu erwähnen. Bessere Aufzuchtbedingungen kann ich ja gar nicht kriegen. Es spielt bei einem jungen Pferd doch eine relativ große Rolle, wie sich die Hufe und Knochen, Sehnen und Bänder entwickelt haben. Wir besprechen im Kurs eine ideale Winkelung der Gelenke. Wir können aber auch durch Röntgen nur begrenzt in die Gelenke schauen – eine gute Aufzucht ist in jedem Fall maßgeblich.

Von den Mängeln im Gebäude ging es in Bents Vortrag weiter zur Bewegungsqualität und zur Analyse, wie Hinterbeine korrekt ab- und auffußen. Dabei stellte der dänische Ausbilder zur Diskussion, ob man die einzelnen Kräfte, die auf die Gelenke und den Körper des Pferdes wirken nicht besser nach ihrer Effizienz benennen müsse. Das unterstreicht, warum wir an einer guten Tragkraft interessiert sind.

Die Hinterhand soll eine bestimmte Tätigkeit haben, betrachten wir nun Knie- und Sprunggelenk.  Diese beiden sind bei Pferden aneinander gekoppelt. Sie können sich nicht separat voneinander bewegen. Das ist beim Menschen so, dass wir beispielsweise Knie- und Fußgelenk separat bewegen können.

Pferde können das Knie schließen, um im Stehen zu dösen und daran ist auch das Sprunggelenk beteiligt.  Knie- und Sprunggelenk sind für das Heben des Fußes am meisten beteiligt. Auch das Hüftgelenk –  sprechen wir aber vom Heben des Beins, dann sind Knie und Sprunggelenk von besonderer Bedeutung. Haben wir ein Pferd, das die Zehe schleppt, dann brauchen wir für lange Strecken auf Asphalt bestimmt Eisen.

Wie sieht ein ideales Abfußen, Heben und Vorgreifen des Fußes aus? Wie sieht ein ideales Auffußen aus? Bei diesen Gedanken geht es nicht nur um die Abnützung der Hufe, sondern auch um die Abnützung der Gelenke darüber.

Wie bewegt sich das Pferd? 

Wir müssen uns genau fragen, wie Gelenke unterschiedlich belastet sind – auch die natürliche Form ist zu betrachten. Es kann sein, dass ein Gelenk von Natur aus schief ist. Wenn das Hüftgelenk die Zehe nach außen dreht, dann sind möglicherweise Probleme in Knie- und Sprunggelenk vorprogrammiert. Über die Arbeit mit den Muskeln schulen wir das Hüftgelenk zu einem geraderen Fußen. So wollen wir ein sauberes Ab- und Auffußen über den Boden erarbeiten. Der Vorgriff soll das Bein unter die Masse des Pferdes heben, dabei wird das Becken des beweglichen Hinterbeins gesenkt, alle Gelenke der Hinterhand sind in der Bewegung gebeugt.

Bewegt die Hinterhand den Huf nach vorne, wollen wir wie gesagt ein Auffußen unter der Masse des Pferdes haben. Gehen wir von Xenophon aus, dann reiten wir die Hinterfüße des Pferdes nach vorne und geben ihm eine Parade, so dass es in den Gelenken der Hinterhand beugt. Wenn das Pferd die Hilfen aber nicht versteht und die Hinterhand nicht beugt, dann helfen unsere Paraden nicht viel. Auch wenn die Hinterhand nicht nach vorne unter den Bauch gebracht wird, sind unsere Paraden zwecklos.

Hier sind wir beim mentalen Punkt, denn ich kann versuchen, dem Pferd zu erklären, was ich von ihm will, aber das Pferd muss schließlich seine Muskeln, Knochen, Sehnen und Bänder bewegen. Ich kann das Pferd also nur auffordern, ausführen muss es das Pferd selbst.

Würde ich ein Kutschpferd haben, dann kann der Fuß hinten raus schieben, um den Brustkorb ins Geschirr zu drücken. Das Reitpferd soll mit dem Hinterbein aber unter die Masse greifen, die es tragen soll. Wenn das Pferd auf dem exakt richtigen Punkt auffußt, hab ich aber noch keine Garantie, dass es mit dem Fuß die gewünschte Kraft erzeugt. Leider nennen wir das Schubkraft. Das ist für mich eine falsche Beizeichnung, denn Schubkräfte sind Kräfte, die den Brustkorbs ins Geschirr drücken. Wir müssen also Kräfte so definieren, wie wir uns auch ihre korrekte Ausführung wünschen.

Wird der Brustkorb nach vorne geschoben, dann können wir also nicht von Tragkraft sprechen. Wenn ich die Wirbelsäule nun aufzeichne – von hinten nach vorne – dann sieht man, dass die Wirbeln eigentlich nach vorne unten verlaufen. Ein „gerader Rücken“ wird erst durch die Dornfortsätze gebildet, zumindest unsere Idee eines geraden Rückens.Wir wünschen uns einen kurzen geraden Rücken.

„Der Grund ist erklärbar mit folgendem Beispiel. Nehmen wir an, Sie setzen sich auf einen Ast eines Baumes. Wo wird der Baum besser tragen? Nahe am Stamm trägt der Ast Sie besser als ganz weit vom Stamm entfernt. Je weiter man vom Stamm entfernt sitzt, umso eher drückt man den Ast herunter. Daher möchten wir auch einen kurzen Rücken haben, damit es dem Pferd leichter fällt, den Brustkorb zu heben.“

Kursfotos von Katharina Gerletz

Rücken und Schulter

Für das ideale Pferd wünschten wir uns einen kurzen, geraden Rücken. Dass Bents Frederiksborger Tysson nicht unbedingt das ideale Fundament aufweist überraschte dann bei Bents Schilderungen doch viele Hörer aus dem Publikum, die den Rappen lediglich aus Bents Buch „Akademischer Reitkunst“ in perfekter Formgebung (beispielsweise in einer Levade) kennen.

Tysson sieht aus wie ein Dackel; wir hätten gerne ein kurzes Pferd mit geraden Vorderbeinen. Der Nachteil beim kurzen Pferd: die Vorderbeine sind relativ nahe an den Hinterbeinen. So kann der Hinterfuß das Vorderbein möglicherweise verletzen. Ein Pferd, das quasi zu kurz ist, greift mit dem Hinterbein extrem nach vorne, der Vorgriff wird durch das Vorderbein begrenzt und so kommt es zu Verletzungen oder Überbeinen, die sich das Pferd selbst schlägt. Diese Probleme haben wir auch bei Pferden, die auf die Vorhand geritten werden.

Die Rechnung: Je kürzer das Pferd und umso langbeiniger kann auch nicht stimmen, je kürzer und langbeiniger umso besser, aber trotzdem nicht ganz wahr. Wir müssen alles genau im Verhältnis miteinander betrachten.

Gehen wir mit unserem Blick zur Schulter weiter – dann fangen wir mit unserer Analyse am Schulterblatt an. In der modernen Zucht ist eine lange, schräge Schulter erwünscht. Wir können fast sagen, wir wünschen eine horizontale Schulter mit Schräge nach oben. Warum dies ein Zuchtziel ist?

Im Grunde liegt dies an der Art und Weise wie wir heute reiten – nämlich wesentlich mehr auf der Vorhand. Der Brustkorb hat keine knöcherne Verbindung zur Wirbelsäule, Pferden fehlt das Schlüsselbein. Der Brustkorb ist relativ frei im Gewebe aufgehängt – je größer die Schultern sind, dann gibt es umso mehr Gewebe für die Aufhängung. Bei einem kleinen Schulterblatt ist das Gewebe entsprechend weniger. Die Größe eines Knochens ist für die Menge an Muskulatur ausschlaggebend. Wenn man also ein großes Jochbein hat, dann liegt viel Kaumuskulatur darüber. So kann man in der Kriminalmedizin auch an Skeletten die Muskeln nachzeichnen.

Wir brauchen heute viel Aufhängung, da wir die Pferdeschultern stark belasten. Daher brauchen wir die langen Schultern; wenn wir diese mit den alten Barockpferderassen vergleichen, die mehr auf die Hanken geritten waren, da sahen die Schultern noch anders aus.

Dass den Schultern nicht so viel Beachtung geschenkt wurde, lag früher daran, dass man die Pferde korrekt auf die Hanken gesetzt hatte – wichtig wäre heute daher die korrekte Lage bei guter Bemuskelung des Brustkorbs, vor allem rund um den Widerrist. Aber auch die beste Hinterhand nutze nichts, wenn man lediglich auf der Vorhand reite und die Hinterhand quasi „mitschleppe“.

Kursfotos von Katharina Gerletz

Sind wir in der Reitkunst taktlos?

Ja, kam es sehr kritisch von Bent:

„Es ist keine Reitkunst, wenn man dem Pferd die Natur nimmt. Wir brauchen saubere Schwungbilder in allen Gängen des Pferdes. Es lohnt sich daher auch den Takt in der Ausbildung voranzustellen. Dabei müssen wir das Pferd innerhalb seiner natürlichen Fähigkeiten fördern“.

Für viele Reiter zählt einzig die Kopfposition des Pferdes. Gerade bei Fohlen mahnte der dänsiche Ausbilder zur Vorsicht, denn durch unsachgemäßes Führen könne ein Halfter bereits Schäden an der Halswirbelsäule oder sogar am Kiefergelenk anrichten. So können erste Schädigungen bereits an das spätere Reitpferd weitergegeben werden. Kommt es dann in der weiteren Ausbildung zu einer erzwungenen Kopfposition verspannt sich die Oberlinie, dies zeigt sich dann auch in einer mangelhaften Hinterhandaktivität.

„Die Reiterhände können das Gleichgewicht des Pferdes nicht halten“.

Der Pferdehals ist im Idealfall hoch aufgesetzt, mit ausreichender Ganaschefreiheit. Der Pferdekopf muss ausreichend Platz für die Zähne haben, was bei einem Hechtkopf im Extremfall nicht möglich ist. Der Unterkiefer muss ausreichend beweglich bleiben.

„Die Dressur ist für das Pferd da, nicht das Pferd für die Dressur“

Vom Schulterblatt ausgehend analysieren wir den Oberarm, und auch hier haben wir einen Belastungsbereich zu beobachten, indem wir sehen, wie die Oberarme an sich in Relation zum Schulterblatt bewegen. So manche Pferde haben „kniehohe Bewegungen“, wobei damit das Karpalgelenk gemeint ist. Darunter wird fälschlicherweise oft Schulterfreiheit verstanden, echte Schulterfreiheit zeigt sich aber wie der Brustkorb aus der Hinterhand getragen wird.

Die Schulter ist nur dann frei, wenn sie frei ist von der Last des Brustkorbs und von der Last des Reiters, der den Brustkorb ja zwischen den Schultern des Pferdes nach unten drückt.

Die gute Ausbildung besteht also darin, dem Pferd beizubringen, den Brustkorb erneut zu entlasten.

Nur weil die Vorderbeine von Natur aus bei manchen Rassen stark nach oben gehen hat das Pferd noch keine Schulterfreiheit.

Die Position von Ellenbogen und Schulter hat eine größere Bedeutung als man denkt. Wenn der Brustkorb zwischen den Schultern absackt, sieht man wie der Ellenbogen in den Pferdekörper „hinweinwächst“  – scheint es so, asl würde der Ellenbogen quasi auf dem Bauch sitzen, dann wird die Beweglichkeit der Vorderbeine stark eingeschränkt, das kann auch beim Wenden ein Problem sein.

Der Brustkorb ist beim jungen Pferd erst ausgewachsen, wenn der Zahnwechsel vollzogen ist.

Das dauert meist bis zum sechsten Lebensjahr.

Wenn wir die Vorderbeine betrachten ist es bei einem jungen Pferd noch nicht so schlimm, wenn die Zehenspitzen nach außen zeigen. Der Brustkorb wird noch die Ellenbogen bewgen, die Zehen stehen dann beim ausgewachsen Pferd meist gerade. Zeigen die Zehen aber nach innen, dann wird dieses Problem nochmal verstärkt.

In der Praxis wurden die verschiedenen Pferde dann auch hinsichtlich ihres Gebäudes analysiert, die Einheiten auf die Pferde abgestimmt. Am Kurs mit dabei waren Vollblüter, Spanier, Lipizzaner, Warmblüter, ein Mix aus Kaltblut und Spanier.

Besonders freue ich mich auch über drei bestandene Boden- und Longenarbeitsprüfungen meiner Schülerinnen Viktoria Portugal und Amira, Jana Fuchsberger und Picasso und Sonja Grätz und Stormy. Gratuliere Mädels – ihr habt alles ganz wunderbar gemeistert! Danke auch an Silke Linhart und Lurko für ihren Besuch am Sonnenhof – schön, dass unser Austausch der Distanz trotzt. Auch Petra Lintner und Milo – Danke, dass ihr da ward! Ein Bravo auch an Jaana Freitag und ihre Serenade, die auch die Kurspremiere gemeistert haben! 

Vor dem Kurs ist bekanntlich nach dem Kurs. Das nächste Treffen mit Bent gib es im Oktober 2017 bei Andrea Harrer in Ainring bei Salzburg. Alle Infos für Interessierte gibt es unter folgendem Link

Der nächste Kurs in Graz wird auch langsam vorbereitet – nachdem wir uns mit dem maßgeschneiderten physischen Programm beschäftigt haben, wird uns Jossy Reynvoet mit Freiarbeit, Basisarbeit und Jungpferdearbeit im Oktober begeistern. 

Mehr Infos zu weiteren Kursen im heurigen Jahr bekommt ihr unter folgendem Links:

Kursbericht Schubkraft versus Tragkraft

Kursbericht Schubkraft versus Tragkraft

Welche Kräfte können wir uns als Reiter zu Nutze machen? Brauchen wir Tragkraft oder müssen wir die Schubkraft gleichermaßen ausbilden? Und wo werden auch Definitionen und unterschiedliche „Wordings“ zu möglichen Stolperfallen?

Die Definition von Schub- oder Tragkraft bezieht sich auf die Wirkung der Kräfte. (Bent Branderup)

Gustav Steinbrecht spricht von Federkraft. In seinem Werk „Das Gymnasium des Pferdes“ beschreibt er sehr genau, wie die Hinterbeine des Pferdes Kräfte auf die Wirbelsäule des Pferdes übertragen.

Auch wir Zweibeiner müssen uns mit Tragkraft beschäftigen. Kommen wir aus der Balance müssen wir uns auf zwei Beinen austarieren. Im Gegensatz zu uns Menschen kann das Pferd allerdings auf die Vorhand fallen.

In der Theorie erläuterte Bent Branderup genau, wie die Winkelung der Hinterhand aussehen muss, damit die Kraftübertragung in den gesamten Pferdekörper optimal verläuft. Was bedeutet eine weiche Fesselung für das Reitpferd? Generell wird diese ja als Schönheitsfehler für das Reitpferd bezeichnet, eine steile Fesselung kann das Pferd allerdings leichter beeinträchtigen – vor allem die Sehnen des Reitpferdes in Mitleidenschaft ziehen.

Spannend ging es bei Betrachtung von Schubkraft und Tragkraft weiter, wenn man sich die Abnützung der Hufe genauer betrachtet. So nutzen sich Kutschpferde durch das Übermaß an Schubkraft eher die Zehen ab, während ein Pferd, das sehr viel in der Levade gearbeitet wird und somit mehr Tragkraft entwickelt hat, vermehrt die Trachten im hinteren Hufbereich abläuft.

In der Bewegung lässt sich das Auge auch ganz gut schulen, wenn man Hufe und Fesselköpfe betrachtet. Wie fußt der Huf auf? Dreht der Fesselkopf des äußeren Hinterbeins nach außen? Dann wäre das Pferd nicht zirkulär unterwegs sondern linear.

Die Drehbewegung kann allerdings nur im Fesselkopf stattfinden – das Sprunggelenk bleibt „gerade“, allerdings wird es durch die falsche Kraftübertragung natürlich auch in Mitleidenschaft gezogen.

Dieser „Drehmoment“ gibt auch über die Dominanz der Schubkraft Aufschluss, das Pferd kann aber auch einfach steif bleiben ohne diese Drehbewegung zu zeigen. In jedem Fall gibt die Abnutzung des Hufes darüber Information, ob Schub- oder Tragkräfte vorherrschen.

Als Reiter müssen wir über die Anatomie der Hinterbeine bescheid wissen. Wir verstehen, das Sprunggelenk und Knie zusammen geschaltet sind – das heißt sie reagieren gleichzeitig. Bleibt das Sprunggelenk steif, bleibt es zumeist auch das Knie. Eine Beugung im Hüftgelenk muss sich nicht automatisch auf Knie und Sprunggelenk übertragen. Die „Zusammenarbeit“ der letzt genannten Gelenke macht auch das ermüdungsfreie Schlafen im Stand für Pferde möglich.

Für den Reiter, der die Hinterbeine zur Beugung animieren möchte ist es auch wichtig zu wissen, dass die Tätigkeit der Hüfte nach „vorne unten“ angestrebt werden muss. Ein Heben der Hüfte in Versammlung führt zur so genannten „Rüden Pinkel Piaffe“. Die Gymnastizierung von Muskeln ist langwierig, von Sehnen und Bänder jedoch noch länger.

Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade! Unter diesem Vorwärtsreiten verstehe ich nicht ein Vorwärtstreiben des Reiters in möglichst eiligen und gestreckten Gangarten, sondern vielmehr die Sorge des Reiters, bei allen Übungen die Schubkraft der Hinterbeine in Tätigkeit zu erhalten, dergestalt, dass nicht nur bei den Lektionen auf der Stelle, sondern sogar bei Rückwärtsbewegungen das Vorwärts, nämlich das Bestreben, die Last vorwärts zu bewegen, in Wirksamkeit bleibt. Man befähige das Pferd durch Übung, seine Schubkraft durch Belastung bis zum Äußerste zu beschränken, man unterdrücke sie aber niemals durch Überlastung!

Gustav Steinbrecht

Gelenke können sich jedenfalls in Beugung und Streckung befinden – werden die Gelenke bis zum Anschlag geöffnet, dann überwiegt die Schubkraft, die Fesselköpfe sind dann relativ stark belastet. Pferde fangen dann an in der Zehe über zu rollen.

Wir müssen die Gelenke geschmeidig machen, dass sie sich gut heben – fällt das Pferd auf die Vorhand, dann kann der Brustkorb nicht schwingen.
Wenn sich das Pferd nicht selbst tragen kann, dann kann es wohl kaum einen Reiter tragen.

Sehr anschaulich demonstrierte Bent Branderup wann das Pferd tragen kann und wann nicht. Aufgestützt auf einem Sessel, mit weit ausgestellten „Hinterbeinen“ war so deutlich sichtbar, wann Tragkraft unmöglich, wann eine Fehlbelastung für den Rücken spürbar wird.

In der Theorie legte Bent Branderup Hauptaugenmerk auf unsere Wahrnehmung. Denn erst wenn wir erkennen, was im Pferdekörper stattfindet oder eben nicht stattfindet, dann wissen wir auch überhaupt, was wir beeinflussen müssen.

Persönliches Kursfazit

Ich habe an diesem Kurs mit meiner Fuchsstute „Tarabaya“ teilgenommen. Tabby kam 2010 zu mir, damals sehr breitbeinig, stark in beiden Fesselköpfen drehend, das Hüftgelenk permanent in starker Streckung. Stark über die Schultern schiebend war es lange Detailarbeit beide Hinterbeine in Richtung Schwerpunkt zu lotsen.

Braucht man nur die Tragkraft? Für ein Reitpferd, das uns gesund tragen soll ist die Ausbildung der Tragkraft bestimmt oberstes Credo. Allerdings brauchen wir auch einen guten Vorgriff aus der Hinterhand, das Pferd muss mit der Hinterhand unter den Schwerpunkt schieben. Solchermaßen definiert macht es deutlich: Wir müssen immer genau aufpassen, wie die Kraftübertragung aus der Hinterhand definiert wird – daraus lässt sich auch unsere Basisarbeit definieren und genauer bestimmen, damit wir den Inhalt erarbeiten und keine Lektion per se.

In Tabbys Fall haben wir jahrelang die Tragkraft gestärkt, können aber jetzt sehr große Schwingungsamplituden in der Wirbelsäule fördern. Vor Jahren war ein Aussitzen mit den großen Bewegungen des Warmbluts kaum möglich – zu hart waren die Niederschläge auf die Vorderbeine, die beinahe wie Prellungen zu spüren waren.

Heute kann man Tabby sogar ein wenig zulegen lassen und sitzen bleiben.

Ich freue mich riesig über die Fortschritte von Tabby. Besonders berührt hat mich aber auch die erste Kursteilnahme von meiner lieben Schülerin Daniela mit ihrem Lipizzaner Maestoso „Ardanos“, die viel Zeit für die Beziehungspflege aufgebracht hat. Dass die beiden ein schönes Team, das in Feinheit miteinander kommuniziert geworden sind war beim Kurs extrem spürbar.

 Nach dem Kurs ist vor dem Kurs…

Am 1. und 2. Juli freuen wir uns auf unseren Kurs mit Bent Branderup zum Thema „Das maßgeschneiderte Training für das individuelle Pferd“.
In der Theorie gehen wir der Frage nach, wie das perfekte Pferd und seine Biomechanik aussieht. Allerdings: Wer hat schon das perfekte Pferd im Stall stehen?
Anhand zahlreicher Praxisbeispiele werden wir zum „personal Trainer“ für unser Pferd.

Alle Informationen zum Kurs gibt es unter folgendem Link

Fair zum Pferd Kursbericht

Fair zum Pferd Kursbericht

Fairness für Pferde – Der Weg ist das Ziel!
Kursbericht

Fair zum Pferd 2017

Lüdinghausen, 26. bis 28. Mai 2017
Der Geist der alten Meister wie Grisone, Pluvinel , Gueriniere und Co war an diesem Wochenende ganz bestimmt anwesend, als Marius Schneider, Meister der Akademischen Reitkunst zum Seminar „Fairness für Pferde“ auf sein Gestüt Moorhof, Deutsches Zentrum für akademische Reitkunst nach Lüdinghausen im Münsterland einlud. Stefanie Niggemeier fasst für uns zusammen:

Wer war mit dabei?

Über 400 Zuschauer folgten seiner Einladung um nicht nur seine Arbeit mit dem Pferd, sondern erstmalig in dieser Kombination auch die Arbeit der extra mit ihren Pferden angereisten Meister der Akademischen Reitkunst, Sabine Oettel und Christopher Dahlgren erleben und genießen zu können. Großmeister und Gründer der Akademischen Reitkunst, Bent Branderup, unterstützte das Seminar durch informative und erhebende Vorträge rund um das Thema Reitkunst.

Rund wurde das Seminar nicht nur durch die Teilnahme von Rebecca Dahlgren, die einen Einblick in ihre Arbeit mit ihrem Pferd zum Thema Liberty, Trick Training und Riding gab, sondern auch durch die Teilnahme der Familie Krischke von der Hofreitschule Bückeburg, die mit dreien ihrer Pferde angereist waren, um das Seminar zu bereichern.

Kursfotos von Marius Schneider

Öffentliche Abendarbeit

Am Freitag begann das perfekt organisierte Event mit einer öffentlichen Abendarbeit, bei der die Trainer ihre Pferde ein wenig an die Halle gewöhnten. Bent Branderup ließ es sich währenddessen nicht nehmen, dem Publikum Hintergrundwissen zu vermitteln, so dass nicht nur erste wunderschöne Schaubilder von Pferd und Mensch entstanden, sondern auch Wissenswertes erfahren werden konnte.

Christofer und Rebecca Dahlgren

Bei sommerlichem Wetter konnte dann am Samstag das Event so richtig losgehen: angefangen mit einem Vortrag zur Lernpsychologie des Pferdes durch Bent Branderup stand der Samstag hauptsächlich unter dem Thema „Kommunikation mit dem Partner Pferd“. So zeigten alle Teilnehmer mit ihren Pferden, wie sie in einen Dialog kommen. Ganz unterschiedlich waren hier die Techniken, wie zB. Reitkunst, Libertyarbeit, Langzügel oder Longenarbeit, Ausrüstungsgegenstände und Zäumungen. Die Fragestellung an das Pferd :

„Was brauchst Du, um mich verstehen zu können? Wie kommen wir zusammen?“, war der rote Faden, der sich durch die Arbeit aller Ausbilder zog.

Besonderen Fokus legten alle darauf, das Wohl des Pferdes im Auge zu haben und immer wieder zu reflektieren. „Auch dann, wenn das Pferd mit abgesenktem Hals still steht, muss es nicht zwangsläufig entspannt sein“, erklärt die extra aus Schweden angereiste Rebecca Dahlgren, die die ersten Schritte der Freiarbeit mit ihrem Connemara Eamonn für das interessierte Publikum erklärt.

„Mimik und Ohrenspiel geben uns Auskunft über die Gemütsverfassung des Pferdes und wir müssen das Pferd genau anschauen und beobachten, damit wir mit ihm und nicht gegen das Pferd arbeiten“, betont sie.

Das Hinsehen ist auch ihrem Mann Christopher Dahlgren besonders wichtig: „Nur dann, wenn ich weiß, mit wem ich es zu tun habe, weiß ich auch, wie ich das Individuum ansprechen und lehren kann. Pferde können ganz verschiedene Temperamente haben und sich in der Arbeit ganz unterschiedliche Komfortzonen haben. Ein introvertiertes Pferd entspannt sich vielleicht lieber beim Stillstehen und fühlt sich so sicher. Ein extrovertiertes Pferd braucht die Bewegung, um in seinem Element zu sein. Man muss auf die individuelle Natur des Pferdes Rücksicht nehmen und auf sie eingehen, ansonsten bildet man das Pferd gegen seine Natur aus, was niemals geschehen darf“, erklärt er mit Engagement.

Dass das keineswegs eine todernste Sache sein muss, sieht man in beider Arbeit mit ihren Pferden. Ihre Begeisterung und Liebe für das, was sie tun, reisst das Publikum schnell mit.

 

Sabine Oettel

Sabine Oettel, mit ihrem Knabstrupper Theodor und ihrem Fredericksborger Jarl aus Wendelmuth in Bayern, hat den Fokus auf der Überprüfung ihrer Arbeit in der Anwendbarkeit.

„Ein Pferd, das in der hohen Schule ausgebildet ist, sollte auch immer ein gutes Gebrauchspferd sein“, so Sabine Oettel.

Die Erarbeitung von Hilfen, das Geben und Empfangen von Informationen zwischen Pferd und Mensch ist elementar in ihrer Arbeit mit dem Pferd und bildet die Basis für ein gutes Vertrauensverhältnis. Dazu kann es gehören, auch mal zu experimentieren:

„Jarl hat sich mit dem Thema Zäumung immer sehr schwer getan. Es hat Jahre gebraucht, bis wir das Richtige gefunden hatten und er sich nun wohlfühlen kann mit der Zäumung auf Cavesal. Ich musste immer wieder meine Ideen loslassen, weil er sich nicht komfortabel gefühlt hat. Seine Antworten zu diesem, wie auch jedem anderen Thema sind für mich extrem wichtig, nur so können wir als Team funktionieren.“

 

So kann dann ein Pferd-Mensch Team Großes erreichen:

Sabine und Jarl zeigen in verschiedenen Techniken wie Langzügel und Damensattel nicht nur Lektionen der hohen Schule wie einen kraftvollen Mezair und sogar einen Schulsprung, die Croupade, eine der Schulen über der Erde.

Xenophon

 „ Das Pferd soll sich stolz und schön fühlen, wie es sich in den Augen anderer Pferde stolz und schön fühlen würde.“ 

Präsentation Marius Schneider

Gastgeber Marius Schneider führt mit Rassemix Aramis ein Crossover an verschiedenen Techniken von Longen-, Boden-und Handarbeit vor.

Deutlich wird hier:

Bodenarbeit hat keinen Selbstzweck, sondern soll das tun, was schon Xenophon vor 2400 Jahren in Worte fasst:

„Das Pferd soll sich stolz und schön fühlen, wie es sich in den Augen anderer Pferde stolz und schön fühlen würde.“

Marius Schneider erklärt während seiner Arbeit, warum er seine Führposition verändert, wie er Sekundarhilfen wie Zügel-, Hand und Gerte nutzt, um sich dem Pferd verständlich zu machen und wie er dem Pferd so helfen kann, zu mehr Balance und Fähigkeit zu gelangen.

„Seht man wie wunderschön das Pferd während der Schulparade an der Longe aussieht. Genau dafür ist unserer Arbeit da“, begeistert sich Bent Branderup.

Auch die Arbeit mit dem jungen Pferd an der Longe und unter dem Sattel ist ein Thema, welchem Marius Schneider an diesem Wochenende mit dem erst fünfjährigen Knabstrupper Tizian Zeit widmet. Das Publikum kann sehen, wie ein vom Boden geschultes Pferd ganz selbstverständlich Hilfenveständnis und Balancegefühl in die Arbeit unter dem Sattel transportieren und für sich nutzen kann.

„Alles muss immer für das Pferd logisch sein, ein Baustein auf den anderen aufbauen. Dann wird das Pferd vor Aufgaben gestellt, die es mit Leichtigkeit lösen kann und man hat mehr und mehr Momente der Harmonie“, kommentiert Bent Branderup die Reitvorführung von Marius und Tizian, die vom Boden von Carina Dörfler unterstützt werden. 

 

Hofreitschule Bückeburg

Christin, Diana und Wolfgang Krischke von der Hofreitschule Bückeburg haben den Fokus ihrer Arbeit vor allem auf der Motivation des Pferdes.  

„Wir suchen nicht nach Perfektion, sondern Motivation“, erklärt Christin Krischke.

„Das Pferd darf nicht das Gefühl haben, ein Leben lang die Schulbank drücken zu müssen“, ergänzt Wolfgang Krischke.

Es ist ganz wichtig für die Motivation des Pferdes, das Können und die Möglichkeiten des eigenen Körpers auch mal in Aktion umzusetzen.

Neben Theorievorträgen zu verschiedenen Themen rund um die Reitkunst hatte das Team aus Bückeburg als Abschluss des Seminars am Sonntag Requisiten des Waffengartens aufgebaut. Ziel dabei:  die Reiter sollten mit Hilfe der angewandten Reitkunst eine konkrete, gemeinsame Zielsetzung für Pferd und Reiter suchen und natürlcih durften Spaß und Zufriedenheit nicht zu kurz kommen.

Unter begleitender theoretischer Hilfe von Wolfgang Krischke über Tradition und Bedeutung des Waffengartens zeigten Diana Krischke mit dem spanischen Wallach Bonmot im Damensattel, Christin Krischke mit dem ebenfalls 25jährigen Berberhengst Raisulih und Wolfgang Krischke mit dem erstmalig in dieser Disziplin gearbeiteten Lusitano Clarim kraftvoll und mit Feuer wie so etwas dann in der Praxis aussehen kann. Auch Sabine Oettel mit Jarl, ebenfalls im Damensattel und Christopher Dahlgren mit seinem Ikaros nahmen an diesem traditionell höfischen Reiterspiel mit Begeisterung teil.

… Resümee

„Fairness für Pferde- der Weg ist das Ziel! Doch welche Wege kann man gehen?“

Das war der Titel des Seminars am letzten Wochenende. Gerade das Plädoyer für Individualität und Toleranz war wohl der Spirit des gesamten Wochenendes.

„Ein jeder soll nach seiner Fasson seelig werden“, dieses berühmte Zitat des „Alten Fritz“ , Friederich II von Preussen war offenbar der Leitspruch dieses absolut gelungenen Events.

Dieser Gedanke wurde gelehrt und gelebt! Neben dem tollen Wetter sorgte natürlich auch die Stöbermeile mit vielen tollen Artikeln für Pferd und Mensch und die gute Versorgung mit Speis` und Trank für eine tolle Urlaubsatmosphäre auf dem Gestüt Moorhof.

Wenn man das Wohl des Pferdes im Fokus hat und nie verliert, dann ist es ganz egal, welchen Weg man in seiner Arbeit geht – das war ganz deutlich und sehr wertvoll zu erfahren. Denn dann kann man ganz individuell nach der eigenen Fasson selig werden- und das Pferd selig machen! So war dieses Wochenende ein beeindruckender Apell an jeden Pferdebesitzer, sich zu bilden, sich zu schulen, sich zu reflektieren und dem pferdischen wie auch menschlichen Gegenüber mit Respekt und Anerkennung gegenüberzutreten und das Hinhören genauso zu schätzen wie das Mitteilen.

Stefanie Niggemeier

Barocke Pferdeausbildung

www.barocke-pferdeausbildung.de

 

Kursfotos von Marius Schneider

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